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Jüdische Rundschau · 1927-02-18 · Heft 14 (18.2.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 14 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. U 7UEDISCHE Rtmt>5CHAÜ Seite 9P Kulturpolitische Diskussion Unser Bruch mit der Tradition Bemerkungen zum zionistischen Kultur- und Erziehungsproblem. Von Gerhard Holdhcim. (Schluß) XI. Erste und unumstößliche Voraussetzung unserer Lr/ichungspolitik ist die offene und bereitwillige Anerkennung des Zwcihcimatsgedankens. Was jedes Volk, das als Minderheit unter anderen Nationen lebt, für sich in Anspruch nimmt: herzwärmste Beziehungen zum Territorium seiner nationalen Gemeinschaft zu halten und zu bekennen, das darf das Judentum in ganz besonderem Maße. Die Tatsache, daß €s eine Judenfrage gibt, die nicht auf bestimmte Länder lokalisiert ist, hat das Verständnis aller Kulturvölker gefunden. Wenn das Völkerbundsmandat in der feierlichen Formulierung seiner Präambel die historische Verkmipftheit des jüdischen Volkes mit Palästina (hisiorical connection) anerkennt und den Willen ausspricht, daß dieses Land zur jüdisch-nationalen Heimstätte werde, wenn es sogar im Artikel 4 die Mitarbeit aller luden am Aufbau des Landes als ein erstrebenswertes Ziel deklariert, so sollten die Stimmen endlich verstummen, die unser palästinensisches Heiniatsbewußtseiu als eine Art Hochverrat gegen den Staat brandmarken zu dürfen glauben. Die eben zitierten Sätze des Mandats involvieren auch ־deutlich die Auffassung, daß Palästina nicht etwa nur als Imrnigrationsland für besonders verelendete Judenschichten gedacht ist, sondern daß Juden aller Länder und Schichtungen, die am Aufbau unmittelbar teilnelimeu wollen, in ihm beheimatet sein sollen. Würde ein Staat die bewußte Erziehung der jüdisehen Jugend auf Palästina mit dem Ziele der Repatriierung dortselbst als mit einem loyalen Staatsbürgertuni unvereinbar erklären, so würde er damit gegen den ausgesprochenen Willen des Völkerbundes bandeln. Dies alles jedoch nur in Parenthese. Unser Recht und unsere Pflicht, die Herzen unserer Jugend mit Palästina zu verankern, darf jedoch niemals dazu führen, die natürlichen Bindungen des hcranwachscndcn Menschen an das Land seiner Geburt und Erziehung auch nur im mindesten unterminieren zu wollen. Wenn dies hier in aller Schärfe gesagt wird, so liegt in diesem Zusammenhange gewiß jede apologetische und taktische Absicht fern. Oft genug mag die Reverenz vor dem Wohnlande, die Betonung unserer seelischen Verknüpfung mit der realen Heimat erfolgt sein, um den lächerlichen Anfeindungen entgegenzutreten, die zwar fast nie von nichtjüdischen Mitbürgern, dafür aber unentwegt und in schamloser Manier von gewisser jüdischer Seite gewagt worden sind. Hier wird jtjdocn nicht ein Leitartikel produziert, der auf außenpolitische Wirkung berechnet ist. Hier geht es durchaus nicht so sehr darum, d|ß es schon politisch und moralisch unverantwortbar wäre, das jüdische Kind der deutschen Umgebung bewußt zu entfremden und Gleichgültigkeit oder gar Abneigung gegen die Staatsnation in ihm zu erzeugen. Worauf hier mit allem Nachdruck hingewiesen werden soll, ist allein die psychische Unmöglichkeit jedes derartigen Unterfangens. Es hieße die gesunde Entwicklung des Kindes in furchtbarer Weise beeinträchtigen, wenn der Erzieher den Versuch riskierte, das Kind gegen seine Eindrücke abzusperren und zum Gefangenen einer — wenn auch noch• §« ־ ׳ klettföa ־ Menschen die Luft abdrtssete,'iln iriif Vorbedacht seelich piuperisierenj wollte man ihm die Bewegungsfreiheit rauben und ihn in ein geistiges Ghetto sperren. Aber selbst gesetzt, daß sich Eltern fänden, denen ihre Kinder zu derartigen Experimenten gut sind, müßte das verwerfliche Beginnen mit Naturnotwendigkeit zu einem Bankerott führen. Die Realität würde schon dafür sorgen, daß ihr keine Vcrgewaltigung geschieht. Die Verbundenheit mit der Sprache, in der man seine ersten Laute gestammelt, mit der Landschaft, in der sich die Urerlebnisse formten, kann aus dem Herzen sogar dann nicht eliminiert werden, wenn trübe Erinnerungen assoziiert werden müßten. (Wie sehr lieben unsere russischen Zionisten ihr Rußland, das ihnen wahrlich kein rosiges Leben bereitet hat!) Von diesem Zweiheimatsgedanken hat jede zionistische Galutherziehung auszugehen. Dabei ist ohne weiteres klar, daß das eigentliche Problem der Erziehung die Entwicklung der jüdisch eu Seelenkomponente ist. Die Verbundenheit mit der Umwelt als der empirischen Heimat braucht keine besonderen erzieherischen Mittel, um iri Wirksamkeit zu treten. Ist das deutsche Erlebnis Elementarereignis, so bedarf das Judentum unserer Kinder der Erweckung. Es ist zwar durchaus denkbar, daß das jüdische Bewußtsein in reiferen Jahren auch ohne erzieherische Einwirkung zum Durch- Bruch gelangt. Mir scheint aber, daß die Zeit, in der unsere Kinder heranreifen werden, psychologische und soziologische Bedingungen aufweisen wird, die (anders als bei uns) der Selbstentdeckung des Judentums im Sinne aktiver Bereitschaft nicht eben günstig sind. Auf jeden Faß wird Einigkeit darüber bestehen, daß bewußte jüdische Erziehung zur Entdeckung des Judentums ganz unentbehrlich ist. Was hat zu geschehen? XII. Ich fordere den Zusammenschluß von Menschen, die sowohl von Kinderpsychologie und Jugenderziehung etwas verstehen als auch hinreichende Kenntnisse der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart besitzen. Jüdische Märchen sind zu schaffen, die in Anlehnung an die Bibel und historische Begebenheiten einprägsame, pliantasicerregcnde Bilder herverzaubern und geeignet sind, das Kind mit Liebe zum Judentum zu erfüllen. Es gilt bewußten Einfluß zu nehmen auf die Vorstcllungswelt des Kindes und seine Einbildungsfähigkeit in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das besagt keineswegs (und würde auch im Widerspruch zu dem Obengesagten stehen), daß deutsche Märchen nun etwa grundsätzheh von unseren Kindern ferngehalten werden sollen, wenn zwar ein bestimmtes Genre eliminiert werden muß, nicht etwa weil es deutsch ist, sondern weil es die kindliche Phantasie in schädlicher Weise belastet und unerfreuliehe Instinkte erregt. Schöne und geeignete deutsche Kindergcschichten sollen nur ergänzt werden durch Märchenbücher, die spezifisch jüdischen Charakter tragen. Das heißt: Stoff und Atmosphäre sollen jüdisch, die agierenden Figuren mit jüdischer Physiognomie ausgestattet sein. Die besondere Art, in der jüdische Menschen denken und reagieren, hat dort ihren Ausdruck zu finden. Der deutsche Hans sicht die Welt mit anderen Augen als der jüdische Moritz, und so gewiß wir den Kindern nicht den ״kleinen Moritz“ in der verzerrten, antisemitelnden Form zum Gefährten ihrer Phantasie geben werden, so notwendig ist es, daß die Märchenhelden Zöge aufweisen, die das jüdische Kind als verwandt und vertraut empfindet. Es brauchen durchaus nicht nur Idealerscheinungen dort aufzutreten, und de;, böse Gegen- Spieler darf gewiß nicht fehlen. Aber auch a-:e soll von den Kindern als Jude empfunden werden, eben ar> ein schlechter Vertreter des eigenen Volkstums. Im übrigen darf der Kampf des Guten mit dem Bösen nicht dadurch erledigt werden, daß der Böse seine — ״natürlich“ körperliche — Strafe findet, sondern der Gute muß den Bösen mit so einleuchtenden Gründen zu überzeugen suchen, daß er — eben ein anderer, nämlich ein guter Mensch wird. Ich könnte mir sehr schöne Geschichten, denken, in denen in kindlich-primitiver Form Kontroversen etwa zwischen einem auf Schacher und Besitz eingestellten Juden und einem Chaluztyp ausgetragen werden, die dann damit enden, daß der crstcre den Unwert und die Abscheulichkeit seiner Gesinnung erkennt, soziale Regungen in sich entdeckt und produktiver Arbeit sich zuwendet. Kein Zweifel kann bestehen, daß die neu zu schaffenden Märchen und Fabeln ein unserem jüdischen Empfinden adäquates Heldenideal vor Augen führen müssen. An die Stelle der körperlichen Kraft und des sieghaften Schwertes müssen geistige und ethische Vorzüge treten. Die überlegene Gesintumg, die den Gegner nicht haßt und mit Füllen tritt, sondern ihm verzeiht und ihn dadurch zur Linkelir bringt, Demut und Bescheidenheit müssen ihren charakteristischen Ausdruck finden. Die eingeborenen Haß- und Racheinstinkte des Kindes gilt es hewußt zu mildern. Dem Gedanken der Menschen- und Völkerversöhnung kann etwa eine Erzählung von einem Ueberfall arabischer Fellachen auf jüdische Siedhingen dienen, der jedoch in der Ausführung stecken bleibt und mit einem Verbrüderungsfest endet. (Iti einer solchen Geschichte muß natürlich zum Ausdruck kommen, daß Juden sich gegen Angriffe notfalls auch körperlich zu wehren verstellen.) insbesondere unserer Vorstellung, daß die Andersartigkeit der Völker keineswegs Feindschaft zur Folge haben muß, ist entsprechender und überzeugender Ausdruck zu verleihen. Ein erheblicher Teil des zionistischen Araherprobleins kann dadurch beseitigt werden, daß das Heranwachsende Geschlecht die Araber als Brudervolk der Jude״ empfinden lernt, mit Abraham als gemeinsamem Stammvater. Ohne Frage werden die meisten und gelungensten jüdisehen Märchen in Palästina spielen. Das Laiidsehaftskolorit und die Gegenständlichkeit geben den! Märchen seinen Reiz und seinen Duft und damit seine Ueberzeugungskraft. Hamit, daß die Personen jüdische Namen tragen und unsere spe/ifischeu Ideale verkörpern, ist es allein nicht getan. Nur das Land, in dem die jüdische Vergangenheit aufsteigt, in dem unsere Könige begraben liegen und unsere Propheten geeifert haben — mir die Luft einer jüdischen Heiinatlichkeit und die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens kann jene Stimmung hervorzaubern, deren unsere Kinder bedürfen, um sich in die Kette jüdischer Geschlechter eingereiht zu fühlen. In solchen Palästinafibeln müssen Geschichten aus der Frühzeit gesammelt, die schönsten und bildhaftesten Bibclstiickc dargestellt und für die Kindeswelt timgebildet werden. Die Sonne Palästinas muß über allem leuchten, Berge und Täler sollen lebendig werden und der Atem eines gelebten Judentums spürbar sein. Ueber die heutige Zeit eignen sich besonders Geschichten aus dem Leben der Siedlungen, plastische Bilder der ländlichen Arbeit, ihrer Mühen und ihrer Freuden, Schildemngen von Erntefesten und dergleichen mehr. All dies muß natürlich mit schönen, anregenden Illustrationen versehen werden. Auf diese Weise kann das Land dem Kinde nahegebracht und Jerusalem und Emek zu lebendigen Gebilden kindlicher Imagination und Wunschphantasie werden. Aber damit ist es nicht genug. Kinder brauchen das sinnlichen Form. Es kann nicht Im Zweifel stehen, daß wir jüdische Feste feiern müssen. Die Frage ist nur. wie wir sie begehen sollen. Hierfür wird es aus begreiflichen Gründen keine generelle Regelung geben kpnnen, und doch müßten diese Fragen von sachverständiger Seite ernstlich studiert und Anregungen für den Freireligiösen gegeben werden. Man wird hier vor höchst revolutionären Umgestaltungen nicht zurückschrecken dürfen. Da wir unserer Kinder wegen Feste feiern müssen und auch wollen, andererseits unsere Ueberzeugung es nicht gestattet, an den traditionellen Formen und Gebeten festzuhaltcn, so bleibt nichts ührig, als neuartige Feiertags formen zu erfinden. Der Vorwurf, daß wir so che Feste entweihen, darf uns nicht treffen. Auch die R— formation war einmal das Werk von Ketzern, die es wagten, zu zertrümmern, um dadurch zu erhalten. Man veriible nicht diesen Vergleich, der sicher nicht ganz glücklich ist. Es bedarf auch nicht der Hervorhebung, daß das Bedürfnis nach Reformen heute mir bei den Allerwenigsten echte religiöse Motive hat und vornehmlich unsere zionistische Zwangslage uns derartige Notwendigkeiten vor Augen führt. Noch ist die Zeit für die große jüdisch-religiöse Reformation nicht gekommen, die aus der tiefe quellen und eine religiöse Bewegung sein wird. Was wir im Augenblick schaffen wollen und müssen, sind lediglich Neuerungen, die es uns überhaupt ermöglichen. Feste zu feiern, um "unserer Kinder und des Zionismus willen. XIII. Die deutliche Empfindung, daß dieser Aufsatz nicht schließen kann, ohne die Richtung, in der die Reformen sich bewegen könnten, wenigstens anzudeuten, setzt in Verlegenheit. Nicht deshalb nur, weil ein solches Thema weitesten Raum beanspruchen müßte (was hier nicht mehr möglich ist), oder weil lange Aussprachen mit Freunden und Fachleuten vorausgehen müßten, bevor jemand eine schriftliche Fixierung riskierte, auf deren Buchstaben übelwollende Kritiker ihn dann bequem festlegen können. Auch der Einwaml, daß nur umfassende Spezialkenntnis zur Wortmeldung berechtigen dürfte, braucht den nicht zu schrecken, der ihn grundsätzlich für falsch hält. Bei unserem Thema geht es um kardinale Fragen der Erziehungspolitik, und mail braucht weder ein jüdischer Gelehrter noch ein Berufspädagoge zu sein, um Elementarerkenntnisse äußern zu dürfen. Wahrhaft in Verlegenheit bringt nur die Notwendigkeit, vor einer Oeffentlichkeit zu sprechen, die keineswegs nur aus Gleichgestimmten besteht und womöglich geneigt ist, als Sakrileg das zu verdammen, was für sieh in Anspruch nehmen muß, als Produkt mühsamer Erkenntnis und erlebter Erfahrung gewertet und respektiert zu werden. Selbst Juden, die nicht zu den Orthodoxen sich zählen, werden es schwer hinnehmen, daß jemand es wagt, den Jom Kippur anzugreifen und einer durchgreifenden Reform dieses Tages das Wort zu reden. Wir leben aber in einer Zeit, in die die primitive Vorstellung der menschlichen Sündhaftigkeit n;cht mehr hineinpaßt. Mit zunehmender Erforschung des psychischen Organismus zeigt sich immer deutlicher, daß eine simple Scheidung zwischen Gut und Böse nicht mehr möglich ist. Uebcrdies hat die Differenzierung der menschlichen Seele einen solchen Grad erreicht, daß die hemmenden Instanzen in der eigenen Brust bereits über Gebühr am Werke sind. Es ist geradezu das Leiden des modernen Menschen, daß er sich seiner Unzulänglichkeit in übersteigertem Maße bewußt ist «nd das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit ihn nicht zur Ruhe und schöpferischen Auswirkung kommen läßt. Diesem ״Inferioritätskomplex“ noch dadurch Nahrung zu geben, daß man die quälenden Schuldvorstetlungen durch religiöse Institutionen kultiviert, wäre eine nicht zu verantwortende ״Hygiene“ der Seele. Daß unser intellektuelles Gewissen sich dagegen sträubt, wenn der Instanz, die den Menschen in seiner Unvollkommenheit geschaffen, nun das Recht zustehen soll, ihm Absolution zu erteilen — es sei nur nebenhin erwähnt. Aber es bedarf der Erörterung, ob vom erzieherischen Standpunkte aus es erlaubt sein kann, die meistens schon neurotische Disposition unserer Kinder künstlich noch zu verstärken, anstatt alles zu tun, um ihnen zu seelischem Gleichgewicht und Selbstvertrauen zu verhelfen. Es ist keineswegs richtig (und auch gar nicht möglich), grundsätzlich Enttäuschungen und Beschwernisse vom Kinde fernzuhalten. Eine verweichlichende und schwächliche Erziehung ist unter allen Umständen abzulehnen. t>ies bedeutet jedoch nicht, das ohnehin schwere Leben mit jenem ,,Geist der Schwere“ zu belasten, von dem Nietzsche sagt, daß er in ihm seinen Teufel sah. Man weiß anscheinend noch zu wenig, welche Wirkungen gerade der in alter Form begangene Jom Kippur auf Kindergemüter ausgeübt, welche Aengste jene Stimmung erzeugt und welche Wunsch- Verdrängungen sie verursacht hat. Wenn wahrer Glaube Erhöhung und Beseelung des Menschen zum letzten Zwecke hat, so sollten ihn derartige Erfahrungstatsachen bedenklich stimmen. Zumindest aber muß dem Verneiner zugebilligt werden, dal! nicht eine Hoffärtigkeit des Herzens das Motiv seines Handelns bildet, sondern heilige und ebenbürtige Gefühle ihn bewegen. Und eines weiß ich: daß, von einer ganz hohen Warte gesehen, die wahrhaft Gläubigen beider Lager aus den Fronten treten und über alle!Divergenzen ihrer Weltanschauungen hinweg sich als Brüder fühlen werden. 1111 tiefsten Sinne geht nicht der Streit um Orthodoxie und Frcidenkcrtum, und eine andere Gruppierung müßte eintreten, um die wahren Antipoden sichtbar werden zu lassen. Aul der einen Seite jene All zu vielen, die sich so wichtig Vorkommen mit ihren armseligen Erkenntnissen und den angelernten Gefühlen, so sicher sich gebärden, als gäbe es keine Rätsel unter diesem Himmel - Menschen, die schicksallos dahin leben ihr! schließlich vergehen, ohne je vom Hauch Gottes berührt, von seiner Stimme gepackt und von seinem Strahl geblendet zu sein. Wer wollte leugnen, daß diese unbewegten Erdenbürget״ ,־denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche heißt‘• und deren Sclbstgerochtigkert so maßlos aufreizend wirkt, in übergroßer Zahl auch das Lager der ״rechtgläubigen Gemeinde" bevölkern? Wer fühlt nicht, wie leicht ihnen dei Name Gottes von den Lippen geht und wie automatenhafl die Zeremonie sich unter ihren Händen abwickelt? O daß der so billig Angebetete und ach so gar nicht Gemeinte auffahre in seinem Zorn und angeekelt die von sich abschüttele, welche Mißbrauch treiben mit einer Idee, die niemals sie begreifen werden. Jene aber, die ihr ganzes Leben Gott suchen und mit ihm ringen und noch als seine Verleugner frommer und gottnaher sind als die traurige Mitläuferschaft der Bethäuser -״- sie marschieren in einer Phalanx mit den wenigen echten Ootteskämpfem, denn auch sie glauben an ein Unaussprechbares, und ihr Daimon treibt sie, im heiligen Feuer zu verbrennen. Nach diesem Exkurs, in den das Temperament unversehens hineinlockte, noch ganz wenige Bemerkungen über die weniger problematischen Feiertage. Peßach, Schewuoth und Sukkoth (von Purim und Chanukkah schon gar nicht zu reden) erlauben eine für das Kindergemüt erfreuliche Festesstimmung. Indem sie an historische Vorgänge anknüpfen, geben sie die Mtefch• keit, die Jugend mit den ersten Anfängen unserer Geschichte bekanntzumachen und eine vertraute Beziehung mit der Bibel zu schaffen. Ziel ist, diese Feste zu einem Quell des Frohsinns zu gestalten und so zu erreichen, daß schon lange vor dem Feiertag die Kinder mit Vorfreude erfüllt werden und selbst an der Ausgestaltung des Tages aktiven Anteil nehmen. Dem durchaus nicht ganz unberechtigten Neid der jüdischen Kinder auf ihre christliehen Gefährten, weil diese das fröhliche Weihnachten mit dem prächtig geschmückten Tannenbaum, das Osterfest mit dem Osterhasen und ähnliche phantasieerregende Feste haben, kann nur durch Darbietung ebenso schöner, wenn auch andersartiger Formen entgegengetreten werden.!Dringend wünschenswert wäre es, wenn wenigstens an einem Tage Peßach, Schewuoth und Sukkoth sich auch der Vater seinen Geschäften völlig entzieht und dadurch schon mitwirkt, dem Tage einen festlichen Rahmen zu verleihen. Besonders brennend ist das Ruheproblem des Sabbat, Wohl nur den Wenigsten wird es ihr Beruf erlauben, zwei Tage der Woche völlig zu pausieren. Um so notwendiger ist es, den Freitagabend mit den Kindern entsprechend zu verbringen. Schon die Tatsache, daß das Kind im Gegensatz zu den anderen Abenden länger aufbleiben und mit den Eltern essen und feiern darf, ist dazu angetan, dein Kinde die Bedeutung dieses Tages einzuprägen. Kennzeichnet der festlich gedeckte Tisch mit den beiden brennenden Kerzen schon äußerlich di? Besonderheit, so muß das Tischgespräch eine bewußte jüdische Note tragen. Hebräische Lieder singen, aus der Bibel lesen, von Palästina erzählen, sollte an keinem Freitagabend versäumt werden. Ob und in welcher Form der religiöse Bezug des Festes hergestellt wird (ob die Berachot gesägt werden), muß abhängig bleiben von der persönlichen Einstellung der Eltern und ihrer Fähigkeit, das religiöse Bedürfnis des Kindes mit ihrer Ueberzeugung in Einklang zu bringen. Eine allgemeine Regelung ist hier ganz gewiß nicht denkbar. In diesem Zusammenhänge sei die Frage der Synagoge in aller Kürze gestreift. Auch hier hängt es vom Geschmack und der persönlichen Verantwortungsbereitschaft der Eltern ab, ob sie es im Interesse ihrer Kinder für geboten halten, gegen ihre sonstige Gewohnheit mit den Kindern den Gottesdienst zu besuchen. Ich fühle mich nicht berufen, zu dieser äußerst prekären Frage irgendwelche Direktiven auszugeben und empfinde nur die Pflicht, auf Gefahren aufmerksam zu machen. Darum sei ganz allgemein gesagt, daß Kinder die leiseste Unwahrhaftigkeit fühlen und auch die frömmste Lüge nicht verzeihen. Zum Schluß eine Anregung für die Eltern, denen der Tempelbesuch ein ausgesprochenes säcrificium intellectus bedeuten würde und daher nicht verantwortbar erscheint. Auch diese dürfen die Tatsache nicht außer acht lassen, daß ein Festtag, der sich allein auf die häusliche Feier beschränkt, im Hinblick auf die Kindcrerziehung unzureichend ist Liegt es ohnehin im Wesen des Feiertages, daß er den Menschen aus seiner Vereinzelung reißt und mit der Gemeinschaft ver- Findet, so müssen gerade unsere Feste der Funktion, das Volksbewußtsein zu kräftigen, in ganz besonderem Maße dienen. Dem Verbundenheitsgefühl, das die Synagoge unzweifelhaft vermittelt, gilt es in anderem Rahmen zur Auswirkung zu verhelfen. Man sollte somit ernstlich die Frage prüfen, ob nicht Gleichgesinnte mit ihren Kindern sich an Festtagen an einem dritten Orte zusammenfinden und dort gemeinsam feiern könnten. Es müßte über die Bedeutung des Festes unterrichtet, Lieder gesungen und in anschaulicher Weise Palästinas gedacht werden. Sollte es wirklich nicht möglich sein, jüdische Volkshäuser (Bäte Am) zu gründen, die entsprechend der mehr oder minder freireligiösen An-

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