Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 14 (18.2.1927)
- Date
- 1927-02-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 98 JUEDISCHI RUNDSCHAU Nr. 14! Jahotinsky tn Berlin Am 14. d. AI. fand ini Hotel Eden ein vom Landesverband der Zionisten-Rcvlsionisten in Deutschland veranstalteter ״politisch-geselliger Abend“ statt, bei welchem unter dem Vorsitz von Herrn Richard Lichtheim die Herren Jabotin sky und Meier G r o 1) m a n n, die aut der Durchreise nach Polen mehrere Tage in Berlin sich aufliielten, Ansprachen hielten. Der erste Redner war jabofinsky. Seine Rede erweckte den Eindruck, daß dieser politisch-gesellige Abend weniger auf konkrete politische Fragen abgestellt sein soll, als vielmehr auf allgemeine ideologische Betrachtungen. Die Rede war auf einen versöhnlichen Ton gestimmt: Der deutsche Zionismus, noch vor ganz kurzer Zeit in großen öffentlichen Ver- Sammlungen in Tel-Awiw und dann in Berlin von Herrn Jabotlnsky als ״P s e u d 0 - Z i o n i s m u s" bezeichnet, wurde diesmal mit außerordentlichen Komp'imenteii bedicht. Trotz aller Gegnerschaft, so sagte er, müsse er anerkennen, diß nur in zwei Ländern, Palästina und Deutschland, der Zionismus intellektuelles Niveau habe. Er sei nicht für das System der Koalition in der Politik, vielmehr müsse immer eine Partei ans Ruder kommen, die dann von der anderen Partei, die in Bereitschaft steht, abgelöst werden kann. Keine politische Koalition schlage er"vor, aber eine ״Koalition der Denkenden“, ln Deutschland sei der Boden gegeben, die gegenwärtige Krise geistig zu überwinden; vielleicht könne man hier nicht mit Geld retten, aber das neue Wort, die neue Wahrheit zu verkünden, sei noch wichtiger als Geld. Die zionistische Entwicklung, so führte Jabotinskv aus, vollzieht sich in einer eigentümlichen historischen Dialektik. Ungefähr alle sieben Jahre wird eine ״Revision“ erforderlich. Der erste ״Revisionist“ war Achad Haatvt. Mit einer erstaunlichen Unbefangenheit erklärte Jabofinsky, die Revisionisten seien die ״wahren Erben des Ächad Haatnschen Geistes“ und die ״Fortsetzer seiner Traditionen“. (Achad Haara ist tot und kann sich nicht wehren.) Sieben Jchrc nach Achad Haam kam Herz), dann die Epoche der praktischen Arbeit in Palästina, dann während des Krieges wieder ein Ueberwiegen der politischen Arbeit, nach dem Kriege wieder Konzentration auf die praktische Arbeit, und jetzt sind wieder sieben Jahre um, und daher sei die Zeit des Revisionismus gekommen. Nach Jabofinsky sprach Meier GroBmann, der vor allem die wirtschaftlichen Programmpunkte des Revis'.onsmus erörterte. Zum Referate Großmanns wurden mehrere Fragen gestellt, und dann hielt Jabofinsky ein zwei Stunden langes Schlußwort. Wer Jabofinsky kennt, wußte, daß er sich die eigentlichen politischen Darlegungen für das Schlußwort aufhebt, so daß eine Grundlage für eine eigentliche politische Debatte vorher nicht gegeben ist In seiner Schlußrede setzte Jabofinsky äußerst wirkungsvoll das bekannte revisionistische Programm auseinander. Er entwickele insbesondere die Gedanken einer Agrar-Reform und der Kon'iskation aller brachliegenden Böden, der jüdischen Legion, der Gegnerschaft gegen die Jewish Agency, und schloß dann nochmals mit einem Appell an die deutschen Zionisten. One neue Brosehflre des Keren Hajessod Das Hauptbüro des Keren Hajessod hnt soeben e'ne neue Broschüre herausgegeben, die den Titel trägt: ״Der Keren Hajessod“. Diese Broschüre enthält in kapper und übersichtlicher Form sämtliche Tatsachen über aas vom Keren Hajessod in Palästina geleistete Aufbauwerk. Die Broschüre ist obgleich im Preis sehr niedrig, reich illustriert und gut ausgestattet. Das Bändchen erscheint in hebräischer, jiddischer, deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache. Mit der Herausgabe in russischer Sprache veröffentlicht des Keren Hajessod-nauptbüro zum erstenflwl eine Broschüre in dÜBÄr Sprache. Im Verlag der Weltorganisation zionistischer Frauen (Wizo) erschien soeben eine Broschüre ״Die Chaluzah“ von Dr. N a d i a Stein. Die Broschüre schildert die großartige Leistung der Mädchen und Frauen, die sich nach dem Kriege dem Aufbauwerk in Palästina gewidmet haben. ״Was die jüdischen Frauen und Mädchen in den vergangenen acht Jahren an der Seite ihrer Chawerim durchlebt und gewirkt aben, gehört zu dem ergreifendsten Kapitel nicht nur in der Geschichte der jüdischen Frau, sondern zu der Geschichte der Frau und des Menschengeschlechts überhaupt.“ Die einzelnen Kapitel der Broschüre sind den Institutionen der Wizo gewiamet, vor allem dem Hostel in Tel-Awiw, der Mädchenfarm ln Nahalal, den Einrichtungen für Mütter und Säuglingshilfe, den Mädchen-Kwuzoth usw. Die Broschüre ist mit sehr schönen Bildern ausgestattet, die die Arbeit der Frauen- Organisation in Palästina besonders anschaulich hervortreten lassen. Die Broschüre sollte weiteste Verbreitung in den Kreisen der jüdischen Frauen finden. HUsradii-JabDänm Wie bereits berichtet, feiert der Misrachi im Monat Adar sein 25 jähriges Jubiläum. Die Weltzentrale des Misrachi hat aus dieser Veranlassung Festveranstaltungen in allen Ländern angeordnet. Das deutsche Zentralbüro des Misrachi hat alle Ortsgruppen veranlaßt, dem Verlangen des Merkas Olami nachzukommen und Propaganda großen Stils im Monat Adar zu machen. Die Ortsgruppen Hamburg, Wiesbaden, Mainz, Leipzig, Breslau und Berlin bereiten bereits größere Veranstaltungen vor. Das Zcntralbüro gibt anläßlich des Jubiläums eine Festbroschüre heraus, in der in 30 Aufsätzen das Werden und die Erfolge der Föderation veranschaulicht werden. In der Broschüre sind Aufsätze und Briefe der ersten Misrachiführer Raw I. J. Reines, S. lawetz, Raw M. Glasner, Dr. Adler sowie eine Reihe von Arbeiten heutiger Führer enthalten, von letzteren erwähnen wir besonders die Aufsätze von Raw Dr. Nacht, Oberrabbiner Dr. Brodv, Rabbiner Dr. Feuchtwang, Raw Meir Berlin, Raw A m i e I, Professor Pick, Raw Beermann, Dr. Wolfsberg, Dr. Barth. Ueber das Misrachi-Schulwerk, die Arbeiterbewegung und die Misrachi-Bank bringt die Broschüre reichhaltiges Material*). Das Deutsche Zentralbüro und die Berliner Ortsgruppe veranstalten ihre Feiern zwischen dem 28. Februar und 13. März. Den Auftakt zu den Veranstaltungen wird eine Volksversammlung bilden, zu der Raw A m i e 1, Antwerpen, sein Erscheinen zugesagt hat. Am 6. März findet ein von der Berliner Grupne veranstalteter GesePschaftsabend statt, zu dem umfangreiche Vorbereitungen im Gange sind. Reiche künstlerische Darbietungen werden das Fest verschönen und es über den Rahmen des alltäglich Gebotenen heraushehen. Eine von allen Kreisen der Berliner Geschäftswelt reich ausgestattete Tombola wird zum Gelingen des Festes, dessen Ueherschuß für Erziehung»- und Kulturzwecke des Misrachi bestimmt ist, besonders beitragen. Das Zentralbüro hält seine Feier am 13. März ab. Nachmittags 5 Uhr wird ein offizieller Festakt ab״ehaiten werden, zu dem bereits eine Reihe von auswärtigen Ortsgruppen ihre Vertreter angemeldet haben. Im Anschluß an den Festakt wird ein Bankett abgehalten werden. Die Arbeitsgemeinschaft misrachistischer Verbände, Sitz Berlin, hat für die luhl'äumswochen mehrere auswärtige Misrachisten zu Propagandareisen gewinnen können. Zunächst wird Raw Meir Berlin auf seiner Durchreise von Amerika nach Frez-Israe! in Paris sprechen, wo die Gründung einer französischen 1 andsmannschaft in Ausririit genommen ist. Von Paris begibt sich Raw Berlin zu Vorträgen nach Antwerpen und Amsterdam, wird dann in Leipzig sprechen und am 2ל. und 28 Februar an der Misraehi-Konferenz in Preßbnrg teilnehmen. Hieran wird sich eine Vortragsreisc in der Tschechoslowakei anschließen. Fs wird von seiner Reise in der Tschechoslowakei, in der die Gegnerschaft der ״Orihodoxle“ gegen Zionismus und Misrachi besonders heftige Formen angenommen hat, viel erwartet. Den Abschluß findet diese Reise in einem dreitägigen Aufenthalt Raw B״rlins in Lemberg, wo er ebenfalls an einer Landeskonferenz tel'nehmen wird. Eine zweite größere Propagandareise wird in Deutschland von Raw Amiel, Antwerpen, unternommen werden, die ihn vorausrichPirh nach Berlin. Leipzig und dem Rheinland führen wird. Rabbiner Dr. Hoffmann. Frankfurt a. M., wird zunächst in Hamburg, anfangs März in Wien sprechen, Rabbiner Dr. Mav, Frankfurt a. M., hat «Hi für die luhiläumsfeier in Wiesbaden zur Vertu mm ׳r gestellt. Unterhandlungen finden noch statt mit Herrn Rabbiner Dr. Feuchtwang, Wien, und anderen auswärtigen Rednern.! Die InvestlfloneR des Jüdischen Nationarends 1% fn den Monaten Oktober—Dezember 1928 Bezahlte der Jüdische Nationalfonds die Summe von £E 52000 auf Rechmmg seiner Ve-pfli ■htungen für Landkauf und Assanierung. Seine Oesamteinnahme in dieser Periode betrug .CE 48700 und es ergab steh so ein Defizit, wetehes noch durch die Ausgaben für Erhaltung des administrativen und Sammelapparates erhöht wurde. Das Hauptbüro hat einen dringenden Aufruf an alle Länder erlassen, dieser Situation, durch welche jeder weitere Fortschritt behindert wird, abzuhelfen. Von Oktober 1926 bis September 1927 ist der Jüdische Nationalfonds genötigt, Verpfltehtungen nachzukommen, welche eine Summe von £E 265 000 erreichen. Seine Einnahmen im letzten Jahre betrugen £E 281 000. Um Neue!Werbungen, durch welche das Jublläumsjahr gekennzeichnet sein sollte, zu ermöglichen, muß diese Summe überschritten werden. *) Das Buch erscheint iin Selbstverlag des Misrachi- Zentralbüros, Berlin, Monbijouplatz 1, von wo es zum Preise von 2 M. zu beziehen ist. Presse'Scham Die ״Bayerische Israelitische Gemeindezeitung7‘, Organ der "Münchener Israelitischen Kultmgemeinde und des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden, schreibt zur Gründung des Deutschen Pro Palästina- Komitees: ״Es darf alle Juden mit stolzer Freude erfüllen, daß gerade eine jüdische Bestrebung Vertreter der verschiedensten politischen Richtungen in Deutschland von der Rechten bis zur Linken einmütig hinter sich weiß. Die Gründung des Komitees zeigt uns, daß die maßgebenden Kreise der d Hitschen Politik die Bedeutung des jüdischen Kolonisationswerkes in Palästina verstanden haben, und niemand wird fürder behaupten dürfen, daß die Beteiligung von Juden an diesen Bestrebungen deutschen Interessen zuwiderlaufe. Andererseits aber muß das starke Interesse, das die nichtjüdische Außenwelt an diesen Bestrebungen nimmt eine Mahnung für die deutschen Juden aller Parteien sein, ihre ganze Kraft dem Aufbauwerk in Palästina zu widmen; denn das Ansehen der Juden ist aufs engste mit dem Gelingen dieses einzigartigen Werkes verknüpft“ ln dem Organ der englischen liberalen Juden ״The jewish Guardian“ erschien eine Zuschrift des Herrn Hermann Schocken aus Seattle, U.S.A., derzeit Dresden, in welcher die Stellungnahme des Blattes zu dem Deutschen Pro Palästina- Komitee berichtigt wird. Das Blatt das im allgemeinen palästinafreundlich ist, hatte unter Zitierung der ״jüdisch- Liberalen Zeitung“ und auf Grund der Informationen, die es offenbar von jüdisch-liberaler Seite aus Dcutsclil!11d erhalten hat der Ansicht Ausdruck gegeben, das Pro Palästina-Komitee sei aus antisemitischen Motiven entstanden. Dies wäre in England unmöglich, aber der übermäßige deutsche Antlsemitismus sei ja bekannt (Es ist übrigens interessant wie die überpatriotischen deutschen liberalen Juden bemüht sind, auch dort, wo gar kein Anlaß vorliegt, die schlechte Meinung, die man leider in der Well von Deutschland hat, zu bestärken.) Herr Schocken klärt in seinem Briefe die englische Oeffent* lichkeit über den wahren Sachverhalt auf und zitiert die Rede des Ministers Becker, der über den Verdacht des Antisemitismus erhaben ist Herr Schocken schreibt, die Hetze gegen das Pro Palästina-Komitee sei nur erklärlich, wenn man die besondere Situation ln den jüdischen Gemeinden berücksichtigt wo ein scharfer Antagonismus zwischen Zlonisten und Liberalen entstanden ist, obwohl die Zionisten in religiöser Hinsicht auch in der Mehrzahl liberal sind. In einer redaktionellen Note bemerkt ״Jewish Guardian“, es sei doch auffallend, daß der erste Fall einer nichtjüdischen und jüdischen Zusammenarbeit für eine jüdische Sache in Deutschland dieses Pro Palästina-Komitee ist ״welches, den Mitteilungen der Liberalen zufolge, den deutsehen Juden ihre Staatsbürgerschaft zu nehmen sucht“. — So also werden die Ziele des Pro Palästina-Komitees von den deutsch-liberalen Juden im Auslande dargestellt! * Es sind jetzt 100 Jahre her, seitdem Zar Nikolaus I. seinen bekannten Ukas veröffentlichte, wonach die Juden unter Mili ärpilieht zu stellen sind. Zahlreiche Häscher drangen nachts 111 die jüdischen Städtchens ein, holten die jüdischen Knaben aus den Betten heraus und steckten sie in die Sold afensdi ule. ״ Vom 12. bis ">7. Lebensjahre mußten sie Militärdienst!eisten. Aus Anlaß diese-, Jubiläums veröfeni icht Dr. Fe ix A. Theilhaber im ׳.״child“ einen Rückblick auf die Geschichte des jüdischen Soldatentums. Es ist daraus u. a. zu entnehmen, daß z. B. von 19D0 bis 1909 170 244 Juden in der russischen Armee dienten. Auf Grund der amtlichen Ziffer waren bei Beginn des Weltkrieges zirka 400000 gediente jüdische Soldaten, die durch aaciiträgltehe Aushebung auf zirka 6,0000 gebracht wurden (16% der jüdischen Bevölkerung) im russisebf« ־HwjesdJeaijL, Jn?>fcW|l|p4,״״wa1en«;%l»ekaBndÄ«jÄ Krieg 0I«rlÜölKÄL Juden ««»geh,, k> Ddteimch ÄrMl im übrigen Europa and in der Türkei zirka 230606, so daß ohne Amerika im Weltkrieg etwa l1/! Millionen Juden Dienst taten. Das Zentrums-Organ ״Germania“ veröffentlicht in ihrer kulturellen Beilage ״Das Neue Ufer“ am 5. Februar einen Beitrag zur Problematik der Judenfrage von Dr. Johannes Dierkes. Der Aufsatz, der offenbar sehr stark von Martin Bubers Schriften beeinflußt ist, schildert eingehend die seelische Situation des Juden und die Polarität von Innenwelt und Umwelt Sehr viele Stellen aus Buber sind dabei wörtlich zitiert, nicht immer mit genügend deutlicher Trennung von Zitat und Text; manche freilich etwas mißverstanden, so z. B. wenn Bubers Wort ׳JWir wollen nicht die Sklaven, sondern die Herren dieser Mischung sein“ im Sinne einer jüdischen Herrschaft über andere (wohl unter bewußter Anlehnung an das antisemitische Schlagwort von jüdischer Weltherrschaft) verstanden wird. Im ganzen zeigt der Aufsatz ein ehrliches Bemühen, in die Problematik der Judenfrage einzudringen. Joel Engel komponierte eine große Zahl neuer jiddischer und hebräischer Lieder zu Texten von Perez, Bialik, Tschernlchöwski, Schneur usw. Er ist auch der Komponist der berühmt fewordenen Musik zu ״Dybuk“. Er sammelte um sich eine char talentvoller junger jüdischer Komponisten, die er zu jüdischer kompositorischer Arbeit aneiferte. D'e modernen jüdischen Komponisten Milner, Aehron, Krejn, Rosowski, Saminski u. a. m. sind von Engel der jüdischen Musik gewonnen worden. Engel, der nach der Revolution einige Jahre in Berlin lebte, übersiedeltc vor etwa zwei Jahren nach Tel-Awiw, mit der Aufgabe, dort ein Zentrum jüdischen Musikschaffens zu begründen. Künstler wie Prof. Schor, Chejfez, Godowsky u. a. m. stellten sich in den Dienst dieser Sache. Aus Anlaß des 25 jährigen Musikerjubiläums Engels, das vor kurzem begangen wurde, stiftete die Stadtverwaltung von Tel-Awiw einen Platz für eine Musikhochschule, die den Namen ״Joel Engel“ tragen wird. Die Stadtverwaltung Tel-Awiws beschloß, dem Verstorbenen ein Ehrengrab und Ehrenbegräbnis zu stiften. Za Pestalozzis 100. Todestag Am 17. Februar jährt sich zum 109. Male der Todestag des großen Erziehers Heinrich Pestalozzi. Vor etwa Jahresfrist veröffentlichte die J. T. A. einen Brief Pestalozzis an den Schriftsteller Heinrich Zschokke, aus welchem zu ersehen ist, wie Pestalozzi über die Erziehung jüdischer Waisenknaben dachte. Der Brief lautet: ״Mein edler Heinrich! Mit allen Kräften meines Geistes und meines Herzens arbeite ich seit zwei Jahren dahin, in allen elternlosen Kindern eine sittliche Gemütsstimmung zu erwecken und zu beleben. Ich suche die Kinder bei der ersten Entwicklung ihrer Kräfte zu Geschwistern zu machen und mein Haus in dem einfachen Geist einer großen Haushaitung zusammen zuschmelzen. Hierbei bringe ich es fertig, über die Verschiedenheit der Religion still zu sein, ich will den wenigen jüdischen Knaben, den herzlichen armen Waisen, für den Glauben ihrer Eltern Liebe einflößen, und durch Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse, durch Angewöhnung wohltuender Fertigkeiten ihre Herren geneigt und empfänglicn für die Tat der Liebe und die Kraft der Sittlichkeit machen. Das ist doch zunächst die Hauptreligion! Ach, neulich fiel mir ein kleiner Judenknabe, der in Krakau geboren und die Eltern verloren — um den Hals und rief: Lieber Vater. — Nein, mein Heinrich, wenn du so unedel sein kannst und das Verlangen stellst, ich solle die armen Waisen zum Christentum zwingen, dann fehlt dir die nötige Einsicht. In Glaubens- Sachen muß weder Zwang noch Gewalt herrschen! Seit Jahrhunderten lehrt man das Christentum. Welche Gegensätze bringt es, sobald cs sich um Juden handelt, zur Geltung? Es sinkt herab zur Niedrigkeit, zur Schmach, verliert die Hoheit, die Reinheit, die Stärke der Nächstenliebe, wenn es sich nicht von der Judenfeindschaft abwenden kann. Glaubensfeindschaft entsittlicht und verwildert. Mein einziges Ziel ist: die wahre, volle Menschenliebe betätigen. Willst Du mir dabei helfen, so stelle keine Bedingungen — und beseitige das schlechteste der Gefühle — die Juaenfeindschaft. Heinrich, sanfter, edler Freund, gehorsamer! ich bin Dein treuer und ergebener Pestalozzi." | Senron Jnsehfcewitsch | Im Alter von 59 Jahren verstarb in Paris an Herzschlag der hervorragende russisch-jüdische Romanschriftsteßer und Dramatiker Semjon Juschkewitsch. Er war einer der besten Schilderer des russischen kleinbürgerlichen Lebens und des jüdischen Milieus. Von seinen zahlreichen Dramen ist das vom Moskauer Künstlertheater mit n-c haltigem Erfolg aufgeführte ״Miserere" auch im Ausland bekannt geworden. Sein Drama ״Mendel Spiwak“ ist ein erfo'gre'ches Reoerfoirestück des New Yorker jüdischen Kunstneaters. Seine gesammelten Schriften erschienen in acht Bänden im russischen Verlag ״Snjanje“. Beim Begräbnis Juschkewitschs sprachen Rabbiner Dr. Eisenstadt, Adv. Sliosberg, Paul Mlljukow und Schalom Asch. Von der Bibelübersetzung Martin Bubers und Franz Rosenzweigs erschien soeben der vierte Band, das Buch ״I n d e r W ü s t e“ (Verlag Lambert Schneider, Berlin-Dahlem.) Raphael Schennann Die Berliner Presse hat von der vor kurzem erfolgten Uebersiedlung des berühmten Wiener Graphologen Raphael Schermann nach Berlin in eingehenden Artikeln Notiz genommen. Schermanns staunenswerte, unbestrittene Lelstunen auf dem Gebiet!der Charakter- und Schicksalsdeutung aus er Handschrift gehen weit über das Graphologische im elgentliehen Sinne hinaus. Der Prager Psychiater Prof. Fischer, der dem Phänomen Schermann ein wissenschaftliches Werk widniete, ebenso der Wiener Strafrechtsleurer Prof. v. Liszt, der mit Schermann experimentierte, müssen das Wirken unerklärbarer, hellseherischer Kräfte zur Erklärung heranzic'ien. In vielen hundert einwandfrei festgestellten Fällen hat Schermann aus den Schriftzügen nicht nur den Charakter, sondern auch präzise Einzelheiten des äußeren Lebensschicksals verblüffend richtig angegeben. Die Aufhellung dunkler Kriminalfällc, die Zur Üeberfünrung der Schuldigen führte, hat seinen Ruhm begründet Raphael Schennann ist Ostjude, entstammt also einem Milieu, wo dicht neben der hellsten Verstandesnüchternheit alles Kabbalistisch-Mystische zu Hause ist. Ein jüdisches Publikum, das Abend für Abend die magisch-geheimnisvolle Welt des ״Dybuk“ mit Ergriffenheit erlebte, wird, so möchten wir wünschen, auch für die Erscheinung Raphael S.'hermanns die rechte sensationsfreie Einstellung gewinnen, und in diesem rätselhaften Juden und seiner wunderbaren Gabe die unsichtbar hinter ihm stehende Welt kabbalistischen Geheimnisses ahnen und ehren. Dks. Manuel Joels wissenschaftliches Lebenswerk ist der Titel eines Vortrags von Dozent Dr. Heinemann, den dieser anläßlich der Feier von Joels 100. Geburtstag gehalten hat und den das Breslauer Jüd.-theologische Seminar jetzt herausgibt. Joels Verdienst um die Wissenschaft des Judentums liegt in dem Gedanken der Synthese von Judentum und Weltkultur. Ihre Weiterführung im Sinne einer starken Betonung der jüdischen Eigenart bezeichnet Efeineraanns schöne Rede als Ziel der heutigen jüdischen Wtesenschaft.