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Jüdische Rundschau · 1927-02-18 · Heft 14 (18.2.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 14 (18.2.1927)
Date
1927-02-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. ia }ÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 97 Der ,,Primat" Kaum ist das Wort gefallen und schon ist der Explosiv- Stoff, der sich seit Monaten angehäut'f, zur Entzündung gelangt, das erlösende Wort wurde ausgesprochen, das wieder Leic.cnschaftlichkeit und Kampfeslust zu ihrem Rechte kommen läßt. Die Unsicherheit, ob der Ungcklärtheit des Standes der Verhandlungen, hinter der sich aber־ in Wirklichkeit Angst vor der eigenen ideologischen Verschwommenheit und Furcht vor dem eigenen Mute verbarg, ist geschwunden, man hat endlich die Sprache wieder gefunden. Und wenn nicht alles trügt, so wird man die Diskussionen wieder in jene Bahnen drängen, die man vor dem letzten Kongresse boschritten. Und das sollte diesmal weh! verhindert werden, denn war der! Kampf schon vor dem Wiener Kongreß zumindest unentsprechend, so ist er heute tim so mehr unangebracht und gefährlich. Es ist psychologisch leicht zu verstehen, daß man sich gern in die Abstraktheit der Idee flüchtet und lieber um Formeln als um die eine Lösung heischenden Fragen der heutigen palästinensischen Wirklichkeit kämpft, daß mau lieber von der Glut der Idee, dem Hochhalten unserer Fahne und der Renaissance des Volkes, als von Krise, Kolonisation und anderen nüchternen Dingen spricht und schreibt. Aber dies alles ist nur geeignet, die wirkliche Lage zu verschleiern und die Austragung des Kampfes dorthin zu verschlcpppcn, wo wir bereits Sieger sind. Worum geht cs eigentlich diesmal? Wcizmann hat wieeier einmal den Mut gehabt, eine Wahrheit auszusprechen, die unangenehm klingt, aus einem Verantwortungsbewußtsten, Kongreßbeschlüsse durchzuführen und ihre Durchfülruug zu ermöglicher!. Wenn er sich zu einem solchen Schritte, wie der Brief an Marshall, entschloß, so war dies wahrscheinlich eine Voraussetzung, die im letzten Jahre in Amerika selbst zerstört worden ist, ohne die aber jener Kongreßbeschluß, der die Fortführung der Verhandlungen um die Jcwish Agency fordert nie und nimmer hätte verwirklicht werden können. Und der Kongreßbeschluß spricht doch ebenso wie das Mandat von der Oewinnung von Nichtzionisten für die Jcwish Agency. Wcizmann ging also nach Amerika, um mit Nichtzionisten zu verhandeln, das sind ln unseren Augen jene Juden, denen Palästina noch nicht erste und wichtigste Frage ist, durch weiche Stellungnahme sie sich eben von uns Zionisten scheiden. Und Zionisten für Palästina zu gewinnen, war nicht Weizmanns Aufgabe. Es ist vielleicht wieder einmal die Gelegenheit gegeben, zu zeigen, daß ein bloßes Bekenntnis, und sei es auch die Betonung des Primates der Palästinafrage vor allen anderen Judenfragen, noch herzlich wenig besagt. Die großen Keren Hajessod-Kampagnes, das schrittweise Zurückweichen vor der Forderung des Maassers, sind deutliche Beweise geling dafür, daß man jene Kreise, die sich durch die Anerkennung des Primates von den übrigen zu scheiden wähnen, immer und immer wieder nicht nur an ihre Pflicht gemahnen, sondern sogar auch erst für das Palästinawerk gewinnen muß. Und wenn man noch bemerkt, daß die ״Anderen“ bei keiner viel geringeren Bearbeitung für die gleichen oder zumindest auch für Leistungen für Palästina zu gewinnen sind, kommt man zu dem Schlüße, daß das Bekenntnis jener Zionisten zu dem Primate Palästina ebensowenig genützt, wie sein Nichtvorhandensein bei den Nichtzionisten nicht tm Wege gestanden. Das Ist unsere heutige Krise im Zionismus: daß der , ejjjzfljfefj Zioniftea Entwicklung ,nicht Schrijt gehalten ,hat mit der Entwicklung des Zionismus, daß der einzelne noch immer glaubt, durch Erwerbung des Schekels und gelegentlicher Spende seiner Idee und seinem Ideale Genüge getan zu haben, also k^ine innere Wandlung mitcrlebt hat, die ihn in seinem ganzen Tun von jenen anderen unterscheidet, daß Palästina, seine Forderung und Sorgen nicht in! Brennpunkt seines Ichs stehen, das Bekenntnis zum Primat׳' P••«. 1,״as keine ihm entsprechende Tat zur Folge ';tc.!. n es schon zu einem Kampfe um den Primat Palästinas kommen soll, dann soll er vor allem in unseren eigenen Reihen geführt werden, dann soll man an all die tausenden Zionisten die Gewissensfrage stellen, ob ihr Bekenntnis auch ehrlich gcmeint, ob sie in den letzten Jahren auch immer daraus die nötigen Konsequenzen gezogen. So aber wird man wieder um und gegen Wcizmann kämpfen und Diskussionen heraufbeschwören, die sid! selbst genügen und zu keinen Konsequenzen für alle Beteiligten führen. Das aber ist die moralische Krise des Zionismus. Hans Lichtwitz. Die Affäre Pelljara-Schwarzbari Die in Paris unter dem Vorsitz Flendersons tagende Exckutive der sozialistischen Internationale, an der als Repräsentant des Weltvcrbandes Poale Zion Herr Berl Locker teilnimmt, beschloß, sofort in eine Untersuchung des Verhaltens der ukrainischen Sozialdemokratie in der Affäre Petljura im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Prozeß gegen Schalom Schwarzbart cinzutreteu. Der ukrainische 'Sozialdemokrat Bezpalko verteidigte Petljura gegen die Anklage, er wäre der Urheber der Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung gewesen. In der Schlußsitzung fragte der Vertreter der Poale Zion, Herr Berl Locker, an, ob die Kommission für nationalc Minderheiten den ihr aufgetragenen Bericht über die Haltung der ukrainischen Sozialdemokratie in der Angelegenheit Schwarzbart-Petljura noch in dieser Sitzung erstatten wird. Der Sekretär der Internationale, Fritz Adler, erwiderte, die Kommission hätte sowohl von ukrainischer als auch von jüdischer Seite umfangreiche Memoranden ausgestellt erhalten, sie hat aber noch nicht die Zeit aufgebracht, die Memoranden zu studieren und Beschlüsse zu fassen. In der gleichen Sitzung sprach Herr Locker ausführlich über die Verfolgungen und Verhaftungen von Zioniste n-Sozia listen in Sowjetrußland. Die Konferenz nahm eine Resolution an, in der den verfolgten Sozialisten-Zionisten Sympathie ausgedrückt wird. In einer zweiten Resolution würde gegen das reaktionäre Regime in Ungarn, Rumänien und Bulgarien, sowie gegen den weißen Terror in Litauen protestiert. Herr Abramowitsch, der Führer der Mensehewisien, teilte jüdischen Pressevertretern den Inhalt des Memorandums an die sozialistische Internationale, in welchem gegen die Haltung der ukrainischen Sozialdemokraten in der Angelegenheit Pctljura-Schxvarzbart protestiert wird, mit. In dem Memorandum wird nach״c\viesen: 1. Die Behaupfung der ukrainischen Sozialisten, daß Pogrome nicht vorgekommen sind oder daß andere die Schuld tragen, ist vollkommen falsch. Die Pogrome zwischen Dezember 1013 bis Ende 1919 wurden von ukrainischen Soldaten und Elementen der nationalen ukrainischen Bewegung veranstaltet. 2. Petljura hat nichts unternommen, um die Pogrome zu beenden und die Schuldigen zu bestrafen. Die Leiter der Pogrome waren seine nächsten!Mitarbeiter und nahmen hohe verantwortungsvolle Stellen ein. Ein Aufruf gegen die Pogrome erließ Petljura, als die Macht bereits seinen Händen entwunden war und die Bolschewisten Herren des Landes waren. 3. Die Behauptung der Ukrainer, Schwarzbart wäre ein bolschewistischer Agent, ist ganz und gar falsch. Die ukrainische Sozialdemokratie begeht ein Verbrechen, wenn sie sich mit der Vergangenheit Petljuras solidarisiert. Andererseits seien die jüdischen Sozialisten verpflichtet, gegen die Propaganda, die Schwarzbart zu einem Nationalhcldcn stempeln will, aufzutreten. Für Sozialisten gibt es nur eine sozialistische Politik. Das Schicksal der Wahlprotesle Das ״Hamburger •Israelitische Fami'icnblatt“ berichtet über die weitere Behandlung der Wahlproteste in der Berliner Jüdisehen Gemeinde: Zum Zwecke der Prüfung der behaupteten Wahlvcrstößc hat der Gemeindevorstand in Anlehnung an die Entscheidung des Polizeipräsidenten den Erhebern der Proteste aufgegeben, die Nachweise über die Beteiligung von Mitgliedern der Separatgemeindc an der Wahl beizubringen. Die Prüfung der Frage, ob von den״ im Nachfrage zur Wählerliste enthaltenen Wählern, die ihr Wahlrecht ausgeübt haben, eine Anzahl nicht wahlberechtigt waren, wird von der Gemeindeverwaltung vorgenommen. Diese Ermitthingen sind naturgemäß nicht in wenigen Tagen zu erledign. Ihre Beendigung dürfte nicht vor etwa 14 Tagen z! י rwarten sein. Wie schnell es den Protesterhebern möglich sein wird, die Nachweise über die Beteiligung von A d a ß - M i t - g ID dem an der Wahl beizubringen, kann naturgemäß ebenfalls nicht gesagt werden. Immerhin ist damit zu rechnen, daß die gesamten Ermittlungen, ebenso die Versammlung der Wahlausschüsse, in etwa vier bis fünf Wochen beendet sein werden. Nach dem Abschluß der gesamten Prüfung w׳ird der Gemeindevorstand dem Polizeipräsidenten Bericht zu erstatten haben, so daß damit gerechnet werden kann, daß d i e neue Repräsentanten Versammlung etwa Mitte April wird zusammentreten können. Selbstverständli'h gelten alle diese Termine nur als mutmaßliche Berechnungen. Das Interregnum in der Gemeinde wird also fast ein ganzes Jahr angedauert haben. Wer Ist Pfarrer Haack? lieber die Persönlichkeit des von den liberalen J uden eingeladenen christlichen Hauptredners bei der jüdischen Protestversammlung gegen das Pro Palästina-Komitee in Berlin, Herrn Pfarrer Haack aus Breslau, berichtet die ״Broslauer | üdischc Zeitung׳‘ folgendes: ״Herr Pfarrer Haack fst Vorsitzender der Ortsgruppe Breslau des Euckcnbundes und hat am 24. Mai 1921 in einer von ihm geleiteten Versammlung dieses Bundes in Breslau folgendes ausgeführt: Der Bund habe nach der Errichtung für Aufnähme von Juden kein allgemein gültiges Prinzip aufgestellt. Jede Ortsgruppe sei autonom. Er weise Juden nicht zurück, andere Ortsgruppen nehmet! Juden nicht auf. Er habe gegen den Eintritt von Juden nichts einzuwenden, solange sie in geringer Zahl eir.treten und eine Majorisierungsgefahr durch sie nicht nahe liege. Solange er in der Leitung sei, werde er sich energisch dafür einsetzen, dal! sie summarisch keine Gefahr bilden, vor allem niemals au die Leitung kämen. Auf Grund dieser mul anderer Vorgänge!11 der tragliehen Versammlung traten sämtliche jüdische Mitglieder des Breslauer Lucke nbundes, die übrigens sämtlich der j ü d i s c h -1 i b c r a I e 11 Riehtungange h ö ren, aus d e m B u n d e a u s. Die ״Jüdischliberale Zeitung'׳ hat im Sommer und im Herbst 1924 in mehreren Artikeln diesen Vorfall scharf glossiert und gegen die antisemitischen Tendenzen, die sich darin ausdrückfen, Stellung genommen. Jetzt nun vereinigen sich nicht nur die geistigen Führer des Naumann-Bundes (Dr. Naumann, Dr. Pevscf, Dr. Ginsberg usw.), sondern auch die Führer des Berliner Liberalismus zu einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem Befürworter der jüdischen Prozentnorm. Herrn Pfarrer Haack. Denn unter den Einladenden befindet sich der Ehrenvorsitzende der Liberalen Vereinigung (lustizrat Breslauer), der stellvertretende Vorsitzende (Direktor Ostberg), ein anderes Vorstandsmitglied (Landrichter Seligsohn), der Syndikus (Dr. Max Mayer) und schließlich der Redakteur des amtlichen Organs der Liberalen Vereinigung, der ״Jüdischliberalen Zeitung (Woyda).... Und was sagt der Vorsitzende, Herr Rechtsanwalt Stern, dazu? Hat er auch hiervon wie von dem Bündnis zwischen Liberalen und Naumann bei den Preußenwahlen bis jetzt noch keine Kenntnis erhalten?“ Wir haben nichts hinzuzufügen. Die Vorgänge In der Apdas jisroel ln der Agudas Jisroel ist, wie die verschiedenen Zeitungen der Agudah mitteilcn, eine innere Gärung ausgebrochen. Eine oppositionelle Richtung scheint vor allem m Wien gegen die gegenwärtige Leitung der Agudah einen starken Kampf zu führen. Was hinter diesen Tendenzen an Kräften und Anschauungen steckt, ist bisher aus den Aeußcrungen der Presse noch nicht klar zu entnehmen. Die oppositionelle Richtung bezeichnet sich als ״aktivistisch“ und wirft der gegenwärtigen Leitung Lethargie vor. ln diesem Zusammenhang ist es auch von Interesse, daß die Herren Jacob Ros eil heim und Jacob Strauß aus der Freien Vereinigung für das orthodoxe Judentum in Frankfurt a. M ausgetreten sind. Daß zwischen den Herren der Freien Vereinigung, Dr. J. Breuer einerseits und Jacob Rosenheim andererseits starke innere Gegensätze bestehen, war längst kein Geheimnis. Diese Gegensätze scheinen nun zu einer Art Spaltung geführt zu haben. Das neue Hospital io Emek In einer Sitzung des Waad Habrijuth (Gesundheitsrates) der zionistischen Exekutive wurde beschlossen, das neu? Emekhospital der Kur#1 ־'in. in dem Distrikt Afule- Merchavia m far Je 1 e'!im zu errichten. Die Wahl <Ä Bauplatzes w׳!.l®: einem ‘®omitee übergeben, welches die!׳"■ enlage, V > ' ■rveirorgu54 >d Verbindungsmöglichkeiten ״ entscheid de Faktoren!W ״;e Wahl berücksichtigen soll. Steigerung der Keren Hajessod-Eingänge Die Keren Hajessod-Eingänge in den ersten 4 Monaten des neuen Budgetjahres (Oktober 1926/Januar 1927) weisen gegenüber dem Vorjahre eine Zunahme von mehr als £ 100 000 auf. Bedeutende Steigerungen zu verzeichnen haben die Länder: Vereinigte Staaten, Südafrika, England, Deutschland, Kanada, Oesterreich, Jugoslawien, Litauen, Marokko und Frankreich. Rückgänge dagegen weisen die Länder Polen, Lettland, Belgien, Bukowina, Bulgarien und Brasilien auf. Das Hauptbüro des Keren Hajcssod gibt in der nächsten Woche in hebräischer und jiddischer Sprache eine Broschüre heraus, die Ansprachen Lord Balfours während seines Aufenthaltes in Palästina int April 1925 enthält. Joel Engel Von Arno Nadel- . . . man vernimmt den unvergeßlichen mystischen Dreiklang am Anfang des ״Dybuk“! Der Vorhang ist geschlossen. Hinter der Welt da droben, auf der imaginären Bühne, hinter dem idealen unwirklichen Leben jenseits des Todes singt der Chor: Um wessen Willen, um wessen Wille!׳ Ist die Seele Aus höchster Höhe Herab in tiefsten Grund geflossen? Im Fallen ist der Aufstieg Eingeschlossen. . . . Ja, um wessen Willen ist die Seele Joel Engels so früh dahingegangen? Mitten im Kriegen und Siegen, dort auf dem heiligen jüdischen Boden, wo die alten Sänger ihre Psalmen sangen, in urjüdischei! Melodien, heute verweht von den Jahrtausenden, nur in dunklen unerkannter! Resten uns erschütternd und zu neuer Arbeit ermahnend. Engel lebte den ganzen Kampf des modernen Juden auf dem lodernden russischen Boden wie kaum einer der Künstler neben ihm. Er galt um die Jahrhundertwende als der angesehenste Musikkritiker Rußlands. Er weckte durch Wort und Tat das Verständnis für die moderne russische Musik, um die Werke Skrjabins und seines Lehrers Tanejews durchzusetzen, machte auch selber unter den russischen jungen eine beachtete Figur, aber siehe da: es brannte unsichtbar im russisch nachempfindenden jüdischen Künstler die Sehnsucht nach eigenstem, nach urnationalem Schaffen. Was mag dieser Mann damals mit sich gerungen haben! Und er ließ seine Arbeit für die neue russische Musik ruhen, und er machte sich auf, um zu suchen, zu suchen, zu suchen —- wonach? Und wahrhaftig: er fand seine eigenste, seine wahre Seele: im jüdischen Volkslied. Engel sammelte Lieder und Liedcrmeister und schuf so das intime jüdische Lied, das Lied vom Sehnen uhd freuen im fremden harten Land, das Idyll der jungen Liebe, der jungen bangen jüdischen Mutter, den Aufschrei zu Gott, das Kinderlallen und den extatischcn frommen Tanz. Engel war der bedeutendste Bearbeiter des jüdischen Volksliedes. Er brachte eine vornehme musikalische Kultur aus seinem langjährigen Wirken für die russische Kunst mit u״d ein Nachfühlen des Getthogesanges in einer so lauteren Weise wie niemand sonst Das war seine Stärke: sein eindeutges Leben für die jüdische Musik, soweit sie als solche, abgesehen von der synagogalcn Kunst, für welche ihm der nahe Sinn nicht gegeben war, angesehen werden konnte. Er vergaß alle sonstige Musik, alle sonstigen Dinge überhaupt. Er lebte fortan nur noch das schwierige Leben eines jüdischen Musikers und Streiters. Wollte man um das Wesen der jüdischen Musik sich mühen, nach ihrer Berechtigung oder Nichtberechtigung fragen, man brauchte nur an drei Abenden die Werke Engels einer empfänglichen Menge vorzuführen, und aller Streit wäre zu Ende. Demi obgleich Engel aus fremden, i!n Grunde u!1jüdischen Gebieten allgemeiner Musikpflege herkam, sprudelte aus seinem Innern ein verborgener Quell, zwischen den Noten, zwischen den weltlichen Motiven, ein Quell, der jüdischen Gründen entsproß. Und dieser Quell wurde genährt: vom jüdischen Volksgesang zweier Jahrhunderte und von den religiösen Elementen, die in ihm eine verkümmerte Existenz führten. Engel selbst wuchs so zu einer ganzen, zu einer reinen Gestalt des jüdischen Musiklebens empor, wie sie niemals vor ihm gelebt und leben konnte. Hing doch sein ganzes Sein und Schaffen mit der Gesamtrestauration des Judentums in den letzten, in unsern nationaljüdisehen Jahrzehnten eng zusammen. Nach dem Kriege kam Engel von Rußland nach Berlin, um hier das Interesse für das jüdische Volkslied, für jüdische Musik zu wecken. Wer erinnert sich nicht seiner feurigen jiddischen peden im Beethovensaal vor Beginn seiner mit den j vornehmsten Kräften Berlins unternommenen, von der hicsi- | gen Kritik heißumstrittenen Veranstaltungen! So etwas hatten die friedlichen Berliner Musikreferenten denn doch noch picht erlebt. Man wich dieser leidenschaftlich durchwühlten Gestalt fast aus. Engel mußte weiter und weiter kämpfen. Was war die Folge, als es in Europa nicht recht vorwärts gehen wollte? Palästina, sein schönes jüdisches altes Land, der Boden nun, in dem er, musikumwoben, ruht. Bei uns in Berlin sang noch vor kurzem die Rowina seine wunderbare Dybuk-Musik, sang der dunkle Chor Engels einsanies Grablicd. Weinen wir um seine schöne Seele, bauen wir ihm bald ein Denkmal aus Davidsfeinen, setzen vir eine Harfe darauf, die seine Melodie, sein herrliches aufrechtes Judentum in alle Welt tönt! Aus der höchsten Höhe seiner Sehnsucht, aus dem werdenden, aufstrebenden Palästina Ist seine Seele in tiefsten Grund geflossen. Aber sieh: im Fallen ist schon sein Aufstieg eingeschlossen, Joel Engel wurde 1S68 in Berdiansk (Südrußlaud) geboren. Er studierte ag, den Universitäten Kiew und Charkow und promovierte als Dr. juris. Dann trat er als Schüler des hervorragenden russischen Komponisten Tanejew in die Hochschule für Musik in Moskau ein. Er wurde ein Meistersehiiler der Kompositionsklasse. Schon in dieser Schülerzeit widmete er sein besonderes Interesse der jüdischen Volksmusik und veröffentlichte auch schon eine Anzahl moderne!• jüdischer Kompositionen. Eine 1894 in privatem Kreise aufgeführte Oper ״Esther“ lenkte die Aufmerksamkeit auf die junge Begabung. Nach Absolvierung der Hochschule trat er in die Redaktion des angesehensten Organs der russischen Demokrafie ״Rußkija Wedeniosti“ als Musikreferent ein und verbiieb länger als 20 Jahre auf diesem Posten. Er entwickelte sich zu dem führenden Misikkritiker Rußlands. Vor etwa 25 Jahren begründete er die ״Gesellschaft für jüdisehe Musik“ in Moskau. Er war der Anreger von Exktirsionen in die entlegenen jüdischen Orte zwecks Sammlung von der Vergessenheit anheimfaüenden jüdischen Volksliedern. Persönlich nahm er mit dem Schriftsteller Anski an solchen Exkursionen teil. Eine große Anzahl der gesammelten Volkslieder gab er in neuer Bearbeitung heraus.

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