Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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JÜEDI5CHE RÜNDSCHXÜ Nr. 13 VW■, Kulturpolitische Diskussion ÜHer Brach mit der Tradition fcnnHunige.» tan rionWiscfieii KuHw- und Cru«lwmg«proMe1n. Von Oerliard Holdheim, Vorbemerkung de« Verfasser*. Oie mdifotgende Arb*« (die au« leidigen Raumgründ« Mn Abdruck geteilt werden muB) legt den Finger aa ebne Wunde, an der der Zionismus von *einer EnttUkmg aa krankt, die jedoch erat jetzt, bei der Erziehung «J*er neuen Generation, in ihrer ganzen Schwere empfun* den werden kann. Da» die Bewegung ohne Zukunft *ein wfnd, wenn nicht fatsche Sentiment* fallen gelassen, leicht erkurlicbe Hemmungen überwunden und aus der empi- *büken Seelentage des modernen Juden beherzte Folge• rangen gezogen werden — diese qualvolle und gleich* reifer ertötende Erkenntnis Zwingt mich, Aufzeichnungen zur Publikation zu bringen, deren Unvollkommenheit in der Ommtstruktur und mögliche Anfechtbarkeit, ja FtMeriuftigkcft im Detail ich von vornherein eingestehe. Sdt Jahren warte ich darauf, daß von berufener Seite das Kttfkj*• und Formenproblem dm Zionismus im besonderen Hinblick auf die Kindererziehung angerührt und die Dis• buiaioa eröffnet werden würde. Und nur weil ich fürch• tan muß, daß die kaum begreifliche Negligierung eines sack Lösung schreienden zionistischen Kernproblems weHerhh» annalten wird, springe ich in die Bresche, Ämit meinem guten Namen ein von mir selbst als empfundenes Elaborat zu decken. Aber dieses Thema bedarf — so scheint mir — nicht so sehr der EnMheft, der Ausgeglichenheit und des Spezialistentums tb vielmehr einer ungetrübten Erkenntnis der psychologischen Situation des modernen Zionismus und eines offenen Blicks für die Richtung des Weges, den wir beachrtftes müssen. Ob diese oder jene Behauptung als angreifbar oder gar als fatsch sich erweist, ob ein Teil• Problem verkennt Oder ein Vorschlag undurchdacht ist, ertckeiat unerheblich gegenüber der Grundkonzeption, die klar Zu umreißen «ne Arbeit sich bemüht. Weil ich die Integrität des Zionismus in Gefahr sehe, fühle icb die Pflicht, das Gewissen unserer Bewegung zu alarmiert•. Möge die Auseinandersetzung, die ich lebhaft her• bdwfinscnc, den ״Sinn für das wesentliche“ bewahren und über alle Divergenzen der Weltanschauung hinweg vom Geiste einer Wahrhaftigkeit getragen *ein, die keine Abgründe fürchtet, und den leidenschaftlichen Drang nach Kirnung und jener VerantWortungsbemts'haft verraten, die Stets das Kennzeichen eines echten Zionismus war. i. Der Zionismus stellt «ich — analytisch gesehen — dar «t rin Aufbrechen verschütteter Instinkte. Die Assimilation ' der Juden an die «le umgebenden Völker — an sich eine RtowMe und durchaus legitime Erscheinungsform, da es ja aMmtHlleBlNir wäre, wollte ein unter anderen Nationen leben• dm KnHurelement in atarrer Absonderung dahinleben —, diese AarimitaMOn entartete, wie wir wissen, in jene furchtbare Krankheit, die die Juden weder leben noch sterben ließ. Der TjJ» d«■ modernen westlichen Juden wies Symptombildungen im, wie sie gräßlicher und existenzvernichtender kaum ge- «ait weiden Können. Wir sind berechtigt, von einer spezipewe» Judenneunme au sprechen. Eine tiefe psychische ßpe'fun* war eingetreten, die allein *uerktärenistäus dem Konflikt wideratrritender Seelenkräfte. Die (petaHri1 ge• mörifeiie) Erinnerung an die jüdischen Zusammenhänge war Hl Vcrdtingung geraten, ohne daß die Im Unbewußten fort• dauernde wunsenregung zur Ruhe kommen konnte. Trotz was Verlangens, im Strome der Umwelt unterzutauchen, trotz dm pathologischen Ehrgeizes, die nichtjüdische Umwelt an Patriotismus gar noch zu übertreffen, gelang es nicht, das Erbe von Jahrtausenden zu verleugnen. Das geistiee luft- •epschenlutn, das wir alle kennen, zeigte deutlich die nicht gfgföckte Kompromißlösung. In jeder Äeußcrung des in seiner Assimilatkmssehnsucht unersättlichen Juden verbarg sich das ■*׳־ freilich völlig entstellte — Antlitz des Judentums. . Der Zionismus war der grandiose Befreiungsakt aus dieser mraetruchen Volkskrankheit. Die Wunde brach auf. Die große Sribstbeslnnung setzte ein. Und es triumphierte die lebendig empfundene Erkenntnis, daß gerade die abgewiesenen Regwy des jüdischen Blutes die Urquellen der eigenen itenz bedeuten. II. Es hieße die psychologische Entstehungsgeschichte des ZtojAins gründlich verkennen, wollte man in sie die Unbc• frrafigffieft mtf dem europäischen Kultur- und Bildungserlebnis Wneingebrimntssen. Zionismus war die Revolte des jüdischen »on«, der Protest gegen die Form unserer Existenz, in im kriner Hinsicht aber das Verlangen nach Rückfindung «1» historischen Judentum. Bis zur Emanzipation war das Refjgiomgesetz d»e Form des nationalen Lebens in der 2*mtk und wurde von jedem luden als verbind’!-h empfunden. Diese heute noch von der Orthodoxie als unlöslich be zeichnete Synthese zwischen Nation und Religion lehnten wir ab. Wir nrfcfeiMten in dem Gesetz einen Schutzwall, den sich das Uaaporajudenhnn in großartiger Intuition zur Erhaltung seines permanent bedrohten Volkslebens errichtet hafte. Aber als antiquiert empfundene Kulturformen mechanisch zu über• •rinnen, wäre uns alt eine merkwürdige Art der Dankbariceit erschienen, Daß es geradezu unmoralisch bt und von wahrhaft Frommen verabscheut werden müßte, wenn ungläubige Lippen den Namen Gottes profanieren — dieser Satz ist oft genug ausgesprochen worden. Aber auch dem religiösen Menschen niriubte rieb das moderne Gewissen gegen ein System, das frundrätzVche Anerkennung einer Besonderheit des Judentums verlangte und rin kunstvolles Netz von Formen, die uns Remdirtig anmuten, für sacrosankt erkürte. Nicht nur geistige Reinlichkeit hieli davon ab, die These von der Auserwihltheit ja jüdischen Volkes zu akzeptieren, sondern auch der Wille jdmte rieh gegen die Dektarierung eines derartigen exklusiven Nationaibewußiseins auf. OewiB war auch in der Konzeption des modernen Zionismus die Vorstellung enthalten, daß die Jüdische Art schon allein um der in ihr liegenden großen *höpferwehen Möglichkeiten erhalten werden müsse. Aber •wer Wertbewußtsein ins Ungebührliche zu steigern, konnte gerade^ die geistige Elite der jung«« Bewegung mit ihren rieatentaren Onmdsltzen rieht vereinbaren. war somit — immer schon vom Standjnmkt des Gliubigen ass ~ die Absonderungstendenz des jüdischen Gesetzes Wserem Voretelhragtlebea einer jüdischen Zukunft konträr, •0 mußten gar eretidie Ritualien selbst als aus einer völlig andersartigen Gedanken• und Gefühlswelt entspringend un- •smetobar erscheinen. Die jüdische Kultur, die uns die mittelalterlichen Folianten vermitteln und die noch bis zu «■seror GroßvitergeneratioB lebendigen Wert hatte, mochte M« Oegefeiand des Respekts und des historischen Interesses JF״; p״e״«t»wert konnte rie nicht mehr beanspruchen. Im Otgenlüil: au unsere Instinkte wehrten sich gegen «!je Re• zeption einer Kulturwelt, die der Seele des emanzipierten Menschen nicht nur keine Nahrung gab, sondern einschnürend und verfinsternd auf uns einwirkte. Die strenge, angsterzeugende Atmosphäre des Feiertagsrituals konnte den aufgekürten Menschen nur zu Abwehr und Ablehnung bringen. Die Psychologie des modernen Juden, der durch die Schule der Emanzipation und der europäischen Bildungsweit gegangen ist, war von Grund aus so verändert daß keine Brücke zwischen der alt jüdischen KuHurform und den neuen Lebenswegen rieh schlagen ließ. III. Die wahrhafte Tragik, die in dieser Unvereinbarkeit ruht und das neue Judentum in tiefstem Sinne traditionslos macht, hat der nachdenkliche Zionist von jeher empfunden, ln der jetzigen Wisse des Zionismus muß sie auch dem Blinden sichtbar werden. Konnte damal* noch der Rausch der jungen Bewegung, verbunden mit der durch die politische Lage erzwungenen Ziellosigkeit, über den Ernst der jüdischen Kultur- Situation hinwegtäusenen, so wird nun, in der Zeit des Aufbaus, die Kulturfrage zum brennenden Problem• Ich denke hier gar nicht so sehr an Palästina selbst, wo die jähe Unterbrechung der Kontinuität, die beispiellose Traditionslosigkeit dem besonderen Problem der wiederzusammenfindung der mannigfaltigen Judeniümer sich hinzugesellt. Vorwiegend die Diaspora habe ich im Auge. Wie sollen wir hier unsere Kinder jüdisch erziehen? IV. Unsere Kinder wachsen nicht unter dem Himmel eines jüdischen Landes auf. Sie stammeln ihre ersten Eindrücke in deutscher Sprache, sehen deutsche Menschen, singen deutsche Lieder, sie wandern in deutschen Wildern und reifen an deutschen Dichtern und Denkern. Ganz wie wir seinerzeit. Doch unsere psychologische Lage war eine andere. Wir erwuchsen in einer Zeit der Hochblüte der Assimilation, der ein selbstbewußtes, nationales Judentum noch nicht entgegenstand. Es war eine Beit, wo alles zur Entladung drängte. Unsere Generation fühlte die historische Mission in sich, der Lüge ihren Spiegel vorzuhalten und das bis zur Fratze entartete Gesicht des in seiner bürgerlichen Ruhe erstarrten Juden zu entlarven. Der Gegensatz zwischen Vater und Sohn — durch Naturgesetz ohnehin begründet — fand hier Bedingungen vor, die ihm erlaubten, sich ins Uebermaß zu erheben. Unser Väier Ideal war Geld und soziale Anerkennung. Aufgewachsen in Meinen, engen Verhältnissen, unter einem Kinderreichtum, der eine individuelle Erziehung auch dann nicht ermöglicht hätte, wenn das Verständnis des pater familias dafür vorhanden gewesen wäre, frühzeitig gezwungen, dem materiellen Erwerb nachzugehen, war all ihre Sehnsucht darauf gerichtet, zu arrivieren und sich und ihrer Familie eine gesicherte und sozial angesehene Existenz zu schaffen. Und es war ihre Tragik, daß wir, ihre Kinder, denen sie ein erleichtertes Leben, eine glücklichere Jugend zu ermöglichen trachteten, nicht nur nicht ihre Wege wandelten, sondern mit leidenschaftlichem Protest ihren Losungen entgegentraten. Wir konnten den deutschen Wald und das deutsche Buch lieben und dennoch der I d e e der Assimilation entsagen. W i r konnten des neuen Judentums Begründer werden, ohne es nötig zu haben, in jüdischen Zusammenhängen organisch aufzuwachsen. Unsere Sendung war abzubrechen, nicht aber aufzubauen. Im Nachpubertitsalter erst zur Erkenntnis unseres Judentums gelangend, waren wir selbst unsere jüdischen Erzieher. ״Lehrstoff“ unserer jüdischen Erziehung war lediglich die Erfassung der modernen Judenfrage. Wir studierten die Lage der Juden und leiteten unsere nationalen Erkenntnisse aus ihr ab. Ganz und gar nicht bewegte uns das Bedürfnis nach Rezeption jüdischer Kulturinhalte. Wir begriffen das Judentum als die Grundform unserer Existenz, aus der wir unsere besten Kräfte zogen. Und es war unserer Weisheit letzter Schluß, daß unser nur die Aufgabe sei, die Bausteine für eine neue in sich ruhende jüdische Zukunft zu legen. V. Doch es kamen Stunden, wo uns die Unruhe ergriff. Es begann uns vor einem Nationalismus zu schaudern, der nur auf Erkenntnis und Willen beruhte und auch so gar keine adäquaten Kulturformen besaß. Den ״Konflikt der modernen Kultur“, als welchen Simmel (in seiner gleichnamigen Arbeit) das Phänomen aufzeigt, daß das Leben die Form als solche wie etwas ihm Aufgezwungenes empfindet, sie durchbrechen und in seine Unmittelbarkeit aufsaugen will, um sich selbst an ihre Steile zu setzen.... bis alle Erkenntnisse, Werte und Gebilde nur noch als seine umweglosen Offenbarungen feiten können — diese allgemeine Kulturnot empfanden wir ionisien in einer besonderen Stärke. Daß das Leben unlöslich damit behaftet ist, nur in der Form seines Widerepieis, d. h. in einer Form in die Wirklichkeit zu treten, daß es andererseit* undenkbar erscheint; wenn ,,jene Innerlichkeit, die wir nur Leben schlechthin nennen können, sich in ihrer ungeformten Stärke geltend macht“ — wer konnte einsichtslos genug sein, diese Erkenntnis nicht zu begreifen? Doch weit krasser als bei anderen Völkern boten sich uns ״die Formen in ihrem starren Eigenbestand, ihrer Forderung unverjahrbarer Rechte als der eigentliche Sinn oder Wert unserer Existenz“ an. Und es rebellierten die lebendigsten Kräfte unseres Bewußtseins gegen alle Einmischungsversuche der Verstandes• Instanzen. VI. Zeh« Jahre sind es etwa her, als das Wort von der Notwendigkeit fiel, unseren Nationalismus ״wesenhafter“ zu machen. Es war die Zeit des Krieges, der erzwungenen Tatenlosigkeit. Niemals erschien die Erreichung des zionistischen Ziels ferner als in jenen Unheilstagen. Die psychische Qual, die wir Zionisten noch in ganz anderem Maße als andere damals erleben mußten, kann manches erklären. Dennoch ist es heute schwer begreiflich, wie damals unser Minder- Wertigkeitsgefühl gegenüber dem als *Volljuden“ angesehenen östlichen oder religiösen Judentyp derartige Verirrungen anrichten konnte. Hätte die Forderung sich darauf beschränkt, Geschichts*, Bibel- und Talmudstuaiüm zu treiben — sie wäre richtig gewesen. Es war eine schwere Unterlassung* Sünde, daß wir in der Vorkriegszeit auf eine gründlich jüdische Ausbildung so wenig Wert legten. Und daß einmal der Augenblick kommen mußte, wo wir begriffen, wie entgeistet eine nationale Bewegung sei, die auf Kenntnis und Er• kenntnis ihrer eigenen Vergangenheit verzichtete, war allen Einsichtigen schon lange klar, Zusammenhänge zu erkennen, seinen Horizont zu erweitern suchen, um die historische Entwickfung des Judentums in seiner Totalität begreifen zu können, das ist aber etwas völlig anderes als die heimliche Sehnsucht nach dem Judentum in seiner gewordenen Gestalt Es erschien mir stets als ein Zeichen innerer Kraft, daß sich der Zionismus von einer solchen falschen Romantik fernhielt, und gerade und ausschließlich dem Umstand, daß wir das heutige Bild des Juden ablehnten und das Ideal einer radikalen Umgestaltung des jüdischen Daseins im Herzen trugen, verdankten wir die Werbekraft unserer Losungen. Der Insuffizienz des gesamten jüdischen Lebens war sich der deutsche Ztonis׳ mus in besonderem Maße bewußt. Daher die besondere palästinozentrische Tendenz unserer zionistischen Auffassung. Aber ״jüdischer werden“ wollen durch Kenntnis etwa des Talmuds oder gar durch Anlehnung an die bestehenden jüdischen Kulturformen — das war eine Verirrung, die grell den tragischen Zirkel beleuchtet, in dem wir uns damals drehten. Es gibt keinen Komparativ von jüdisch. Es gibt funktionelles Judentum, jüdisches Lebensgefühl Bewußtsein seines Blutes und seiner Verbundenheit. In diesem Bereich sind wir genau solche Volljuden wie jeder sonstige Zionist. Und es gibt ״materielles" Judentum, ein als Ausdruck jüdischen Lebens in die Erscheinung getretener Lebensstil und Formenkomplex, dessen Ablehnung den Juden nicht ״unjüdischer“ macht und vor allem in seinen eigenen Augen nicht degradieren darf. VII. Der Einwand unserer misrachhtischen Freunde, daß unser Judentum unhistorisch und mangels der religiös-traditionellen Komponente ohne Zukunft sei, ist hinreichend bekannt. Es ist von Herzen zu wünschen, daß er taube Ohren findet. Hier geht es nicht mehr nur um jüdische, sondern um menschlichste Dinge. Hier ist ein Gefahrenpunkt für die Integrität der menschlichen Gesamtpersönlichkett Es ist so: Noch der freieste Geist unter uns empfindet mitunter in stiller Stunde ein Schuldgefühl, wenn er sich ״abtrünnig“ fühlt den Jahrhunderte alten Traditionen unserer Viten Kaum f" ‘ ' "" eines die peinlichste Befolgung seiner Gebote verlangenden Gottes entwickelt hat. Wenn denen, die ohnehin oft genug noch mir dunklen atavistischen Anwandlungen ringen müssen, offen oder ״durch konkludenfe Handlungen“ ihre Minder- *Fertigkeit bescheinigt und im besten Falte der Freireligiöse als verlorenes Schaf und demzufolge als liebevoll zu behandelndes Erziehungsobjekt betrachtet wird, so gilt ein lauter Protest gegen solche Zermürbungsversuche. Würde nur das Judentum des Areligiösen herabgesetzt und dadurch die Kraft des nationalen Bewußtseins unterminiert — es wäre schlimm genug. Daß aber Menschen, die aus wohl* begründeter psychologischer Erkenntnis heraus ihre Kinder in anderen Vorstellungen erziehen und aufwachsen sehen wollen, durch eine Art öffentlicher Meinung fast gezwungen werden, Kompromisse mit ihrer besseren ueberzeugung abzuschließen, daß also die Freiheit der Entscheidung in persönliehen Glaubens- und Gewissensfragen beschnitten und auf eine Entwicklung moralisch hingedrängt wird, die meiner tiefen Ueberzeugung nach schwere seelische Schäden im Gefolge haben kann — das ist ganz unerträglich. Wenn ich die Gefahr einer ungebührlichen Einflußnahme der Orth«5doxie auf den Zionismus in so grellen Farben zeichne, so denke ich nicht so sehr an die Diaspora (obwohl auch hier die reaktionären Tendenzen in der Erziehungsfrage ein deutliches Erstarken zeigen) als besonders an Palästina, wo der erdrückenden moralischen Machtstellung der Orthodoxie nur beizukommen sein kann, wenn unerlaubte Uebergriffe mit aller Schärfe abgewehrt werden und die freireligiöse Judenhelt die Bereitschaft zeigt, ihre Ideen — man mag Sie religiös oder areligiös nennen — systematisch und ernsthaft zu tundieren. ' : V״L , ״V: ' Der Kampf mit der Örthödoxie erscheint unvermeidlich. Sein Ziel ist allein die Anerkennung unserer jüdischen Gleich* bercchtifmng. Es gehl um die Säkularisierung des Judentums, um die Zertrümmerung der Vorstellung, daß unser Volksleben inhaltlich festgelegt sein soll auf ewig gültige Normen. Wer von der Untrennbarkeit der nationalen und religiös-traditionellen Komponente durchdrungen ist. den hindert niemand daran, seinem Glauben zu leben. Wird aber diese Ueberzeugung der Gesamtheit aufoktroyiert und das sogenannte synthetische Judentum zu dem allein echten proklamiert, dann wird ein Kulturkampf entstehen, dessen Erbitterung unausdenkbar ist. Denn wir wollen Juden bleiben nach unserer Vorstellung eines lebendigen Judentums. Das glühende Herz des Juden lebt in uns, der seine Art durch die Zeiten tragen, den Leib seines Volkes erneuern und die Seele aus der Finsternis zum Licht führen will. Vielleicht ist unser Weg ein Irrweg und der Zionismus die Untergangsbewegung des Judentums. Vielleicht ist wirklich das Judentum nur noch als Gesetzesnation daseinsfähig und der Bruch mit der Tradition unserer Väter das moralische Ende unseres Volkes. Selbst dann werden wir einmal vor der Geschichte nicht in Unehre dastehen. Denn es gab für uns keine Wahl. . IX. Es bleibt die brennende Frage: Wie sollen wir unsere Kinder erziehen? Wir Aelteren können sagen: Besser die einsam thronende, in Ihrer Unmittelbarkeit sich darbietende Idee als eine Nahrung, die uns nicht sättigen kann. Aber Kinder brauchen sinnliche Formen, die auf das Gemüt wirken, unmittelbare Erlebnisbilder, gegenständliches Leben. Wir können den Vier- bis Zehnjährigen nicht die ״Judenfrage“ theoretisch entwickeln, sondern müssen ihnen das Judentum Vorleben. Abgründe tun sich auf. Wie sollen wir ihnen Feiertage zeigen, die wir in den historischen Formen nicht mehr halten können? Wie soll ihnen das Jude- Sein zu leichter Selbstverständlichkeit werden, wo der Kon• flikt und die Last des Galuthdaseins uns tief im Herzen sitzt? Und weiter: Kann ernsthaft jemand meinen, daß eine Erziehung der jüngsten Jugend darauf aufgebaut sein kann, Fremdheilsgefühle zu erzeugen und das Bewußtsein zu wecken, daß hier nur ein Provisorium gelebt werden kann? Was diese Zeilen wollen, ist, die verantwortlichen Träger unserer Arbeit sowie alle jungen Väter und Mütter, soweit sie wahrhafte Zionisten sind, aufzurufen zur Diskussion und zum Zusammenschluß. Es ist ein unfaßbarer Zustand, daß die Zentralstellung dieses Problems noch immer nicht erkannt wird. Hat man denn keinen Sinn dafür, daß es im Augenblick nicht um Gelehrsamkeit und Bildungsideale geht, sondern daß der simple Alltag des jüdischen Klndes zum Problem geworden ist und die elementarsten Voraussetzungen einer in unserem Sinne jüdischen Erziehung in keiner Weise geschaffen sind? Es wäre müßig zu fragen, ob und welche Aussichten bestehen, daß unsere Kinder die Fahne, die wir aufrichteten, heilig halten werden. Ob es überhaupt denkbar ist, den Glücksschmerz unserer zionistischen Leidenschaft auch einem Geschlechte zu vererben, das unter anderen Bedingungen groß werden muß. Vielleicht werden unsere Kinder uns als Reaktionäre verhöhnen, wie wir es mit unseren Vätern taten. Vielleicht werden sie, von einer starken materialistischen Zeitwelle mitgerissen, geizigen Ideen überhaupt unzugänglich sein. Oder es werden sich neue Ideale erheben, und die nächste Generation wird mit fliegenden Fahnen ins Lager