Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 Das Schicksal der Wahlproteste Eine Kundgebung der Liberalen Der ״Liberale Verein" übersendet uns folgendes Comraunique: Der liberale Verein für die Angelegenheiten der Jiidisehen Gemeinde zu Berlin und die liberalen Repräsentanten haben einstimmig folgende Entschließung gefaßt: Bei der am 16. Mai 1026 vollzogenen Wahl zur Berliner , Repräsentanfenversammlung sind so grobe Unregelmäßigkeiten vorgekommen, daß das Ergebnis nicht als der willensausdruck der Wahlberechtigten anerkannt werden konnte. Schon um der Ordnungsmäßigkeit künftiger Wahlhandhabung und der Wahrhaftigkeit des jüdischen Lebens willen ist die Wahl von liberaler Seite angefochten worden, weil Stillschweigen die Billigung jener Unregelmäßigkeiten bedeutet hätte. Der jetzt ergangene Bescheid des Berliner Polizeipräsidenten beweist, wie berechtigt die Anfechtung der Wahl gewesen ist. Der Polizeipräsident erklärt, daß verschiedene Verstöße gegen die Wahlvorschriften des Statuts vorgekommen sind, und diese Verstöße werden von ihm als erheblich bezeichnet. Insbesondere wird dem Wahlkonimissar eine starke Ver- Ietzung des Statuts nachgewiesen. Zum Schluß seiner scharfen Kritik betont der Polizeipräsident, daß eine mit so zahlreichen Unregelmäßigkeiten behaftete Wahl nicht der Würde einer öffentlich-rechtlichen Körperschaft entspricht. Schließlieh ordnet die Aufsichtsbehörde eine vollständig neue Ermittlung des Wahlergebnisses durch die vereinigten Wahlausschiissc an, wobei die zahlreichen Unregelmäßigkeiten ausgeglichen werden sollen; alsdann ist von dem Gemeinde- Vorstände eingehend über das Ergebnis zu berichten. Diese vom Polizeipräsidenten verlangte Neuermittlung des Wahlergebnisses bedeutet für unsere Gemeinde eine mit Kosten und außerordentlichem Zeitaufwand verknüpfte Arbeit, wobei mehr als zweifelhaft ist, ob sie heute nach Ablauf von dreiviertel Jahren überhaupt ordnungsmäßig dürchgeführt werden kann. Zum mindesten würde sie die Er- Öffnung einer neuer! Repräsentantenversammlung und eine geordnete Gemeindeverwaltung auf unbestimmte und unabsehbare. Dauer unmöglich machen. Die Verantwortung für diese Zustände trifft diejenigen Personen, welche die vielfachen Unregelmäßigkeiten verschuldet haben, vor allem dfii der Jüdischen Volkspartei angehörenden Wahlkommissar, sowie diejenigen Parteien, welche um jeden Preis zu eigenein'Vorteil ׳das auf ungesetzliche Weise zustande gekommene Wahlergebnis zu decken suchten. Pie liberale Partei indessen, welche stets das Gemeindewohl über das Parteiinteresse gestellt hat, kann diesen für die Erfüllung der religiösen Aufgaben unserer Gemeinde unerträglichen Zustand nicht länger dulden. Sie wird um der allgemeinen Sache und de‘r Befriedigung unseres jüdisehen Lebens willen ein Opfer bringen. Sie ist bereit, mit dem Wahlergebnis vom 16. Mai 1926, durch welches von 21 Repräsentantensitzen 10 auf die Liberalen und 11 auf die übrigen Parteien entfallen, sich unter folgenden zwei Bcdingungen abzufinden: 1. Das bisherige Zahlenverhältnis im Vorstande der Jüdischen Gemeinde, nach welchem bei 7 stimmberechtigten Mitgliedern 4 Liberale 3 Angehörigen der übrigen Parteien gegenüberstellen, bleibt unbeschadet personeller Aenderungen aufrechterhalten■ , 2.. Pje Wahldauer der neuen Repräsentantenversammlung endet spätestens im Jahre 1929. Die Neuwahlen finden zu gleicher Zeit mit den Neuwahlen zur preußischen Landcsversammlung statt. Den übrigen Parteien wird diese liberale Entschließung hiermit unterbreitet. Mögen sie in gleiche( Weise die frietfliehe Einigung einem weiteren Zwiste vorziehen, damit unsere Gemeinde keinen dauernden Schaden nehme! -׳'’ : ־״' ' <־■■■׳r' "•■־׳׳ : Von führender Seite der Jüdischen Volkspartei geht uns auf unsere Anfrage folgende Zuschrift zu: Die Entschließung des Liberalen Vereins beruht auf u n - richtigen äußeren und inneren Voraussetzungen. Wenn in ihr festgestellt wird, daß bei den Wahlen vom 16. Mai so erhebliche Unregelmäßigkeiten vorgekommen wären, daß das Wahlergebnis nicht mehr als Willensausdruck der Wähler anerkannt werden könnte, so liegt hierin eine maßlose Uebertreibung. Richtig ist im Gegenteil, daß bei der gründlichsten und strengsten Prüfung, die von den Staats- Behörden vorgenommen ist, nur in untergeordneten Punkten einige wenige Mängel hatten festgestellt werden können. Schon jetzt kann gesagt werden, daß die erneute Prüfung durch die vereinigten Wahlausschüsse an der parteimäßigen Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung nichts ändern wird. So weit Verfehlungen vorliegen, trägt die bisherige liberale Mehrheit in den beiden Gemeindekörperschäften die Verantwortung. Unrichtig ist ferner die Be¬ JUEDISCHE RUNDSCHAU hauptung, der Wahlkommissar hätte das Statut starte verletzt. Dem Wahlkommissar ist seitens der Staatsaufsichtsbehörde nur der rein formale Vorwurf gemacht worden, daß er die Auszählung, die Prüfung der Wahlen durch die vereinigten Wahlvorstände und die Feststellung des Wahlergebnisses nicht bis zum Abschluß persönlich geleitet hat. Ob dieser Vorwurf berechtigt ist, kann stark angezwcifelt werden; es ist nicht angängig, von einem Menschen zu verlangen, daß er ohne jede Möglichkeit der Vertretung viele Stunden hindurch einer Sitzung beiwohnt. Wenn aber der Vorwurf für begründet erachtet wird, so betrifft er lediglich eine reine Formsache und war nicht von geringstem Einfluß auf das Wahlergebnis. Unwahr sind die inneren Voraussetzungen der Ent- Schließung des Liberalen Vereins. Es kann keine Rede davon sein, daß die Wahrung der Würde der Gemeinde und Gefahr der Billigung von Unregelmäßigkeiten den Grund für den Protest gebildet hätten. Hätte der Liberale Verein auf diesem Standpunkt gestanden, so lag es viel näher, Protest gegen die Ergebnisse der ersten Wahlen zum Verbandstage des Preußischen Landesverbandes zu erheben, bei denen die allerschwersten Verstöße nicht nur in Formfragen, sondern gegen das materielle Recht nach gewiesen waren. Damals schwieg man, weil das Ergebnis der Wahl eine liberale Mehrheit gezeitigt hatte; jetzt fühlt man sich angeblich im Gewissen bedrängt, nachdem man die Herrschaft über die Jüdische Gemeinde verloren hat. Hierin liegt eine innere Unwahrhaftigkeit, die vor aller Oeffentlichkeit auf das entschiedenste als solche gekennzeichnet und mißbilligt werden muß. Aus den unrichtigen Voraussetzungen ergeben sich die Trugschlüsse in der Beurteilung der Situation. Die neue Reprasentantenversammlung muß frei in der Wahl des Vorstandes sein und bleibet!. Wir werden cs nicht zulassen, daß nach dem Ergebnis der Wahl uns wiederum jede Arbeitsmöglichkeit durch einen Vorstand versperrt wird, in dem nicht Ueberlegung und Debatten, sondern der blinde Gehorsam der Willkür der Parteiorgane gegenüber die Entscheidung diktiert. Wir können auch der neuen Repräsentantenversammlung nicht zumuten, mit ihrem eigenen Auflösungsdekret in der Tasche die Arbeit zu beginnen. Orthodoxie und Jewfsh Agency Das ״Jüdische Wochenblatt", Frankfurt a. M., Organ der ״Achduth“? beschäftigt sich mit der durch das Agency-Abkommen zwischen Weizmann und Marshall gesenaffenen Lage und schreibt: ״Bei diesem Stand der Dinge erhebt sich für uns erneut die Frage nach der Stellung der Orthodoxie zur Jewish Agency. Soweit die Agudas Jisroel in Frage kommt, haben die vor etwa 1J/3 Jahren geführten Verhandlungen Dr. Weizmanns zu einem so negativen Ergebnis, selbst in der Einzelfrage des Gemeindegesetzes geführt, daß eine Beteiligung der Agudah, so wünschenswert sie an und für sich wäre, wohl praktisch kaum in Frage kommt. Um so wesentlicher ist das Interesse des anderweitig organisierten gesetzestreuen Judentums an der neuen Körperschaft, ln Frage kommen einmal der Misrachi und darin die weder agudistische, noch zio* nistisehe Orthodoxie, wie sie sich in Deutschland in der ״Achduth“ organisiert hat, in Palästina etwa durch Oberrabbiner Kuk vertreten wird und zweifellos auch noch in vielen anderen Judensiedlungen mehr oder minder zahlreiche Anhänger besitzt. . . .Es ist also zu fördern, daß einmül: der; Misrachi inneriialb der den Zionisten vötbrtfätfeiten 50 0fo der Sitze eine seiner Stärke auf den Kongressen entsprechende Vertretung erhält, daß auch von den allgemeinen Zionisten eine Anzahl Gesetzestreuer delegiert werden, wie das ja in Anerkennung der Tatsache, daß nicht alle Traditionelien im Misrachi organisiert sind, auch bei den Kongressen geschieht, und daß schließlich unter den für Nicht- Zionisten freigehaltenen anderen 50 »/# der Sitze in der Jewish Agency die weder zionistischen noch ägudistischen aber palästinatreuen Gruppen der Orthodoxie gebührende Berückslchtigung finden. . . . Die iionistische Leitung hat zwar mit der Agudah verhandelt, noch nicht aber mit den anderen, eben genannten orthodoxen Gruppen. Es ist leider so, daß der Anspruch der Agudah, die Orthodoxie schlechthin zu vertreten, in unbewußter psychologischer Niederlage auch von ihren schärfsten Gegnern, den untraditionellen Zionisten, anerkannt wird. Demgegenüber müssen die übrigen Gruppen sowohl ihre Bereitschaft zur Mitarbeit bekunden, die freilich, ebenso wie im Falle der amerikanischen Agency- Mitglieder, von gewissen programmatischen und sachlichen Vorbedingungen abhängig gemacht werden muß, wie ihre Forderungen anmelden." Seite 01 Wedgwood ln Frankfnrt a. Mal■ Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Der bekannte Labour-Abgeordnete Colonel J. Wen gwood hielt sich auf der Rückreise nach England am 8. Februar in Frankfurt a. M. auf und sprach am Abend vor einem kleineren Kreis, in dem auch die Tagespresse vertreten war, über das Palästina-Aufbauwerk, ln seiner Rede, die von Dr. Eugen Mayer verdeutscht wurde, stellte er das Landproblem in den Vordergrund und forderte eine Aendertmg des Steuerrechts, bei dem nicht wie bisher der Bodenertrag, sondern der Wert des Grundbesitzes die Basis bilden müßte und daneben die Gründung einer aus Staatsmitteln zu dotierenden Land bank für die Zwecke des-Landerwerb* und der Vorbereitung neuer Siedlungen. Im zweiten Teil seiner" Ausführungen befaßte sich der Redner eingehend mit dem Araberproblem, wobei er zu der Feststellung kam, daß die überwiegende Mehrzahl der Araber, nämlich die städtischen Arbeiter und die Fellachen, von der jüdischen Einwanderung erhebliche Vorteile hätten, die in der Steigerung der Arbeit*- löhne, des Absatzgebietes und der Marktpreise und einer Ver• bcsserung der Arbeitsmethoden, sowie Hand in Hand damit in einer Erhöhung des Lebensniveaus zum Ausdruck kämen. Bei den Beduinen sei die gleiche Beobachtung wie in anderen Koloniallandem zu machen, daß nämlich der Nomade vor der. vordringenden Zivilisation zurückweichen müsse, wenn er nicht die ihm gebotene Gelegenheit zur Ansässigmachung benutze. Eine wirkliche Gegnerschaft gegen das Aufbauwerk bestehe nur bei der zahlenmäßig geringen früheren Herrenschiebt, die sich zu einem erheblichen Teil aus christlichen Arabern rekrutiere und nun sowohl die Konkurrenz der Juden auf geistigem Gebiet wie auch die höhere Bewertung der Lohnarbeit als Angriff auf ihre frühere Machtposition empfinde. Im allgemeinen ist Wedgwood zu der Ueberzeugung gekommen, daß hier zum erstenmal in der Kolonisationsgeschichte aller Völker eine Kolonisation vor sich gehe, die dem Eingeborenen überwiegend Vorteile bringe, was zum Teil auch darin begründet sei, daß zwischen Arabern und Juden eine wesentlich geringere Kluft bestehe, als etwa zwischen Engländern und afrikanischen Stämmen. Er selbst sei während seiner langen parlamentarischen Laufbahn stets für das Recht der Eingeborenen cingetreten und würde den Zionismus niemals unterstützen, wenn er die leiseste Gefahr für die Araber darin erblickte, er sei im Gegenteil der Meinung, daß es eine Beleidigung für die Juden bedeute, wenn man annehmen wollte, daß sie ihre eigene Freiheitsbewegung zur Unterdrückung anderer mißbrauchen könnten. An der Haltung der englischen Mandatsregicrung fand der Redner mancherlei auszusetzen, vor allen Dingen ihre zu sehr betonte ״Neutralität“, aber auch die Tatsache, daß eine ganze Reihe öffentlicher Aufgaben der privaten Initiative und der Zionistisehen Organisation überlassen bleibe, die hierdurch wiederum in ihrer Finanzkraft geschwächt und ihren eigentlichen Aufgaben entzogen werde. Den großen Erfolg des Palästinawerkes erblickt Wedgwood darin, daß es dort, vor allem in den ländlichen Siedlungen, gelungen sei, einen neuen Typus des jüdischen Menschen heranzubilden, wofür vor allem* die jüdische Dorfjugend mit ihrer freien Unbefangenheit den schönsten Beweis liefere. Man dürfe von diesem Werte über seinen augenblicklichen Gegenstand hinaus weitgehende Wirkungen im Sinne der Vöikerversfihttung erwarten. In der anschließenden zwanglosen Aussprache beantwertete- Colonel Wedgwood unermüdlich zahlreiche aus dem Kreise der Anwesenden an ihn gerichtete Fragen, die zum Jeil auch auf das Gebiet der hohen Politik führten, und der Vorsitzende der Ortsgruppe, Herr Ingenieur Grünstein, sprach allen Anwesenden aus dem Herzen, als er dem verehrteu Gast den Dank für seine anregenden und außerordentlich instruktiven Darlegungen zum Ausdruck brachte. Jo£! Engel * Wie wir unmittelbar vor Schluß des Blattes erfahren, ist in Tel-Awiw, einem J. T. A.-Telegramm zufolge, der bekannte, um die Pflege jüdischer Musik und Sammlung von Volksliedern hochverdiente Komponist loel Engel gestorben. Die Nachricht wird allenthalben lebhaftes Bedauern hervorrufen. Wir behalten uns vor, die Verdienste des Verewigten noch ausführlich zu würdigen. schönsten Ausdruck findet Habefers Naturliebe und Naturempfinden in den Intarsien (Einlegearbeit aus verschiedenen Hölzern) Oskar Haberer, der sich durchaus als guten Juden betrachtet, schafft dennoch in seinem Werke keineswegs jüdische Kunst. Der jüdische Künstler betätigte sich mit Erfolg bisher nur im Kunstgewerbe mit einem Torahschränkchen, das auch im Entwurf eigenE Arbeit ist. Die am 20. Februar eröffnete Ausstellung bei Kasper wird Gemälde und Intarsien zu einer Gesamtausstellung vereinen. rm. Ein Sinfonieorchester In Tel-Awiw Dank den rastlosen Bemühungen des Herrn Fritz Saphir, eines ehemaligen Mitgliedes der Philharmoniker iij Wien, der für das Wohl der Musiker und des Musiklebens im Lande bis nun sehr vieL» geleistet hat, ist es gelungen, hier ein ständiges Sinfonieorchester zu gründen, um in regelmäßigen Zeitabschnitten Sinfonie- Konzerte zu veranstalten. Diese Gründung, die in der mühevollen Ausgestaltung unseres Musiklebens unbestritten einen Schritt vorwärts bedeutet, ist sowohl vom künstlerischen, wie auch vom sozialen Standpunkt als eine Tat von großer Bedeutung zu werten. Den Berufsmusikern, die, um die schwere Existenzfrage zu lösen, unbefriedigender Beschäftiung nachzugehen gezwungen sind, bietet sich eine Gelegeneit durch ernstes Musizieren, durch Das-Sich-Einleben in edle Kunstwerke menschlich, und künstlerisch zu wachsen. Von nicht geringerer Bedeutung wird die gesteigerte Musikpflege für die Bevölkerung Palästinas. Die planmäßigen, zielbewußten Darbietungen werden die Musik, ihre Beaeutung, ihren gefühlsmäßigen und geistigen Gehalt, ihre Verbunaenheit mit allen Gebieten des menschlichen Schaffens klar und bewußt machen. Der Kontakt mit der Gesamtheit wird hergestellt, die Werke großer Meister werden den schwer Ringenden zur wirksamen Ablenkung von der Mühsal des Alltags, ftr erhebenden, kraftspendenden Quelle. Um diese Bestrebungen ehestens zu verwirklichen, um die hohe Aufgabe in Tat umzusetzen, wurde auch eine große Anzahl von Musikfreunden aus allen Schichten der Bevölkerung zur engen Zusammenarbeit, zum gemeinsamen Wirken heraagezogen. In den letzten Tagen fand bereits das zweite Sinfoniekonzert unter der Leitung des Herrn Fordaus statt, der dem mit inniger Hingabe musizierenden Orchester zum ehrlich verdienten Erfolg verhalt. Es wurden die Egmont-Ouvertüre, das Mozart-Klavierkonzert A-Dur, in dem sich Fr!. Schulamith Doniach als Pianistin von Rang bestens bewährte, und die VH. Beethoven-Sinfonie geeben. Der Reinertrag des Konzertes wurde von den Musiern, die auch anderweitig beschäftigt sind, ihren arbeitslosen Kollegen zugewiesen. Der erste Schritt ist bereits getan. Es ist zu erwarten, daß die freudige Aufnahme, dre die Gesellschaft des ständigen Sinfonieorchesters in allen Kreisen der Bevölkerung gefiinden hat, diese emsig schaffenden Arbeiter auf dem Gebiete der tönenden Kunst zu weiteren erfolgreichen Leistungen anspornen und befähigen wird. C. Sirkes, Tel-Awiw. Büeherschan Jaroslav Hasek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges. Aus dem Tschechischen von Grete Reiner. Hlustr. von Josef Lada. 1. u. 2. Bd. Verlag Adolf Synek, Prag VII, 1926. — Je M. 3,50. Was nationale Eigenart ist, fst nicht immer mit Worten definierbar, so daß Rationalisten behaupten konnten, es gäbe keinen Nationakharakter. Daß es in« gibt, erweist die *unmittelbare Erfahrung, und bei jedem Volk ist es vor allem der Dichter, der intuitiv das Wesen des Volkstümliehen erfaßt und gestaltet, nicht der Theoretiker. Das wahrhaft Volkstümliche offenbart sich am überzeugendsten im Humor. Die populärsten jüdischen Gestalten schufen Mendeie und Scholem Alechem; Tewje der Milchiger ist eine Figur, vor der jeder Zweifel an jüdischem Volkstum verstummen muß. Und so sehen wir unter diesem Gesichtspunkt eines eruptiven, originellen Volkstums auch mit stärkster Anteilnahme einen Volks-Typus ersten Ranges sich entfalten in dem braven Soldaten Schwejk. Hier tritt uns ein Mensch entgegen, den wir in seiner Urwüchsigkeit, in seiner ganz unheroischen Unbekümmertheit und beinahe möchte man sagen: unbewußten Sclbstiroaic lieben — weil dahinter, hinter diesem unbefangenen Sich-nicht-fügen dem Druck des Mechanischen, der ״Organisation“, etwas Menschliches uns anrührt. Diese Enthüllung eines dumpfen und doch so lebendigen Nationalseins schafft für uns schon einen Zusammenhang mit diesem köstlichen Buch; aber es führt uns auch in eine Welt, die für das mitteleuropäische Judentum — und für manche von uns persönlich — von schicksalhaftem Belang war. Die österreichische Armee war eine merkwürdige Mischung von Nationen und Temperamenten; der tschbchische ebenso wie der jüdische Normalmensch zu innerst antimilitaristisch, den Krieg hassend, dabei meist mit fatalistischem Humor tragend; aber zugleich auch, sei es durch Ueberkompensation, sei es aus assimilatorischer Kriecherei, ab es ebenso tschechische wie jüdische Offiziere, die durch esondere ״Strammheit“ glänzten. Jaroslav Hasek schildert — wenigstens in den bisher erschienenen Bänden — diesen tschechisch-österreichischen Leutnant nicht, dagegen gibt er die widerliche Karrikatur eines jüdischen katholischen Feldkuraten Otto Katz, auch so etwas war vielleicht damals möglich, ebenso wie es ja auch den hurrapatriotischen, denunzierenden Juden damals gab, aber der Typus des Juden war auch schon damals und in der Armee ein anderer. Immerhin ist die beispiellose Verkommenheit dieses Soldatentums trotz der natürlichen Uebertreibungen eine Realität, deren Wucht in Haseks Roman um so stärker wirkt, als ihr Erlebnis dem Bewußtsein allmählich fast entgleitet. Ganz unpathetisch, in befreiendem Lachen, werden wir in jene Zeit versetzt, die wir nicht vergessen sollen. Und lernen nochmals, von einem, der es weiß: was Krieg, Militär, Entmenschung bedeutet. Für Menschen aller Nationen ist dieses ganz und tief nationak tschechische Buch geschrieben. Die deutsche Uebersetzung mit ihrem zuweilen jüdelnden Tonfall ist vielleicht ein (ungewollter) Beweis, daß die elementare Volkstümlichkeit des tschechischen Slang im Deutschen nur durch Anlehnung an§ — Jüdische wiederzugeben ist, das gerade in der Ironisierung des Militarismus und in der Kraft des undefinierbaren Vplkstümlichen dem Tschechischen verwandt ist. Oder aber hätte ein wirklicher Künstler deutscher Volkstüm* lichkeit die Uebersetzung besorgen müssen, um ein gleichwertiges deutsches Buch zu schaffen. Der Idiot Scnwejk als Korrelat des Krieges — diese Illustration wird bleibe«. ._ ׳ ׳ «ftr«. ״