Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 13 (15.2.1927)
- Date
- 1927-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 90 _IOEPTSCHE RÜNPSCHAtJ Nr. 13 geruch nicht beklagen, denn es dauert seine Zeit, ehe sich neuer Humus bildet, Leben und Sterben sind weder ein Rechenexempel noch die Verwirklichung einer philosophischen Idee. Ein Organismus ist reif zum Sterben, oder er ist es nicht. Deshalb sterben Zweige des alten Stammes tatsächlich ab; ihr Leben als das einer jüdischen Gemein* schaft ist sinnlos geworden. Und sie bedürfen keiner Broschüre auf ihren ohnehin notwendig gezeichneten! Weg. Aber eben aus demselben Grunde halt der Stamm selber noch stand und schickt sich sogar an, neue Triebe hervorzubringen. Auch ihm ist mit noch so gebildeten Erwägungen nicht gedient. Aber seine Aufgabe, sagt der Verfasser, sei lange gelöst: nunmehr hätten wir uns den irdischen Freuden dieses Daseins zugewandt und sähen nur mehr jenem Messias entgegen, der uns die Herrlichkeit dieser Welt zu bringen imstande sei. Was wir doch für merkwürdige Schwärmer sein müssen, daß wir ausgerechnet Juden bleiben wollen, um der materiellen Freuden dieses Daseins teilhaftig zu werden. Wahrhaftig, welchen Weg wir als jüdische Gemeinschaft auch immer gehen wollen — Milch und Honig fließt nicht an seinem Ende; in dieser Beziehung ist der Weg des Herrn Berg ungleich reizvoller. Wer darf es überhaupt wagen, mit so sicherer Hand die Ideen zu setzen, um derentwillen Völker leben? Und wer sich anmaßen, den Wertmesser in sich zu tragen, der ihm gestattet, lebendes Leben zum Tode zu verurteilen? Wahrscheinlich die Majorität. Weil ihr unser Leben unfaßbar und vielfach störend ist, glaubt sie, uns entweder totschlagen oder auf philosophischem Wege als nicht mehr lebensberechtigt aus der Welt spekulieren zu können. Es ist nur ein Unterschied im Bildungsgrad, im übrigen aber beide Male das unendlich primitive Verfahren der Majorität, die göttergleich ihre Werte setzt. Lind das ist angreifbarer, wenn es im Geistigen geschieht, weil der Instinkt, der sich austobt, immer erfraglicher ist als der Instinkt, der letzte geistige Werte mißbraucht, indem er sie zu seiner Rechtfertigung benjüht. Der Rechtsanspruch jeder Majorität findet da seine Grenze, wo die natürlichen Quellen des Lebens beginnen, \vo also höhere Mächte bestimmend sind als die vorübergehende und zufällige Konstellation in Raum und Zeit. Die Majorität kann Anpassung verlangen, sie kann auch Takt und Zurückhaltung fordern, aber nichts, was darüber hinausgeht. Selbst diese Begriffe bedürfen noch sehr der Klärung, denn mir scheint, daß ihr harmloser JKlang zur Deckung von Forderungen benutzt wird, die mit Takt und Anpassung schon gar nichts mehr zu tun haben, sondern dem Leben selbst an die Gurgel wollen. Anpassung ist Uebernahme der Formen eines anderen Lehens; sie kann den äußeren Ausdruck eines Regens än.dern, nicht da§ Wesen selbst. Nun gibt es , |!|^r#||1gs,:;!vie!f;#We|fRl:,4fe:^e|ue;\jajEdv.Js0pdern־ in ihrer : nichtssagenden Farblosigkeit nur geprägter Ausdruck einer Zeit und einer Umgebung, kernlose Träger übernommener Formen. Bei ihnen ist die Anpassung beinahe restlos möglich, weil nichts Wesentliches da ist, was ängepaßt werden muß. Aber gerade da, wo der Jude in Erscheinung tritt, also nicht so im Sein seines Durch- Schnitts, wie in der Leistung seiner wesentlichen Mensehen, zeigt sich die ganze Hohlheit jener Forderung, die Anpassung sagt und eine unmögliche Wesensänderung meint. Nach Berg soll der Jude im Geschäftsleben gleichen Schritt mit den anderen halten und sich als Kapitalist Mäßigung auf erlegen; er soll als Dichter nichts schreiben, was dem deutschen Geist zuwiderläuft; er soll als Journalist niemals eine Politik durchsetzen wollen, die dem Geiste des Volkes widerspricht. Kurz: er soll sich kastrieren. Ganz abgesehen von der komplizierten Frage, welcher Art denn nun im Geschäftsleben der Schritt der j änderen Ist ־־י Berg hält die Deutschen für gerühsäm, der Engländer hält sie für das Gegenteil, was mir richtiger zu sein scheint — und welche Art von Dichtung, welche Art von Politik dem deutschen Geiste nicht zuwiderläuft — wie ich meinen Berg kenne, soll wahr* scheinlich In der Literatur Löns und in der Politik die ״Tägliche Rundschau“ den Idealzustand darstellen — ganz abgesehen von diesen unmöglichen Fragen: was für ein Wahnsinn, die wesentliche Leistung an eine wesensverschiedene Norm kuppeln zu wollen, die überdies ihrer Natur nach ein völlig schwankender Begriff ist. Wer zuerst die Idee des Warenhauses erfaßt und damit das Bild unseres äußeren Lebens umgestaltet hat, wurde wahrscheinlich von der Durchführung Abstand genommen haben, wenn er sich rechtzeitig überlegt hatte, daß er sich als Jude anpassen und geruhsam verhalten muß. Das Lied, wenn es aus der Seele aufsteigt, muß wahrscheinlich, ehe es die Lippe formt, noch schnell durch die Ueberlegung. verändert werden, ob es auch vor Herrn Bartels wird bestehen können. (Wassermann hat übrigens gelegentlich in dieser Art gearbeitet; es ist dann auch unecht genug geworden.) Was für die Grenzen der Anpassung gilt, gilt auch für Takt und Zurückhaltung. Das Taktgefühl kann streb* same Rechtsanwälte abhalten, sich allzu hemmungslos in die politische Karriere zu stürzen. Es kann niemals einen Landauer hindern, sein beklagenswertes, aber not* wendiges Ende zu finden. Der Taktbegriff gehört in die Atmosphäre, in der der Durchschnitt sein gesellschaftliches Leben regelt; er existiert nicht mehr auf der höheren Ebene, auf der sich Leben und Schicksal von Menschen vollzieht, die welche sind. Urid da wir gerade mit solchen Menschen, nicht mit unserem Durchschnitt auf das Leben der anderen einwirken, durch sie überhaupt erst in die Erscheinung treten, die man uns verübelt, wird klar, was für eine törichte Quacksalberei in den Rezepten liegt, die wesentliche Symptome mit den äußeren Mitteln der Anpassung und Zurückhaltung glauben bekämpfen zu können. Und hier an diesem Punkte, wo der gute Wille nichts mehr ist, und wo nur noch ein naturwidriger Eingriff in Gottes Werkstatt helfen könnte, hört auch der Anspruch der Majorität auf. Sie hat die Macht: so mag sie uns totschlagen, ganz direkt und körperlich, aber mit gütlichem Zureden, wir möchten es doch selber tun und sie von der Blutschuld und von uns zugleich befreien, ist es nicht getan, weil das Naturwidrige eines solchen Vorgangs auch auf philosophischem Wege nicht zu beheben ist. Können wir nicht sterben oder wollen wir nicht? Schon die Fragestellung ist unzulässig. Das Leben hat sich unserer bemächtigt und damit auch unseren Willen bestimmt. Wir wollen leben, und wir können nicht sterben; es ist im Grunde das gleiche. Wöp wiy leben wolle»®;fEfr laBimtf־weriger׳׳äuf*:Äie' Medll&clMsÄing' an; die den Menschen bewußt 14 und die in» töhehden Wort formuliert werden kann, als auf den Beweis, den für ein sinnvolles Dasein die geschichtlichen Tatsachen erbringen. Wir haben ihn schon einmal erbracht und haben uns bis in diese Zeit unserer Vergangenheit nicht unwürdig erwiesen. Wenn wir uns anschicken, auf diesem Boden auch die Zukunft vorzubereiten, so wollen wir ruhig abwarten, ob nicht auch dies wieder sich als sinnvoll erweist, und wollen nicht mit den Aegyptern über unser Existenzrecht streiten. Gustav Krojanker. Die hebräischen Kultur* und Erziehungsorganisationen jJ■ a r b u t h“ in Polen, Rumänien, Estland, Lettland, Litauen, Deutschland, Tschechoslowakei usw. planen eine Zusammenfassung ihrer Tätigkeit Demnächst wird in Danzig eine Tarbuth-Konferenz abgehalten werden, zu der die Länderorganisationen Vertreter entsenden werden. Der Agency-Pak! Die jüdische Presse Amerikas beschäftigt sich noch immer sehr eingehend mit dem Friedenspakt zwischen Weizmann und Mars hall betreffs Er- Weiterung der Jewish Agency. Im allgemeinen wird vor allem die Tats ache des Friedensschlusses begrüßt, der den kraftraubenden Kämpfen im amerikanischen Judentum ■ ein Ende macht und die Bahn für neuen Fortschritt frei macht. Man versteht, daß Dr. Weizmann vor allem von dem willen zu positiver Arbeit erfüllt war und daß es da großes Verdienst von ihm ist, wenn durch sein generöses Entgegenkommen ein Zustand im amerikanischen Judentum und im amerikanischen Zionismus beendet wurde, der als völlig verfahren bezeichnet werden muß. Natürlich fehlt es auch in Amerika nicht an Oppos i t i o n im zionistischen Lager. Das zionistische Komitee von New York beschäftigte sich unter dem Vorsitz von Karl Schermann mit dem Pakt und es wurden lebhafte Stimmen der Kritik gegen Dr. Weizmann und gegen Lipsky laut. Schließlich wurde eine Kommission eingesetzt, die die Aufgabe erhielt, ein ״Programm zu formulieren, um die Situation zu retten“. Zum Vorsitzenden der Kommission wurde Dr. A. J. Rongy gewählt. In der Zeitung ״Der Tag“ erzählt Z. H. Rubinstein die Vorgeschichte des Paktes. Danach hat Dr. Weizmann mehrere Wochen zuvor eine Gruppe angcsehener New Yorker Juden zu sich eingeladen una ihnen in einer fünfstündigen Unterredung die Tatsachen und die Situation dargestelit und ihre Mitwirkung bei dem Agcncy-Plan gefordert. Das Resultat dieser Besprechung war der Be- Schluß dieser Gruppe, der sich später noch mehrere Persönlichkeiten anschfossen, Dr. Weizmann zu helfen. Zunächst wurden folgende drei Punkte ins Auge gefaßt: 1. Hilfe bei der Erweiterung der Agency; 2. Ernennung einer einflußreichen und angesehenen Persönlichkeit als Präsident der Palästina-Kampagne New York (inzwischen hat Judge Rösalsky, der selbst Mitglied des Komitees war, dieses Amt übernommen); 3. cm Komitee von Geschäftsleuten zu schaffen, zur Unterstützung der Zionistischen Organisation. — Das Komitee der Mittelsleute besuchte dann Mr. Marshall und hatte mit ihm eine lange Unterredung. Marshall versprach, einen Entwurf eines Uebereinkommens vorzubereiten, doch müsse vor allem der Friede mit den ״beleidigten Personen“ seiner Gruppe (gemeint ist Mr. David A. Brown) gemacht werden. Brown wurde nach New York bestellt, er zeigte sich aber sehr erregt und unversöhnlich und nun begann eine Reihe von überaus aufregenden Verhandlungen. Brown schrieb selbst seine ״Bedingungen“ nieder, doch lehnte das Komitee ab, seinen Vorschlag an Dr. Weizmann weiterzugeben. Das Komitee , bcreitetc selbst einen Entwurf vor, und als es damit Dr. Weizmann besuchte,. empfing sie Weizmann, bevor er den Brief gelesen hatte, mit den Worten: ״Meine Herren, ich will den Frieden. Zion steht für mich über allen Erklärungen und über aller kleinlichen Politik. Ich will den Frieden und muß ihn haben. Ich werde jedes Schriftstück unterzeichnen, das Sic, meine Herren, mir vorlegen.“ In dem Artikel wird weiter dargestellt, daß das eigentliche Agency-Uebereinkommen von Marshall selbst behandelt wurde, während der Briefwechsel von Brown bearbeitet wurde. Es folgte eine Reihe von Konferenzen und Verhandlungen, von Streit um Worte und Ausdrücke, bis schließlich am T(, Januar, an dem Tage, an welchem die Versammlung angesetzt war, «im sieben Uhr abends der Pakt noch nicht unters c h r i < b e n war. Erst während der Versammlung, um Zehn Uhr, traf Judge Lewis mit den Dokumenten ein- Daraufhin verkündete Dr. Weizmann das Zustandekommen der Vereinbarung. Weder M& Brown noch ein großer Teil der Zionisten sind hundertprozentig mit dem Text des Paktes zufrieden. Aber jetzt, so schließt der Artikel, muß der Pakt bleiben und gelten, so wie er ist. Auch in andern Blättern werden die Schwierigkeiten des Zustandekommens des Paktes hervorgehoben und Betont, daß angesichts der gegebenen Lage die Tatsache des Friedens- Schlusses um so höher zu bewerten sei. Jerusalem, 10 Februar. (J.T.A.) Die zionistische Exekutive Palästinas hat an Dr. weizmann aus Anlaß der Unterzeichnung des Abkommens über die Jewish Agency ein Glückwunsch-Telegramm gesandt. In dem Teleramm wird ferner die Versicherung gegeben, daß die laut em Abkommen nach Palästina gehende Sachverständigen-Kommission sehr herzlich aufgenommen werden wird. Es werden ihr alle Möglichkeiten gegeben werden, die notwendigen sachlichen Feststellungen zu machen. Wie dem JHaaretz“ aus London berichtet wird, soll die Bank of England die von England garantierte Anleihe der Palästina-Regierung im Betrage vcm 4,5 Millionen Pfund demnächst auf den Markt bringen. Irene Triescb Uest zum Besten der ״Jüdischen Aliershflfe“ Es ist keine Lust, in dieser Zeit zu leben: so spräche wohl der Hutten unserer Tage. Sie hat die Jugend gemordet, diese Zeit; sie hat das Alter beraubt. Wer kennt sie nicht, jene alten Männer und Frauen: einst haben sie schwer gearbeitet, körperlich oder geistig als Lehrer und Lehrerinnen, Aerzte, Anwälte, Kaufleute, um etwas für die Tage der sinkenden Kraft zurückzulegen — und sind nun durch die Entwertung aller ihrer sorglich gehüteten Sparkassenbücher aufs bitterste um den Preis ihres Mähens betrogen! — Ihnen zu helfen — nicht nur durch Geld, sondern durch Menschenhilfe, nicht nur durch Almosen, sondern durch Wohltun — trat vor einigen Wochen die Jüdische Altershilfe Groß-Berlin zusammen, von den. Vertretern alter Parteien mit aufatmender Erwartung begrüßt. Unter den ersten aber, die sich freiwillig erboten, sich selbst in den Dienst dieser großen und bitter notwendigen Sache zu stellen, war Irene Triesch. Max Liebermann, gleich ihr bemüht, der wichtigen Aufgabe mit seiner Kunst zu dienen, zeichnete das Bild der Künstlerin, das die Einladungen zu ihrem Vortragsabende zierte. So las sie denn am 0. Februar im Bechstein-Saal vor aufnahmefähigen und erschütterten Hörern aus der Bibel, aus Heine, Werfel, Goethe und anderen Dichtern — Schöpfungen, die durch das reine Band der Menschenliebe sich miteinander verknüpften, mochten auch Meere und Welten ihre Verfasser voneinander trennen. Ein besonderes Erlebnis für die Gemeinschaft der Hörer: zumal für jene unter ihnen, deren Gedächtnis noch bis in die jetzt fast sagenhaft erscheinende Zeit vor dem Weltkriege zurückreicht. Da war sie wieder, die schlanke Gestalt, das beseelte Antlitz, der wir — leidenschaftliche Gäste des dritten Ranges und der Stehplätze im, Lessing- Theater — so viele Stunden früher Weine verdankten. Da klingt sie wieder, die tiefe Glocke, die so sanft zu säuseln und so dröhnend zu donnern wußte. Heines ״Hospital für arme kranke luden“ ersteht vor uns, den Zweck des Abends bitter‘ betonend; und die unwiderstehliche Melodie der Prinzessin Sabbat tönt in tiefer Einheit aus der vielfältig modulierenden Begleitmusik hervor und wird aus dem Märchen der Judengeschichte über Spötterei und Behaglichkeit hinweg zum tragischen Schlüsse geführt. Wenn das letzte Wort ,״ .. und erlischt. . ." hinschwindet und Schweigen wird» so versteht man vielleicht zum ersten Male Rilkes Ausspruch von ״dem Wort, das noch im Schweigen reift“ . . . Gewaltig dröhnt dann Jesaias Prophezeiung; und herrisch schreitet Deborahs Siegeslied einher. Einen Augenblick stutzt man, als in dieser Nachbarschaft auch das Gleichnis vom verlorenen Sohne erscheint Dann begreift man und erkennt wieder darin die schon so oft hervorgehobene fast wörtliche Uebereinstimmung dieses uralt jüdischen Gedankengutes mit den Worten des Talmuds. ״Recht wie einen Midrasch hat sie es gelesen!“ sagte mir nachher ein Kenner des jüdischen Schrifttums, der sich unter den Hörern befand. Ein Bild von gleicher Eindrucksgewalt wie die künst* krischen Ereignisse des Abends: am Schlüsse von Turgenjews Bettler, der ja im Brudergefühl des anderen seine beste Gabe erkennt, weist Irene Triesch, an die letzten Worte des Dichters j anknüpfend, in schlichten Worten auf den Zweck des Abends! hin, bittet um Mitarbeit am großen Werke; auf daß der Segen! des Armen zu dem altehrwürdigen Segen des Priesters werde ...; Da fiel ein Schleier: hinter der großen Künstlerin sah man! den menschlichsten Menschen enseneinen ... Dr. Bertha Badt-Strauß. Ausstellüng Viktor Tischler Seit vor ein paar Jahren im ״Zelt“ und in der Wiener ״Menorah“ die ersten Reproduktionen seiner Bilder erschienen, wußte man, daß neben dem Breslauer Maler Heinrich Tischler, der zuerst durch seine Pogrombilder Temperament bekundete, in Wien, nur namensverwandt, ein Neuklassizisi Bilder schuf, die in allem das Gegenteil waren, von dem Werke des Breslauer Künstlers: Ein junger Künstler, der wie seinerzeit Liebermann nur das Feingefühl, die Blüte alter Kultur seiner Zugehörigkeit zum Judentum verdankt, und im übrigen die jüdische Kunst nur in den großen Bezirken der europäischen Kunst als jüdischer Künstler vertreten wird. Denn Tischler stellte sich schon vor Jahren mit reifem Werke vor. Die Bilder vor 1919, die ich leider nur aus den Reproduktionen des im Verlag Konegen erschienenen Buches von Rößler kenne, zeigen den naturalistischen Stil der Münchener Schule. Tischler, der immer nocfi sehr jung ist — er ist in Wien 1890 geboren — war außer einer kurzen Zeit an der Wiener Akademie hauptsächlich in München und in Italien. Nach Paris kam er spät und nur für kurze Zeit. Seine Landschaftsmalerei, die man eben Gelegenheit hat in der Galerie Cäsper zu sehen, ist beeinflußt von der südfranzösischen Landschaft. Der Im• pressionismus, in den er sich nach dem Münchener. Naturalismus begeistert vergrub, erschloß ihm wie den meisten jüdisehen Künstlern, bei denen Temperament und Dekadenzkultur «ich die Wege halten, den Weg zu sich selbst. Denn die Wahrheit gebietet es festzustellen, daß dem meist stürmischen oder radikal gerichteten Temperament der ostjüdischen Künstler für gewönnlich der Expressionismus näher lag. Der gemäßigte Schonheitssucher begnügte sich aber mit den neugewonnenen Mitteln der befreiten Farbe und dem neuen Reichtum von Luft und Licht und ging daran, die Formenfülle des ihn, umgebenden seelischen Lebens an den strengen Maßen der Italiener zu messen. Tischlers Kunst ist vor allem gefühlsbetont und das trotz der Zurückhaltung, trotz des fast zu leidenschaftslosen Maßhaltens. Das sieht man auch in der gegenwärtigen Aus- Stellung bei Kasper in seinen Gemälden und Porträts. Viktor Tischler wäre nicht der Maler der schönen Frau, der Künstler des Fuhlens* der Erbe alter Wiener Kultur,_ wenn er nicht auch Romantiker wäre. Ein Künstler der Schönheit, der d.esc Schönheit rückschauend genießt, und sie nicht ganz revolutionär neu aus der eigenen Zeit erschafft, ist mit Notwendigkeit Romantiker, was nicht ausschließt, daß er es auch in dem Sinne Franz Masereels sein kann, der die Verwirrung dieser Zeit wie ein Seismograph auf fängt. Ein Träger der geheimen Sehnsucht auch dieser Zeit. Ruth Morold. Ein jüdischer Schwarzwaldkünstler. Am 16. Februar wirc der Maler Oskar Haberer 60 Jahre alt. 1867 in Offenbürg in Baden geboren, schafft der jetzt in Berlin lebende Maler und Intarsienkünstler echte Schwarzwälder Heimatkunst. Einen Berthold Auerbach der Malerei dürfte man ihn nennen, ohne allzuweit daneben zu treffen. In Landschaften, meist einsame Hütten in irgendeinem Waldtal oder Ausblicke in geschützte Täler und auf bewaldete Hö ren und in der eindringlich schlichten Darstellung der Menschen des Schwarzwaldes gelang ihm Schilderung, die im Rahmen der an und für sich engen Heimatkunst, sehr beachtenswert ist. Ihren