Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 12 (11.2.1927)
- Date
- 1927-02-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2651273-2652877-2652889--18895-2676710- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 84 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr!2 Gefährliche Stagnation (Von unserem palästinensischen Korrespondenten.) A.O., Tel-Awiwr, den 2. Februar 1927. Man könnte sagen, die Lage in Palästina sei ״unverändert", d, h. Auswanderung und Einwanderung ändern ihre Zahlen in den letzten Monaten nur in geringem Maße, die Anzahl der Arbeitsquellen ist ungefähr gleich geblieben. Aber wenn das auch richtig ist, so stimmt es doch nicht. Denn ein Verharren auf demselben Punkte bedeutet augenblicklich für Palästina einen Rückschritt. Es ist, als gleite man eine schiefe Ebene herab. Ist man einmal ins Gleiten gekommen, so geht mit der Gesetzesmäßigkeit der Schwerkraft das Fallen weiter, und zwar, je tiefer man gekommen ist, desto schneller. Nur wenn eine Gegenkralt cinsetzt, die stärker ist als die Schwerkraft״ wird die Tendenz zum Sinken überwunden, es gelingt, wieder auf den normalen Stand zu kommen und den normalen Weg fortzusetzen. So liegt augenblicklich unser Problem im Lande. Wo ist die Gegenkraft, die unsern Fall aufzuhalten und wieder auf die normale Höhe zu heben vermag? Wenn wir sie nicht entdecken, nicht schaffen, so müssen alle Benühungen, die wir darauf anwenden, den Abrutsch zu hindern, wie ein Nichts zerfließen. Die letzten Monate sind eine Zeit der Palliativen. Weil es nicht gelang, etwas Neues zu schaffen, das eine Basis sein konnte für den Bau, mußte man sich bemühen, die Löcher zu stopfen. Es waren das immer nur Reparaturen auf kurze Sicht und was noch schlimmer war, man mußte oft genug über dem Augenblick das Morgen vernachlässigen oder Gelleicht sogar gefährden. Man hat bereits Uebung in ״Krisen" in Palästina. Bei den früheren Krisen hat man Fehler gemacht. Einer der Fehler, über die man immer wieder gesprochen hat, war die Institution der ״Anleihekasse“, von der vor drei und vier Jahren im Lande ohne Unterbrechung mit schärfster Kritik gesprochen wurde. Und so wollte man dieses Jahr von irgendeiner solchen Institution nichts wissen. Dann stieg die Not. Die Arbeits- und Erwerbslosen mehrten sich und, fast ohne daß sich das Land als solches dessen bewußt wurde, war man mitten drin in einer Anleihekasse anderer Form, in der ״Arbeitslosenunterstützung“. Man kann über Arbeitslosenunterstützung in Palästina Gei sagen, und es vergeht nicht ein Tag, wo diese Sache nicht immer von neuem behandelt und umkämpft würde. Man spricht gegen diese Maßnahme aus ökonomischen, d. h. budgetären, aus nationalen, aus sozialen Oründen. Und es gibt sicher niemand im Lande,־ der nicht für eine Abschaffung der Unterstützung wäre, wenn man nur einen gangbaren Weg dazu zeigt Wie kompliziert die Dinge liegen, erhellt aus der Tatsache, daß die zionistische Exekutive, die bestrebt ist, ihre Mittel produktiven Zielen zuzuführen und daher der Gegner der Arbeitslosenunterstützung sein muß und ist, sie beschafft, und daß die städtischen Arbeiterräte, die das System der Unterstützungen bis aufs Messer bekämpfen, sie verteilen. Die Zwangslage tötet die Kon- Sequenzen besserer Erkenntnis. Dabei handelt es sich nicht um das Schicksal einzelner, sondern um das Schicksal der Kolonisation. Das gegenwärtige System ist den Nöten des Tages untertan, alles steht im Zeichen der außerordentlichen Forderungen, d. h. heute der außerordentlichen Hilfe. Unter diesen Umständen wachsen die Pläne und Rat- Schläge wie die Pilze aus der Erde. Neben den verschiedenen Siedlungsplänen, die, wenn neu oder erneut, immerhin doch eine Anlehnung an die früheren Systeme zeigen, erscheinen Vorschläge zu einer Kolonisation, basiert vor allem auf Viehzucht und ländlicher Hauswirtschaft mit einem bestechenden Budget von £ 150 bis 200 pro Familie. Ein Plan, herausgewachsen aus den Kreisen und der Not der Mittelklasse, die die Wege zu einer Lebensart der Stadt, wie sie aus dem Galuth gewohnt ist, versperrt sieht und nun einen Weg durchbrechen will, koste es was es wolle. Da sind Angriffe״ geradezu konzentrischer Art auf die Landwirtschaft und Versuche sich auf die Industrie zu konzentrieren. Damit im Zusammenhang geht die Bewegung zur Verbreitung und Einbürgerung der jüdischen Produkte, Diese hat bereits eine gewisse Grundlage. Man kann heute ohne nationales Opfer einheimische Zigaretten rauchen, Schokolade, Butter und .Marmelade essen, auf einheimischem Fett braten, einheimische Strümpfe und Seide tragen, einheimische Streichhöher gebrauchen, mit einheimischem Zement bauen. Man kann noch einiges mehr, ohne irgendein Opfer an Oekonomie oder Bequemlichkeit zu bringen und man kann noch vieles mehr, wenn man sich kleine Schwierigkeiten auferlegen will und kann. Aber daß es heute bereits Produkte in ansehnlicher Menge gibt, die auch ohne nationale Hilfsmittel konkurrenzfähig sind, ist ein wahrhaft ungeheurer Fortschritt der letzten Jahre, Und es ist gewiß richtig, daß der Verbreitung der guten Produkte die wärmste Aufmerksamkeit zuteil wird. Trotz allem hat diese Bewegung vieles gemein mit anderen Vorschlägen und Plänen. Sie sind alle ihrem Charakter nach in die Ferne wirkend und in diesem Aspekt positiv zu werten. Aber sie dürfen nicht als momentanes Heilmittel bezeichnet werden. Und da entsteht die ernsteste Frage des Moments: Gibt es heute überhaupt ein Mittel, das momentan wirkt, ohne doch morgen schon wirkungslos geworden zu sein, analog der Arbeitslosenunterstützung? Die Arbeiterschaft hat die Krise, die zu einem großen Teil auf ihren Schultern lastet, bisher mit Energie, Disziplin und Kraft getragen. Sie hat gekämpft gegen die Unterstützungen, hat aber auch keinen anderen Weg zeigen können. Aber immer wie in kurzen Abständen flackert die Gegnerschaft neu auf. In den letzten Wochen hat die Not ein besonderes Gepräge angenommen. Nicht nur, daß die Zahl der Bedürftigen langsam steigt, da einzelne, die sich bisher allein durchgeschlagen haben, auf die allgemeine Kasse angewiesen sind. Nicht nur, daß Elemente, die nicht zu der Klientel des Arbeitsamtes gehören, jetzt als unterstützungsbedürftig auftreten, wie z. B. der alte Jischuw in Jerusalenn. Sondern — und das ist vielleicht zentral — ein solcher Zustand des Müßiggehens bei einer äußersten Beschränkung der Existenzmitte! ist auf die Dauer unerträglich. Es wurde neulich sehr schön gesagt, daß diese Arbeitslosenunter- Stützung nichts anderes sei als eine Vorauszahlung an das Heer, das nach kurzen Monaten in den Sümpfen des Kischon oder des Chule wieder Im Kampfe stehen wird. Und es ist etwas richtiges an diesem Ausspruch. Aber es ist eine Tat* sache, daß die zionistische Kasse nicht imstande ist, diese Avancen zu zahlen und daß das ״Heer" weniger und weniger gewillt ist, sie zu empfangen. Unter diesen Um* ständen macht sich unter den städtischen Arbeiterräten die Tendenz bemerkbar, die Funktion der Auszahlung von Unter- Stützung nicht mehr selbst auszuüben, sie abzugeben, sei es an die Gemeinden oder sogar an den — Joint. Und die Achduth Awodah, die heute zu einem großen Teile den Apparat der allgemeinen Arbeiterorganisation besetzt, hat in ihrer letzten Beratung Beschlüsse gefaßt, die die ganze V e r - zweiflung und Ratlosigkeit der Lage widerspiegeln. Sie fordert: Aufgeben der Unterstützungen, Rücktritt der Mitglieder der Arbeiterorganisation (Sprinzak und Kaplanski) aus der Exekutive und damit Niederkgung der Verantwortlichkeit der Arbeiterorganisation für die Lage im Lande. Man sieht, wenn man diese Schlüsse betrachtet: hier geht es um Leben und Tod. Und, das muß dabei immer klar sein, nicht um das Schicksal einzelner, das ist vielleicht nicht einmal wichtig unter diesen Gesichtspunkten, sondern um das Schicksal der Bewegung. Zu dieser Stunde tagt eine Beratung der Allgemeinen Arbeiterorganisation, der ähnliche Beschlüsse varüegen. Es ist bezeichnend für die herrschende Nervosität, für das Uebersehen der Realitäten und Wirkungsmöglichkeiten, daß heute ein solcher Beschluß der Niederlegung der Verantwortlichkeit vorgeschlagen wird, obwohl keiner sagen kann, inwieweit das nützen wird und kann. Es ist ein Notschrei, der Palästina und das Galuth durch die Gewalt von Tatsachen darauf aufmerksam machen soll, daß in Palästina Hilfe dringend nottut und daß, wenn sie nicht kommt, keiner die Verantwortung dafür übernehmen kann, was morgen geschieht. Und diese Haltung ist zu verstehen. Derjenige, der in seinem ganzen Leben und Wirken von der Krisis betroffen ist, ist nicht imstande, die Dinge objektiv und ruhig zu beurteilen und abzuwarten. Und derjenige, der diesen Arbeitslosen vertritt, muß und wird das Mögliche und Unmögliche versuchen, um vom Fleck zu kommen. Man braucht nur ein paar Stunden Beratung der Arbeitslosigkeit mitzumachen, um die Atmosphäre, die über dem Lande liegt, in ihrer Konzentration zu spüren. Es ist nicht die erste Beratung dieser Art in diesem Winter. Aber von mal zu mal wird jeder einzelne Teilnehmer nervöser, bis eine I ruhige Ueberlegung beinahe als Sünde empfunden wird. Und in richtiger Erkenntnis der Situation verwickelt sich die Diskussion in alle Probleme des Aufbaus überhaupt Es gibt eben heute kein Arbeitsproblem, das nicht an allen unseren Fragen rüttelte, an den Kolonisationsformcn, an der Sorge für den Absatz der Produkte, an dem Eindringen in die Arbeiten der Regierung, an der Lage in den Pflanzungskolonien, an dem Problem der Alijah usw.; alle diese Probleme, die auch in Bruchstücken auf dieser Beratung eine Rolle spielten, erscheinen nicht gesondert, sie mischen sich in jedes Gespräch über die Lage, und man muß nicht ira Lande sein, oder man muß versuchen, sich eine andere Atmosphäre vorzustellen, um säuberlich, logisch und akademisch jedes einzelne zu wägen und zu beurteilen. Hier war nur unsere Absicht, ein Hundertstel von dem wiederzugeben, was für die Stimmung im Lande charakteristisch ist Vor den Wahlen ln Jerusalem ״Doar Hajom" vom 21. Januar schreibt, daß die beieren arabischen Parteien in Jerusalem an die Führer der jüdischen Oeffentli: hkeit mit Vorschlägen herangetreten wären, um sich die Stimmen der jüdischen Wähler für die kommenden Wahlen zu sichern. Besonders interessant wären die Angebote vonseiten der Kandidaten der arabischen Exekutive. Dem Blatt zufolge versprachen die Vertreter der Exekutive für die Unterstützung durch die jüdischen Wähler die Erfüllung folgender Bedingungen: a) die Aemter der Stadtverwaltung werden sowohl hinsichtlich der Zahl als der Stellungen je zur Hälfte mit Juden und Arabern besetzt werden; b) alle öffentlichen Arbeiten der Stadtverwaltung werden je zur Hälfte jüdischen und arabischen Unternehmern zugewiesen werden; c) die hebräische Sprache wird in den Büros der Stadtverwaltung als gleichberechtigte Sprache neben der arabischen Sprache gelten; d) kein Beamter wird ohne Zustimmung des Plenums des Stadtrates ernannt oder entlassen werden; e) der Bürgermeister wird keinen Schritt unteroehnehmen, weder administrativen noch politischen Charakters, ohne vorher den Stadtrat gehört zu haben. Darüber hinaus versprachen die Vertreter der arabischen Exekutive noch ihr negatives Verhältnis zur zionistischen Politik zu ändern, und sich zu bemühen, in naher Zukunft eine Verständigungsbasis zu finden. Der ״Doar Hajora“ bemerkt dazu, daß man vor den Versprechungen auf der Hut sein müsse, da vor fünf Jahren mit ähnlichen Versprechungen schlechte Erfahrungen gemacht worden seien. Immerhin sei es zweckmäßig, sieh für Einzelheiten zu interessieren, aber nur dann, wenn die Araber ihre Vorschläge veröffentlichen würden. Me Juden in der Türkei Jerusalem, 3. Februar. (J.T.A.) Israet Pascha, der türkische Ministerpräsident, äußerte sich in einer Unterredung mit dem Herausgeber des ״Guide for the Orient“, S. L e v i, dahin, daß die türkische Regierung über die freundschaftiiche Haltung der türkischen Juden gegenüber dem Staate sehr erfreut »ei. Er sprach de« Wunsch aus, daß die Juden der Türkei ihren sp anischen Jargon aufgeben und Türkisch als Muttersprache annehmen. Zum Schluß drückte er die Hoffnung aus, daß nun nach Aufhebung der ״Sharieh"-Gesetze Juden und Türken, insbesondere der jüngeren Generation, Hand in Hand für das Wohl ihres Vaterlandes arbeiten werden. Aus Haifa wird uns geschrieben: Am 26. Januar, dem ersten Tage seines Aufenthaltes in Palästina, besuchte Herr Felix Warburg mit seiner Gattin und Dr. Magnes die Hebräische Realschule und das Technikum, das er nur von der Zeit vor drei Jahren, noch vor der Eröffnung, kannte. Nach gründlicher Besichtigung beider Anstalten verbrachte er im Internat der Realschule einige Zeit in kleinem Kreise beim Tee mit den Mitgliedern des Schulkuratoriums, den Lehrern, und den größeren Schülern des Internats. Herr Warburg unterhielt sich mit den amerikanischen Zöglingen und zeigte lebhafte Anteilnahme an allen Fragen des internates und der Schule, deren Geschicke er seit Jahren mit großem Interesse verfolgt. Besondere Aufmerksamkeit bringt er dem alten Plane der Schule entgegen, ihren Werkstättenbetrieb zu einer Stätte gründlicher Handwerkerausbildung auszubauen. ״Olara ha'elaälm“ eine KinderzeitschriU Seit einiger Zeit erscheint in Erez-israel einmal in zwei Wochen die Kinderzcitschrift ״Olam hajeiadim", die ״Welt der Kinder"^ Sie ist besonders bemerkenswert um des Stofflichen^ willen, das sie bringt, und wäre wohl geeignet, auch im Galuth Verbreitung zu linden. Die Zeitschrift bringt Gedichte, Erzählungen, naturgeschichtliehe Betrachtungen, Tierfabeln und Legenden — besonders solche, die mit dem Land Zusammenhängen und in historischer oder märchenhafter Form etwas darüber auszu■ sagen wissen. Als Beispiel sei erwähnt die schöne Legende über den ״Karmel“ von Josef Aricha (olam hajefadim, Heft IV): Wie der Karmel, ursprünglich ein Edelstein, aus der Hand spielender Engel ins Meer fällt und, vom Meeresfürsten den Fischen entrissen, schließlich die Beute des Leviathan wird. Dieser, vom Fürsten der Meere verfolgt und verwundet, verschwindet am Ende mit dem Karmel im Strandsand. Ueber ihm türmen sich die Sandmassen zum Berg, der dann den Namen nach dem in ihm verborgenen Kleinod erhält. — Ferner findet sich in der Zeitschrift eine gute hebräische Uebersetzung des herrlichen ״Doctor Dolittie“, dieses schönsten Werkes der in den letzten Jahren geschaffenen Kinderliteratur. Von dem übrigen Inhalt seien erwähnt: Beschreibungen bedeutender Menschen und ihrer Werke, Nachrichten aus Erez-Israel, Rätsel und Anleitungen zur Anfertigung einfacher Spielsachen aus Papier, Streichhölzern usw. Die Zeitschrift ist geeignet für Kinder zwischen 8 und 13 Jahren, die die Anfangsgründe des Hebräischen schon überwunden haben. Sie ist teilweise in punktierter Schrift gehrlten, auf gutem Papier und in klarem Druck hergestellt, und bringt auch kleine Illustrationen zu den Auf- Sätzen. Noch entbehrt ״Olam hajeladim" den Charakter der eigentlichen Kinder- oder Jugendzeitschrift insofern, als man die tätige Mitarbeit der palästinensischen Jugend selbst vermißt; es ist dies bisher viel mehr eine Sammlung von Lese- und Lernmaterial, von Erwachsenen auf gute Art den Kindern dargeboten. — Aber gerade als solche kann sic wertvoll und belebend sein für den hebräischen Unterricht im Galuth, der viel Stoff und Anregung daraus nehmen könnte, und dadurch ein wenig beitragen würde zur Herstellung einer Verbindung zwischen der jüdischen Jugend des Galuth und der Erez-Israels. Frühere Versuche derartiger Zeitschriften in Palästina sind meist an dem Mangel genügender finanzieller Unter- Stützung gescheitert; es wäre wichtig und die Sache verdient es, daß durch eine größere Abonnentenzahl auch aus Deutschland (der Abonnementspreis beträgt nur etwa 50 Pf. im Monat) die Zeitschrift am Leben erhalten bleibt. Käte Baer-Freyer. (Die Redaktion der ״J. R." ist bereit, Abonnements- Bestellungen weiterzugeben.) Franz Werfel und das Judentum In den letzten Jahren sind immer wieder Gerüchte aufgetaucht, daß Franz Werfel getauft sei. Diese Gerüchte sind, wie wir ausdrücklich betonen möchten, bereits lange vor Erscheinen des ״Paulus"-Dramas zu uns gcdrangen und wir sind ihnen aus unserer Kenntnis des wahren Sachverhaltes stets entgegengetreten, auch in Beantwortung zahlreicher Anfragen an unsere Redaktion. Nach dem Paulus-Drama sind die Gerüchte neuerdings verbreitet worden. Das ״Hamburger Israelitische F a m i 1 i e n b I a 11" hat sich daraufhin an Werfel mit einer direkten Anfrage gewandt und eine Antwort erhalten, die nicht nur wegen des Dementis der Taufe interessant ist, sondern vor allem wegen Werteis klarem Bekenntnis zu einem nationalen Judentum. Wir geben Werfels Zuschrift an das genannte Blatt nachstehend wieder: Ihr freundliches Schreiben kommt mir sehr erwünscht, da es mir Gelegenheit gibt, gegen alle falschen oder feindseligen Gerüchte öffentlich zu erklären: Ich bin nicht getauft! Ich werde mich niemals taufen lassen! Ich habe niemals vom Judentum fortgestrebt. Ich bin Im Fühlen und Denken bewußter Jude! — Daß mein Paulusdrama in jüdischen Kreisen so viele Zweifel an meiner Treue hat aufkommen lassen, kann ich nicht verstehen. Ich glaube mit diesem Werke eine nationaleTragödie geschaffen zu haben; denn welcher Moment innerhalb der jüdischen Geschichte wäre tragischer und bedeutender als der von mir gewählte?! Selbst die Zer- Störung des Tempels ist eine unbedeutende Katastrophe diesem Augenblick gegenüber. Die ungeheure Frage, die sich Israel damals selbst stellt: ״Ist Messias gekommen?״, und die Antwort, die darauf die Geschichte gibt, — ist das nicht der tragische Vorwurf der jüdischen Historie? Sind die Menschen meines Dramas, die unter dieser Frage zusammenbrechen, nicht alle Juden? Und der wahre Held, die lichteste Gestalt, Gamaüel?... Man setze für Christus eine der vielen Moschiach-Gestalten späterer Zeit, und kein Mensch wird sich über meine Abtrünnigkeit ereifern. — Also nur meine Voraussetzungslosigkeit und innere Freiheit dem Thema gegenüber ist schuld an den Mißverständnissen.... Warum wollen wir Juden nicht endlich zur größten Tatsache unserer Geschichte (zur Welteroberung durch unser Wesen und unseren Geist) ohne Vorurteile stehen?? Atheist, Materialist, Nihilist darf ein Jude heute ruhig sein, ohne gescholten zu werden, aber mit freier Seele die Tragödie der christlichen Loslösung schreiben, darf er nicht!!! Wie ghettoeng und dumpf ist dies!! Vor Mißverständnissen und Herabwürdigung kann ich mich nicht schützen. Ich will mich an die vielen Menschen halten, die mir nach Lektüre und Aufführung des ״Paulus“ gesagt haben, sie hätten in meinem Drama nichts stärker vernommen als die Melodie des Judentums. Von Edmond F l e g erscheint demnächst ״L’e n t a n t Prophöte" in deutscher Uebertragung (Piper, München). Es ist hier versucht, den Roman der jüdischen Kinderseele zu schaffen. Fleg ist durch Herausgabe einer jüdischen Bücherreihe verdienstvoll als Mittler zwischen jüdischem und iranzösischem Schrifttum tätig. Im vergangenen Herbst brachte das Pitoefftheatcr ein jüdisches Drama von Fleg auf die Bühne. a. r.