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Jüdische Rundschau · 1927-02-11 · Heft 12 (11.2.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 12 (11.2.1927)
Date
1927-02-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 83 Pro Palästina-Komitee Komittuierang des Präsidiums Das Präsidium des Deutschen Komitees Pro Palästina hat!m T. Februar, mittags 1 Uhr, im Hotel Kaisethof, seine konsituierende Sitzung abgehalten. Zum Vorsitzenden wurde Graf Bern stör ff gewählt Dem Präsidium gehören ferner an: Rabbiner Dr. Leo Baeck, Prof. D. Dr. I. V. Bredt, M. d. R., Dr. R. Breitscheid, M. d. R., Kurt Blumen• feld, Prof. D. Dr. H. Oreßmann, Prof. Dr. O. Hoetzsch, M. d. R., Domkapitular Prälat Prof. Dr. Kaas, M. d. R., Dr. *on Kardoff, M. d. R., Freiherr von Riehtbofen, Ministerialdirigent im Auswärtigen Amt, Leg.-Rat Prof. Dr. M. Sobernheim, Kom.-Rat Konsul Dr. W. Sobernheim, Frau Katharina von O h e i m b, Karl Glaser. Das Präsidium beschäftigte sich u. a. mit den Angriffen, die von einer jüdischen Gruppe gegen das Komitee erfolgt sind, und beschloß folgende Erklärung: ״Das Deutsche Komitee Pro Palästina hat die Ueberzeugung, daß der Aufbau der im Palästinamandat vorgesehenen vom Völkerbund garantierten Heimstätte für das jüdische Volk aus politischen und wirtschaftlichen Envägungeu und als ein Werk menschlicher Wohlfahrt und Gcsittung Anspruch auf die deutschen Sympathien und die tätige Anteilnahme der deutschen Juden hat. Das Deutsche Komitee Pro Palästina tritt für ein jüdisches Werk und eine mit diesem Werk verbundene Betätigung ein, lehnt es aber selbstverständlich ab, im innerjüdischen Kampf gegen jüdi sehe Richtungen Stellung zu nehmen. Es vermag andererseits nicht einzusehen, welches Interesse eine jüdische Gruppe daran haben kann, die Mitglieder des Deutschen Komitees Pro Palästina zu einer Stellungnahme in innerjüdischen Fragen zu veranlassen. Die Annahme, daß die Mitglieder des Deutschen Komitees Pro Palästina über die mit dem Aufgabenkreis dieses Komitees zusammenhängenden grundsätzlichen Fragen nicht ausreichend informiert worden sind, entbehrt jeder Grundlage. Mitarbeit am jüdischen Paiästinawerk ist in keiner Weise geeignet, die Stellung der Juden Im deutschen Staats- und Volksleben zu beeinträchtigen. Das in Palästina unternommene Werk trägt entscheidend dazu bei, die Stellung der Judenbeit in der Welt günstig zu beeinflussen.“ Ger. Botschafter z. D. Graf Bernstorff, M. d. R. * Wir haben in Nr. 10 der ״Jüdischen Rundschau“ eine Einladung zum Abdruck gebracht, Ln der liberale und nationaldeutsche Juden zum Besuche einer Ver- Sammlung, mit dem Thema ״Das deutsche Volk und die Gefahren der Palästina-Werbung“, aufforderten. Der vorbereitende Ausschuß hatte zu dieser Vrsammlang zahlreiche Persönlichkeiten ein geladen und sich insbesondere bemüht, die Mitglieder und Freunde des Pro Palästina-Komitees zum Erscheinen in ihrer Versammlung zu veranlassen. Zu diesem Behufe versandte im ״Aufträge des einberufenden Ausschusses“ Herr Bruno Woyda von der ״Jüdisch-Liberalen Zeitung“ an die Mitglieder des Pro Palästina-Komitees nachstehenden Brief: Sehr geehrter Herr! Hierdurch gestatten wir uns, Ihnen die Einladung zu einer Kundgebung Das deutsche Volk und die Gefahren der Palästinawerbung ergebenst zuzusenden. Die Veranstaltung, die nach den einleitenden Vorträgen Gelegenheit zu freier Aussprache geben wird, knüpft an die in ihrer wahren Bedeutung bisher viel zu wenig gewürdigte Gründung des Pro Palästina-Komitees an. Sie wird Anlaß zur Erörterung von Gegenwarts- und Zukunftsfragen bieten, die für alle Deutschen von größter Bedeutung sind. Wir bitten Sie deshalb dringend, unserer Einladung Folge zu leisten und Ihr Interesse gegebenenfalls durch Beteiligung an der Aussprache zum Ausdruck bringen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung im Aufträge des einberufenden Ausschusses Bruno Woyda. * Um diese Versammlung auch stimmungsmäßig in der Öffentlichkeit vorzubereiten, erschien im Abendblatt der ״Täglichen Rundschau“ vom 4. d. M. ein Aufsatz von Dr. Manfred B löchert, Vorstandsmitglied des Verbandes nationaldeutscher Juden unter dem Titel ״Pro Palästina- Komitee und Deutschtum“ und am Tage der Ver- Sammlung veröffentlichte Dr. Max Naumann in der ״Berliner Börsenzeitung“ einen Artikel ״Palästina oder Deutschtum?“ In beiden Aufsätzen werden die abgestandenen Argumente der nationaldeutschen Juden gegen den Zionismus wiederholt und die Mitglieder des Pro Palästina-Komitees als naive Außenstehende dargestellt, die sich von den Zionisten einfangen ließen und ihre Hilfe einem Werke leihen, das vom Standpunkte echten Deutschtums schädlich und verwerflich sei. Nach all diesen Vorbereitungen konnte man annehmen, daß die Versammlung wenigstens in der Aufmachung und durch Besuch bemerkenswert sein werde. Das ist jedoch nicht der Fall gewesen. Der Versammlungssaal war eine halbe Stunde nach Eröffnung halb leer, die Referate bewegten sich In Gedankengängen, die vor ungefähr drei Jahrzehnten!andläufig waren, die Diskussion entsprach dem geistigen Niveau der gehaltenen Referate, Erster Referent war der Prodiger der Jüdischen Reformgemeinde, Dr. Karl Rosent h a 1, einer weiteren Oeffentlichkeit durch seine berüchtigte gegen die Ostjuden in Duisburg gerichtete Rede bekannt, der zweite Referent, Pfarrer und Privatdozent Lic. Dr. Haack aus Breslau, der sich anscheinend nicht einmal die Mühe genommen hatte, den Gegenstand ernsthaft zu behandeln. Demgemäß bewegten sich seine Ausführungen um die Fragen von Judenhaß, Rasse usw. Dr. Haack brachte auch den Haupt- Inhalt der Erklärung des Pro Palästina-Komitees zur Verlesung und stellte mit Emphase fest, daß schon die Teilnahme am Pro Palästina-Komitee eine Einmischung in innerjüdische Angelegenheiten darstelle, was in der Erklärung des Präsidiums des Pro Palästina-Komitees bestritten werde. Im übrigen erklärte er, daß er nur für die deutschen Juden und nicht für das jüdische Volk Interesse habe. Aus der belanglosen Diskussion Ist nur die Klage Max Nau mannt bemerken*- wert, welcher feststellte, daß kein Mitglied des Pro Palästina- Komitees erschienen sei, und daß offenbar als Antwort auf die an die Mitglieder des Pro Palästina-Komitees ergangene Einladung, die eingangs abgedruckte Erklärung beschlossen wurde. Die langweilige, nichtssagende Versammlung hatte einen Zwischenfall zu verzeichnen, der das Einerlei der vorgebrachten, altbekannten Phrasen unterbrach. Dr. Alfred Klee war im Aufträge der Z. V. f. D. auf Grund einer an diese gerichteten Einladung in der Versammlung erschienen und hatte sich zum Worte gemeldet. Der Leiter der Versammlung, ein Herr R.-A. Simon, erklärte, Herrn Dr. Klee das Wort nicht erteilen zu können, weil dieser nicht eingeladen worden wäre. Dr. Klee wies das Schreiben der Z. V. f. D. vor, in dem er beauftragt wurde, der an die Z. V. f. D. ergangenen Einiadung zu genügen und in der angekündigten freien Ausspräche das Wort zu ergreifen. Herr R.-A. Simon bestritt kategorisch, daß die Z. V. f. D. eingeladen wurde und erklärte, daß offenbar ein Mißbrauch vorliege. Tatsächlich ist jedoch an die Z.V.f.D. eine Einladung zu dieser Versammlung gelangt und Herr Karl Glaser, der persönlich eingeladen war, und sich zum Worte gemeldet hatte, handelte korrekt, indem er auf das Wort verzichtete, da die Angaben des Präsidiums der Z. V. f. D. im Briefe an Herrn Dr. Klee angezweifelt wurden. Die wenigen im Saale befindlichen Zionisten verließen nach dieser von R.-A. Simon verlesenen Erklärung des Herrn Glaser den SaaL Es ist ja denkbar^ daß das Büro des einladenden Aus- Schusses irrtümlich eine Einladung an die Z. V.f. D. hat ergehen lassen. Jedenfalls ist Dr. Alfred Klee in gutem Glauben in der Versammlung erschienen, die keineswegs den Charakter einer geschlossenen Veranstaltung trug. Die Weigerung, Herrn Dr. Klee, der immerhin einige Verdienste um die Berliner und deutsche Judenheit hat, sprechen zu lassen, ist zumindest eine Taktlosigkeit und charakterisiert genugsam den Geist des vorbereitenden Ausschusses der assimilatorischen Protestversammlung. Die Versammlung nahm eine Resolution an, deren Inhalt dem Geiste der Reden und der Debatte entsprach. * Ueber Naumanns Rede in der Aussprache berichtet die J. T. A. u. a.: ״Die Sache des Palästina-Aufbaues steht vor dem Zusammenbruch. Von den 158000 Einwohnern Palästinas leben allein 48000 in der Schacher- und Schieberstadt Tel-Awiw. Die Zionisten züchten sich zu einem Pfahl im Fleische des deutschen Volkes. Das kann kein Volk vertragen. Darum ist das Pro Palästina-Komitee eine Gefahr.“ Ferner sagte Naumann, das sich die Juden in Tel-Awiw in Ermangelung eines dritten Objektes gegenseltig betrügen. Man sicht, Naumann hat •ich m seiner restlosen Assimilation bereits die Terminologie der Hakenkreuzler zu eigen gemacht. Ueber das Zustandekommen der Resolution wird uns berichtet, daß diese zunächst mit den Worten: ״Die v׳ersammelten jüdischen und nlchtjüdischen Deutschen usw.“ beginnen sollte. Da außer dem Referenten Dr. Haack kein Niclitjude an der Versammlung teilgenommen hatte, erschien diese Fassung dem Prof, f ü r k offenbar deplaciert und er schlug vor, das Wort ״n t e h t) ü d 1 s c h e“ zu streichen, weil darin eine Einmischung von Nichtjuden in Innerjüdische Angelegenheiten erblickt werden könnte. Nach längerer Geschaf tsordnungsdebatte gelangte der Antrag Türk durch die kleine Zahl der noch im Saale befindlichen Unentwegten — die meisten Besucher waren schon längst weg — zur Annahme. Dr. Haack erklärte daraufhin: ״Ich als nicht j üdischer Deutscher protestiere auch“. Damit war die Versammlung zu Ende. * Um die Geistesverfassung der Gesellschaft richtig einzusehätzen, die diese Versammlung veranstaltete und den Kampf gegen das Pro Palästina-Komitee führt, genügt anzuführen, wer im Präsidium der Versammlung saß. Also zunächst Herr Pi neos, der seinerzeit die Aufmerksamkeit dadurch erregt hat, daß er gegen die Erhöhung der Begräbniskosten in der jüdischen Gemeinde kämpfte; dann Herr Bruno Woyda, dann Herr Simon und schließlich Dr. Naumann und R.-A. Qallinef, Sohn eines aus Rußland eingewanderten Ostjuden. Im Auditorium befand *ich auch der schreibselige Herr Sonnenfeld. Das waren die Prominenten der mit großem Tamtam angekündigten Versammlung, die dazu bestimmt war, dem Pro Palästina-Komitee und auch dem Zionismus den Garaus zu machen. Nach der Versammlung kam 06 dam vor, als öb man au einer Theater-Vorstellung tellgenommen hätte, ln der ein Stück aus den siebziger Jahren aufgeführt wurde. Man fragt sich ernstlich, ob diese Herren Pincus—Naumann, Galliner— Woyda, Rosenthal—Haack, wirklich Zeitgenossen sind und Zeugen der ungeheuren politischen und geistigen Veränderungen der letzten Jahre waren. Für diese Leute scheint die Welt tatsächlich mit Brettern verschlagen zu sein. Für Naumann und seinesgleichen natürlich mit schwarz-weißroten. Sdraarzbarf-Prozeß fan April Paris, 6. Februar. (J.T.A.) Am 5. Februar wurde Sdtalom Schwarzbart neuerdings vom Untersuchung!- richter verhört Er mußte über die Umstände, unter denen er als Angehöriger der französischen Militärkammissian to Jahre 1917 nach Rußland ging, aussagen. Schwarzbart erklärte, er habe sich als Freiwilliger der Kommission angeschlossen, um mitzuhelfen, den Geist der mit den Alliierten verbündeten russischen Armee zu stärken. Der Verteidiger Schwarzbarts, Tor res, teilte mit, daß der Prozeß gegen Schalom Schwarzbart nicht vor April stattfinden werde. Paris, 5. Februar. Der ״Quotidien“ hat heute mit der seit längerem angekündigten großen Veröffentlichung einer umfangreichen Aufsatzfolge von Bernard Lecache über die Pogrome in Rußland und der Ukraine 1917—1922 begonnen. Der Verfasser hat sein Material während eines mehrmonatigen Aufenthaltes im Pogromgebiet gesammelt. Das Blatt will mit dieser Publikation die öffentliche Meinung für den Prozeß Schwarzbart vorbereiten, um durch einen Freispruch des Angeklagten den grundsätzlichen Standpunkt des französischen Volkes gegenüber den Judeirverfolgungen zum Ausdruck zu bringen. Sir Matthew Nathan wurde zum Präsidenten der Gesellschaft der Freunde der Hebräischen Universität in England gewählt. Bücherschau (.Babel: Budjonnys Reiterarmee. Malik Verlag. Berlin, 1926. Als einer aus der roten Reiterarmee Budjonnys hat Babel das verbissene, todentschlossene Ringen der russischen Revolution um ihre Behauptung miterlebt und mitten hinein in den blutigen Wirbel dieses Elementarereigni:ses reißt uns seine Erzählungskraft Mit einer Wucht, daß wir autstöhnen wie unter dem Nackengrift eigener furchtbarster Schicksalstragik:, zwingt er uns, dieses Stück Zeitgeschichte aus unmittelbarster Nähe mitzuerleiden. In höllischem Feuerschein wälzen sich die Blutschwaden des Bürgerkrieges über die in sich zusammengesunkenen Judenstädtchen von Russisch-Polen, seine zerschossenen Gutshöfe und Kirchen und seine toten, einst von Bienen durchsummten Wiesen. Die rote Kavallerie des Bolschewikengenerals setzt den Truppen der polnischen Schlachta nach durch das zerfetzte, brennende, leichenbesäte Land. Wilde Kosaken, Erdensöhne, denen der rohe Krieg und unbändige Kraftbetätigung noch Lebenselement sind, bilden das unpassende, aber stählerne Rückgrat der proletarischen Revolution. Sie sind imstande, um des tollen Spaßes willen, ihre Kampfgenossen, die ergebenen Bauernscharen der hungeroden, b'utig gerissenen und zerlumpten Infanterie aus den Schützengräben zu peitschen — als wäre noch die Zeit des Zaren, da ihre Nagaika in seinem Auftrag durch die Lüfte sauste. Unausschöpfbar waren und sind noch die Leiden dieser russischen Bauern, dieser!cindüch primitiven, kindlich grausamen, kindlich zärtlichen Geschöpfe, die ein Pferd lieben können wie eine Frau, und eine Frau mißhandeln können wie ein Pferd, die jahrhundertelang getreten und geknutet worden sind und nun, in heldenhafter Todesverachtung und ״unverschuldeter Derbheit“, einem unbestimmten, aber sie zersprengenden Befreiungsdrang folgend gegen alle Verräter wüten, die ״den Fluß zurückfließen lassen wollen‘•'. Frauen, gräßlich mißbrauchte, verfluchte Mutterschaft mit sich schleppende Frauen, die über gemordeten Liebsten in Irrsinn versteinert sind und immer noch von der Soldateska gebrandschatzt werden, hausen in den erstorbenen Ortschaften. Und alte Juden, unsäglich gemarterte,!eidbeladene Juden, ״schmalschultrige Talmudjuden Polens mit ihren leidenschaftliehen, qualvoll geschnittenen Prophetengesichtern und ihren heftigen, bitter Hochmütigen Gesten“ zanken noch auf den Marktplatz über chassidische Probleme, versammeln sich noch zur Sabbatweihe im Tempel und grübeln über die unbeantwortbare Frage, wieso die Revolution, die eine gute Sache sei, gemacht werden könne von Menschen, die morden, und wann die süße Revolution kommen werde, die Internationale der guten Menschen. Ihre Jungen aber mit den bleichen, kränkliehen Schwärmergesichtern dienen der Revolution und sterben für sie. Alle diese Gestalten leben in Babels gewaltigen Schlachtgemälden auf. Selber einer aus dem alten Stamme, ein Bebrillter unter den luchsäugigen Kosaken, die ihm zuerst mit unflätiger Verachtung begegnen, ist Kamerad Babel — wegen seiner revolutionären Verdienste dem Stab einer Reiterdivision zugeteilt. Nach Kosakenart muß er erst den Kopf einer Gans unter seinem Stiefel zertreten und der jammernden Hausfrau rücksichtslos befehlen, sie ihm zu braten, bevor er bei seinen Kriegsgenossen Respekt findet. Nun rücken sie am Feuer zusammen, und bald ist er, der eine Zeitung bei sich hat, der Mittelpunkt. Atemlos lauschen sie der Rede Lenins, die er ihnen vorliest. Aber während die robusten Gesellen in Schlaf versinken, hält ihn sein Herz wach, das über den Mord am Tiere blutet. Mit einem solchen Herzen lebt Babel dureh die unendliche Trauer und Einsamkeit des bluttriefenden Kriegsgrauens, durch eine Welt, in der ,.die Sonne am Horizonte dahinrollt wie ein abgehackter Schädel", in der ״die Bäume stehen wie nackte Leichen“ und ״die Erde einen aufnimmt wie ert Grab". Die Chronik der täglichen Verbrechen quält ihn wohl wie ein unaufhörliches Herzleiden und seine Augenhöhlen sind mit erstarrten Trinen gefüllt, aber kaum sonst ein Seufzer verrät uns unsäglich, arte der Mensch in ihm leidet. Sein Künstlertum rettet ihn vor dem geistigen Zusammenbruch. Es läßt ihn trotz allem empfinden, wie ״grandios“ die Standarten des Sonnenuntergangs wehen, wie der heimatlose Mond am Himmel taumelt oder seinen runden, glänzenden Kopf mit blauen Händen hält und daß die Lilien so stark und rein duften wie Spiritus. Es macht ihm Briefe, die seine Karneraden schreiben, zu so erschütterndem Erlebnis, daß er mitten im Toben des Krieges daran zu denken vermag, sic zu bewahren. Es läßt ihn so intensiv auf horchen bei den Erzählungea der Soldaten and bei den schrecklichen Szene«, die sich vor ihm abspielen, daß er ihre durchbohrende Nacktheit dauernd festzuhaltcn vermag. Die bald tierischen, bald heroisehen Gesten der schicksalgepeitschten Werkzeuge der Revolution, ihr hilflos« Stammeln vor den unabwendbaren Unbegreiflichkeiten ihres Kriegsdaseins fängt er in ein Wortnetz von unerhörter Stärke ein. Aus Stunden aber, da die Verzweiflung an der Heiligkeit des Klassenkamptes denselben überkommt, läßt Babel sich aufrichten durch Revolutionäre aus einem Guß, wie Galin einer ist, der staräugige Redakteur der ״roten“ Zeitung, die er nährt aus der Fieberglut seines Herzens und täglich ״wie eine Zündschnur unter die Armee legt“. In schlafloser, nach Liebe durchsehnter Nacht kann dieser Galin noch Pläne für die Erziehung der wilden Reiter zu würdigen Vorkämpfern der Revolution ausdenken und schuldbewußt und zustimmend neigt Babel seit! Ohr, als er im selben Atem gegen die Milchbärte wettert, für die man den Kern aus der Schale lösen müsse, wonach sie ihn in ungewöhnlicher Prosa zu besingen wissen werden. Ein Meister impressionistischer Technik trifft es Babel schon den Prozeß des ״Schälens“ in ungewöhnlicher _ Prosa zu begleiten, und es darf nicht vergessen werden, zu rühmen, daß Dimltri j U m a n s k y eine gleichfalls nicht gewöhnliehe Uebersetzung ins Deutsche dazu geliefert hat. ______ Dr. Nadja Stein. Ernst Neuschul, ein junger Künstler, auf den ich schon im Sommer hingewiesen habe, zeigt zum ersten Male — bei Nierendorf — eine größere Kollektion von Gemilden. Der noch sehr junge Künstler verdient Beachtung wegen des Willens zur Qualität, der aus allen seinen Arbeiten spricht. Er ist ein Künstler der Fläche, der das Glück hat, daß ihm auch die Linie und die Plastik gefügig sind. Die Linie zeigt in einem Bildnis Komposition junger Menschen — halb naiv sinnlicher halb intellektueller Großstadtjugend — eine geradezu südliche Freudigkeit. In der Landschaft ist er noch nicht 80 weit. Vorläufig sieht ma» auf dem Bild mit den Bäumen «och Henri Rousseau* Eitlflafi und darüber hinaus nur den guten Willen zu Qualität und Kultur. Gefühl für die Eigenart jedes Stoff«, Beherrschung des geistigen Ausdrucks und ein natürliches Empfinden für Komposition zeigen ihn bei fruchtbarer und guter Arbeit Ruth Morold.

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