Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 10 (4.2.1927)
- Date
- 1927-02-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1זז JütmSCRE THWÖSCHAU Sette 60 Zum Problem der Arbeitslosigkeit Von Hubert l* o 11 a c k, f >ie kritischen Ausfiili rungen, welche Heinrich .M;1 r g 11 lies an dieser Stelle zu den palästinensischen Wirtsclial'tsfragen gemacht hat, sind von M. Beiliuson einer scharfen Anti• Kritik unterzogen worden, die sich 11m Objektivität bemüht, aber in einigen wichtigen Punkten doch wohl recht einseitig ist. Die Schwierigkeiten der Arbciterinstitutionen, so sagt Reilinson, seien verursacht durch die akute große Arbeitslasig- keit. Und wodurch ist diese licrvorgcrufcn? Doch darüber später. Die Arbeitslosigkeit zu steuern, sei dringendste Aul gäbe. Kein verantwortlicher Zionist wird diese Binsenwahrheit hestreifen. Ebenso dürfte kaum Streit darüber herrschen, da('׳ die Arbeitslosigkeit nur durch ein großzügiges Programm öffentlicher Arbeiten wirksam bekämpft werden kann. Die Meinungsverschiedenheiten beginnen erst bei der Frage, die einzig und allein wichtig ist, bei der Frage, wer dies Programm zu finanzieren habe. Die offiziellen zionistischen Kreise sagen: unsere Fonds; die Revisionisten sagen: die Regierung. Beides ist richtig; beides ist falsch. Selbstverständlich sind unsere nationalen Fonds zur Unterstützung der Arbeitslosen moralisch 1 erpfliclitet und selbstverständlich werden sie die Pflicht aus volkswirtschaftlich vernünftigsten Gründen dadurch erfüllen, daß sic öffentliche Arbeiten ,uisfiihren. Es kommt mir darauf an, ob sic die notwendigen Gelder haben. Lind gegenwärtig fehlen diese. Mit den verfügbaren Mitteln kann ohne Gefährdung des sehr bescheidenen landwirtschaftlichen Kolonisationsb'udgets keine ernsthafte Bekämpfung der Arbeitslos!(?• keif durchgeführt werden. Darum sagt Jabotinsky hier mit Recht, daß es nicht ohne Regiertutgshilfe geht. Öder glaubt irgendein verantwortlicher Mensch an ein Wunder, durch dos die Keren Haicssodcingänge plötzlich im Augenblick verdreifacht werden? Wohl schwerlich. Die Regierung aber ist zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit nicht nur rechtlich verpflichtet (Art. t> des Mandats), sie ist an ihr vor allen Dincen wirtschaftlich erheblich interessier(. Denn Arbeite• losigkeit bedeutet Verminderung des Volkseinkommens, Sänken der Steucreingäuge. Wenn freilich die zionistische Leitung sich unter Gefährdung ihres Budgets erbietet, der Regierung die Kapitalabgabe für produktive Arbeitslosenunterstützung — deren Zinsen die Regierung jedoch zuletzt in Gestalt von St eitern einheimst — zu ersparen, was sollte denn die Regierung veranlassen, dieses Geschenk nirückziiweisen? Sache der 710■ nistischen Leitung ist es, alle Mittel, die ohne Gefährdung des Budgets verfügbar sind, für die Arbeitslosen berritzustellen, aber zugleich die Regierung unter Vorlegung eines exakt durchkalkulicrfen Arbeitebeschaffungsprogrammcs zu dessen Finanzierung immer wieder aufzufordern. Nun zu der anderen Frage: Wodurch ist die Arbeitelosigkeit hervorgerufen? Reilinson scheint zum Schlüsse seiner Ausführungen sagen zu wollen: durch den Zusammenbruch der vierten Alijah. Wenn dem so wäre, dann trüge die zionisfische Leitung und mit ihr die Le.itung der Arbeiterorganisationen die entscheidende Schuld an der Arbeitslosigkeit. Denn daß die vierte Alijah mir eine Scheinblüte, keine Prosperität der Wirtschaft erzeugen könne, war den Arbeiterführern und wohl auch einigen Mitgliedern der Exekutive schon 1024 klar. Sie durften also auf diese vierte Alijah keine Massenein Wanderung chaluzischcr Elemente aufbauwt. Ater das haben sie ja auch nicht getan. Sie halten die Arbeitereinwanderung vielmehr auf die ״Fonds und die Wirtschafts־ Institutionen der Arbeiterschaft aufgebaut. Trotzdem besteht heute Arbeitslosigkeit. Ihre ökonomische Ursache kann daher zunächst nur in der Ökonomischen Betätigung der Fonds und der Arbciterinstitutionen gesucht werden, und die nächstliegende objektive Feststellung kann nur heißen, daß die Mittel der Fonds und die Tätigkeit von Solelboneh, Maschbir, Bank Hapoalim die gegenwärtige Arbeiterzahl nicht ernähren können. Das Ist weder ein Vorurteil noch ein Bekenntnis zu den Ansichten der ״Industriellen'•. Es ist eine einfache Feststellung, die zu denken geben sollte. Wenn Beilinson mit einer energischen Handbewegung alle Indiisfrialisicrungsmöglidikeiten leugnet, dann ist das ebenso einseitig, wie wenn Margtilies die ,,landwirtschaftliche Ideologie" über Bord wirft. Wer wagt heute zu behaupten, daß Palästina nicht einmal beispielshalber eine sehr leistungsfähige Baumwolle verarbeitende Industrie haben kann? Und cs ist gewiß richtig, daß diese Industrie nicht über Nacht aus dem Boden wachsen kann, sondern sich entwickeln muß. Die Anfänge dieser Entwicklung aber können heute bereits vorbanden sein. Warum nicht? Freilich die Grundlage muß in einem durch Rohstoff- und Kapitalmangel gleichermaßen benachteiligten Lande wie Palästina die Landwirtschaft sein. Aber ob die bisher von der Zionistischen Organisation mit Billigung der Arbeiterschaft angewandten Methoden die richtigen sind, erscheint angesichts der gegenwärtigen Arbeitslosigkeit recht zweifelhaft. So viel dürfte feststehen: die Tätigkeit der Fonds und der Arbeiterschaft allein reichen nicht aus, eine rentable Wirtschatt auf die Dauer zu gewährleisten. Eine erhebliche Steigerung der Fondseingänge, die diesen Zustand ändern könnte, ist in absehbarer Zeit aller Voraussicht nach nicht zu erwarten. Ls bleibt daher nichts anderes übrig, als Privatinitiative, Allerdings nicht die Privatinitiative des Kleinbürgers, der in Tcl-Awiw mit Limonade und Grundstücken handelt, sondern die Privatinitiative des Pflanzers, der seine Plantagen und Gärten mH eigener Hand bearbeitet. Intensive Landwirtschaft tut not. Aller sie ist ntir möglich, wenn sie nicht nur rentabel, sondern sogar erheblich profitabel ist. Sonst wird sich schwerlich einer bereit finden, unter den schwierigen Bedingungen Palästinas zu ar• beiten. Die Zeit der ontsagungsfrohen heldischen Ghaluziuth ist vorbei. Das ist wiederum nur eine Tatsaehenfeststellun״, kein Vorurteil. Audi die Zionistische Organisation muß mit den Tatsachen rechnen•, sonst könnte sie am Endo an ihnen zerbrechen. Antisemitismus und Nationalismus Die — an einem Abend der B. Z. V. vorgetragenc - phil.v sophische ״Disputation“ von Lc'i\ W e 11 s c 11 ״Antisemitismus, Nationalismus, Zionismus“, stellte in der Form einen eigenartigen Versuch dar, der alten Einrichtung der wirklichen Dispuiation eine nette Gestalt zu geben, indem der Vortragende beide Personen, Verteidiger und Ankläger, sozusagen in sich selbst vereinigte. Die Disputanten waren ein Gegner und ein Freund dos zionistischen Lösungsversticlis der Judenfrage. <110 zunächst um folgende grundlegenden Punkte stritten: Ist der Zionismus eine Reaktion auf den Antisemitismus, ist der Antisemitismus bekämpfbar und ist der Nationalismus etwas sittlich Verwerfliches. Der Zionismus geht mit dem Antisemitismus mir eine bestimmte Strecke parallel. Gäbe es keinen Antisemit^- nitts, so bliebe der Jude doch etwas von seiner Umgebung Ifnterschiedenes, die Judenheit als etwas, was überall Minorität ist, in seiner kulturellen Schöpferkraft Beeinträchtigtes. Aber der Antisemitismus ist nichts, was durch Bekämpfung, durch Widerlegung von Argumenten, die er zu seiner Rechtfertigting verwendet, 711m Verschwinden gebracht werden kann. Vielmehr ist er ein Sonderfall jenes Griippenliasse*. der zufolge eines durchgängigen soziologischen Gesetzes überall dort gegeben ist, wo eine qualitativ in einem gewissen Maße unterschiedene und quantitativ eine gewisse Zahl über• schreitende Minorität vorhanden ist. Die Intensität und Aktualität des Gruppenhasses wird bestimmt durch den Charakter der ihn tragenden Gruppe und durch ihr Schicksal. Er steigert sich, wenn die .Majoritätgruppe, einer unabwendbaren Unbill ausgesetzt, für ihr angcsammcltes Reaktionsbediirfnis ein Ventil sticht. Das ist eine ebenso gesetzmäßige Erschciming, wie das erste Gesetz und geht parallel mit der allgemeinen psychologischen Gesetzmäßigkeit der hysterischen Reaktion, (lieber diese Dinge unterrichtet ausgezeichnet das neue Buch von F. Bernstein, über den Antisemitismus, im Jüdischen Verlag). Zeigt sich der Antisemitismus also als ein Schicksal, das die Juden nur als Minorität Im vorge/cichneten Sinne besonders hart betrifft, aber unabwendbar wird, insofern es nur der Spezialfall eines gesetzmäßigen Ablaufes ist, so bleiben noch zwei Fragen zu erwägen. Ist der Zionisnius imstande, die Judenfrage in jenem vom Antisemitisnius unabhängigen Sinne einer Lösung näherzuführen, und zweitens, kann man es verantworten, ein Volk, das als Kollektivum von allen Völkern vielleicht am weitesten allem nationalen Bewußtsein entfernt war, nun vorsätzlich und bewußt zir Volksbewußtsein zurückzufiihrcn, wo der Nationalismus sich als die Hydra der Zeit erwiesen hat? Eine umfassende' Ueberfcgting gibt die Antwort auf beide Fragen, eine Ueberlegung, die unter Verwendung des in der neueren Psychologie geklärten ״Gestalt“-Begriffs exakt fortnischreiten vermag. Gestalt heißt in der Psychologie, wenn eine Anzahl von anschaulichen Elementen zu einem neuen, sie umfassenden Ganzen Zusammentritt. Die so entstandene Gestalt ist gegenüber ihren Elementen tatsächlich etwas Neues, von ihnen nur zum Teil Abhängiges, wie z. B. das zur Darstellung häufig herangezogene Exempel der Melodie zeigt, die etwas anderes ist, wie die sie bildenden Töne und eine selbständige Existenz führt. Die Gestalt ist das Mittel des Geistes, das unheimliche Chaos des an sich Gegebenen zu meistern. Alle Kultur und alles menschliche Leben ist nichts als das fortwährende Schaffen von Gestalten. Eine Gestalt ist um so höherer Ordnung, je größer die Mannigfaltigkeit ist, aus der sie sich aufhaiit und ie intensiver die Einheit, kraft derer sie jene bewältigt. Wese beiden scheinbar widerstrebenden Ziele, intensive Einheit und größte Mannigfaltigkeit, zu erreichen, bedarf es besonders günstiger Bedingungen, deren der Vortragende drei heraushebt. "1. Wenn die Elemente der Gestalt selbst schon Gestaltcn sind (Sprache, Kultur, Religion, Geschichte, Kunst usw. sind 7. B. schon hochwertige Gestalten). 2. Wenn sie untereinander durch eine gewisse Gemeinsamkeit der Abstammung verwandt sind. 3. Wenn besonders Zeiignngskräftigcs zusammentrifft. Diese drei Bedingungen treffen aber in hohem Grade in jener soziologischen Gestalt zusammen, die man Volk nennt. Ein mißverständlicher Intemationalisimi--, der die Gestalt der Nation verschwinden lassen wollte, um zu der höchsten Gestalt vier ״Menschheit‘• zu gelangen, würde in Wirklichkeit diese höchste uns erreichbare Gestalt entwerten durch Verarmniig ihrer LIeniente. :sie müßte sich ohne Völker auf den isolii 1 teil uml uniformierten Menschen stützen. Ein wohlverstandener Nationalismus, dessen Egoismus nicht weiter rricht als bis zum Lxisicnzminimtini (wobei hei widerstreiten- <1011 Lxisteii/miiiimn die < icrcchtigkcit allein zu entscheiden hat) ist daher keine Reaktion in sich, ist vielmehr in Wahrheit der beste I iiciist an der Verwirklichung der höchsten zu verwirklichenden Gestalt, der Humanität. Diese Erwägungen sind aber auch entscheidend für die Berechtigung einer, bewußten N a t i o 11 a! i s i c r u n g d c r J u d e. n 11 e i t und ihrer \V i c d e r a u f r i c 111 (111 g als schöpferischer Nation. Wer das!.eben überhaupt unter den Gesichts• punkt schöpferischer Werte stellen mag, kann daher einer Bejahung des Zionismus und des ״guten1' Nationalismus überlinupt nicht entraten. Der Vortrag fand bei dem sehr zahlreich erschienenen Pnbtikuin lebhaften Beifall. Sp. Psychologie des Judentums Am 27. v. AL veranstaltete die ״jüdische Lesehalle mm Kultur! crein“ Chemnitz einen Vortrngsaliend über ״Psvcho- Io gie des Judentums“. Referent war Prof. Thcod. L e s s i n g. Er begann seinen Vortrag mit dein Wort: Erkenne Dich selbst! Zunächst frage man sieh: Zu welcher Spraehgruppe gehören die Juden? Ls steht nach dem heutigen Stand der Wissenschaft fest, daß in allen Familien, sogar den königliche״, Rliitsvermischungen aus allen Rassen stattgefunden haben, und diese oluic Einfluß auf die Religion der einzelnen Familien geblieben sind. So finden wir jüdische Religion ohne jüdisches Blut und jüdisches BUH ohne jüdische Religion. Was bildet aber eigentlich ein Volk? Es sind drei Faktoren als Grunddemente zu bezeichnen: Natur, Wille und Geist bilden ein Volk; Sprache stellt in zweiter Linie. Es gäbe ja sonst keine Juden. Diese unterscheiden sich durch Merkmale, die sich durch das Ghettoleben hcrausgcbildet haben. Das Ghetto entfernte von der Natur, und cs trieb zum Oegensafz, zur Geistigkeit, die durch Religion, Riten und Talmud- Studium vertieft wurde. Bei den Juden findet man z. B. bis zur Gegenwart prozentual viel weniger Bluterkrankungen (Tuberkulose) als bei den Christen, aber viel mehr Nervenkrankheiten. Die Juden wurden durch jahrhundertelange Leiden za einer Schicksalsgemeinschaft, ebenso wie die Proletarier der Welt durch Hunger und Arbeitslosigkeit zut Gemeinschaft zusammengeschweißt wurden. Das Bmvußtsein des ewigen Leidens, des Zurückgesetzseins, liegt latent in jedem jüdischen Menschen. So wie das Tier, wenn es leidet, als natürliches Hilfsmittel einen wachen Geist erhält, so wird der Jude gegen alle und alles instinktiv wach und aufmerksam, empfindlich. Jede Ausgeschlossenheit bringt Haßgefühlc hervor. Darum haßt jedes Volk das andere und will es schädigen In den Juden fand die Welt einen allgemeinen Sünden bock, weil sic das schwächste Volk sind. Man sagt z. B.: der ״jüdische“ Kapitalismus, die ״jüdische“ Geld Wirtschaft, weil man das Sehuldbewußfsein, etwas Verderbenbringendes in die Welt eingeführt zu haben, abwälzen möchte. Die Juden aber mußten das von außen eingedrungene Leid gegen sich selbst kehren, da für die machtlose Minderheit keine andere Möglichkeit besteht als Selbstquälerei. Unsere Aufgabe ist es nun, damit zu brechen und zu lernen, Freude an uns selbst zu empfinpen. Unsere Volksbewegung sei naturbewußt und von der heiligen Aufgabe überzeugt. Dann ist in Wahrheit unser Volk auserwählt. Denn es ist ja anerkannt als die geprüfteste aller Nationen. Und, so schloß Prof. Th. Lessing seinen impulsiven Vortrag: ״was uns nicht umbringt, macht uns stärker!“ Starker Beifall lohnte den Referenten. Hanni Goldhaber. Gedenkfeier am vierten Todestag Max Nordans Paris, 31. Januar. (J.T. A.) Aus Anlaß der vierten Wiederkehr des Todestages von Max Nord au fand unter dem Vorsitz von Wladimir J abotinsky eine Gedenkfeier statt, in der die Witwe des verstorbenen Zionistenführers, Frau Anna Nord au, Leben und Werk ihres Gatten schilderte. Nordau wählte, sagte sie, Paris zu seinem Wohnsitz, weil er eine tiefe Liebe für das Land der Freiheit und der großen Revolution hegte. In Paris schrieb er seine Hauptwerke, in Paris fand er auch zuerst den schriftstellerischen Ausdruck für seine zionistischen Ideen. Hier ist er zuerst Theodor Herz! begegnet. Seit dem Dreyfus-Prozi'ß, schloß Frau Nordau, widmete Max Nordau sein Leben der jüdischen nationalen׳ Sache. Theodor Däubler spricht Ober Palästina Der Dehler Theodor Däubler sprach im Rahmen seines Orientvortrags (in der Kunsthandlung Nierendorf) ausführlich über Palästina. Und mit dem Spürsinn des Dichters, jener Intuition, ohne die auch die Ergebnisse des wissenschaftlichen Forschers tot bleiben, geschah es, daß sich unversehens ein einheitliches Kiiffurbüd der fernsten Epochen_auftat. Geahnte Zusammenhänge und doch glaubhaft, weil dem Künstler alle Kunstdinge nahe verwandt sind. Zugleich aber gab er ein ebenso anschauliches Bild des gegenwärtigen Orients. Wunderbar schilderte er palästinensische Landschaft. Von der Höhe des Anfilibanon ״glühte der Hermon mit seinen sieben Spitzen wie ein siebenarmiger Leuchter über Palästina". Für das zionistische Palästina Lst Däubler voller Bewunderutjg. ״De Begeisterung wird aus der Wüste wie durch artesische Brunnen fruchtbares Land schaffen." Aber wegen der Zukunft hat er ernste Bedenken. Zwar die Aufopferung der Chaluzim, von denen er voller Begeisterung spricht, kann nicht verloren sein! Ein Zurück gibt es nicht! Aber er sieht das Heil in der ganz allmählichen Einwanderung. Nicht nur, well jedesmal viel Enttäuschte umkehren müssen, wenn sich die Einwanderung nicht den ökonomischen Bedingungen anpaßt, sondern weil er dem Haß der Araber viel Bedeutung beimißt. Selbst die Aussicht, daß auch für ihre eigene Volksvermehrung Möglichkeiten geschaffen werden, beruhigt nicht den Einwand: ״Die Juden nehmen uns unser Land!“ Deshalb, meint Däubler, ist der einzige Weg die friedliche Verständigung, zu der ganz allmähliche Einwanderung gehört. Da er Palästina mit dem Bück des Künstlers sieht, gibt es auch zum Thema Architektur Einwände, die inbezug auf die gleichen Dnge auch an dieser Stelle schon oft gehört wurden. Einverstanden ist er mit Komberg und Bärwald. Haifa und das moderne Jerusalem versündigen sich häufig an der Landschaft. Die Zionisten allerfings weniger als griechische Mönche und die gutgenfÜBten Bestrebungen der verschiedensten Nationen, die mitf1 schlecht gebauten Heimen die Landschaft verunstalten. Aus kulturellen Bedenken sprach er gegen Bewässerungs- Iß den im Jordan. Dort wäre ״Heiliges Land“ und praktisch k*,vie nur Besiedlung durch jemenitische Juden in Frage. TmJ Däubler, der noch Nordans frühe Pläne von Bin» selbst ci Putern hörte, betonte sein volles Verständnis und seine uneingeschränkte Bewunderung für die übermenschlich schwere Aufgabe und den Heroismus, der noch Raum hat für die Ideen der Zukunft, nicht mir der engeren eigenen Kultur. R• M. ״Maler, die keine Maler sind“ Unter diesem Titel, der zwar Interesse erweckt, aber streng genommen nicht ganz den Inhalt deckt, sieht man im ״Buch laden am Kurfürstendam m" (Axel Juncker) Bilder von Schauspielern, Schriftstellern. Dichtern und Angehörige anderer Berufe, die in ihren Mußestunden malen, aber es gibt auch Bilder von Malern, die trotzdem Maler sind, wenn sie auch im anderen Kunstgebiet oder im Geschäftsleben ihren Hauptberuf gefunden haben. Zu diesen Malern, die wirklich Maler sind, gehört außer dein großen Schauspieler S t e i n r ti c k , der ein Landschafter ist. den man gelten lassen kann, vor allem der Dchter und Musiker Arno Nadel. Seine Pastelle, u. a. ein Selbstbildnis und eine dichterisch gestaltete große Szene der Valeska Gert zeigen Temperament und Persönlichkeltsausdruck. Das Geheimnis des vielseitigen Talente läßt der Pinsel erraten. Arno Nadel der .Mensch, hat ein starkes Empfinden für das Material, welcher Art es auch sei. Wie er sich die Farbe dienstbar macht, so begibt er sich auch als gewissenhafter Empfänger in das Gebiet der Dichtung oder der Musik. Von Else L a s k e r - Schüler zeigt die gleiche Ausstellung Pastelle. Sie sind wirklich Uebersetzungen der Worte, die man im Tageblatt las: ״meine Buchstaben gingen in Blüte auf.“ Echtester ßettinageist, Arabesken, z. T. im wörtlichsten Sinne. Walter Mehring, der Dchter und formeil größte Meister stahlbiegsamer Rhythmik und blendend formulierter Gedanken bevorzugt das Aquarell. Die Ausstellung aeigt ti. a. das schon bekannte Titelblatt seiner Seemannsgeschiehtc. De mit dem Intellekt siegreich errungene Naivität des Erzählens in scharfen Konturen zeigt sich ganz deutlich in den Aquarellen. r. m. Rabbiner Dr. Felix Perle Königsberg, wird, wie wir Sotnmersemester 1927 hebräischen Universität zu halten. Der Vorstand hat s. Professor an der Universität bereits gemeldet haben, i m am indäisehen Institut der J erusaletn Vorlesungen *lut für diese Zeit beurlaubt. Ostfüdischer Volkslieder-Abend. liegt denn Kowno, liegt Wilna wirklich so nahe bei Berlin? Singt man immer noch in all den polnisch-jüdischen Dörfern zarte Jargon-Liebeslieder? Man könnte daran zweifeln, wenn man im Grotrian-Steinweg- Saal sitzt mid mit einem fein kultivierten Publikum sich diese Lieder anhört, in einer träumenden Luft und so darüber lebend, als lägen Jahrhunderte dazwischen. Rahe! Ermolnik o f f singt ״H a m a wd i 1“, ״Interdcra Ki nds Wi gel e“ und jemenitische Volkslieder, so völlig den Kern hergeltend, mit inniger Stimme, wie selten eine Sängerin. Und am Flügel sitzt ein junger .Musiker, zusammengesetzt aus Wagemul, Seligkeit und Staccato und spielt für sich, was er mag, atonal, wolpisch. Hie und da springt ein Frosch vom grünen Wunderbamn mitten im Saal auf die Tastatur und tippt: pim, pim. Das will sich die ״gildenc P a v e“ keineswegs gefallen lassen und ruft immerfort dazwischen: Lieber Wolpe, du bist doch sonst so begabt und sympathisch, warum spielst du nicht ein wenig normal? Aber man vergiß! das alles' beim Lauschen. Manchmal hört man auch einen geraden Ton von Milhaud. Schallt, Alice Loewetison und Nadel, aber der Frosch ist weiter verträumt und nickt dem Begleiter leise zu: Hörst du nicht, wie Fräulein Ermolnikoft sich von uns gar nicht stören läßt und süß zu de״ fremden Leuten da ,,B :1 man Maines Hasele“ hinübersingt? -- Und so vergeht der schöne .Abend und die Lieder ״giklen“ in der Seele nach. Arno Nadel. Das Dänisch-Jüdische Komitee für die Hebräische Universi• tätsbibliothek in Kopenhagen übersandte der Bibliothek eine Sammlung von Büchern, hauptsächlich aus dem Gebiete der Medizin und der literarischen Produktion der Juden in Dänemark. Die Zionistische Organisation in Rumänien überwies eine größere Sendung von Büchern aus dein Gebiete der Medizin. Durch die Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek in Berlin erhielt die Bibliothek den Nachlaß des Rabbi Cliaint Josef ben ha-Raw Abh-Beth-Din von Schklow Rabbi Joschua Hurwitsch. Der Nachlaß bestand /um großen Teil aus Büchern der hebräischen modernen I iteratur. Ferner erhielt die Bibliothek durch Vermittlung des Professors Umberto Cassuto in Florenz von den Erben d./s Herrn Philip Fin/i in Florenz die vollständige Serie der wichtigsten literarischen Zeitschrift Italiens ״Nuova Antologia“. I