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Jüdische Rundschau · 1927-02-01 · Heft 9 (1.2.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 9 (1.2.1927)
Date
1927-02-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 62 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 9 Jüdische Kulturarbeit Die jüdische Volksnnlverslläf in Kowno Eine Kulturstätte, die eine lehrreiche Geschichte hat und als Wagnis einer kühnen Tat wohl das Interesse der Juden anderer Länder beanspruchen darf, Prominente Persönlichkeiten standen an deren Wiege; Minister Soloweitschik, Minister Rosenbaum, Prof. Dubnow, Prof. Bruczkus, Dr. Ester Eljaschew (Schwester des Baal-Machschowes) u. a. m. waren in den Flitterwochen der Entstehung des litauischen Staates von der Idee beseelt, in Litauen, diesem Mutterlands der Haskalah, eine jüdische geistige Pflegeanstalt mit Lehr- und Seminarkursen zu gründen, die, an keine starre Organisationsform gebunden, die Wissenschaftstradition der jüdischen Forscher in Rußland übernehmen und der zukünftigen Jerusalemer Universität neue Forschungsgüter übergeben soll. Das Ziel war klar: an der Wiedergeburt der alten schöpferischen Kategorie der Halachah, an dem Aufbauwerk in Erez-lsracl feilzunehmen. In dieser Zentrale geistigen Wirkens, für die die besten Kräfte mobilisiert werden könnten, hätten ausschließlich jüdische Fäd er ihren Platz gefunden; sie war also als eine Vorläuferin einer jüdischen Hochschule in Litauen brw. einer noch zu erkämpfenden judaistischen Abteilung der Litauischen Staatsuniversität gedacht, sie könnte sich evtl, auch zu einer Schwesterorganisation der judaistischen Fakultät an der Jerusalemer Universität entwickeln. Allein die Verarmung des litauischen Judentums, die Isoliertheit von den jüdischen Massensiedlungen in Rußland und Polen, der Verlust Wilnas und verschiedene politische und psychologische Momente brachten es mit sich, daß die großzügige Idee auf eine harte Probe gestellt war, daß ein großes Kulturwerk in einem kleinen Galuthlandc Gefahr läuft, mehr Propagandamittel als eine Stätte ruhigen Schaffens zu sein. Viele führende Persönlichkeiten verließen bald Kowno, die breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung stellen sich auf Emigration ein. Den latenten geistigen Potenzen des litauischen Judentums sowie der unermüdlichen treuen Arbeit der begeisterten Mensehen ist es zu verdanken, daß die Hochschulidee nicht zu Grabe getragen wurde. Nach einer Frontumstellung hat man mit aller Nüchternheit einsehen müssen, daß eine jüdische Universität in einer nichtjüdischen Weit eine Anomalie ist, daß aber eine Volksuniversität, die sich der Erhellung und Erhebung des Geistes, der Erleuchtung und Stählung des Willens widmen soll, eine begrüßenswerte Institution ist. Die jüdische Volksuniversität existiert bereits das zweite Jahr. Man muß mit aller Unvoreingenommen!!(־!!: fcststellen, daß diese Hochschule im Werden den Interessen der werktätigen Schichten angepaßt ist. Sie vermittelt den in harter Arbeit stehenden oder auf die Auswanderung orientierten jungen Leuten jüdisches und allgemeines Wissen, sie versteht es auch, die Kenntnisse angewandter lind humanistischer Fächer in (für die wirren Verhältnisse unserer parteipolitischen Gruppierungen) so wichtiger überparteilicher Weise zu vermitteln. Die Zahl der Zuhörer betrug im vorigen Jahre etwa 300, im laufenden Semester hat sich die Zahl infolge Wirtschaftheher Stagnation verringert. Unter den Dozenten machen die Zionisten einen beträchtlichen Prozentsatz aus. Die Volks- Universität, die übrigens eine reichhaltige Bibliothek (Judaisten und Hebraisten) besitzt, reagiert auf die bedeutendsten Geschehnisse im jüdischen Leben. So beispielsweise wurden Bevölkerungskreise auf sich zogen! brefiter Dr. M. Newiasky. Die Bibliothek Achad Haams In seinem Testament verfügt Achad Haan, wie aus Tel-Awiw berichtet wird, daß alle seine Bücher mit den Schränken, die sich in seiner Wohnung befinden, wie auch seinen Zettelkasten der städtischen Bibliothek in Tel-Awiw ,,Schaar Zion" vermacht. Er knüpft daran die Bedingung, daß seiner Bibliothek ein eigener Platz eingeräumt werde und die Bücher nur in der Bibliothek selbst benützt, jedoch nicht ausgeliehen werden dürfen. Jedes Buch der Sammlung soll den Stempelaufdruck ״Ex libns Achad Haam“ tragen. Seinem Sohn Salomo räumt er das Recht ein, sich nach Wahl Bücher aus der Bibliothek zu nehmen, bevor sie der öffentlichen Bibliothek ״Schaar Zion“ überantwortet werden. Auch die Nationalbibliothek in Jerusalern hat das Recht, Exemplare, die sie noch nicht besitzt, zu übernehmen. Zum Testamentsvollstrecker über diesen Punkt hat Achad Haam seine Freunde Jehuda Grasowsky und Rawnitzky, beide in Tel-Awiw, bestimmt. Das hebräische Scbnlwerk In Litauen Unter den Errungenschaften, die die Neugestaltung der politischen Landkarte im Osten den Juden gebracht hat, Ist ein Glanzpunkt das hebräische Schulwesen der litauischen Juden. In unserer Zeitung haben wir schon oft Gelegenheit gehabt, über die Bedeutung und den Aufschwung des hebräischen Schulnetzes in Litauen zu berichten. Anläßlich meiner letzten Anwesenheit in Litauen konnte ich mich überzeugen, daß das hebräische Schulwerk dem litauisehen Judentum zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Volksschule und Gymnasium sind bis vor kurzer Zeit restlos hebräisch gewesen. Diese Gliederung ist zweitellos nicht ganz den Bedürfnissen der jüdischen Gemeinschaft In Litauen angepaßt. Es fehlen hebräische Bücher und Fachschulen, ebenso hebräische niedere technische und Handelsschulen. Trotz alledem erfüllen die hebräischen Gymnasien auch hinsichtlich der Vorbereitung der Jugend für praktische Berufe ihre Aufgabe recht gut. Denn es bleibt den Schülern der hebräischen Gymnasien unbenommen, nach Absolvierung der Unterstufe oder nach Erreichung des Oymnasial-Lenrzieles den Weg zu praktischer Betätigung zu suchen. Allerdings hat man in Litauen den Eindruck, daß das Schulgewand des Litauischen Judentums sozusagen zu weit und zu luxuriös ist. Die Erhaltung der Schulen verschlingt nämlich ungeheure Summen. Zieht man aber in Betracht, daß die Juden sehr bildungshungrig sind, so findet man es verständlieh, daß sie unverhältnismäßig mehr als andere Volksgemeinschatten für Schulzwecke ausgeben. Ein Abiturientenzeugnis eines hebräischen Gymnasiums in Litauen berechtigt übrigens zum Besuche nicht nur der Universität in Kowno, sondern aller europäischen Universitäten. Die ersten Schwierigkeiten beim Ausbau der hebräischen Gymnasien scheinen überwunden zu sein. Es stehen nunmehr fenügend gute Lehrmittel zur Verfügung. Es gibt ereits eine gewisse Tradition und auch das Lwermaterial wird Jahr für Jahr qualitativ besser. Während bei Beginn der Errichtung hebräischer Gymnasien unverhältnismäßig viele Lehrkräfte keine richtige pädagogische Vorbereitung genossen und keine akademischen Studien absolviert hatten, Ist jetzt die Anzahl dieser weniger qualifizierten Kräfte stark zurückgegangen und durch entsprechend befähigte und vorgebildete ersetzt. Auffallend ist die Wertschätzung, deren sieh die Lehrkräfte an den hebräischen Schulen ui der Gesellschaft erfreuen. In jedem Städtchen genießen die hebräischen Lehrer besonderes Ansehen und sind außerhalb ihrer Tätigkeit in der Schule, wie übrigens anderwärts bei den meisten Völkern, das Rückgrat jeder kulturellen und sozial-politischen Arbeit in der Gemeinde. Erwähnenswert ist das Wachstum der Schulbibliotheken in den einzelnen Anstalten, die sowohl dem Lehrkörper und den Schülern, wie auch Privaten zur Verfügung stehen. Im allgemeinen ist das Lehrgeld für die einzelnen Schüler ziemlich hoch. Doch besteht die Möglichkeit, im Falle besonderer Begabung oder Mittellosigkeit, von der Entrichtung des Lehrgeldes befreit zu werden. Allerdings machen die Freistellen nur 15 ״/# aller Stellen aus. Im letzten Jahre machen sich Bestrebungen der Jiddis c h i s t e n bemerkbar, dem hebräischen Schulwerk ein jiddisches an die Seite zu stellen. Tatsächlich sind in Kowno und in anderen Städten jiddische Volksschulen und bisher ein «I־tt $4 gjes 4 M d I s c h e *'• O*m «5a#4׳ u fft begründet ׳wbrden״ Die Aussichten des jiddischen Schulwesens sind : jedoch, wenigstens was die Oberstufe anbelangt, wenig günstig. Schließlich sind weder hebräisch noch jiddisch Sprachen, die dem Lebenskampf in der nichtjüdischen Welt erleichtern. Außer Jiddisch und Hebräisch müssen die Landessprachen und noch andere europäische Sprachen gelernt werden, um im Erwerbsleben gerüstet dazustehen. Unmittelbar praktische Bedeutung haben also weder Jiddisch noch Hebräisch. Und darum zieht der Jude das Hebräische vor, weil die Bedeutung der eigenen Sprache doch im Kulturellen liegt. Diese Auffassung kommt stark beim jiddischen Gymnasium zur Erscheinung. Während sich für die jiddischen Volksschulen doch noch einige Anwärter melden, die Volksschulen werden vom Staate erhalten, — ist die Anzahl der Aufnahmebewerber ins jiddische Gymnasium auf radikale Folkisten und Bundisten beschränkt. Allerdings ist zu bemerken, daß die Bundisten in dem bis vor kurzem in Litauen amtierenden Sozialdemokrat!־ sehen Unterrichtsminister einen Förderer hatten, da sie diesem( einzureden verstanden, hebräisch sei reaktionär. Im allgemeinen wird aber von den Kennern der Verhältnisse die Lage so beurteilt, daß für absehbare Zeit die Vorherr־ schaff und die Beliebtheit des hebräischen Schulwesens bei der Judenschaft Litauens gesichert erscheint. M. W. Von der ״Tarbnth“ ln Polen Wir erhalten folgenden Bericht: Trotz der schweren wirtschaftlichen Krise, die auf der Arbeit der ״Tarbuth‘!-Organisation in Polen lastet» wurde deren Tätigkeit zu Beginn des neuen Lehrjahres nicht nur nicht geschwächt, sondern 1m Gegenteil, in einem hohen Maße »erstärkt und auf viele neue Gebiete ausgedehnt. Bekanntlich erhält die ״Tarbuth“ in Polen keine Hilfe von außen, während die anderen Erziehungsorganisationen während der ganzen Zeit dank der ständigen Unterstützung des amerikanischen ״Joint“ bestehen. Die hebräische Schule und die ganze hebräische Kulturarbeit ist also gezwungen, sich durch eigene Kraft zu erhalten. Da die hebräische Schule nicht völlig von der Regierung und der Stadt unterstützt wird, da andererseits auch die jüdischen Gemeinden noch nicht so organisiert sind, daß sie die Ausgaben der Schulen decken können, ist es selbstverständlich, daß eine in der Entwicklung befindliche Erziehungsarbeit nicht nur großen Hindernissen begegnet, sondern Gefahr läuft, daß ihre schon bestehenden Institutionen zugrunde gehen. Aber das Streben nach einer national-jüdischen Erziehung ist der Anstoß für die Errichtung neuer hebräischer Inst!- tutionen. Auf all diese richtet die ״Tarbuth“ ihr besonderes Augenmerk und hilft ihnen bei ihrer Gründung und bei ihrer Organisierung. — So wurden im neuen Jahre an verschiedenen Orten noch 11 Volksschulen gegründet. An vielen von diesen Orten bestand schon eine Schule; da diese aber für die Aufnähme der Kinder großer Gemeinden nicht ausreichte, sahen sich die leitenden Männer der ״Tarbuth“ gezwungen, an diesen Orten noch eine neue Schule zu gründen. In vielen Schulen wurden neue Klassen eröffnet, und die Zahl der Schüler und Schülerinnen in den schon bestehenden Klassen wuchs im Durchschnitt bis zu 18—20»/o• Das Netz unserer Institutionen vergrößerte sich in diesem Jahre um zwei hebräische Gymnasien, in Wolkowisk und in Pruzni. Ebenfalls wurden Vorbereitungen zur Gründung eines dritten Gymnasiums in Kobrin getroffen. In verschiedenen Städten wurden 14 neue Kindergärten eröffnet. Der Mangel an neuen Lehrkräften bedingte die Eröffnung eines neuen Lehrerseminars mit 5 Kursen, welches in Qrodno gegründet wurde, in jener Stadt, in der vor dem Kriege die ersten pädagogischen Kurse für hebräische Lehrer abgehalten wurden. Zurzeit wird der erste Kurs eröffnet, in weichem 50 Schüler lernen. Durch eines r serer Seminare wurde auch ein zentrales psychologisches Institut ins Leben gerufen, welches erheblich zur psychologischen Erkenntnis des jüdischen Kindes beiträgt im neuen Lehrjahre ist die Zentrale der Organisation verstärkt worden. Bisher beschränkte sich die Organisation aut die Leitung der Volksschulen durch Herrn A. Einstein, aber im neuen Lebensjahre vergrößerten die Kindergärten und die Oymnasien den Arbeitsbereich. Fachlich ausgebildete Lehrer sollen in Abständen die bestehenden Institutionen besuchen, um einen einheitlichen Charakter der hebräischen Erziehung auch auf diesen dbbieten zu schaffen. So inspizierte Herr Dr. Rosenblum aus Lodz alle hebräischen Gymnasien im Reiche. Außerdem wurde in den letzten Tagen durch die Zentrale eine Bildungsklasse außerhalb der Schule eröffnet unter der Leitung von Herrn I. Eiges, deren Aufgabe die Volksbildung im Geiste der hebräischen Sprache und ihrer Kultur sein soll. Diese wichtigste Kulturarbeit wurde bisher aus verschiedenen technischen Gründen stark vernachlässigt. Hier und da wurden hebräische Abendkurse gegründet, Bibliotheken, Volkshochschulen, dramatische Sektionen usw. Aber jede dieser Insfitüfe wulde augeisfÄtlieh ohne bcStinWifes SysteiB,5 ohne Ziel, und vor allem ohne vorher adsgearbeitetes Programm geleitet. Die nun begründete Klasse wird sich bemühen, mit diesen schon bestehenden Institutionen in Verbindung zu treten, sie zu reorganisieren, in sie neuen Geist zu tragen, ihrer Arbeit ein Svstem und eine Ordnung zu geben, und wird sich ferner bemühen, neue Institute an Orten zu gründen, wo noch keine bestehen. Jfldlsehe Scbullragen ln Griechenland Saloniki, 24. Januar. (J. T. A.) Die jüdischen Deputierten von Saloniki haben bei der griechischen Regierung dahin interveniert, daß dem umfangreichen jüdischen Schulwesen in Saloniki eine Million Drachmen jährlich aus Staatsmitteln zur Verfügung gestellt werden. Der Oeneralsekretär des Unterrichtsministeriums, Nico Louvaris, unterstützt diese Forderung. Das Problem des jüdischen Er- Ziehungswesens in Saloniki ist sehr akut. Im Jahre 1017 waren unter den 70 000 Juden Salonikis 11000 Kinder im schulpflichtigen Alter, aber nur 5000 jüdische Kinder konnten in jüdischen Schulen untergebracht werden, während die restliehen 7000 bis 8000 ohne jede Erziehung blieben. Hebräische schöne Literator Die hebräische Universitätsbibliothek in Jerusalem hat einen Katalog der schönen Literatur in hebräischer Sprache herausgegeben, der zweihundert Jahve hebräischen Schrifttums umfaßt, von der Zeit Mosche Chaim Luzattos angefangen, der ein Kabbalist und Mystiker war, den seine noch von den letzten Auswirkungen der Sabbatai Zwi-Bewegung angeregte messianische Sehnsucht nach Palästina trieb und der dabei zugleich in hebräischer Sprache allegorische Dramen im Geschmack des siebzehnten Jahrhundert« geschrieben hat, bis zu den modernsten Dichtem und Erzählern des jungen Palästinas, die ihrerseits unter dem Einfluß der modernsten europäischen Entwicklung auf dem Gebiete der Literatur stehen. Mit der Herausgabe dieses Werkes, das bei dem erstaunlieh niedrigen Preise von drei Schilling 325 Seiten umfaßt und vorbildlich schön und klar gedruckt ist, hat sich die hebräische Universitätsbibliothek in mehrfacher Hinsicht ein großes Verdienst erworben. Der Katalog ist von Wissenschaftliehen! Wert, denn er gibt eine eingehende Bibliographie aller Bücher in hebräischer Sprache, sowohl der Originalwerke wie auch der Uebersetzungen auf dem Gebiete der schönen Literatur und der literarischen Kritik. Die Geschichte der neuen hebräischen Literatur ist noch wissenschaftlich wenig erforscht und außerhalb der hebräischen Sprache gibt es kaum ein halbes Dutzend Bücher, die sich mit ihr befassen. Die hebräische Universität in Jerusalem hat sich gerade um die Erforschung dieses Gebietes ein Verdienst erworben, indem sie ihm einen eigenen Lehrstuhl eingeräumt hat. Einer wissenscliaftlichen Arbeit auf diesem Gebiete fehlt aber noch der gesamte bibliographische Apparat. Da das Gesamtgebiet der schönen Literatur nirgends als ein eigentliches Stoffgebiet ausgesondert wurde, so besitzt der neue Katalog auch einen wissenschaftlichen Wert, als das erste Handbuch der neuen hebräischen Literatur, das eine geschlossene Uebersicht über die gesamten Publikationen in den letzten zweihundert Jahren, in denen ja erst überhaupt von einer schönen Literatur in hebräischer Sprache die Rede sein kann, gibt. Der Katalog spiegelt zugleich für den, der in ihn etwas tiefer eindringt, die einzelnen Phasen der jüdischen Renaissance-Bewegung wieder und gibt ein Bild dessen, wie ein Gebiet der Literatur und des Geistes nach dem anderen dem Reiche der hebräisehen Sprache und dem hebräischen Leser zugänglich gemacht wurden. Neben dieser wissenschaftlichen Bedeutung steht gleichwertig die erziel :he Bedeutung des Katalogs. Die hebräische schöne Literatur ist noch sehr arm, und der Katalog umfaß‘ im ganzen 33S8 verschiedene Ausgaben, von denen aber viel Neuausgaben eines und desselben Werkes darstellen, so daß die Zahl der vorhandenen Werke kaum 1800 übersteigen wird, Originalwerke und Uebersetzungen einbegriffen. So kommt es, daß die nur in der hebräischen Sprache erzogene Jugend Palästinas verhältnismäßig wenig Bücher zu lesen hat. Dies wenige wird aber noch dadurch ärmer, daß der heutige hebräische Leser und insbesondere die palästinensische Jugend alle die Werke und Ausgaben nicht kennt, die vor zwanzig oder dreißig Jahren in der Diaspora, insbesondere in Warschau, erschienen sind, geschweige denn die älteren Bücher, unter denen sich doch vieles findet, was noch heute lesenswert ist. Erst dieser Katalog wird dem hebräischen Leser den verhältnismäßigen Reichtum der hebräischen Literatur erschließen, und so auch den Mangel einer systematischen Literaturkritik und Literaturvcnschaft in der hebräischen Publizistik gut machen. Wichtig ist auch das beigeschlossene große Verzeichnis der Jugendliteratur iri hebräischer Sprache, das viele Hunderte von Nummern zählt und auch eine Uebersicht aller jemals erschienenen Jugend- Zeitschriften enthält, deren gesammelte Bände in der Bibliothek vorhanden sind. Belm Durchblättern des Katalogs fällt mancb- ..ricressante Tatsache auf: so der verhältnismäßige Reichtum an hebräischen Dramen, deren Zahl gar nicht so klein ist, wie man vermutet hätte. Freilich sind die meisten dieser Dramen historischen und allegorischen Inhalts und der Dramenwert selbst dürfte oft sehr gering sein. Auffallend ist auch, daß in der neuen hebräischen Literatur die Frau als Verfasserin gar keine Rolle spielt. Ich weiß nicht, ob in dem ganzen Katalog auch nur drei oder vier Frauennamen als Verfasserinnen Vorkommen. Dies mag zum Teil mit der Stellung der Frau zu erklären sein, die sie bis in den letzten Jahren im östlichen Judentum dort eingenommen hatte, wo die hebräische Sprache traditionell noch gepflegt wurde, und zum Teil darin begründet sein, daß die hebräische Sprache gerade als Schriftsprache unseren Frauen noch bisher wenig zugänglich war. Vielleicht wird auf diesem Gebiete das in den palästinensischen Schulen Heranwachsende Geschlecht eine Aenderung herbeiführen. Der Wert des Buches wird durch das sorgfältig ausgearbeitete Register noch bedeutend erhöht. Das Register ermöglicht es uns auch, mit einem Blick zu übersehen, was von den Dichtungen der Weltliteratur ins Hebräische übersetz! worden ist. Es ist nicht wenig, aber noch immer lückenhaft, und eine konzentrierte hebräische Kulturpolitik könnte gerade an Hand eines solchen Kataloges diese Lücken systematisch ergänzen, im allgemeinen sind in der letzten Zeit in der hebräischen Literatur wenig Bücher von solcher Nützlichkeit und Wichtigkeit erschienen wie der vorliegende Katalog, mit dem sich die hebräische Universitätsbibliothek und die beiden an seiner Abfassung am meisten beteiligten wissenschaftlichen Mitarbeiter -- B. D i n a b u r g und Avraham J a a ri — um die hebräische Litcraturkunde verdient gemacht haben. Es wäre noch sehr zu wünschen, daß möglichst bald ein bibliographisches Verzeichnis der schönen Literatur erscheint, die in Zeitschriften verstreut ist. Nicht nur in der Hatkufa und dem Haschiloach, sondern auch in den hebräischen Zeitschriften der Aufklärungsperiode ist eine große Anzahl wertvoller Originalliteratur und wichtiger Uebersetzungen verstreut, die heute dem hebräischen Leser und dem wissenschaftlichen Forscher deswegen unzugänglich sind, weil diese Zeitschriften kein richtig bearbeitetes Register besitzen. Mit der Herausgäbe eines solchen Kataloges würde die Universitätsbibliothek dem hebräischen Leserpublikum und der wissenschaftlichen Forschung einen weiteren großen Verdienst erweisen. Haas Kohn.

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