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Jüdische Rundschau · 1927-01-28 · Heft 8 (28.1.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 8 (28.1.1927)
Date
1927-01-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. S JOEÖtSCHI RUNDSCHAU Seit« 51 Zur Organisation der Hebr&isdien Sprachschulen Von Dr. Julius Levinsohn, Königsberg. Deutschland hat seit jeher Innerhalb des zionistischen Aufbauwerks eine durchaus eigenartige und charakteristische Stellung eingenommen. Es ist gewissermaßen als der Schnittfunkt zu betrachten für die Linien, die den kulturfernen aber )hrhi wnahen Osten verbinden mit dem iischuwfernen aber kulturnahen Westen. Dieser Boden ist also für eine eigen* tßmliche Schöpfung reif. Seine Leistung hat bisher darin bestanden, assimilierte Individuen (Einfluß des Westens) heranzubilden für ein theoretisch antizipiert« Volk und dessen Heimkehr (Vorbild des Ostens), wobei — so hat es die geschichtliche Entwicklung gewollt — die erzogene oder anerzogene Führer Qualität weitaus als die gelungenere Leistung zu bezeichnen ist gegenüber dem tatsächlichen FQh* rer sein, das schon deshalb niemals wirklich in die Erscheinung treten konnte, weil es in Deutschland an der Masse fehlt, die nach nationale־׳ Führung in jedem Sinne verlangte. Die typische Leistung des deutschen Zionismus war daher bis jetzt eine wenn auch greifbare und vom gesamtrionistisehen Leben aus wägbare, so doch nicht in dem Maße für die Oolah als solche relevante oder von ihr als solcher getragene, daß man das Gefühl hätte haben können: der deutsche Zionismus als solcher hat den ihm zufallenden Anteil an der Leistung der Oolah erfüllt oder auch nur seinem Wesen nach erfaßt, womit natürlich — das sei unterstrichen — nicht die geradezu entscheidende Tat Einzelner aus der deutschen Sphäre hervorgegangener Führer, sondern eben die Gesamtleistung des deuLichen Zionismus gemeint Ist. in dieser Hinsicht erscheint die Gründung hebräiseher Sprachschulen in Deutschland als ein ungemein wichtiges und bedeutungsvolles Ereignis. Denn niemals und nirgends hat es auf dem langen und gewun* denen Leidenspfade der Oolah ein wirksameres Mittel ihres Zusammenhalts gegeben als die Sprache. Die Assimilation der deutschen Juden aber beginnt mit Mendelssohns Bibel- Übersetzung, so wie die hellenistische Assimilation ihren vornehmsten Ausdruck fand in der Septuaginta, und 80 wie andererseits rum mindesten die kulturelle Einigung des Deutschtums beginnt mit der Bibelübersetzung Luthers. Noch heute ist im Osten die Sprache wesentlichstes nationales Erkezmungszerhen, und es wirkt ermutigend und beschämend zugleich, mit welch eifersüchtigem Fanatismus kleine und kleinste Nationen ihre Sprache pflegen, und das sind zum Teil Sprachen, die nicht wertvoll an sich sind, weder durch lange Tradition noch durch eigentümlichen Reichtum ihrer Kultur, sondern einzig dadurch, daß sie von jenen Nationen als ihre Sprache empfunden werden. Es Ist wahr: für den Juden in Deutschland scheint heute der Weg zu einer sprachliehen Absonderung verrammelt zu sein. Dieser Jude in Deutschland unterliegt eben durchaus in derselben Weise den für seinen Bezirk typischen Gesetzen, wie der Jude dm Ostens den seinen. Und der große Eifer zum Erlernen fremder Sprachen entspringt ira Osien auch keineswegs nur nationalen oder anderen ideellen, sondern vielfach sehr praktischen, materiellen Erwägungen, die einfach mit den natürliehen Voraussetzungen der Wirklichkeit gegeben sind, ebenso wie sie in Deutschland aus denselben natürlichen Voraussetzungen heraus fehlen. Aus diesem Gründe sind die Stimmen verständlich, die der Sprachschulbewegung in Deutschland ein schnelles Ende prophezeien. Mir will jedoch scheinen, daß, nachdem diese Bewegung einmal eingesetzt hat, ihr Wesen und ihre Zukunft anders zu bewerten sind Ich sehe in ihr zum ersten Male den ernsthaften Versuch des Zionismus in Deutschland, eine zionistische Leistung hervorzubringen, die dieses Glied der Oolah mit dem übrigen Organismus verknüpft, den Versuch zu der bisher fehlenden typischen Leistung des deutschen Zionismus. Und wenn die Erziehung von Führerqualifäten bisher im Mittelpunkt der Erziehung des deutschen Zionismus gestanden hat, so wird hier zum ersten Male Gelegenheit geboten, einmal aus dem deutschen Zionismus hervorgeganene Persönlichkeit für die Oolah als solche zu gewinnen — eutschsprechende Führer sind eben nur in Deutschland möglich — und zum anderen diesen Persönlichkeiten in Deutschland selbst ein Feld der Arbeit zur Verfügung zu stellen, auf dem sie ihre Qualitäten auch außerhalb det Studierstube verwerten können. Bel der Organisierung dieser Sprachschulbewegung missen aber von vornherein gewisse Fehler vermieden werden, Fehler, von denen sich auch das hebräische Schulwerk im Osten erst allmählich und schrittweise freigeraacht hat. Vor allem muß ein planloses Durcheinander vermieden werden. Erste Forderung der Stunde ist daher: Schaffung einer einheitlichen Oesamtorganisation der hebräischen Sprachschulen Deutschlands. Zweite Forderung: Der Aufbau dieser Organisation ist der eines Schulwerks. Diese Forderungen sind so einleuchtend und im Osten so erprobt, — sie werden natürlich auf Deutschland immer nur mutafis mtitandis anzuwenden sein —, daß zu ihrer Begründung kaum etwas hinrurufügen ist. Es ist klar daß im wesentlichen die Voraussetzungen für das Hebräischkrnen in allen Teilen Deutschlands dieselben sind, daß die spezifischen Schwierigkeiten, von denen hier nicht im einzelnen die Rede sein soll, überall in derselben Weise auftreten werden. Es ist auch klar, daß die Sprachschulbewegung nur dann zu einem Erfolge führen kann, wenn sie herausgehoben wird aus der Sphäre des Privatunterrichts und basiert wird auf der Qrundlage eines Schulbetriebs, d. h. einer Organisationsform, die dadurch dem öffentlichen Nutzen dient und als Instrument öffentlicher Interessen fungieren kann, daß sic möglichst allen Schichten zugänglich ist und in ihrem Betriebe nicht nur rein wissenschaftliche, sondern darüber hinaus auch national-soziale Arbeit zu leisten hat. Durch nichts läßt sich in dem deutschen Juden das gerade ihm in so hohem Maße fehlende elementare Zusammengehörigkeitsbewußtsein mit den übrigen Gliedern der Golah wirksamer und anhaltender wieder erzeugen, als durch eine gemeinsame Arbeit, die schon durch ihren Inhalt aufs tiefste mit dem Oesamtjudentum verbunden ist. Von diesen allgemeinen Voraussetzungen aus wird die erste Aufgabe der Zukunft in der Ausarbeitung gewisser gemeinsamer Richtlinien für den Unterricht selbst beruhen. Es muß ein Weg zu einer allgemein anerkannten Methode des hebräischen Sprachschulunterrichts in Deutschfand gefunden werden. Es geht nicht an, daß Schüler von Sprachschulen, die Schulen in verschiedenen Städten besuchen, In jeder wieder von vorn anfangen müssen, well die Leiter der verschiedenen Schulen verschiedene Methoden verfolgen. Ich weiß wohl, daß es für einen Lehrer — besonders für den aus dem Osten — nicht immer leicht ist, sich eine durch Mehrheitsbeschluß angenommene Richtlinie, gerade was die Methode betrifft, zu fügen. Ich bin aber andererseits der Meinung, daß wir in Deutschland genügend diszipliniert sein dürften, um den Sinn eines solchen Beschlusses zu verstehen und ihn in die Tat umzusetzen. Es wäre z. B. sehr erwünscht, eine Aussprache über diejenige Methode herbeizuführen, die auch jüngst wieder in dem Lehrbuch von Bernstein angewandt wird, und sie zu vergleichen mit den Methoden, die etwa im Osten oder auch in der Berlitz-School angewandt werden. Weiter handelt es sich um die Beschaffung der notwendigen Lehrmittel, worunter sicht nur Bücher Im fehlt uns immer Berliner Zionistische Vereinigung Dienstag, den 1. Fahr., abend* 8*/, Ulir im Schaberttaal. Bfilowttrsße 104 (Noliendorfplats) Vortrag des Hem Dr. Feit* WeltlCh, Prag, über ״anflseraiBsmus, nainaiismus, Zionismus“ •ine Disputation. Kar*•• •am Fiel•• mn Mk, V— tim! ft.» *rtaWiefc im Bflr» 4er B.J5 ▼״ Melnekeetr 10. Tel.1 BUmarek 7l8Bf70 and an dar AfceodkMia. noch eine systematische Grammatik, die in erster Reihe für den Schüler bestimmt Ist), sondern auch Anschauungsmaterial im weitesten Sinne dieses Wortes zu verstehen ist, und schließlieh um die Aufstellung eines allgemeinen Lehrplanes, der den Lehrgang als solchen (Ferien, Semester, Prüfungen) zu regeln hat. Daneben muß an die Schaffung eines wirklichen Lehrkörpers gedacht werden. Es ist durchaus wfinschenswert, wenn an einer möglichst zentralen Stelle in Deutschland ein Institut zur Ausbildung von Lehrern für unsere Sprachschulen geschaffen wird. Anstellung und Ueberweisung von Lehrern sowie ihre Besoldung müssen einheitlich geregelt werden. Dieses ganze Programm läßt sich aber, wie mir scheint, nur durch organisierte Zusammenarbeit verwirklichen, und cs erscheint deshalb als erster Schritt die Einberufung einer allgemeinen Konferenz notwendig, die sich mit den hier flüchtig skizzierten Fragen näher zu beschäftigen haben wird. Es wäre erfreulich, wenn das Kulturdezernat der Zionistischen Vereinigung in Deutschland die initiative zu einem solchen Schritt ergreifen würde. Es würde sich dann zeigen, oh und in welchem Maße der deutsche Zionismus das Gebot der Stunde begriffen hat. Die läge der Ostfoden Uns wfrd aus Kassel geschrieben: Am 15. d. M. hielt im Aufträge der Z. V. f. D. Herr Moses Vaidmann, Berlin, einen Vortrag Aber die Lage der Ostjuden. Er beschränkte rieh nicht auf die Darstellung der gegenwärtigen Situation der in Deutschland lebenden Ostjuden, sondern versuchte die Ent- Wicklungstendenzen herauszuschälen, die schon heute bei den Ostjuden in Deutschland bemerkbar sind. Anknüpfend an den Prozeß der restlosen Assimilation, dem die vor einigen Jahrzehnten aus dem Posen*chen eingewanderten Onjuden in Berlin und in anderen Großstädten erlegen sind, warnte er die Ostjuden vor einem Verzicht ihres mit Selbstverständlichkeit betonten Primates jüdischer Kultur. Für die Euro* päisierung sorgt das alltäglrhe Leben in genügendem Maße. Es ist darauf zu a־׳hten, daß die wertvollen jüdischen Eigenschäftet! nicht verloren gehen, denn der Verlust des Zusammenhangs- und Verantwort li-hkeitsgefühk gegenüber der jüdlsrhen Gruppe ist in den meisten Fällen von einem Niedergange in menschli-her Beziehung begleitet. Der Referent empfahl zum Schluß die Pflege jüdischer GeseFigkcit, die allein jüdische Erlebnisse schaffe, den Untergrund für bewußte* jüdisches Wollen und Schaffen. Es wird allenthalben geklagt, daß die zionistische Ortsgruppen»Tbeit nHt re־ht vorwärtwehen will. Der Grund hierfür mag wohl darin liegen, daß man in allzu starkem Maße bei dieser A-beit die politischen und Gegenwartsfragen der zionistischen Bewegung betont und die kulturellen Probkme und Aufgaben hintange-.etzt hat. Der Durchschnittszionist hat in den meisten Fällen wenig Muße und Gelegenheit, sich mit den subtilen Angel egen h fiten des Zionismus — der im Laufe der letzten Jahre geradezu eine Wissenschaft geworden ist — zu befassen. Er hat den guten Willen, und die Seelenstimmung, sich jüdisch zu betätigen. Darum ist ihm eine Anknüpfung an seine seelisch-jüdischen Bedürfnisse am willkommensten. Insbesondere sina die luden in den Provinzorten künstlerischen Veranstaltungen zugänglich. Allerdings müssen die in einer Form geboten werden, daß sie unbeschadet ihres jüdischen Inhaltes auch künstlerisch auf einer Höhe slehen, die sich vor den ähnlichen Veranstaltungen ni ־htjüdische־׳ Art nt־ht zu schämen braucht. Von weH1' tin geh eurem propngandHiVhem Werte hochstehende Jüdisch-künstlerische LeiTurmen sein können, bewies das Gastspiel der ״Habimah" in Berlin In den letzten Tagen fand in Halberstadt eine größere musikalis־׳h-literarische Veranstaltung statt, hei der Dr. S'hau! Ts eh er* niehowski im Mitteipunkt stand. Der Erfolg dieser Veranstalfung war in jeder Hinsicht, kulturell und propagandistisch, außerordentlich und der Abend erfreute sich eines Zuspruchs aus aller! KreLen der jfiHh-het! Bevölkerung, der durch das gesprochene hebräische Wort und das gesungene hebräische Lied eine Ahnung von dem Geiste der jüdischen Renaissance aufging. Besonders nachhaltig' ist die Wirkung derartiger Veranstaltungen auf die lugend, die nach jüdischert Erlebnissen le-hzt, da sie in der S-hule und sehr oft auch zu Hause keine Gelegenheit hat, Jüdisches zu erleben. b. Kleine Nachrichten Der■ syrische Oberkommissar Ponsot ist am 26. d. M. in Jerusalem eingetroffen. Er fährt am 29. d. M. von Altvandria nach Frankreich. In Palästina fand die Konstituierung eines neuen Direktoriums der aus den Mitteln des Keren Hajessod gegründeten Hypothekenbank statt. Vorsitzender des Direktoriums ist Herr Dr Arthur Hantke. Eine Abordnung der jüdischen Arbeiterorganisation (Hisiadruth\ bestehend aus Rubaschow und Dow Hos, hat sich am 14. d. M. von Palästina nach Amerika b״geben, um an der dortigen Gewerkschafts-Kampagne zugunsten der palästinensischen Arhdterinstitutionen teil zunehmen. Am 25. d. M. fand in fenmlem ein Abschiedsbankeft für den Präsidenten des palästinensischen Keren Hajessod Rabbi Ostrowski, der als Mitglied der Keren Hajessod-Delegation sich dieser Tage nach Polen begibt, statt. Die Tel-Awiwer Halbmonatsschrift ״Mischar w’taa s s 1 a" tritt In den fünften Jahrgang ihres Bestehens ein. Durch eine Beilage in deutscher Sprache, die die Artikel des hebräischen Teiles in gekürzten Uebersetzungen oder im Inhalte bringt, erhält sie eine erhöhte Bedeutung für einen weiteren Leserkreis, der am palästinensischen Wirtschaftsleben interessiert ist. Nummer 1, 1927, enthält u. a. folgende Beiträge: ״Die Rehabilitierung des Kredites“ und ״Beitrag zur Anleihefrage״ von I. Rosoff, ״Die Zucht der Seidenraupe" von J. Leon und ״Die Errichtung von Rohmaterialleniagern zur Hebung der Industrie“ von J. Levin. Der Rat der Universität Dijon (Frankreich) hat den Rabbiner Julian Weil eingeladen, an der philologischen Fakultät einen freien Kursus für Hebräisch zu leiten. Orient ״Büdier 11.״) Die politischen und militärischen Probleme des Orients und der im Orient interessierten Mächte behandelt Hans Roh de in seinem zweibändigen Werk ״Der Kampf un Asien“ (Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart, 1926). Der Verfasser unterschreibt sein Vorwort ״Hauptmann und Kornpagmechef im Inf.-Reg. 18", *ein Buch kt nicht nur aus theoretischen, sondern" aus praktisch-politischen Gesichtepunkten geschrieben. Er erachtet aus geopoiitischen Gründen eine Verbindung Japan*Rußland-Deutschland, der sich die erwachenden asiatischen Völker anschließen, als das Gegengewicht gegen England-Amerika. Rohde hat «chon lange vor dem Krieg den Orient genau kennengeiernt und gibt eine sehr instruktive (durch manche sprachliche Hirten etwas beeinträchtigte) Darstellung der politischen Entwicklungen und Zusammenhinge, die man auch dort gern verfolgt, wo die eigene Auffassung sich der des Autors nicht anzupasset! vermag. Der erste Band, ״Der Kampf um Orient und Islam“, ist natürlich für uns vor allem interessant. Schon die genaue Zusammenstellung der geschichtlichen Tatsachen macht das Buch zu einem hervorragenden Nachschlagewerk, Alle Phasen des Krieges mit den Türken, die Neu-Ertiebung der Türkei, die Rückwirkung dieser Vorginge nach dem Weltkrieg auch auf andere islamische Linder (z. B. auch aut Palästina) und die dadurch bedingten Schwankungen der britischen Politik (von denen auch wir betroffen wurden) werden klar herausgearbeitet. Der zweite Band, ״Der Kampf um Ostasien und den Stillen Ozean“, ist scheinbar unserem Interesse etwas entrückt, doch in Wahrheit ist die Mlchtekonstellation in Ostasien und das Erwachen Chinas auch für uns bedeutungsvoller als mancher glaubt. Dieser Band ist freilich etwas veraltet, denn die Verhältnisse in China schritten schnell, aber als Vorgeschichte mm Verständnis der heutigen Lage ist er noch gut brauchbar, stets mit der Einschränkung, die die spezielle, rein militärisch orientierte politische Einstellung des Autors bedingt. China steht heute im Vordergrund der Weltpolitik und In seinem brodelnden Kessel wird mehr entschieden als die Innere Frage seiner Regierungsform. Welch ungeheure Kräfte drängen da ans Licht! China hat seine eigene Kultur und seine eigene Weltgeschichte, die in unseren Tagen zun! ersten Male den großen Zusammenstoß mit europäischer Zivilisation in breitem Maßstab erlebt. Wer kann wissen, was das Ergebnis sein wird! Immerhin hat heute das Studium chinesischer Kultur mehr als bloß exottech-isthetisch es Interesse für uns. Die Landschaft und grandiose Baukultur Chinas enthüllt uns der neueste Band aes großartigen Bilderwerkes ״Orbis Terrarum“ des Verlags Ernst Wasmuth, Berlin (das uns früher schon auch dnä» schönen Band über Palästina beschert hat); der Band heißt ״Baukunst und Landschaft in China" von Ernst Boerschmann; er enthält 280 Abbildungen In Kupfertlefdruck, mit einer kurzen Einleitung und wundervollen Bildern aus 12 Provinzen. Die chinesische Qeisterwelt jedoch hat in einer ״Geschichte der chinesischen Philosophie“ jüngst E. V. Zenker dem europäischen Gebildeten zu vermitteln unternommen. (Erster Band: ״Das klassische Zeitalter bis zur Hau-Dynastie. Verlag Gebrüder Stiepel, Reichenberg 1926. 8,— M.) Zenkers Bach beruht auf eindringender genauer Kenntnis der chinesischen Original* quellen und ist gekennzeichnet durch leidenschaftliche Ver- Senkung des Autors in *einen Gegenstand; m ist keine Kldnigkeit, daß dieses Werk uns von einem Manne geschenkt wurde, der kein professioneller Sinologe ist. sondern aus Liebe zur chinesischen Kultur in rastloser Gründlichkeit und doch mit der Erfahrung eines weltklugen Manne« •Ich die chinesische Geistesweit zu eigen gemacht hat. Zenkers Buch sollte weiteste Verbreitung finden als Einführung in das Verständnis der andern Hälfte der Kulturmenschheit, das die Vorbedingung der achtungsvollen Annäherung der Völker ist. Die Entwickhing des neuen China schildert der bekannte Chfnaforscher Professor Richard Wilhelm (der Herausgeber der cbfnestechen Philosophen bei Diedericns) in seinem Buch ״Die Seele Chinas“ (mit 36 Abbildungen, Verlag Reimar Hobblng, Berlin SW61, 10,80 M.). Wilhelm hat 25 Jahre in China gelebt, er sah noch das alte Mandsehu-Reich und dann die Revolutionen. Er gibt eine Studie über das Volk, seine Einrichtungen und Sitten, in volkstümlicher Erzählung. Die Entwicklung der Beziehungen Chinas zum Abendlande in den letzten hundert Jahren schildert Protessזי Gerhard Menz in seinem Buch ״Flutwende“ (J. C. Hinrichs, Leipzig 1926, 6,50 M.). Er gibt eine Oeschichte Chinas im 19. Jahrhundert und zeigt die großen Umwälzungen, die zur heutigen Lage geführt haben und die Rolle, die die Europäer dabei spielten. Das nationale Erwachen stellt China vor das Problem, die Errungenschaften Europas anzunehmen ohne das wertvollste seiner Eigenart einzubüßen. ״Die Chinesen haben eine Art zu leben ausfindig gemacht und viele Jahrhunderte lang geübt, durch welche die ganze Welt glücklich werden würde, wenn sie sie annehmen könnte“. So charakterisiert der bekannte englisch* Sozialist und Gelehrte, Bertrand Russell, in seinem ausgezeichneten Buche ״China und das Problem des fernen Ostens“ (Deutsch tm Drei Masken Verlag, München, 4.— M.), die Eigenart det chinesischen Volkes. Russell erleuchtet klar die politischen Probleme Chinas in seiner Stellung zu Japan una den anderen Großmächten und betont die Notwendigkeit chinesischer Selbstbilfe, wobei er auch vor einer Assimilation an Europas Kriegstollheit warnt. Hier verdient auch das Buch des Chinese« S h e n - Y i Erwähnung, das dieser gemeinsam mit Heinrich Stadelmann herausgegeben hat: ״China und sein Weltprogramm“ (Verlag Friedrich Max Outewort, Dresden). Beide Verfasser treten darin nachdrücklich für Chinas Selten bcstimmungs recht und nationale Freiheit ein. China ist auch das Kernstück in Arthur Holitschers neuem Buch ״Das 110 ruhige Asien“ (Reise durch Indien--China—Japan, S. Fischer, Verlag, Berlin). Dieses Buch enthält ein Kapitel über Palästina, mit dem wir uns schon beschäftigt haben, als es früher in der ״Neuen Rundschau“ abgedruckt war. Höllischer ist ein Mann der Impression, er urteilt schnell und scharf, aber auch seine Gegner müssen anerkennen, daß er mit vollem Herzen, dabei ist. Sein Kapitel über Palästina hat bei Zionisten viel Unwillen erregt, mit Recht, denn es sind darin unhaltbare Unterstellungen — wie etwa die, daß die Zionistische Extkutive aus bourgeoiser Einstellung den zionistischen Arbeiter- Siedlungen das Geld vorenthalt, — aber es sind darin auch beachtenswerte und richtige kritische Bemerkungen, wie maudies, was er über die Universität sagt Das ganze ist i« einem Ton der Verärgerung geschrieben, deren Grund Ho litscher jüngst in der ״Weltbühne“ enthüllt hat. Aber unverkennbar ist das Motiv auch seines Grolles im Grunde die Liebe zu dem chaluzischcn Ideal des neuen Lebens, das er durch die neue Entwicklung bedroht s.eht. Nun, haben wir wegen dieses Kapitels abgerechnet, können wir mit Genuß uns den anderen Abschnitten des Buche zuwenden. Holitscher ist kein gewöhnlicher Reiseschriftsteller. Sündern ein kämpferisch eingestellter Mensch, der die teuf- ף VgL Nr. 102/103 d. v. J.

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