Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 8 (28.1.1927)
- Date
- 1927-01-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 54 JUEtHSCHE RUNDSCHAU Nr. S bitteren Erfahrung nicht zu ziehen. Es muß mit Ehrlichkeit und Offenheit, wie es auch unlängst in der »Jüdischen Rundschau“ Adolf Böhm in seiner Polemik gegen Levvlte getan hat, gesagt werden: die landwirtschaftliche ״Romantik“ ist die palästinensische Wirklichkeit. Es ist nur zu verwundern, daß es Leute gibt, die auch heute den Mut haben, zu den Juden zu kommen und ihnen zu sagen: ,,Alles können Sie in Erez-Israel haben — Handel, Industrie, Banken —, nur brecht die Kraft der Arbeiter* Schaft, der sozialistischen Arbeiterschaft, die nur an ihra Klasseninkressen denkt.“ Und die zionistische Welt ist manchmal so seltsam, daß diese Leute als Ankläger aufzutreten die Möglichkeit haben und daß die Arbeiterschaft auf der Anklagebank sitzt und sich zu verteidigen gezwungen ist. Und die zionistische Welt ist manchmal 80 seltsam, daß diesen Leuten die Möglichkeit gegeben wird, auch praktisch sich aktiv und an hervorragenden Posten zu betätigen und so rin neues Unglück vorzubereiten, wo wir noch keine Kraft haben, das alte Unglück zu liquidieren. Eine Kritik der landwirtschaftlichen Kolonisation Im ״Haarez“ veröffentli.ht M. Smiit&nsky, einer der alten Pioniere der jüdischen Kolonisation, eine umfassend; kritische Artikelserie über das zton Fälsche Kolonisationswerk. Zunächst wendet sich Smilianski dagegen, daß ״Politik“ und weitanschauli ■he Prinzipien anstatt strenger Sachlichkeit und landwirtschaftlicher Erfahrung die Exekutive und die Siedler beherrschen. Als Beispiel führt er an, die neuen Siedler hätten aus ihrer Einstellung heraus das an sich hoch zu schätzende Prinzip der Selbstarbeit maßlos übertrieben. Es ist verständlich, daß auf die ״Ni:htarbät“ früherer Siedler eine Reaktion kam. Aber die Selbstarbeit bringt nur solange Segen, als sie taUIchli h etwas einb ingt; wo sie anfangt Verluste zu verursachen, kann sie zum Fluche werden. Die Naturgesetze, die in der Landwirtschaft vor allem gelten, lassen sich nicht vergewaltigen. Wenn der landwirtschaftli he Betrieb zu seinem Gedeihen Arb.itsk äfte braucht, dann ist es gleichgültig, ob es der Beiitzer oder eine Hüfskraft ist, die Arbeit muß verrichtet werden. Die neuen An- Siedler haben aber nur das ״Prinzip“ gehütet und weder auf sich selbst, noch auf die Bedürfnisse der Landwirtschaft geachtet. Zur Erhärtung seiner Thesen führt der Verfasser die Dörfer Nahalal und Kfar Jechexkiet als Beispiel an. Diese beiden jüdischen Dörfer, ״Perlen“ der jüdischen Kolonisation. könnten heute, obwohl sie eine gewisse Grundlage erreicht haben, auf einer ganz anderen Stufe stehen. Einmal hat die zionistische Leitung ihnen nicht die volle Möglichkeit fegeben, auf eigenen Füßen zu stehen. Dann aber hat jenes rinzip des Verbotes der ״Ausbeutung“ auch noch das wenige, was den Siedlern gegeben wurde, vermindert, hat diese selbst frühzeitig altern fassen und innen keine Möglichkeit gelassen, ihre Wirtschaft zu entwickeln. Ein Bauer, der den ganzen Tag schwere Arbeit auf dem Felde verriebtet, kann nicht abends spät beim Nachhausekommen mit der Hcfarbeit anfangen und nach Mitternacht die Kühe melken und die Milch versandbe־eit machen. Darüber hinaus verhindert das gleiche Prinzip, die vielen, vielen Arbeitswilligen aus der. Reihen dar Arbeitslosen zu beschäftigen, denen damit Brot und Ausbiidungsrtiöglichkeit geboten wäre. Besonders scharfe Kritik übt der Verfasser an den großen Kwuzoth. Der Verfasser entnimmt den Tabellen des Kolonisaiionsdeparlements Beweise für ein völliges Versagen dieser Siedlungsform, als notwendige Folge eben dieser Form, die für landwirtschaftliche Betätigung, wenn sie Erfolg haben soll, nicht geeignet ist. Nach seiner Berechnung z. B. ist in En-Charoa der ButtoüberschuB pro Kopf des landwirtschaftlichen Arbeiters £E 57 pro Jahr, das bedeutet einen Nettoertrag von £E 281/j, da 50 יי/« für Ausgaben in einer Getreidewirtschaft abgerechnet werden müssen. Von diesem Nettoertrag von £E "23ys verbleiben nach Abzug der allgemeinen Ausgaben der Wirtschaft (mediz. Hilfe, Erziehang, Steuern, Leitung, Wache usw.) in Höhe von £E 20 pro Kopf und Jahr, während die Verpfle7un״skosfen für jeden Arbeiter £E 63 ausmachen; es entstand also pro Kopf ein Verlust von £E 51 >/a. Aehnlich liegen die Verhältnisse in anderen Kwuzoth. Noch dep.imiecenaere Zahlen ergeben sich, wenn man eine Bilanz über die Investierungen des Keren Haiessod aufmacht oder gar den Verlust der Arbeitskraft während der fünf Jahre berechnet. Die Erträge in den Moschawim sind nach den Unterlagen des Verfassers bei weitem höher und erreichen einen Bruttoertrag von £E 2,30 pro Kopf und Jahr. Die Ursache für dieses Miß- Verhältnis liegt aber nach ihm einzig in der Form der Wirtschaft. Der Verfasser kritisiert dann die neue Kolonisation, besonders die Auswahl der Siedler, die der Merkas chaklai der Arbeiterorganisation autonom regelt, wobei auch politische Gesichtspunkte häufig mitspielen. Wer ist der verant- «,örtliche Leiter dieser zionistischen Kolonisation? Von rechtswegen das Kolonisationsdepartement, aber in Wirklichkeit der ״Merkas“, d. h. eine gewählte und daher politische Stelle! Wo ist hier ein Ausweg, fragt der Verfasser und schlägt als Lösung die Leitung des zionistischen Kolonisationswerkes durch einen oder mehrere Sachverständige vor, denen Verfügungsrecht über Boden, Wahl der Siedfer usw. zusteht, bis die Ansiedler zu arbeiten begonnen haben. Auch die Arbeit selbst soll, obwohl sie frei ist, von praktischen Instruktionen beeinflußt sein. Die landwirtschaftliche Kolonisation muß endgültig von allen Nebenabsichten frei werden, muß nach dem Worte ״Part pour Part“ betrieben werden, alle Arten von Kombinationen müssen aufhören. Ein fester und klarer Plan, der sich auf folgende Punkte stützt, muß maßgebend werden: 1. Konsolidierung aller ersten Siedlung®- Projekte, die sich lebensfähig erwiesen haben, Moschaw oder Kwuzah. 2. Auflösung der nicht lebensfähigen Punkte, Moschaw oder Kwuzah. 3. Rettung der Siedler aus dem Mittelstände, die sich bereits mit dem Boden verbunden haben und Entfernung der anderen, nicht mehr rettbaren, vom Boden. 4. Vor Erfüllung dieses Planes Unterlassung jeder neuen Kolonisation. 5. Erneuerung des Siedlungswerkes auf folgender Grundlage: Vorzugsrecht für jede Familie mit landwirtschaftlicher Erfahrung und erst danach Berück; i htigung von ausgebildeten Ledigen; Verbot der Ansiedlun״ für nicht vorgebildete; der Moschaw als Siedlungbform, dagegen Unterbrechung der kommunisti• sehen Ansiedlung (Kwuzah) in jeder Form, solange die ersten Kwuzoth sich nicht als lebensfähig erwiesen naben. Entsprechende Betriebssysteme in den verschiedenen Landesteilen je nach den herrschenden Bedingungen und schließlich Einsetzung von Mitteln für Erschließung und Bewässerung des Bodens in das Siedlungsbudget Der Verfasser fügt noch hinzu, daß auch dann ohne Hin- Zuziehung von privatem Kapital die nationale Helmstitte nicht aufgebaut werden wird. Die öffentlichen Mittel können nur für die Gründung von Getreidewirtschaften dienen, für Ansiedlung von mittellosen Elementen, die für diesen schweren Beruf wirklich geeignet sind. Für Bemittelte kirne dagegen eine auf Getreidebau gegründete Wirtschaft nicht in Frage. Die Angehörigen dieser Kategorie sollten Pf lanzer werden. Aber auch die Besitzer beschränkter Mittel (£E 100(3—2000) würden nur diesen zweiten Weg wählen, doch müßte ihnen geholfen werden, die erste Zeit des Wartens auf den Ertrag zu überstehen. Der Verfasser schlägt zur Lösung dieser Schwierigkeiten die Gründung von großen Pflanzungsgesellschaften, die nach dem siebenten Jahre Parzellen an bemittelte Siedler gegen Be- Zahlung verkaufen, vor. Die Zionistische Organisation müßte bei der Gründung dieser Gesellschaften mitwirken. Die Aufbrir.gung des Kapitals wird nicht schwierig sein, da sowohl der Grundstock wie auch die Zinsen sicher seien. Bei Befolgung all dieser Hinweise und vor allem einem Verzieht auf soziale Phantasien und große Einwanderung, bei einer Berücksichtigung aller Kreise der Einwanderer, bemittelter und unbemittelter und Anerkennung nur eines Verzuges, nämlich desjenigen der landwirtschaftliehen Arbeitsfähigkeit, p־ophe/eit der Verfasser der zionistischen Kolonisation ein Gelingen. Prcssesümmcn Der Redakteur des Hauptorgans der jüdischen Kommunisten ״Emcs“, Litwakow, hat in der Konferenz der jüdischen Sektionen in den Ländern der Sowjet-Union eine Rede gehalten, die jetzt vom ״Emes“ wiedergegeben wird. Der Redner skizzierte die Rolle des Privatkapitals und des Handels in Rußland und führte dann aus, daß die jüdische Bourgeoisie einen Kampf gegen den Sowjet-Staat und die kommunistische Partei führt, daß sie aber an der prole- (arischen Diktatur eine feste wehr findet Anfangs, sagte Litwakow, wurde dieser Kampf unter ״nationaler* Flagge geführt: nicht gegen die Sowjetmacht, sondern gegen die ״Jüdischen Sektionen“. Die schlechte Wirtschaftslage in den jüdischen Städtchen und die Willkür eines Teils der Sowjet- Beamtenschaft gaben das Stichwort. Da die ״Jewsektia“ der einzige Apparat des Kommunismus in der jüdischen Bevölkerung war, wurde sie immer als der Sündenbock hingcstelit letzt aber, da die Jewsektia eine kolossale Arbeit zur Ver- Besserung der Lage in den Städtchen in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung durchgeführt hat, da die Massen nunmehr mit der Jewsektia jjjohen, hat die ״nationale“ Losung ״Nieder mit der Jewsektia“ an Wirkung verloren, und die jüdische Bourgeoisie ging zur Bekämpfung der Sowjetmacht und der kommunistischen Partei im allgemeinen über. Die einzige Plattform dieser Bourgeoisie ist jetzt eine Art kriegerischer Klerikalismus. Es versieht sich von selbst, daß diese kriegerische Bourgeoisie mit dem Zionismus eng verbunden ist Da der Zionismus sein Prestige verloren hatte, appelliert man an die elementaren jüdischen Instinkte, an religiöse Gefühle, organisert die Massen auf klerikaler Grundlage und stützt so den Zionismus auf Umwegen, und zwar in seiner geistigen Form, im He* braismus. Litwakow versucht, seine Behauptungen durch eine ganze Reihe von Tatsachen zu belegen und führt u. a. als Beispiel die Lenlngrader Gemeinde an, die gefordert hat, daß das jiddische Staatstheater beim Gastspiel in Leningrad an den Kosch-Haschanah-Tagen und am Jom-Kippur ni'ht spielen solle, ferner, daß Stücke, die das religiöse and nationale Gefühl der Juden verletzten, vom Repertoire verschwinden. Der Rabbi von Libowitsch läßt im ganzen Lande Geld für Jeschiwoth und Heime für Jeschiwah-Zögllnge sammeln. Alle diese Elemente, sagte Litwakow, werden keine lange Dauer haben, aber ihre Tendenzen und ihr Appetit seien bezeichnend. Im Hintergründe dieser Gruppen aber stehen als die Avantgarde im Kampf gegen die Diktatur des Proletariats die linken Zionisten, an erster Stelle die Zionisten- Sozialisten (ehemals Zeire Zion), eine typische kleinstädtische und kleinbürgerlrhe Gruppe mit der modernen Theorie ״Im Geiste der Zeit“. In ihrer nächsten Nachbarschaft erblickt man die ״jttdfsch-kommunl-.fische Arbeiterpartei Poale Zion“. Diese beiden Gruppen, sagte Litwakow, seien kleinbürgerlich und schädlich, die Letztgenannten noch mehr als die Erstgenannte; beiden blüht in Sowjetrußland keine Zukunft. Litwakow ironisiert die aus dem Ausland zurü'kgekehrte Intelligenz, die ״Baale-tes׳'huwah“, die sich an der Kulturarbeit der Jewsektia in ihrer Art beteiligen. Er bedauert, daß solche ״nationalbolschewistische“ Tendenzen während der Konferenz des OZET von einigen Kommunisten unterstützt worden sind. * Die letzte Nummer des Münchener ״Jüdischen Echo“ polemisiert gegen die Darstellung der Israelitischen Kultusgemeinde München in Angelegenheit der Vorkommnisse an der Münchener Universität (von uns veröffentlich( in Nr. 5). Nach dieser Darstellung, meint das ״Echo“, könnte man annehmen, daß die jüdischen Studenten- Verbindungen den Kampf um ihr Recht erfolgreich hätten beendigen können, da die ״Gleichberechtigung alter Studenten wieder hergestellt“ sei. Diese Auffassung entspricht nicht ganz den Tatsachen. Der Korporationsausschuß hat sich nätti- *ich nicht etwa aufgelöst, weil er die Rechte der jüdischen Verbindungen anerkennt; im Gegenteil, seine Auflösung ist erfolgt, weil er sie nicht anerkennt, weil er nach wie vor ein Zusammengehen mit jüdischen Studenten entschieden ablehnt. Die Auflösung sollte dem Rektor wie den jüdischen Studenten zeigen, aaB die Gleichberechtigung doch nur auf dem Papier steht, daß zwar von den Universitätsbehörden ihre formelle Anerkennung erzwungen werden kann, daß aber damit noch lange nicht erreicht ist, daß die Juden die in Frage stehenden Rechte auch ausüben können. Die Israelitische Kultusgemeinde glaube vielleicht eine zu befürchtende Verschärrung des Streits vermeiden, die Stellung der jüdischen Dozenten una Studenten verbessern zu können, und vor allem will man anscheinend die vom Rektor Voss 1er bewiesene Obiektivität anerkennen. Gewiß Ist dies nötig und wünschenswert: es dürfte indessen sehr fraglich sein, ob die Israelitische Kultusgeraeinde den richtigen Wer eingeschlagen hat. Man soll nicht sagen, die Gieichberecntigung sei wieder hergestellt, solange dies nur formell der Fall i s t und solange durch passive Resistenz jüdischen Studenten die Ausübung von sonst als selbstverständlich erscheinenden Rechten und Pflichten verwehrt werden kann; man darf sich nicht mit dem Schein der Gleichberechtigung zufrieden geben, sondern nur mit ihrer wirklichkeit Je ernster und entschiedener dieser Wille von den maßgebenden jüdischen Instanzen kundgegeben wird, desto mehr wird man wirkliche Erfolge erhoffen dürfen; desto eher wird die Gleichberechtigung faktisch wieder hergestellt sein. Im Alter von 80 Jahren ist in London Herr Israel Davis, Präsident des Direktoriums des ״jewish Ch roniclc“, verstorben. Er war seinerzeit Mltreaakteur von ״The Times“. Die Wiener Kuliusgemeinde und der Jüdische Gemeindebund Oesterreichs Von unserem Korrespondenten. 1. th, Wien, Anfang Januar. Die Assimflanfen In der Wiener Kultusgeraeinde, die fr, der ״Union deutsch-österrei chischer Juden“ organisiert sind, haben wieder einmal bewiesen, was sie unter ״jüdischer Solidarität“ verstehen. Nichts Ist ihnen schlecht genug, wenn es geeignet ist, die Bestrebungen zur Organi ierung und Krlftigung des Gesamtjudentums zu durchkreuzen oder zu diskreditieren, daß cs nicht in ihr Aktionsprogramm, in ihre Presse, in ihren Reden Eingang finden sollte. Diesmal ging es um den ״Jüdischen Gemeindebund Oesterreichs“, um eine Sache also, die ziemlich fernab von den zentralen Aufgaben des Zionismus gelegen ist. Aber auch dieser bescheidene Versuch, einen Teil des Galuthjudentums zu organisieren, um ihn widerstandsfähiger zu machen, war den Vertretern der leider noch bestehenden assimilatorischen Mehrheit in der Wiener Kultusgemeinde zu wesentlUh und bedeutungsvoll und daher zu gefährlich; und so konnte es zum einzig dastehenden, geradezu schmaehvollen Beschluß des Wiener Kultusvorstandes vom 0. Dezember 1926 kommen, dem in Entstehung begrif* fenen ״Jüdischen Oemeindebund Oesterreichs“ nicht beizutreten. Obwohl schon der frühere Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Stern, dem man wohl keineswegs zionistische ״Ketzerei“ zumuten konnte, eifrig um die Schaffung eines Bundes der jüdischen Gemeinden Oesterreichs bemüht w׳ar so glaubten die Epigonen doch, gegen die organisatorische Zusammenfassung der österreichischen Judenheit Sturm lau* fen zu müssen. Am 12. Dezember v. J. fand die koastituierende Versammlung des jüdischen Gemeindebundes Oesterreichs statt. Am 9, Dezember, also drei Tage vorher, wurde der bereits erwähnte ablehnende Beschluß der Wiener Großgemeinde gefaßt, gegen den energischen Widerstand und Protest der zionistischen und sozialistischen Vertreter. Der Klubobmann der liberalen Mehrheit, Dr. Josef T i c h 0, begründete den Antrag auf Nichteintritt in den jüdischen Gemdndebund Oesterreichs ungefähr auf folgende weise: Die Wiener Großgemeinde, die fast zehnmal soviel Mitglieder zählt, als alle anderen jüdischen Gemeinden Oesterreichs zusammen, hat auf dem Gebiete der Wohlfahrtspflege, des Religionsunterrichte? und insbesondere der Befriedigung der rituellen Bedürfnlsse ihrer Mitglieder schon außerordentlich viel geleistet und erreicht, viel mehr als die anderen Oemcinden. Darum (!) sind die Interessen der Wiener Großgemeinde und die der Provinzgemeinden verschieden, die Gesichtspunkte, von denen aus die diversen Angelegenheiten bchandelt werden, müssen auch auseinandergehen, eine Vereinigung in einem Gemeindebund sei daher in jeder Beziehu.ig untunlich und unzweckmäßig. Die kleinen Gemeinden seien wirtschaftlich schwach und könnten, Gott behüte!, der stärkeren Schwestergemeinde materiell zur Last fallen. Dies war der einzige positive Grund, warum die Assimilanten in der Wiener Kultusstube sich gewehrt haben, dem jüdischen Gemeindebund Oesterreichs beizutreten: Angst vor dem ärmeren Bruder, der etwas kosten könnte- Aber auch die Sorge um den Geldsack war eigentlich lächerlich, denn es war von vornherein klar und die Herren von der ״Union“ führten es sogar — man höre und staune! — als Argument für den Nichteintritt an, daß die Wiener Gemeinde Im Gemeindebund die Mehrheit und die Führung innehaben werde. Es wäre unratsam, sagten sie, dem Gemeindebund beizutreten, denn dies müßte zur Majorisierung der kleinen Gemeinden führen. Die bescheidenen Herren wollten daher lieber auf den Augenblick warten, da die kleinen Gemeinden Wien majorisieren werden . . . Nett und vorsorglich! Schließlich mußte aber doch die ,jüdische Solidarität“ salbungsvoll zur Sprache gebracht werden. Wir, die Hüter der Tradition, daß ״alle Juden Brüder“ sind, hieß es da bezeichnenderweise, werden unsere armen Schwestergemeinden nie vergessen; wenn sie sich an uns um Unterstützung wenden werden, wir stehen immer bereit (die Gesuche müssen aber selbstredend vorher genau geprüft werden), und auch im Kampf mit dem Antisemitismus Können die kleineren und daher der größeren Gefahr ausgesetrten Gemeinden bei uns Hilfe suchen. So sieht bei ihnen die ״jüdische Solidarität* aus! ln Einigkeit und Größe liegt Kraft, aber Einigkeit wollen wir nicht, groß sind wir selbst genug, daß uns kaum etwas geschehen könne. Ihr kommt uns fallweise bitten und wir werden auch fallweise helfen. Der Beitritt zum Gemeindebund aber könnte an maßgebender Stelle falsch gedeutet werden, Geld kosten und die neue Organisation würde nicht nur dem Tempelverein in Währing una in Lundeuburg nützen, sondern vielleicht auch das Prestige des Judentums heben und sogar die politische Stellung der östcrreültischen Judenheit starken. Das letztere muß aber auf alle Fälle vermieden werden. Politisch sind wir keine Juden und bedürfen auch keiner eigenen Vertreter . .; * _ Die konstituierende Versammlung de? jüdischen Gemeindebundes Oesterreichs, die vom Baumeister Winkler aus Groß-Enzersdorf einberufen wurde, fand am 12. Dezember, trotz des ablehnenden Beschlusses der Wiener Gemeinde, statt. Es waren alle Gemeinden Oesterr elch s vertreten, mit Ausnahme einiger kleiner aus dem Burgenland und der Gemeinden von Neunkirchen, St. Pölten, Steyr und Güssing. Die Hauptstädte der ö terrei hischen Lander: Graz, Klagenfurt, Linz, Innsbruck haben Vertreter er.tsandt. Zur Versammlung sind׳ auch der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Pick, und die beiden Vizepräsidenten, der Präsident der ״Union“, Dr. Ornstein und der Führ« der Zionisten, Dr. Löwenherz, erschienen. Der Vertreter der Zionisten, Oberbaurat Stricker, k i.Lierte in scharfer, aber sachli'her Weise das Vorgehen der Kultusgemeindemehrheit Dr. Ornstein versuchte nun durch die oben angeführten Argumente die kurzsichtige Haltung der Mehrheit zu entschuldigen, was ihm selbstverständlich mißlingen mußte. Die Tatsache, daß die Wiener Assimilanten die bedeutendste organisatorische Schöpfung der österreichischen Juden in den letzten Jahren, wenn auch nicht zunichte gemacht, so doch auf lange Zeit zu einem Rumpfgebilde haben werden lassen, kann auf keine Art weder aus der Welt geschaffen, noch beschönigt und entschuldigt werden. Sie naben sich und ihre Methoden gründlich entlarvt. Zum Prlridenten des neugegründeien Gemeindebund» wurde Baume!iter Winkler aus Groß-Enzersdorf gewählt. Sitz des Bundes ist der Wohnort des Präsidenten. Die Ver- Sammlung beauftragte das gewählte Präri■■Iium, mit der Wiener Kultusgemeinde unve zügli h Verhandlungen zweck? Aufhebung des ablehnenden Beschlusses einzulritcn. Der diplomatische Korrespondent des ״Daily׳ Telegraph“ schreibt, daß Sir Gilbert Clayton soeben aus Rom zurück gekehrt Sri, wo er mit dem italienischen Gouverneur von Erythrea, dem Kommandeur Gaspedal, die Interessen Englands und Italiens am Roten Meer und in den arabieenen Staaten besprochen habe.