Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1927)
- Date
- 1927-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 48 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr.ד arabische. Teils vielleicht •dieserhaib, teils wegen besserer Drawback-Regulicning als in Aegypten, teils wegen der allgemeinen Ursachen hat nicht nur die lokale arabische Ziga* rettenindustric einen großen Aufschwung genommen, sondern internationale Konzerne beginnen sich auszubreiten, und die ägyptische Zigarettenindustrie beginnt sich nach Palästina zu verschieben. Wir sind mitten in der Entwicklung Palästinas zu einem zweiten Aegypten auf dem Zigarettenmarkt. 14 3rabische Fabriken beherrschen den Markt, vier große Fabrikneubaufen, versehen mit den modernsten Maschinen, alimentkrt durch den früher geschilderten Kapitalakkumulierungsprozeß bei den Arabern, sind vor der Fertigstellung. Und daneben verbleibt als einzige jüdische Fabrik: Lubliner, zwar solide geführt, aber klein, zwar gut eingeführt, aber isoliert, aller Unterstützung bar, von keiner zionistischen Instanz mit Kapital unterstützt und nicht einmal von den Arbeiterinstitu- Honen, den Hauptkonsumenten, privilegiert. Auf die Landwirtschaft konzentriert, hat man vom Tabakproblem nur die Pflanzung begriffen, hat große Anbaupropaganda getrieben — ei״e sinnlose und verlustbringende Sache, solange die 14 Fabriken im Lande keinen jüdischen Tabak kaufen und für eine jüdische Zigarettenindustrie keine Vorsorge getroffen wird. Der Umsatz dieser 14 Fabriken beträgt heute rund 1 Million £ im Jahr, und die Tabakanbauparole kommt fast ausschließlich Arabern zugute: dem Pflanzer, der Zigarettenfabrik, dem Arbeiter, dem Kartonnagefabrikanten — und dem Kapitalismus, der jüdisches Geld an sich zieht. So ist die Entwicklung auf der ganzen Linie. Statt uns darum zu kümmern, haben wir allerdings in einem Land, wo eine einzige Spirihisindustrie ausreichend ist, der Reihe nach vier gegründet, von denen jede einzelne sich auf Förderung durch zionistische Instanzen beruft, und die es zustande bringen werden, daß man selbst an dieser einzigen Industrie, welche hier einen völligen Prohibitivzoll genießt, auch noch Geld verlieren wird. Geschieht schon einmal etwas zur Förderung von Industrien, geschieht es an falscher Stelle. Jedenfalls steht das eine fest: Es handelt sich längst nicht mehr um die Frage, ob Palästina industrialisiert werden kann oder nicht, sondern nur noch darum, wer die Industriealisierung durchführen wird, wir oder die Anderen — und ob es anarchisch geschieht oder planmäßig. Und wenn heute jemand sagt, wir brauchen keine auf Förderung der Industrie spezialiilerte Bank, so steht das genau auf der gleichen Stufe wie *Iwa die Behauptung, daß wir keine Bodenkauisgesellschaft benötigen oder keine Kolonisationsinstanz für die Landwirt- Schaft; nur noch das Wie, nicht das Ob steht zur Debatte. * Gewiß: das System des Wirtschaftsaufbaus ist unbeschreiblieh viel verzweigt. Aber es wäre falsch anzunehmen, daß man es nicht planmäßig übersehen und in Angriff nehmen könnte. Meine Artikel stellen nur Bruchstücke dar und werden daher zwangsläufig viel Irrtümer erwecken. Aber a!s Bruchstücke sind sie dennoch herausgenommen aus einer geschlossenen und einheitlichen Gesamterfassung des Problems. Es wird viel Zeit vergehen, bis sich diese Auffassung durch alle mißverständlichen Redekämpfe hindurchgefressen haben wird — was aber, wie ich hoffe, schon jetzt klar hervorgehoben und klar von allen erfaßt werden kann, ist die Erkenntnis, daß sich das ganze Problem um die Frage der Kapitalbewegung dreht. Kapitalstauung (Abbindung des Abflusses durch unrentable Kanäle nach der arabischen Wirtschaft), Kapital- Kapitalakkumullerung (Spar- und Bankenwirtschaft), Kapitalansaugung (Okkupierung von geldaktiven, von Verkaufs- und Schlüsselpositionen) — in diesen vier Forme!! der Kapitalbewegung erschöpft sich der größte Teil unserer Probleme. Die Regierung und die Stadtverwaltung In Tel-Avvlw Nachdem der Stadtrat von Tel-Awiw mit Stinimenmehrheit erklärt hat, dafl er in der von der Regierung vorgeschriebencn Frist unmöglich das Jahresbudget anfstellen könne, hat die Regierung selbst den Etatder Stadtverwaltung festgesetzt. Die Regierung ist dabei weitgehend von dem ersten Voranschlag der städtischen Budgetkommission abgewichen und auch vor anderen Eingriffen in die Selbstverwaltung von Tel-Awiw nicht zurückgeschreckt. So wurden in der Sitzung des Stadtrates von Tel-Awiw vom 9. Januar Teile aus dem Briefwechsel des Gouverneurs mit der Stadtverwaltung vorgelesen, in welchem dieser sich über die Frage des Budgets von Tel-Awiw äußert und bis zur endgültigen Klärung dieser Frage nur gestattet, den zwölften Teil des von der Regierung selbst festgesetzten Budgets zu verausgaben. In einem Briefe heißt es u. a., daß die Regierung keinerlei Ausgaben anerkennen würde, die nach dem* 1. Januar außerhalb des Etats vorgenommen wurden und daß solche Ausgaben auf die Verantwortung des Stadtrates allein geschähen. Ueber die Regierungskontrolie heißt es in einem anderen Brief des Gouverneurs, daß die Stadtverwaltung ohne Bestätigung durcli den Gouverneur keine Verträge abschließen dürfe, deren Gegenstand £ 10 übersteigt, daß die Stadtverwaltung nicht berechtigt sei, neue Stellen zu schaffen oder irgendein Gehalt ohne Bestätigung zu erhöhen. Die von der Regierung vorgenommenen Kürzungen betreffen, wie ״Dawar“ betont, den Beamtenetat, die Eraehungs- und Kulturarbeit, das Gesundheits- und Relnlgungswesen und die Ausgaben für öffentliche Anlagen. Die Beamten der Regierung, sagt das Blatt, wissen erschütternde Rapporte über die gesundheitlichen Verhältnisse in Tel-Awiw zu schreiben, aber diese haben nicht dazu geführt, daß die Regierung der Stadt auf diesem Gebiete zu Hilfe kommt, Krankenhäuser für ansteckende Krankheiten, Volksambulatorien eröffnet, sondern — den Etat der Hadassah verkleinert und die Ausgaben für einen Armenarzt streicht. Dagegen wurde der Etat der Polizei als erhöhungsbedürftig angesehen und die Zahl der Polizisten von 70 auf 100 heraufgesetzt Für diese Erhöhung hat die Regierung auch von sich aus einen Zuschuß von £ 8000 bewilligt und sie ist auch zu weiteren Zuschüssen künftighin bereit. Colonel Wedgwood und Izchak Grün bäum werden am 30. d. M. an der Keren Hajessod-Konferenz für die Tschechoslowakei in Prag teilnehmen und dann in einigen Städten der Tschechoslowakei über den Palästina-Aufbau sprechen. ״ ״ . ... . Die Jubiiäums-Aktion des Keren Kajemeth m der Tschechoslowakei wurde eröffnet mit einer großen Meeting in Brünn, wo zunächst Dr. Angelo Goldstein tschechisch und dann Arnold Zweig in deutscher Sprache «He Festrede hielt Erziehungsfragen im ״Noar Haowed" (Eine Entgegnung) Von Jakob Sandbank, Tel-Awiw. Im Zusammenhang mit der Tagung der ״Arbeitenaen Jugend“ (Noar haowed) hat Moses Caivary zur Frage der sozialistischen Erziehung in Erez-Isracl Stellung genommen (״?. Rdsci!.״ Ql u. 95 S. J. 1926) und eine Dar- Stellung der Gegensätze innerhalb der Arbeiterschaft in den Anschauungen über Erziehungsfragen der ״Arbeitenden Jugend gegeben, die meiner Ansicht nach nicht stimmt. Die Organisation der ״Noar haowed“ ist noch jung. Vor etwa zwei Jahren entstand sie und wuchs rapid. Sie ist kein ״Bund“ im Sinne einer Jugendbewegung, sondern eine zum Teil gewerkschaftliche, zum Teil erzieherische Organisation, in der die Mitglieder Arbeit vermittelt bekommen und die Möglichkeit haben, eine Art Abendvolksschule zu besuchen, Kurse über verschiedene Bildungsthemen zu hören usw. In der letzten Zeit, als die Organisation bestimmte Formen anzunehmen begann und bestimmte Tendenzen in der Erziehung evident wurden, hat innerhalb der Arbeiterschaft die Diskussion über das Wesen dieser Er- Ziehung begonnen. Um was dreht sich diese Diskussion, und worin bestehen die Meinungsverschiedenheiten? Nicht um die Frage sozialistische oder nicht-sozialistische Erziehung handelt es sich hier. Diese Frage steht übernaupt nicht auf der Tagesordnung. Die ״Arbeitende Jugend“ ist der Nachwuchs der palästinensischen Arbeiterschaft, der Arbeiterschaft, die sich und alle ihre Institutionen und Parteien vor allem als Instrument des Zionismus, des Palastinaaufbaus betrachten. Würde sich die jüdische Arbeiterschaft Palästinas nicht als Instrument des Zionismus, sondern als das des Klassenkampfes betrachten, dann würde sie die Last des Aufbaues nicht tragen, nicht tragen können. Diese Arbeiterschaft hat dem jüdischen Volke die Wahrheit ge- -Haß Hie erste Grundlage jeder menschlichen Ge- Seilschaft die Arbeit ist, und sie stellte die Forderung auf Chaluziuth. Diese Forderung ist ni-ht überlebt. Heute wie vor zwanzig Jahren, als sie aus den hektographierten Seiten des ״Hapoe! Hnzair“ erklang, ist sie voll und ganz gültig. . Nur hat sich diese Forderung mit der Erweiterung und Differenzierung unseres Aufbaus erweitert und differenziert und erstreckt sich auf viele Berufe. Das ist die revolutionäre Tat der palästinensischen Arbeiterschaft, die radikale Umstellung jedes Einzelnen fordert, und die Voraus- Setzung ist für den Aufbau einer jüdischen, arbeitenden Ge- Seilschaft, kulturell n-oduktiv und auf gerechten sozialen Grundlagen bariert. Und wenn man über die Erziehung des ”״oar Haowed“ spricht, dann handelt es sich um die Frage: ,,Was ist dem Aufbau förderli 11י? Wie müssen wir {fiese Jugend erziehen, daß sie der Idee des arbeitenden Palästina zu dienen befähigt sein soll? Welriie Bildungsguter muß sich diese Jugend erarbeiten, um ein Kulturfaktor im Aufbau sein zu können? Wie verhüten wir es, daß diese Jugend fertig fabrizierte Formeln und Meinungen, die sie gar nicht erfassen kann, und die auf ihre geistige und menschliche Entwicklung störend wirken, gedankenlos übernimmt? Man neigt nur zu leicht bei uns zu hoher Problemstellung. Diese Neigung ist verständlich, denn einer solchen Problemstellung sind keine Grenzen gezogen. Meistens gibt es in der großen w’elt ausgetretene Wege, bereits viel erörterte Gedanken״än״e und_ fertige Formulierungen, und man neigt dazu, sie einfach zu übernehmen und sie in unsere Situation hineinzuzwängen. Man vergißt nur zu leicht, daß dort die Grundlagen dieser I roblcmstellung. ganz andere sind als bei uns, und daß bei uns sehr oft die ersten Voraussetzungen geschaffen werden müssen. Unser Leben spielt si״h in sehr enggezoge- ..סמי lohen Worten spähen kann, sind von ausschlaggebender Wichtigkeit. Die Schwierigkeiten in unserem Aufbau Hegen, und nicht in letzter Linie, in den Sphären dieser einfachen Dinge. Alle unsere Galuthfehler wirken srh im tagtäglichen Leben aus und machen manchmal die Schwierigkeiten _ erschreckend groß. Da kann nur intenrive erzieherische Tätigkeit, still und unermüdlirii, in die Tiefe gehend, um jeden Einzelnen ringend, abhelfen. Erziehung zur Sa־׳hii־hkeit, zur Verantwortung, zur gediegenen Leistung, zur Ablehnung jeder Phrase und zum geisti״en Sich-Bescheiden-Können, das ist im gegenwärtigen Stadium unseres Aufbaus die richtige Erziehung, und nur das darf der Kern der Erziehung der ״Arbeitenden Jugend“ sein, denn nur sie kann diese Jugend befähigen, das Werk der palästinensischen Arbeiterschaft fortzusetzen. Und mit Freude ist festzusteilen, daß sj-h diese Erkenntnis in den Kreisen der ״Arbeitenden Jugend“ Bahn bricht. Auf der Konferenz wurden sozialistische Fahne und sozialirtisches Lied besonders hervorgehoben. Diese an sich vielleicht nPht so wi־hti׳re Tatsache hat zu kri'isriien Bernerktingen auch innerhalb der Arbeiterschaft geführt. Man forderte. daß die Jugend, die im Geiste der palästinensischen Arbeiterschaft erzogen werden soll, nicht an zionistischen Symbolen vorübergebe. Das ist keine Forderung, die aus dem Willen, den Zionismus überstark zu betonen, si*h resultiert. Denn Erscheinungen der letzten Zeit be-e^Migen zu fliesen Fnrderungen. Die palästinensische Arbeiterschaft macht fetzt die traurige Erfahrung, daß Elemente, die srh vor einigen Jahren erst begeistert um die Fahne des arbeitenden Palästina scharten, die Grundlagen dieses Palästina imt ergraben. Die Annahme, die mit der Tatsache des in Palästina- Seins schon Zionist sein bedeute, stimmt leider ni״ht, und in der Erziehung der ״Arbeitenden Jugend“ kann der Zionisttius nicht stark genug betont werden. Man darf ni״ht vergessen, daß das, was bei der älteren Generation selbrtverständ!ich war, es bei unserer lugend nicht ist. Die jüdische Fundierung, die die ältere Generation au'zri'hnete,. fehlt hier, und deshalb muß anf zionistische Erziehung immer wieder starkes Oewicht gelegt werden. Die Bildungsarbelt innerhalb der ״Arbeitenden fugend“ ist eine der wichtigsten Fra״en, da ausschließlich diese Jugendorganisation ihr die Mö׳riH1keit der Bildung«- aneignung bietet. Sowohl die elementare Volkssriutlhildung, wie die weitere Arbeit in freien Biidungsvwanstaltwigen erfolgt im Rahmen der ״Arbeitenden Jugend“. Ohne auf diese Arbeit die in en׳rem Zusammenhang mit der Kulturpolitik und Bildun״stätigkeit der Histadmth steht, näher hier einzupehen, möchte ich hier bemerken, daß in dieser Frage Calvarys Ansichten, meiner Meinung nach, einer Prüfung auf ihre Gültigkeit für unsere Verhältnisse ni״ht standhalten können. Die An«iri1t der marxistisch-sozialistischen Parteien und Gewerkschaften Europas, daß die Kulturwerte der Völker ein Produkt der besitzenden Klassen sind, die aus dieser Ansiriit resultierende Kon«em1enz. daß der Befreiungskampt der besitzlosen Klasse gleichzeitig ein Kampf gegen das Bildungsprivileg der Besitzenden ist, und daß mit Aufhebtmg dieses Privilegs die Bef׳e!ung des Proletariats durchpeführt werden kann, mag rrhtig sein oder nrht. Ohne Zweilei stimmt sie nicht in bezug auf die Werte der j ü d 1 - sehen Oei«te*kultur und in bezug auf die kulturellen Aufgaben der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina. Jn keiner ihrer Aeußerungen ist diese Geisteskultur in der ganzen Galuthepoche das Produkt einer Klasse des Volkes. Die höchsten Werte der jüdischen GeMe-ktiüur der letzten Epochen, sehassidische Lehre und S״hrifttum, sind zum großen Teil die Schöpfung Besitzloser. Und deshalb kann bei uns die ganze Frage nicht im Lichte der sozialistischen Ideologie betrachtet werden. Bei uns handelt es sich nicht darum, ein Bildungsprivileg einer Klasse zu brechen, sondern um die Schaffung eines lebendigen Verhältnisses zu unseren Werten. Dieses Verhältnis ist heute nicht vorhanden. So jagen wir wohl allen vermeintlichen Werten nach, nähern uns aber nicht dem Kern, der in sich die wirklichen, erzieherischen Momente birgt, ohne die Bildungstätigkeit überhaupt ihren Zweck verfehlt. Das sind in aller Kürze die Erziehungsprobleme, tun die sich die Diskussion dreht, hervorgerufen durch tiefe Sorge um die Befähigung der zweiten Generation das Werk fortzusetzen, das die erste mit so ungeheurer Mühe begonnen hat. » Keligions * Ersatz Eine Erwiderung. *t Der unter dieser Ueberschrift in Nr. 4 der ,Jüdischen Rundschau“ erschienene Artikel stellt sicher im Gegensatz zu der Meinung vieler Zionisten; der religiös eingestellten selbstverständlich. Ich möchte im folgenden zu der Frage Steilung nehmen, obwohl, oder gerade weil ich die gleiche Grundeinstellung habe wie die Verfasserin. Was die ersten beiden Abschnitte des Aufsatzes anbelangt, so stimme ich mit dem darin Gesagten nicht nur vollkommen überein, sondern halte es sogar für eine dankenswerte Tat, daß hier einmal wieder klar ausgesprochen wurde, welches die letzten Ursachen unseres Zionismus sind. Ich möchte hier nur — indem ich pro domo spreche — für diejenigen, welche nicht oder noch nicht in Erez-Israel leben, für ״Palästina“ ״Zionismus“ setzen, was in diesem Zusammenhang gleichbedeutend ist mit Palästinasehnsucht. Daß wir uns diese ״letzten Ursachen“ nicht gern eingestehen — die Generation Herzls war darin vielleicht etwas offener —, ist ja psychologisch verständlich; denn es ist ein etwas deprimierendes Gefühl, daß das, was für uns so wesentlich geworden ist, nicht auf einer Begeisterung für die Sache an sich basiert, sondern letzten Endes auf ein Negativum, nämlich der inneren Leere, die durch den Mangel eines religiösen Gefühls hervorgerufen ist, und somit der Zionismus ursprünglich für uns nur Surrogat war (ich gebrauche hier absichtlich dieses Wort), wenn er uns auch später mehr wurde. Unrichtig und — was wesentlicher ist — ge'ährlich scheinen mir die daraus gezogenen Konsequenzen auf Grund der beiden konkreten Beispiele. Obwohl ich davon überzeugt bin, daß sich analoge Beispiele anführen ließen, bei denen die Situation bedeutend weniger peinlich war, gebe ich zu, daß sich solche Vorkommnisse in unserer, d. h. der Uebergangsgeneration schwer vermeiden lassen, wenn man die religiöse Richtung zu Wort kommen lassen will. Zu dem einen der beiden Fälle, der mir als der markantere erscheint: Gewiß, ich gebe zu, daß das Gebet des aschkenasischen Oberrabbiners bei der nationalen Feier der Universitätseröffnung auf einen Teil des aus heterogenen Elementen zusammengesetzten Publikums lächerlich und damit störend gewirkt haben kann. Für anders Eingestellte aber wäre aie Feier ohne dies vielleicht zur Phrase geworden. (Ich weiß, daß die Zahl der religiös Gerichteten in Palästina, auch gerade unter der Masse aus dem Osten gering ist, da die Aufklärung seit der Zeit der Haskaia, in der sie nur die Intellektuellen erfaßt hatte, in die breitesten Volksschichten eingedrungen ist. Aber das Zahlenmäßige spielt hier keine Rolle.) Und auf diese Kreise müssen wir Rücksicht nehmen, denn schließlich wollen wir doch das zionistische Palästina nicht zu einem Asyl für freidenkende Nationaljuden degradieren und lind — weitergefaßt — das öffentliche Leben ist unsere Angeiegenheit, ihr habt dafür — die Klagemauer! Dann haben jene von ihrem Standmwkt aus Recht, wenn sie unfruembare Kritik üben und ihre Tätigkeit ״für“ den Zionismus etwa wie die deutsche Orthodoxie — darin erschöpfen, daß sie konstatieren, daß an Rosch Haschanah in Beth-Alpha der Grundstein für d׳*n Gemeindestall gelegt wurde (״Israelir vom 13. Januar 1927). . .״ . Und noch aus einem anderen egoistischen Grund dürfen wir das religiöse ludentum nicht aussehalten. Die neuen, aus der Tiefe der Volksseele aufsprießenden Werte, die wir für eine spätere Generation erwarten (wie H. H. Thon schreibt), können niemals aus einer Schicht allein entstehen, sondern nur aus dem Kamnf und der gegenseitigen Befruchtung aller Elemente, wobei die conditio sine qua non ist, daß man auch alle gelten läßt und nicht eine aus dem öffentlichen Lebe« ausschaltet. Die Resultierende ist stets größer, d h. hier stärker als die einzelnen Komoonenten, und ihre Richtung ist ebenfalls eine neue; daß die der Orthodoxie nicht die richtige ist, darüber sind wir uns klar, und daß die «nsnge nicht befriedigt, das zeigte ja schließlich der Artikel von H. H. Thon. Für Ost- und Westjuden haben wir das eingesehen, scheinbar aber nicht für ״nur-nationalcs“ und ״religiös-nationales Judentum. . . In der Einstellung, die durch diese Erkenntnis bedingt Ist, sehe ich kein Kompromiß unsererseits, sondern nur das Verständnis des zwar religiös unmusikalischen, aber nicht anti- und nicht irreligiösen (um mit Max Weber zu sprechen) dem religiösen gegenüber. , . , , . ... Wenn wir dies bedenken und danach handeln, dann wird vielleicht zur Fünfzigjahrfeier der Universität wieder ein Rabbiner ein Gebet sprechen, aber dieses Gebet wird dann jedenfalls ganz anders aussehen als das bei der Universitätseröffnung, vielleicht gar kein Gebet in dem Sinne mehr sein wie wir es heute verstehen, und es wird wenige mehr geben, denen es lächerlich erscheint, weil man sich weiteruna zueinanderhin entwickelt haben wird, Karlsruhe. Ludwig Bähr. Loden WolBs 70. Gebartstag Luden Wolff, der Präsident der Jüdischen Historischen Gesellschaft und Sekretär des Joint Forei״n Committee, beging dieser Tage in London seinen 70. Geburtstag. Wolff begann seine journalistische Laufbahn schon «n einem sehr frühen Alter. Im Jahre 1874, also mit 17 Jahren, trat er in die Redaktion der Zeitung ״Jewish World“ ein und war bis 1893 ihr erster Leitartikler. Mit 20 Jahren wurde er Mithcrausgeber der Tageszeitung ״Public Leader*. 1890 wurde er Auslandsredakteur und Leitartikler des ״Daily Graphic . Von 1893 bis 1897 war er Londoner Korrespondent von ״Le Journal“ in Paris. Als Sekretär des Joint Foreign Committee, das der Lage der Juden in allen Teilen Europas seine Aufmerksamkeit widmet, veröffentlichte er viele aufschlußreiche Abhandlungen über die Lage der Juden in Europa. Seine letzte Publikation ist dem Leben der Mairanen in Portugal gewidmet. Die Jüdische Fiistonsche Oe- «ell'chaft (Jewish Historical Society) veranstaltet aus Anlaß des 70. Geburtstags ihres Präsidenten am Dienstag dem 1. Februar, ein Festdiner, bei welchem Sir Herbert Samuel den Vorsitz führen wird. Der Pan/ö/is•he Oberkommissar für Syrien, Herr Ponsot, wird am 25. Januar in Jerusalem eintreffen und als Gast Lord Plumers im Regierangspalais wohnen.