Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 7 (25.1.1927)
- Date
- 1927-01-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite ♦7 Nr. 7 Die aktive Geldzirkalation Von Heinrich M argulles, Tcl-Awiw*). Auf Grund der in den vorhergehenden Aufsätzen er• örterten Tatsachen kommen wir zu einer geänderten Rang- Ordnung der zu kolonisierenden Positionen. Aus Kapital setzen sich die Armeen zusammen, welche sich zum Entscheidungskampf um das Land rüsten. 11t der breiten Tiefebene des Wirtschaftslebens sammelt ein übermächtiger Gegner seine Streitkrrifte. Dieser Sammlung, dieser Akkumuiierung zuvorzukommen und sie zu verhindern, zu rersplittern, zu atomisieren, wird zum alleinigen strategischen Ziel der kommenden Periode. Kapitalzirkulierung, Kapitalbildung und überhaupt alles, was mit der Bewegung dieses Lebenssaftes der Wirtschaft zusammenhängt. drängt sich gebieterisch in den Vordergrund als vor allem anderen zu berücksichtigender Maßstab. Wie lautet die kürzeste Formel? * Erstens: Dem bisher vorherrschenden Kaufen von nichtjüdischer Wirtschaft haben wir ein Verkaufen gegenüberzustellen. Zweitens aber: das bisherige Tolerieren von Kapitalabt'luß als Folge eines Verzichtes auf KapHalakkumulierung müssen wir rücksichtslos ersetzen durch ein Unterordnen aller Geld Verwendung unter das Gesetz der Produktivität und Kapitalbildung. Letzteren Punkt wäll ich vorerst erläutern: Wir haben viele Millionen ins Land gebracht. Noch nirgends sehen wir aber, daß die Investierung zur Neuzeugung von Kapital geführt hätte. Der Keren Kajemcth hat Boden, den er nicht verkaufen darf, und für den er keine Zinsen (Pacht) erhält. Die 2,6 Millionen £ des Keren Hajessod (netto, wieviel brutlo?) liegen in Siedlungen, die sich nicht verzinsen, in Straßen, Ziegelsteinen, Amcliorationen, in Schulen, Krankenhäusern, in Gebäuden, Notstandsarbeiten, Arbeitslosen- Unterstützung, kurzum, ausnahmslos in Positionen, die nicht ״Kapital hecken“. Es soll nicht gesagt werden, daß die so geschaffenen Positionen einen geringen Wert darstellen, sie bilden sicherlich einen großen Schatz — aber er ist wie der Nibelungcnsehatz tief in den Rhein versenkt, man kann ihn zum Gegenstand wunderschöner Opern — aber man kann ihn nicht zum Objekt einer Kredit- und Anleihe- und überhaupt einer Kapitalpolitik machen. Die Hauptforderung der seinerzeitigen Reorga ni sationskommission Julius Simon-De Eierne (1020) bestand darin, daß die produktiven (d.!. kapitalzeugenden) Ausgaben die Priorität erhalten sollten. Ueber dieser Forderung ist die Kommission gestürzt worden. Seither redet man nicht mehr davon. Monatlich wendet man heute £ 3—5000 zur Arbeitslosenunterstützung auf, und die Arbeiten, die dafür verlangt werden, um den Unterstützungseharakter abztischwächen, sind nach wie vor größtenteils Arbeiten, die nach sechs Monaten aufhören, ohne eine einzige Arbeitgeberposition zurückzulassen. Das gleiche trifft zu auf den ״großen“ Plan der Arbeitergruppe (Fnimkin-Remes). das Arbeitsiosenproblem ״gründlich“ zu lösen: selbst hier, wo man der Phantasie freien Spielraum lassen und mit der Hoffnung auf £ 350 000 bis £ 500000 jonglieren kann, hat man der Exekutive Vorsehläge vorwiegend genau der gleißten Art gemacht״ ״ ,׳ Man hat noch keineswegs begriffen, •daß Gelder zur Behebung des Arbeitsproblems nur in Produkt io nsstatten geleitet werden dürfen, nur in Unternehmung e n , welche kraft einer solchen Unterstützung in die Lage versetzt werden, Kapital zu sammeln und neuzubilden und eine dauernde Beschäftigung von Arbeitern zu gewährleisten. Ich bin in der Lage, eine große Liste von Einzclfällen vorzulegcn, in welchen Fabrikanten aus Kapitalmangel konkret vorliegende Aufträge nicht ansfiihren konnten, und die, bei entsprechender Alimentierung, eine größere Anzahl von Arbeitern eingestellt hätten. Diese Unternehmungen haben Geld nicht erhalten — hingegen wandert Geld in solche Unternehmungen, denen ihrer Struktur und Haupttendenz nach absolut die Tendenz zur Kapitalbildung fehlt. Niemand kann begreifen, warum der Solei Boneh, mit einem Auftragsbestand, der trotz der Krisis größer ist *) Vgl, Nr. 3 der ״J. R.“ und die vorhergehenden Artikel, in welchen die Diskussionsäußerung von Märgulies, die hiermit abgeschlossen ist, begonnen wurde. Redaufgezeichnet ln den Pariser Kunstsammlungen kann man wie in den Sammlungen in aller Welt feststellen, in wie reichem Maße jüdische Mäzene durch Schenkungen sich kuliurelle Verdienste erworben haben. * Um den Montmartre-Friedhof, ja — auf einer Brücke über ihn her, tost der Lärm der Großstadt. Der deutsche Jude, der nach Paris kommt, sucht nach altem Brauch das Grab des deutschen Juden Heinrich-Heine auf. Das nicht gerade schöne Grabdenkmal aus weißem Marmor ist von Blumensträußen bedeckt, in welche die Spender ihre Visitenkarten stecken. Ich sah nur jüdische Namen außer demjenigen der Miß Jane Heartt'kid, bis mir einficl, daß auch diese Dame von Haus aus wohl Herzfeld heißen möge. Harry Epstei n. Eine jüdisch(׳ Blbliotheks - Ausslellnng Die von der Prager Jüdischen Gemeind« arrangierte Ausstellung wertvollster Objekte ihrer vor TO Jahfen Begründeten Bibliothek wurde unter lebhaftem Interesse der Öffentlichkeit eröffnet. Ausgestellt sind etwa 400 Objekte in drei Gruppen: 1. Bücher von typographischem Interesse, 2. von inhaltlichem, 3. von buchtechnischem Interesse. — Die erste Gruppe umfaßt Prager Drucke und Bücher aus Druckereien in Italien, Schweiz, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Polen, Türkei u. a. m. Die schönsten Drucke sind die venetianischen, z. B. Daniel Bomperg: Die Rabbinische Bibel (1516—1518). Fernerenthält diese Gruppe drei wertvolle Inkunabeln: zwei Neapler (1488 und 1490) und einen Soncinodruck (1488). Aus Amsterdam stammt Menassa Ben Israel: Die Rettung Israels- Auch wertvolle Handschriften aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind ausgestellt. Die zweite Gruppe enthält liturgische Werke, darunter zwei deutsche werke über die Liturgie. Eine schöne Uebersicht über die Geschichte der Juden, über die jüdische Philo- Sophie ist ebenfalls zu sehen. Die dritte Gruppe zeigt an Beispielen die Entwicklung des Buches von der Stemtafel über den Papyrus, die Pergamentrolle, den Pergamentkodex, zum modernen Buch. als je zuvor, mit einem Umsatz von £ 300000 (6 Millionen Goldmark!) im Jahre, mit Klienten, die fast ausnahmslos hohe Privilegierungspreise zahlen wie die zionistische Exekutive, die Stadtverwaltung Tel-Awiw usw., keinen Kapitalertrag abwirft, sondern in eine Krisis geraten ist, durch welche der Zionismus gezwungen wird, die bisher bei ihm (und seinem Rechtsvorgänger) investierten Summen auf rund C 75—100 000 zu erhöhen. Hier liegt ein Schulbeispiel vor: es ist nicht unmöglich, daß ein Privatunternehmer, der an Stelle des Solei Boneh unter so privilegierten Verhältnissen derartige Aufträge erhalten hätte, von seinem Kapitalprofit einen schied!- teren Gebrauch gemacht hätte aber ganz außer Zweifel steht jedenfalls, daß er einen solchen Kapitalprafit in ganz außerordentlichem Ausmaße erzielt hätte. Und gleichgültig, wie man zur sozialistischen oder zur Privatwirtschaft steht, es kann nur ein Urteil darüber geben, daß wir ohne eine solche Kapitalbildung rettungslos verloren sind, und daß alle Unternehmungen, und vor allem diejenigen, die öffentliche Gelder beziehen, zur Erzielung von Kapitalprofit mit allen Mitteln gezwungen werden müssen. Gelingt es, können sie viel nützen, gleichgültig welche Form sie haben, gelingt es nicht, so können sie nur schaden, ebenfalls gleichgültig, welche Form sie haben. Der Solei Boneh soll jetzt Geld von Finanzinstituten bekommen. Deren Bedingung lautet: Es muß verdient werden. Wäre diese Finanzierung des Solei Boneh schon vor Jahren in solcher Form erfolgt, durch Banken, welche die Erzielung eines Kapitalprofites verlangen und erzwingen (NB. nicht zu ihren Gunsten, sondern zugunsten des Sole! Boneh), so wäre der Sold Boneh heute das gesündeste Wirtschaftsunter• nehmen, das wir haben, und absolut in der Lage, seiner eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden: der Eroberung staatlicher Aufträge, der travaux pubiies, auch zu ungünsti• geren Bedingungen. Denn damit, daß er, zu Ucberpreisen, jüdische (private oder zionistische) Bauten ausführt, und somit jüdische Gelder von einer Tasche in die andere legt, ist noch recht wenig geholfen. Das zeigt uns den richtigen Weg: die Gelder sollen auf dem Wege über die Banken in wirtschaftliche Unternehmungen dirigiert, und letztere sollen durch die Banken zur Rentabilität erzogen und gezwungen werden. Hierbei muß natürlich die bisherige Privilegierung solcher Unternehmungen, die nicht verdienen, aufhören, und umgekehrt eine Prämiierung des Kapitalprofites eintreten. Sozialistische und Privatunternehmungen müssen, im Gegensatz zu heute, bei der Budgetierung durch zionistische Institutionen Gleichberechtigung genießen, und die Zionistische Organisation hat sich nur nationale Kautelen aaszubedingen, in sozialen Fragen aber absolut neutral zu bleiben. Den jahrelangen Verzicht auf solche Erziehungsarbeit bezahlen wir heute mit einem Zustand, wo kein Mensch mehr in Palästina noch klar zu unterscheiden vermag zwischen Defizit, Kredit, Anleihe, Spende, Wechsel, Aktie und ähnliehen Begriffen, und wo unsere Wirtschaft von der Chalukkah und dem Warten auf den ״Baron“ (heute Keren Hajessod) durch nichts mehr unterschieden wird. Wenn wir das als oberstes Gesetz proklamieren und damit zu einer Kapitalbildung und Kapitalakkumulierung gelangen, so haben wir zunächst ia den von den jüdischen zu den arabischen Zentren breit dahinfließenden Strom des. Kapitals einen Staudamm hineingebaut. Im gleichen Moment werden wir mit der Gebundenheit an kleine Ziffern und kleine Programme aufhören können. Sobald erst einmal ein Staudämm sich fühlbar machen wird, sobald erst einmal genügend kapitalsammelnde, kapitalproduzierende Positionen in die Erscheinung treten, ist das Geldbeschaffungs-, Kredit- und Anleiheproblem praktisch gelöst (so wie es heute bei der Orangenproduktion bereits der Fall ist.) Und wir dürfen uns dann, ohne ins Gebiet der Phantasterei m verfallen, ruhig wieder daran erinnern, daß die Aufgabe des Zionismus nicht in der Schaffung von 20 Kwuzoth oder Kolonien und ebensowenig in der von einigen Dutzend kleiner industrieller Betriebe besteht, sondern daß die großen Schlüsselpositionen es sind, deren Okku pierung vor uns steht. Abgebundenes, aufgefangenes Eigenkapital, das sich aus sich selbst stets vermehrt, verstärkt durch dann leicht erhält■ liches Kreditkapital, haben wir, als dritte Stufe, in solche Wirtschaftspositionen zu dirigieren, von denen aus (nstitutum Judaicum. Im Rahmen des diesjährigen Vortragszyklus des Institutum Judaicum an der Berliner Universität sprach Dr. Josef Wohlgemuth über ״Samson Raphael Hirsch und das gesetzestreue Judentum“: Um einen auch Außenstehenden verständlichen Ausschnitt aus Leben und Weltanschauung des gesetzestreuen Juden zu geben, schilderte er zunächst die Bedeutung und die Aus- Wirkungen des Sabbath. An jedem der 52 Säbbathe im Jahre offenbare sich dem Juden das, was dem Christen etwa die ״stille, heilige Nacht“ gebe. Dann analysierte der Redner die Situation, ln der sich das Judentum bei seinem Eintritt in die moderne europäische Kultur vor 150 Jahren befand: Durch die ״praktische Assimilation“ gingen dem Judentum zwei Generationen verloren, bis Geiger eine Ideologie des liberalen Judentums schuf. Hirsch bejahte zwar ebenfalls die moderne Kultur- und Geistesbildung, zeigte aber, daß diese der Thora und einer auf ihr basierenden Weltanschauung und Lebensbetätigung gar nicht widerspreche, sondern, mit ihr zu einer höheren Einheit verschmolzen (״Thora im derech erez“), für den Juden erst den rechten Wert gewinne. Hirsch gründete keine ״Neu-Orthodoxie“, sondern bewies, daß Thora und Thora-Leben in jede Zeit sich souverän einfügen. Redner will die Termini ״gesetzestreu“ und ״orthodox“ ersetzt sehen durch ״thoratreu“, das das ganze Judentum mit dem Prophetismus, seinen sozialen Postulaten und seiner Poesie umschließt Schon kehren weitere Kreise zum alten Judentum und vor allem zum ״Lernen“ zurück. Dieser neue Aufschwung des ״Thora im Derech Erez“-Prinzips finde seinen Ausdruck in Bubers und Rosenzweigs Bibelübe r- Setzung■ — Der Vorsitzende, Prof. Greömann, dankte dem Redner und bemerkte, die Bube r-Ros e n z w eigsehe Uebersetzung bedeute tatsächlich einen Gipfel deutscher Sprachkunst. Die Bibliothek der Berliner Jüdischen Gemeinde hat eine wertvolle Bereicherung durch Ankauf einer Sammlung von Handschriften und Drucken erhalten, die über das Leben der italienischen, besonders der römischen Juden ün 18. Jahrhundert reiches Material enthalten, $0 über die Geschichte der Blutbeschuldigung, der Zensur hebräischer Bücher, der Zwangstaufen, aber auch über Erziehung, Ehescheidung, Leviratsehe, Erbrecht, Vormundschaft und allgemein jüdischen Kultus, zwangsläufig fremdes Kapital angesaugt werden kann. Hier will ich Eisenbahnen, Hafenkonzessionen, staatliches Verkehrswesen überhaupt nur kurz erwähnen, weil bei der mangelnden Vorbereitung unseres Lesepublikums mit diesen Komplexen wahrscheinlich sofort das Gefühl unmöglicher Finanzierung entstehen wird, und ich muß es mir daher vor* behalten, diese Fragen ein andermal, zusammen mit dem Anleiheproblem, zu besprechen. Alle anderen Positionen aber sind ohne weiteres klar. Von ihnen bildet der Handel diejenige, die das geringste Immobilisierungskapital erfordert und, sofern es sich um den Ein- und Verkauf für dk arabische Wirtschaft bandelt, am mühelosesten den Handelsgewinn aus fremder Wirtschaft usurpiert. Die bei uns großgezogene Verachtung des Handels aber hat dazu geführt, daß wir nicht nur den Handel für die arabischen (oder gar den Transithandel für Near East) nicht in unseren Händen haben, sondern sogar mit dem größten Teil des jüdischen Orangenmarktes vom arabischen Handel abhängig geblieben sind. Das ganze palästinensische Wirtschaftsleben leidet zurzeit mehr unter den Schwierigkeiten mangelnder Verkaufs- Organisation als unter denen der Produktion. Es fehlen Artsätze zu einer Organisierung des Exportes, der für viele Produkte schon heute erweiterungsfähig ist (die arabische Seifenindusfrie stellt einen bemerkenswerten Exportfaktor dar), Ansätze für die Organisierung von Außenhandelsstellen usw. Große Handelsgewinne könnten dadurch, der jüdischen Wirtschaft entstammend, in ihr festgehalten werden, andere, die aus der arabischen und Auslandswirtschaft kommen, in die jüdische Wirtschaft geleitet werden. Eng benachbart zum Handel liegt das Gebiet des Verkehrs jeder Art, von Personen und Waren. Lassen wir schon, wie oben erwähnt, die Eisenbahnen für diesmal außerhalb des Rahmens unserer Betrachtungen, so verbleibt in einem so kleinen und durch Autoverkehr völlig zu beherrschenden and noch genügend Möglichkeit, sich eine starke Position zu verschaffen. Hier hat der Zionismus einmal einen Anlauf gemacht durch die Schaffung der Palesiine Express-Palestihe Lloyd. Das Scheitern dieses Anlaufes (das nicht in der Sache begründet war) hat dazu geführl, daß der ganze Komplex wieder links liegen gelassen wird. Der Touristen- und Fremdenverkehr ist eine der wenigen geldaktiven Positionen, und all das damit verbundene Geld wandert heute durch fremde Kanäle, fremde Reisebüros, fremden Autodienst, fremde Hotels. Ich rede nicht von der politischen Gefahr, die darin liegt, daß wir dieses Gewerbe den Arabern überlassen, die es gut verstanden haben, weitgehende Personalunion zwischen arabischen Politikern und Propagatoren.-- und den Leitern der Reisebüros herzustelten, aber hier, wo es mir nur um den Geldzirkulationsprozeß geht, kann nicht nachdrücklich genug darauf hingewiesen werden. Für die nächsten 50 Jahre werden Handel und Verkehr im Rahmen der palästinensischen Wirtschaft einen ungleich höheren Rang einnehmen als jede Art von Produktion. Für letztere wird der Investierungsbedarf noch auf absehbare Zeiten ein so großer sein, daß der etwa dabei erzielte Kapitalprofit festgebunden bleibt und sich nicht, nach neuen Anlagen suchend, auf die Wanderschaft begeben kann. Flüssiges, bewegliches Kapital ansaugen und beweglich halten, es immer neu umzusetzen, und so eine mehrfache Ernte im Jahre zu erzielen, werden nur Handel und Verkehr vermögen. Wer also wie wir, gezwungen ist zu konzentriert«! Bemüha»g>!tt um die Hebel der Produktion, und außerdem zur Festlegung großer Mittel in mitzuschleppenden nichtwirtschaftlichen Pos!• tionen wie Schul- und Sanitätswesen, Bürokratie usw., muß um so mehr sich jene anderen Positionen sichern, durch welche er Kapital an sau gen, abschöpfen und mobil halten kann. Was die Produktion anlangt, so gibt es in der Land- Wirtschaft zurzeit nur die Bananen- und örangenpflan/ungeh, hei denen der Erlös weit über die Investierungsbeträge (allerdings langfristig) hinausgeht, und Jahr für Jahr zum Prodi:- zenien und zu den Banken zurückfließt. Abgesehen hiervon steht als einziges, beladen zwar mit gewaltigem Investierungsbedarf, aber doch wenigstens mit steigender Rückliquidierung (und überdies mit weitgehender Entlastung durch Privatkapital) die Industrie vor uns. Ich will nicht die alten Argumente wiederholen, die von den Befürwortern industrieller Kolonisation gebraucht werden. Wiederum beschränke ich mich hier auf den einzigen Gesichtspunkt der Kapitalbewegung, Industrie bedeutet die einzige Möglichkeit, Ware an Araber zu verkaufen, die einzige Möglichkeit, ihnen den Reichtum, den wir von ihnen kaufen wollen (Boden usw.) nicht mit dem gefährlichen Geld, sondern mit Ware zu bezahlen. Und damit ist gesagt, daß die Industrie überhaupt auf absehbare Zeit die einzige Möglichkeit bedeutet, die geschilderten Gefahre« zu paralysieren. Wenn man sich diese Zwangskonklusion klargemacht hat, wird man eine andere Einstellung zur Industriefrage gewinnen: man wird genau wie beim Bodenkauf weniger danach fragen, in welchem Umfange sich seine Möglichkeiten im voraus errechnen lassen, als sich vielmehr mit aller nur möglichen Energie auf die Eroberung dieser Position konzentrieren, coüte que coüte. Ueberhaupt ist das viele Theoretisieren über die Möglichkeiten der Industrie dne müßige Saclie. Das Leben fra^f nicht danach. Tagtäglich entstehen neue Unternehmungen, die nicht im Lehrbuch vorgesehen waren. Wer wäre auf die Idee gekommen, daß eine Fabrik für künstliche Zähne im Handumdrehen 10 Arbeiter beschäftigen würde? Nach all den Zusammenbrüchen der letzten Zeit (deren Ursachen zum wdtaus größten Teil Stoff für Witzblätter und nicht für Wirtschaftsgeschichtschreibung bilden), bleibt immer noch übrig eine Stufe industrieller Entwicklung, die den Aspekt dieses kleinen Mittelmeerländchens in zwei Jahren revolutionärer umgestaltet hat als vierzigjährige landwirtschaftliche Kolonisation. Und für denjenigen, der die Verhältnisse mit ein wenig Sachkunde und praktischer Erfahrung studiert hat, besteht gar kein Zweifel, daß Sir Herbert Samuels und Alfred Monds Prognose, Palästina könne sich zum blühenden Industriezentrum des Near East entwickeln, schon heute eine bewiesene Tatsache ist. Von den 1000 unverzeihlichen Sünden, die wir mit unserem Skeptizismus, unserem nutzlosen Theoretisieren, unserer Sabotage der Industriebanktendenzen begangen haben, will ich nur, als Beispiel, eine der krassesten hervorheben: die Zigarettenindustrie. Während in Aegypten die Tabakanbauversuche der Regierung fehlgeschlagen sind, erfreut sich palästinensischer Tabak steigender Beliebtheit — allerdings «anliegend dnr