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Jüdische Rundschau · 1927-01-21 · Heft 6 (21.1.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 6 (21.1.1927)
Date
1927-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 40 JUHDISCHE RUNDSCHAU Nr. 6 Aus der Diaspora Das Kalenderjahr 1027 hat für die Judenheit Osteuropas in den wenigen Wochen seiner Dauer nur eine Verschärfung ihrer schwierigen Lage und der aniijüdisciicn Stimmung gebracht. Nachstehend veröffentlichen wir eine Darstellung von der wachsenden Gegnerschaft in Sowjet-Rußland gegenüber der jüdischen Bevölkerung, Nachrichten einer behördlich favorisierten Verhetzung gegen die Juden in Litauen, über Bemühungen jüdischer Organisationen, die Lage der Juden in Rumänien zu verbessern und schließlich eine Illustration, wie ausländische jüdische Studenten an deutschen Hochschulen behandelt werden. Alles zusammen ergibt die traurige Fest* Stellung von der Verschlimmerung der Verhältnisse, unter denen die Juden in Europa leben. Rassischer Antisemitismus Ein Vortrag׳ Prof. K 111 i s c 11 e r s. Am 12. Januar hielt Prof. A. M. Kuli sc 11 er (Paris) in Berlin einen russischen Vortrag über den ״An ti 8 e m i - tismus i!1 Rußland“. Diese' Frage, die mit der Ent- Wicklung der Verhältnisse in Rußland m eigenartiger Weise und, wie es scheint, unzertrennbar verwoben ist, beschäftigt die Gemüter immer stärker jenseits und diesseits der Grenze der Sowjetunion, und so ist es nur verständlich, daß das zahlreicii erschienene Emigrantenpublikum mit gespannter Aufmerksamkeit den Ausführungen des Referenten folgte. In seinem prinzipiellen Teil betonte Prof. Krilisehcr, daß man immer zwischen dem Wesen und den Vorwänden des Antisemitismus unterscheiden muß. Wie die Motivierung and! sein möge, religiös, — der Fall wird jetzt immer seltener sein, — politisclr oder wirtschaftlich, das Wesen des Antisemitismus bestehe darin, daß man der Judenheit als einem Fremdkörper, den Juden als Menschen, feindlich gesinnt ist. Der antisemitische Instinkt sucht sich die nach Lage der Dinge opportunsten Motive aus. Die Entwicklung in Rußland ist. von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, bemerkenswert. Die Zeit ist noch frisch in Erinnerung, wo der ausschlaggebende Vorwand des Antisemitismus die au* gebliche Verantwortung der luden für den Bolschewismus war. An Stelle dieser Nuance tritt seit einiger Zeit in Erscheinung eine ganz neue Form des Antisemitismus, dessen Träger nunmehr weite Kreise der Kommunisten undSowjetbeamten sind. Diese Schicht kann naturgemäß den Juden nicht den Bolschewismus in die Schuhe schieben; hier wirken rein wirtschaftliche Momente; die politischen hingegen treten in den Hintergrund, denn die Juden sind in der ״Opposition“ in gleicher weise wie in den regierungstreuen Kreisen ver* treten, wiewohl es allerdings richtig zu seil! scheint, daß der mächtigste Mann in Rußland, der Georgier Stalin, den Antisemitismus wo 11 (wollend züchtet. Dieser neue Antisemitismus ist ein Kampf um den ״Staatliehen Küche 11“, wie man seit jeher in Rußland zu sagen pflegte. Die allmähliche Rückkehr des alten Beamten* tums, die finanziellen Schwierigkeiten des Staates, der seine Bürokratie notgedrungen abbauen muß, weil er sie bei dem stabilisierten Budget in ihrem früheren Ausmaße einfach nicht mehr zu erhalten imstande ist, machen diesen Kampf so hart. Aus der roten Armee sind die Juden ganz verschwunden, auch in der Verwaltung spielen sie jetzt eine ganz geringe Rolle und scheinen nur noch in den verschiedenen halbstaatlichen kommerziellen Organisationen, Trusts usw. zu dominieren. Dies steigert natürlich den wirtschaftlichen Antisemitismus. Sodann schilderte Kulischer das Wiederaufflammen der antisemitischen Agitation in den russischen Emigrantenkreisen. In diesem Zusammenhänge bringt er einige Zitate aus dem letzten Bande der Erinnerungen des Generals Denikins, die unter anderem die umstrittene Rolle dieses Führers der weißen Armee in den antijüdischen Pogromen endgültig klären. Bekanntlich hat Denikin der iüdisehen Delegation erklärt, er habe gegen die Pogrome nichts tun können, da seine Armee z 11 einer Bande geworden wäre. Wie Denikin nunmehr selbst berichtigt, lautete seine Antwort in Wirklichkeit: er hätte keine Gründe, Sympathie für die Juden zu hegen, trotzdem wäre er natürlich gegen die Pogrome. Welche Wirkung eine derartige Antwort auf seine Umgebung ausüble, kann man sich vorstelkn! Im übrigen erzählt Denikin, daß er einen Befehl betreffend die Erstickung der Pogrome nicht unterschreiben wollte, weil man die Disziplin heben mußte . . . Bemerkenswert ist der eher naive als zynische Salz, es sei kindisch, anzunehmen, daß die oberste Heeresleitung die Pogrome gebilligt hätte, denn, wäre diese Billigung wirklich vorhanden gewesen, so hätte sich das Schicksal der Juden noch tragischer gestaltet! Der ungeheure Zynismus dieses immer noch starken Einfluß ausübenden Mannes offenbart sich auch darin, daß er das Weltjudentum nunmehr auffordert, die Bekämpfung des Bolschewismus nach Kräften zu fördern, damit die Juden nicht wieder bei der Liquidation des Bolschewismus Opfer des Volkshasses werden! Prof. Kulischer sagt, daß ihm angesichts dieser Ungeheuerlichkeit Zweifel an der Riehtigkeit seines eigenen antibolschewistischen Standpunktes gepackt hätten. Die Stimmungen im Emigrantenlager werden des weiteren greif beleuchtet durch eine unlängst in den Pariser russischen Zeitungen ausgefochtenc Diskussion. Der Großfürst N i k o f a j N i k o f a j e w i t s c h , dessen sinnloser Ukas über die Ausweisung der litauischen und polnischen Juden während des Krieges ihm eine traurige Stelle in der jüdischen Geschichte verbürgt, ist auf der Emigrantentagung zum ״Führer“ der a nt ibolschewist {־sehen Bewegung gewählt worden, ln Sowjetrußland tauchten nun unlängst von ihm unterschriebene Pogromprokfamationen auf. Als eine demokratische Zeitung den Großfürsten aufforderte, durch eine authentische Erklärung diesem Mißbrauch seines Namens ein Ende zu machen, entgegnete ihr der ״Ideologe“ der ״Nikolajschcn Bewegung“, Prof. Struwe, in seiner Zeitung ״Wosroschdem e“, man dürfe nicht die ganze Geschichte nur im Lichte der jüdischen Pogrome sehen; das oberste Postulat, die Kernfrage sei Schaffung einer möglichst breiten antibolschewistischen Front, wenn nötig, die Pogromisten eingeschlosseu. Diese Erwiderung eines ehemaligen Marxisten läßt erkennen, welche Kräfte und welche Gesinnung in jener nicht zu unterschätzenden Bewegung die Oberhand gewinnen; es ist der Geist Markows II., jenes berüchtigten Rechtsradikalen, der auch tatsächlich hinter den Kulissen der ״tiikolajschen“ Bewegung die größte Roll* spielt. Zum Schluß sprach der Vortragende optimistisch über die Zukunft Rußlands, die auch den Antisemitismus überwinden verde. Dem temperamentvollen Vortrag folgte eine blasse 1> batte. B. H. He Moskau, 17. Januar. (LT. A.) In der gegenwärtig in Charkow stattfindenden Konferenz der Repräsentanten der nationalen Minderheiten in der Ukraine wird dem Pro- 1111 tu des Antisemitismus in Rußland ein besonderes Augenmerk zugewendet. Nach einer längeren Debatte nahm die Konferenz uic folgende Entschließung an: ״Die Konferenz der Vertreter der nationalen Minderheiten in der Ukraine stellt das Wachstum des Antisemitismus unter gewissen Schichten der Bevö1kerung einiger Distrikte der Ukraine fest und erkennt die Notwendigkeit an, dieses schmachvolle Erbe des Zarismus und des Petfjuraismus zu beseitigen, und zwar durch Aufklärung der unwissenden Massen einerseits und durch Zuführung der jüdischen Massen zu produktiver Arbeit andererseits.“ Die Konferenz nahm ferner eine Entschließung an, in der die jüdische Landansiedlung in der Ukraine begrüßt und die Schaffung einer konzentrierten und zentralisierten jüdischen Kolonisation als wünschenswert erklärt wird, damit es den Juden erleichtert werde, eigene nationale, kulturelle und administrative Körperschaften zu bilden. Amerikanische Interventton in Rumänien New York, 16. Januar. (J.T. A.) Eine Abordnung des Amerikanisch-jüdischen Kongresses und der Organisationeii, die sich an der Protestkundgebung gegen die antijüdischen Ausschreitungen in Rumänien beteiligten, wurden gestern von dem Staatssekretär Kellog empfangen. Die Abordnung wurde vom Präsidenten des Amerikanisch-Jüdischen Kongresses, Dr. Stepheu S. Wise, geführt. Zu ihr gesellte sich auch Rev. Cornish der Vizepräsident der Ünitarian Association (Vereinigung der Unifarischcn Kirche in den Vereinigten Staaten). Die Abordnung überreichte dem Staatssekretär die von der Protestversammlung einstimmig gefaßte Resolution, in der die Regierung der Vereinigten Staaten ersucht wird, bei der rumänischen Regierung dahin zu intervenieren, daß Vorbeugungsmaßregeln gegen weitere antijüdische Exzesse getroffen werden. Rev. Cornish erklärte, sich der Protestkundgebung im Namen der amerikanischen Christen a 11 zuschließen und teilte mit, er habe von christlichen Geistlichen in Rumänien Mitteilungen erhalten, die die von der Ab- Ordnung dem Staatssekretär mitgeteilten Tatsachen bestätigen. Staatssekretär Kellog erwiderte, die ihm mitgeteilten Tatsachen über das Martyrium der rumänischeu Juden und das Verhalten der rumänischen Behörden hätten auf ihn einen tiefen Eindruck gemacht Er wolle die Angelegen* heit gründlich studieren und den Gesandten der Ver* einigten Staaten in Bukarest ersuchen, einen ausführlichen Bericht über die Lage der Juden in Ruminien und über die jüngsten antijüdrscheii Ausschreitungen zu senden. London, 16. Januar. H. T. A.) In der heutigen Sitzung des Board of Deputies erstattete Herr Luden Wolf den Berieht des Komitees für auswärtige jüdische Angelegenheiten. Das Komitee hat bei der rumänischen Regierung gegen die sich wiederholenden antijüdischen Ausschreitungen in Rumänien protestiert. Es wird erwartet, daß sich die rumänische Regierung demnächst zu, diesem Proteste äußert. Ke hinsichtlich der Lage der Juden in Rumänien bestehenden Besorgnisse sind berechtigt. Trotzdem sei es nötig, daß die jüdischen Organisationen, die gegen die antijüdischen Exzesse protestierten, Geduld üben und die Resultäte ab warten. Luden Wolf berichtete über die Innerhalb des Völkerbunds angestellten Erwägungen bezüglich einer Normalisierung der Lage der Staatenlosen in allen Ländern. Es sei erfreulich, daß man darangeht, die Paßfrage der Staatenlosen zu regeln; mit der Paßausgabe darf aber der gegenwärtige unsichere legale Status der Staatenlosen nicht verewigt, die Angelegenheit müsse restlos einer Lösung zugeführt werden. * Bukarest, 17. Januar. (J. T. A.) Königin Maria von Rumänien empfing den Vertreter von ״United Press“ und sprach sich ihm gegenüber über aktuelle Fragen aus. Im Verlauf des Gespräches sprach sie ihre Verwunderung darüber aus, daß die amerikanische öffentliche Meinung aen Gerächten über Pogrome gegen Jude 11 in Rurnä* nien Glauben schenkt Das rumänische Volk, sagte die Königin, sei milden Sinnes; jede Möglichkeit für Ausschreitungen welcher Art immer kann man angesichts dessen als ausgeschlossen ansehen. Offizieller Antisemitismus in Litauen Kowno, 16. Januar. (J.T.A.) Die beiden offiziösen litauischen Zeitungen ״Ritas“ und ״Lietuvis“ ergehen sich in hetzerischen Ausfallen gegen die Juden. Die Zeitung ״Lietuvis“ stellt fest, daß von allen Minderheiten in Litauen die Juden sich am wenigsten mit der neuen Ordnung der Dinge abgefunden liabeu und bemüht sind, im Lande eine finanzielle Panik zu verursachen. Die gegenwärtigen finanzieren Schwierigkeiten sind eine Frucht der Tätigkeit der Juden; darin sind sich alle in Litauen klar. Auch ״Ritas“ stellt fest, daß allein die Juden ihrer Unzu* friedenlicit Ausdruck geben. Diese Zeitung steift fest, daß auf dem Lande eine sehr gereizte Stimmung gegen die Juden besteht. Der Artikel schließt mit versteckter Drohung eines antijüdischen Terrors. Das Organ der litauischen Faschisten spricht das Bedauern darüber aus, daß nicht nach der Umwälzung einige führende Personen der früheren Ordnung zum Tode befördert worden sind. Unter den Todeswürdigen nennt die Zeitung auch den jüdischen Sejmabgeordneten F i n k c 1 s t e i n. Jüdische Ausländer an deutschen Hochschulen Unter der Ueberschrift ״Akademische Unfreiheit. Der völkische Unfug an den Hochschulen“ klagt das sozialdemokratische Hauptorgan ״Vorwärts“ darüber, daß Ausländer, auch wenn sie in Deutschfand geboren und aufgewachsen sind, nur mit Genehmigung des Unterrichtsministers in dem betreffenden deutschen Staate als ordentliche Hörer zugelassen werden. ״Aber selbst dann“, heißt es weiter, ״bleiben sie akademische Bürger minderen Rechts — sie haben das Wahlrecht zu den Studeuteuvertretungeit nicht und ebensowenig einen Anspruch auf eine Ermäßigung der Gebühren. Nur dann erhalten sie diese beiden Rechte, wenn die Vereine auslandsdeutscher Studenten sie als Mitglieder aufnehmen; dieser Verein an der Berliner Universität — und wahrscheinlich ebenso an den meisten deutschen Hochschulen —- tjimint Juden nicht auf, weil sie nicht ,deutschstämmig' seien — mögen auch ihre Eltern aus rein deutschen Auslandsgebieten eingewandert sein und nicht einmal eine andere Sprache als die deutsche beherrsehen! . . . Daß man ,auslandsdeutsclie‘ Studenten, die schon hier geboren und zur Schule gegangen sind, nur wegen ihrer jüdischen Abstammung minderen Rechtes sein!ißt, ist eine flagrante Verletzung des Geistes der Rtichsverfassung, die Solche Unterscheidung ausdrücklich verbietet. Und wenn Reiehsrecht sogar Landesrecht bricht, wird es wohl auch noch Hakenkreuzlerunrccht brechen können!“ Ist die Propaganda unserer Fonds zeitgemäß? Vor! Julius Berger, Jerusalem. (Schluß) II. Ueber die direkte Wirkung unserer Geldpropaganda liegen eindeutige Belege vor, die Einnahmenausweise der beiden Fonds. Wir erwähnten bereits, daß die jährliche Zunahme der Einnahmen des Keren Hajessod im Laufe der letzten vier Jahre nur um 15 ",0׳ gestiegen ist, im letzten Jahre sogar nicht einmal mehr um 1 0׳״. Beim Keren Kajemeth beträgt die Vermehrung im selben Zeitraum zwar 153 ״'«, aber auch seine Einnahmen sind im letzten Jahre nur mehr um etwa 11 c,b gestiegen. Interessanter ist noch eine andere Statistik. Der Keren Hajessod schätzt die Zahl seiner BePragsleistenden auf rund 260000 im letzten Jahre, gegen 230 000 vor vier Jahren. Nur 30000 Personen sind im Laufe der letzten vier Jahre neu für den Keren Hajessod gewonnen worden. Das sind zwar, absolut genommen, außerordentlich hohe Ziffern. Besonders wenn wir uns die Gesamtleistung vor Augen halten, die besagt, daß rund 3','.׳ Millionen Pfund brutto in den letzten fünf Jahren für den Keren Hajessod aufgebracht worden sind. Aber trotzdem wirkt die Ziffer der Beitragslcistenden niederdrückend. New York allein hat fast zwei Millionen Juden, mindestens 500 000 bis 600000 jüdische Familien. Das Stadtviertel Broux zählt wenigstens 400 000 Juden, d. 11. 120000 Familien, die Haus an Haus, Türe au Türe wohnen. 60 (0/׳ der Eingänge des Keren Hajessod stammen aus Amerika, d. h. in ganz Amerika mit seinen vier Millionen Juden oder 1500 000 jüdischen Familien, haben wir bis heute nur rund 150000 Beitragende für den Keren Hajessod, etwas mehr als in Bronx wohnen. Daß eine breitere Masscinvirkung für unsere Geldpropaganda möglich ist, zeigt das Beispiel des Keren Kajemeth. Aus der Zahl der K. K. L.-Büchsen, die regelmäßig geleert werden, kann auf etwa 700 000 Spender geschlossen werden, die regelmäßig oder gelegentlich für den Keren Kajemeth Spenden geben. Rechnen wir von dem Kreis der Keren Hajessod-Zahler noch etwa 100 01)0 als in der Zahl der Keren Kaje.raeth-Spendcr vielleicht nicht einbegriffen, hinzu, so kommen wir bei sehr güustiger Schätzung auf 800030 rege!- mäßig oder gelegentlich für einen der beiden Fonds Beitragende. Wir halten dies schon für eine reichlich oplimistische Schätzung. Man muß immer wieder betonen, daß dies, absolut genommenj eine außerordentliche Leistung darstellt. Niemals io der jüdischen Geschichte war etwas ähnliches aufzuweisen. Aber das ändert alles nichts an der Tatsache, daß einerseits im Verhältnis zu unseren Bedürfnissen, andererseits zu der riesigen Propaganda, die wir all die Zeit hindurch betrieben haben, die Z,ahl viel zu gering ist. 260003 jährliche Beitragsleistende für den Keren Hajessod in fünf Jahren, 700 0)0 Spender jährlich für den Keren Kajemeth in 25 Jahren, das ist viel m wenig. Das׳ beweist, daß cs unsere Propaganda an der nötigen Durchschlagskraft mangelt. Die Sache geht lange nicht schnell genug vorwärts. Zu einem besseren Ergebnis kommen wir, wenn wir die Durchschnittsleistungen betrachten. Die Durchschmttsziffer der Keren Hajessod-Beiträge beträgt pro Person drei Pfund brutto, die Durchschnittshöhe der Keren Kajeraeih-Spende ist etwa acht Schillinge jährlich pro Spender. Es bedürfte sicherlich einer sehr großen Anstrengung, um eine verhältnismäßig so hohe Durchschnittsleistung noch zu erhöhen. Die Anstrengung müßte vielmehr nach der anderen Seife, nach der Vergrößerung der Ziffer der Beitragsleistenden, gehen. Eine Verdoppelung der Keren Hajessod-Zeichner von 260000 auf 500 000 würde uns eine halbe Million Pfund jährlich mehr geben, und man sollte sagen, daß es nicht allzu schwer sein dürfte, um jedes sechste oder siebente jüdische Haus für den Keren Hajessod zu gewinnen. Gewiß müßte es nicht unmöglich sein, noch eine Million K. K. L.-Büchsen aufznstellen und, Vas wichtiger ist, für ihre Leerung zu sorgen. Hier liegen die Aufgaben unserer Propaganda. Extensivierung, Vermehrung der Beitragsleistenden auf mindestens das Doppelte ist nötig, wenn wir aus dem drculus \itiosus herauskommen wollen. Ist das möglich? Wir stellen eine Frage: Wer weiß eigentlich von uns? Wir haben zwei Gebiete, wo diu Juden massiert wohnen: Osteuropa und Amerika. Wir brauchen nicht daran zu zweifeln, daß in Osteuropa der Zionismus ziemlich bekaunt ist. Aber schon in Westeuropa ist das ganz anders. Wir finden immer noch in den großen und kleinen Städten ganze Schichten von Juden, die von Zionismus und von Erez-Israel entweder gar nichts wissen oder sehr unklare Vorstellungen davon haben. Was aber Amerika anlangt, so wurde neulich das Ergebnis einer Umfrage veröffentlicht, die ein Journalist in New York unternommen hatte, und die ergab, daß von 15 Juden, die er zufällig auf der Straße aussuchte, nur einer wirklich wußte, was Zionismus ist. Die 14 anderen wußten entweder gar nichts oder hatten geradezu groteske Begriffe davon. Und in der Tat kann man sich gerade in New York sehr leicht davon überzeugen, daß der größere Teil der jüdischen Kreise gar nichts oder kaum etwas vom Zionismus weiß. Sie lesen keine jüdischen /.«:>• tungen, und die allgemeine Presse bringt verhältnismäßig so wenig darüber, dal das ihre Aufmerksamkeit nicht fesselt. Wahrscheinlich ist es in anderen großen Zentren nicht anders. Das beweist die Ziffer von 150003 Keren Hajessod-Speudcru in Amerika. Es ist in England, in Deutschland, in Wien, in Frankreich genau so. Die ganz große Mehrzahl der Juden wurde von unserer Propaganda bisher nur sehr dürftig erreicht, zum großen Teil überhaupt nicht. Das ist der Punkt, an dem der Hebel angesetzt werden muß. ln der Tat, wenn wir unsere Propaganda ansdien, bemerken wir immer eine fast merkwürdige Scheu vor der Wirkung auf die breite Oeffentiichkeit. Ls sollte doch wohl selbstverständlich sein, daß die Büros der Zionistischen Organisation in jedem Lande sich in breitestem Maße der Oeffentiichkeit darbieten, um Reklame für Erez-Israel und die zionistischen Fonds zu machen. Ein Büro mit breiten Spiegelfenstern, in einer der Hauptstraßen, abends hell erleuchtet, mit Karten und Bildern und anziehenden Ankiindigungen, mit einem Informationsbüro, wo jedem Auskunft erteilt wird, wo packende Literatur zur freien Benutzung aufliegt, kurzum das, was jedes Land unter der Firma von Eisenbalingesellschaften, SchiffahrLunte nehniungen, Verkehrsbüros und dergleichen macht, wurde zweifellos mehr wirken als einige Dutzend von Propagindavorträgen. Wir ziehen uns in die! lintergassen zuruck oder auf den siebenten Stock. Unsere Propaganda geht von dein falschen Gesichtspunkt aus, daß sie, um die Juden zu erreichen, sich nur spezieller jüdischer Instrumente bedienen müsse. Darum benutzt sic in der Regel nur jüdische Zeitungen, beschränkt sich auf Ankündigungen in einer bestimmten jüdischen Öelfentlkhlceit (Vereinshausern, Synagogen, jüdischen Restaurants und dergleichen) oder zu bestimmten jüdischen Zwecken, Versammlungen, Einladungen usw. Inseratpropaganda in den großen nichtjüdischen Zeitungen, Plakatpropaganda großen Suis Ist fast unbekannt. Lichtreklame wird noch nirgends für uns verwandt, Radio sehr selten. Dabei könnte man es als Axiom fixieren, daß die Propaganda, die den Juden für Palästina

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