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Jüdische Rundschau · 1927-01-18 · Heft 5 (18.1.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 5 (18.1.1927)
Date
1927-01-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Sei« iS Nr. 5 Sir Wyndham Deedes in Polen Deedes in Berlin Seine großartige Aufnahme in Polen, Sir Wyndham Deedes, der ehemalige Hauptsekretär der palästinensischen Regierung, hat sich, von Polen kommend, am 14. d. M. einige Stunden auf der Durchreise nach London in Berlin aufgehalten, ln einer längeren Unterredung schildertc Sir Wyndham den grollen Eindruck, den das jüdische leben in Polen auf ihn gemacht hat. Von den Ergebnissen seines Besuches erklärte er, überaus befriedigt zu sein. Er verspreche sich durchaus günstige Wirkungen in doppelter Hinsicht: sowohl bezüglich einer freundlichen Haltung der polnischen Behörden und Presse zur zionistischen Frage, als auch der weiteren zionistischen Arbeit im Lande. Er hoffe, daß die Depression, die eine Zeitlang bei den polnischen Zionisten geherrscht hat, nunmehr endgültig ü b c rwunden sei, und daß sein Besuch einen Ansporn für eine energische Weiterarbeit für das Palästinawerk gegeben hat. * Die eingetroffenen Sonderberichte und Zeitungen aus Polen schildern den ungeheuren Eindruck, den der kurze Aufenthalt Sir Wyndham Deedes auf alle Kreise in Polen — jüdische und 'nichtjüdische — gemacht hat. Seine Fahrt durch das Land glich einen! wahren Triumphzug. An den Bahnstationen erwarteten ihn Deputationen, um ihn zu begrüßen. Ueberall haben sich auch die polnischen Benörden und Regierungs Vertreter an allen Veranstaltungen beteiligt und dabei äußerst freundliche Worte nicht nur für den hohen Gast, sondern auch für die zionistische Bewegung gefunden. Aus der Menge der Berichte über die zahlreichen Veranstaltungen seien hier folgende wenige Einzelheiten wiedergegeben: Nach dem dreitägigen Besuch in Warschau weilte Deedes am 5. und <>. Januar in Lodz, wo ihm ein grandioser Empfang bereitet wurde. Ungeheure Volksmassen begrüßten ihn bei der Einfahrt; die Schulkinder bildeten Spalier. Abends fand ihm zu Ehren ein Fackelzug statt. Die Rede Deedes auf dem überfüllten Volksmeeting wurde mit großer Begeisterung ausgenommen. Donnerstag besuchte Deedes neben anderen Institutionen auch das Lodzer hebräische Gymnasium. Nachmittags fand bei dem bekannten Industriellen Boris Eitingon ein Bankett statt, an dem neben den Vertretern der Regierung und der militärischen Behörden auch der englische Konsul und die führenden jüdischen Großindustriellen von Lodz teilnahmen. Abends fand ein Schauturnen des Makkabi und ein Fest der zionistischen Ortsgruppe statt, auf dem außer Deedes und den zionistischen Führern auch die Vertreter der jüdischen Assimilationsgruppe sprachen. Die zionistischen Redner erklärten, daß die resignierte Stirninung überwunden und günstige Vorbedingungen für die «׳eitere Arbeit geschaffen seien. Freitag, den 7. Januar kehrte Deedes nach Warschau zurück, wo ihm zu Ehren in der englischen Gesandtschaft ein Frühstück stattfand. Sonnabend war Deedes beim polnischen Außenminister Zaleski zu Mittag eingeladen. Außerdem fanden verschiedene Privatempfange beim Präsidenten des Zionistischen Zentral- Komitees Lewite und den Abg. Farbstein und Grünbaum statt. Pressevertretern gegenüber gaben ^ie polnischen Minister eine Reihe von Sympathieerklärungen für den Zionismus ab. So erklärte der polnische Außenminister Zaleski: ״Das jüdische Volk hat eine dankbare, aber schwere Aufgabe vor sich, nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch. Palästina ermöglicht es dem jüdischen Volke nicht, für alle seine Söhne ein Vaterland zu schaffen. Es muß also eine philosophische Unterlage finden, die eine Vereinigung der Idee der Loyalität zum eigenen Staat mit der Loyalität zum Staate, dessen Bürger sie sind, zuläßt.“ Sonntag Abend fuhr Deedes, am Bahnhof feierlichst verabschiedet, nach Lemberg ab. Auch hier fand eine Reihe überaus eindrucksvoller und stark besuchter Veranstaltungen statt. Schon auf dem Bahnhof nahmen die Regierungs־ und Stadtbehörden an der Begrüßung teil. U. a. waren bei dieser Begrüßung anwesend: der Vizewojwodc Dr. Eckhardt, Vizebtirgermeister Dr. Schleicher, Poli/eikommandant Dr. Torwinski, der englische Konsul Whitehead und Kultuspräsident Dr. Allerhand. Am Vormittag fand beim englischen Konsul ein Frühstück satt. Die Massenversammlung im Kino Palace war überfüllt. Abends fand in der Privatwohnung von Dr. Reich ein Bankett statt, an dein u. a. der Wojvvode (entspricht ungefähr einem deutschen Oberpräsidenten) Garapich, Polizei- Präsident Dr. Rheinländer und Vizebürgermeister Dr. Schleicher teilnahmen. Wojwode Garapich hielt folgenden Toast: ״Ich hörte Stimmen der Verwunderung, daß die Verhältnisse sich so geändert haben, daß ich heute als Gast zu einem Wirt kommen konnte, der Präsident der jüdisch-nationalen und zionistischen Partei ist. Ich sehe darin nichts merkwürdiges. Ich bin überzeugt, daß jeder dieser Herren neben seinem Zionismus ein guter Bürger dieses Staates im vollsten Sinne des Wortes ist. Ich bin daher als Vertreter dieses Staates der Einladung gern gefolgt. Die Tatsache, daß die Juden nach der Erlangung und dem Aufbau eines eigenen Vaterlandes streben, kann uns, die Bürger dieses Staates, in nichts stören. Sie werden i!1 diesem edlen' Streben .die Hilfe der polnischen Gemeinschaft und des polnischer! Staates finden.“ Audi in Lemberg stattete Deedes einer Reihe jüdischer Institutionell einen Besuch ah. in Begleitung des Sekretärs der Londoner zionistischen Exekutive Dr. l.auterbadi und des Sekretärs des Lembcrger Keren Hajessod, Dr. Rosenzweig, besuchte Deedes den Wojwoden Garapich, den Oberbiirgcrmcister Neumann, den Polizeipräsidenten Dr. Rheinländer und den Kultuspräsidenten Dr. Allerhand. Grollen Eindruck machte auch die Pressekonferenz, au der Vertreter der füllrenden polnischen, ukrainischen und jüdischen Zeitungen, wie auch Korrespondenten auswärtiger Blätter teilnahmen. Deedes beantwortete alle an ihn gestellten Fragen zur größten Befriedigung der Journalisten. Bei dein anschließenden Tee toastete der Vertreter des ״Slowo Polskic“, der führenden iiationaldemokratisclu'11 Zeitung Polens, namens der polnischen Presse und erklärte, daß die Pressebesprechung und die von Deedes abgegebenen Erklärungen in hohem Maße da/u beitragen werden, daß die polnische Presse ohne Unterschied der Partei von nun ab eine objektive und vom Geiste des W o 111 w o 11 e 11 s g e t r a g c ne St 0 111111 g zur Frage des Palästina-Aufbaus nehmen werde. - Montag fand ein von der Jüdischen Gemeinde veranstalteter Empfang statt, an dem wiederum zahlreiche Vertreter der polnischen Regierungs- und Militärbehörden, wie auch der polnischen Gelehrten weit — die Rektoren der Universität und der Vcteriiiärschule sowie zahlreiche Professoren — und auch führende Ukrainer teilnahmen. Abends fand ein Absehiedsbankctt statt, auf dem der Präsident des ostgalizischen Keren Hajessod, Ingenieur Landau, Dr. Reich, Vizebürgermeister Dr. Schleicher, der General- Sekretär des Keren Hajessod Dr. Rosenzweig wie auch die der Assimilationspartei angehörigen Herren Dr. Parnaß und Dr. Wasser sprachen. Dienstag früh reiste Deedes nach Krakau ab. Auf der Bahn fand eine große Begrüßung statt. Abends nahm Deedes an einer feierlichen Akademie im Alten Theater teil, auf der Abg. Dr. Thon und Deedes sprachen. Auch hier waren die Behörden zahlreich vertreten. So waren u. a. anwesend der Krakauer Wojwode Darowski, wie auch zahlreiche Vertreter der wissenschaftlichen Kreise. (Ziko.) Deedes-Tage in Polen (Von unserem Korrespondenten.) -g. Warschatt, Mitte Januar. ״Ich habe den Eindruck, als befände ich mich auf einer Hochzeitsreise“ -- bemerkte Sir Wyndham Deedes in Krakau, für die prächtigen Blumen und den herzlichen Empfang dankend, welcher ihm auf den Bahnstationen von Lernberg nach Krakau zuteil wurde- Der zwölftägige Aufenthalt Sir Wyndham Deedes in polen, während dessen er Warschau, Lodz, Lemberg und Krakau besuchte, verwandelte sich wirklich in eine spontane Gefühlsraanifestation für den Zionismus, für England und den verehrten Gast. Seine Besuche, gedankentiefc Reden und unzählige Gespräche mit Juden und Nichtjuden lösten überall einen so grollen Enthusiasmus aus, daß unser Freund schon bald nach seinem Eintreffen etwas verwundert fragte, wo denn die ״Depression“ in Polen sei, von der man ihm berichtet hatte. Deedes hatte mehrmals Gelegenheit, sich zu überzeugen, welche tiefe Wurzel der Zionismus in der jiidisehen Masse geschlagen hat. Deedes Besuch in Ibjlen galt — der zionistischen Propaganda. Der erzielte Erfolg ist sehr hoch zu schätzen. Was Sir Wyndham der jüdischen Masse und auch hochstehenden jüdischen Intellektuellen und sogar überzeugten Zionisten zu sagen hatte — war von einem solch hohen Ethos und starken Ideengehalt getragen, so tiefschürfend, feinfühlend und überzeugend, daß wir oft den Eindruck hatten, vor uns einen im Zionismus aufgewaclisenen, tiefjüdisch empfindenden — Volksgenossen zu sehen. Daß ein Vertreter der ״nüchternen“ englischen Rasse, ein gläubiger Christ und ehemaliger Militär, so sprach, war für die polnischen Juden unerwartet und gestaltete sich zu einem Erlebnis. Von hoher Warte, geschichtsphilosophisch und realpolitisch zugleich, malte Deedes vor seinen Zuhörern das Bild des gegenwärtigen Palästina und des zukunftssicheren Zionismus. Voll Optimismus und unerschütterlichen Glaubens an die Realisierbarkeit und hohe Mission des Zionismus, sprach Sir Wyndham vom besonderen geistigen Wert der zionistischen Idee und des Aufbauwerkes sowohl für diejenigen Juden, die hinübcrkommeii, als auch für diejenigen, die in der Galuih verbleiben werden und betonte mit Nachdruck die große Bedeutung des Zionismus für die Völker der Welt. Aber Deedes war nicht nur der Gebende, sondern auch der Empfangende. Er empfing in Polen ein Bild der größten jüdischen Siedlung in Europa, sab, wieviel Energie in dieser Judenheit aufgespeichert ist, begriff die Ungeduld des Palästinastrebens hier, bekam Einblick in jüdisches Elend und — wir sind dessen sicher — hatte mehrmals Gelegenheit, das hohe Kultnrnivcau (auch in westeuropäischem Sinne) polnischer Juden festzustellen. Ein vielleicht im ״Programm“ unvorhergesehenes Re- Miltat der ausgezeichneten Propaganda Deedes’ war Aufk I ä r 1111 g und S y in p a 111 i e für den Zionismus in Regiert!» g s k r e i s e n und gewissen Schichten der jüdischeu Assimilierten. Zum erstenmal bekamen Repräsentanten der polnischen Regierung und Gesellschaft Gelegenheit, einen Vertreter Englands und einen Christen über Zionismus sprechen zu hören. Sie erwarteten vielleicht eine politische Argumentation, die ihre Neugierde befriedigen würde. Nichts oder sehr wenig davon vernahmen sie. Der hohe englische Staatsmann las ihnen sozusagen ein philosophisches Traktat über jüdische Geschichte und jüdischen Nationalismus vor, sprach ,״yon Schuld und Vergeltung der Christenheit, vom revolutionier«!- den Wert dar zionistischen Idee, vom Heroismus und Opferbereitschaft des jüdischen Volkes, von den Pflichten der Völker, ihm tatkräftig zu helfen, von Unverständnis und U11gercchtigkeit, die da und dort geübt wird. Deedes betonte, daß der Zionismus gerade den Juden zum treuesten und pflichtbewußtesten Bürger des Staates macht, und daß sein Wirken für die Paiästinalieimat in gar keinem Widerspruch zu seinen .Staatspflichten steht. Die Erscheinung Deedes als solche war, wie richtig bemerkt wurde, ein nützlicher Anschauu 11 gsunterrieht für die pol 1*isehe und ukrainische Ge- Seilschaft. Es ist zu hoffen, daß dieser Besuch auch, was die Beziehungen der zusammenwohnenden Völker anlangt, fruchtbringend sein werde. Deedes wurde auch Gelegenheit geboten, mit solchen jüdischen Kreisen ziisammeiiztikommen, welche bis nun feindlieh oder indifferent der zionistischen Sache gegenüberstanden. Da die Assimilation als Programm und Lösung der Judenfrage in Polen bankerottiert hat, holte man jetzt die Zweifel der westeuropäischen ״Assimilantcn“ hervor, und so bekam Deedes bei seinem Besuch in Polen auch dies zu hören: Sympathie für die Idee, für England, das gute jüdische Herz wurde w ieder entdeckt — nur ״wir hegen Zweifel..Sir Wyndham verstand in meisterhafter weise und erstaunlicher Einfühlung in die seelische Situation dieser Juden, ihre Zweifel zu zerstreuen, ihnen an viel«! Beispielen die Grundlosigkeit ihrer Befürchtungen darzulegen, und wirklich überall deklarierten feierlich so manche ״alten Mohikaner“ der Assimilationsbewegung in Polen ihr Einverständnis mit dem Zionismus. Wir warten auf ihre Taten. Zusammenfassend muß gesagt werden, daß die Deedestage in Polen von großem Wert sind für die weitere Ent- Wicklung der zionistischen Bewegung im polnischen Reiche. Kür Waisen-Kolonien in Palästina Die B n e i Brith -Blätter für den tschechoslowakischeu Staat erörtern die dringende Frage der Fürsorge für Waisen. In einem großangelegten Aufsatz empfiehlt Anitta Müller-Cohen einen neuen Weg der Walsenfürsorge, nämlich die Ueberführung der jüdischen Waisenkinder nach Palästina. Kindersiedlungen sollten mit etwa zehnhis zwölfjährigen Kindern beginnen, welche am leichtesten zu verpflanzen seien. Jede der Tausende jüdischer Gemeinden in Europa sollte die ständige Patentschaft über ein oder mehrere Kinder übernehmen. Wie der J.T. A.-Vertreter erfährt, wird die Anregung der Frau Anitta Müller-Cohen in maßgebenden Kreisen des Ordens der Tschechoslowakei studiert, um festzustcllen, wie weit eine Realisierung, wenn auch zunächst in kleinerem Maßstabe, ins Auge gefaßt werden kann, Der Amerikanisch-Jüdische Kongreß hat den Abg־. Grünbaum eingeladen, auf der nächsten Tagung des Kongresses ein Referat über die Rechtslage der nationalen Minderheiten •in Europa zu halten. Abg. Grünbaum hat die Einladung angenommen. Zwei Messias •Romane S. Poijakow: ״Sabbatai Zewi“, Der Heinebund, Eine jüdische Buchgemeinde. S. Schach nowitz: ,,Die Messiasbraut“, Hertnon Verlags-Aktiengesellschaft Frankfurt a. M. Besprochen von Sch. G o r e 1 i k. Jenes historische Ereignis in der Zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, das das jüdische Volk im Golus wie nie zuvor aufgewühlt und aus Höhen glühendster Hoffnungen in Tiefen jammervoller Verzweiflung schleuderte, ist von jeher ein Ansporn für Dichter und Dramatiker gewesen, ihre dichterische Phantasie und Gestaltungskraft zu erproben. Den tragischen, falschen Messias, wie die schwergeprüfte Judenheit jener Epoche gestalteten Wassermann, Zangivill, Asch, der polnische Dramatiker Zulawski. Ungewöhnlich fesselnd muß diese Epoche wirken. Abwechselnd löst sie Gefühle der Bewunderung und des Mitleids aus. Bewunderung für jene Juden, die, von einer gewaltigen Sehnsucht nacli Erlösung getrieoen, nach sechzehn Jahrhunderten des Fernseiiis von ihrer alten Heimat sich auf einmal aufmachten, uin einem Messias zu folgen. 111 den entlegensten jüdischen Gemeinden Persiens wie in den armen polnischen Dörfern, in Amsterdam wie in Hamburg raunt es von verheißungsvollen Gerüchten. Eine Ergriffenheit ohnegleichen durchdringh dies sonst so geschäftige, im Handel eifernde Jadenvolk und läßt sie alles vergessen. Die Ghettos sind voll von begeisterten Menschen, die singen und tanzen, voll von Trompetenschall und Paukenschlag. Mit seidenen Bändern geschmückt eilen sic zu den Synagogen, um die Botschaft von dem Messias zu vernehmen. Hab und Gut, in mühevollen Jahren erworben, werden um ein Nichts verschleudert. Alks packt, bricht auf, bereitet sich zur großen, letzten Auswanderung vor nach dem Heiligen Land, wohin der Messias Sabbatai Zewi, der ״Hirsch Gottes“, sie führen wird. Welch erhabenes Schauspiel! Und welches Mitleid muß dann den Betrachter dieser Zeit ergreifen, als statt des ersehnten großen Wunders die Kunde von Sabbatais Untergang und seinen! Uebertritt zum Islam das harrende Volk erreicht! Noch lange, I lange nachher zittert, bebt die jüdische Welt und kann sich nicht erholen von diesem fürchterlichen Schlag. Welch verantwortungsvolles Thema für den Dichterl Denn es gilt nicht nur allein, die erschütterte, sehnsüchtige, leidende, begeisterte und verzweifelte jüdische Welt zu zeigen, es gilt auch die unerforschte, verworrene Seele des Messias, des Sabbatai Zewi selbst zu deuten. Es gilt zu wählen zwischen der Darstellung eines Halbpropheten, Halbschwindlers, der die Sehnsucht eines Volkes sich zu Nutzen macht, darauf spekuliert und allmählich selbst dem Größenwahn verfällt oder aber eines Verzückten, in Visionen Taumelnden, der glaubt, höheren Stimmen folgen zu müssen, also kein Verführer, sondern einer, der von der Sehnsucht wie das Volk getragen wird. Und je nach dem wird auch die nahe Umgebung Sabbatais, die Junge; Pinheiro, Primo, Nathan aus Gaza, vor allem aber auch Sarah zu schildern sein. In den vor uns liegenden Romanen, die das gleiche historische Ereignis behandeln, sind beide Deutungsarten gegeben. Der jüdisch-russische Schriftsteller S. Poijakow schildert eine tiefe, suchende Seele, auf den Schwingen religiöser Mystik getragen. Zuerst nur einer aus dem jungen Kreis, der in der Smyrnaer Synagoge den Sohar studiert, sucht er mit Joseph Pinheiro una Samuel Primo nach Zeichen, die künden sollen, ob die Zeit gekommen ist, die Stunde der Erlösung, denn groß sind die Leiden des Volkes. Die Flüchtlinge aus der Ukraine, die sich vor den Scharen Bogdan Chmelniclds gerettet haben, berichten über das große Morden der Juden. Je mehr solche Nachrichten kommen, desto eifriger beugen sich über die geheimnisvollen Bücher die jungen Kabbalisten. Sie suchen nach Zeichen, nach göttlichen Winken und finden sie. Zuerst ist Sabbatai nur einer aus dem Kreis, aber mit Sonderheiten, die auf ihn die Aufmerksamkeit seiner Freunde lenken. Seinen Augen ist mächtige Kraft verliehen, seinem Körper entströmt ein unerklärlicher Wohlgeruch, aber seine Stimme, diese zauberhafte Stimme vor allem ist es, die in ihm jenen vielleicht zu unvergeßlichen Taten Berufenen vermuten läßt. Sabbatai selbst, der in Visionen, Verzückungen schwelgt, führt überdies ein derart sonderliches Leben, das den Glauben an seine Berufung nur noch stärken kann. Er verläßt Weib und Haus, hält Zwiespräche mit Gott, eifert in Kasteiungen, um dann auf einmal in Gesang, in unerklärlicher Freude den ihn bestürmenden Gefühlen Ausdruck zu geben. Seine Freunde drängen in ihn, daß er sich endlich dem Volke offenbare. Sabbatai aber zögert noch, schweigt, zweifelt, ob er wirklich dar Erkorene ist. Es währt lange bis ihm der Glaube an seine messianischc Sendung zuteil ward. Dann aber bleibt der Glaube fest. Er verläßt ihn auch in der letzten Prüfungsstunde nicht, als er vor dem Gewaltigen, vor dem Sultan in Adrianopel Rede und Antwort stehen muß. Und als die grausame List des jüdisehen Renegaten und Leibarztes des Sultans, Chakim Pascha, ihn den Todespfeil oder den grünen Turban wählen läßt, greift Sabbatai zwar zum letzteren, zum Schrecken Sarahs, die von ihm Wunder oder den Märtyrertod erwartet, aber auch in diesem erschütternden Moment schleudert er dem versammelten Hofe die stolzen Worte zu: ״Ich nehme den Kampf auf dem Schlachtfelde an, das du gewählt hast, König dieses Landes. Dein Arzt und dein Knecht hat dem jüdischen Simson den grünen Turban der Moslim aufgesetzt. Aber wisse, ich bin der Messias der Juden geblieben! Die Haare sind abgeschnitten, aber die Kraft wurde mir nicht genommen. Auch in dem grünen Turban der Moslim werde ich vor dich als Richter und Messias treten . . . Siehst du, ich gehe zu meinem Volk! Erwarte mich.“ Und erst als die im Palastgarten wartenden Scharen, die neue Tracht des Messias erblickend, mit Entsetzen sich von ihm abwenden und auf seinen verzweifelten Ruf ״Volk, Volk Israel“ mit Schreien ״Abtrünniger, Schwindler“ antworten, bricht Sabbatai völlig zusammen. Der Glaube des Volkes an ihn war nicht grenzenlos. Die List des Chakim Pascha hat sich als stärker erwiesen. Durch seinen treuen Anhänger Primo läßt er dem Volk sagen, daß er sich zusammen mit ihm von dem falschen Messias abgewandt habe: ״Sage, daß es ohne Volk keinen Gott gäbe und ohne Gott keinen Messias“. So endet diese Tragödie, die nicht nur eine Tragödie des Volkes war, das sich betrogen fühlte, sondern auch eine Sabbatai Zewis, der auf den Glauben des Volkes an ihn zuviel gesetzt hatte. Der Hei ne-Bund, der seinen Mitgliedern den Roman von Poijakow als erstes Buch vorlegt, hat damit eine gute Wahl getroffen. Mit den künstlerischen Mitteln und der reichen Kenntnis des Materials, die dem Autor zu Gebote standen, hat er in seinem Roman eine Reihe fesselnder Bilder und Charaktere geschaffen, die ein glühendes Interesse für jene Zeit und ihre Menschen in uns wachrufen. * *

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