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Jüdische Rundschau · 1927-01-14 · Heft 4 (14.1.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 4 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 4 JÜEDISCHE RUNDSCHAU Seite 27 des vergangenen Jahres ebenso wie bei vielen Angehörigen des Mittelstandes auch bei den Arbeitern zu Verbitterung und Entfremdung, ja nicht selten zu ausgesprochener Feind- Schaft gegenüber dem zionistischen Werk geführt haben. Die Verzweiflung an der zionistischen Idee und ihre völlige Negierung haben eine ideologische Entwicklung hervorgerufen, der jeder nationale Einschlag fehle. Die Irrtiimer und wirtschaftlichen Mißerfolge der Arbeiterbetriebe schütten gleichfalls Wasser auf die Mühlen dieses ״reinen“ und Kämpferischen Sozialismus. A11 Stelle der klassenmäßigen Schöpfung des jüdischen Arbeiters in Palästina begann man den internationalen Klas&enkampf zu proklamieren. Dies ist die Einstellung und der Gegenstand der ״Ichud“-Bewegung, deren Tagung in den letzten Tagen in Tel-Awiw stattgefunden hat, und gleichen Charakters ist die Gärung im ״Gdud Haawodali“ und ״Haschomer Hazair“. Nicht nur die Leute der ״Frakzia“, denen die Zerstörung als solche Mittel und Ziel ist, sondern auch ein Teil der Jugend von Tei-Josef und Beth-Aifa neigt dieser Leugnung des Nationalen im Namen des sozialistischen Glaubens zu. Man muß den Wert und die Kraft dieser Bewegung nicht übertreiben, aber es wäre unklug, sic zu unterschätzen und ihre Gefahren zu übersehen . . . Wenn man vor dieser Propaganda keinen Damm aufrichtet, kann sie die geistigsittliche Front des hebräischen Arbeiters im Lande zerbrechen und an Stelle der idealistischen Bewegung der nationalen Chahizim den nackten, materialistischen Kampf des .,internationalen“ Proletariats setzen .... Die Wirkung dieses Kampfes ist unschwer vorauszusehen: durch die Feindschaft von links wird der Egoismus auf der rechten Seite gestärkt,_ und das an natürlichen Schätzen arme und auf Verständigung der Klassen angewiesene . . . kleine Land wird zu einem sozialen Schlachtfeld, zu einer Wüstenei vom Oesichtsnunkt wirtschaftlicher Schöpfung aus. Dieser Klassenkämpf wird auch die Bewegung der Jugend und des Chaluz im Galuth lähmen, für die der nationale Idealismus unentbehrlieh ist. Eine gemeinsame Front des zionistischen Arbeiters ist das Gebot der Stunde. Streitigkeiten und Reibungen zwischen dem ״Ha pocl-H a za i'r“ und der ״A ch d ut h - H a a* wodali“ würden diesmal eine schwere Versündigung vor der Arbeiterbewegung und dem ganzen Zionismus sein. nie MunMpalwalüen Der Waad-Leumi nahm eine Resolution an, in der die Regierung aufgefordert wird, die Muni/.ipalräte diesmal nur für zwei Jahr e wählen zu lassen (inzwischen solle ein neues Wahlgesetz ins Leben treten, welches allen das Wahlrecht gewährt, die 1922 sich um die Bürgerschaft bewarben), daß die Vertretung jeder Gemeinschaft in den Munizipalräten im Verhältnis zur Zahl ihrer Steuerzahler stehen solle und daß die neuen jüdischen Wohnviertel in Jerusalem dem Stadtgebiet einverleibt werden sollen. Beginn der Tonristen-Saison in Palästina cm, 12. Januar. (J.T. A.) Die diesjährige Tou- 111 Palästina hat bereits begonnen. Der Dampfer J c r 11 s a risfensaison ״Ein press of Scotland“ hat mehr als 400 Touristen für die Weihnachtsfeiertage nach Palästina gebracht. Man erwartet, daß während 'der jetzigen Touristensaison rund 10000 Personen —■ 4000 mehr als im Vorjahre — Palistina besuchen werden. Die Mehrzahl der Besucher ist aus Amerika angekündigt. Durch die anhaltende Trockenheit J11 Südpalästina ist die Lage ln diesem Teil des Landes eine sehr ernste geworden, fn Hebron mußten schon Wasserkarten ausgegeben werden. Wenn nicht bald Regen kommt, wird das dortige Hospital wegen Wassermangels geschlossen werden. Die Juden in Syrien Beirut, 11. Januar. (J. T. A.) Der französische Oberkominissar für Syrien, Ponsot, besuchte Damaskus, um sich von den dortigen Behörden und Notabein zu verabschieden. Er empfing bei dieser Gelegenheit eine Abordnung der j u d e n s e 11 a f t vor! Damaskus, mit der er sich über die Lage der Juden in Syrien auseinandersetzte. Die Mitglieder der jüdischen Abordnung führten Klage darüber, daß in Syrien die Juden Regierungs ämter nicht b e - kleiden dürfen und demnach als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Herr Ponsot gab das Versprechen, die Frage der Zulassung von Juden m Rcgicrungsämtern als dringend zu behandeln, wie er dies auch hinsichtlich der Juden in Tunis und Marokko getan habe. Die Juden, erklärte er zum Schluß, sind überall loval und Zivilisation«- freundlich. Kleine Nachrichten Auf Grund der letzthin vorgciiomnienen Wahlen wird sich die Histadruih-Konferenz zusammensetzen aus 1!I8 Delegierten der Achduth Haawodah, 54 des Hapoel Haza'ir, 14 der Poale Zion, 8 der Kibbuzim, 8 vom linken Block, 4 von der linken Opposition, 3 Parteilose und 2 Revisionisten. Kf a r G ii e a d i und Tel C h a i, die vor einigen Monaten infolge des bekannten Konfliktes des Gdud mit der Mistadruth aus letzterer ausgetreten waren, sind, wie der Ziko aus Palästina telegraphiert wird, in die Histadruth wieder eingetreten. Dank den Bemühungen der jüdischen Arbeiterorgani- 5ation bei der Palästina-Regierung werden die christlichen Tagelöhner bei den Eisenbahnen für die jüngsten Christliehen Feiertage entlohnt werden. im Parteirat der amerikanischen Poale Zion beriehtete Generalsekretär Isaac Hemlin, daß die jüdischen professionellen Vereine im Verlauf des Jahres 1926 152 000 Dollar für Palästina gespendet haben. Wie der Ziko aus Palästina telegraphiert wird, wird an der Polen-Delegation des Keren Hajessod, die sich aus Dr. Schmarja Levin, Suchowitzki, Dr. Tsehernowitz und Borowoi zusainmcnsetzt und am 19, Januar sich nach Polen einschifft, auch Rabbi Ostrowski, Mitglied des Zentralrates des Waad Lcumi, teilnehmen. Dr. Ludwig Singer, als Vorsitzender der ״Jüdischen Partei“, richtete an den tschechoslowakischen Justizminister Mayr-Harting und den Minister des Innern, Cerny, ein Telegramm, in dem er im Namen der ״Jüdischen Partei“ und des ״Jüdischen Nationalrates“ gegen den Bannfluch des Munkaczer Rabbiners protestiert. Die Presse-Abteilung der Zionistischen Exekutive des Keren Hajessod und des Keren Kajemeth in Palästina haben ihre Tätigkeit in einem gemeinsamen zionistischen Preß- Büro (״P.C“) vereinigt. Ab 7. Januar 1927, teilt die Rumänische Dampferlinie Constanza—-Palästina mit, treten folgende Fahrpreise auf der .,Dacia“ in Kraft: IV. Klasse ohne Verpflegung: £ 2.08; III. Klasse ohne Verpflegung £ 3,01; III. Klasse mit Verpflegung: £ 3.15. Religions-Ersatz Wir glauben, daß die folgenden Zeilen, die auch zum Kapitel ״Selbstkritik“ gehören, unsere Leser — auch die anderer Meinung sind - zum Nachdenken anregen werden. — Red. Wir sollen uns nicht darüber täuschen: eines der Momente die uns zum Zionismus und durch ihn nach Palästina geführt haben, ist die Erkenntnis unserer Religionslosigkeit. Es gibt Menschen, die von ihrer Religiosität nach Palästina gezogen werden, nämlich von der Sehnsucht, ihren Glauben, ihr persönliclies Verhältnis zum Ewigen liier tiefer zu erleben, als es irgendwo sonst auf Erden möglich ist. Wir aber, das heißt die Mehrzahl der modernen national empfindenden Juden gelangten nach Palästina, weil wir im Bewußtsein, daß uns der Glaube an einen persönlichen oder gar nationalen Gott vcrlorengegangen ist — hier neue, aus der Tiefe der Volks* seeie aufsprießende Werte zu finden hoffen, die uns die Leere unseres Innern ausfüllen sollen. Und cs sind unter uns solche, die sich von der Berührung des Volkes mit dem Heimatboden das Erstehen wirklich neuer, nie zuvor erprobter Werte versprechen — Werte, denen gegenüber das, was wir bisher Religion nannten, die Beziehung■ des einzelnen Menschen zu einem Gott der Individuen oder gar die Beziehung des Volkes zu einem Volksgott als ein zu überwindendes und bereits überwundenes Stadium der Mcnschheitsentwickiung erscheint. Aber die meisten erwarten und ersehnen wohl von dem neuen Zusammenstoß von Volk und Heimaterde eine Renaissance des religiösen Gefühles, eine neue Kraft des Glaubens, so mächtig, daß sic die alten Formen mit neuem Leben zu füllen oder die erstorbenen zu zertrümmern und neue zu schaffen vermag. Sie warten und wissen, daß nicht sie selbst dieses große Neue mehr erleben werden, sondern daß erst nach einer langen Reinigung, und Läuterung des entweihten Volkes i!1 den Enkeln vielleicht es aufieben wird. Sic warten — ohne Hoffnung, die Einsamkeit und Leere ihres eigenen Innern einem neuen Erlebnis weichen zu sehen, getröstet allein durch das Bewußtsein, daß sie durch ihre eigene Rückkehr zum Heimatboden den Künftigen den Weg zur Fülle und Erfüllung bahnen. Ist aber die Religionslosigkeit der Heutigen erkannt, so darf es ein Spielen und Schöntuu mit den verworfenen oder verlorenen Formen, ein Vortäuschen des Besitzes dessen, was den tiefsten Grund unseres Strebens bildet und was erst Ziel und Krone unseres Bemühens werden kann, nicht geben. AUe derartigen Versuche müssen scheitern und uns als Unwahrhaftige entlarven. Konkret: zu nationalen Feiern in Palästina paßt keine religiöse Einweihung, und weil sie nicht dazu paßt, weil sic nicht mehr als ein Kompromiß und eine Täuschung ist und sein kann, so finden wir in jedem Falle als Folge der religiösen Handlung: Entgleisung, Geschmacklosigkeit und als Wirkung: Scham bei den Ernsteren, Gähnen oder Augurenlächeln bei den Zynischen. Mauchen, die der Feier der Universitätseröffnung vor zweieinhalb iahren beiwohnteny wird hierbei vielleicht die überaus peinliche Szene einfallen, die sich damals ereignete. Sie sei hier ins Gedächtnis zurückgerufen, ohne die Absicht, jemanden zu kränken, rein aus dein Wunsche nach Klärung des Unklaren. Zur Eröffnung der Feier hatte man den aschkenasischei! Oberrabbincr von Jerusalem bestellt, der das neue Unternehmen einsegnen sollte. Da stand der hochgeachtete und gelehrte Geistliche vor einem vieltausendköpfigen, aus den heterogensten Elementen zusammengesetzten Publikum, das zum Schauen und zu nationaler Freude gekommen war, und trug seinen Segen vor: eia yon ihm zu dieser Gelegenheit verfaßtes Gebet. Man kann wönl sagen, daß neunzig Prozent der Zuhörerschaft diese Schaffung einer Beziehung zwischen dem nationalen Ereignis und dem Göttlichen als künstlich empfanden, nichts dabei fühlten und für die sicherlich tief gefühlte religiöse Ergriffenheit des Geistlichen keinerlei Verständnis hatten. Man war aber bereit, den Segensspruch als eine politische Höflichkeit gegenüber dem orthodoxen Judentum, allenfalls auch als eine'auf alle Fälle nützliche Verbeugung vor dem unbekannten Gott achtungsvoll und in guter Haltung hinzunehmen, wie man es in solchen Fällen gewohnt ist. Erst allmählich merkte man, daß es sich dem Geistlichen um mehr als eine schnell erledigte, konventionelle Formel handelte, daß ihn das Ereignis zu einem Zwiegespräch mit Gott veranlaßt hatte, bei dem er sich zum Sprecher des Volkes machte. Bei den meisten rief das Verwunderung und Verlegenheit hervor, die immer mehr stieg, je länger das Gebet über das in solchen Fällen als üblich akzeptierte Zeitmaß hinauswuchs, und als man beobachtete, wie man von seiten der Festveranstalter den Geistlichen zur Abkürzung seines Hymnus zu bewegen suchte, ohne daß er davon Notiz nahm. Als die Worte des Geistlichen endlich versiegten, fehlte nicht viel, daß das überaus peinliche Gefühl, mit dein die meisten dieses endlose Gebet über sieh hatten ergehen lassen, in Gelächter um geschlagen wäre. Die Ouelie dieser Heiterkeit war das Oefülil des in keiner Beziehung zum Anlaß Stehenden, Es war nicht Verspottung des sehr ehrlich wirkenden und geachteten Rabbiners, vielmehr ein Befremden über die Unwahrhaftigkeit derer, die ihn an eine ungeeignete Stelle gebracht und sich durch die Vortäuschung einer nicht bestehenden Beziehung selbst ins Unrecht gesetzt batten. Eine parallele Erscheinung bot sieb anläßlich der Jubiläumsfeier des Keren Kajemeth. Gewarnt durch frühere Erfahrungeu hatte mau hier auf eine religiöse Einleitung der Feier durch die Rabbiner verzichtet, (Die inmitten des Programmes vorgesehene Rede des Rabbi Usiel batte nicht den Charakter des geistlichen Segenspruches, sondern war die Begrüßung eines Vertreters vom Misrad Harabbamit an eine andere maßgebende Institution der palästinensischen Judeiilteit.) Gewissermaßen an Stelle des priesterlichen Segens, an erster Stelle des Programmes hatte man ein Mitglied der Arbeiter- Schauspieler-Vereinigung ״Oh'el“ zur Vorlesung eines Bibeltextes aufgefordert. Und hier begab sieb etwas, das viel peinlicher wirkte als seinerzeit das lange Rabbinergebet: Vom: ersten Augenblick ab, da der junge Mann in einem der Arbeitertracht ähnlichen Anzuge die Bühne betrat und mit einer seinem Kreise ganz fremden Gebärde das Haupt bedeckte, hatte man den Eindruck eines theatralischen Vorspielens von religiöser Versenkung. Bei der Verlesung des T'nach-Textes (Jesaja 40) in einem zwischen altbekanntem Pathos und modern-expressionistischer Hcrausreißung des Wesentlichen schwankenden Tone, der sich stellenweise zum Gesang steigerte, wurde man das peinigende Gefühl nicht los, daß etwas, das in diesem Lande und in dieser Stadt entweder aus der Tide des Herzens heraus gesagt werden muß oder gar nicht gesagt werden darf, hier zu einer (nicht sehr geiungeneti) Künstlerischen Leistung hergeliehen wurde. Mag sein, daß in anderer Umgebung die erhabenen Worte des ״Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott“ in jeglicher Art des Vortrages ihre Wirkung auf die Zuhörer ausgeübt hätten. Hier aber, wo der ״hohe Berg“, das ״dörrende Gras“, der ״Hirt, der die Lämmer in seinem Busen trägt“, hier, wo die Namen ״Jeruschalajim“, ״Zion“ und ״Libanon“ keine bloßen Begriffe, sondern Wirklichkeit sind, hier, wo es Menschen gibt, die in körperlicher Nähe zu den Stätten religiöser Ueberlieicrung ״auf den Ewigen hoffen“' und and.:!״־ der Erfüllung mit neuem, nicht minder großem Inhalt entgegensehnen' hier wirkt eine Zitierung dieser Worte .־ms Scnauspielermunde» im Schauspielertone unerträglich. Und so geschah es auch hier, daß die Mahnung an das Göttliche bei den ernsteren Zuhörern Beschämung und bei den zynischen ein Lächeln oder Gelächter hervorrief. Wieder war das Bemühen, eine Beziehung zwischen der nationalen Feier und dem Ewigen herzusteiien, mißglückt und hatte uns als Opportunisten entlarvt. Ob wir eine andere Form finden werden, der man nicht die Unwahrhaftigkeit schon von weitem ansieht? Wahrschein• lieh nicht. Und deshalb sollten wir auf die Vortäuschung eines noch nicht vorhandenen Inhalts lieber verzichten, als mit unserer tiefsten Sehnsucht unbewußt Spott treiben. Helene H a n n a Thon, Zum Begriff des Nationalcharakiers Von Rudolf Samuel, Breslau. Otto Bauers Buch ״Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie“ ist vielen Zionisten bekannt. Sein Erscheinen war bemerkenswert, weil cs der erste Versuch der neomarxlstischeu Wiener Schule war, sich mit dem Begriff der Nation auseinanderzusetzen. Cs war aus den tagtäglich«! Kämpfen und Erlebnissen der österreichischen Sozialdemokratie ent• standen, die diesem Problem nicht entgehen konnte, weil ihr Staat eine Pulle von Nationen umschloß, im Lager des orthodoxen Marxismus stieß Bauer auf Ablehnung, Kautsky selbst versuchte, ihn in zwei Schriften, ״Nationalität und Internationalität“ und ״die Befreiung der Nationen“ zu wider• legen. Aber dieser Versuch, Bauers Konzeption durch eine dem Marxismus bequemere zu ersetzen und den Begriff der Nation auf den der Sprachgemeinschaft zurückzuführen, war zu primitiv und siand mit der Wirklichkeit in zu geringer Uebereinstimmung, als daß er hafte Erfolg haben können. Von zionistischer Seite — wir denken besonders an die Aufsatze von Berl Locker im ersten Jahrgang des ״Juden“ — wurde nicht die Konzeption von Bauers Buch angegriffen, wohl aber das, was er über das jüdische Volk sagte. Er war der Meinung, daß dessen Rolle als Nation ausgespielt sei. Auch darüber haben in den seitdem verflossenen 20 Jahren die Tatsachen und die Entwicklung entschieden. Und das Kapitel des Buches, das von der Judenfrage handelt, ■würde heute wohl ohne ein Fragezeichen in der Ueberechrift ge• schrieben werden. Audi die Wiener Schule müßte heute, allen antizionistischen Ressentiments zum Trotz, sowohl die Gründung eines neuen jüdischen Gemeinwesens in Palästina wie auch die nationale Autonomie im Osten als eine Tatsache hinnehmen. Nun erscheint das Werk in einer zweiten Auflage. Bauers Hauptziel war ja nicht eine theoretische Untersuchung, sondern der Versuch, auf der Unterlage neuer Erkenntnisse zu einer Lösung der komplizierten Probleme der habsburgischen Doppelmonarehie zu kommen. Der Weltkrieg hat eine radikalere Lösung erzwungen und an die Stelle Oesterreich-Ungams eine Reihe von Staaten gesetzt. Die Bedeutung der theoretisch«! Untersuchungen aber bleibt. Und so müßte das Werk heute gänzlich umgeschricben werden. Da aber Bauer die Folgerungen seiner Konzeption auf die heutigen Verhältnisse in seiner ״Öesterreichlschen Revolution“ bereits gezogen hat, so hat er sein Werk unverändert neu erscheinen lassen. Es wäre also müßig, noch einmal Betrachtungen über das Buch ahaistellen, wenn ihm nicht ein sehr ausführliches Vor• wort beigegeben wäre. Ueber das allerdings wird einiges zu sagen sein. Den Kern des Buches bildet der Versuch, dem Begriff der Nation mit den Mitteln der marxistischen Geschichtsauf• fassung beizukommen. Die Nation bildet nach Bauer eine Charaktergemeinschaft, die durch das gemeinsame Schicksal, die gemeinsamen historischen Erlebnisse erzeugt wird. Für ihn ist also der entscheidende Begriff der Nationalcharaktcr. Der ist wandelbar und verändert sich von Generation zu Generation. Er ist der Urgrund, aus dem der individuelle Charakter des Einzelnen erwächst, und ebenso wie dieser heute praktisch wohl noch kaum mit exakten und zuverlässigen Definitionen zu umschreiben. Trotzdem ist es verständlich, wenn auf den Mißbrauch, den der Chauvinismus mit dem Begriff des Nationalcharakters getrieben hat, ein Mißtrauen gerade im sozialistischen Lager diesem Begriff gegenüber folgte. So ist der größte Teil des 20 Seiten umfassenden Vorworts der neuen Auflage dem Versuch gewidmet, den Begriff des Nationalcharakters enger zu fassen. Die Verschiedenartigkeit des Nationalcharakters der einzelnen Völker, worunter wir mit Bauer vorsichtig zunächst nur den Komplex der körperlichen und geistigen Merkmale verstehen wollen, der eine Nation von der anderen scheidet und der dem Einzelnen im Durchschnitt zukommt, ist schlechthin eine Tatsache. Sie kann in jedem Augenblick mit Tausenden von Beispielen belegt werden, Das Beispiel, von dem Bauer aus geht, ist ebenso überraschend wie originell. Er beginnt mit dem Unterschied der Arbeiteweise französischer und englischer Forscher in der — Physik. Den gewöhnlichen Sterblichen wird das überraschen. Wir sind cs gewohnt, das Wirken spezifischer nationaler Momente in der Sphäre der Kunst, der Literatur, der Politik, des sozial«! Lebens überhaupt, zu spüren. Aber In der allgemeinsten und darum exaktesten der Naturwissenschaften hätte man cs von vornherein nicht vermutet. Allerdings, der Inhalt der Physik ist für die Forscher aller Nationen der gleiche. Die physikalischen Phänomene geben in England und Frankreich das gleiche Tatsachenmaterial, und die gleiche Differentialgleichung genügt ihnen hier wie dort. Anders aber ist es, wenn wir die Methodik des Forschers betrachten. Bauer stützt sich auf eine Schrift des französischen Physikers Du hem, der bereits vor 20 Jahre« an den Arbeiten der bedeutendst«! französischen und englischen Physiker bemerkenswerte Unterschiede aufgezeigt hat. Fassen wir das Resultat seiner Betrachtungen zusammen, so können wir sagen, daß die franzö• sische Physik offenbar durch ein Streben nach Systematik ausgezeichnet ist. Immer wieder macht sie aufs neue den Versuch, die ganze Physik durch eine einheitliche Theorie, durch ein einheitliches Weltbild zu deuten. Die englische Physik hingegen hat dieses Bedürfnis nach Einheitlichkeit nicht. Sie ist durch ein Streben nach größter Anse hauiic 11 ke 11 gekennzeichnet, und das bedeutet für die Menschen ein Streben, mechanische Modelle für die Erklärung der komplizierten Erscheinungen zu benutzen. Demzufolge ist sie bereit, Teilgebiete der Physik aufzubauen unter Verzicht darauf, diese in einen plausiblen ursächlichen Zusammenhang zu bringen. Selbst also aufdiesem entlegenen Gebiet läßt sich ein I 'ntorschicd der nationalen Charaktere feststellen. Und der ist nicht etwa wcithergchölt, sondern für den Physiker liegt er auf der Hand, ja heute, 20 Jahre nach Duhems Schrift,

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