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Jüdische Rundschau · 1927-01-14 · Heft 4 (14.1.1927) · page 4

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 4 (14.1.1927)
Date
1927-01-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 26 JUEDISCHE RUNDSCHAU Probleme der Wege und Irrwege Von unserem palästinensischen Korrespondenten. AG., Tel-Awhv, den 5. Januar 1927. Wir haben in der letzten Zeit innerhalb der palästineniischen Arbeiterschaft einen Prozeß verfolgen können, der in der großen Oeffentlidikeit im wesentlichen unbeachtet blieb und nur die Aufmerksamkeit auf sich zog, wenn er gelegentlich hell an die Oberfläche trat. Solche Momente waren unter anderem die S p a 11 u 11 g im Gdud A w o d a 11 (Legion der Arbeit), die Konferenz des' ,.Ichud“ (Klub zur Vereinigung der Internationalen) und schließlich die Wahlen zur allgemeinen Arbeiterorganisation. Sic alle sind Etappen auf dem Wege. Sehen wir zu, was sie bedeuten. Das Wesen und die Organisation des Gdud Awodah darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden. Es ist das jene Organisation chaluzischer Prägung, die den Namen Trumpeldors trägt und in der Geschichte der Eroberung der Ebene Jesreel eine Rolle gespielt hat (Tel-Josef). Der Gdud wurde gegründet als eine nationale Organisation mit Sozialist!- sehen, stark kollektivistisch gefärbten Tendenzen, die sich besonders im Eintreten für die große Kommune auswirkien. Er bildete mit seinen Abteilungen in den Städten einen fest zusammenhängenden Kampfverband, der nach innen den Kommunismus verwirklichen wollte. Defizite der ländlichen Gruppen werden durch Ueberschüsse der städtischen gedeckt und umgekehrt. Innerhalb der Teilgruppen herrscht dieselbe kommunistische Verteilung, wie sie im Lande bei jeder Kwuzah üblich ist. Der Gdud war trotz seiner sozialen Anschauuungen, die er verfocht und verwirklichte, keine politische Partei und ließ seinen Mitgliedern die Freiheit, sich den bestehenden Parteien anzuschließen. Es bestanden zwar Anschauungen im Lande, daß diese Gruppe sich zu einer politischen Partei entwickeln müsse. Aber cs war Idar, daß cs sich dabei um einen Prozeß von langen Jahren handele. Zudem waren die kollektivistischen Tendenzen, die hier verwirklicht wurden, kein Alleinbesitz des. Gdud. Sie werden von weiten Kreisen der Arbeiterschaft geteilt. Dabei darf unter ״Kommt!- nismus“ oder Kollektivismus immer nur die ökonomische Seite des Problems, d. h. die Arbeitsorganisation und Ertrags- Verteilung verstanden werden, nicht aber etwas Politisches. Mit dem Diktaturkommunismus Rußlands hat diese Bcwegung keinen Zusammenhang. Es gab aber seit langem im Lande auch eine kleine Gruppe, die im heute gebräuchlichen Sinne des Wortes Kotnmunisten waren, d. h. politische Anhänger Moskaus. Man wird sich an die einige Jahre zurückliegenden Kämpfe inner- * halb der Arbeiterschaft erinnern, die mit dem Ausschluß dieser Elemente aus der allgemeinen Arbeiterorganisation endeten. Die Histadruth, die keine reine Gewerkschaft, sondern ein Verband mit nationalen und sozialen Zielen ist, hatte keinen Raum für Arbeiter, die ihre ״Chaluz“ziele nicht teilten. Die Gruppe der ״extremen Linken“ ist aber in den letzten Jahren )ajgMch mit der Gesamtzahl der Arbeiter gewachsen. Und zugleich mit diesem Wachstum gelang es ihr zum ersten Male, über die Grenzen der Stadt hinauszudringen und auch unter den Landarbeitern Anhänger zu gewinnen. Ihr Hauptarbeitsfeld war der Gdud. Und es zeigte sich bald, daß sich der Gdud in zwei Strömungen schied. Die eine war dem alten national-sozialen Gedanken des Gdud treugeblieben, die andere wandte sich den Plänen und Ideen des politischen Kommunismus zu. Die einzelnen Etappen der Entwicklung sind nicht wichtig. Nach verschiedenen äußerst schwierigen inneren Reibungen, nach langen Beratungen und verzweifelten Versuchen, die Ganzheit des Verbandes zu halten, zerfiel der Gdud in zwei Teile, die jetzt gesondert ihren Weg gehen. Der größere, die sogenannte ״Rechte“, d. h. die nationalen Kollektivisten gehen den alten Weg nationaler Kolonisation weiter und werden von der allgemeinen Arbeiterorganisation offiziell als der legale Gdud anerkannt. Es ist interessant, daß während und nach der Spaltung eine Anzahl von Mitgliedern, die früher zu den ״Linken“ zählten, sich der Majorität anschlossen. Soweit die Entwicklung des Gdud. Ungefähr in dieselbe Zeit, wo sie offen zutage trat, hielt der Klub ״ichud“ seine erste Konferenz in Td-Awiw ab. Sie war in verschiedener Beziehung merkwürdig. Sie vereinigte Arbeiter aus den entschiedenen linken Lagern zugleich mit einer Anzahl von Arabern, die inan zugezogen hatte. Diese Mischung veranlaßte Verhandlungen in drei Sprachen, hebräisch, jiddisch und arabisch und außerdem Komplikationen in der Besetzung des Präsidiums und der Kommissionen, da die Araber mit den ihnen zugewiesenen Sitzen nicht zufrieden waren. Alles an dieser Konferenz, von ihrem Leitgedanken an, der Vereinigung der Moskauer und Amsterdamer Internationale bis zu ihrer äußeren Aufmachung, die so ganz verschieden war von den gewohnten Konferenzen palästinensischer Arbeiter, war für den objektiven Beobachter zuerst nur kurios, erregte dann aber tiefe Bedenken. Kurz nach der Konferenz fanden wie bekannt die Wahlen zur Konferenz d er allgemeinen Arbeiter- Organisation statt. In ganz Palästina wurden die Resultäte, auch von bürgerlicher Seite, geschätzt als ein Sieg des nationalen Gedankens. Denn die extrem linken Elemente errangen zusammen nur gegen 6 0/0. Man sprach wieder von dem gesunden Verstände und der nationalen Verantwortung der palästinensischen Arbeiterschaft und hatte recht damit Und besonders in den Kreisen des Gdud, die sein Schiffiein durch alle schweren Komplikationen der letzten Zeit hindurchgesteuert haben, ist man geneigt, die Spaltung und reinliche Scheidung als einen Gesundungsprozeß aufzufassen. Für den Gdud als solchen ist das erlaubt. Die Frage ist aber nicht die des Gdud oder irgendeines anderen Verbandes, sondern die der Gesamtarbeiterschaft, noch mehr: der gesamten zionistischen Bewegung. Bisher hatten wir immer in Palästina ein kleines Häuflein kommunistisch Orientierter. Sie waren reine Kommunisten, denen nationale Ideale nichts bedeuteten und die für die kommunistische Bewegung in Palästina und im Near East arbeiteten. Die Arbeiterschaft bekämpfte sie, wenn sie sie nicht ignorierte oder gelegen tlieh verprügelte, so wie die Regierung sie gelegentlich einsperrte oder sogar auswics. Der einwandernde Chaluz hatte nichts mit Ihnen zu tun. Sie konzentrierten sich in den Städten, Nr. 4 palästinensischen Arbeticrschati ohne in den Siedlungen den geringsten Stützpunkt zu haben. Jetzt zum ersten Male wurde das anders. Zum ersten Male wuchsen sie nicht nur zahlenmäßig, sondern es gelang ihnen auch über die Stadt hinauszudringen und sich in den Kreisen Anhänger zu gewinnen, die wir als ״Chaluzim“ bezeichnen. Die Gründe dafür sind verschieden. Materiell ist der Gedanke nicht von der Hand zu weisen, daß die schwere ökonomische Lage den Boden für extreme Ansichten vorbereitet. Die Arbeitslosigkeit in den Städten, die fast übermenschlich schweren Bedingungen in den Kolonien und zum Teil auch i!1 den nationalen Siedlungen können wohl manche Seele zum Verzweifeln bringen, die sich dann in ihrer Not einem neuen Ideal in die Arme wirft. Andererseits handelt es sich hier zu einem Teile um gute jugendliche Elemente, die von neuen Gedanken leicht mitgerissen werden und damit ein glänzendes Material darstellen für zielbewußte Führer, die an ihre Sache glauben und sie richtig darzustellen wissen. Und gerade der Kommunismus ist ein sehr geeignetes Thema. Wir wissen, wie stark er auf die Jugend des Galutli gewirkt hat und wirkt, wie er für die zionistische Bewegung ein bcdeutender Gegenfaktor ist, der vielleicht gleich neben der Assimilation steht. Wer unter den Intellektuellen Mitteleuropas hat nicht einmal auf kürzere Zeit mit dem Kommunismus kokettiert. Gefährlich wird diese Neigung erst, sobald sie die Jugend erfaßt und uns Kräfte entführt, die die natürlichen Anwärter für die Bewegung des Hechaluz sind, und besonders scharf tritt diese Gefahr zutage, wenn junge Kräfte, die durch den Hechaluz ins Laud kamen, um Palästina aufzubauen, diesen Weg betreten. Heute ist diese Gefahr vielleicht noch klein. 6 <y0 der Arbeiterschaft ist eine Zahl, die keine Sorgen zu machen braucht. Aber es darf nicht übersehen werden, daß cs sich hier um Menschen handelt, die der Zionismus erzogen hat, die mit unseren Ideen, unseren Kräften genährt, mit unserem Geld beschäftigt werden. Wir müssen verantwortlich sein für die Entwicklung dieser Menschen. Und die Verantwortung kann der Zionismus nur so fange tragen, als diese Menschen zu ihm gehören, das heißt nicht aus dem nationalen Rahmen heraustreten. Innerhalb dieses Rahmens ist für alle mögliclicu Neigungen und Ideen Raum. Für individuelle ebenso wie für kollektivistische Kolonisation, für Privatwirtschaft ebenso wie für Kommunismus. Wer den Rahmen überschreitet, gehört nicht mehr dazu. Palästina katln unter Umständen auch Menschen beherbergen, die nicht seinen Idealen, sondern fremden Göttern dienen. Es wird sic bekämpfen als Außenstehende, die sie sind. Aber wo der Feind in die eigenen Reihen dringt, ist das nicht die Sache Palästinas allein, sondern des Galuth und seiner Erziehung. Darum erschien es nötig, diese vielleicht unbedeutenden Geschehnisse hier zu behandeln. Die neue Stellung des Arbeiters Die nachfolgend«» Alfsführaagen» die |»ns au* pajir , stinenslsehen Aroäterkrelsen «!gehen und die geluderte Stellung des Arbeiters in der heutigen palästinensischen Wirtschaft behandeln, sind um so interessanter, als sie von einem aus Westeuropa kommenden Verfasser stammen. Red. Die gegenwärtige Krise in Palästina ist nicht nur ihrem Umfange, sondern, was viel wichtiger ist, ihrem Wesen nach völlig verschieden von allen vorausgegangen. Hat es sich bisher um Wirtschaftskrisen gehandelt, wie sie analog bei jedem Kolonisationswerk in Erscheinung treten, so haben wirs diesmal mit einer schweren Inneren Krise der gesamten zionistischen Ideologie zu tun. Dabei geht es nicht mehr um die Frage der einen oder anderen Siedlungsform, sondern um ticferliegende Probleme, die nur zeitweise durch die zionistische Ideologie überbrückt schienen. Eigentlich ist cs ein Gemeinplatz, darati zu erinnern, daß der Aufbau einer jüdischen Heimstätte als unbedingte Voraus- Setzung die Schaffung einer jüdischen Wirtschaft verlangt. Und doch muß dies den Ausgangspunkt unserer Befrachtung bilden; denn die grundverschiedene Auffassung von der Gestaltung dieser jüdischen Wirtschaft, die vielfach völlig falschen Vorstellungen, denen sich die Einwanderer und gar erst die zionistische Oeffentlichkeit der Galutli hingaben, — sie sind die eigentliche Ursache der heutigen Krise im Zionismus. Gemeinsam war fast ail diesen Vorstellungsbiklern eine gewisse Verschwommenheit, bei welcher der Begriff der ״sozialen Gerechtigkeit“ keine geringe Rolle spielte. Das gilt natürlich ebensogut von den ״sozialistischen“ wie von den ״bürgerliehen“ Zionisten. Und wenn man versuchen will, die derzeitige Krise auf eine einfache Formel zu bringen, die sicherlich nicht weniger unzulänglich sein kann als einfache Formeln auf lebendiges Geschehen angewendet eben zu sein pflegen, dann können wir sagen: Die Krise des Zionismus (und damit zum Großteil die palästinensische Wirtschaftskrise) b e - ruht auf der bislang nicht genügend klar erkannten Tatsache, daß soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Wirtschaft ein Und i n g i s t. — Von der Erfassung dieser Binsenwahrheit scheint mir das weitere Schicksal des Zionismus abzuhängen. Ein Beweis für das oben Gesagte liegt in dem Begriffe der ״Chaluziuth“, der noch heute eine zentrale Rolle iu der zionistischen Ideologie spielt. Der Chaluz ist, wenn wir von allem romantischen Beiwerk absehen, das sich uni diesen Begriff gesponnen hat, der jüdische Arbeiter, der eine Verschlechterung seiner wirtschaftlichen und sozialen Lage in Kauf nimmt, um eine wichtige Aufgabe beim Bau des nationalen Heims zu erfüllen und dem seinerseits das jüdische Volk die bereits erwähnte ״soziale Gerechtigkeit“ zubilligt, wohl sozusagen als Entgelt gegen den seitens des Chaluz geleisteten Verzicht. Dieser ungeschriebene Kontrakt liegt, mit geringen Varianten und den ״vertragschließenden Teilen“ nicht voll bewußt, dem zugrunde, was wir ״Chaluziuth“ nennen. — Drei Viertel der in den letzten Jahren vor dem zionistischen Forum abgeführten Debatten gelten diesem ungeschriebenen Vertrage. Man wirft einander mangelhafte Erfüllung der Vertragspflichten vor, bcschuldigt einander aus dem Kontrakte übermäßige Forderungen abzuleiten usw. Dagegen ist es meines Wissens noch niemandem eingefallen, zu fragen, ob dieser Vertrag nicht vielleicht unerfüllbar ist oder man hat es doch zumindest nicht gewagt, diese Frage zur Diskussion innerhalb der zionistischen Oeffent- Hchkeit zu stellen. Hier aber (und nicht in der Frage der kleinen oder großen Kwuzah) ist der Schlüsselpunkt zur Frage der Rentabilität. Die Diskussion über 1 ragen der kooperativen Arbeiter- Wirtschaft kann nur deshalb einen so unverhältnismäßig breiten Raum in den zionistischen Debatten entnehmen, weil dies der Punkt ist, in welchem der erwähnte Vertrag zwischert dem jüdischen Volk und dem Chaluz ani ehesten seine Bewährung finden müßte*). Und schon hier zeigt es sich, daß der Kontrakt nicht eingehalten werden kann. Wer die Verhältnisse in der palästinensischen Landwirtschaft kennt (und um die Land* Wirtschaft handelt es sich ja hauptsächlich bei den Fragen der kooperaüven Arbeiterwirtschaft), der weiß, daß abgesehen von einer Verbesserung der Wirtschaftsorganisation, die ihrerseit? *um guten Teil eine Frage des Kapitals ist, die Haupt- Bedingung zur Erhöhung der Erträge eine Kapitalsinten• sivierung der Betriebe ist. Der gaiiiäischc Bauer, der sicherlieh nicht im Gerüche steht, ״sozialistische Experimente“ zu treiben, ist weder fauler noch unfähiger als der erfolgreiche judäische Kolonist, sondern sein Mißerfolg ist einfach darauf zurückzuführen, daß er ohne das erforderliche Kapital arbeitet. Die Antwort aber auf die Forderung nach Kapitalsintensivierurig ist ja leicht zu geben: Die nationalen Mittel reichen nicht aus, um die nationalen Verpflichtungen cinzulöscn. — Und was bedeuten nach allem die kooperativen Landwirtschaft*- betriebe als volkswirtschaftlicher Faktor neben der Gesamt- Wirtschaft, vor allem neben dem privaten Arbcitsmarkt? Da trifft das leider nicht zu, was Paul Drucker unlängst in der ״Selbstwehr“ behauptet, daß nämlich der Standard des jüdi• sehen Arbeiters nicht mehr weiter zu drücken ist. Er kann gedrückt werden, er wird gedrückt, wird solange gedrückt werden, bis er auf dem Niveau des arabischen Arbeiters angelangt ist, so lange, bis das Maximum an Rentabilität erreicht ist. Wäre Drucker in den letzteu Monaten in Td-Awiw gewesen, so wüßte er das; er wüßte, das der jüdische Arbeit*- lohn auf vielen Gebieten bereits die Höhe des arabischen erreicht hat, daß er auf den übrigen sinkende Tendenz aufweist. Und das ist sehr leicht zu erklären: Der protektionistische Arbeitsmarkt mußte zusainmeubreclien, weil die nationalen Mittel zu gering sind, mu ihn auf die Dauer zu halten. Und so mußte das kommen, was die Wortführer der Privatinitiative als ihre oberste Forderung aufgestellt hatten, nämlich freie Balm dem Privatkapital. Den Zionisten in der Galutli aber, und namentlich den arbeiterfreundlichen Elementen, an denen der deutsche Zionismus so reich ist, sei es ganz offen gesagt: Dieses Privatkapital könnt ihr nicht dazu zwingen, den Vertrag cinzuhaltcn, den ihr im Namen des jüdischen Volkes abgeschlossen habt! Dieses Kapital (noch strömt es nicht ins Land, cs tröpfelt höchstens) kennt keine protektionistischen Arbeitslöhne, weil cs keine protektionistischer! Absatzgebiete hat. Es kämpft schwer um seine Existenz in einer Welt, wo cs hart auf hart geht, wo derjenige überlebt, der am billigsten produziert. Da gibt es keine soziale Gerechtigkeit, da zahlt man nicht cif Piaster für einen Arbeiter, den man um zehn haben kann. Und damit bekommt das Wort Chaluz einen anderen Sinn: Es heißt alles, ohne die bisherige reservatio mentalis, opfern, um eine Heimstätte zu schaffen, nicht für das jüdische Volk eines rnessianischcn Zeitalters, sondern für ein ״goj keclioi hagojim“. Dann hört aber auch jeder Unterschied auf zwischen dem Nationalismus nach Weltsch und dem nach Jabotinskv oder, um noch deutlicher zu seins nach Reventlow, Die Form wird dann Selbstzweck, die Fahne tritt an Stelle des Volkes und für sic stirbt, wer nicht von ihr leben kann. Man geht dann nach Palästina genau so, wie der deutsche Arbeiter im Jahre 1914 aufs Feld der Ehre zog oder aber man kommt dahin als Arbeiter, d. 11, als Proletarier, der vom Verkaufe seiner Arbeitskraft lebt, deir Arbeitskraft, die in Palästina verdammt billig ist, viel billiger als etwa In Deutschland, fast ebenso billig wie in den typischen Kolonialllndern des Imperialismus. Es ist nicht meine Absicht, die Konsequenzen, die sich aus dem Gesagten für die Zionistische Organisation ergeben müßten, im Detail auszuführen. Nur auf einige wenige Punkte sei hier in Kürze hingewiesen. — Die Zionistische Organisation wird viel klarer als bisher erkennen müssen, daß ihr Kapital nicht das eines Kolonisators ist, daß sie infolgedessen nicht die Aufgaben eines solchen auf sich nehmen kann und darf. Sie \vira diese Rulle dem Privatkapital überlassen und sich damit begnügen müssen, alles zu tun, um besagten! Privatkapital die Wege zur Beschäftigung jüdischer Arbeiter unter menschenmöglichen Lohnbedingungeii zu ebnen. Sie wird also für steigende Reallöhne bei gleichbleibenden oder sinkenden Goldlöhucn sorgen müssen. Hierher gehört u. a. der entschiedene Kampf gegen landwirtschaftliche Schutzzölle, eine großzügige Wohnungspolitik, überhaupt jede Maßnahme, die die Lebenshaltung des Arbeiters verbilligen kann, also dem Kapital die Zahlung geringerer Löhne gestattet, ohne dem Lande jede wirtschaftliche Anziehungskraft für den jüdischen Arbeiter zu nehmen. Selbstredend wird sich daraus eine grundlegende Aeuderung der landwirtschaftlichen Siedlungspolitik ergeben, überhaupt eine veränderte Einstellung zu so mancher Frage, die heute die Gemüter der zionistischen Oeffentlichkeit bewegt. Dazu zählt aber, last not least, die Frage der C h a 1 u - ziuth. Die Zionistische Organisation wird sich, will sie nicht gewissenlos handeln, klipp und klar lossagen müssen von jenem mehrfach erwähnten Vertrage zwischen Volk und Chaluz. Sie wird sieh offen bekennen müssen zu jenen ökonomischen Grundsätzen, die allein den wirtschaftlichen Unterbau nationale! Bewegungen bilden, zu den Grundsätzen der kapitalistischen Wirtschaft, in welcher der Begriff der sozialen Oe• rechtigkeit nicht existiert. Und wenn es für den jüdischen Nationalismus einen Punkt gibt, in dem er sich moralisch über die-Nationalismen anderer Völker erheben kann, so muß es vor allem dieser sein: Der jüdische Nationalismus darf dem jüdischen Arbeiter nicht eine soziale und wirf schaftlkhe Gerechtigkeit versprechen, die er niemals halfA wird; er muß aufhören, Chaluziuth als nationale Pflicht 7t propagieren; er muß statt dessen bestrebt sein, dem jüdischen Arbeiter ein von sozialer Gerechtigkeit zwar himmelweit eiltferntes, aber doch menschenwürdiges Existenzminimum auf dem freien palästinensischen Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Diese Methode wird, auch propagandistisch betrachtet, nicht nur viel ehrlicher, sondern ä Ia longue wesentlich wirksamer sein. Z'ev ben David. Presse-Schau Im ״Haarez“ nimmt M. Glücksohn zu den radikalen Strömungen Stellung, die sich in letzter Zeit unter der Arbeiterschaft bemerkbar gemacht haben. Er sGireibt, daß die große Not und die schweren Enttäuschungen *) Es heißt kein Geheimnis mehr verraten, wenn wir : •ststcllen, daß die kooperative Arbeiterwirtschaft einen immer j ringeren Prozentsatz der jüdischen Arbeiter Palästinas umdaß also ihre Bedeutung innerhalb der palästinensischen Wirtschaft immer mehr zuriickgeht. Auch ist es klar, daß (lio.se Entwicklung eher in geometrischer als in arithmetischer Progression fortschreitet, Diese Behauptung ließe sich sehr leicht mit Zahlen belegen, doch muß ich mir dies hier infolge Raummangels versagen. —• D. Verf.

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