Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXII (1927)
- Issue
- Heft 4 (14.1.1927)
- Date
- 1927-01-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 4 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 25 Die ungarischen Juden für Palästina (Von unserem ßudapester Korrespondenten.) Schließlich hat sich auch in Ungarn unter der Mitwirkung hervorragender Persönlichkeiten des jüdischen Lebens ein .,P r o P a 1 ä s t i!1,1 - V e r b a n d der ungarischen Jude n“ begründet. Zweck des Verbandes ist Förderung: des Aufbaues Ercz-Isracls und aktive Unterstützung der hebräischen Kultur. Seit Jahren lag die zionistische Bewegung in Ungarn brach. Der Bann wurde durch den Jüdischen?Nationalfonds gebrochen, der, trotzdem die Zionistische Organisation von der Regierung nicht genehmigt war, als einzige zionistische Institution seine Tätigkeit in Ungarn aufnahm. Oral Bet h len, der Ministerpräsident, erklärte öffentlich, daß er persönlich nichts gegen eine Approbierung von Statuten einer Ziouistisehen Organisation hätte, er müsse jedoch die Proteste ungarischer Juden, besonders des Prä-identen der ßudapester jiidisehen Gemeinde, berücksichtigen. Unter diesen Umständen war die zionistische Arbeit ganz lahmgelegt. Das einzige Zeichen zionistischen Lebens war eine zionistische Zeitschrift, die nur geringe Verbreitung hatte. Alle vor dem Kriege existierenden zionistischen Ort gruppen waren verschwunden, die Jugend- Organisationen eingcscWbifcn, und auch der jüdische Sportverband führt ein Schattendasein. Die K. K. L.-Büchsen waren seit Jahren nicht geleert, von einer Keren Hajessod-Arbeit konnte natürlich keine Rede sein. Einzig und allein die bekannte illustrierte Zeitschrift ״Mult es Jövö“ unter der Redaktion Dr. Josef Patais führte einen heroischen Kampf für den Palästina-Gedanken. Vor einem Jahre nahm, wie eingangs erwähnt, der K. K. I. in Ungarn seine Tätigkeit wieder auf. Es gelang ihm, in dieser Zeit 1111 Lande 10 000 Büchsen untcr/iibringcn, einen /.ah!- reichen Kreis von jugendlichen Sammlern zu gewinnen, und in 95 Städten die Sammeltätigkeit zu organisieren. Diese Arbeit wirkte der zionisimisieiiidiieheii .Arbeit des Assünilaiiten- Mattes ״Egvcnlöseg“ entgegen. Die energisch durciigeführte Aufklärungsarbeit des Delegierten des K. K. L. Bela Szekcly fand Widerhall, und es zeigte sich bald, daß das ungarische Judentum für aktive Palästinaarbeit zu gewinnen sei. Ganz, offen für diese Arbeit und auch für den Zionismus setzten sich insbesondere die Rabbiner der ncologen Gemeinden ein, besonders die Gemeinde Ofen, die eine Aktien eiuleitcte, um die anderen jüdischen Gemeinden Ungarns für die Palästina-Arbeit heranz.uzichen. Diese Aktion gelang und bewies, daß das uugarlätidische Judentum wohl verschüchtert, aber im Herzen bereit ist, an der zentralen Aufgabe des jüdischen Volkes mitzuwirken. Der vom Sekretär des K.K. L. Bela Szekcly eingeleiteten Aufklärungsarbeit für den K. K. L. schloß sich eine umfassende .Aktion des K. H. an, die vom Delegierten des K. II., Dr. Adolf Friede mann, geleitet wurde. Dr. Friedenianns Bestreben ging dahin, eine große neutrale Palästina- Organisation zu schaffen. Schon vor einem Jahre hatte sich Hofrat Franz, Szekelv in einem Schreiben au M. M. Ussischkin verpflichtet, eine Pro Palästina-Aktion in Ungarn dtireh/uführen. Den gemeinsamen Anstrengungen des K. K. L. und des K. H. gelangtes, mit Unterstützung des Hofrats Szekcly. auch andere hervorragende Juden für das Pro Palästina Comite zu gewinnen. Hofrat Szekcly konnte hierauf zur Gründlings- Sitzung des Pro Palästina-Verbandes der ungarischen Juden schreiten. An der Sitzung nahmen hundert hervorragende Mitglieder des ungarischen Judentums teil, und überdies erklärten 86 Gemeinden bzw.' Provinzgruppen brieflich ihren Beitritt zum neugegründeten Verbände. Die konstituierende Sitzung wurde mit einer Ansprache des Hofrates Szekely eröffnet, der u. a. folgendes erklärte: ״Das ungarische Judentum hat 'bisher (,Rußland ausgenommen״, \yo die zionistische Tätigkeit verboten ist) als einziges am beroischen Aufbau Erez-lsraels nicht teiigenommen. Wir hatten seit jeher die Empfindung, daß diese beschämende Passivität ein Ende finden müsse, und daß wir uns nicht durch falsche Ausreden vuudcr Palästina-Arbeit f c r n h a 11 e n dürfrn. Es wäre ein Armutszeugnis für unsere patriotischen Gefühle, wenn wir dem Ungartuin die jeden Juden verbindende Verpflichtung', für Palästina zu arbeiten, opfern würden. l:s kann keinen solchen Patriotismus geben, welcher von Juden derartiges verlangt. Die Loyalität zu unsere m 11 n ga־ rischen Vatertande verträgt sich mit unserer Liebe zum Heiligen Lande. Beide Gefühle verschmelzen sich in einer edlen Harmonie־. Das ungarische ludentum will offen an der Palästina-Arbeit teilnehnien. Es will alles tun, um die Kolonisationsarbeit zu fördern und um die hebräische Kultur zu pflegen“. Kadi diese׳!־ Ansprache wurde die Gründung des Pro Palästina-Verbandes einstimmig beschlossen. Der durch Krankheit verhinderte Oberrabbiner der Budapcsier Jüdischen Gemeinde, Dr. Benjamin Fischer, erklärte in einem begeisternden Schreiben an die Versammlung, daß er die Gründung des Verbandes begrüße, die Teilnahme an der aktiven Palästina-Aufbauarbeit als heilige Pflicht jedes luden betrachte und seinerseits das Versprechen abgebe, an den Arbeiten des Verbandes mit allen Kräften teil/unehmrn. Dr. Nissan Kahan, ein alter bewährter Zionist, brachte die Statuten des Verbandes zur Verlesung, die einstimmig angenommen wurden. Zweck des Verbandes ist: Aktive Teilnähme des ungarischen Judentums am Aufbau des jüdischen Nationalhoims, Förderung der hebräischen Kultur, Propagierung des Palästina-Gedankens und Herstellung wirtschaftlicher 13c- Ziehungen zwischen Ungarn und Palästina. Die Statuten sehen die Bildung sein Fachkommissionen für die Universität■;־ Bibliothek, für den K.K.L., für den K. H. für Erancn-Palästin.v arbeit und Wirisdiaftsfragen v״r. Nach der Annahme der Statuten wurde folgendes Präsidium gewählt: Baron Adolf Kohner, Hoi'rat I tanz Szekcly, Präsident der Inticiisiüdt'srhen Sparkasse A.-G., Hofrat Karl Raracs, Prof. Ignatz Pfeiffer, gewesener Rektor der Budapesier Technischen Hochschule, Prof. .Adolf Strauß. Professor der Orient- Akademie, Dr. Univ.-Prof. Julius Donath, Dr. Uuiv.-Prof. Bernhard Alexander, Prof. Bernhard Heller, Prof, am Rabbiseminar Budapest, Regierungsrat Alexander Fleißig, Vize- Präsident der Budapest!*!- Börse, Hofrat Samuel Stern.! lofrat Salamon Szekely, Frau Ww. Wilhelm Racher, Dr. Adolf Kris/־ haber, Präsident der Gemeinde Ofen, Dr. Samuel Biedl,!’r e ident der Gemeinde Szeged, Dr. Leopold O.sztern, Präsident der Zionistischen Organisation in Ungarn, Dr. Julius Fischer, Dr. Benjamin Fischer, Dr. Max Weiß, Oberrabbiner der Burlapester Gemeinde, Dr. Arnold Kilt, Dr. Bertalan Edelstein, Oberrabbincr der Ofener Gemeinde, Dr. Samuel Schlesinger, Oberrabbiucr von Debreezen, Dr. Bela Bernstein, Oberrabbitier aus Nyircgyhäza. Es wurden auch die Fachkommissionen bestellt. Das K. K. L.-Komitee wurde dem Prof. Ignatz Pfeiffer unterstellt, die Kulturkommission dem Herrn Dr. Jos ei Patai, die Universitätskommission arbeitet unter!lern bekannten Gelehrten Psychiater Univ.-Prof. Julius Donath, die Kommission für die Unterstützung der Universitäts-Bibliothek unter dem weltbekannten jüdischen Geleinten Bernhard Heller. Die K. IT- Kommission arbeitet unter der Leitung: des K. H.-Eandeskommissars Dr. Moritz Künsztkr. Herr Bela Szekely wurde aufgefordert, solange er in Ungarn verbleibt, als innerer Leiter an der Arbeit teilzunehmen. Es wurde dann ein Aktionskomitee und ein aus 100 Mitgliedern bestehender Ausschuß gewählt. Es ist zu hotten, daß die Statuten des Pro Palästina- Verbandes von der ungarischen Regierung in kürzester Zeit approbiert werden und daß mit der Bildung dieses Verbandes eine nette Aera im ungarischen Judentum beginnen wir!!. Nach 25 Jahren Von Dr. Hugo Schachtel, Breslau. Linen Fonds zu schaffen, aus dessen Mitteln der Bo.len Frez-lsratTs privatreehtlich erworben und der jüdischen Gesamtheit 7.1! eigen gegeben werde — das war die erste praktische Aufgabe, die sich 1807 schon der junge politische Zionismus stellte. Es dauerte alter noch eine geraume Zeit, bis die Aufgabe Wirklichkeit wurde, bis Ende I90I aus dieser Idee heraus der Keren Kajemeth Lcjisrael, der Jüdische Nationalfonds, wirklich entstand .... 25 Jahre sind nunmehr seit jenem Sabbatmorgen verflossen, an dem an geweihter Stätte in der Synagoge zu Basel beim Aufruf zur Thora die ersten Spenden dem Fonds gewidmet wurden. Wie der Fonds sich inzwischen entwickelt hat, wie er in Erez-Israel geschaffen und gewirkt hat, das ist in diesen T|tgen von berufener Seite dargestellt worden. Es ist auch jedem, der nur ein wenig an der Entwicklung des neuen jüdischen Palästina Anteil nimmt, bekannt. Aber waS auch geleistet und geschaffen wurde in diesen 25 Jahren, wie gering ist es doch im Verhältnis zu der großen Aufgabe, die dem Fonds gestellt ist und die gelöst werden muß für unsere Gemeinschaft? Es drängt sich uns die peinliche Frage auf: W as h ätte noch alles geschaffen sein können, wären die Mittet des Keren Kajemeth größer gewesen? Noch ist es nur ein ganz geringer Prozentsatz des Bodens von Erez-Israel, den unser Fonds besitzt. Und daß andere jüdische Institutionen und Einzelpersonen auch Boden in Palästina besitzen, und mehr als der Keren Kajemeth, mindert nicht das Betrübliche an der Kleinheit seines Besitzes. Denn uns ist es von ganz besonderer Wichtigkeit, daß gerade der Keren Kajemeth den Boden von Erez-Israel besitzt. Nicht aus irgendwelchem Partciinteressc heraus (der Keren Kajemeth ist keine Parteisache), sondern wegen des großen Zieles, das er und er allein sich gesteckt hat, und das gerade in seinen Anfängen den großen, ungeteilten Beifall aller jüdischen Kreise gefunden hat: Der Keren Kajemeth soll den Boden nicht schlechthin erwerben, sondern er soll ihn zum Volkseigentum machen, er soll ihn in den Gemeinbesitz des ganzen jüdischen Volkes bringen, er soll ihn sozialisieren, er soll in Erez-Israel die altneue, die altjüdische una doch modernste Idee der Bodenreform zur praktischen Durchführung bringen. Gegen diese soziale Aufgabe hat nie jemand etwas ein/uwenden gehabt, auch keiner von denen, die sich dagegen wenden, daß sonst in Erez-Israel soziale Expertmente gemacht werden. (Fs bleibe hier unerörteri, ob mit Recht oder Unrecht.) Mit diesem großem Ziel war der Keren Kajemeth von allem Anfang an verbunden, und es ist wohl kein Trugschluß, wenn man anninmit, daß gerade dieses ihn w> allgemein beliebt gemacht hat. Aber diese seine große Aufgabe scheint allmählich dem Bewußtsein selbst unserer nächsten Kreise entschwunden zu sein. Trägt er ׳•!.übst ftiva die Schuld daran? Trifft seine Verwaltung iruendeine Schuld? Wohl nicht: man hat Boden gekauft, hat ihn mangels anderer Faktoren, die das hätten übernehmen können, saniert, und hat darauf eine große Zahl von Cha!tr׳in1 zur Ansiedlung gebracht, sie ihnen in Erbpacht gegeben. Man kamt mit der einen oder anderen Einzelheit, die ausgefühtt wurde, nicht so ganz einver.-tanden sein, im ganzer! müssen wir sagen: Der Keren Kajemeth hat gehalt e 11, w n s er v e r s p r o e h c n h a t N 11 r sei n e F r c 11 n tl e , di c A 11 h ä n g e r seiner Idee, haben!1 i c h t d a s g!,halten, w a s ihr zionistisch e s B e - k 1׳ u 111!1 i s versprach. . . Im Faule der Entwicklung sind auch andere Aufgaben tür den Aufbau Erc?-lsracls an uns bernnpctrcfe», find darüber ist die allererste und allerwichtigste Aufgabe in den Hintergrund getreten: d e t׳ Bodenerwerb. Was könnte alter sonst geschehen, wenn nicht der Grund und Boden dazu vorhanden ist, in unserem Besitz ist? Fs ist au der Zeit,!laß man sieh dessen wieder erinnert und den Kennt Kajemeth nicht mehr!las Aschenbrödel sein f.'iRt, das er mir zu lange in unser(־!־ Entwicklung war, das Aschenbrödel, das sieh bescheiden im Hintergrund halten muß, und dent man allenfalls in guter Laune einen Brocken hinwirft. Das muß aufhören, sollen wir in Palästina vorwätts kommen. Die Verwaltung des Keren Kajemeth hat durch die Boden- Käufe der letzten Jahre noch große Verpflichtungen zu erfüllen. Ihre Kassen aber sind leer. Andererseits bieten sich ihr immer wieder neue Gelegenheiten zu giinstigern Bo d e!1 e rw erb. Sie ist aber nicht imstande, sie auszuführen, weil sie nicht neue Verpflichtungen auf sich nehmen darf, ohne die Gewißheit, die erforderlichen Mittel dazu zu erlangen. Hier muß Abhilfe geschaffen werden. Es muß dafür gesorgt werden, daß die Mittel viel reichlicher als je zuvor wieder /iifließcn. Systematisch muß an seiner Stärkung: gearbeitet werden. Immer wieder muß seiner gedacht werden, in Freud und in Leid, hei jeder Gelegenheit. Es muß wieder Aufgabe eines jeden werden, für den Keren Kajemeth zu arbeiten. Es muß aufs schmerzlichste berühren, wenn von einer Tagung der allgemeinen jüdischen Arbeiterorganisation in Erez-Israel der Ruf zu uns dringt: Bodenmangel beim Keren Kajemeth verhindert die notwendige und planmäßige Eortführung der Siedlungsarheit. Dem Keren Kajemeth fehlen die Mittel, neuen Boden zu erwerben ... Ein jeder von uns muß diesen Vorwurf auf sich lasten fühlen und muß bestrebt sein, sich von ihm reinztiwaschen. Es ist ganz falsch, den Keren Kajemeth nur als einen mit kleinen Gelegenhcitsspcnden sich begnügenden Fonds anselten. Große Mittel sind erforderlich, große Mittel für seine große Aufgabe. Soll er sie erfüllen, so müssen eines jeden Zuwendungen timl propagandistische Arbeit für ihn dem entsprechen. Das ist die Mahnung, die das 25jährige Jubiläum unseres Fonds an uns ergehen läßt. Unser Bekenntnis zu Erez-Israel, zum jüdischen Volk wird erst zu sinnvollem Zweck, wenn wir es durch die Tat beweisen. Erneut geht darum der Ruf atl alle Richtungen im Zionismus und darüber hinaus an alte Kreise des Judentums: Gebt und wirkt für den Keren Kajemeth! Sorgt für Geulah haarez! Der Umschwung in Litauen Kowno, 0. Januar. (J.T. A.) Der Ministerpräsident und Außenminister Prof. Wolde niaras teilte den Pressevertretern mit, die Regierung habe beschlossen, die Gesandtschaft in Amerika auszubatien und den gegenwärtigen Generalkonsul Dr. R a b i n o w i c z seines Amtes zu entheben. Die Amts* enthebung von Dr. Rabinowicz, sagte der Premier Woldemarns weiter, geschieht nicht etwa wegen mangelnder Qualifikation, sondern deshalb, weil er Jude ist und die amerikanischen Litauer sich in ihrem Stolze verletzt fühlen, daß ihr Land nicht durch einen echten Litauer vertreten ist. Wie erinnerlich, hat die frühere fortschrittliche Regierung beschlossen, aus Erspaningsrücksichtcn die Gesandtschaft in Washington abzubauen und den Generalkonsul Dr. Rabinowicz, der seinem Lande große Dienste erwiesen hat, mit der Führung der diplomatischen Geschäfte zu betrauen. Dieser Beschluß wurde nun von der neuen Regierung in sein Gegenteil verkehrt. Polytheismus. Denn der Polytheismus besteht nicht in der Vielgötterei, die wir bei den antiken Dichtern finden; auch der Heide, der betet, meint den einen Gott, den er gerade anspricht. Aber der Polytheismus besteht in der Vorwegnähme der Gestalt, in der Beschränkung des Göttliehen. Die Thcophanie im Dornbusch ist von R sicher so verstanden worden, daß hier der Sinn des Tetragramms aufgeschlossen wird. Die Gotfesvorstellung wird herausgehoben aus der Beziehungswelt und hineingestellt in das wirkliche Ich-Du-Verhältnis. Hier geschieht etwas, was über die ganze Geistesgeschichte der Menschheit entscheidet. Der Vortragende verstand es, die Zuhörerschaft mehr als zwei Stunden zu fesseln. Der zweite Teil des Vortrags, für welchen der erste die Voraussetzungen aufbaute, war ein in seiner geschlossenen Logik mächtig ergreifendes, großartiges Beispiel moderner, auf genauer Durchdringung des Text- Wortes und allgemeiner religionsgeschichtlicher Erkenntnis beruhender jüdischer Exegese. Das Beispiel zeigt auch, wie man Bubers Bibelübersetzung lesen muß. Ein flüchtiges Lesen, das an der Besonderheit der Worte vorbeisieht, eröffnet keinen Einblick in das gewaltige Werk geistiger Deutung, das hier vollbracht wurde. Die Worte selbst enthalfen Exegese und Kommentar. Auch dem Kenner der hebräischen Bibel kann in vieler Beziehung diese Uebersetzung das Verständnis für die Bedeutung des Urtextes erschließen. Die beiden kleinen Säle waren überfüllt und es herrschte eine geradezu erstickende Atmosphäre. Kann die Hochschule nicht dafür sorgen, daß bei solchen Vorträgen, für deren Veranstaltung ihr aller Dank gebührt, für bessere Ventilation oder einen luftigeren Raum gesorgt wird? ' W. Die Hebräische Lehrervereinigung in Palästina hat soeben eine neue Zeitschrift ״Hed Hamorim“ veröffentlicht, welche den Interessen des Lehrerberufes und der hebräischen Schulen in Palästina gewidmet ist Jehoasch gestorben N e w Vor k . 10. Januar. (J. T. A.) Der jüdische Dichter Jehoasch (Schlojme Blumgarten), ist heute an Herzschlag plötzlich gestorben. Jehoasch, der hervorragendste Repräsentant jiddischer Lyrik, in den letzten Jahren als Ueberselzer der Bibel ins Jiddische hervorgetreten, wurde im Jalire 1870 in dem Städtchen Wcrszbolowa im Gouvcrnement Stnvalki geboren. Er genoß eine gründliche Ausbildung im Tainttid und religiösen Schrifttum. Dann bildete er sich an der Haskala-Literatur, las die Werke Smolenskis, Gottlobers usw. 1885 schickte ihn sein Vater in die Jeschiwah nach Woloschin, wo er aber nur kurze Zeit blieb. Er lernte moderne Sprachen und eignete sich europäische Bildung an. Sein Schwager, der hebräische Schriftsteller und Verleger, Ben Avigdor, entdeckte sein Talent als Lyriker und führte ihn J. L. P e r e z zu, der eine Reihe seiner Lieder in der ,,Jüdischen Bibliothek“ veröffentlichte und dem Talent des jungen Dichters in einer Einleitung hohes Lob zollte. 1890 ging Jehoasch nach Amerika, wo er ein Jahrzehnt lang im praktischen Leben tätig war. 1900 erkrankte er ernstlich und ging zur Heilung nach Colorado. Hier entsanu er sich wiede* seiner Begabung und schuf eine Reihe Dichtungen, die in dem Journal ״Zukunft“ veröffentlicht wurden und großes Aufsehen erregten. 1907 gab er seine gesammelten Lieder heraus. In derselben Zeit begann er mit seiner Uebersetzung der Bibel ins Jiddische. Die bisher erschienenen Teile, die die New-Yorker Tageszeitung ״Der Tag“ in Fortsetzungen veröffentlicht, gelten als Meisterwerke jiddischer Stilistik, seine IJebertragungsmethode begegnet aber andererseits auch einer gewissen Kritik. Er veröffentlichte auch ״Jüdische Volkslegenden“ und ״Balladen“, die eine Sonderstellung in der neuen jiddischen Literatur einnehtnen. 1910 begründete er den Verlag ״Jehoasch“, in welchem seine gesammelten Werke erschienen sind. Gemeinsam mit Dr. Ch. S p i w a k gab er ein vielbeachtetes Wörterbuch der im Jiddischen gebräuchlichen hebräischen Redewendungen heraus. Jehoasch ist auch als englisch er Lyriker und Schriftsteller hervorgetreten, ohne jedoch beim englisch lesenden Publikum jene rauschende Anerkennung zu finden, die ihm von den jüdischen Massen dargebracht wurde. Houston Stewart Chamberlain Der vor einigen Tagen in Bayreuth in Richard Wagners Villa Wahnfried verstorbene antisemitische Ideologe Houston Stewart Chamber lein, gehörte zu den im deutschen Volke meist gelesenen Schriftstellern. Insbesondere sein Hauptwerk ״Die Grundlagen des 19. Jahrhund c r t s“ haben die Mentalität der ersten deutschen Generation des 20. Jahrhunderts in stärkstem Maße beeinflußt. Um die Jahrhundertwende fanden Lehren, die die Kompliziertbeiten der gesellschaftlichen Erscheinungen auf eine ein- 7ige, wenn auch wissenschaftlich unhaltbare, Formel brachten, weitgehenden Anklang. Diese Erscheinung war nicht nur bei den rechtsgerichteten Kreisen der europäischen Bevölkerung, sondern auch in anderen Lagern zu beobachten. Aus diesem Grunde wirkte die Chamberlainschc Formel von der Bedingtheit alles historischen Werdens aus Rasse und Blut auf die ungeheure Zahl der halb und viertel Gebildeten faszinierend. Der Suggestion seiner zweifellos blendenden Darsteliungsgabc unterlagen selbst kritischere Geister, geschweige denn romantische Gemüter. Chamberlains Buch war geradezu die Bibel des deutschen Bildungsphilisters. Viel zur Verbreitung dieses Werkes trug der ehemalige deutsche Kaiser Wilhelm II. bei, der dieses Buch sozusagen als neue deutsche Bibel empfahl. Es wurde sogar ein Fonds geschaffen, um das Chamberlainschc Werk weiten deutschen Kreisen zugänglich zu machen. Die Saat, die Chamberlain ausgestreut hat, ist denn auch hoch in die Halme geschossen: alle völkischen Richtungen in Deutschland sind die geistigen Nachfahren der ״Grundlagen des 19. Jahrhunderts“. Es besagte sehr wenig, daß man durch kritischwissenschaftliche Analysen die Haltlosigkeit der Chamberlainschcn Behauptungen bewies und so die Wirkung seiner Darlegungen auf die breite Masse zu entkräften versuchte: das blendend geschriebene Werk Chamberlains fand, wohl in Anbetracht der vorhandenen Disposition, innerhalb des deutsehen Bürgertums mehr Liehe und Verständnis als die gewiß wertvolleren Kritiken, welche gegen Chamberlain aufmarschierten. Wenn auch die Macht der Chamberlainschcn Argumente nicht mehr so wirksam ist wie vor 25 Jahren, der Geist Chamberlains lebt heute noch, ni<J1t nur bei den Halbgebildefen, sondern weit bis in die Kreise der deutschen Hochschulen. m. w!