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Jüdische Rundschau · 1927-01-11 · Heft 3 (11.1.1927) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 3 (11.1.1927)
Date
1927-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 3 ' JÜEDISCHE RUNÖSCHAU Seite t« Brief aus Polen ״Misrachi" — Revisionisten — ״Freiheit“ und ״Gordonjah“ — Neue zionistische Zeitungen. v (Von unserem Korrespondenten.) -g. Warschau, Ende Dezember. Den rechten zionistischen Flügel in Polen bildet der ״Mistach»“. Er ist nicht nur die Partei der religiöszionistischen Juden, sondern auch — in seinem Auftreten sowohl auf rein zionistischein als auch landespolitisehem Gebiet — rfie Partei des sozialen und politischen Konservatismus. So hat sich in Polen eine Identifikation herausgebildet, welche dem Misrachigedanken insofern schadet, als dadurch fler Zufluß junger, intellektuell hochstehender Kräfte gehemmt wird. Di« dürfte unseres Erachtens eine der Ursachen der relativen Schwäche der Misrachiorganisation hierzulande sein. Die starke Misrachivertretung aus Polen auf den letzten zio* ttisäschen Kongressen war mehr Schein als Wirklichkeit. 1111 Lande ist die Organisation in den orthodoxen Massen noch wenig populär. Der polnische Misrachi (auch die Zeirei- Misrachi) hat sich eng mit der vierten Alijah verbunden, die er ideologisch zusammen mit dem ״Eth Liwnoth“ verteidigt, und deshalb bekommt er heute, nach dem Zusammenbruch dieser Immigrationswelle die Folgen sehr hart im Organija torischen zu spüren. Dies ist vom zionistischen Standpunkt zu bedauern. Der ״Misrachi“ hat in Polen, ־wo Hunderttausendc gesetzestreue, im Grunde genommen national empfindende Juden leben, eine große Mission zu erfüllen. Der ״Agudah“, die hier verhältnismäßig stark ist, gilt es energisch, mutig und ehrlich entgegenzutreten. Davon spürt man alter recht wenig. Die am 19. De/einber in Warschau versammelte Parteiratssitzung des ״Misrachi“ hat sich von diesem traurigen Zustande Rechenschaft abgegeben. Die Führer des Misrachi bestätigten, daß das eigentliche Arbeitsgebiet: die Propaganda des Misraehigedankens zwischen den Orthodoxen, vernachlässigt wird und eine Reihe von Beschlüssen nnd Resolutionen organisatorischer Natur sollen schon demnächst diese Sachlage ändern. Oe bereits beginnende Schekelkampagnc wird hoffentlich dem Misrachi neuen Schwung geben. * Die am Vorabend der Revisionistentagung in Paris abgchaltene Landeskonferenz der Revisionisten in Polen hat in der hiesigen zionistischen Oeffentlichkeit kein starkes Echo gefunden. Die Einberuter erhofften von der geplanten Anwesenheit Jabotinskis bei dieser Konferenz eine große Demomtration für das revisionistische Programm. Da aber Jabo tinski verhindert war, schon jetzt nach Polen zu kommen —- seine Ankunft wird für Mitte Januar angekündigt —, blieb der starke ״Sturm“ aus. Ohne Jabotinski ist aber die Revisionistengruppe in Polen sehr arm sowohl an Menschen als auch an eigenen Ideen. Bisnun 'hat sich dieser Gruppe, mit Ausnahme des bekannten Dichters Jakob Kahan, keine nennenswerte zionistische Per- Ärmlichkeit angeschlossen. Die schwach besuchte Konferenz wiederholte in ihren Referaten und Resolutionen die bekannten Gedankengängc Jabotinskis. Eine der Resolutionen stellt fest, daß die Haupt- Ursache des Mißlingens der vierten Alijah ״das Fehlen der unbedingt notwendigen politischen Vorbedingungen für eine große Landkolonisation“ war. Sehr charakteristisch scheint uns zu sein, daß Dr. Kahan, welcher in seinem politischen Referat betonte, die Forderung hach einer jüdischen selbständigen Legion in Palästina habe nichts mit Militarismus zu tun, gleichzeitig der Meinung Ausdruck gab, daß ״außerdem die Legion eine große Bedeutung als physischer und moralischer Erzi ehe r d es Vol k es“ habe. Zu erwähnen ist ferner, daß einer der führenden Revisionisten in Polen, Red. Einhorn, gegen Jabotinski polemisierte, Indem er warnte, alles vom ״Gerechtigkeitsgefühl Englands“ zu erhoffen und meinte, es sei politisch viel gescheiter, andere Mächte, z. B. Frankreich oder sogar Rußland (Krim), gegen England ausztispielen. Eine eigene Note erhielt die Revdsronistenkonferenz in Polen durch die Forderung an den Weltverband der Revisionisten, ״einen Plan auszuarbeiten, wonach, ohne den Rahmen der Zionistischen Organisation zu sprengen, die Revisionisten als Opposition die Möglichkeit einer großzügigen politischen Propaganda nach außen und innen bekämen“. Dem Einfluß des Vorsitzenden Dr. Kahan ist es, scheint's, zu verdanken, daß die Konferenz noch eine zweite Forderung an ihren Weltverband stellte, auch das hebräische Kulturprogramm mit in das ״Revisionsprogramm“ einzubeziehen, da auch in dieses Tätigkeitsgebiet der Geist des Aktivismus eindringen muß. Ueberhaupt war die Konferenz mit dem Namen ״Revisionismus“ nicht sehr zufrieden und verlangte in einer Resolution Umänderung in ״A k t i v i s m u s“ und das Schaffen überall innerhalb der revisionistischen Vereinigung ״aktivistischer“ streng disziplinierter Gruppen, die die Kerntruppe des Rcvisionismus bilden sollen. ALs Organisation ist die revisionistische Gruppe in Polen gegenwärtig noch sehr schwach. Es ist aber nicht sehr schwer, vorauszusagen, daß Jabotinskis Tournee in Polen nicht ohne Wirkung bleiben wird. * in den letzten Tagen hielten auch die links/ionistischen Jugendorganisationen ״Freiheit“' (Poale Zion) und ״Gordonjah“ ihre Tagungen ab. Die in Warschau ziisainniengetretcne Landeskonferenz «1er ״Freiheit“ bestätigte nur die in unserem letzten Brief ausgesprochene Meinung. Es wiederholten sich auch diesmal stürmische Szenen und Protestrufe, als der Vertreter der ״Achduth Ffaawodah“ die Konferenz hebräisch begrüßen wollte. Zum Zeichen des Protests gegen solche antihebräische Demonstrationen einer palästinazentrischen Arbeiterjugcridbewegung verzichtete der Vertreter des Welt- Verbandes ״Hcchaluz“ auf sein Begrüßungswort. Solche antihebräische Manifestationen seitens der ״Poale Zion“ sind letztens in Polen auf der Tagesordnung. So z. B. wiederholten sich ähnliche Tumulte gegen die hebräisch sprechenden Hitachduthredner bei der letzten Kreiskonferenz des ״arbeitenden Palästina“ in Siedlce. Der Vertreter des Zentralkomitees des A. P. begrüßte die Konferenz in Jiddisch! * In Lodz kamen die Führer der Jugendbewegung ״Gordonjah“ aus allen Teilen Polens zusammen und besprachen die Ergebnisse der bisherigen cineinhalbjährigen Tätigkeit dieser Organisation, suchten die Erziehungsziele und -wege herauszukristallisieren und entwarfen das Programm fiVr die nächste Zukunfth. Die gefaßten Beschlüsse atmen den Geist des palästinensischen ״Lfapoel Hazai'r“. * Wir haben mehrere Male mit Bedauern fcstgestcllt, daß der Zionismus in Polen eigener Zeitungstribünen entbehrt, wo sachlich und ausführlich inncrzionistischc Probleme behandelt •werden könnten. In dieser Beziehung ist eine Besserung eingetreten. Außer den bereits seit längerer Zeit erscheinenden Parteiorganen der ״Hitachduth“ (״Folk un Land“) und ״Poale Zion“ (״Befreiung“) erscheinen jetzt weder die ״Zionistischen Blätter“ (Organ des ״Al Harniscnmar“) und seit einigen Wochen gibt auch der ״Eth Liwnoth“ ein eigenes Zweiwochenblatt ״D i e zionistische Welt“ heraus. Der Kreis der Mitarbeiter aus Polen in diesen Zeitschritten ist zwar noch beschränkt, aber schon ist eine anregende innerzionistische Diskussion festzustellcn. Ab 1. Dezember erscheint auch das Organ der ״Zeirei- Misrachi“ (״Unsere Stimme“). Demnächst beginnt in Warschau unter persönlicher Leitung des Abg. Dr. Leon Reich eine jüdische Tageszeitung in polnischer Sprache ״Dzlennik Warszawski“ zu erscheinen. Diese Zeitung wird zionistisch und landespolitisch die Meinungen der gegenwärtigen Exekutive der ostgalizischen Zionisten vertreten. Me nene landwirtschaftliche Kolonisatioa Einer im ״Da war“ veröffentlichten längeren Unterredung seines Jerusalemer Korrespondenten mit dem Leiter des Kolonisations-Dqiartements der Zionistischen Palästina-Exekutive Kaplansky über die Frage der Siedlungen im Kischon- Block ist zu entnehmen, daß die Exekutive nach etwa einen Monat dauernden Verhandlungen bezüglich des neuen Kolon»־ sationsprojektes zu einem Uebereinkommen gelangt ist, das allerdings den vom Kolonisations-Departement vorgeschlagenen Plan nicht zur Gänze akzeptiert. An Stelle der vom Kolonisations-Departement vorgeschlagenen £E 190000 wurden von der Exekutive nur £E 165 000 bewilligt, von denen jedoch in diesem Jahr nur £E 25 000 zur Auszahlung gefangen werden. Die weiteren £E 140000 werden auf die nächsten drei Jahre verteilt. Aus diesen Mitteln sollen 260 Familien, darunter 60 chassidische, denen nach einjähriger Probezeit die Ansiedlung versprochen wurde, angesiedelt werden. Das Kolonisations-Departement führt noch weitere Verhandlungen wegen des Budgets für Vorbereitun gsarbeiten durch organisierte Gruppen, denen im Kischon-BIock Boden zugeteilt war, die aber im jetzigen Kolomsationsplan nicht berücksichtigt werden konnten. Die ukrainische Zeitung ״Dilo“ schreibt in einem Leitartikel, die Beziehungen zwischen Ukrainern und Juden, die sich nach der Ermordung Petljuras durch Scholem Schwarzbarth verschlimmert hatten, bessern sich nun zusehends. Die Lage der Jaden in der Sowjetunion In kommunistischer Darstellung. Moskau, 2. Januar. (J. T. A.) Der vierstündigem Rc4e des Hauptsekretärs der ״lewsektia“, Tschemerinski, die dieser auf der jetzt in Moskau tagenden Konferenz der jüdisehen Sektionen der kommunistischen Partei gehalten hat, sind die folgenden bemerkenswerten Daten zu entnehmen: In den Berufsvereinigungen bilden die Juden 12,8 <y* der Mitgliederzahl, unter den Gewerkschaftsfunktionären bilden sic aber 20,8 0/0. 120000 Mitglieder und Anhänger der Gewerkschäften haben Jiddisch als Muttersprache angegeben. In der Ukraine sind 965 741 Juden wahlberechtigt, in Weißrußland 525 335, in Großrußland 90006, insgesamt gefließen in der Sowjet-Union 1 167 220 jüdische Seelen Wahlrecht. In der Ukraine haben 2,1 #/« der Einwohner kein Wahlrecht, unter ihnen beträgt der Prozentsatz der Juden 46, während diese sonst nur 6,5 «/# der Bevölkerung atjsmachen. Der Prozentsatz der walilrechtslosen Juden gegenüber den Wahlberechtigten beträgt 15. Die gleiche Erscheinung des hohen Prozentsatzes der wahlrechtslosen Juden ist auch in Weißrußland und Zentralrußland zu beobachten. Tschemerinski erklärt diese Erscheinung damit, daß unter den Juden ah städtische Bevölkerung schwer festzustellen sei, welche sieh fremder Arbeitskraft bedienen. Denn solche genießen in Rußland kein Wahlrecht. Eine zweite Ursache ist die Gleichgültigkeit eines gewissen Teils der Juden in der Erlangung des Wahlrechts. Tschemerinski erklärte, daß sich die Lage der Juden in den kleinen Städten in den letzten zwei Jahren betriebtlieh gebessert hat. Immerhin haben die Untersuchungen ein trauriges Bild erbracht. Verbesserungsmaßnahmen wurden ergriffen, Komitees für gegenseitige Hilfe wurden ins Leben genifen. Im Jahre 1926 waren in der Ukraine 456 jüdische Schulen, die von 75000 Kindern, das sind 40«0 aller jüdischen schulpflichtigen Kinder, besucht waren. In Zentralrußland bestanden 1924/25 96 jüdische Schulen mit 13000 Kindern. In Weißrußland bestehen 147 jüdische Erziehungsanstalten mit KW» Kindern, das sind 50»/« der jüdischen Gcsamtschülerzahl. In der Ukraine bestehen 600 Fortbildungskurse für Erwachsen«■, in Zentralrußland 168, in Weißrußland 50. Es existieren ferner acht jüdische pädagogische Lehranstalten, eine jüdische Abteilung beim Ödessaer Pädagogium, eine solche bei der Moskauer und bei der Minsker pädagogischen Fakultät. Als Resultat der neuen ökonomischen Politik verstärkten sich in den Städtchen die klerikalen und nationalen Elemente, die einen Kampf gegen die Sowjetschule führen und C h e d a r i tn , illegale Jeschlwoth usw. begründen. Man müsse die Sowjetschule so entwickeln, daß sie dem Kinde eine allgemeine und praktische Vorbereitung fürs Leben gibt und dem Klerikalismus ein Gegengewicht bietet. Im klerikalen Lager »st eine Verlebendigung bemerkbar, die jüdischen Gemeinden entwickeln sieb und schließen sich zu Verbänden zusammen, ln der Ukraine bestehen 1003 Kehiloth mit 437137 Mitgliedern. Diese führen einen Kampf gegen die Sowjetschulen und gegen die religiöse Freiheit. (Freiheit? — A. d. R.) Zu diesem Zweck fand sogar eine Konferenz der Rabbiner, die ein Exekutivkomitee gewählt hat, statt. Am einflußreichsten sind hierin die Moskauer und die Leningrader Gemeinde. Die Bothe Midraschim werden von den jungen Leuten stark besucht. Weser Klerikalistnus wird vom Ausland stark unterstützt. Der Redner kam zum Schlüsse, daß der antireligiöse Kampf verstärkt werden und einen planmäßigen Charakter annehmen müsse. Die rassische ״schwarze Hnadert“ in Parts Dieser Tage begann in Paris die berüchtigt gewesene russische Pogrom-Zeitung ״Der zweiköpfige Adler“ neu zu erscheinen. Das Blatt stellt sich unter die Flagge des Großfürsten Nikolai Nikola je witsch und gibt als Hauptziel an: Organisation eines Selbstschutzes für das russische Volk gegen Knechtschaft und Vergewaltigung seitens des internationalen Judentums. JMische und arabische Sozialisten Die palästinensischen Zeitungen veröffentlichen Berichte über eine am 17. Dezember stattgehabte Tagung des ״J cliu d“- Klubs, einer Vereinigung jüdischer und arabischer Sozialisten, die sieh mit der Frage der Vereinigung der beiden Internationalen und der Umwandlung der Histadruth in eine binationale Organisation, ferner mit dem Vorschlag der Wiedereingliederung der sogenannten ״Fraktion“ in die Histadruth I befaßte. (Ziko.) Die Bibel als Erzähler Bubcrs V o r t r a g. Man kann den Ort schwer bestimmen, die geistige Schicht, in der Martin Bubers Vortrag sich bewegte — ein Vortrag, keine Rede; Wissenschaft eher als anderes, aber für Wissenschaff noch zu sehr Schau und andererseits zu sehr beiseitelassend, was ein Teil des Publikums bereits als gesicherte Erkenntnis mitbrachte und voraussetzte: diejenige Seite der Mythenforschung, die von psychoanalytischen Gegebenheiten ausgehend die Realität des Mythos in inneren Geschehnissen fundiert sieht, in prä-geburtlichen Erlebnissen des Menschen oder in anderen, ähnlichen — des Menschen als Mitglieds des genus hotno, aber in jedem Einzelnen vorliegend, dank des typischen Sachverhalts, daß jeder Mensch im Mutterleibe seine Zeit lebt, seine Erfahrungen hat, seine Aengste erleidet. Diese ganze Sphäre beiseitelassend, polemisierte Buber gegen eine Entstehuiigslehre des Mythos aus der Phantasie, die heute im allgemeinen als wesenlos gelten kann. Dies nur erwähnend, weil man es muß, gilt es nun, das wirklich Neue, die zentrale Entdeckung Bubers über das erzählerische Prinzip der Bibel, darzusteilen. Es ist nicht weniger als das Aufzeigen kompositorischer Methoden in den einzelnen Berichten und Stücken des Textes, und zwar einer durch waltenden Methode (später werden sich noch andere finden), die aber an sich schon einen einheitlichen Geist des biblischen Erzählens feststellt. Einen Geist, nicht eine Form oder eine (philologische) Metrik gleich dem berühmten parallelismus membrorun» oder Homers ständigen Formeln. Denn Buber zeigt an den zitierten oder besser, in großer Weise vorgetragenen Stücken, daß an den wesentlichen Stellen, um deretwillen, eine innere Schau bedingend, der betreffende Bericht überhaupt erst erzählt wird, eine neue, andersartige Wortsphäre erregterer und tieferer Art mittels Entsprechungen verwandter und bindender Wortgruppen den epischen Ton durchbricht. Hierin, sehe man, liegt die anfangs erwähnte Schwierigkeit, die geistige Schicht m bestimmen in der Bobers Erkenntnisse stehen: weder Theologie noch Aesthetik noch auch Philologie, sondern jene Ebene, in der die wesentlichen Erkenntnisse zu finden sind, bevor die Wissenschaften sich teilen. Daß Buber über das Wesen des Erzählens eine ganze Gruppe grundlegender Wahrheiten aussprach, die man heute als epischer Dichter in die Köpfe der öffentlich Meinenden einhämmern möchte, versteht sich für den, der ln Bubers Büchern von jeher das Wissen um die Bedingungen des Dichtens und der Künste gefunden hat — bald da bald dort, stückweise, stets gesehen. Ueber das Epische muß überhaupt einmal im Zusammenhang geschrieben werden, und vielleicht ist die neue Bibelübersetzung hierfür ein guter, sicher ein in großartigem Sinne würdiger Anlaß. Denn eins ist gewiß: diese Uebersetzung, wo sie im Einzelnen auch noch durch Uebertreibung den Laienleser befremde, ist eine bewiesene Arbeit. Sie hat der Bibel plötzlich Ton, Höhe und bogenhafte Gespanntheit eines antik-meditcranen Heldenepos gegeben, des Epos von den Begegnungen der Adamssöhne mit dem Göttlichen, und enger ausgedrückt, das Heldenlied von den Begegnungen «1er Abrahamssölme mit ihrem Göttlichen. Es ist nicht mehr das Hausbuch des Alltags, auch keine Prosabibel mehr, es ist pathetischer Sprechstil, echtes, großes Epos — und für die des doppelbödigen Lesens Kundigen eine neue Welt. Daher haben die von Buber gesprochenen Stellen vielleicht tune Anzahl Ohren geöffnet — was allein schon eine fruchtbare und fortwirkende geistige Ursache wäre. Buber selbst aber weiß wohl am besten, daß es ihn und Franz Rosenzweig auf eine neue Ebene hob, als sie, vielleicht halb unahnend, dieses Werk anfaßten. Arnold Zweig. Soeben erschien in Jerusalem im Verlage ״Tarbuth“ ein hebräisch« Werk ״Haphilosophia schel Imanuel Kant“ (״Die Philosophie Imanuel Kants“) von Dr. Hugo Bergmann. Rainer Maria Rilke Das Wesen des verstorbenen Lyrikers Rilke ist in hohen» Maße ans dessen Blut und dem Milieu seiner Kindheit zu erklären. Ahes, müdes Adelsblut in sagenumwitterter Umgebung des alten Prag, mit seinen winkligen Gäßclien und Hinterhöfen »»nd mit seinen Legenden (in denen auch jüdische Motive, wie das vom hohen Rabbi Löw und dem Golem mitspielen), mußten die Seele dieses empfindsamen Dichters beeinflussen. Als Prager hatte Rilke sozusagen naturgegebene Beziehungen zu Juden und jüdischer Art. Dieser ganz deutsche Dichter hat vor 15 oder 20 Jahren einen großen Einfluß auch auf einen Kreis junger westjüdischer Zionisten ausgeiibi, die in der mystischen Innigkeit seiner Lyrik verwandte Gefühlsmomentc fanden wie in der zionistischen Romantik der Hinwendung zu alten Bindungen des Blutes und des Geistes. In den ״Neuen Gedichten“ finden sich einige Gedichte, deren Stoffkreis im Alten Testament liegt. (Alle Werke Rilkes, bis zu den letzten Sonetten an Orpheus, sind im Insel-Verlag, Leipzig, erschienen.) Als köstliche Probe Rilkescher Kunst sei nachstehend das Gedicht ״Josuas Landtag“ wiedergegeben: So wie der Strom am Ausgang seine Dämme durchbricht mit seiner Mündung Uebermaß, so brach nun durch die Aeltesten der Stämme zum letztenmal die Stimme Josuas. Wie waren die geschlagen, welche lachten, wie hielten alle Herz und liände an, als hübe sich der Lärm von dreißig Schlachten in einem Mund; und dieser Mund begann. Und wieder waren Tausende voll Staunen wie an dem großen Tag vor Jericho, nun aber waren in ihm die Posaunen, und ihres Lebens Mauern schwankten so, daß sie sich wälzten, von Entsetzen trächtig und wehrlos schon und überwältigt, eh sies noch gedachten, wie er eigenmächtig zu Gibeon die Sonne anschrie: Steh!

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