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Jüdische Rundschau · 1927-01-04 · Heft 1 (4.1.1927) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXII (1927)
Issue
Heft 1 (4.1.1927)
Date
1927-01-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 5 Nr. 1 Die Fortsetzung einer Debatte Von Sch. Gor eI i k. Dem westeuropäischen nationalen Juden und Zionisten ist wenigstens eine Sorge erspart geblieben: die Sorge um die Entwicklung der jüdischen Literatur und um den Stillstand, den diese Literatur gegenwärtig aufweist. Aus dem Komplex jüdischer Probleme, die den westeuropäischen Zionisten innerlich beschäftigen, fällt das Literatur־ und Kunstproblem aus. Wohl ist in den zukünftigen Möglichkeiten und Träumen auch eine blühende nationale Kunst vorgesehen. Aber eine wirklich warme seelische Beziehung zu diesem Problem hat er nicht, kann er auch nicht haben, weil er die Entwicklungsgeschichte der jüdischen und hebräischen Literatur in den letzten 40 bis 50 Jahren nicht mitgemacht und miterlebt hat, weil die beiden Sprachen, in welchen die jüdische Literatur verkörpert ist, dem westeuropäischen Zionisten noch immer fremd sind. Das geistige Schicksal der westlichen jüdischen intellektuellen ist an das Wohl und Wehe der jüdischen Literatur nicht gebunden. Nach einer oder zwei Generationen wird es vielleicht dahin kommen, wenn der Traum und die Hoffnung Palästinas verwirklicht wird. Vorläufig aber ist die Beziehung des westlichen Juden zu den Fragen jüdischer Kunst wohlwollende Neugier. Auf diesem geistigen Gebiet kann er, nach der ganzen Lage der Dinge, nur in der Eigenschaft eines freundlichen Betrachters auftreten. Hätte die jüdische Literatur Veranlassung gehabt, große Feste zu feiern, dann wäre die Rolle eines bloßen Zuschauere und Betrachters von Nachteil gewesen. Da das aber nicht der Fall ist, eher das Gegenteil, so ist ihm, wie gesagt, eine Sorge erspart geblieben, erspart das viele Nachgrübdn darüber, warum diese Literatur an Ideen und Geist so arm ist und warum nur einige bedeutende Namen aus früherer Zeit zu verzeichnen sind, dagegen die Gegenwart von einer erschreckenden Oede ist, daß einem manchmal um die Zukunft bange wird. Warum soll aber der westeuropäische nationale Jude und Zionist, der sich die momentan herrschende wirtschaftliche Krise iii Palästina mit Recht so zu Herzen nimmt, nicht wenigstens wissen, daß es noch andere Krisen gibt, geistige Krise», von denen einmal zu sprechen Pflicht ist? Und nur, um einen Einblick in die geistigen Nöte und Bewegtheiten des ostjüdischen Intellektuellen von heutzutage z« gewähren, seien die nachfolgenden Gedankengänge, der Fortsetzung einer Debatte entnommen, der Aufmerksamkeit des Lesers empfohlen. Es handelt sich nämlich um jene Debatte, die aus Anlaß des Gastspiels der ״Habimah“ von einer Gruppe jüdischer Menschen geführt wurde, und die abgebrochen wurde, als man von dem speziellen Theaterthema ״Habitnah“ auf das breitere allgemein-literarische überging. Man war gerade dabei, zu erörtern, ob in dem Haften der jüdischen Literatur und jüdischen Kunst nur am Vergangenen die besondere Anziehungskraft und die Größe eben dieser Vergangenheit zu erblicken ist oder ob nicht diese Tatsache auch Schwäche und Mängel der Talente vermuten läßt. Ueber diese Frage nun wurde die Debatte fortgesetzt und diesmal war ihr Hauptführer einer der besten, jetzt immer *«Mener gewordenen Loser guter, bfedeüteiider Bücher, der noch dazu recht altmodischen Auffassungen über die priestcrliehe Sendung des Schriftstellers und über die erzieherische Kraft, die der Literatur obliegt, huldigte. Dieser Sonderling litt unsäglich darunter, daß!™der jüdischen Literatur große Beispiele fehlen. Er wurde sogar manchmal etwas lästig durch sein ewiges Monieren, durch seine ewige Unzufriedenheit. Da man jedoch wußte, wie diese Fragen ihn seelisch angingen, da man auch wußte, daß er zu dem aussterbenden Typus des vorbildlichen europäischen Lesers gehörte, bcfleißigste man sich großer Aufmerksamkeit, und Stille trat ein, als er zu sprechen anfing: Zu erörtern bleibt hier nicht allein der Umstand, warum die jüdische Literatur das Tor des Städtchens nicht zu überschreiten wagt und sieh nur immer gut tut an der Schilderung einer Lebensform, die als verschwunden gilt. Es muß auch gesagt werden, daß diese verschwundene Lebensform in ihrer Tiefe und in ihrer vollen Bedeutung nicht erschöpft worden ist. lieber Milieuschilderungen, über Stintntungsbilder, über Folklore ist die jüdische Literatur nicht hinausgegangen. Nur durch diese Art hat der jüdische Schriftsteiler zum Leser gesprochen und selten einen einzelnen Menschen, eine einzelne Persönlichkeit in den Mittelpunkt seines Werkes gestellt. Es gibt keine Namen einzelner Helden in der jüdischen Literatur, die für Altes kämpfen oder Neues verkünden. Dabei hat sich der Jude der näheren wie der ferneren Vergangenheit immer an die einzelne Persönlichkeit geklammert und a!1 ihr emporgescliaut. Versammelten sich ein paar Juden in einer freien Stunde, was hörte man anderes als die Erwähnung großer Namen. Immer hieß es dann: der Maharal, der Rivol, der Ari Hakodesch und dann der Ljadjcr, der Apter, der Kosnutzer. Namen, Namen. Große Persönlichkeiten, Beispiele. Auch die Vergangenheit ist nur im Malen des Alltags und Festtags verkörpert. Aber wo sind die großen Juden, wo sind die Rabbonim, die Maggidim! Wie eine Synagoge in Sklow, in Dubnow ausgesehen hat, weiß ich aus der Literatur des jüdischen Städtchens, aber den Dubnower Maggid sehe ich nicht. Perez hat sich in Fragmenten verzehrt, der große Wurf ist ihm niemals gelungen. Noch keiner hat es gewagt, die Epoche des großen Kampfes zwischen dem Wilnaer Gaon und Reb Schneur Salman als Thema für ein künstlerisches Zeitbild zu wählen. Aber von Szenen, wie man zu einem Rabbi wallfahrtet, wie man an seinem heiligen Tisch sitzt, sind in meisterhaften Skizzen zur Genüge vorhanden. Immer Nebenfiguren, immer Milieu, niemals aber eine zentrale Figur, die wirkt, die mitreißt, durch die alte und neue Zeiten sprechen. Dieses Unvermögen wurde der jüdischen Literatur zum Verhängnis. Die Vergangenheit hat sie nicht erschöpft, die Gegenwart ist in ihren interessantesten Momenten unbeachtet gelassen und ganz gewiß vermochte sie nicht, Visionen einer Zukunft zu vermitteln. Und dieses Unvermögen hat die erstaunliche Ideenverarmung der jüdischen Bücher bewirkt. Die russische Literatur hätte niemals die Weltbedeutung errungen, niemals das Herz der Menschheit dermaßen in Bewegung gesetzt, bestände sie nur aus solchen an und für sich meisterhaften Werken wie den ״Schriften eines Jägers“ von Turgeniev oder ״Die Nächte bei Dikanka“ von Gogol. Sie hat durch einzelne Persönlichkeiten gewirkt und zu der Welt gesprochen. Turgeniev hat den Rudin, den ßazaravv gegeben, Dostojewski den Myschkin, die Karamasows und Tolstoi den Ljewin, den Nechljudow. Durch diese und andere Helden sind die gewaltigstcn Gedanken, die Leidenschaften der Liebe, des Hasses, der Gerechtigkeit der Welt übermittelt worden. Nicht durch die geniale Epik, nicht durch die erstaunliche Kleinmalerei hat die russische Literatur gewirkt, sondern durch die heißen Monologe und Dialoge ihrer Helden. Es genügt nur, das Wort Bazarow auszusprechett, und eine Kulturepoche wird schon erhellt. Ihr wißt, worum es sich handelt. Es gibt keine Namen in der jüdischen Literatur, außer Tewje, dem Milchmann. Es ist eine Literatur ohne Helden, und die, die da sind, sind stumme Helden. Nie, nie ist der jüdische Mensch in dem jüdischen Buche zu Wort gekommen. Ich höre darüber klagen, daß in dem unlängst erschienenen Roman von Bistritzki ״Tage und Nächte“ die Chaluzim unendliche Gespräche führen. Ich habe diesen Roman noch nicht gelesen, aber wenn darin nicht einfaches Schwatzen vorkommt, so möchte ich ausrufen: ״Laßt doch den jüdischen Menschen, den modernen jüdischen Menschen, den sehnsüchtigen, den hoffenden, den besessenen, laßt sie doch alle einmal auch in einem jüdischen Buche sprechen. Im Leben hören wir den Juden vH und oft sehr Interessantes reden, aber niemals in dem ,.kiischen Buche. Ich habe vor vielen Jahren auf einer kleinen Station in der weiten russischen Provinz, wo wir wegen Zugverspätung eine Winternacht bleiben mußten, einen alten jüdischen Studenten so sprechen hören, daß mir jene Nacht unvergeßlich geblieben ist. Er saß vor mir und sprach so viel Gewaltiges, Glühendes, Anziehendes, daß ich gar nicht merkte, wie es hell wurde. Schon damals dachte ich: Wo ist der jüdische Schriftsteller, der solche tiefen, leidenschaftlichen Gedanken durch seinen Romanhelden ausdrücken läßt? Ich traf ihn zwar, jenen Studenten, in einem Buche verkörpert, aber es war kein jüdisches Buch, cs war ״Der Zauberberg“ von Thomas Mann. Leo Naphta, der gewaltige, überlegene Opponent Settembrinis war es, der mich an meinen zufälligen jüdischen Nachbar in jener russischen Winternacht erinnerte. In den letzten vierzig Jahren hat das Ostjudentum an den zwei Haupt- Strömungen des vergangenen Jahrhunderts, an der sozialistisehen und der nationalen Idee auch seinen Anteil genommen. Große Scharen begeisterter Jugend haben ihr Leben diesen beiden Ideen gewidmet. Unter ihnen viele hochinteressante Menschen, viele begabte, komplizierte, manchmal auch tragische Seelen. Ich frage nun: Wo findet man diese Menschen, die jüdischen Sozialisten wie die Zionisten i« der jüdischen Literatur auf irgendeine erwähnenswerte Art gestaltet? Da ist der Schriftsteller An-Ski zum Beispiel, der diese Menschen kannte, unter ihnen lebte, eigentlich einer von ihnen war, An-Ski, der ehemalige Sekretär Lawrons, aber eine Gestalt oder eine Gruppe aus dieser Epoche in einem Werk festzuhalten, dazu langte es bei ihm nicht. Er schrieb den ״Dybuk“, nicht weil er an das Wesentliche herangehen wollte, sondern weil es leichter war. In eine Seele wie die des Gerschuni war es schwerer, sich zu versenken als in die eines Chonon. Er schrieb den ״Dybuk“, weil hier seinem kleinen Talent — in Dingen des Geistes soll unerbittliche Strenge und Wahrheit walten, dämm ist es keine Beleidigung, wenn man auch dem toten An-Ski, der übrigens ein inniger, feiner Mensch war, mittelmäßiges Können nachsagt — so viel Hilfe zu Gebote stand: Tanz, Musik, Gesang, Folklore. Leichter, leichter war es. Und alle haben dieses Leichte gewählt. Nun, da nichts mehr auf diesem Gebiete der Idyllik, der Kleinstadtromantik, der Folklore zu schaffen ist, trat eine Leere ein, die unheimlich wirkt. Die ungeistige Welte, die über die ganze Leserwelt gekommen ist, hat natürlich auch den jüdischen Leser ergriffen und ihn auch dem Buch entfremdet. Aber was ist seine Unlust zum Geistigen gegenüber der Unlust des Unvermögens derer, die zu den Schaffenden gehören, derer, die die jüdische Literatur repräsentieren sollen! Freunde! ich werde traurig, wenn ich darüber nachdenke. Vielleicht findet sich in unserem Kreis jemand, der mich trösten kann, indem er mich widerlegt. Ich werde versuchen, es zu tun, erwiderte ein bekannter Kenner der jüdischen Literatur, aber in der Weise, daß ich das von Ihnen Vorgebrachte und Geschilderte nicht abstreiten, sondern erklären will. Ihre Anklage ist scharf, und es ist Zeit, daß auch der Verteidiger hervortritt und ein milderndes Wort sagt. Was wollt ihr? Schon nach den ersten Tagen der Aufklärungsepoche waren große Teile der jüdischen Intelligenz auch in Rußland zu den anderen übergewandert. Scholem Ateichem war im Zweifel, ob er jiddisch schreiben sollte. Diejenigen, die sich der europäischen Bildung zuwandten, verließen die Volkssprache. Die jüdische Literatur war und blieb bis auf den heutigen Tag im wahren Sinne des Wortes eine Volksliteratur. Die ganze jüdische Intelligenz in Rußland, die nationale, die zionistische inbegriffen, hat den Hauptteil der geistigen Nahrung von anderen Literaturen bekommen. Die Scharen, die die Jeschiboth von Mir, Tels und Woloschin überfüllten, ließen sich zuerst von den Maskilim, von Lilienblum, Smolenskin, Gordon aufklären, hernach aber, als sie Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure wurden, segelten sie mit einem unvergleichlichen Tempo in die Arme der Assimilation. Ein kleiner Teil nur blieb. Es schmerzt Sie die Feststellung, daß die interessante, komplizierte jüdische Persönlichkeit, die doch im Leben vorhanden war, in der jüdischen Literatur nicht gestaltet wurde. Scholem Ateichem, der eine schlichte Seele, ein gutes, warmes Auge, ein noch wärmeres Herz und ungewöhnliches Talent hatte, konnte nur schlichte, warme, herzensgute, tragikomische Juden schildern, Juden, die er um sich sah, mit denen er tagtäglich verkehrte. Das Volk konnte er schildern. Jeder Kompliziertheit war Schoten! Aletchem, wie fast alle jüdischen Schriftsteller, völlig bar. In eine problematische Seele hinunterzutauchen, vermag weder er noch die anderen, die nur mit klaren, ungetrübten, frommen jüdischen Seelen zu tun hatten. Die Oerschunis? Sie haben die Bezirke jüdischen Lebens, jüdischer Wirklichkeit verlassen. Ehe problematischen Naturen wie auch diejenigen, die sich auf solche verstanden, haben das schmale Ufer unseres Flusses verlassen und sind zum großen russischen Strom hinübergesegelt. Da ist 2. B. ein Wolynski, der erste, der den Russen die wahre Bedeutung und Größe Dostojewskis entdeckt hat (Mereschkowski kam erst nachher), der wunderbares über Lionardi da Vinci geschrieben hat (und dafür zum Ehrenbürger der Stadt Milan ernannt wurde). Ja, diesen Wolynski, ein leidenschaftlicher Disputant, ein Dialektiker und Fanatiker der Kunst, er fing an, in russisch-jüdischen Zeitschriften unter seinem richtigen Namen Flekser zu schreiben. Alsbald aber verließ er uns. Und da ist der bedeutende, sehr bedeutende Gerschensohn mit dem Rabbiantlitz und dem unvergleichlichen russischen Stil, den die besten russischen Schriftsteller als klassisch bezeichnen. Den Russen entdeckte dieser Jude viele geistige Schätze, die sic unbeachtet ließen. Unter seiner Feder tauchte das alte Moskau mit den Massonen, Dekabristen, Voltairianern auf. Als seine letzte Stunde kam. bat er, man sollte seinen toten Leib in jüdische Gebettücher einhüllen. Aber bei Lebzeiten wollte er nur im großen russischen Strom seine Kräfte erproben. Auch das Ost- Judentum traf das harte Schicksal, Zeuge zu sein, wie der größte Teil der Intelligenz abwandertc. Dessen ungeachtet schuf es eine Literatur in zwei Sprachen, die nur nicht anders sein konnte, wie sie ist. Sie mußte also im ganzen genommen eine schlichte, volkstümliche Literatur sein, ohne besondere Tiefe, aber von großer Herzenswärme. Einige Namen trotz der Schlichtheit, trotz der Begrenztheit, haben bedeutenden Klang. Manchmal, sehr selten zwar, gelang sogar ein größerer Wurf. Und als das jüdische Volk eines Dichters bedurfte, der ihm Worte des Zornes, aber auch Worte des Trostes geben soll, siehe da, ein solcher Dichter kommt, um die große Sendung zu erfüllen. Er kommt nur wegen der paar Gedichte. Alles andere, was er schreibt, ist schlicht, warm, eine kleine, herzensgute Welt. Und er kann schweigen und sich auf anderen Gebieten betätigen. Er kann schweigen, weil die Sendung, zu der er einmal berufen war, ausgeführt wurde. Die paar Gedichte, die Worte des Zornes und des Trostes, die wir nötig hatten und haben, sind da... Laßt es gut sein. Die jüdische Literatur ist eine bescheidene Volksliteratur. Ein verwöhnter Leser, einer, der an der Literatur seine Seele bilden will und gar Genesung sucht, hat hier nicht viel zu erwarten. Mit Verlaub — ließ sich die Stimme des ersten wieder vernehmen. Ihre Verteidigung der jüdischen Literatur ist sonderbarer Art. Sie wirkt viel entmutigender als meine Anklage, und die Milde, die Sic walten lassen, ist demütigender als die Forderungen, die ich aufdränge. Wahrlich! Ich bin hoffnungsvoller als Sic, denn ich behaupte wenigstens, daß unser jüdischer Leser, der bei uns geblieben ist, also nicht der verwöhnte, der besonders anspruchsvolle, sondern der gute, mittlere Leser in seinen geistigen Bedürfnissen höher ist als die Literatur, die ihm geboten wird. Wenigstens den tieferen Leser, den ungenügsamen, ließ ich zu, und darin! ist auch ein Schimmer der Hoffnung zu erblicken. Sehen Sie denn selbst nicht ein, daß in Ihrer Verteidigung ein unverkennbarer Pessimismus verborgen liegt, wenn nicht gar eine Ironie? Nein, Sie irren — antwortete der zweite —, ich bin nicht Pessimist, ich bin nur bescheiden, ich bin nicht hochmütig, d. h. ich komme nicht mit großen Mustern der Weltliteratur, die in unserem Fall anzuwenden zwecklos ist. Zwischen unseren Schriftstellern und unseren Lesern besteht völlige Harmonie. Im übrigen mache ich Sie darauf aufmerksam, daß die Uebertreibung, über die man sich bei uns beklagt, der größten Aufrichtigkeit entspringt. Für den New Yorker jüdischen Arbeiter, der jiddisch best — wird er es noch lange tun? —, ist David Pinsky wirklich der große Schriftsteiler. Und wenn Sie einen Liebhaber der hebräischen Sprache über einen mittelmäßigen hebräischen Aufsatz ״nifla, nifla“ ausrufen hören, so wisset, cs ist die Aufrichtigkeit selbst. Ueber das Theaterstück ״Der Golem“ von Leiwik werden bei uns tiefsinnige Vorträge gehalten. Dieser Leiwik, dem man dichterische Begabung und einige Nachdenklichkeit nicht absprechen darf, gilt als sehr tiefer Geist. Auf dem Vorhandensein einer volle« Harmonie zwischen dem jüdischen Leser, Schriftsteller und Kritiker möchte ich bestehen. Keine Ursache für den jüdischen Schriftsteller, geistige Einsamkeit zu erleiden, denn er eilt nicht voraus, er hält Schritt mit seiner Lesergemeinde. Und Beidizewski? — fragte einer aus dem Zuhörerkreis, etwas verärgert über den sonderbaren Verteidiger dar jüdisehen Literatur. Seine Einsamkeit - fuhr der Opponent fort —- war nicht die Einsamkeit des Unverstanden- oder Mißverstandenstins, es war keine tragische Einsamkeit, die ihn zwang, abgesondert von der jüdischen Welt zu leben. Bei Berdizowski handelt es sich wahrscheinlich um Fragen der geistigen Bequemlichkeit; durch sein Schaffen jedenfalls war die Einsamkeit nicht bedingt. Berdizewski wurde von allen sehr gut verstanden, und er konnte eigentlich in Warschau inmitten unseres Volkes leben. Friedlich, bar jeder Tragik ist unser« Literatur, weil sie nur Volksliteratur ist, weil sie vorläufig nur erste Hilfe zu leisten imstande ist. Bei Perez allerdings können Sie einige ernste Stunden verweilen und bei Achad Haam einige gute Ratschläge in Sachen des nationalen Empfindens holen. Im großen und ganzen doch nur erste Hilfe! Hier muß ich aber Einspruch erheben — sagte ein alter hebräischer Leser, dessen langer Bart vor Erregung zitterte. Sie nennen erste Hilfe das, was für viele von uns entscheidend fürs ganze Leben war. Die Bücher und Aufsätze, die Sie als Volksbücher m bezeichnen belieben, waren, als w׳ir sie in unseren Dörfern und Provinzstädten zu lesen bekamen, eine Offenbarung für uns. Einverstanden, einverstanden! wehrte lächelnd der sonderbare Verteidiger ab -־, das soll der jüdischen Literatur zugute gehalten werden. Ganz besonders muß betont und hervorgehoben werden, daß trotz der Armut, trotz der geringen geistigen Mittel, die zur Verfügung standen, die jüdische Literatur doch zu tiefem Nachdenken über jüdisches Schicksal, jüdische Zukunft und auch zu edlen Taten verhelfen hat. Die Debatte, die eigentlich nur ein Dialog war, wrurde noch lange geführt, und als sie zu Ende war, konnte sich der versammelte Kreis nicht entschließen, wen von den beiden Sprechern er vorziehen sollte: den Ankläger oder den Verteidiger der jüdischen Literatirr. Me Hinrichtangen in Kowno Berlin, 30. Dezember. (J.T. A.) Nachdem die litauische Regierung erklären ließ, daß die vier zum Tode verurteilten Kommunisten begnadigt worden waren, wird nunmehr offiziell zugegeben, daß die Hinrichtungen vollstreckt worden sind. Unter den Hingerichteten befand sich der 26jährige Bäcker Refuel Tscharni, rin Jude. Zu lebenslänglichem Kerker verurteilt wurde der 32 jährige jüdische Schriftsetzer Hirsch Feiwusch Abramowitsch. Alle Verurteilten beteuerten ihre Unschuld und unterschrieben ein Gnadengesuch. EXe Vereinigte Synagoge von Amerika, die sich bekanntlich zum Ziel setzte, in Jerusalem rin allvveltliches Synagogen- Zentrum zu errichten, hat von dem griechisch-orthodoxen Patriarchat in Jerusalem ein weitläufiges Bodenareal zwecks Errichtung des Synagogenzentrums käuflich erworben.

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