Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-12-23 · Heft 100-101 (23.12.1926) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 100-101 (23.12.1926)
Date
1926-12-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652875--18780-2676583
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 100 101 jUEörSCHE RUNDSCHAU Seite 735 Arbeit ausführliche Würdigung. Eine wichtige Ergänzung zu dieser Schrift bildet die von dem tschechischen Statistiker Dr. Jan Auerbach kürzlich veröffentlichte Arbeit über die sprachlichen Minderheiten in Europa, in der der Verfasser aut Orund eingehenden Studiums die Verhältnisse der Minderheiten in den europäischen Staaten darstellt. Seine Untersuchungen, die überall auch die jüdischen Verhältnisse berücksichtigen, erstrecken sich vor allem auf den Schutz der Grundrechte, den Gebrauch der Minderheitensprache und die Vertretungen in den gesetzgebenden und Selbstverwaltungskörperschaften und führen zu der Erkenntnis, daß die Lage der Minderheiten keineswegs überall befriedigend ist Die Auswahl der besprochenen Schriften mag gezeigt haben, daß der Völkerbund noch vor großen Aufgaben steht, deren Lösung sowohl für die Gesamtheit der Völker wie auch für das jüdische Volk insbesondere von entscheidender Bedeutuag ist. Zn einer abstrusen Schritt Ober die ״Jndentrage“ Von Gerhard Holdheim. Die Literatur über die ,.fudenfrage“ hat allmählich fast!edes Interesse, zumindest jede Spannung verloren. Was an deen und Begründungen geboten werden kann, scheint bereits gesagt. Die hier zu besprechende Schrift*) gehört zu den Ausnahmen. Liest man die ersten Seiten, so muß man glauben, einen zionistischen Autor zu vernehmen. Wenn man aber dann schließlich merkt, daß die zionistische These nicht zu erwarten ist, so zerbricht man sich den Kopf, auf welche ״Lösung“ der Verfasser eigentlich hinaus will. Zuerst findet man Formulierungen, wie sie treffender und prägnanter kaum einer von uns prägen kann. Der Gegensatz zwischen Deutschtum und Judentum wird als eine nationale und keineswegs religiöse Verschiedenheit erkannt. (S. 6). Und in einer sogar übertriebenen Zuspitzung wird von ״zwei deutlich unterscheidbaren, voneinander abgegrenzfen Kulturkreisen“ gesprochen (S. 7). Prachtvolle Worte hören wir dann über die Metaphyslic des Volkstums: ״Hinter jedem echten Volkstum steht ein Geheimnis, daß die Zeugung, Geburt und Charakter des Einzelindividuums der verstandesmäßigeil Erfassung und den logischen Mitteln der Beweisführung nicht zugänglich ist. Jedes Volkstum wurzelt im Metaphysischen und sein inteliigibier Charakter ist unwandelbar mit seiner Existenz gegeben.“ (S. 8.) Und wie aus unserer Theorie des Antisemitismus entnommen, heißt es, daß ״der Judenhaß in dem Maße verschwinden wird, in dem das Judentum sich körperlich und Seefisch regeneriert und fest umrissene, klare Ziele verfolgt. Oese Neubelebung ist eine Arbeit der Selbsterziehung, die das Judentum zunächst allein zu vollziehen und die von seinen besten Vertretern auszugehen hat. Selbsterkenntnis und Glaube sind die unerläßlichen Grundlagen dieser Entwicklung. Erhofft das Judentum Befreiung und Zukunft, so muß es erst wissen, was es ist und was es will.״ (S. 29.) Was kann jemand anderes als Zionismus wollen, der ״von der tiefen inneren Unwahrhaftigkeit״ des nationaldeutschen Judentums spricht, das ״den ungeheuren Gegensatz In der metaphysischen Grundlage beider Völker leugnet und dem Judentum Ziele weist, die es nie und nimmer erreichen wird und erreichen soll?“ ($. 32.) Hört und staunt: Der Autor fordert, daß Deutsche und Juden in ihren edelsten Vertretern sich zusammenfinden und ein ״neues Christentum deutscher Nation“ etablieren. Das ist nach des Herrn Rosenfeld Meinung keineswegs eine Assimilation der Juden an die Deutschen, sondern eher das Umgekehrte. Denn das wahre aber seine Lehren sieh za eigen gemacht habe. Wogegen der Autor meint, daß die christlichen Völker, insbesondere das deutsche, aus ihrer völlig heterogenen Geistesart den ״Llebesgedanken“ niemals zu verwirklichen gesucht haben und letzten Endes Heiden geblieben sind. Die große Frage deutscher Zukunft sei es, ob die deutsche S?e!e den ״Stirb und Werde“-Prozeß vollziehen wolle. ״Wer auferstehen will, muß sterben, und alle Geburt kommt aus dem Tode.“ (S. 41.) Es ist erschütternd, zu sehen, wie jüdische Menschen die offensichtlich ehrlich mit sich ringen, die Verlogenheit der Assimilationsidee erkennen und ihr auszuweichen sich bemühen, zu grotesken, ihrem geistigen Niveau so völlig widersprechenden Ergebnissen kommen müssen, da die natürliche Konsequenz aus den von ihnen richtig erkannten Voraussetzungen ihnen unannehmbar erscheint. Warum aber eine nicht kleine Zahl wertvoller Menschen den Weg zum Zionismus nicht finden kann, ist eine Frage, die wir mit großem Ernst an uns selbst richten müssen. Daß es Böswillige gibt, die die zionistische Konzeption nicht verstehen wollen, braucht uns nicht aufzuregen. Ebensowenig haben wir Grund zum Erstaunen, wenn Juden, die ihrem Judentum bereits völlig entfremdet sind, die Zionisten als Finsterlinge ansehen, die den kulturellen Fortschritt stören und den Juden das Glück ihrer Einbürgerung rauben wollen. Wenn aber eine Kategorie, die mit der Erker.ntnis des nationalen Zusammenhanges den ausgesprochcnen Willen zum Judentum verbindet und der absi'htlichen Verleumdung gewiß ganz unverdächtig ist — wenn der-• artige Menschen den Zionismus in eine Stufe mit der deutschvölkischen Bewegung steilen und von uns glauben, daß wir ״einen lebendigen Entwicklungsprozeß durch künstliche Maßnahmen in ein früheres Stadium zurückzuversetzen versuchen“ (S. 39), so sollte uns das zu denken geben. Wir müssen hieraus lernen, wie unvollkommen es uns bisher gelungen ist, die Idee des Zionismus gerade in jene Kreise vorzutragen, die ihrer ganzen Anlage und Empfindungswelt nach in unserem Lager stehen müßten. Für Menschen von der geistigen Art Rosenfelds wäre wahrscheinlich ein wohlverstandener Zionismus die Rettung aus einem hoffnungslosen seelischen Chaos. ״Kirjafeh Sepher“. Die Vierteljahrsschrift der Jüdisehen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem ״Kirjath Sepher“, ist diesmal als Dopnelnummer ln erhöhtem Umfange von 10 Druckbogen erschienen. Die Nummer enthält wie gewöhnlich Nachrichten der Bibliothek, eine Bibliographie der Palästina-Drucke und der Neuerscheinungen *uf dem Gebiete der Judaistik und folgende Studien: J. L. Fleischer: Ueber Sepher ha-Jessod und Sefat Jeter von R. Abraham ibn Esra; D. Sassoon: Saadia ben Joseph der zweite: ״J. Rivkind: Saloniki-Drucke; J. Sonne: Zwei Ausgaben des Machsor Sabionetta-Cremona 1557—1561; B. Levin und S. Ernst: Bemerkungen zu dem Artikel von Herrn Spivakj S. Neuhausen: Glosse; C. Roth: Das Buch ״Derecn Hachajim“ von R. Joseph ben Jahja. Außerdem enthält das Heft zwei Drucke aus den Handschriften der Bibliothek. G. Scholem ediert ״Dis Buch der Palme“ des Abu Aflah von Syracuse auf Grund der in der Bibliothek vorhandenen Handschrift unter Vergleichung mit der Pariseih und Münchener Handschrift. B. Dinaburg veröffentlicht Briefe von S. J. Rappaport aus der Zeit seines Prager Aufenthaltes. Die Zeitschrift ist durch die Jüdische National- und Uni verritätsbibliothek in Jerusalem erhältlich. Der Abonnementspreis beträgt 10 Shilling jährlich. *) Hans Rosenfeld, Deutschtum und Judentum, Leipzig 1925, Der Neue Geist-Verlag, Dr. Peter Reinhold. . Aus Briefen von Dr. Adalbert Sachs Aus den Briefen Dr. Sachs, die uns ein Freund des Verstorbenen in Deutschland zur Verfügung stellt, entnehmen wir folgende Stellen: Jerusalem, den 20. Mai 1925. .... Ebenso wie die Schwierigkeiten des hiesigen Lebens nicht in Briefen, die viel zu kurz dazu sind, dargelegt werden können, so kann auch nicht mit Worten gesagt werden, worin die Befriedigung, die man hier empfindet, eigentlich besteht Sie besteht aber! Ich freue mich, dies Dir mitteilen zu können. Das Leben ist hier weniger abstrakt. Trotz vieler Kleinstädtercien und Fehlen vieles Oroßzügigen pulsiert es doch sehr stark und es nimmt einen mit und läßt an ein otium cum dignitate nicht denken, wofür man ja auch wohl noch etwas zu jung ist. Das Land ist in vollstem Aufschwünge; viele Kräfte werden noch nicht zur eigentlichen Wirkung kommen, vieles wird sich als Schemen erweisen, aber vieles wird bestehen bleiben und wird sich entwickeln, und die Juden werden — wenn nichts anderes — die Kolonisatoren von Vorderasien geworden sein. Ob alles zum Nutzen der Juden selbst sein wird, niemand kann es wissen. Bei aller Notwendigkeit einer guten Politik wird auch hier der kategorische Imperativ seine große Rolle spielen. Man muß wissen, was man zu tun hat. Ebenso wie der zionistische Gedanke viel zti schablonenhaft war, indem er sich ausrechnete, daß bei dieser Methode oder jener der neue jüdische Mensch kommen müßte, ebenso schablonenhaft ist es, wenn jetzt die Agudah beginnt, sich für die Sache zu interessieren und meint, daß, wenn sie festhaltend am starren Dogma in Palästina arbeiten wird, daß dann die jüdische Lehre neue Quellen wird springen lassen. Auf die wirkliche Entwicklung werden vorgefaßte Meinungen keinen großen Einfluß haben. Was sonst noch: De praktischen jüdischen Führer sind immer noch sehr staatssozialistisch. Sic stellen sich immer roch den Aufbau im wesentlichen im Verwaltungswege aus Keren Hajessod-Oeldern vor. De Kooperativen werden immer noch sehr geschätzt; ihre Leistungen haben sich zum Teil sehr gebessert. Es mehrt sich aber auch das private Kapital, Talent und die initiative und der smarte Geschäftsmann! Letzterer allerdings selten und nicht zu smart. Städte werden nach festen Plänen gebaut, viel privater Boden wird gekauft usw. Aber ich schrieb ja im Eingang und das wiederhole ich: Vieles wird vergehen, vieles wird bleiben; daß es die Juden gemacht haben, wird die Geschichte nicht bestreiten, und daß sie damit in gewissem Sinne zu Wohltätern zurückgebliebener Menschenmassen geworden sind, ist vielleicht genug? Aber niemand wird Jetzt schon sagen können, was sie für das Judentum getan haben. Es würde sich noch verlohnen, darüber zu schreiben, inwieweit man durch Einbeziehung der umliegenden Länder in den jüdischen Arbeitekreis den Export sicherstellen, den politischen Einfluß vermehren, die Einwanderung vergrößern könnte. Ich habe darüber einige Gedanken! Einen kleinen Ausschnitt aus dem hiesigen Leben! Zirka 14 Tage hat sich hier die Malariakommission des Völkerbundes aufgehalten. Vorsitzender der deutsche Professor Nocht; Mitglieder: ein Engländer, ein Holländer, ein Pole, ein Italiener, der ständige Sekretär in Genf, ein Engländer, und zwei andere. Alles Aerzte! Es kam nun darauf an, den Leuten die jüdische Malaria-Arbeit in ihrem ganzen Umfange vorzustellen. Private Einladungen! Nocht bei uns privat, Diner des Waad Habriuth, der die englischen Behörden, einen Teil der englischen und jüdischen Aerzte und die Kommission einlud, Tee des Jüdischen Aerzte- Vereins in der Universität mit Vortrag von Professor Nocht Wiusky, koscheres Essen usw. —• Die Ansprachen beim Diner des Waad Habriuth und des Tees des Aerztevereins sind hebräisch. An diesen Dingen, die doch eine schnelle Entwicklung der jüdischen Gesellschaft erweisen, können weder die Araber noch die Engländer ohne beeindruckt zu werden, vorübergehen. Die Araber sind in dieser Beziehung in einer mißlichen Lage, sie haben durch die Unterdrückung der Türken nichts modern-kulturelles aufzuweisen, z. B. noch nicht einmal ein einziges aus arabischen Mitteln erhaltenes Krankenhaus. Meine politische Einstellung ist eine proarabische; jeder Chauvinismus liegt mir fern. 2. Juni 1925. .... Was man hier z. B. brauchen könnte, wäre eine Art kleines Langenbeck-Haus mit Projektionsapparat usw., das zugleich Vorlesungshaus für die Universität sein könnte, oder man könnte daran denken, im Herbst einen kleinen Vortrags- Zyklus einiger deutscher Professoren hier abzuhalten, am besten gemischt mit dem einen oder anderen nichtdeutschen Professor. Die Leistung der jüdischen Aerzte würde darin bestehen, die Reise dieser Herren, soweit sie dies wünschen, zu finanzieren. Ich würde mich auch gegen eine gut budgetierte orthopädische Poliklinik — sprich Krüppelfürsorge — keineswegs sträuben. Diese Gedanken sind mein ausschließliches Eigentum! Nimm Dich ihrer an, falls Du Lust hast, für Palästina von den deutschen jüdischen Aerzten aus etwas zu tun. Und dies würde kein Fehler sein Hl — Erster Tag Rösch Haschanah. 19. 9. 1925. Weser Tag im Heiligen Land ist für mich nicht besonders aufregend, ich bin auch hier noch nicht fromm im religiös jüdischen Sinn geworden. In der Tat erlebe ich heute keinerlei Gefühlssensation. Es ist noch s iller als sonst an den Feiertagen. Aber außer richtigen Neologen sind auch die gewöhnliehen Frommen — von den ganz strengen sehe ich ab — nicht sehr fanatisch. Bei uns im Hospital werden alle wichtigen Sachen gemacht, und unser Personal hat gestern Abend nicht ganz so pünktlich mit der Arbeit aufgehört, wie es sein sollte. Mein Sozius ist verreist, ich also allein hier. Durch meine Uebersiedlung und den Aufenthalt hier lerne ich täglich mehr. Meine politische Einsicht, meine Welterkenntnis vermehren sieh, ob ich aber jemals in meinem Alter mit dieser meiner Erfahrungsreife werde jemandem oder einer Sache nützen können? Ich glaube kaum. Es ist vielleicht schade darum. Die jüdische Sache hier ist schwer zu fördern. Das kann nur von äußerem Willen unabhängiges Weltgeschehen. Nur ein dauernder Wille, der große Teile des jüdischen Volks ergreift, hier seine Zukunft sicherzustellen, kann das letztere. Organisationen können nur sehr wenig tun, und was sie tun, ist zu sehr Kunstprodukt. Wie es gekommen sein mag, daß dieser Wille in einem Teil der Juden entstanden oder wieder auferstanden ist, das ist wohl doch das unbekannte teleologische Geschehen iu der Natur. Das Leben hier ist sehr schwer. Meine Frau muß außerordentlich angestrengt arbeiten, sie tut es gern, aber es ist wohl ein wenig zuviel. Auch ich bin angestrengt und bin doch nach Tagesende recht erledigt, obwohl ich noch viel an Schriftlichem und Wissenschaftlichem zu tun hätte, wenn ich größere Wirkung erzielen wollte. Es scheint, daß die Juden, die an der Wiedergeitendmachung des jüdischen Namen mitarbeiten, und das ist doch die landläufige Palästina-Aufbauansicht, besonders schwer frohnden müssen. Es ist dringend notwendig, daß Du kommst, damit Du Dir von all den Dingen eine bessere Vorstellung machen kannst, besser als Ich cs durch Worte erzielen werde. Heute Morgen ging ich wieder eine Stunde durch die alte Sladt. Die Perser, Marokkaner und all diese fremden Juden sieht man, und man kommt zu dem Schluß, es wird ewig ein Buch mit sieben Siegeln sein, was diese Juden hierher gebracht bat. Was ist ihr Wille? Und was hat erst die unzähligen anderen aller Völker und Länder veranlaßt, hier ein Leben in Hitze, Staub und Kümmernis zu führen? Denn arm sind sie geblieben, und das Heilige Land hat an ihrer Armut nichts geändert. Immerhin, was sagst Du dazu, wenn ich Dir schreibe, daß bei uns in der Klinik der Portier der Höhle Machpeia operiert wurde. Ich nenne ihn 80. In Wirklichkeit ist er ein moslemltischer Geistlicher. — Im vergangenen Monat wanderten sehr viele Frauen zum Grabe Rah eis, um dort ihre Wünsche anzubringen. Solche Dinge sind hier so natürlich, als wenn es sich um den schwedischen Pavillon oder Wannsee handelte. Den 21. 4. 1926. Meine ärztliche Tätigkeit hat sich schön entwickelt Sie ist sehr interessant. Ich habe sehr viele interessante erfolgreiche Fälle, mehr als ich in Deutschland je operieren könnte. Werkstatt und Röntgen funktionieren gut, so daß also mit allem modernen Komfort gearbeitet wird. Von diesem Gesichtspunkt bin ich recht zufrieden. Schätze sind noch nicht zu sammeln aus den schon erwähnten Oründen. Durchschnittlieft arme Menschen und Verwöhnung des Publikums durch Gratishilfe. Es kann ja aber auch nicht der Zweck meines Aufenthalts hier sein, neben der innerlichen Befriedigung auch noch große Schätze zu erwerben.? Das Leben hier ist wirklich sehr interessant und sehr ereignisreich. Ke Interessen, die hier verfochten werden und das Streben ist hier so mannigfach, daß man sogar in der Erkenntnis seiner eigenen Linie schwankend wird. 4.9.19m In den illustrierten deutschen Zeitungen lesen wir nur von Sport und technischen Dingen, und es scheint, als ob der Untergang des Abendlandes mit der Entseelung des europiischen Menschen anfängt. Auch sonst haben wir Ja in unserem Alter mancherlei erlebt. Der ziemlich vollständige Zusammenbruch der humanistischen Bildung — und nun die Medizin — die sich um die Pole ״Freund“ und ״Bier“ dreht. Wenn man die medizinischen Zeitschriften durcnblättert und auf jeder Seite den spekulativen Geist erkennt, der zu unserer Zeit sehr verpönt war, so ist dies sehr merkwürdig. Dazu die ungeheure Bedeutung der Röntgenstrahlen, nicht nur in magen- und darmdiagnostischer Beziehung, sondern die Dar- Stellung der Rückenmarktumoren mit. Jodipin, die Enzephalgraphlk usw. Die Wunderdinge, die von dem Verschwinden der Gehirn- und Rückenmarktumoren berichtet werden. Ich habe den Eindruck, als wenn die heroische Zeit der Chirurgie vorüber ist. Sie war auch ein bißchen zu handwerksmäßig geworden, obwohl ich gestehen muß, daß es ein schönes Handwerk war und glücklich jeden schätze, der dieses schöne Handwerk gut versteht. Für unsere Kleinen אברהם ומלמים Abraham und die Götzenbilder. Ein hebräisches Spiel für Knaben und Mädchen. Verfaßt, aufgeführt und in deutsche Reime gebracht von Lehrern und Schülern der Höheren Jüdischen Schule in Breslau. (Breslau 1926,_Jüdischer Jugendverlag.) wer den Mangel an wirklich brauchbaren Spielen für die jüdische Jugendbühne kennt, wird diese anspruchslose Szenenreihe mit Freuden begrüßen. Die schlichten Bilder lehnen sich an die Erzählung des Midrasch Rabba nach Bialiks Wiedergäbe an; der ungenannte Verfasser hat dem hebräischen Spiele die deutsche Darstellung der Sage in Herders Fassung vorausgeschickt, und neben den hebräischen Zellen erscheint eine '8ehr;hiiwche.־lfeaTbeftuhg-d#:Steffö'־fi1 , deutschen die von einem zwölfjährigen Quartaner der Breslauer Höheren Jüdischen Schute verfaßt wurde — alle Achtung vor der Schule, die »lche Quartaner hat! Da sich auch die Aufführung mit sehr einfachen Mittein bewerkstelligen läßt, die ein kundiger und sparsamer Regisseur genau verzeichnet hat, und da die einfachen Verse, die meist biblische Anklinge nutzend, äußerst leicht zu lernen sind, wird das kleine Spiel sicherlich manchem jüdischen Kreise in Schule und Haus eine festliche Stunde verschönern helfen. Es ist sehr zu wünschen, daß der Verfasser es unternähme, auch andere biblische Sagen ebenso leicht faßlich und leicht flüssig zu bearbeiten. Des Dankes der jüdischen lugend wäre er sicher. Bertha Badt-Strauß. Walter Triers Kinderbücher. Gute Kinderbücher zu finden ist schwer; auch für jüdische Eltern besteht dieses Problem, und wenn man schon von unserem pädagogischen Gesichtspunkt wenig positiv Jüdisches zu empfehlen hat, sö soll wenigstens von ganzem Herzen empfohlen sein, was die sonst häufigen Fehler vermeidet. Unter dieser allgemeinen Kinderliteratur gibt es wenig, was ich aus menschlichen und ästhetischen Gründen kleinen Kindern so empfehlen könnte wie Fridolins ,,Zauberland“, ״Siebenmeilenpferd“, ״Harlekinder“, die drei im Fridolin-Verlag erschienenen Kinderbücher Walter Triers. Soviel an Freude, die zum Herzen des Kindes spricht, Schönheit die es erfassen kann, wie man hier beisammen hat finden die schaulustigen Kinder selten in ihren Bilderbüchern. Aber auch Erwachsene werden sich gern mit diesen Bilderbüchern unterhalten, denn sie haben es hier mit einem Kunstwerk ersten Ranges zu tun. Phantasie, Humor und wirkliches Können haben sich hier vereinigt. Die Verse von My sind als bescheidene Begleitmusik einfach und gut (Könnte man nicht für uns hebräische Verse dazu erfinden?) ma. Kunstabende. Ara zweiten Abend der Vereinigung ״Berliner Kreis“ las Nora Zepler zwei Abschnitte aus der noch unveröffentlichten Novelle ״Der Versuch“ von Hans Sochaczewer. Ke Frau, um die es sich in dieser Novelle des feinfühligen Erzählers geht, ist die Frau von 30 Jahren, die in diesem kritischen Alter in ihrem Gatten keineswegs den besitzsicheren Mann zu sehen wünscht, sondern den Liebhaber, der neu wirbt. Für diese Gestalt konnte sich der Dichter keine bessere Interpretin wünschen als Nora Zepler. Von den bildenden Künstlern, die der Berliner Kreis gleichfalls fördern will, Interessiert vor allem Raffaello Busoni. Von ihm sah man unter anderem eine schöne handgeschriebene mit Hand kolorierten Lithographien illustrierte Ausgabe des Hohen Liedes, Schir haschirim in hebräischer Sprache. — Im ״Verein Berliner Schriftsteller“, Kurfürstenstraße 11, las Ilse Rackwitz neben Dehmel, George, Ken■ und sehr menschlichen Versen von Gottfried Benn, auch vier Gedichte aus Artur Silbergieits groß angelegtem lyrischen Werk Orpheus. rm. Jüdische Jugendbewegung. In diesen Tagen erschien das 3. Heft der ״Bunaesblätter des Techeleth La wan“, das sich vornehmlich mit der Lage und den Fragen der westjudischen Jugend befaßt. Es enthält u. a. Beiträge von Richard Karpeles, Kurt Löwenstein, Oskar Karpeles, Awrymele Frischer usw. — Das erste Heft der Bundesblätter kann nicht mehr geliefert werden, dagegen wird das 2. und 3. Heft gemeinsam gegen Voreinsendung von einer Mark an Freunde der jüdischen Jugendbewegung gesandt Zuschriften sind an die Hanhallath Techeleth Lawan, Komarov 260 bei Troppau, C. S. R., zu richten.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.