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Jüdische Rundschau · 1926-12-23 · Heft 100-101 (23.12.1926) · page 9

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 100-101 (23.12.1926)
Date
1926-12-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. lOO'lOl JÜEDISCHE RUNDSCHAU Säte 73a Die Redner im Mecca- Tempel in New York Zeichnungen von Schaul Raskin Diese gelungenen Karikaturen sind im amerikanischen ״New Palestine4‘ (sowie im Londoner ״Haolam‘*) nach der ersten großen Versammlung in New York erschienen. Wir nehmen an, daß sie auch unsere Leser interessieren werden. Für die, welche die Personen nicht erkennen, geben wir ihre Namen an (von links nach rechts): Obere Reihe: Judge Lewis, Stefan Wise, Weizmann, Arlosoroff; untere Reihe: Emanuel Neumann, Lipsky. Sic sagen: wie könnt ihr glauben, daß ihr bei der Regierung eure Wünsche durchsetzen könnt, wenn ihr nicht die Exekutive als Fürsprecher habt? Die Exekutive muß begreifen, was für eine revisionistische Wirtschaftspolitik not• tut — und darum unser Kampf gegen die Exekutive, und darum sollt ihr Wirtschaftler unserer Partei beitreten. Richtig und unrichtig. Richtig ist zweifellos, daß die Exekutive bisher durch Ihre unglückliche linkspolitische Zusammensetzung eine Mischung von Animosität, Verständnislosigkeit und In• dolenz gegenüber der städtisch-bürgerlichen Kolonisation zum Ausdruck brachte, richtig Ist, daß man sogar an dem Department für Handel und Industrie (trotz dessen fleißiger Sammelarbelt) bis vor kürzester Zeit nicht die geringste Unterstützung fand, richtig ist, daß selbst das bescheidene Auftreten dieses Departments innerhalb der JLxekutive völlig isoliert blieb und sich nicht durchsetzen konnte, richtig Ist, daß fast alle rio• nistischen Instanzen bis vor kurzer Zeit die Regierung und all ihre Maßnahmen geradezu als trefe ignorierten und ver• gnügt ihren Einfuhrzoll zahlten für Dinge, für welche man nirgends in der Welt Einfuhrzoll zahlt (Irrigations- und Ameliorationsbehelfe z. B.), Produktionssteuer zahlten für Dinge, für welche man nirgends in der Welt Steuer zahlt, richtig ist, daß man bei Abfassung des Memorandums für Oenf eine ganze Reihe selbstverständlicher wirtschaftspoli• üscher Forderungen wieder streichen mußte, weil man sich nicht gut beschweren konnte über die Nichterfüllung von Forderungen, die man noch niemals unterbreitet hatte, richtig Ist, daß es der zionistischen Exekutive überhaupt in bezug auf Wirtschaftspolitik an der richtigen Initiative gefehlt hat — aber sie ist eben auch eine Regierung wie jede andere und hat wie jede andere die Tendenz, eine schlechte Regierung zu sein, solange man sie ,läßt. Nun will der Revisionismus ihr eine aktive Wirtschafts• politik aufzwingen — unrichtig: das ist Sache der Wirt• schaftler, die ihren Druck auf die zionistische Regierung genau so ausüben müssen wie auf die palästinensische, und genau so wie sich herausgestellt hat, daß Mr. Stead gar kein Gegner der Industrie ist, sondern nur über ihre Bedürfnlsse nicht genügend informiert war, so wird sich heraussteilen, daß die zionistische Regierung nicht identifiziert werden darf mit denjenigen ihrer Mitglieder, die etwa im falsch verstandenen Interesse einer v sozialistischen Arbeiterpolitik tatsächlich gegen jede Entwicklung von Handel, Industrie und Banken voreingenommen sind. Von den übrigen darf man allenfalls annehmen, daß sie sich auf wirtschaftlichem Gebiet nicht heimisch fühlen und die Materie nicht gestalten können, aber gegen die Notwendigkeit einer Revision der Wirtschafts• politik (was nichts anderes bedeutet als eine revisionistische Wirtschaftspolitik) wird sich niemand verbarrikadieren. Bleibt also kein parteipolitisches Dogma, sondern eine Personenfrage übrig. Diese hat in den letzten Tagen ein anderes Bild dadurch gewonnen, daß Dizengoff, nach langen Verhandlungen, nun endlich doch in die Exekutive eingetreten ist und ein Department für städtische Kolonisation neu eingerichtet hat Nun ist auch Dzengoff gewiß kein Wirtschaftler, auch er ist weder auf dem Gebiete des Bankwesens noch der Industrie heimisch. Aber er hat es vortrefflich verstanden, zum Exponenten wirtschaftlicher Kräfte ״w werden, und dne *seiner Hauptbedingungen Bildete die Schaffung eines Wirtschafts-Councils, der, von allen Fraktionen unbeeinflußt, nur autoritative und erfahrene Praktiker aus palästinensischen Banken and Wirtschaftsunternehmungen um• fassen soll. Dzengoff ist absolut geneigt, den Ratschlägen dieses Councils Gehör zu schenken und ihnen zu folgen — und damit wird der Wirtschaftsrevisionismus wenigstens ein Telephon zur Exekutive besitzen, und es wird sich herausstellen wie die Verständigung funktionieren wird. Beide Instanzen, die Exekutive wie die palästinensische Regierung werden alsdann dauernd mit Forderungen attackiert werden, Forderungen von seiten der Wirtschaft selbst, und die Exekutive wird den Einfluß, den sie bei der Regierung besitzt, zur Unterstützung solcher Forderungen geltend machen können. Gerade im gegenwärtigen Augenblick haben also die Wirtschaftsrevisionisten keinen übertriebenen Anlaß, sich nach einer Kampfgruppe umzusehen. Da war die Londoner Wirtschaftskonferenz: Gewiß, sie war noch recht schlecht vorbereitet und enthielt bedauerlicherweise das Anleiheproblem wieder in jener Ruppinsehen Form, welche in Palästina schon längst begraben war, bevor sie sich noch unnötigerweise in London einen Totenschein ausstellen ließ, gewiß, sie enthielt noch nicht das vvirt• schaftsrevisionistische Projekt der staatlichen R e p a t r i ierungsanleihe (analog der griechischen und bulgarisehen), aber sie enthielt doch in der Begründung, mit welcher die finanzielle Mitwirkung der Regierung verlangt wurde, vollständig die wirtschaftsrevisionistischen Argumente und voll• ständig das von ״Mischar w’Taassia“ und ״Palestine and Near East“ In den letzten Monaten systematisch gesammelte Material. Daß die zionistischen Vorbereiter der Konferenz darüber hinaus noch kein klares Programm vorlegen konnten, sondern sich wieder großenteils auf allgemeine Konstruktionen beschrankten, ist nicht Schuld der Exekutive, sondern der Wirtschaftler, die mit der Ausarbeitung dieses Programmes nicht rechtzeitig fertig geworden sind. Ich bin optimistisch genug, zu glauben, daß ein solches Programm, von den maßgebenden Wirtschaftlern des Landes getragen, von den zionistischen Vorbereitern jener Konferenz auch ohne Verknüpfung mit einer politischen Kampfgruppe als mindestens so autoritativ betrachtet worden wäre wie ein Anleiheprojekt, das nur von einem Einzelnen getragen und im ganzen Lande einmütig abgelehnt wird. Es handelt sich also nur darum, diese Wirtschaftler zu gruppieren und sie zur, Präzisierung ihres Programmes zu bringen, alles Dnge, die unterwegs sind. Zu• gegeben, daß Jabotinsky ein rascheres Verständnis für sie hat als andere, — so werden sich die Wirtschaftler freuen, wenn er für sie eine günstigere Atmosphäre schaffen wird, ater sie zweifeln nicht daran, daß diese Atmosphäre auch so entstehen muß, denn auf die Dauer gibt es keine Barrikaden gegen den gesunden Menschenverstand in ökonomischen Dngen. Und wie gesagt wird der Council des neuen Department Dizengoff sowohl die Möglichkeit wie die Aufgabe haben, diese Atmosphäre zu schaffen. Was also an irgendwie vernünftigen wirtschaftspolitischen Forderungen und Programmen denkbar Ist, wird im Rahmen dieses Councils eine bessere Basis haben als in irgendeiner ״Partei“. Der Council wird zu allen für städtische Kolonisation richtunggebenden Fragen Steilung nehmen und Beschlüsse fassen, die der Exekutive unterbreitet werden. Nun kann es geschehen, daß in der Exekutive, kraft ihrer Zusammensetzung, oder im Finanz• und Wirtschaftsrat der Zionistischen Organi* sation, nicht wirtschaftliche, sondern innenpolitische Tendenzen vorherrschen werden, gegen welche sich Dizengoff und sein Council nicht werden durchsetzen können. Damit ist' durchaus zu rechnen. Aber könnte da die tevisionisäsehe PärtÄ etöras helfen? Wenngleich sie sehr stark danach tendiert, sich mit einem Wirtschaftsprogramm zu identifizieren, wird sie es nie vermögen, sie ist als politische Partei gezwungen, bei der Aufnahme von Mitgliedern durchaus mehr auf die allgemein zionistisch-politische Einstellung zu achten als auf die Stellungnahme des Betreffenden und seine Urteilskraft in wirtschaftlichen Fragen. Sie wird Mitglieder aus allen wirtschaftlichen und sozialen Schichten enthalten, heterogene Eiemente somit, und es wird in denjenigen Fällen, wo bürgerliehe und sozialistische Wirtschaftstendenzen kollidieren, durchaus mehr auf Mitglieder Rücksicht nehmen, sich beeinflussen lassen und in ihrer Stellungnahme von Zufallsabstimmungen abhängig bleiben müssen als eine Gruppe von Menschen, die, ohne auf ein System von links oder rechts festgelegt zu sein, lediglich durch die gemeinsame Mentalität, gesunde Wirtschaftspositionen zu schaffen, zusammengehalten werden. Ke Wirtschaftsgruppe wird also zur revisionistischen• Partei das gleiche Verhältnis haben müssen wie zu jeder anderen: sie präsentiert ihre Anschauungen, Vorschläge, Forderungen, sie stellt es jeder Partei anheim, davon herauszunehmen was sie will, und bleibt zu jeder Partei, bei der sie Verständnis findet und solange sie es findet, in einem freundschaftlichen Verhältnis, zu jeder anderen Partei in einem gegensätzlichen. Za Jabotfnskys Jugend-Rede Ueber die Versammlung, die Jabotinsk v in Tel-Awiw mit der Schuljugend und Jugendorganisationen abhielt, schreibt die ausgezeichnete Zweimonatsschrift ״Hanoar we- Haarez“, die»von Elieser Rieger herausgegebene Jugend- Zeitschrift folgendermaßen: ״Jabotinsky vergaß während seines Aufenthaltes im Lande auch die Jugend nicht. Nach den vier Reden gegen die zionistische Leitung und gegen die Regierung sprach er vor der Jugend. De Versammlung wurde eröffnet durch die Rede eines Revisionisten, der erklärte, die verschiedenen Jugendvereine im Lande hätten zwar die verschiedenartigsten Ziele, in einer Sache aber seien sie einig: cs fehle ihnen ein Gott, und diesen erwarten sie von Jabotinsky zu bekommen. Jabotinsky weigerte sich nicht. Er erklärte, er habe einen Gott und keinen zweiten daneben, und diesen werde er der lugend zeigen.... Es ist unsere Pflicht, uns zu den grundlegenden Gedanken seines Vortrags zu äußern, aus denen wir gesehen haben, daß Jabotinskys Gott nicht der unsere ist und wir auf seinen Wegen nicht gehen werden. Wir kommen ins Land nicht um einen äußeren Feind zu unterwerfen und nicht um einen Gegner zu besiegen, der mit dem Speer in der Hand uns gegenübersteht, sondern um den Feind zu besiegen, der in unserm Innern wohnt Den Feind in uns, der in der Zeit unseres Galuth uns Seele und Körper verzehrt und uns unserer Schaffenskraft beraubt hat, ihn wollen wir hier 1m Lande überwinden, und im Namen dieser Leistung rufen wir der Jugend zu, daß sie als Pionier vorangehe, wir weben an der Schöpfung, der eine mit dem Pflug, der andere mit der Kelle, der eine mit Hand-, der andere mit Kopfarbeit, und die Wege unserer Schöpfung sind Wege des Friedens und der Kultur, nur darin besteht unsere Kraft. Hüten wir uns, stets den äußeren Feind zu suchen. Ihn fürchten wir nicht. Und wenn es unter uns Leute gibt, die ihn fürchten, so mögen sie wissen^ daß wir ihn nicht besiegen weiden durch das Schwert und nicht dadurch, daß wir ״die Bestandteile des Revolvers kennenlernen und mit ihm umzugehen verstehen“. Nicht damit werden wir ihn besiegen. Und nicht aus Schwäche weigern wir uns, zur Waffe zu greifen, sondern aus Stärke tina im Gefühl unserer inneren Kraft, die wir, nicht für eitlen Wahn vergeuden dürfen. ' 7 יי1' '־■:. Möge es klar sein: mit dem Essen kommt der Appetit, und Wenn wir stets damit beschäftigt sind, uns ״für den Feind vorzubereiten“, dann ist es unvermeidlich, daß diese Vorbereitung den Feind selbst erzeugen wird, und dann. Andere haben bereits vor mir zu dieser Frage gesprochen, aber die Dnge müssen nochmals von dieser Zeitschrift gesagt werden. Wir bereiten uns im Lande alle zum Kampf, ja seit 30 bis 40 Jahren sind wir im Kampfzustand, ab*r unser Kampf ist die Arbeit und der Friede ist unser Sieg. Und wenn ein Mann kommt, und uns lehrt, unser Weg sei, das Schwert zu ergreifen, dann sagen wir ihm, daß er irrt, und das Volk irreführt, und daß nicht er der Führer der Jugend sein wird, denn 6eine Lehre ist eine Irrlehre, ein Götzendienst, dem wir nicht gehorchen werden.“ Sitzung des Landesvorstandes dar Z. V. L D. Der GeschäftsfUhrende Ausschuß hat in seiner Sitzung vom 15. Dezember beschlossen, den Landesvorstand für Spantag, den 30. Januar, zu einer Tagung nach Berlin ebizuberufen. Doppelte Gratulation. Vor ungefähr einem halben Jahre haben wir an dieser Stelle unserem Freunde Louis Lipsky, dem Präsidenten der Zionistischen Organisation Amerikas und Mitglied der zionistischen Weltexekutive, zu seinem 50. Geburtstag gratuliert. Wie sich nun herausstellt, hatte Herr Lipsky damals gar keinen Geburtstag; eine voreilige Telegraphenagentur hatte ihn um ein halbes Jahr älter gemacht Jetzt erst, in diesen Tagen, hat er den Geburtstag wirklich gefeiert. Wir gratulieren also nochmals. Man kann einem Freunde nie oft genug Glück wünschen. In Palästina weilen gegenwärtig: W. S. Culberton, der amerikanische Gesandte in Rumänien; Professor Horace M. Kallen, von der Neuen Schule für soziale Forschung in New York, früher Mitglied der Zionistischen Exekutive in Amerika; Dr. Max Stark, Professor für orientalische Sprachen an der Universität in Wurzburg; Jacob Gesundheit, ein führender Kaufmann und tätiger Zionist aus Kapstadt und Dr. Umberto Zanotti Bianco, ein italienischer Gelehrter und Erzieher. Wir veröffentlichen an anderer Steile einen Aufruf der hebräischen Tageszeitung ״Hazefirah“ in Warschau. ״Hazefirah“ hat vor kurzem nach einer pause von mehreren Jahren wieder zu erscheinen begonnen und ist außerhalb Palästinas die einzige Tageszeitung in hebräischer Sprache. Es bedarf keiner Betonung, daß sie keineswegs nur für das polnische Judentum, sondern für das Judentum der ganzen Welt von Bedeutung ist. Auch die deutschen Juden, die hebräisch lesen können, sollten sich durch Abonnieren der ״Hazefirah“ in die Lage versetzen, daß ihnen die Post jeden Tag eine hebräische Publikation ins Haus bringt, so daß sie immer wieder eine Verbindung mit der jüdischen Welt durch das Medium unserer nationalen Sprache hersteilen können. Im übrigen verweisen wir auf den erwähnten Aufruf. Druckfehlerberichtigung. In dem Artikel ״Antisemitismus als Gruppenerscheinung“ (Nr. 99) muß es im dritten Abschnitt ״Lust“ statt ״Luft“ und rLuststreben“ statt ״Luftstreben“ und in der vorletzten Zeile des fünften Abschnittes ״ein unveränderliches Faktum“ heißen.

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