Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 100-101 (23.12.1926)
- Date
- 1926-12-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652875--18773-2676576- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 728 JU ED! SC HE RUNDSCHAU Nr. 100 101׳ ai zählen. In meinem soviel geschmähten Buche ist auf Seite 29 das Gegenteil m lesen. Die dort von mir gegebene Darstellung kann ich nur aufrechterhalten. Wenn der C.-V. sich der ״stillen, sachlichen Arbeit für die deutschen Volksrechte.“ rühmt, so könnte man immerhin erwarten, daß gewisse Tatsachen zur Bekräftigung dieses stolzen Bekenntnisses eigenen Ruhmes angeführt werden. Davon sieht der Wort* führet des C.-V. aus begreiflicher Bescheidenheit ab. Woran es ihm aber sachlich völlig fehlt, ist die Erkenntnis, daß in jener Zeit deutsche Voiksrcchie gar nicht bestimmter und zweckmäßiger wahrgenommen werden konnten, als indem man sich für jüdische Volksrechte einsetzte. Nicht darum handelte es sich damals entscheidend, im Einzelfalle zur Vermeidung unbilliger Härten eine Erleichterung zu schaffen, sondern lediglich darum, bei der Neuentstehung eines Staatswesens, bei der Schaffung seiner Verfassung, bei der Gründüng des Völkerbundes und dem Abschluß völkerrechtlicher Verträge, bei der Neukonstituierung einer Welt, die aus ihren Angeln gehoben war, ein neues Rechtssystem zu schaffen, nicht nur die Gleichberechtigung für den Einzelmensehen aufreclitzuerhaltcn, sondern auch den natio• nale» Gruppen innerhalb der Staaten nation a 1 e Rechte zu erringen. Daß hierbei irn polnischen Staate Deutsche und Juden gleichstehen mußten, konnte einem begründeten Zweifel niemals unterliegen. Wir hatten deshalb, indem , wir für jüdische Volksrechte eintraten‘, kein Privileg für die Juden gefordert, sondern waren immer davon ausgegangen, und haben dies genügend betont, daß. die jüdischen Volksrechte nur eine selbstverständliche Koti- Sequenz der nationalen Minderheitsrechte überhaupt sein müßten. Die Deutschen christlichen Glaubens haben diese Erkenntnis mit uns aufgebracht und stets und ständig betont; ■nur die deutsche;) Staatsbürger jüdischen Glaubens haben Ihren Blick über den engen Horizont der formalen persönliehen Gleichberechtigung nicht zu erheben venu och t. Und doch — kaum traut man seinem Auge — ist' in dem Aufsatz von Haase von dem Staatsvertrage vom 28. Juli 1919 und von den Rechtsgaranfien zum Schutze der Minderheiten die Rede, und Haase sucht sogar den Eindruck zu erwecken, als ob er und seine Freunde nicht ganz unschuldig an diesen Errungenschaften wären. Auch hier hat der Erfolg der Ideen die Gesinnung ex post geändert. Ist es mehr als naiv, anzunehmen, daß die Erwähnung der Juden Luzatto und Ottolenghi bei dem ״Botschafter“ Montagna — in Wahrheit war er Minister — einen sichtlichen Eindruck gemacht hat, so ist es ein Beweis für Kläglichkeit der Geschichtsschreibung des C.-V., diesen Besuch überhaupt anzuführen. Auch hier kann Ich wiederum auf die Darstellung meines Buches Seite 89 vei v. riscn. Wir hatten eine Audienz bei der Entente-KomtnN'skm, hoben ihr Vortrag gehalten und unsere, in meinem Buche veröffentlichte Denkschrift mit allen allgemeinen und speziellen Vorschlägen überreicht Kaum hatte der C.-V. von dieser Tatsache Kenntnis bekommen, als er es für nö.ig befand, ebenfalls tum Kadi zu laufen. Was die Herren dort wollten, ist unschwer zu erkennen. Für die jüdischen Rechte —־ das sprechen sie heute noch aus — wollten sie und konnten sie nicht eintreten. Für deutsche Rechte einzutreten, ist nach ihrer immer wieder betonten Auffassung, Sache des deutschen Volksrats gewesen» Es bleibt nicht viel anderes als die .;«Äiftil' wtfrarfiwdlftj Vertreter des jüdischen Volksrats zuvor erstrebt hatten. Und trotzdem der Staitsvertrag vom 28. Juli 1919, und trotzdem die Rechtsgarantien zum Schutze der Minderheiten! Wenn der C.-V. diese Fortschritte anerkennt und gleichzeitig unseren Kampf, um diese Rechte herabwürdigt, so spottet er seiner selbst und weiß nicht wie. Mit Haase bin ich darin einig, daß im politischen Leben der Erfolg entscheidet. Haase spricht allerdings vom Mißerfolg der Politik des jüdischen Volksrats pnd glaubt, damit das itärkste Argument ausgespielt zu haben. Bei diesem Urteil ist er jedoch völlig kurzsichtig. Die Politik, die vom jüdischen Volksrat eingeleitet war, hat durchaus nicht Schiffbruch gelitten; sie ist vielmehr siegreich geblieben. Es kommt hierbei nicht darauf an, daß die Personen gewechselt haben, auch nicht darauf, daß die Namen der Organisationen andere geworden sind. Die Grundlage der Politik des jüd sehen Volksrats war die Erlangung der Rechte nationaler Minderbeiten für die Juden im Osten. Daß sie richtig war, ist, solange der C.-V, noch von Männern, wie Eugen Fuchs, geführt wurde, auch vom C.-V. zugegeben worden. In einem Brief vom Dezember 1918 hat der damalige Vorsitzende des C.-V. an den Delegiertentag der Z. V. f. D. geschrieben: ״In ilen Palästina- und ostjüdischen Fragen sind wesentliehe Unterschiede zwischen der Auffassung I es Cent ra!-Vereins und der Zionisten nicht ro;;| h a n d e n.‘‘ Sie ist für Posen auch richtig geblieben ind wird weiter befolgt. Die Juden, die gegenwärtig in den ibgetretenen Gebieten wohnen, haben sich mit den Juden der inderen Teile Polens zusammengetan und führen mit ihnen Bnd selbst mit den anderen Minderheiten den Kampf für die nationalen Rechte gemeinschaftlich. Bei den letzten Stadtverordnetenwahlen in Posen hat wiederum eine nationale Jüdische Liste die jüdischen Stimmen auf sich vereint — allerdings, der Abwanderung entsprechend, ohne den Erfolg eines Mandats. Wo ist dagegen der C.-V. in Posen geblieben? Zum Glück ist die besondere Spielart der ״polnischen Staatsbürger jüdischen Glaubens und deutscher Nationalität“ uns noch erspart geblieben. Die jüdische Minderheit in Polen, geführt durch den jüdi- Bchen Sejm-Klub, hat die parlamentarischen Vertreter sämtlicher nationalen Minderheiten zu einer gemeinschaftlichen Aktion vereint. Im Block der Minderheiten, zu der auch die deutsehen Abgeordneten gehören, stehen die jüdischen Führer. So ist das verwirklicht worden, was von unseren Freunden angestrebt war, als wir den jüdischen Volksrat in Posen gründeten. Die Gleichheit der Interessen zwischen Deutschen und Juden hat zu einem engen parlamentarischen Zusammen* Schluß geführt. Dieser Zusammenschluß ist echt, weil er nicht auf der Unwahrheit einer eingebildeten nationalen Identität beruht. / Der C.-V. schädigt die deutschen Interessen ebensosehr wie die jüdischen, wenn er die Minderheitenpolitik immer noch bekämpft. 60 Millionen Menschen in Europa gehören einer nationalen Minderheit an, darunter 8 Millionen Deutsche und, wenn man selbst die Juden in Rußland und die Juden in den Ländern des europäischen Westens wegläßt (die Westjuden wollen keine nationale Minderheit sein), immer noch 5% Mil- Jkmen europäische Juden! ln 16 europäischen Staaten gibt es deutsche Minderheiten. Sie werden unseren Kampf, der planmäßig und zielgerecht als Kampf um das Recht der Nationen geführt wurde, verstehen und würdigen. An dem Verständnis aller Nationen ist uns gelegen — nicht aber an dem Urteil derjenigen, die ״national tot“ sind. Unsere Klage Zur Schwarzbard-Affäre Von Dr. J. Schechtmann, Paris*). Einer der prominentesten amerikanisch-jüdischen Politiker, Louis Mars ha II, hat vor kurzem auf einer Tagung des amerikanischen Vereinigten Komitees die Schsvarzbard-Affärc berührt und dabei erklärt: Die Ukrainer seien aufgeregt, weil Schwarzbards Verteidiger behaupten, Petljura sei nicht nur offiziell sondern auch persönlich für die Judenpogrome verantwortlich. Er bedauerte auch, daß manche jüdische Kreise Schwarzbards Tat als eine ״nationale Heldentat“ proklamieren. Diese Auslassung eines führenden Vertreters des amerikanischen Judentums kann und darf nicht unbeantwortet bleiben. Die Affäre Schwarzbard und alles, was mit ihr verbunden ist, spielt jetzt eine so große Rolle im jüdisch-öffentlicher! Leben, daß die von Marshall berührten Fragen möglichster Klarheit und Unzweideutigkeit bedürfen. Es sei darum versucht, den Standpunkt jener Kreise, die sich uin Schwarzbards Verteidigung gruppieren, kurz und unverschfeiert zu präzisieren. , Niemand von den vcrantwortlichon jüdischen Menschen hat Schwarzbard als ״nationalen Helden“ proklamiert und seine Handlung gepriesen oder auch nur gutgeheißen. Hätte sich Schwarzbard vor seiner Tat an jemanden aus den führenden jüdischen Kreisen wegen Rat gewendet und sie nach ihrer Meinung befragt, hätten sie selbstverständlich alles getan, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen und seine Tat zu verhindern. Das war jedoch nicht der Fall. Seine Absicht hat Schwarzbard in sich selbst reifen lassen und unerwartet, wie ein Blitz vom heiteren Himmel, fiel sein Schuß. Schwarzbards Schuß hat eine Lawine in Bewegung gebracht Ohne es vielleicht selbst zu begreifen, hat dieser Dichter und Uhrmacher, Anarchist und Freiwilliger der französischcn Armee, indem er seinen Revolver abarückte, p'.ötzlieh vor der gesamten gesitteten Welt das gewaltige und tragische Problem der Verantwortlichkeit für die Pogrome aufgerollt Vier Jahre lang floß in der Ukraine jüdisches Blut Zehntausende von Ermordeten, Hundcritausende von Verletzten und Zugrundegerichteten — irgend jemand hatte doch die Verantwortung für diese Greueltaten! Oder sind jüdisches Leben, jüdische Ehre, jüdisches Gut vogelfrci? Die Vorstellung ist unerträglich: man hat gemordet, geschlachtet geplündert, vergewalligt — und vor keinem regelrechten Gericht wurden in dieser Angelegenheit Untersuchungen geführt, es wurde kein Schritt unternommen, um die wahren Schuldigen festzustellen. Als ob es sich nicht um Zchntausende von Menschenleben handelte, sondern um einen Taschendiebstahl, um ein Vergehen gegen irgendeine sanitäre Vorschrift oder gegen eine Bestimmung der Verkehrsordnung. W i r kennen diese Schuldigen 1 Mit Blut sind in unserem Gedächtnis und unserem Herzen ihre Namen und Taten eingeichrieben. Und wir wollen, daß diese Namen auch der ganzen europäische« Oeffentlichkeit bekanntwerden, daß das Gewissen der gesitteten Welt aufgerüttelt werde und daß diejenigen, deren Hände mit dem Blute Zehntausender befleckt sind, endlieh Gegenstand, der Verachtung aller^ehrlichen^ Leute ta^dar PTischen als ,,EdlfmÄer^"'**'« leiben und gar olitik zu treiben. Jahrelang haben sich die nationalen jüdischen Kreise vr» geblich bemüht, vor irgendeinem europäischen Tribunal öle.(, historische Klage anzubringen. Protestversammlungen, Memoranda, Aufrufe, Bücher — alles ging irgendwo in der Peripherie des europäischen Bewußtseins verloren, zersplitterte an der Gleichgültigkeit des europäischen Gewissens. Und die Pogromhelden und ihre Gönner bleiben unbestraft. Neben uns, in den größten europäischen Kulturzentren, paradieren diese Helden der Pogromzeit und hören nicht auf, jemanden zu repräsentieren und sich als freiheitsliebende Vertreter und Versorger einer unterdrückten Nation zu drapieren — und in unseren Händen sind solche Beweise für ihre Verbrechen, auf Grund derer jedes Gericht ihre Paradeuniform durch einen Sträflingsanzug ersetzen würde; und wir sind machtlos, und es gibt kein Gericht und kein Urteil, und ihre himmelschreienden Verbrechen werden allmählich vom Archivstaub der Vergessenheit bedeckt und werden vielleicht verjähren. Schwarzbards Schuß hat den Lauf dieser Verjährung unterbrachen. Er hat das Gericht des freien Frankreich gezwungen, ein Dossier zu eröffnen, das nur dem Namen nach eine ״Affäre Schwarzbard“ heißen wird. Unter diesem Pseudonym wird endlich unser langerwarteter Prozeß beginnen, und über den Kopf des individuellen ״Mordes auf dem Boulevard St. Michel“, wo bloß ein Mörder und ein Ermordeter beteiligt sind, wird das schauderhafte Bild, ״die Morde in der Ukraine“ erstehen, das Mörder nach Tausenden und Opfer nach Zehntausenden zählt. Eine Einzelperson, Schwarzbard, hat unerwartet das zustande gebracht, was bis jetzt die gesamte organisierte jüdische Oeffentlichkeit nicht vermochte: er hat die Pogromschuldigen und alle, welche Pogrome duldeten, auf die Anklagebank gesetzt. Es ist klar, daß es sich jetzt gar nicht mehr um Schwarzbard und seine Tat handelt, daß wir jetzt nicht ״für Schwarzbard“ eintreten, sondern für uns selbst, für das Blut der Ertnordeten, für das Recht und die Ehre der Lebenden. Und wenn jetzt Schwarzbards Verteidigung seine vollständige Freisprechung erstreben wird, geschieht es nicht, um einen politischen Attentäter von der Verantwortung und Strafe zu befreien, sondern um die Verantwortlichkeit anderer festzustellen — derer, die geduldet haben, daß nicht einer, sondern viele tausende schütz- und schuldloser jüdischer Menschen der Ukraine (^!gemordet werden. Wir wissen, daß nicht nur jene Kreise, die als unsere Gegenpartei im Setnvarzbard-Prozeß fungieren werden, die schwere Pogromsünde auf sich fragen. Nicht nur — um den geläufigen Ausdruck zu gebrauchen — die ״Petljura-Leute“, sondern auch nicht minder die Denikin-Leute, sind mit jüdischem Blut besudelt. Im Laufe des Prozesses werden wir das selbstverständlich auch nicht verschweigen, und vergeblich werden Freunde Petljuras diesen Moment auszunützen versuchen, um die Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. Es wird ihnen nicht gelingen, sich hinter dieser eigenartigen Ausrede zu verstecken. Unsere Klage ist im gleichen Maße gegen Pogromhelden aller Farben gerichtet; gegen die ״weißen“, Freiwilligen von Denikins, gegen die ,.gelb-blauen“ ״Petijurianer“ und die roten“ Bolschewisten des Generals Budenny. Es ist so gekommen, daß der Prozeß gegen die ״Gelb-blauen“ als erster an die Reihe kommt. Für uns ist es aber nur ein ״prozentualer Zufall“ — nicht mehr. Und wir glauben fest, daß, nachdem jetzt die chinesische Wand des Schweigens und der Gleichgültigkeit einmal durchbrochen ist. *) Der Verfasser ist jahrelang Mitglied der Zentralrada und ihres Ausschusses, der ״Kleinen Rada“, in der Ukraine gewesen. nachdem es gelingen wird, das europäische Gewissen einmal aufzurütteln, die Lawine, die einmal in Bewegung gebracht wurde, nicht mehr aufzuhalten sein, und nach den ״Petljurianern“ die öffentliche Brandmarkung sehr, sehr bald die ״Denikin-Leute“ und alle die zahlreichen großen und kleinen Liebhaber und Künstler der blutigen Pogronizimit treffen wird. Unendlich fern liegt uns die Absicht, die uns in demagogischer Weise von einem Teil der ukrainischen Presse zugeschoben wird — ״das gesamte ukrainische Volk auf die Anklagebank zu setzen und die ganze ukrainische Nationalbewegung in der Person ihres Nationaü'.elden Petljura diskreditieren zu wollen.“ Wir haben eine bessere Meinung vom Ukrainertum als diese mehr eifrigen als verständigen ״Verteidiger“. Wir stellen kein Gleichheitszeichen zwischen, den Pogromhelden und dem ukrainischen Volke. Wir sind und bleiben treue und aufrichtige Freunde der ukrainischen Nationalbewegung. Al. er eben darum wollen wir die Wahrheit in der schauderhaften und schändlichen Pogromaftärc zum Vorschein bringen, die wahren Schuldigen feststellen und die fälschlieh Beschuldigten rcinwaschen. Und wäre es einem Manne, der jahrelang in der ukrainischen Nalicmalbewegung arbeitete, einem Mi'glied der ukrainischen Zentralen und Kleinen Rada, erlaubt, einen unverlangten Rat den ukrainischen Politikern zu geben, wäre dieser Rat der folgende: Identifizieret nicht Petljura und seine Satlelliten mit der ganzen ukrainischen Bewegung! Ihre Hände sind mit unschuldigen Blute befleckt, und eine reine Siche verlangt reine Hände! Petliura und alle, die zusammen mit ihm 11 e Untaten der Pogrome geduldet haben, stellen nicht das gesamte ukrainische Volk dar. Nicht nur wir, sondern viele der besten ukrainischen Patrioten haben sich schon längst von ihnen abgewandt. Wir alle, Juden und Ukrainer, sind daran interessiert, den blutigen Pogromnebel zu zerstreuen, der bis jetzt das gegenseitige Verständnis gestört hat. Möge doch der Schwarzbara-Prozeß zu einem reinigenden Sturm werden, der den trüben Nachlaß der Pogromjahre mit sich fortreißt. Mögen die Ukrainer dies begreifen, mögen sie sich nicht von falscher nationaler Eigenliebe blenden lassen und zusammen mit uns die volle Wahrheit suchen. Alles übrige wird schon von selbst kommen. Die Wahlen in Tel-Awiw * Von unserem Korrespondenten. A. G. Tel-Awiw, den 8. Dezember 1926. Nicht einen, sondern drei Tage lang stand Tel-Awiw 1m Zeichen der Muniz'palitätswahlen. Am Sonntag bereitete man sich in allen Gegenden und in allen Lagern in einem großen ״Finish“ vor; am Montag konnte man keine Straße überqueren, ohne irgendwie mit Wahlpropagandisten in Berührung zu kommen; und am Dienstag konnte man in kein Büro, in kein Restaurant, und fast in kein Privathaus treten, ohne mit Rechnungen über die kommenden Koalitionen überschüttet zu werden. Heute ist es ruhiger geworden, und das Fdd wird frei für die nächsten Wahlen, von denen es in diesem gesegneten Winter mehr gibt, als man sich wünschen kann. Die Einwohner der Stadt teilten sich bei der Wahl ln zwei Lager, das eine — das die überwältigende Majorität umfaßte — und sich für die Wahlen einsetzte, das andere, kleine, das gegen die Wahlen agitierte. Neben den Anhängern der verschiedenen Programme, die man am Wahltage überall an der Arbeit sehen kannte, fqnd tnatj hier und da ,ätwäI- . ZahTcfer 'rIatisbesiteer/Äe'fjit den anderen Bärge 1׳ der'Stadt zur Urne gingen. Mit den H&usbetützem verbind si*h in der Piopaganda des Boykotts die' Schar der ״Mopsim“ (Kam-!minkvcn); alles, was zwischen diesen extremen Flügeln stand, trat mit Nachdruck für die Beteiligung ein. Am Morgen des entscheidenden Tages war die Stadt übersät mit Anschlägen in allen Formen und Stilen. Unter den zahlreichen Listen kamen besonders die des ״Merkas“ (Demokraten und allgemeine Zionisten), die der Allgemeinen Arbeiterorganisation, der Revisionisten, der Pcale Zion und der ״Mieterpartei“ zu besonderer Geltung. Im Laufe des Tages mehrten sich die Flugblätter. Automobile mit Musikkapellen und Fahnen, zum Teil von Schwärmen von Radfahrern begleitet, durchquerten die Stadt, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Im Auto der Arbeiter- Organisation sang man bekannte Arbeiterlieder, bei der Poale Zion ertönte die Internationale, und bei den Revisionisten wechselten die Hatikwah mit Hochrufen auf Jabotinskv und den Judenstaat. In den verschiedenen Diskussionen, die überall auf den •Straßen geführt wurden, beteiligten sich mit besonderem Eifer die Anhänger der Liste der ״Vierten Alijah“, der ״Oie Polania“. Erst spät am Abend fegte ein Regenschauer die lärmenden Straßen leer und das Interesse begann sich auf die Resultate der Wahlen zu konzentrieren. Die Resultate wurden am nächs'en Morgen bereits in der ganzen Stadt bekannt. Es beteiligten sich an den Wahlen über 7500 Personen, das sind 66,5 °/0 aller, an die Karten ausgegeben worden waren. Von den 41 Mandaten der Munizipalität entfielen auf die allgemeine Arbeiterorganisation 15 die ״Oie Polania“ 6 die Revisionisten 5 Merkas 5 Poale Zion 3 Orthodoxe 2 Mieterpartei 3 Poel Misrachi 1 Nationalreligiöse (Misrachijugend) 1 41 Im Vorjahre waren für ein Mandat 216, in diesem Jahre 185 Stimmen erforderlich. Der Prozentsatz der Beteiligung war bei den vorigen Wahlen größer als in diesem Jahre. Das Problem des Tages ist jetzt die Arbeit der kommenden Munizipalität. Es ist bis jetzt durchaus unklar, wie die ״Regierungsbildung“ aussehen wird. Jeder interessierte Kopf ist damit beschäftigt, Kombinationen zu machen und sie zu vergleichen. Das Ziel isteine möglichst umfassende breite Koalition. Wenn diese nicht zustande kommt, so haben die Wahlen keinen realen Wert, weil sie eine vernünfiige, den bestehenden Kräfteverhältnissen ent.prechcnde Leitung schaffen sollten; unterdes haben sich die bestehenden Proportionen nicht sonderlich verschoben. An Boden haben die Revisionisten, die ״Oie Polania“ und in einem gewissen Maße auch die Poale Zion gewonnen. Das genügt jedoch nicht, um das Gesamtverhältnis irgendwie zu stören, -Und bei den verschiedensten Kombinationen ergibt sich bis heute keine genügend starke Aktionsbasis. Von einer Lösung dieser Frage wird alles für die Leitung und weitere Entwicklung der Stadt abhängen, _ In den ״Sozialistischen Monatsheften“ vom 13. Dezember veröffentlicht Herman K r anold einen laagen Artikel über den Jüdischen Nationalfonds anläßlich des 25jährigen Jubiläums. Der überaus interessante Aufsatz beleuchtet vom sozialistischen Standpunkt die Bedeutung der Kolonisation Palästinas und der nationalen Konsolidierung des jüdischen Volkes. ‘