Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 100-101 (23.12.1926)
- Date
- 1926-12-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 100 101 JUEDfSCHE RUNDSCHAU Seite 727 Der Jiidisdie Volbsraf in Posen und der C.-V. Von Dr. Max Köllens eher Vorbemerkung: Im nachfolgenden Artikel setzt sich Dr. Kollenscher mit dem jüdischen Kritikern seines Buches über die Posener Revolutionstage auseinander und gibt darüber hinaus eine Darlegung der Prinzip cn jüdischer Politik, die selbstvers ändiieh im revolutionären Posen gar nicht anders denkbar war als durch Vertretung der jüdischen nationalen Minderheits'nteressen in der werdenden polnischen Provinz. Wir hätten nicht nötig, die ausgezeichneten und schlagenden Darlegungen Kollenschers von uns aus zu unterstreichen, wenn nicht der Angreifer, Dr. Haase, es für richtig gehalten hä.te, auch die ״Jüdische Rundschau“ gegen Köllen- Sehers Buch auszuspielen: Sie habe das Buch Köllenschers in einer Form angezeigt, die gerade noch möglich war, ohne einem Parteigenossen wehe zu tun. Demgegenüber müssen wir natürlich mit aller Deull.chkeit erklären, daß die vom Jüdischen Voiksrat in Posen 1918/19 geführte Politik auch nach unserer Meinung die einzig mögliche war und den von unserem Blatte ständig vertretenen Anschauungen entspricht. Ihre Prinzipien wurden, wie Kollenscher erwähnt, ja dama's sogar vom C.-V. gebilligt. Es ist ein großer Verdienst von Dr. Kollenscher, durch sein Buch dieses interessante Kapitel jüdischer Geschichte der Vergessenheit entrissen zu haben, wenn auch die assimilalorischen Juden in völliger Verkennung der jüdischen und der deutschen Interessen sich dadurch geniert fühlen. (Der B:rieht der ״Frankfurter Zeitung“ vom 19. d. M. über die Lage in Posen zeigt deutlich, wie richtig die Politik des Jüdischen Volksrates gewesen ist und wie die Judenfrage als nationales Minderheitsproblem heule sogar von dieser Seite anerkannt werden muß, wenn auch na iirlich den völlig entjudeten Posener Assimilanten dies nicht angenehm ist.) Nur eine Politik der Ehrlichkeit wird uns Juaen aus der Lügenverstricktheit unserer heutigen moralischen Lage befreien; dazu wird freilich ein großer Teil der Juden sich erst unter Schmerzen durenringen müssen. Red. Nachdem in den letzten Wochen die deutsch-völkische Presse meinem Buche ״Jüdisches aus der deutsch-polnischen Uebergangszeit“ ein erhöhtes Interesse gewidmet hat, hält endlich auch der C.-V. die Zeit für gekommen, sich nicht nur mit dem Buche, sondern auch mit der jüdischen Politik jener kritischen Zeit auseinanderzusetzen. Wie ich den Kritikern von der deutschen äußersten Rechten entgegenhalten konnte, daß zwischen uns in der allgemeinen Weltanschauung und in der Erfassung weltpolitischer Probleme überhaupt eine unüberbrückbare Kluft bestellt, so darf ich meinen jüdischen, assimilatorischen Gegnern zunächst, um ihrem Standpunkte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, das gleiche zugute halten. Sie haben vielleicht für nationale Fragen und sogar für den Schutz der nationalen Minderheiten noch ein gewisses Verständnis, wenn es sich um die Deutschen in Italien oder um die Elsässer in Frankreich handelt, bringen aber nun einmal für das jüdische Volk und für dessen lefclüledittguagen ׳ifiia Vefstlfdnis »ehr .auf; sie sind, wie 'ו&מי injeM fÄsft ״bÄumI tCjf, Ein Totä* 'tofftett ‘kein Verständnis Hr!das! •vfcejy zu 'י»heu. MI ofi t dagegen kann dem C.-V.hl,nd »:;;!ein‘ •A.i i •־ t i old Haase verziehen w-m^en, daß sie die historisch׳■• Wahrheit ®*m 'feil gänzlich «1* - 'lassen, zum anderen Tt״e abe 40 unvollständig wiedergeben, daß der kritische Leser, der jene Zeit nicht selbst miterlebt hat, zu einem unrichtigen Schlüsse verleitet werden muß. Man wirft mir Unzuverlässigkeit meiner Quellen vor, als die ich das ,,Mitteilungsblatt des jüdischen Volksrats“ und mein ei11״״es Gedächtnis angegeben hatte. Ich habe nicht die Absicht, eine allgemeine Antikritik meinen Kri!kern entgegenzustellen, will auch mit Haase nicht über die Aufnahme rechten, die meine Arbeit in der jüdischen Presse, die ihm offenbar nur sehr lückenhaft bekannt ist, gefunden hat. Aber das eine darf ich doch als das gesicherte Ergebnis der Feststellung von Freund und Feind betrachten, daß man gerade mein Buch als Quelle geschichtlicher Begebenheiten allseits begrüßt hat. Brauche ich noch zu betonen, daß nicht, wie Haase unterstellt, die propagandistischen Aufsätze des Mitteilungsblattes, sondern das in ihnen enthaltene wichtige Material an amtlichen Urkunden, die zum Teil auch in mein Buch übergegangen sind, die Grundlage meiner Sachdarstellung bildet? Spricht die Aufzeichnung auch der Mißerfolge, von der meiner Freunde Arbeit begleitet war, dafür, daß es als mein höchstes Ziel galt, ״leicht empfängliche und beeinflußbare Leser für eine bestimmte Idee zu gewinnen‘‘, oder ist nicht gerade die gerechte Verteilung von Licht und Schatten das Zeichen einer objektiven Berichterstattung? Haase hat auch nicht einmal den Versuch unternommen, mich in irgendeinem Punkte der Unrichtigkeit zu zeihen. Um so schlimmer ist die in solchen Fällen sich immer einstellende Verallgemeinerung im Urteil. Der Grund hierfür wird aber angegeben. Die Antisemiten benützten meine Tatsachen, sie leiteten daraus Schlüsse für ״die mangelnde vaterländische Gesinnung der Juden“ her! Darf da der C.-V. noch Gewehr bei Fuß stehen? Nein, er muß zur Attacke übergehen. Bleibt ihm die bange Wahl, ob er die Schlüsse der Antisemiten bekämpfen oder die Tatsachen, die von Juden behauptet werden, als unrichtig schelten soll. Wohin der C.-V. unter Führung von Berthold Haase gelangt ist, das zeigt Seite 570 zu II, zweite Spalte der Nr. 44 der C.-V.-Zeitung vom 29. Oktober 1926. Man gibt den Juden — ndch dazu, wenn er ein Zionist ist — preis; dann ist die vaterländische Gesinnung der Juden wieder einmal in Deutschland gerettet! Zwar wäre es sehr leicht gewesen, bei dieser Gelegenheit einmil den Begriff der ״vaterländischen Gesinnung“ zu beleuchten und aufzudecken, was die führenden Deutschen um diese Zeit in jenen Tagen in Posen darunter verstanden haben. Im Anschluß an meine Ausführungen in der ״Jüdischen Rundschau“ vom 12. Oktober stellt Haase — ich bin gewiß nicht stolz — fest, daß sie ״vor den Polen sofort kapitulierten“. Allein es scheint, als ob der alte Grundsatz des C.-V., daß die Juden ״mehr als ihre Pflicht“ tun müßten, noch nicht Unheil genug im Kriege angerichtet hat, daß man ihn auch noch für die Nachkriegszeit glaubt aufrechterhalten zu müssen. Nun zu Herrn Haase als Geschichtsschreiber! Ich will nicht von der Schilderung jener herzergreifenden Szenen sprechen, in der Berthold Haase in kriegerischem Heldenmut in ״das Hauptquartier der Aufständischen, vor dem die schußbereiten Kanonen aufgepflanzt waren“, gegangen war, um — einen ״dringenden Appell“ an den englischen diplomatischen Vertreter zu richten. Ich gestehe Herrn Haase gern zu, daß er diese Tat der Vergessenheit nicht anheimfallen lassen will, wiewohl am 30. Dezember von den Kanonen in der Stadt Posen ebensowenig zu befürchten wie von einem ״dringenden Appell“ zu erhoffen war. Vergessen darf nur nicht werden, daß Haase sich — ein Mißgeschick, das ihn nicht selten traf — an die falsche Adresse gewandt hatte. Alle, die etwas zu sagen hatten, saßen an dem fraglichen Tage im Posener Stadthause und berieten — die Führer des polnischen Obersten Volksrats, die preußischen Minister aus Berlin, die Spitzen der lokalen Militär- und Zivilgewalt, gemeinsam auch mit dem Jüdischen Volksrat und dem* Deutschen Volksrat — über ■ die Geschicke 4» danldMfi erfahren 3a» hibeii, wanm»Haase md Md&ik Herren de■ C.-V,d»«h fehlten: sie waren 'iibfca gerade' fifeint englischen Oberstleutnant Wade. ,,•»־׳* will nicht in Zweifel stellen, daß der Vorsitzende des . englischen Offizier die feierliche Erklärung *> geg״t>&1'nat, daß die ״Juden sich als unlösliche Teile «e deutschen Volksgemeinschaft fühlten“. War hier die Adresse richtig? Hat man sich an die richtige Adresse auch immer mit den gleichen Erklärungen gewandt? Wahr ist, daß in Danzig der C.-V. aus seiner vollen stolzen Vereinsfirma das Wort ״Deutscher“ nur mit einem bescheidenen ״D.“ abkürzte, was immerhin die Auslegung zuließ, daß man nur ״Danziger Staatsbürger jüdischen Glaubens“ meinte. Haase führt aus, der Posener Jude wäre den ״phantasflsehen Ged’nkengängen“ des Zionismus abhold; er verwebt darauf, daß unter den 15 Mitgliedern des Repräsentanten- Kollegiums sich nur ein Zionist befand, der nicht einmal in dieser Eigenschaft gewählt war. Richtig und doch ganz falsch! Es ist nämlich nur die Kleinigkeit übersehen, daß es kein Verhältniswahlrecht gab, und daß man den Kampf nur um alles oder nichts führen konnte. Bei den letzten Gemeindewählen, die vor dem Kriege stattfanden — im Kriege gab es der Elite des geistigen Paris ist kaum zu ermessen. Es ist hier nicht der Ort, von seiner Arbeit und seinen Erfolgen auf diesem Gebiete zu berichten. Es genüge die Feststellung, daß er Erfolge hat Allerdings muß zugestanden werden: das geistige Frankreich findet seinesgleichen nicht und ist noch immer allen großen und schönen Ideen zugänglich. Es handelt sich immer nur darum, diesem geistigen Frankreich eine wirklich schöne Idee begreiflich zu machen. Und diese Kunst trifft Jacobson in vorbildlicher Weise. ״In Rom zu sein und nicht den Papst zu sehen, das hat bekanntermaßen keinen Sinn“, so dachte ich, als ich in Paris war und beeilte mich, Frau Schwarzbard, die Qattin Schülern Schwarzbards, des Attentäters auf den Oberataman Petljura zu besuchen. Frau Schwarzbard stammt aus Wolhynien und spricht ein merkwürdiges Jiddisch, das mit vielen französischen Wörtern durchsetzt ist. Auf jede Frage antwortet sie anstatt mit dem jiddischen ״Jo“, mit dem französischen ״Si“. Wenn sie zum Sitzen einiädt, sagt sie, ״Setzt eich anieder, je vous prie.“ Frau Schwarzbard wohnt schon viele Jahre in Paris. Sie ist gleich ihrem Manne tränzösische Staatsangehörige. ״Mein Mann,“ sagt sie, ״kann keiner Fliege etwas zuleide tun, er ist der sanfteste und beste Mensch, den Sie sich denken können. Er hat sich immer mit Büchern beschäftigt und selbst viel geschrieben. Wir haben einen kleinen Uhrmacherladen gehabt, und es ist uns nicht schlecht gegangen. Er ist immer heiter und ruhig gewesen. Als er aus dem Kriege heimkam —• er diente als französischer Soldat —, fuhr er nach Rußland und war dort Zeuge der Pogrome. Nach seiner Rückkehr war er die ganze Zeit hindurch melancholisch. Doch er hat niemals von seinen Erlebnissen gesprochen, nur manchmal pflegte er wie traumverloren vor sich zu starren und tief zu seufzen. Ich habe nie eine Ahnung gehabt, was für Pläne er im Kopfe wälzt . . . Dann kam das Unglück ... Ich sehe meinen Mann jeden Freitag, er ist ruhig und gefaßt und sagt mir Immer wieder, daß er nicht anders handeln konnte. Ich mache ihm ja auch keine Vorwürfe, denn was sollte das nützen und wozu soll ich sein Herz beschweren. Ich hoffe, daß die französischen Richter nicht anders urteilen werden wie die Berliner Richter im Falle 3 *dz# Paschas. Mein Schülern ist ein guter Mensch, obwohl <"י!׳;, '-׳־׳- erschossen hat . . . im Gefängnis wird er gut ai.dclL er liest viel und interessiert sich für alles, was ״. der ./eil vorgeht. Er wünscht allein die Verantwortung für seine Tat zu tragen. Er freut sich, daß die Juden in der ganzen Welt für ihn Interesse haben, versteht aber sehr gut, daß Juden seine Tat nicht gutheißen können. Er weiß genau, daß seine Tat keim: •irdische Tat ist, Juden pflegen zu leiden und zu schweigen Er meint aber, daß sich die Zeiten geändert haben, und daß au h die Juden das Recht haben, sich zu wehren, wenn man sie tritt . . .“ Frau Schwarzbard sprach mit monotoner Stimme. Sie ist eine einfache Frau aus dem Volke; in ihrem Aeußern merkt man aber di^ Spuren des jahrelangen Aufenthaltes in Paris. Alles ist von Grazie und Rhythmus geadelt. Ich tröstete Frau Schwarzbard und sprach ihr Mut zu. Sie dankte für den Besuch und bat, alle Freunde zu grüßen. ״Haben Sie denn Freunde in Berlin?“ fragte ich. ״Alle Jiden sind meine Freunde,“ sagte sie lächelnd. ״Dann werde ich den Gruß bestellen,“ war meine Antwort . . , Und das tue ich hiermit. Place de l’Opera. Vor dem Cafe de la Palx. Einer der Verkehrsmittelpunkte der Welt. Im Kaffeehaus Vertreter aller Kontinente. Neugierig luge ich hinein, durchstreife das große Lokal, und richtig: mehrere Bekannte. Einer aus Wien, einer aus Budapest und einer aus Lemberg. Man begrüßt sich mit Selbstverständlichkeit, als ob es ganz natürlich wäre, daß man sich ausgerechnet im Cafe de la Paix trifft. Später stehe ich vor dem Eingang zum Metro (Pariser Untergrundbahn) und schaue dem flutenden Verkehr zu. Da nähert sich mir ein Mann: tip top; Pariser Eleganz; weiße Gamaschen; steifes Hütchen; Spazierstock mit Silbergriff. Der Fremde lüftet den Hut und fragt in wohlklingendem Französisch: t Burgfrieden — siegte die liberal-cenfralvereinliche Liste mit etwa 510 Stimmen gegen die unter zionistischer Führung stehende Liste des positiven Blockes, die 532 Stimmen auf sich vereinigt hatte. Nun wird die ״typische Eigenart des Posener Juden“ in einem etwas anderen Lichte erscheinen. Daß Haase dies übersehen hat, wiewohl er sich als Vorsitzender der Ortsgruppe und des Landesverbandes des C.-V. eine so große Sachkenntnis und so große Verdienste um die Posener Judenheit zuschreibt, soll ihm wiederum nachgeschen werden. Von welcher Einstellung und Geistesverfassung aber zeugt es, wenn er diesen Zustand bis zum 8. November schildert und dann fortfährt: —״warum sollten plötzlich einen Tag später die Posener Juden in ihrer Mehrzahl nationaljüdisch gesinnt gewesen sein?“ Also war für Herrn Haase ״ —וmein Name ist Haase, ich weiß von nichts“ — der 9. November 1918 ein Tag, wie jeder andere auch, er hat nichts von Krieg und Niederlage, nichts von Waffenstillstand und Besetzung, nichts von Revolution gemerkt. Glücklicher Haase! Es gibt immer noch Leute wie die Bourbonen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben. Das jüdische Volk aber hat in dieser entscheidenden Zeit gewacht und gelernt und ist über die zur Tagesordnung geschritten, die nichts merkten. So war aus dem C.-V. in Posen ein Nichte, aus seinem Vorsitz ein ntidam jus geworden. In jener Zeit, in der cs am meisten darauf angekommen war, durch entschlossenes Auftreten und Einschreiten die Rechte der Juden wahrzunehmen, hat man von der Wirksamkeit und auch von der Existenz des C.-V. absolut nichts gemerkt. Wie die Monarchisten in Deutschland in der gleichen Zeit scheinbar völlig verschwunden waren, mit keinem Worte ihren Standpunkt vertraten, um nachher, als wieder eine gewisse Beruhigung eingetreten war, um so Lauter und aufdringlicher vom sicheren Port aus ihre Stimme zu erheben, so hat auch damals der C.-V. die Vorsicht als besseren Teil der Tapferkeit angesehen und hat sich mit keinem Worte an die ()Öffentlichkeit gewagt. Haase sucht auch das jetzt als Verdienst auszulegen, indem er ausführt, das Verantwortungsgefühl des C.-V. hätte es ihm zur Pflicht gemacht, nicht durch einen öffentlichen Streit die Verwirrung innerhalb der Judenheit zu vergrößern. So aber war es nicht, Herr Haase! Wo es sich nur darum handelte, innerhalb der Judenheit Haß zu säen, war der C.-V. schon auf dem Posten. Es wird daran erinnert, daß kurz vor den Stadtverordnetenwallien ein anderes Vorstandsmitglied der C.-V. in einer jüdischen Versammlung von dem dicken Strich gesprochen hat, den der C.-V. zwischen sich und den Anhängern der jüdisch-nationalen Liste ziehen müsse. Nach innen war man also nicht zimperlich; eine irgendwie nach außen gerichtete Tätigkeit, Polen oder Deutschen gegenüber, die zu einer Verbesserung der Rechtslage hätte führen können, hat man aber nicht für zweckmäßig befunden. Statt dessen haben die ״Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens“ eine allgemeine deutsche Liste unterstützt, auf der ausgesprochene Antisemiten Platz gefunden hatten. Der C.-V. hat es hierbei sogar über sieh ergehen lassen, daß die Prozentnorm im deutschen Lager gegen die Juden in An- Wendung gebracht wurde. Während bis dahin ihrer kulturdlen, wirtschaftlichen und sozialen Bedeutung gemäß die Juden zu 4en Posener Stadtverordneten einen Teil stellten, iövdss sifti»4allfger prozentuale Verhältnis bei *täten'-fibe?» sieg, tteB man ■ich jetzt in einer deutschen Liste, von der 18 Bewerber gewählt wurden, bis auf zwei herunterdrücken, Herr Haase hält es für richtig, den jüdischen Stadtverordneten- ״ **■her Placzek zu erwähnen, der die Verfassungsrechte der t;,d׳!nriniU geg •n polnische Ansprüche zu wahren das Verdiens . gehabt habe. Ich bin der letzte, der die Verdienste de3 auch von mir sehr verehrten Herrn Jusfizrat Placzek herabsetzen wollte. Ich rechne es ihm aber gerade als ein hohes Verdienst an, daß er mit dem Umschwung den Wandel in den Zeiten rechtzeilig■ erkannt hat, daß er eingesehen hat, daß die Zeit vorüber war, in der er als kommunaler Führer einer deutschen Einheitspartei auftreten konnte, daß er gerade wegen dieser seiner politischen Vergangenheit jetzt zurücktreten mußte, um den nationalen Bewegungen freien Lauf zu lassen. Wie der C.-V. erst jetzt nach langen Jahren zu seiner Stellungnahme ״Im Kampfe für unsere Posener Heimat“ das Wort wiedergefunden hat, so fallen ihm auch jetzt erst die Taten ein, mit denen er glaubt, paradieren zu können. Haase bringt es wirklich fertig, sich und zwei andere Juden zu den Gründern des Deutschen Volksrates ״Haben Sie einen Führer nötig?“ Ich schaue den Mann an und antworte in schönstem, ukrainischem Jiddisch: ״Aus welcher Stadt stammen Sie?“ und bekomme zur Antwort, gleichfalls jiddisch: ״Aus Roman, in Rumänien.“ Und dam» folgte ein langes Gespräch. Ich erfuhr so manches v<p der Not und dem Elend der vielen nach Paris verschlagenen Jeden aus dem Osten. Ein großer Teil beschäftigt sich mit Handwerk, und diesem Teil geht es gut. Aber viele Tausende sind das, was sie in ihrer Heimat waren: Luftmenschen, Gelegcnheitsverdiener. Ich nahm die Dienste des Führers in Anspruch, aber nicht in jene Stätten, wohin er sonst spleenige Engländer oder grobschlächtige Amerikaner zu führen pflegt, sondern ins Pariser Judenviertel. Dort aßen wir in einem jüdischen Restaurant. Der Kellner sah wie ein Stockfranzose aus, sprach aber ein klangvolles Jiddisch und bot als Vorspeise ״Grieben“ an. Das tat er in seinem heimatlichen Brodyer Tonfall, vergaß allerdings nicht hinzuzufügen: ״s’il vous plait.“ Oese jüdische Schicht fühlt sich in Paris wohler als in Berlin. Trotzdem ist sie auch dort ähnlich wie in Berlin in einem doppelten Golus, im allgemein jüdischen und in dem besonderen der Ostjuden. Diese Juden sind Luftmenschen, ihre Sehnsucht aber geht danach, Baalebattim zu werden. Kleine Baalebattim, mit einem winzigen Lädchen, mit einer Einzimmerwohnung, aber mit der Möglichkeit, Freilag Abend und Samstag in Ruhe und Frieden im Kreise von Frau und Kindern die Wochentagsverkleidung abzuwerfen und freie Menschen und Juden zu sein. Moses Waldmann. Katalog der neuen hebräischen Litera‘ur. Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek i.1 Jerusalem hat soeben einen bibliographischen Katalog der hebräischen schönen Literatur in der Zeit von Mosche Claim Luzzalto bis heute (1729—1926) hcrausgegeben. Der KatalogumfalU33S8 Nummern und folgende Abteilungen: Simmelbücher, Gedichte, Gelegenheitsgedichte, Dramen, Erzählungen, Essays, Kinderli.eratur. Ein Register nach Verfassern und nach Ti.eln der Bücher ist I beigegeben. Der Katalog umfaßt 21 Druckbogen und ist für den Preis von 3 Schilling von der Bibliothek zu beziehen.