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Jüdische Rundschau · 1926-12-17 · Heft 99 (17.12.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 99 (17.12.1926)
Date
1926-12-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 09 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sei» 19ד Zu Kalinins Rede Eine der bedeutsamsten Kundgebungen der letzten Jahre nrr Judenfrage ist zweifellos die Rede, die der Präsident der Sowjetrepublik, M. J. Kalinin, auf der Tagung der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Landwirtschaft ״Ozet“ am 17. November d. J. in Moskau gehalten hat. Wie bereits berichtet, fand eine Konferenz zur Frage der Ansiedlung jüdischer Bauern in Rußland statt, an der sich große jüdische Verbände auch außerhalb Rußlands, der ״Joint“, ״Ort‘‘ und u. a. auch der Hilfsverein der deutschen Juden durch Delegationen beteiligten. Die Ansprache Kalinins war eine prinzipiclle Auseinandersetzung mit der Judenfrage überhaupt. Kalinin hat auch diese Frage mit der Unbekümmertheit und Frische angefaßt, die wir an den Aeußerungen und Handlungen der Sowjetleute gewöhnt sind, natürlich durchaus einseitig, viel Wesentliches nicht kennend oder übersehend, aber nicht ausweichend und nicht ängstlich. Wir wollen an dieser Stelle nicht auf diejenigen Teile dieser Rede eingehen, in denen Kalinin die Politik der Sowjetregierung verteidigt, die den jüdischen Bauern erlaubt, von ausländischen jüdischen Kapitalisten Geld anzunehmen. Kalinin vergleicht diese Politik u. a. mit der Politik der Kommunisten in manchen europäischen Ländern, in denen sie oft gemeinsam mit der äußersten Rechten gegen das Zentrum und die reformistische Linke stimmen, obwohl Ursache und Ziel bei diesen Abstimmungen für diese beiden Kontrahenten völlig verschieden sei, nur die Taktik sei dieselbe. Im wesentlichen aber macht sich Kalinin über die sentimentale jüdische Bourgeoisie des Auslandes, die ihr Geld nach Sowjetrußland schickt, lustig und unter stürmischem Beifall der Anwesen- <len verhöhnt er sie, die da glaubt, ״sich durch diese Oaben wenigstens in jener Welt einen Platz neben Moses erwerben“ zu können. Wir wollen an dieser Stelle jedoch nur auf die Stellung der Sowjetregierung zur jüdischen N a t i o n eingehen, wie sie Kalinin formuliert. Diese Steilung zur jüdischen Nation ist der Leitgedanke der Rede. Kalinin versteht nicht nur die Tatsache, daß die Juden eine Nation sind und daß sie sich als Nation erhalten wollen. Er begrüßt diese Tatsache, dieses Streben nach nationaler Selbständigkeit, und verspricht dieser nationalen Aufgabe der Juden die volle Unterstützung und Förderung der Sowjetregierung. Es ist sehr interessant, wie der dogmatische Marxist Kalinin die Tatsache, daß die jüdischen Massen sich als nationale Einheit erhalten wollen, nicht irgendwie in der beliebten vulgär-marxistischen Form ״historisch-materialistisch“ zu erklären versucht. Er erkennt in dieser Haltung der russisehen Juden ״ein mächtiges unbewußtes Bestreben, die Natio- ,nalität zu bewahren“. Und dieses primitive unbewußte Bestreben genügt ihm, zwingt ihm Respekt ab und veranlaßt ihn, der jüdischen Nation dieselbe Möglichkeit selbständigen nationalen Lebens zu gewähren wie irgendwelchen anderen im Verband der Sowjetrepubliken lebenden Nationalitäten. In dieser Erkenntnis eines marxistisch geschulten und marxistisch denkenden Politikers liegt ein außerordentlicher Fortschritt, z. B. gerade gegenüber der Haltung, wie sie von manchen (selbstverständlich meistens jüdischen) Sozialdemokraten bisher eingenommen wird, Es war eine Zeitlang ein Dogma der internationalen Sozialdemokratie, daß marxistische Erkenntnis unvereinbar sei mit Streben nach nationaler Behauptung, und insbesondere unvereinbar mit der Existenz einer jüdischen Nation. Und wer die ״Arbeiterzeitung“ in Wien oder auch den ״Vorwärts“ in Berlin aufmerksam liest, findet diese Anschauung noch oft genug vertreten. Hier werden immer noch die wenigen $״iten, die einmal Marx über Judentum und im wesentlichen über Westhidentum geschrieben hat, als Dogma angenommen. Ganz anders Kalinin. Er ״erkennt, was ist“, er sieht die lebendige jüdische Nation, sieht ihr Streben nach Erhaltung und achtet ohne weiteres diese Rea'ität. So sieht denn auch Kalinin in dem Streben der russischen Juden. Bauern zu werden, das Land zu besiedeln, eigene Dörfer zu gründen, vielmehr als das Streben der Juden, aus Lumpen- Proletariern freie Bauern zu werden. Er erkennt auch dies, aber er versteht, daß die Tatsache der ökonomischen Not allein niemals genügen würde, um bei dem lumpenpro’etarisierten, dem Bauernleben völlig entfremdeten jüdischen Volk den außerordentlich schweren Entschluß zur körperlichen, lardwirtschaftlichen Arbeit zu erreichen. Kalinin betont, daß es sich bei diesem Entschluß eben offenbar um eine unbewußte Regung des nationalen Organismus handle, um die Tendenz, seine Nationalität zu bewahren. Dieses Streben nach Wegen der Postrerhältnisse in der Weihnächtewoche erscheint die ״Jüdische Rundschau“ in den beiden folgenden Wochen statt Freitag bereits am Donnerstag, und zwar als Doppelnununer. Die Dienstag - Ausgabe am 21. Dezember und 28. Dezember fällt aas. nationaler Konsolidierung wird noch gefördert durch die Erkenntnis der ungeheuren Schäden, die dem nationalen Körper durch die außerordentlich vergrößerte Möglichkeit der Assimilation an die Russen, die durch die revolutionäre Staats- Umwälzung geschaffen wurde, zugefügt werden. Kalinin erzählt, daß er in der Zeit der Revolution von russische״ Arbeitern gefragt wurde, warum so viele Juden in revolutionären Stellungen in Moskau tätig seien und daß er ihnen geantwortet habe, er würde, wenn er ein alter Rabbiner wäre, alle diese Juden verfluchen, denn sie gingen für ihr Volk verloren. Kalinin empfindet den Prozeß der Verbäuerlichung des Juden als einen unbewußten Akt nationaler Selbsterhaltung und er begrüßt diese, ihm, dem Russen, durchaus verständliche und gesund erscheinende Bewegung. Dieser Teil der Ausführungen scheint uns deshalb so interessant, weil hier ein führender russischer Politiker, ein Internationalist, erkennt, daß die Regeneration des Judentums, die Produktivierung der jüdischen Masse, nur auf dem Boden nationaler Selbstbehauptung geschehen kann. Dieser wirkliehe Antizionist, der sieh im Verlauf seiner Rede sehr scharf gegen das ״bourgeoise Palästina“ wandte, versteht, daß die für die Juden wie für die Russen gleich notwendige Utnschichtung Proletarisierung (im Qegensatz zu Lumpenproletarisierung) und Produktivierung nur in Verbindung mit einem nationalen Ideal, einem jüdisch-nationalen Ideal möglich ist. Dieses Ideal, so weiß er, verträgt sich durchaus mit den Staatsnotwendigkeiten der Sowjetrepublik im ganzen; die jüdische Nation hat nach seiner Meinung ein Recht auf nationale Selbstbehauptung. Kalinin betont aber auch, daß die Umschichtung der Juden auch für die Russen von entscheidender Bedeutung ist. Aus seiner Rede ist zu erkennen, wie ungeheuer schwer es der Sowjetregierung wird, mit dem Judenproblem fertig zu werden, wie sie sich bemüht, die Frage der antisemitisehen Bewegung, deren Stärke und Zunahme seit der Revolution sie nicht verkennt und nicht unterschätzt, nicht nur durch ״Aufklärung“, durch ״Abwohrschriftchen“ gerecht zu ■werden, sondern sie dadurch zu erledigen, indem sie an die Wurzel des Uebels geht, die Judenfrage als eine besondersartige Frage erkennt und sich bemüht, sie zu lösen. Ob die Maßnahmen der russischen Regierung dieses Ziel erreichen werden, darüber soll hier nicht diskutiert werden. Wer die Rede Kalinins liest, sieht, wie sehr man in russischen Kreisen die Schwierigkeit der Aufgabe, Juden zu Bauern zu machen, erkennt und weiß, daß es bei dieser Arbeit zahllose Rückschläge geben wird und viele versagen werden. Insbesondere auch deshalb, weil offenbar Gebiete mit leichtbearbeitbarem, guten Boden nicht mehr zur Verfügung stehen. Kalinin wehrt sich gegen den Vorwurf von seiten russischer Bauern, den Juden besseres Land gegeben zu haben, und sagt wörtlich; ״Wir wissen ganz genau, daß dieses Land nicht nur nicht besser, sondern in seinem Klima und seinen Bodenverhältnissen viel schlechter ist und ungeheure Arbeit seitens der Ansiedler erfordert.“ So leicht, wie manche Propagandisten es darstellen, ist also diese Kolonisation nicht. Es bleibt aber die Tatsache, daß sich die russische Regierung bemüht, auf neuem Wege der Judenfrage gerecht zu werden. Hier soll nur noch etwas über die Stellung der deutschen Juden zu diesem Werk gesagt werden. Die deutsche Judenh״it hat sich in seltener Einmütigkeit zu diesem Hilfswerk bekannt Im Verbände des ״f'RT“ sehen wir Nichtzionisten gemeinsam mit Zionisten. Was wir aber nicht verstehen, ist, daß die deutsche Judenheit oder manche ihrer führenden Personen offenbar gehemmt sind, aus diesem Verhalten, aus ihrer eigenen Erkenntnis die Konsequenzen zu ziehen. Dieselben jüdischen Führer, die mit warmen Worten und ehrlicher Begeisterung für dieses eindeutig nation a 1 e Werk in Rußland eintreten, bekämpfen das Palästinaaufbaiiwerk nur aus dem einen Grund, weil es — national ist. Denn daß das Werk in Rußland, in einem Lande, in dem Hebräisch deshalb verboten ist, weil es die ״religiöse Kultspräche“ der Juden ist, keine jüdische Siedlung für ״russische Staatsbürger jüdischen Glaubens“ macht, wußte man schon vor dieser Rede. Und Palästina ist vom jüdisch-religiösen Standpunkt aus und für den religiösen Juden nicht nur bedeutsanier als Rußland, sondern auch noch in seinen nichtreligiösen neuen Siedlungen erheblich weniger anstoßerregend. Kalinin prägt in seiner Rede einmal folgenden Satz; ״Vor dem jüdischen Volk steht nun eine große Aufgabe: sefne Nationalität zu bewahre0.“ Diese Aufgabe soll durch die Ansiedlung, die Umschichtung russischer Juden der Lösung zugeführt werden. An dieser Lösung beteiligen sich deutsche Juden, die die gleiche Lösung für andere Juden iu Palästina nicht nur ablehnen, sondern bekämpfen. Dieser Widerspruch ist so unlösbar, so in die Augen springend, daß er über kurz oder lang von allen bemerkt werden muß. Gerade weil wir wissen, daß viele Gegner des Palästinaaufbaus vor dem Begriff der nationalen Arbeit einen Horror haben und sich deshalb für Rußland einsetzen, weil sie glaubten, daß es sich dort um eine ״n I c h t n a t i o n a 1 c“ Aufgabe handle, sind wir überzeugt, daß die Kenntnis des Wesens dieser jüdischen Arbeit 1n Rußland bei den objektiv und gerecht Denkenden zu einer Aenderung ihres Standpunktes Palästina gegenüber führen muß. Auch den noch widerstrebenden deutschen Juden müssen doch einmal die Zusammenhänge klar werden, die sogar ein Ka- 1 i n i 11 erkannt hat, auch sie werden lernen, daß die Regene• ration jüdischen Lebens, die Erhaltung jüdischer Werte, für die sie sich nach ehrlichen Kräften cinzusetzen bemüht sind, immer zur nationalen Lösung drängt, und sic werden gewiß verstehen, daß es nicht möglich ist, sich fü׳ nationale Kolonisation in Rußland einzusetzen und national( Kolonisation in Palästina abzulehnen. Alfred Berger. Charakteristisch für die Schwierigkeiten, die sich mit den- Fortschreiten der Kolonisationsarbeit auch in der K r i m ׳*!והדז'׳ stärker bemerkbar machen, ist ein Artikel des ״Emes“ von־ 10. Dezember, in dem Moische Nadir unter dem Tito' ״K o 10 מ i s a t i o n und Idealismus“ schreibt: ״Was k! bis heute von der jüdischen Kolonisation in der Krim gesellet habe, lehrt mich, daß vorläufig niemandem gebratene Tauber in den Mund fliegen. Böden ,sind oft jungfräulich wüst und man kann nicht alles mit den zehn Fingern fruchtbar machen Traktoren? Allerdings. Sicherlich Traktoren! Aber erstens braucht man viel Zeit, um sie richtig zusammenzuschrauber und in Gang zu bringen, und zweitens sind die Traktoren fit allgemeinen ״die zweite Hälfte einer Legende“. Damit ver hält es sich so. Wenn es ganz glatt geht, daun ist e< gut, wenn aber, Gott behüte, etwas nicht klappt, dann tquP man der Maschine für Stunden, Tage und Wochen Adlet sagen. Kolonistenhäuschen? Glücklich derjenige, der irgend ein Dach über seinem Haupte, trockenen Estrich unter de* Füßen und einen warmen Winkel für sich, für sein Vidi;m!: sein Geflügel hat! Viele aber leben noch im freien, geschützt von dünnen Wändchen, von einem Dachersatz Sehirmmütz* ohne Kopfbedeckung. Es ist ein Schutz, aber kein voll kommener. Ställe sind auch nicht genug vorhanden um־ Brunnen fehlen allenthalben . . .“ Diese Mißstände wofü r nicht viel besagen. Das alles kann geändert werden, 1<״; wissen das aus der palästinensischen Erfahrung. Aber bis es. geändert wird, und bfe-.:altes klappt, «ergehe» y|eic,Äta1ate,n und Jahre und sind Opfer, Opfer und Opfer nötig. Jüdisch■־' Kolonisation ohne Idealismus geht eben auch יזו der Krim nicht. 1 Steuerfreiheit Ihr die Gesellschaft ״OZCT*‘ Moskau, 11. Dezember. (]. T. A.) Das Volkskommissariat für Finanzen hat verfügt, daß die unparteiische Gesellschaft zur Förderung der jüdischen Kolonisation in Rußland ״OZET“ von jeder Einkommensteuer, sowie von Steuerleistungen für alle im Zusammenhang mit ihrer Arbeit stehenden Unternehmungen, wie z. B. Versorgung der Kolonisten mit Saatgut, Maschinen und Baumaterialien, zu befreien sei. Vom 22. bis 24. Dezember wird In Berlin eine Beratung aller dem Verbände für jüdischen Gesundheitsschütz OSE angehörenden Organisationen abgehaiten werden. Der jüdische Pazifismus Von Maurice Samuel. In nächster Zeit erscheint bei Harcourt, Brace and Co. ein neues Buch von Maurice Samuel ״I, the Jew“ (״Ich, der Jude“). Unseren Lesern ist noch erinnerlich, daß Samuel, einer der führenden Zionisten Amerikas, vor einigen Jahren ein Buch ״You Gentiles“ geschrieben hat, das wegen seiner entschiedenen Abgrenzung zwischen Juden und Nichtjudcn großes Aufsehen erregt hat. Es war auch in der ״Jiid. Rundschau“ ausführlich besprochen. In dem neuen Buch ist ein Kapitel über Volkstum, Patriotismus und Krieg, d״ssen Schiußabsatz wir nachstehend, aus dein Englischen übersetzt, wiedergeben. Red, Kann man die Menschen lehren, daß sie zwar ihr Land und ihre Art lieben müssen, diß sie aber unrecht tun, wenn sie dieser Liebe durch unfreundliche Handlungen anderen fegenüber Ausdruck verleihen? Es mag wahr sein, daß eine ivillsation durch einen erfolgreichen Krieg nichts gewinnt; es mag wahr sein, daß die Ausbreitung oder der Niedergang einer Zivilisation Gesetzen unterliegt, die wir nicht begreifen. Aber selbst wenn es wahr wäre, daß Kriege, Unterscheidungen, Ausschließungen, künstliche Grenzen dazu beitragen können, eine Zivilisation zu stärken — müßten wir nicht dennoch alle derartigen Handlungen als schwerste Verbrechen gegen die Menschheit ansehen und lehren, daß die Liebe zur eigenen Art niemals Parteinahme gegen den Fremden rechtfertigen kann? Der Geist einer Gruppe wenigstens — der jüdischen — hat sich durch sechzig Generationen inmitten einer feindlichen Umwelt erhalten ohne das Zufallsmittel des Krieges; er hat bewiesen — weil er es mußte —, daß weder Eroberung noch Unterdrückung für seine Erhaltung wesentlich sind. Der Beweis ist vollkommen, und die Juden mögen nicht berechtigt sein, für diesen erzwungenen Pazifismus einen besonderen Ruhm (wenn man so sagen darf) in Anspruch zu nehmen. Aber es hat sich gezeigt, daß das unmöglich Scheinende wirklieh vollbracht werden kann — der Geist einer Gruppe kann auch ohne Massenmord fortdauern. Es mag angesichts dieser Behauptung seltsam scheinen, trotzdem die Wiederaufrichtung einer jüdischen Kultur auf dem Boden Palästinas als Grundläge der jüdischen Erhaltung zu fordern. Aber der Beweis, von dem ich sprach, war zufällig und nicht vorsätzlich, und die Unvollkommenheit des jüdischen Pazifismus wurzelt gerade in diesem Widerspruch. Um sich frei entwickeln zu können, muß eine Kultur an einen bestimmten Ort gepflanzt sein. Die Vervollkommnung des jüdischen Pazifismus wäre die freiwillige * Uebertragung jener Tugend auf das jüdische Heimatland, die anderwärts nur unter Zwang ausgeübt werden konnte: es wäre der Beweis, daß der Geist dieser Gruppe zu seiner Fortdauer nicht von der Unterdrückung und Ausschließung Fremder abhängt, sondern nur von der nicht zu erschütternden Persönlichkeit des Einzelnen. Ich mache das Recht des jüdischen Geistes, sich in Palästina wieder zu verwurzeln, nicht von der Erfüllung eines solchen ״Versprechens“ abhängig. Ich weiß nicht, ob das jüdische Volk in Palästina Ln diesem extremen Sinn pazifisiiscb sein wird. Welche Regeln immer wir für uns selbst aufstell«! —■ die Welt hat nicht das Recht, zu verlangen, daß ein jüdisches Palästina als Bedingung seiner Wiederaufrichtung eine Tugend ausübt, die allen anderen Völkern fremd ist. Vielleicht — der Gedanke macht einen zi'.tern — muß diese Welt, solange sie besteht, auch ihre Kriege haben. Vielleicht dagegen, wenn diese Furcht unbegründet ist, wird ein jüdisches Palästina mehr als andere dazu beitragen, die Lehre einzuprägen, die gelehrt werden muß — daß es keinen Frieden aut Erden geben wird, solange sich die Völker nicht frei und uneingeschränkt auf der Erdoberfläche bewegen können, solange bestimmte Kulturen der Gegenstand gesetzlicher Zurücksetzung sind, solange nicht die Liebe, die jeder für seinen eigenen Gruppengeist fühlt, mit einer entsprechenden Achtung für den fremden Qruppengeist der anderen verbunden ist. Denn es gibt keinen anderen Weg zum Fried. 1. Alice Jacob-Loewenson, die vielseitige, ausgezeichnete Künstlerin, eine der wenigen, die ein tieferes, unmiitelbares Verhältnis zur modernen vorwärts:־, rchenden Musik haben, veranstaltete, man darf fast ragen, einen atonalen Abend. Sie brachte F!׳an:ü Poulen: (Er:!:;uituhrun e:1), WIndimir Vogel (Uraufführungen), Ferruccio Busoni. Poulenc ist ein Experimentator, der durch Pentatonik und Enharmonik, auch durch präziös-infantiles Fühlen hindurch einen eigenen Stil sucht. Er ist überall interessant, wenn auch ntir im Kammerformat. Agressiver ist schon Wladimir Vogel. Aber seine formale Struktur ist, so sonderbar dies auf den ersten Blick erscheinen mag, alt Mit Willen biegt er an althergebrachten und abgespielten Klavierfiguren vorüber, durch Atonali It Linie und Harmonik überall verletzend, während dennoch die alte Seele völlig, wie ein vergessener Mond, hindurehschimmert So ist es nun weder von Schönberg noch vom Sinn der ganzen Angelegenheit gemeint. Vielmehr muß alles so klingen, als ob man von Atonalität gar nichts mehr wüßte. Nun: es ist viel zu sagen zu diesem Thema. Frau Loewenson brachte alles mit natürlichem Instinkt und gutem Heldenmut zutage, während der außerordentliche Sänger Hermann Sch ey seine schwierige, undankbare Aufgabe meisterhaft löste. Am schönsten in der letzten Komposition Busonis ״Schlechter Trost“ (Goethe), die er gespensterhaft und eindringlich, mit wundervoller Intention vor die Hörer zauberte. Arno Nadel. Stephan Zweig im Herrenhaus. Die letzte Veranstaltung des Verbandes deutscher Erzähler galt diesmal Stephan Zweig. Nach einer sehr verständnisvollen, feinfühligen Einführung des Vorsitzenden des Verbandes (Georg Engel), las Stephan Zweig die noch unveröffentlichte Legende: ״Rahel richtet mit Gott“. Es ist eine Legende von der erbarmenden Liebe: Als Gott Jerusalem um seiner Sünden ' willen vernichten wollte, standen die Toten aus ihren Gräbern auf und baten für ihre Kinder. Aber alle mußten umkehren, nur Rahel hielt stand; dann Rahel beschwor Gott bei dem Erbarmen, das sie mit ihrer Schwester Lea hatte, obwohl das Opfer siebenjähriger Liebe vernichtet schien — und Gottes Erbarmen konnte nicht geringer sein als das menschliche Erbarmen der Allmutter Rahel. Der Dichter aber schließt den Schein der Heiligung um diese Gestalt: Gott hört Rahel wegen des Unmaßes gläubiger Liebe. Diese und die von Else Heims gelesene Novelle ״Die unsichtbare Sammlung“ offenbarten wieder die künstlerische Meisterschaft Stephan Zweigs. Ruth Moroid.

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