Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 98 (14.12.1926)
- Date
- 1926-12-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 712־ JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 88 Ein Feiertag unseres Aufbauwerkes Von utiscrm palästinensischen Korrespondenten. A. O. Jerusalem, den 1. Dezember 1926. Zum Abend, wo das erste der Chanukkahlichter brannte, hatte der Keren Kajemeth Lejisrael zum Feste seines fünfundzwanzigjährigen Jubiläums nach Jerusalem gelade n. Man kam aus allen Städten und Kolonien des Landes, und der große Raum, in dem in diesem Jahre auch die Assefat Haniwdiarim getagt hatte, war übervoll. Vor den Türen drängte sich die Masse derer, die keinen Einlaß hatte finden können und tröstete sich mit der Betrachtung des großen aus elektrischen Glühbirnen gebildeten Transparents, das die Initialen des Keren Kajemctn mit der Zahl 25״“ zeigte. Es gehörte eine gewisse Zeit dazu, um sich in dem festlich hergcrichtcten Raume zurecht zu finden und heimisch zu fühlen. Wer heute in Palästina am Leben der Stunde ernsthaften Anteil nimmt, hat keine Zeit und keine Stimmung für Beschaulichkeit und Feste, empfindet nur immer die bange Frage des Wohin und hat kein Gefühl für das Woher. Es hieß sich erst hcrausreißen aus allen kleinen und froßen Sorgen, aus kleinen und großen Problemen, und sich ie Muße nehmen, uachzudenken, womit der Zionismus und die Palästinaarbeit begonnen und welchen Weg sie genommen hat. Das ist das Bedeutsame solcher kurzen Feste, die die AUtagsarbeit gelegentlich unterbrechen für ein paar gezählte Stunden. Sie lassen die ersten Anfänge und die letzten Ziele wieder lebendig werden. Es entsteht die Vision des bcvölkerten, fruchtbaren Palästinas mit gut gebauten und aufsteigenden Siedlungen, der ganze Plan, an dessen kleinen Einzelteilen wir heute in so unendlich mühsamer Arbeit bauen, es wird einen Moment Halt gemacht, um zurückzuschauen auf das, was bereits erreicht ist und vielleicht auch ein wenig Kraft gesammelt für die Bewältigung der ins Riesige angewachsenen Aufgaben, die mit dem Schlüsse dieses Festes wieder dastehen und unaufhörlich fordern. Ein Ruhepunkt in der atemraubenden Hast der letzten Monate, ein kurzer Ruhe- Knkt in dem Kampf um Arbeit, um Geld, um das Vorwärtsmmen. Eis mag vielleicht naiv sein, dieses Fest zu empfinden. Es war vielleicht ganz anders gedacht. Es war eine notwendige Veranstaltung, nicht für Palästina, sondern für die fesamtc zionistische Welt, eine Demonstration des Gedankens es Keren Kajemeth, die nicht in Jerusalem, sondern vor allem in London, in New York, in Jassy, Kischinew und Berlin wirken sollte,_ und wirken wird. Und doch kann eigentlich nur Palästina allein verstehen, was das heißt, fünfundzwanzig 4ahre Arbeit unseres Bodenfonds. Für das Oaluth sind das Gedanken und Zahlen, im besten Falle etn paar Bilder und Reiseerinnerungen. Für Palästina sind diese Zahlen über Dunam Boden und gepflanzte Bäume, über gegrabene Brunnen und Drainageröhren ganz etwas anderes. Für Palästina bedeutet das den Inbegriff des Fortschrittes unserer Arbeit, ein Stocken der Einnahmen der nationalen Fonds ein Brachliegen der neuen Kolonisation, eine Erhöhung der Gelder neue Bodenstrecken, wachsende Ernten, neue Wälder und junge Plantagen, kurz, alles, was den Sinn und Inhalt unserer ganzen Arbeit ausmacht. Ein Blick über fünfundzwanzig Jahre zurück macht froh und traurig zugleich. Froh über das, was getan ist, traurig über das, was nicht hat erreicht werden können. Und vielleicht trägt eine solche Stunde des Festes dazu bei, die gespannten Kräfte noch weiter zu straffen, dem Oaluth lebendig zu machen, was hier in Palästina geschieht und mit noch lebendigerer Anteilnahme sich mit uns zusammen an dem Werke zu beteiligen. Das ist es, was nottut. ABes, was über diese Dinge zu sagen ist, klingt heute fast immer banal. Der Keren Kajemeth und seine jüngere Schwester, der Keren Hajessod, sind heute bekannt, sie sind populär, ihr Name wird in den verschiedensten Zusammentilngen und in den verschiedensten Kreisen immer wieder genannt, es gibt keine neue Saite auf diesem Instrument. Das empfand man auch in den Reden, die uns das Fest in übergroßer Menge brachte. Von Usstschkin bis zu Bialik wurde dieselbe Melodie variiert, ohne daß es doch zu einer neuen Fassung der alten Begriffe hätte kommen können. Aber das versteht sich von selbst. Und es handelt sich auch nicht darum, etwas grundlegend Neues, sondern, noch ein* mal dem Ausdruck zu geben, was auf diesem Gebiete unserer Kolonisationsarbeit unser Weg ist, und das ist geschehen. Interessant war unter den anderen mannigfaltigen Begrüßungen die Rede des Vertreters des Departements für Bodenpolitik der Regierung. Es kam darin ein gründliches Verständnis für aie nationalen und sozialen Auffaben unseres Bodenfonds zum Ausdruck und der Wille, an iesen Zielen von seiten der Regierung mitzuarbeiten. Es wurde deutlich, daß die Aufklärungsarbeit, die von unseren Instituten getrieben wird, und das lebendige Beispiel der sich entwickelnden landwirtschaftlichen Kolonisation gemeinsam imstande sind, zu überzeugen und Interesse zu erwecken, was für uns unerläßlich ist. Man hat in den Festreden nur über den Grundgedanken, nicht über die Methoden der Arbeit sprechen können. Aus den Zahlen über unsere Erwerbungen in den letzten Jahren und dem Vergleich mit unseren Bedürfnissen ergibt sich jedoch mit zwingender Klarheit, daß die Vorschläge über andere Wege nicht nur der Keren Hajessod-, sondern auch der Keren Kajemeth-Arbeit notwendig und berechtigt sind. Freilich ist noch keine Klarheit vorhanden, wie diese neuen Wege aussehen sollen. Bisher hat die Ausweitung des Rahmens unsere Bodenkäufe nur in den allgemeinen Plänen Ausdruck gefunden. In jedem der vielen Anleihepläne, die in den letzten Jahren im Zionismus kursieren, wird für den Ankauf von Boden ein mehr oder weniger großer Betrag ausgesetzt_ Dazu kommen verschiedene Vorschläge über Anleihen für den Keren Kajemeth, insbesondere, die im Laufe der kommenden Jahre aus den Erträgen des Fonds zu decken sind. Wer die Verhältnisse im Lande kennt, kann sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß trotz der ungeheuer gestiegeneu Einnahmen des K. K. L. die vorhandenen Beträge auch nicht einen Teil der Bedürfnisse zu decken imstande sind. Nur dem Umstande, daß wir keine Neukolonisation in den letzten Jahren gehabt haben ist es zuzuschreiben, daß wir den Bodenmangel, das langsame Fortschreiten der KIufe5 nicht so scharf und lebendig gespürt haben, wie es natürlich wäre. Es scheint, daß wir ebenso wie überhaupt auf dem Gebiete der Kolonisation auch nicht für Bodenkäufe mit dem auskommen können, was uns die freiwilligen Spenden zu liefern imstande sind. Es ist das ein Teil der großen Frage der Umwälzung der Finanzpolitik aus dem vorkolonisatorischen in das kolonisatorische Stadium. Bei seinem fünfzigjährigen Jubiläum wird der Keren Kajemeth mit ganz anderen Zahlen rechnen müssen, als wir es heute gewohnt sind, wenn wir den entsprechenden Maßstab unserer Arbeit gewinnen wollen. Gas Fest des Keren Kajemeth fiel zusammen mit den ersten Ansätzen der Neukolonisation in der Ebene J e s r e e 1. Vor wenigen Tagen wurde in Nahalai das Fest Okkupation der Böden gefeiert Lange Jahre hindurch hat Palästina auf diesen Moment gewartet Und nun, wo er kam, hatte man kaum ein Gefühl, als ob etwas erreicht wäre, sondern nur die drückende Empfindung, daß das alles nicht genüge, daß nur ein kleines Teilchen dessen verwirklicht werden konnte, was geplant worden war. Aber trotz allen] wird es als Erleichterung gespürt, daß wieder ein paar Stellen im Lande sind, wo neue Zelte stehen, wo brachliegender Boden aufgebrochen und neue Saat in den Boden gesenkt wird. Es geht langsam, aber es geht vorwärts. Noch ein paar Worte über die Zusammenkunft der Schriftsteller, die dritte ihrer Art, die im An- Schluß an das Fest abgehalten wurde. Vor drei Jahren hat man zum ersten Maie den Versuch gemacht, die geistigen Arbeiter im Interesse des Keren Kajemeth zusammenzuschließen. Es wurde eine gemeinsame Proklamation herausgegeben, es erschien eine Reihe von Artikeln und man trug sich in Palästina mit der Hoffnung, damit dem Keren Kajemeth einen neuen Weg gebahnt zu haben. Der Gedanke war verlockend und richtig. Der geistige Arbeiter muß im Kampf um die nationalen und sozialen Ziele des Volkes in der vordersten Reihe stehen, er hat auf seine Art und mit seinen Mitteln eine Pionierarbeit zu leisten, die, wenn sie richtig begriffen wird, sich mit der der Handarbeiter wohl messen kann. Und es war richtig, sich von der Zusammenfassung aller Schriftsteller und Künstler des jüdischen Volkes eine imposante Wirkung zu versprechen. Aber diese Zusammenkünfte, wie wir sie in Palästina haben, sind aus irgendwelchen Gründen blaß und — sit venia verbo — oberflächlich. Es ist nicht üblich, solche Dinge auszusprechen, aber es scheint, daß nur durch offene Kritik hier etwas gebessert werden kann. Das Problem dieser Schriftstellerzusammenkünfte hängt mit dem Gesamtnroblem unserer Propaganda und vor allem der schriftlichen Propaganda aus Palästina zusammen. Es scheint, daß auf diesem Gebiet noch sehr viel zu tun ist und daß hier Wege beschriften werdeii müssen, die heute noch wenig begangen sind. Es darf sich nicht nur darum handeln, Stimmungsbilder aus der Arbeit der Siedfungen zu geben und Aufrufe zu erlassen, die nur von einem beschränkten Kreis gelesen werden, der vielleicht ohnedies der Sache ergeben ist. Gerade auf dem Gebiete der Bodenpolitik gibt es eine Menge ökonomischer und kultureller Probleme, die heute noch nicht beleuchtet, geschweige denn geklärt sind. Wenn wir in der praktischen Arbeit auf sie stoßen, ist es zu einer gründlichen Untersuchung meist zu spät. Diese Dinge waren ein wichii״es Gebiet für den geistigen Arbeiter, der seine Zeit und Intelligenz der Sache des Keren Kajemeth und der Kolonisalion widmen will. Und es darf vermutet werden, daß begründete Untersuchungen über alle Fragen der Bodennolitik, die mit dem K. K. L. Zusammenhängen, schärferes Verständnis und tieferes Interesse erwecken als Feuilletons und Sflmmungsbilder, die sehr gut geschrieben sein müssen, wenn sie wirken wollen und meist noch dazu nur ein verschwommenes Bild von dem ״eben, was Palästina bev-häfrigt und bewegt. Es handelt sich, wenn man so sagen darf, um eine Konkrctisiening dieser sd1riftstd!eric״het1 Arbeit. Und sowohl die praktische Arbeit wie auch die Propaganda können von einer solchen Umstellung profitieren. Feier des Keren Kajemeth-JobUäniiis in London Eine Rede Sokolows. London, 9. Dezember. (I. T. A.) Am 7.!Dezember abends wurde zur Feier des 25 *ährigen Bestehens des KMisehen Nationalfonds eine Versammlung in London abgeha'ten, die massenhaft besucht war. Philipp Guedalla, der Präsident der englischen ZionMi־.׳hen Or׳׳anKat!o«,ff1V*e den Versitz. Als zweiter sprach Mr. L. Eisen, der Präsident der Nationalfonds-Kommissinn für England. Rev. J. K. Ooldbloom, Vizepräsident der eng'ischen zionisbschen Föderalion, verlas eine von Ussischkin eingetroffene Kundgebung. Zum Schluß ergriff Nahum S o k o 10 w das Wort, dem die Versammlung eine stürmische Ovarion be'eitete. SokoIow zog eine Parallele zwischen der Zeit der Makkabäer und der Gegenwart. Hätten die Juden zur Zeit der Makkabäer dem Ansturm, gegen ihre Existenz nicht, standgehalten, •a hätten wir heute kein Judentum mehr, aber auch nicht das Christentum und auch nicht den Islam. Diese Religionen haben eine ethische Regeneration der Menschheit herbe!Geführt. Die Zionisten sind die modernen Makkabäer, indem sie ebenfalls um die Zukunftsexistenz des Judentums besorgt shd. Wir wollen in Palästina ein Heim haben, fuhr SokoIow fort, um unsere Seele, unser geistiges Erbe unbefleckt erhalten zu können. Dazu ist uns der Jüdische Nationalfonds eine wertvolle Waffe. SokoIow kam dann auch auf die Frage der Erweiterung der Jewish Agency zu sprechen. Ich weiß noch nicht, sagte er, ob sich die Nichtzionisten mit uns verbinden wollen; insofern aber sie zu einer Zusammenarbeit mit uns sich bereit erklären, sollen sie willkommen sein. SokoIow stellte fest, daß sich die Opferwilligkeit der Juden in den Beiträgen für die Aufbauinstrumente des Zionistnus letztens in erhöhtem Maße kundgibt und schloß: Palästina macht eine ernste Wirtschaftskrise durch. Die Krise ist vorübargehend, aber das Jüdische Nationalheim wird dauernd sein. Die Opposition in der Hisfadrnlh ״D a w a r" vom 29. November veröffentlicht das Programm eher in Entstehung begriffenen linken oppositioncilen Gruppe innerhalb der allgemeinen Arbeiter- Organisation (Histadruth) in Palästina. In der Arbeiter-Organlsation sind bisher vor allem die großen Parteien Achduth Haawodah und Hapoel-Hazair vertreten, eine Sonderstellung nahm in den letzten Jahren der Gdud Awodah (Arbeits- Bataillon) ein, der sein Zentrum in der Emek-Siedlung Tel Josef hat. Auch im Gdud ist in der letzten Zeit eine Differenzierung vor sich gegangen und die sogenannte linke Gruppe des Gdud hat nun gemeinsam mit gewissen Teilen des Haschomer Hazair und der aus deutschen und tschechoslowakischen Juden bestehenden Kwuzah ״Chefzibah" in Beth-Alfa die Initiative zur Bildung des oppositionellen Blockes ergriffen. Der Leitgedanke des oppositionellen Programms ist die Forderung nach Trennung zwischen Gewerkschaftlicher und kooperativer Tätigkeit. Bekanntlich hat die Histadruth bisher sowohl eine selbständige Wirtschaftliehe Aufbauarbeit durch die in ihr vereinigten "Kooperativen (z. B. landwirtschaftliche Genossenschaften, Baugenossenschaft Solel-Boneh usw.) geführt (״konstruktiver Sozialismus“)! gleichzeitig jedoch umfaßt sie die verschiedenen gewerkschaftlichen Verbände, die infolge der Zunahme der Industrie und der städtischen Arbeit immer häufiger zur Durchführung von Lohnkämpfen usw. gekommen sind. Die Opposition fordert, daß die Histadruth mit Rücksicht auf die überragende Wichtigkeit der freien Lohnarbeit in der letzten Zeit ihre ganze Aufmerksamkeit auf die gewerkschaftliche Organisation und den Klassenkampf der Arbeiter konzentriert. Die kooperative Bewegung, so wichtig sie an sich ist, dürfte nicht von demselben Organ eleitet werden, sondern man müsse eine Zentral-Kooperative afür gründen. Ein anderer Hauptgedanke des Programms ist die gemeinsame Organisierung jüdisener und arabischer Arbeiter, da nur auf diese Weise die Ziele des gewerkschaftlichen Kampfes erreicht werden können. Ferner fordert die Oppositionsgruppe, daß die Lasten der Arbeitslosigkeit nicht lediglich auf die Arbeiter, sondern auch auf die übrigen Kreise des Jischuw gelegt weiden durch entsprechende Steuern des Staates, der Städte usw. Innerhalb der Histadruth verlangt die neue Gruppe weitgehende Demokratisierung durch Aufbau der Organisation aus den einzelnen Gewerkschaften und Proportionalwahlen in allen Vereinen und Organen. Zwei englische Juden (Paul Goodman n, ״Sir Moses Montefiore“. The jewish Publication Society, Philadelphia. -״ ־Benjamin Disr a e 1 i. The Romance of a Great Career. By tne Rt. Hon. Sir Edward Clarke. London, John Murrav, Albemarte- Str. 1926-—10/6.) Vor der modernen jüdischen Politik, die durch den Zionismus geschaffen wurde, hat es auch schon eine Art judischcr weltpolitik gegeben, Sie trug noch nicht die Merk* male des demokratischen Zeitalters und war bestimmt durch die eigentümliche Weltsituation des jüdischen Volkes. Die repräsentative Figur der jüdischen Politik des 19. Jahrhunderts ist Sir Moses Montefiore, dessen Biographie Paul Goodmann vor kurzem veröffentlicht hat. Das Buch von Ooodmann zeigt uns nicht nur eine eigenartige jüdische Persönlichkeit, sondern beleuchtet zugleich fast ein Jahrhundert jüdischer Geschichte. Denn das Leben dieses Mannes, der über hundert Jahre alt wurde, reichie von den Tagen der französischen Revolution bis zur Zeit der russischen Pogrome der achtziger Jahre. Montcfiores Familie stammte aus Italien, er selbst gelangte an der Londoner Börse infolge seiner Beziehungen zu den Rothschilds, mit denen er verschwägert war, schnell zu Reichtum, er stand in vorderster Reihe der Emanzipationsbewegung der englischen Juden, glaubte aber nicht, seinen Patriotismus durch Verzicht auf Jüdischsein und jüdische Betätigung beweisen zu müssen. Er war nicht reifiös, fühlte sich aber ganz als Jude und verantwortlich für ie Geschicke des Judentums in der ganzen Welt. Die von Goodmann erzählte Lebensgeschichte ist eine fortgesetzte Kette mutiger politischer Interventionen für seine Volksgenossen. Stets kämpfte er gegen die Unterdrückungen der Juden in allen Ländern, am bekanntesten sind seine erfolgreiche Tätigkeit in der Damaskus-Affäre von 1840, seine Verteidigung der marokkanischen Juden usw. Vor allem aber hing Montefiores Herz an Palästina. Er war der erste moderne Westjude, der nach Palästina fuhr und ein enges Verhältnis zu dem Lande herstellte. 1827 war seine erste Palästina- Reise, 1874 seine siebente und letzte. Er machte Pläne für die Kolonisation des Landes, sogar Finanzpläne. An die Kattowitzer Konferenz der Chowewe Zion 1882 sandte er eine Botschaft, in der gesagt war: ״Palästina muß den Juden gehören.“ Montefiore war der größte der ״Schtadlonim“. Goodmann hat mit großer Liebe und mit genauer Kenntnis der Quellen den Stoff bearbeitet und uns vor allem auch sehr wertvolle ausführliche Zitate aus den Berichten, Briefen und Noten der Montefiorischen Politik gegeben. Sehr interessant ist auch die genealogische Tabelle und die angefügte Bibliographie. Das Buch wird jedem Leser (der englisch lesen kann) eine Bereicherung und Freude sein. Er wird daraus ersehen, daß auch vor der bewußt nationalen Bewegung die Elemente unseres nationalen Daseinskampfes und die nationalen Motive latent vorhanden waren. Ist Montcfiores Leben ein Stück j ü d i s c ii e r Geschichte, so ist das Leben eines anderen englischen Juden ein Stück englischer Geschichte. Ein Jude hat die Gestalt des modernen englischen Weltreiches entscheidend bestimmt: Benjamin Disraeli, von dem eine neue Biographie aus der Feder des einundachtzigjährigen Sir Edward Clarke vorliegt. Disraeli stammt gleichfalls aus der sephardischeti Gemeinde, doch wurde ihm wenig von jüdischer Erziehung zuteil und er wurde in früher Jugend getauft. Dennoch lebte in ihm ein starkes jüdisches Rassen- und Stammesbewußtsein. Auch äußerlich konnte er seine jüdische Herkunft nicht verleugnen und war zu Beginn seiner Karriere oft Gegenstand des Spottes und antisemitischer Anfeindung. Solche Vorfälle jedoch bewogen ihn, seine jüdische Abetaramung nur um so deutlicher zur Schau zu stellen.״ In seiner,,politisch«! Tätigkeit schloß sich D^raeli der konservativen Partei an. weil er unbedingt an der bestehenden Konstitution festhalten wollte. Er fühlte aber mit allen Unterdrückten und verleugnete niemals seine Sympathie für die breiten Massen. So schuf er innerhalb der konservativen Partei eine ganz neue Richtung, die der sozialen Reform und der Demokratisierung des politischen Lebens geneigt war. Im Jahre 1847 wurde anläßlich der Wahl von Baron Rothschild ins Parlament vom damaligen liberalen Ministerium ein Gesetz eingebracht, das die Beschränkungen gegen die Juden beseitigen sollte. Die Konservativen opponierten dem Gesetz, aber Disraeli setzte sich, im Gegensatz zu seiner eigenen Partei, mit größtem Elan für das Gesetz ein. Clarke hebt hervor, wie hoch Disraeli das jüdische Interesse stellte, so daß er sogar seine Stellung in der Partei gefährdete. Als eine konservative Gruppe ihm wegen seines Verhaltens in der Judenfrage Vorwürfe machte, legte er sofort sein Führeramt nieder; freilich wurde er bald weder gerufen. Der Biograph nennt Disraeli einen ״christlichen Juden“ und er berichtet, daß Disraeli auf seinem Sferbebett einem Freunde etwas zu flüsterte, was dieser nicht verstand. Es könne kein Zweifel bestehen, daß dies nichts anderes gewesen ist als das Schema Jisroel, und daß Disraeli als Jude gestorben ist. Aus Goodmanns Buch erfahren wir, daß DisraeH eine Anregung Lord Shaftesburys, Montefiore in den Adelsstand zu erheben, mit der Begründung ablehnte, aus begreiflichen Gründen könne nicht er es sein, der dem ersten Juden eine Peerage erteile. Disraeli schätzte Montefiore sehr. Als Disraeli 1878 vom Berliner Kongreß heimkehrte — er brachte ״peace with honour“, ehrenvollen Frieden — war der hochbetagte Montefiore der erste, der ihn auf dem Bahnhof umarmte, was DisraeH tief gerührt hat Die Biographie von Sir Edward Clarke gibt in gedrängter Form die wichtigsten Tatsachen und Ereignisse aus Disraelis Leben, sie charakterisiert kurz auch seine literarischen Werke und bringt Auszüge aus seinen großen politischen Reden. Sie wird jedem willkommen sein, der sich aus solchen sachlicher! Informationen ohne allzugroßen. Ballast von Details ein Bild dieser großartigen Laufbahn eines Juden machen will. Und darüber hinaus gibt uns das Buch Einblick in die Eigenart der englischen Demokratie und ihrer originalen, von keinem anderen Volk nachgeahmten Institution, des Parlamentes. De Frage drängt sich auf: Was wäre geworden, ■wenn Disraeli nicht von seinem Vater getauft worden wäre, was, wenn dieser so stark national empfindende Jude in der entscheidenden Zeit seiner Entwicklung mehr mit Juden tuid Judentum zu tun gehabt hätte? Vielleicht hätte ihn seine Bahn schließlich doch zur englischen Politik geführt; vielleichi wäre ihm das Tor verschlossen gewesen und er hätte ähnliche Wege gefunden wie Lassalle; vielleicht wäre er — eine Art Moses Montefiore geworden; oder aber er hätte der erste moderne jüdische Politiker sein können. Die Fragestellung ist vielleicht müßig. Aber beide Biographien, die von Montefiore und die von Disraeli, sind eine Quelle reicher Erkennt* nis für die eigentümliche Situation des modernen Juden. In Palästina erhalten sich hartnäckig die Gerüchte, daß Lord P1 u m e r im Juli kommenden Jahres zurücktreten und durch Allenby ersetzt werden wird. Leib J a f f e und Dr. H a n t k e besuchten am 26. November die Oberrabbiner Kuk und Jakob Meir, die beide die herzliche Versicherung ihrer Sympathie für die Arbeit des Keren Hajessod zum Ausdruck brachten.