Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 98 (14.12.1926)
- Date
- 1926-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 08 JUEÖISCHE RUNDSCHAU Seite 711 Urban Colonisation Department Von Dr. Kurt Orunwald, Tcl-Awiw. Seit einigen Tagen ist an dein Hause in der Aehad-Haam- Straße, in dem sicn das Tozercth Haarez-Museum befindet, eine neue Tafel angebracht: ״Zionist Executive, Urban Colonisation Department‘׳. Eine Aeußerlichkeit, kaum beachtet von den Tausenden, die tätlich an diesem Hause vorbeihasten. Und dennoch ist diese Tafel bemerkenswert als das Zeichen des Beginnes eines neuen Abschnittes in der Geschichte der jiidisehen Kolonisation. Handel und Industrie, bis heute Siiefkinder — kaum zwei Prozent des zionistischen Budgets wurden für sie aufgewendet, die Regierung hat ihr betreffendes Department abgebaut — haben nun zusammen mit den anderen Zweigen städtischer Kolonisation eine entsprechende Stelle gefunden, die für ihre Einordnung in das gesamte Aufbauwerk zu sorgen hat. Es wird freilich noch lange dauern, bis in den Augen vieler Leute das neue Department denselben Rang einnehmen wird wie das Agricultural Colonisation Department. Der Eintritt Dizengoffs in die Exekutive als Leiter des neuen Departments bedeutet aber noch ein weiteres. In ihm manifestiert sich der Wille einer Gruppe, als deren Exponent Dizengoff anzusehen ist, trotz oppositioneller Ein- Stellung zur herrschenden Wirtschaftsführung, als loyale Opposition mitzuarbeiten und nicht in einer billigen Kritik steckenzubleiben. Lind hier dürfen wir vielleicht einen Gesundungsprozeß unseres politischen Lebens aufzeigen, zu dem unzweifelhaft die Krise beigetragen hat und wir glauben hoffen zu können, daß dieser Gesundungsprozeß, dieser Weg zur Sachlichkeit bis zum Kongreß weitere Fortschriite machen wird. Es gibt wenige Persönlichkeiten des Jischuw, die so um• stritten sind wie Dizengoff. Aber auch seine Gegner können nicht bestreiten, daß er eine Persönlichkeit ist. Sein Name ist mit der Geschichte Tel-Avhvs und so mit der des neuen Palästina unlösbar verbunden. Seine starke Seite liegt in der Erkenntnis seiner Schwächen, die er oft mit witzigen Worten selbst ironisiert, und in der Wahl seiner Mitarbeiter, der Fach• leute, als deren Exekutivorgan er sich selbst betrachtet Und darin gleicht er den besten der europäischen Minister und ist vielen anderen, die sich nicht zu dieser Weisheit durchgerungen haben, um Haupteslänge voraus. Am 25. November fand im Saale des Museums die erste .,Moazah“ seines Mitarbeiterstabes statt. Anheimelnd schon die Umgebung. Alle Wände bedeckt mit Statistiken und Graphiken, mit Photographien und Bildern aus dem palästinensischen Wirtschaftsleben. Und hier versammelten sieb die vierzig Mann, die Dizengoff aus allen Teilen städtischer Wirtschaft zur Mitarbeit ausgewählt hatte. Zweimonatig wird dieser ״große Rat“ zusammentrefen. Die Hauptarbeit wird jedoch von den aus seiner Mitte gewählten Kornralssionen geleistet werden. Fünf solcher ständiger Kommissionen hat die Moazah bereits gewählt Und zwar eine für Textilindustrie, eine für Tabak- und Zigarettenindustrie, eine für das Studium der Exportverhältnisse, eine zum "Studium der Lebenskosten und der Möglichkeit ihrer Verbilligung, endlich eine Beratungskommission von drei Ingenieuren, an die sich der Industrielle vor Einrichtung der Fabrik wenden soll, damit nicht durch Anschaffung unzulänglicher oder veralteter Mascliinen unnütz Kapital verlorengeht. Ein ״kleiner Rat‘ von etwa sieben Mitgliedern wird permanent an den Arbeiten des Departments teilhaben. Der Wahl dieser Kommissionen ging eine Ansprache Dizengoffs voraus, in der er betonte, daß am ersten Baseler Kongreß immer die Rede war von einer Kolonisation durch׳ Landwirte, Handwerker und Kaufleute, daß später durch die Losung ״Zurück zur Landwirtschaft“ das andere vemacTillittgt wurde, Die kostspielige landwirtschaftliche Kolonisation sei!edoch für eine rasche Masshnansiedlttng unzureichend. Die ohne jede öffentliche Förderung entstandene Indusrtie beschäftigte heute bereits 6000 Arbeiter, ebensoviel wie die ln der Landwirtschaft beschäftigten. Aus dieser Zahl könne man bereits die Wichtigkeit der planmäßigen Förderung aller Wirtschaftsteile ersehen. Die Moazah faßte noch drei Resolutionen, ln denen gegen die Projekte eines Hafenbaues in Port Fuaa als palästinensischem Hafen Stellung genommen, ferner an die Regierung um Industrieförderung appelliert wurde, wobei man an ein türkisches Gesetz erinnerte, das neubegründeten Fabriken umsonst Boden und fünfzehnjährige Zollbefreiung gewährte, und endlich die Aufforderung an «kn K. K. L, für Zwecke der Industrie städtischen Boden zu erwerben. In einer schweren Krise die Leitung eines neuen "Amtes zu übernehmen ist immer eine undankbare Sache. Um so dankbarer muß anerkannt werden, wenn sich jemand in solcher Situation für die Uebernahme der Verantwortung bereit erklärt. Der Anfang ist gemacht und, wie uns scheint war es ein guter Anfang. Hoffen wir, daß das junge Department bald gute Erfolge verzeichnen kann. Ueber die Beschlüsse der Konferenz berichtet ״P. C,“ noch: Die Regierung wird ersucht, die Zölle auf Rohmaterial und Maschinen zu ermäßigen und das ottomanische Gesetz wieder herzustellen, das für Fabriken mit Maschinen von nicht weniger als fünf H. P.-Grundstücke von fünf Dunam zur Verfügung stellte und sie für die ersten 15 Jahre ihres Be- Stehens vom Zoll auf Maschinen und Rohmaterialien befreite. Der Keren Kajemeth wird aufgefordert, die städtische Siedlung in nicht geringerem Maße zu fördern als die landwirtschaftliche Kolonisation. Auch von der Verwaltung von Tel-Awfw fordert man Grundstücke für Fabriken und die Befreiung von Gemeindesteuern für die ersten fünf bis zehn Jahre. Zum Schluß wurden spezielle Kommissionen für Hafenangelegenheiten, Strickwaren, Tabak, nationale Produktion und für Statistik des Index der Lebenshaltung gewählt. Ein kleines Exekutivkomitee wurde eingesetzt, hestehend aus den Herren Dizengoff (Vorsitzender), Aleiuikoff, Hooficn, Mohl, Rosoff, Sclieinkin, Margulies, Supraski, Jewtiin, Lerner und Moses. * Die Wochenschrift ״H a j i s c h u w“ (Tel-Awiw), das Organ des rechtsstehenden Bürgertums, veröffentlichte das Memorandum, das Dizengoff vor seinem Eintritt in die Exekutive, der Exekutive übergeben hat. Im ersten Teil der Denkschrift wird die bisherige stiefmütterliche Behandlung der Industrie durch die zionistischen Instanzen kritisiert. Im zweiten Teil umschreibt der Verfasser den Aufgabenkreis der neuen Abteilung und erwähnt insbesondere: Prüfung der wirtschaftlichen Lage im Nahen Osten und der Bedürfnisse von Handel und Industrie in Palästina, Verhandungen mit der Regierung und der Zionistichcn Exekutive, Gründung der Industriebank und Gründung kooperativer Vereinigungen, Bau von Werkstätten, Zurverfii״ung- Stellung von Grundstücken in der Umgegend der Städte zu billigen Bedingungen an Personen, die dort Fabriken errichten wollen, Enqueten über neue Industrtczwci״c, Einflußnähme auf die AHjah, Einrichtung von Auskunftsbüros für Handel und Industrie. Dann schildert Dizengoff die Aufgaben der Industriebank. Die Hauptaufgabe der Industriebank sei nicht nur Gewährung langfristiger Kredite, Die Hauptaufgabe der Bank ist vielmehr, um sich das gesamte Privatkapital zu konzentrieren, das zu industrieller Investierung strebt und es mit allen gesetzlichen und administrativen Mitteln zu schützen und zur städtischen Kolonisation beizutragen. Das könne nicht nur durch Kredite geschehen, sondern z. B. auch durch Bürgschaften, durch Gründung von Aktiengesellschaften und anderen Mitteln. Die Bank müsse mit einem Kapital von £ 100 000 gegründet werden, von denen die Exekutive £ 25 000, andere interessierte Institutionen und Privatpersonen den Rest geben müßten. Die Leitung, die aus Vertretern der Gesellschaften und der Aktionäre zu bestehen habe, müsse ihren Sitz In Tel-Awiw haben. Dizengoff betont in einem weiteren Abschnitt, daß es sich ni'ht um eine Angelegenheit der Mittelklassen handele, wie denn überhaupt Klassengegensätze aus zuschalten seien. Allen Klassen der Bevölkerung soll dje Abteilung zum Segen gerei'hen. Das närtiste ArtieiPpro* gramm des Departements sei: Einzahlung von £ 25000 durch die Exekutive bei der A. P. C., die bis zur Begründung der Industriebank ni'ht angegriffen werden dürfen, Aufbringung von £ 5000 in Palästina und von £ 70000 außerhalb Palästinas durch Dizengoff zwe-ks Erreirtiung des erforderli״hen Kapitals für die fndurtriebank. GleHi zeitig Verkauf von Obligationen der Hypothekenbank, um den Hausbesitzern, deren Geld jetzt unbewegli-h in Häusern liegt, zu ermöglichen, ihr Geld in produktiven Unternehmungen anz*- legen und sie an einer Verschleuderung der Häuser zu verhindern, JCrpdlt״ewSbrM1K» . an die im Lande bestehenden, Kreditgenossenschaften, die bei dem gegenwärtigen wirfschaftlichen Zustand im Lande ihr gesamtes Geld verliehen haben. Keren Hajessod in Skandinavien Zur Durchführung der Propaganda in den skandinavischen Ländern haben die zionistische Exekutive und das Haup'büro des Keren Hajessod dorthin gemeinsam einen Delegierten in der Person von Dr. Werner Bloch, früher Sekretär für Jugendarbeit in Deutschland, entsandt Dr. Bloch hat bisher Kopenhagen, Helsingborg, Malmö und Stockholm besucht. Wie bereits berichtet, hat das Keren Hajessod-Koimtee in Stockholm vor kurzem für etwa £ 3000 landvvirtschart’iche Maschinen aus in Skandinavien durchgeführten Sammlungen angeschafft und an die zionistische Exekutive nach Palästina befördern lassen. (Ziko) In den meisten Städten und Kolonien Palästinas hat die | Kampagne für den Keren Hajessod mit Energie eingesetzt. Die ״Vorherrschaft“ der Arbeiterschaft Eine amerikanische Stimme. In der von uns bereits erwähnten Artikelserie des Herrn Meyer W e i s g a 1, Redakteur von ״The New Palestin e“, New׳ York, ist vor kurzem der zweite Artikel unter der Ueberschrift: ״Vorherrschaft oder Zifsammenarbeit?“ erschienen, der sich mit den Zielen der jüdischen Arbeiterschaft beschäftigt. Weisgal, der bekanntlich nicht auf dem linken Flügel der Zionistischen Organisation steht, schreibt: ״Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß das lebendigste Element des jüdischen Palästina das Arbeiterelement ist. Es ist in der Histadruth konzentriert, die hauptsächlich von der Hitachduth und der Achduth Haawodah gebildet wird. Die Stärke der Arbeiterorganisation in Palästina beruht auf folgenden Faktoren: a) Organisierung von 25 000 Arbeitern; b) auf der Tatsache, daß sie die einzige organisierte Gruppe im Lande ist, die ein wirkliches Programm hat und dieses Programm unerschütterlich verfolgt; c) auf der Tatsache, daß die Führerschaft in Palästina konzentriert ist; d) auf der Tatsache, daß sie das besitzt was ich eine Kontinuität der ״regierenden“ Politik nennen möchte, während der Politik der zionistischen Exekutive diese Kontinuität fehlt; und e) auf der Tatsache, daß ihre Mitglieder und Führer bereit sind, große persönliche Opfer zu bringen, um ihren Zweck zu erreichen, und diese Opfer auch wirklich bringen.“ Der Schreiber bespricht dann ausführlich den Zusammenhang zwischen nationalen und Arbeitcrinieressen sowie die etwa möglichen Konfliktsfälle und fährt fort: ״Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß die Arbeiterorganisation uns während der Krise vor einer Katastrophe bewahrt hat. Mit bewunderungswürdiger Disziplin, Weitblick und Mut, gar nicht zu sprechen von der Opferwilligkeit, zeigte sie nationales Verantwortlichkeitsgefühl im höchsten Grade. Trotz alledem gibt es eine gefährliche Tendenz, vielleicht unbewußt, jeden Philsschlag des jüdischen Organismus in Palästina unter die Kontrolle der Arbeiterorganisation zu bringen. Ich sage gefährliche Tendenz, weil sie die Zukunft der Zionistischen Organisation und ihre Autorität bedroht.“ Er schließt: ״Aber wenn ich auch einige Bedenken gegen die Motive der Arbeiter habe, so bin ich doch fest überzeugt, daß Palästina nur mit Hilfe der jüdischen Arbeiter erbaut werden kann. Wir müssen uns mit dem Gedanken abfinden, daß ohne jedes Vorurteil gegen die Interessen des Kapitals in Palästina — das wäre eine unzulässige und absurde Annahme — der Weg zu einer richtigen nationalen Entwicklung in Palästina im Einklang mit den höchsten nationalen Interessen nur über die Zusammenarbeit mit der Arbeiterschaft führt, und daß eine solche Zusammenarbeit gleichzeitig jedes Uebel abschwächen wird, das mit der Vorherrschaft der Arbeiter verknüpft sein könnte.“ Louis Marshalls 70. Geburtstag Am 14. Dezember wird Louis Mars ha II, Präsident des ״American Jewish Committee", 70 Jahre alt. Louis Marshall wurde 1856 in Syrakuse im Staate New York als der Sohn 1840 in Amerika eingewanderter Eltern geboren. Er ist einer der führenden Verfassungsrechtsgelehrten In Amerika. Bei der Friedenskonferenz in Versailles war Louis Marshall der Wortführer der amerikanischen Judenheit, die sich für den Schutz jüdischer Minderheitsrechte einsetzte. An der großen Arbeit des Joint Distribution Committee nahm er hervorragenden Anteil. Marshall ist nicht nur ein mutiger Vorkämpfer der jüdischen Rechte in der ganzen Welt, er hatte aucn stets Verständnis für die Bedeutung Palästinas, das seinem Herzen besonders nahesteht. Obwohl selbst nicht Zionist, anerkannte er seit dem Kriege die Verpflichtung aller Juden, am Aufbau der nationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeiten. Bekanntlich hat er dann auf Initiative Dr. Weizmanns im Jahre 1924 die überparteiliche Palästina-Konferenz in New York einberufen, die über die Frage der Erweiterung der Jewish Agency beraten hat. Seitdem werden die Verband* Jungen niit ihm als Führer der ״Marshall-Gruppe“ in dieser Angelegenheit geführt Die amerikanische Judenheit trifft roßartige Vorbereitungen, um den Geburtstag würdig zu egehen. Ein Legat für Palästina Frau Amalie Ostroski, die iin Alter von 77 Jahren in San Franzisko starb, hinterließ den größten Teil ihres Vermögens, etwa 400000 Dollar, verschiedenen Wohlfahrt*- instituten, darunter die Hälfte der Hadassah. Diese 200 000 Dollar sollen unter dem Namen ״Ostroski-Fonds“ nach dem Ermessen der Hadassah ״zur Unterstützung und Hilfe für kranke, arme, bedürftige und alte jüdische Leute“ in Palästina verwendet werden. (Ziko.) die der Zar reisen wollte. Der Rebbe selbst ist mit seinem Gefolge vor die Stadt gegangen, um zu sehen, wie die Truppen aufmarschieren. ״Das irdische Reich“, hat der Rebbe gesagt, ״ist das Ebenbild des himmlischen Reiches. So wie die Sol- (taten dem König dienen, so sollen die Juden dem Allerhöchsten dienen.“ Zuerst sind die Soldaten der Garde vorbeimarschiert (so hat man ihnen erzählt) — glänzende, stramme ausgemusterte Truppen. Gesicht und Körper sind unbeweglieh — Stahl und Eisen! ״Diese Soldaten sind kein Beispiel für Chassidim“, hat der Rebbe gesagt. Aber auf einmal hat der Boden von herannahenden Reitern gebebt. Aha! — mit geröteten Gesichtern, Lanzen in den Händen, kommen Kosaken auf ihren Rossen heran! Und wenn sie auch gleich■ *am mit verhaltener Inbrunst daherjagen, so fühlt man doch in jeder ihrer Bewegungen, daß sie in jedem Augenblick bereit sind, wie ein Wirbelwind bis ans Ende der Welt zu stürmen. Ja, sie sind ein Beispiel für Chassidim, die doch Kosaken seines heiligen Namens sind. Nicht umsonst haben doch gerade Kosaken das Glück gehabt, daß der Kosakentanz ein chassidiseher Tanz geworden ist, der dadurch zu seinem Ursprung emporgehoben worden ist. Awremele hat sich jetzt gedacht, daß hier in der Synagoge, in diesem königlichen Palast, sich anscheinend die Gardetruppen des Königs befinden mit den stählernen Gesichternj die nicht einmal zu zucken wagen. Awremele hat es wieder in den Ohren gesaust. Die Stille hat sich y־oller Ehrfurcht in der ganzen Synagcage ausgebreitet. Aber plötzlich haben d f e Lämpchen, die Zylinder, die Bänke angefangen sich zu drehen. Awremeles Augen haben sich verdunkelt and sein Gesicht hat angefangen zu zucken. Tief in seiner Seele ist plötzlich eine Quelle von süßen Tönen auf ge- Sprüngen. Awremele hat den Kopf etwas zur Seite geneigt, und indem er die kleinen Finger verträumt in den Gürtel hineinsteckt, hat er angefangen, in steigender Trunkenheit zu singen. Ein neuer Nigen, der eben angefangen hat, sich in seiner Seele zu rühren. Zuerst ist der Nigen still verhalten gewesen, bald aber hat er vor großer Trunkenheit und Inbrunst aufgebraust und hat sich voller Hingabe immer höher und höher geschwungen. Von den Bänken haben sieb viele Zylinder umgedreht und erschrocken auf den singenden Juden gestarrt. Was ist das? Und sofort ist auch ein öniglicher Schammes mit einer Samtmütze herbeigelaufea und hat Awremele am Aermel gezupft! ״Ruhe! Rubel“ Aber Awremele hat mit leuchtend offenen, aber nichts sehenden Augen vor sich hin gestarrt, ganz berauscht von der blendenden Sangesquelle. Wie ein Blitz ist der Schammes verschwunden und ist obenan zum Vorsteher gelaufen. Fast durch alle Zylinder ging ein stiller Ruck. Und nun ist der Vorsteher von der ersten Bank herausgetreten und mit langsamen, unhörbaren Schritten auf Awremele zugegangen. Der Vorsteher, ein großer stattlicher Mann, mit einem festen Zylinder auf dem vornehmen, weißgrauen Kopf, musterte den Juden mit dem tiefgebeugten Rücken und dem kleinen, blonden Bärtchen, mit den Blicken. Er flüsterte dem Schammes etwas zu und ging ruhig auf seinen Platz wieder zurück. Im selben Augenblick hat der Schammes den singenden Awremele aus der Svnagoge geführt, und ihn in die Vorhalle neben die Tür eesteJlt. Awremele hat sich verträumt an die Tür gelehnt und aus seiner Brust haben sich immer überschäumendere Wellen von wachsender Inbrunst losgelöst. Solch eine große Ekstase hat er nur noch einmal erlebt, vor drei Jahren, als er beim Rebbe« zum Neujahrsfest war. Damals war die ganze Svnagoge von seinem ״plötzlichen“ Gesang hingenssen gewesen! Der Rebbe selbst (so haben viele nachher erzählt) hat aufgehorcht. Und jetzt standen auf einmal einige Schassidim neben ihm und haben miteinander geflüstert. Und nun hat einer von ihnen seine Samtmütze mit einer anderen vertauscht, hat Awremele beim Arm genommen, ihn sachte Unausgeführt und in das Gasthäuschen eines galizischen Juden gebracht. Erst dort ist Awremele wieder zu sich gekommen; er hat erstaunt um sich gesehen. Wie kommt er eigentlich hierher? Er bat jemanden, ihm den Weg in sein Hotel zu zeigen. ״Was sich da alles tut, wenn sich ein Kosak in die Garde verirrt....“ Auf den ganzen Weg hat A vrcmele verträumt gclächelt: ,.Ein verirrter Kosak!“ (Aus dem Jiddischen von Martha Not in ana.) Die Berliner Universitätsbibliothek erhielt durch Sehenkung den brieflichen Nachlaß des 1903 in Berlin verstorbenen Professors Moritz Lazarus, des Begründers der Völker- Psychologie. Uterariscfee Nachrichten Das soeben erschienene vierte Heft der vorzüglichen soziologischen Vierteljahrsschrift ״Ethos“ (Herausgeber Prof. Koigen, Hilker und Schneersohn, Verlag G. Braun, Karlsruhe), schließt den ersten Band ab. Emst Krieck gibt in seinem Aufsatz ״Das Wesen der Erziehung“ Begriff, Gesetz und Ziel einer Pädagogik der Wechselwirkurigen an. Fritz Klatt schreibt über ״Deutsche Sprachnot“. Inwieweit das Geschichtliche an der Bildung einer Ge* meinschaft mitzuwirken vermag, zeigt Wilhelm Hans, während Koigen in einer beachtenswerten geschichtsphilosophischen Abhandlung untersucht, wo die Grenzen der geschichtlichen Erkenntnis liegen und so hinführt zu dem Gestalten der Geschichte eines Einzellebens. Th. Geiger untersucht Ehe und Eros äußerlich und seelisch, während Aust in seiner Sozialbiologie und Salomon in ״Die Theorien des staatlichen oder gesellschaftlichen Organismus“ für jeden Menschen wertvolle Einführungen in heute noch viel umstrittene Fragen geben. Der von seiner Wirksamkeit in Berlin her bekannte jiddische Sprachforscher Nahum Stif (Baal Dimjon) wurde zum Leiter des jiddischen Seminars und Lehrstunis bei der ukrainischen wissenschaftlichen Akademie ernannt. jüdische National- und Universitätsbibliothek. Auf Ansuchen der Leitung der Bibliothek hat die beim Völkerbund bestehende Kommission für Veröffentlichungen beschlossen, der Bibliothek von jetzt ab von sämtlichen Veröffentlichungen des Völkerbundes ein Exemplar zuzusenden. Bekanntlich ist die Zahl der vom Völkerbund nerausgegebenen Publikationen sehr groß und die Veröffentlichungen haben großes politisches Interesse. Künstlerbriefe über Kunst aus fünf Jahrhunderten erscheinen demnächst im Verlag von Wolfgang J e 0 in Dresden. Das Werk, das Professor Unde-Bernays herausgibt, wird versehen mit 60 Selbstbildnissen und den Künstlerunterschriften. Kinderbücher. Der Verlag Josef Scholz, Mainz, brachte zwei sehr hübsche und empfehlenswerte Kinderbücher heraus: Don Quichote, gezeichnet von Adolf Uzarski (2,— M.) und Wilhelm Hauffs ״Kleinen Muck“ mit Bildern von Franz Wacik (3,50 M.). Beide Texte sind kindgemäß, und vor allem die Bilder wirklich humorvoll und hübsch.