Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 97 (10.12.1926)
- Date
- 1926-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 704 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 97 Kalinins Rede über Krimprojekt Der nationale Charakter der russischen Judenkolonisation. Moskau, 3. Dezember. (J. T, A.) Die Rede, die der Präsident der Sowjet-Union, M. 1. Kalinin, auf der Tagung der OZET-Gcselischaft in Moskau gehalten hat, liegt nun im Wortlaute vor. Bemerkenswert sind diejenigen Stellen in seiner Rede, in denen er sich über den nationalen Cha* ז a k t e r des jüdischen Kolonisationswerkes äußerte. Er sagte 11. a.: 111 der Sowjet-Union muß jede Nationalität ihren Platz finden. Die Konferenz jüdischer Landwirte ist eine sichtbare Betätigung des Wesens unseres Verbandes, in dem jedes Volk sein nationales Antlitz beh l 11. Der Sowjetstaat hat keine Veranlassung, die eine oder die andere Nationalität zu assimilieren oder zu zerstören. Allen Nationalitäten soll die Möglichkeit gegeben ■werden, ihre schöpferischen Kräfte zu entfalten; jeder Schein von Unterdrückung — sei sie ökonomischer, politischer oder nationalcr Natur — soll beseitigt werden. Denn die nationale Unterdrückung ist in ihrem Wesen auch wirtschaftliche Knechtung. Die Oktober-Revolution, die der gesamten Bevölkerung, auch der jüdischen, Befreiung brachte, hat einerseits (fas jüdische Volk befreit, andererseits gegen dasselbe einen vernichtenden Schlag geführt; sie hat die Möglichkeit wirtschaftlicher Existenz der jüdischen Bevölkerung vernichtet: das Handwerk. Es ist ganz natürlich, daß die jüdische Bevölkerung, die ein kulturell, politisch und sozial diszipliniertes Element darstellt, den Wunsch und das Bestreben äußern mußte, ihren nationalen Platz im Sowjetverbände zu finden. Warum ist heute die russische Intelligenz mehr antisemitisch gestimmt, als sie es unter dem Zarismus war? Das ist ganz verständlich. In den ersten Tagen der Revolution begrüßten die intelligenten und halbintelligenten jüdischen Massen die Revolution als Befreierin. Als ein unterdrücktes Element, das nie an der Regierung beteiligt gewesen war, drängte sich ein Teil der jüdischen ßevölkerun g zur T eilnahme an der Revolutionsreglerung heran. Eine ganze Reihe Juden bekleidete Posten von Kommissaren, Subkommissaren usw. Nach vielen Jahren war dies das erste Beispiel, daß Juden nicht allein Händler, Künstler, Aerzte usw. sein können, sondern daß sie auch befähigt sind? sich in der Regierung und in der Armee zu betätigen. Ein großer Teil der russischen Intelligenz aber stand aus Angst abseits. Aus Neid darüber, daß die jüdische Intelligenz in einem im Verhältnis zu der Gesamtzahl hohen Prozentsatz Regierungsstellen bekleidet, huldigt nun diese russische Intelligenz dem Antisemitismus. Für das jüdische Volk als Nation ,aber hat diese Erscheinung eine negative Bedeutung. Als ich in einer der Fabriken gefragt wurde: ״Warum gibt es in Moskau so viele Juden?“, habe ich den Leuten geantwortet: Wäre ich ein alter Rabbiner, so würde ich alle Juden, die nach Moskau gehen, um Staatsstellungen zu bekleiden, verfluchen, denn sie gehen für ihr Volk verloren. Allein von unserem Standpunkt müssen wir sagen, daß die Juden in Moskau ihr Blut mit dem Blut des russischen Volkes vermischen. In der zweiten, spätestens in der dritten Generation gehen sie in der russischen Umgebung auf. Mir scheint, daß die Bewegung zur Landansiedlung, die große Teile der jüdischen Intelligenz und der jüdischen Bevölkerung ergriffen hat, in erster Reihe eine wirtschaftliche Notwendigkeit ist. Ich muß aber weiter sagen, daß, wenn man die Frage vom nationalen Standpunkt betrachtet, man zu dem Schluß kommen muß, daß in dieser Bewegung eto mächtiges, wenn auch unbewußtes Streben zum Aus* druck kommt; die Nationalität zu bewahren. fHT ghilbe, daß diese Erscheinung eine der Formen der nationalen Selbsterhaltung darstelfi. Im Gegensatz zu anderen kleinen, in ihrer nationalen Entwicklung gestörten Völkern, haben sich die jüdischen Massen den Selbsterhaltungstrieb bewahrt. Ohne Zweifel ist die Organisation von landwirtschaftlichen Kommunen eines der wirksamsten Mittel für die Selbsterhaltung des jüdischen Volkes als Nation. Die Regierung geht an diese Sache vom praktischen Standpunkt aus heran. Wir wollen der wirtschaftlich zusammengebrochenen jüdischen Bevölkerung helfen. Aber die Regierung begreift gleichzeitig, daß die Abwanderung eines Teiles der jüdischen Bevölkerung zur Landwirtschaft auch eine Stärkung der jüdischen Nation bedeutet, und sie will dies nicht verhindern. Die Sowjetregierung unterstützt diese Sache, ebenso wie sie jeder anderen Nationalität hiift. Das jüdische Volk steht nun vor einer großen Aufgabe: Sich pls Nation zu erhalten. Zu diesem Zwecke muß ein bedeutender Teil der jüdischen Bevölkerung, zumindest 100 000 Familien, auf dem Boden angesiedelt werden, in der Weise, daß er eine kompakte bäuerische Bevölkerung bildet. Nur unter einer solchen Bedingung kann die jüdische Masse als Nationalität weiter bestehen bleiben. IMS jüdische Volk steht liier vor einer gewaltigen Aufgabe. Wir haben mit den jüdischen Kapitalisten ein Ende gemacht, aber wir wollen nicht die jüdische Nation liquidieren. Und hier treffen verschiedenartige lnteressen zusammen: Der nationale Selbsterhaltungstrieb der Massen und die nationalen Gefühle der jüdischen Kapitalisten, die außerhalb der Sowjet-Union leben und die ihre Schuld gegenüber der jüdischen Nation empfinden. Die Sowjet-Union muß der jüdischen Masse ein wirkliches Vaterland sein, m ehr a i 8 irgendein bourgeoises Palästina (!). Was kann Palästina der arbeitenden jüdisehen Bevölkerung bieten? Solange dort kein Sowjetstaat errichtet ist, wird sie ausgebeutet. Wenn die jüdische Nation ein Vaterland sucht, so wird sie cs innerhalb der Sowjet- Union finden. Das Wohl der jüdischen Bevölkerung, der jüdischen arbeitenden Massen, kann nicht losgelöst werden von dem Wohle des russischen Bauern, des russischen Arbeiters. Ihr Schicksal ist ein gemeinsames. Augenblicklich werden kleine territoriale jüdische Gemein■ schäften gebildet. Das Vaterland der Juden demnach ist also noch klein. Aber ein Territorium ist schon vorhanden, die Basis ist da. Die Juden, die jetzt auf das Land kommen, dürfen nicht vergessen, daß sie eine gewaltige nationale Mission erfüllen. (Wir werden auf die interessante Rede noch zurück* kommen. — Red.) Der Antisemitismus in Sowfctraßland Moskau, 5. Dezember. (J. T. A.) Unter dem Vorsitz des Volkskommissar Smidowitscli fand am Freitag, den 3. Dezember, im Saal des Moskauer Konservatoriums eine öffentliche Aussprache über die Erscheinung des Antisemitismus in den Ländern der Sowjet-Union und über Maßnahmen zu dessen Bekämpfung statt. Sämtliche Redner stellten fest, daß der Antisemitismus in Rußland eine ernst zu nehmende Erscheinung sei und daß Maßnahmen ergriffen werden müssen, um dieser Bewegung zu begegnen. Prof. Klatsch nikow begann seine Rede mit dem Hinweis, daß das russische Volk den Juden nicht feindlich gesinnt sein könne, dies beweise die Politik der Sowjetregierang in der Nationalitätenfrage. Wenn aber doch der Antisemitismus zu einer ernsthaften Erscheinung werden konnte, so sei dies hauptsächlich darauf zurückzuführen, daß die Juden einen in keinem Verhältnis zu ihrer Zahl stehenden Einfluß ln den verschiedenste n Gebieten des öffentlichen Lebens ausü b e n. Diese Erklärungen Kiutschnlkows riefen lebhafte Proteste hervor, er wurde gezwungen, seine Rede abzubrechen, in längeren Ausführungen trat Larin den Behauptungen Klutschnilows entgegen. Er sagte, daß Prof. Klutscnnikow Mitglied der Regierung des konterrevolutionären Generals Koltscnak war und sich von seiner anti jüdischen Ein- Stellung nicht freimachen könne. Moskau, 1. Dezember. (J. T. A.) In ausländischen Zeitungen war die Mitteilung verbreitet, das Zentralkomitee der ukrainischen kommunistischen Partei hätte ein Zirkularschreiben versandt mit der Anweisung, in jenen Bezirken, in denen der Antisemitismus besonders stärk ist, die jüdischen kommunistischen Beamten ihrer Steilen zu entheben. Von verantwortlicher Stelle wird dem J. T. A.-Vertreter erklärt, daß diese Meldung erfunden ist. Wenn in der Ukraine jüdische Beamte entlassen wurden, so geschah dies wegen ihrer mangelnden Kenntnis der «krai- ..nlschJtt:S;prach«.. (Ein.pu»ea6«t׳׳ Vorwand■ findet, sich ja stets! - A. d. R.) Eli znrBekgeschickter Ordei Warschau, 6. Dezember. (J.T.A.) Der jüdische agudistische Sejmabgeordnete Waciaw Wyschficki schickte dem rumänischen König den ihm im Oktober 1025 bei seinem Besuch mit der polnischen parlamentarischen Abordnung in Bukarest verliehenen hohen rumänischen Orden zurück und teilte in dem Begleitschreiben mit, er tue dies als Zeichen des Protestes gegen die Vergewaltigung der rumänischen Judenschaft in den letzten anti jüdischen Exzessen und als Zeichen des Mitgefühls mit den Unglückliehen rumänischen Juden. Warschau, 7. Dezember. (J. T. A.) Sejmmarschall Rataj lud den Abg. Wyschiicki zu sich ein und machte ihm Vorhaltungen wegen der Zurücksendung seines rumänlsehen Ordens. Durch solche Schritte könnte die polnischrumänische Bundesgenossenschaft Abbruch erleiden. Die Czernowltzer Ereignisse vor dem Parlament Bukarest, 4. Dezember, (i. T. A.) ln der heutigen Parlamentssitzung brachte der Antisemit Cuza seine Interpeliation über die Czernowitzer Ereignisse ein und erklärte, das inländische Judentum bilde im Verein mit dem Auslandsjudentum eine große Gefahr für das Land. Hier wurde der Redner durch Zurufe des Nafionalzaranisten Madghearu unterbrochen, der ihn der antisemitischen Demagogie und der Verhetzung der Jugend beschuldigte. Dr. Lupu wirft Cuza Gewissenlosigkeit vor. Es entsteht ein heftiger Wortwechsel. Cuza fährt fort und sagt, der Abgeordnete Dr. Ebner trage die moralische Schuld an den Czernowitzer Ereignissen. Dr. Mayer Ebner wies in scharfen Worten diesen Vorwurf zurück und sagte, die bedauerlichen Vorgänge seien durch Cuza und seine Partei verschuldet worden. Er wiederholte seine Bereitwilligkeit, auf seine Immunität zu verzichten und sein Verhalten durch das Gericht oder eine pariamentarische Kommission überprüfen zu lassen. Der Redner fragt die Regierung an, was für Maßnahmen zur Auhechterhaltung der Ordnung ergriffen wurden. Innenminister Goga erklärt, er mißbillige die Handiungsweise des jungen Menschen, der in seiner Ueberspanntheit geglaubt habe, die verletzte nationale Würde durch einen Mord zu rächen. Er könne aber andererseits die in Czernowitz hervorgerufene und künstlich genährte Erregung nicht billigen. Die Beschuldigunen der Juden gegen das rumänische Stuententum, fährt Goga fort, seien ungerechtfertigt. Der Jassyer Studentenkongreß habe gezeigt, daß die rumänischen Studenten in ihrer ungeheueren Mehrheit rechtlich denkende und vaterlandsliebende junge Leute sind. Auch die Judenschaft Rumäniens sei gutdenkend und unterwerfe sich in jeder Beziehung den Gesetzen des Landes. Bukarest, 5. Dezember. (J.T.A.) Der Militär-Ober- Staatsanwalt ließ Haussuchungen in den Büros des Verbau des rumänischer Juden und des Verbandes jüdischer Gemeinden in Rumänien vornehmen. Einige Dokumente wurden beschlagnahmt. Die Sekretäre Sarateanu und Magder wurden eingehend verhört und mußten Erklärungen unterzeichnen. Die antisemitische Zeitung ״Cwintul“ teilt mit, man hätte in diesen Büros eine Informationsstelle für ausländische Zeitungen zum Schaden der ruminisehen Interessen entdeckt. Urd Alleiby Aber Palästina London, 6. Dezember. (J. T. A.) Lord Aflenbj wurde heute in der Synagoge zu Hüll feierlich empfangen, in seiner Ansprache sagte der Feldmarschall, er habe bei seinem jüngsten Besuch in Palästina den ungeheueren Fortschritt festgestellt, den dieses Land in den letzten wenigen Jahren zu verzeichnen hat. Er sei überzeugt, daß Palästina in ganz kurzer Zeit einen weiteren starken Fortschritt zu verzeichnen haben wird, wie diesem Lande überhaupt eine glänzende Zukunft vorauszusagen sei. Nene Ansiedfnng im Jahre 1926/1927 Auf einer Sitzung des reorganisierten beratenden Komitees des landwirtschaftlichen Departements der Zionistischen Palästina-Exekutive berichtete der Vorsitzende, Herr Kap- 1 ansky, daß man hoffe, auf den in der Kischon- Ebene vom Keren Kajemeth im vorigen Jahre erworbenen 45000 Dunam im kommenden Jahre 420 Familien ansiedeln zu können. Die Siedlung soll aus Moschawim und Kwuzoth, einer Kolonie orientalischer Juden, einer Mittelstandskolonie und einer Gruppe von rumänischen Einwanderern bestehen. In das Budget der landwirtschaftlichen Koüöilisaiiön aufgenommen wurden ferner Siedlungen für Koiöniearbeiter. Mittel« Standssiedlungen, Siedlungen für Kolonistensöhne, Jemeniten- Siedlungen und Mädchenlehrfarmen. Vom Technikum in Balls Das Haifaer Technikum hat soeben seinen dritten Jahreskursus eröffnet. In den ersten Kursus sind in diesem Jahre bereits 32 Schüler eingetreten; es werden noch weitere aus dem Ausland erwartet. Während bisher fast alle Schüler aus Polen stammten, entfällt jetzt die Hälfte der Schüler auf russische und palästinensische Juden. Es wurden vier weitere Lehrkräfte engagiert: Architekt Kuczynski für Architektur erster Kursus, L a s k e r (aus Amerika), Spezialist für Brückenbau, als Lehrer für den dritten Kursus, A w i g d o r für Hydraulik und Breuer für Bewässerung«- und Ameliorisierungskunde. Außer den normalen Lehrkursen finden auch Kurse für außerordentliche Hörer statt, ferner auch Abendkurse. Das Budget des Technikums für das Jahr 5687 beträgt über £E. 80 000, woran die Zionistische Organisation mit £E. 8000 beteiligt, während der Rest sich aus Studiengeldern und verschiedenen anderen Beiträgen zusammensetzt. (Ziko.) Adolf Donath Dieser Tage feierte Adolf D o 1! a t h , der bekannte Berüner Kunstkritiker, seinen 50. Geburtstag. Adolf Donath ist uns kein Fremder. Die zionistische Generation, die die ersten Tage der Bewegung miterlebt hat, erinnert sich der zarten und innigen Klänge, mit denen Donaths jugendliches Dichtertalent damals die ersten nationalen Regungen unseres Volkes begleitet hat. Donath, der aus einer mährischen Judengemeiiide stammt und in Wien studierte, schrieb schon 1855 den ersten Zyklus seiner Judenlieder, deren mehrere er später in seinem 1898 mit einem Geleitwort von Georg Brandes erschienenen Gedichtband ,,Tage und Nächte“ aufnahm. Donath wurde dann mit Tiieodor Herz! bekannt, dem er seine ״Judenlieder“ vorlegte. Sie fanden in zionistischen Kreisen eine warme Aufnahme, in der ,,Welt“ wurden sie von Samuel Lubliuski besprochen. Die ,,Judenlieder“ wurden in mehrere Sprachen übersetzt, auch vertont, und Schauspieler wie Sonnenthal, Adolf Löwe, Joseph Kainz nahmen einzelne dieser schnell populär gewordenen Gedichte in ihr Vortragsprogramm auf. im ״Jüdischen Aljnanach“, der 1901 von Buber und Fehvel herausgegeben wurde, ist Donath mit einer Dichtung ״Der Prophet“ vertreten. Seine ״judetilieder“ erschienen 1920, vermehrt durch ein Gedicht ״Der Straßensänger des Ghettos“, das er in der Kriegszeit in Lublin verfaßt hat, in einem schmalen Bande bei R. Löwit, Wien. In volkstümlichen, femütvollen Versen, geschult an Heinrich Heines Rhythmen, at er von Judenleid und jüdischer Hoffnung gesungen. Auch in seiner sehr fruchtbaren kunstkritischen Tätigkeit hat Donath sich von jüdischen Künstlerpersönlichkeiten be* sonders stark angezogen gefühlt. Er schrieb ein Buch über Lesser Ury, Monographien über Hermann Struck und über Erich jwol f s f e Id. Seine Spezialität ist die Erforschung des Kunstsammlertums. Seine ״Psychologie des Kunst- Sammlers“ liegt bereits in vierter Auflage vor; er gibt ein ״Jahrbuch für Kunstsammler“ und eine Halbmonatsschrift ״Der Kunstwanderer“ heraus. Unter den Kunstkritikern Deutschlands erfreut sich Adolf Donath einer verdienten Autorität. Wenn sich die Kunstwelt Berlins und Deutschlands heute in Glückwünschen für den Kunstkritiker vereinen, so gilt unser Glückwunsch dem Dichter der ״Judenlieder“, dem treuen, zionsgläubigen Sohn des jüdischen Volkes. ״Jugendliteratur** Seit dem Kriege versieht uns die neuere Literatur Immer wieder hier und da mit der Verkündigung des jungen Menschen als Heiland. Je mehr die Erwachsenen mit sich unzufrieden wurden, wozu sie besonders seit 1914 allen Grund hatten, desto mehr Anklang fand bei ihnen die Vor- Stellung von der Märchenwelt dev Jugendseele. Um sich nicht gänzlich aufgeben zu müssen, sparten sie sich ein Plätzchen an der Eintrittspforte zum Portierdienste auf: die neue Pädagogik. Sonst verzichteten sie auf sich, haßten sich schlechtcnfalls und apologetisierten sich bestenfalls. Die Sohntragödien und -romane,' die Verkündigung der Jugend als selbstgerechter Tatsache, trat dröhnend in die Weit. Ihre Stirne ist Herrlichkeit, ihr Mantel Psychoanalyse und ihre Botschaft ein neues Schicksal. (Banale Botschaft, die in der Tatsache jeder neuen Generation liegt, aber noch nie mit so stark applaudiertem Egoismus hervortrat.) So steht sie heute da. Wie morgen? Die himmlische Vorsehung hat jedem Repräsentanten der Jugend eine Abonnenientskarte gegeben. Täglich wird ihm eine Tagesration Jugend kupiert, täglich wird er einen Tag älter. Darin liegt eine gewisse Beruhigung. Jakob Wassermann hat, vielleicht unabsichtlich, die Legende dieser Situation geschrieben’). ״Der Aufruhr um den Junker Ernst“ erhebt sich im weiten Lande, das von den Foltern der Vorsicht und von der Inquisition des starren Dogmas belastet ist; Folter und Inquisition fallen über den Junker Ernst her, der der unbefangenen Natur So nahe steht, daß er fast tierisch zu nennen wäre, besäße er nicht einen scharfen Verstand, der die Wirklichkeit stets, wenn aurii nur in Parabeln denkend, erfaßt. Er kennt die Wirklichkeit, bekümmert sich aber nicht um sie; wirklich ist ihm nur Natur, Blüte und Tier. Zwischen ihr und den Erwachsenen steht er allein, aber umgeben von der Generation, die in diesem Dazwischen lebt: den Kindern. Den Kindern deutet er beides, im Märchen, int Geschichtenerzählen, und ist so ihr Führer und der Dichter ihrer Sprache. Der Zauber, den er so ausübt, ist nicht der des Kindes, des Umeilen, sondern dessen, der nicht reifen will, der sich *) J. Wassermann, ״Der Aufruhr um den Junker Ernst"; S. Fischer Verlag. festhäh am Boden der Pflanzen und der Kindheit und nicht zu den Erwachsenen hinüberverstehen will. Ein liebenswürdiger Zustand echter aber auch gewollter Abnormität. Der Oheim Inquisator hat sich — dafür lebt er im Mittelalter — für alles Abnorme den Begriff ״Zauber“ gebildet. Aber abnorm ist auch seine Liebe zu diesem abnormen Kinde und so betrachtet er schließlich bestürzt sich selbst mit Mißtrauen. (Nicht mit Unrecht.) Junker Ernst liegt im Kerker. Er hat sich selbst, ein Homunculus unterm hermetischen Glasstürz seiner Märchenwelt, zur Gefahr für das Vernünftige gemacht. Deshalb resigniert die erwachsene Welt auf seine Rettung. Aber die Kihderwelt, der an der Bewahrung des Vernünftigen nichts liegt, befreit ihn im Aufruhr und setzt sich um ihn: ״erzähle weiter!“ Sehr hübsch und von hinterhältiger Logik ist da, daß Junker Ernst nicht mehr erzählen kann. Den stärksten Willen zur besseren Unwirklichkeit bricht eine stärkere Be- Ziehung zur Wirklichkeit: der Ursprung. Die Mutter. Der Schrei ihrer Quai hat ihn aus dem Märchen ins Leben gerufen. Ueber die Häupter der Kinder schaut er schweifend und sehnsüchtig hinüber zu der fremden und schlechten Gegenwart um Nachricht, wie es ihr ergeht, und diese Verbindung mit dem menschlichen aktiven Sein ist so mächtig, daß sie die alte Verknüpfung mit den blumenhaft passiven Sein der Phantasie zerreißt. Junker Ernst geht ins Leben, an der Hand eines Mentors, jenes modernen Pädagogen, der im Hexenzeitalter leise umherwandert: Friedrich von Spee heißt er dort. Von der Gewalt der verrotteten wortgläubigen und abergliubischen Gegenwart bedroht, verläßt das Kind die Gefilde seiner reinen träumenden Gedanken, und wandert, geführt vom erfahrenen Pädagogen, in die Wirklichkeit, um seinen Gedanken leben zu können. Eine reizende Parabel ist diese Novelle, der das historische Gewand wie angegossen sitzt, ob sich auch die modernen Gestalten noch so behende darin bewegen. Dr. Mirjam Scheuer. Das in Nr. 95 der ״Jüdischen Rundschau“ besprochene Büch von Samuel Meise!8 ״Judenköpfe“ ist im Verlag Die Neuzeit, Wien IX, Eisengasse 28, erschienen.