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Jüdische Rundschau · 1926-12-03 · Heft 95 (3.12.1926) · page 7

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 95 (3.12.1926)
Date
1926-12-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 95 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 689 Die Tagung der Arbeiterjugend and die Frage der sozialistischen Erziehung in Erez-Israel Von Moses Calvary, Tei-Awiw. II♦). Die Frage der sozialistischen Erziehung ist ernst genug, um sie hier in ihren Hauptproblemen zu behandeln. Suchen wir zunächst «lie Gegenforderung zu präzisieren und von ihren Unklarheiten zu befreien. Sie könnte die sein, daß die Erziehung allgemein menschlich sein müsse, so daß der Zögling in seiner Reife sich von hoher Warte aus frei entscheiden könne, wohin er sich zählen wolle, das Individuum müsse erzogen werden, unter möglichst weiten Gesichtspunkten, in reicher Darbietung alles Menschlichen, frei von der Enge des Staates, der Nation, der Religion, der Klasse. Eine solche Plattform ist denkbar, aber es erübrigt sich, sie zu diskutieren da sie bei uns in so extremer Form kaum vorhanden ist. vielmehr stehen der herrschenden Riehtung zwei Ideologien gegenüber. Ke eine ist die einer rein nationalen Erziehung, aufgebaut auf der nationalen Sprache, den nationalen Bildungselementen, der nationalen Forderung der jüdischen Heimstätte in Palästina und von diesen nationalen Gesichtspunkten aus das Menschliche erfassend. So etwa sieht die jüdische Intelligenz das Problem. Eine zweite Ideologie stellt nicht gerade die Nation in den Mittelpunkt, setzt sie jedoch voraus, um in ihr, neben jenen Momenten der nationalen Sprache, Bildung, Politik, ein bestinimtes allgemein menschliches Ziel zu verwirklichen, den Menschen, der von eigener Arbeit lebt, am besten als Genosse einer ländlichen Kwuzah oder im Besitz eines kleinen Stückes Landes, ohne auszunutzen oder ausgenutzt zu werden, der von Gemeinschaftsgefühlen getragen wird, den Egoismus, so- ,weit er niedrig ist, in sich überwindet und so einen edleren Typus des Juden darstellt. Dies ist etwa das Ideal weiter Kreise des Hapoel Haza'ir. Ke Formulierung der Strömungen stammt von mir, und ich hoffe, sie objektiv gegeben zu haben. Ihnen gegenüber steht der Wille dieser Arbeiterjugend nach sozialistischer Erziehung. Man wirft dieser sozialistischen Erziehung vor, daß sie nicht den Menschen, sondern das Parteimitglied erziehe. Aber es ist nicht eben leicht, zu sagen, wo denn die Grenze Zwischen Parteimeinung und Welt- oder Lebensanschauung liege, einfach darum, weil es kaum eine große Partei gibt, die nicht gleichzeitig Träger einer Weltanschauung wäre. Was ist es denn, das Parteien oft so unerträglich macht? Tech keineswegs ihr Verhaftetsein an bestimmte Anschauivngen, und seien sie noch so einseitig — in diesem Sinne fst der handelnde Mensch gezwungen, Partei zu ergreifen —, das Schlimme an der Partei ist ihr Zwang, ihre bewußte oder zwangläufige Unterdrückung der eigenen Meinung des Einzelnen, günstigenfalls die in ihnen sich leicht entwickelnde ,Neigung des Einzelnen — nach Nietzsche —, diejenige Ansicht von einer Sache zu haben, wirklich zu haben, welche die Situation der Partei erheischt. Aber selbst dieses starke Gebundensein, besonders des jugendlichen Menschen, an Werte, die von außen an ihn herangetragen werden, reicht weit über das Parteiwesen hinaus, und es ist kein allzu froßer Unterschied zwischen dem Glauben eines Wickersdorföglings vor zehn Jahren an Bruckner und dem eines Gewerkschaftsmitglieds an Marx. Der Unterschied besteht Irn wesentliehen darin, daß jener Zögling stärker angewiesen wurde, als es gemeinhin in der Gewerkschaft möglich ist, seine Stellungnahme geistig zu begründen, — aber die letzte Ent- Scheidung war hier so wenig wie dort von den Gründen ab־־ hängig, sondern beruhten in beiden Fällen im wesentlichen *M der Atmosphäre der Umgebung. Das ist kein Unglück, am wenigsten in der Erziehung. Ja, noch mehr, wirkliche Erziehung gibt es nur in einer gebundenen Welt. Das wissen auch alle die, die gerade in der sozialistischen Erziehung pädagogisch unerlaubte Enge sehen, sehr wohl, sobald es sich um ihre eigenen Ziele handelt. Der junge Mensch, der im reli* glösen Judentum erzogen wird, fühlt sich — wenigstens in Deutschland ist es so — als Glied einer großen Gemeinschaff, die ihn weithin umgibt, und die ihn scheidet von der Masse der Gleichgültigen und Gegner. Keses Gefühl erweckt in ihm den Geist der Verantwortung gegenüber dieser Gemeinschaft und ihrer Idee, einer Verantwortung, auf der die gewaltige sittliche Kraft der religiösen Erziehung beruht. Ais in Deutschland der Blauweiß gegründet würde, hofften wir Aelteren, allmählich die gesamte jüdische Jugend Deutschiands zu erfassen, und so mußte natürlich sowohl Religion wie Zionismus in der Erziehung ausgeschaltet bleiben, aber Grundlage der Erziehung war uns die Erweckung und Stärkung des jüdischen Nationalgefühls, obwohl wir doch wußten, daß auch dieses nur Besitz eines gewissen Kreises des deutschen Judentums war. Der Bund wurde nachher kraft eigener Entwicklung zionistisch, und wir Zionisten freuten uns dessen. Der jüdische Bürger Palästinas wünscht eine national-ziomstische Erziehung, die Vertreter des Programms eines sittlich-adeligen, ans Land gebundenen Judentums, wollen die Jugend in einem Milieu aufwachsen lassen, das von ihrer Gesinnung erfüllt ist, — genug der Beispiele, um zu zeigen, daß jeder erzieherische Wille von bestimmten Voraussetzungen und Tendenzen beherrscht ist. Der Gedanke des Sozialismus ist gewiß nicht enger als der des Zionismus oder des edleren Judentums. Man kann die sozialistische Erziehung bekämpfen, weil man den Sozialismus auch für Erwachsene für verkehrt hält, aber nicht im Namen der Pädagogik, jedenfalls nicht, solange man eine nationale oder religiöse Erziehung für pädagogisch erlaubt, ja geboten hält. Man wendet ein, daß eine sozialistische Erziehung gerade ln Palästina nicht am Platze sei, da der Arbeiter hier, in einem Lande ohne Unternehmertum, keinen Klassenkampf zu führen habe und ihn aus nationalen Gründen auch nicht führen dürfe. Selbst Franz Oppenheimer wendet sich gegen die gewerkschaftlichen Neigungen des jüdischen Arbeiters in einem Lande, in dem es keinen Kapitalismus gebe. Offenbar hat seine Abneigung gegen den Marxismus ihm hier den . klaren Blick getrübt. Der jugendliche Arbeiter Palästinas stöhnt unter Bedingungen, wie sie in Europa seit Iahrzehnten unmöglich sind, in einer Versammlung von sechsundert Hausbesitzern Tel-Awiws wird ohne Widerspruch erklärt, daß man sich an den städtischen Wahlen nur beteiiigen dürfe, wenn eine Mehrheit der Hausbesitzer gesetz lieh gewährleistet sei, ich erspare mir die Trivialität, Beispiele kapitalistischer Gesinnung zu häufen, — wer die Seele des jüdischen Bürgers kennt, weiß um seine gründliche kapitalistische Einstellung Bescheid. Richtig ist, daß unsere ״Kapita- Osten“ kein Kapital haben. Soll man warten, bis sie es haben werden, oder nicht vielmehr durch sozialistische Er- Ziehung der Arbeiterjugend dafür sorgen, daß dieses Kapitel zwar fruchtbar, aber nicht gefährlich werden kann? Der ״allgemeine“ Zionist wendet dagegen ein, daß die Erziehung über dem Klassengegensatz stehen müsse und die Gesamtwerte des Judentums zu vermitteln habe, dieser Rahmen sei eng und konkret genug. Wir begegnen hier derselben Naivität, die den Namen ״allgemeiner Zionismus“ geprägt »tat, die die Demokraten aller Völker beherrscht, als ob ihr Standpunkt kein Klassenstandpunkt sei. Man kann das ge- *) Siehe Nr. 91. — Wegen Raummangel verspätet( schichtlich verstehen: jene allgemein jüdischen Werte — sowie die allgemeinen werte aller Nationen — sind im Laufe von Jahrhunderten von besitzenden Klassen geschaffen worden, Eigentum des Volkes geworden, — und so wird ihre Herkunft und Bedeutung vergessen. Seitdem es Privateigentum gibt, scheidet sich jedes Volk in zwei Klassen, Besitzende und Nichtbesitzende, es gibt im Leben keine klassenwertfreien Bestrebungen, gibt nur in der Wissenschaft einen ernsten Willen, sich von ihnen zu emanzipieren, es gibt nicht einmal, was seit Marx klar sein dürfte, eine theoretische Mitte zwischen Bürgertum und Proletariat, es gibt höchstens Anschauungen, die aus bürgerlichen und proletarischen Eiementen gemischt sind, weil ihr Substrat, der Mittelstand, keiner von beiden Klassen, oder beiden angehört. Eine Mischung von Elementen kann bedeutsam sein zur Erziehung eines intellektuellen, kontemplativen, ästhetisch gerichteten Menschen, daß sie aber geeignet sei. einen tätigen Mensehen heranzubilden, dürfte schwerlich einleuchten. Zum Teil gilt das auch gegenüber jenen Anschauungen, die, wenigstens andeutungsweise, auf der Tagung des fl a - poei Haza'ir zum Ausdruck kamen. Leider beschränkten sich — nach dem Bericht in ״Dawar“ - die meisten Redner auf die Kritik des bestehenden Zustandes, dem sie Unreife, Mangel an national-zionistischer Gesinnung, Politisierung vorwarfen; an positiven Vorschlägen findet sich nur, daß die Erziehung humanistischer, allgemein jüdischer sein müsse, daß der Klassenkampfgedanke nicht zu betonen, sondern zu verwischen sei, und vereinzelt, nicht ohne entschiedenen Widerspruch, der Vorschlag, eine besondere ״Arbeiterjugend“ des Hapoel Haza'ir zu gründen. Der vor der Tagung im Hapoel Haza'ir (Nr. 30/31) veröffentlichte Aufsatz Sandbanks behandelt die Jugendbewegung; es ist klar, daß die Arbeiterjugend keine Jugendbewegung ist, im Sinne Wynekens keine sein kann. Der beachtenswerte Aufsatz Chanochs (dort Nr. 36 und 37) macht auf viele Mängel der Kulturarbeit! aufmerksam, die wohl auch den Mitarbeitern bekannt sind, erhebt prinzipielle Einwändc gegen die Struktur der Arbeiterjugend, die Gewerkschaft und Kulturorganisation in einem sei, macht den richtigen Vorschlag, der freilich aus äußeren Gründen schwer durchzuführen ist, die Erziehungsarbeit auf kleineren, in sich geschlossenen Gruppen aufzubauen, — all das berührt nur mittelbar die entscheidenden Gründe der ablehnenden Haltung des Hapa.il Haza'ir gegenüber der heutigen Arbeiterjugend. Näher kommt jenen Gründen sein Vorschlag, Arbeiter- und Schuljugend zusammenzufassen. Unausgesprochen steht hinter der Abneigung des Hapoel Haza'ir doch das positive, oben gekennzeichnete Ideal des kleinen, menschlich reichen Bauern, oder der ländlichen oder städtischen, menschlich und nicht gewerkschaftlich verbundenen Kwuzah (vgl. AO. Jüd. Rundschau Nr. 83). Daß in unserer unreinen Welt jede ideale Bestrebung auf allzu menschlichen Faktoren, auf Organisation und Lohnforderungen aufgebaut ist, daß endgültig Besserung nur durch machtvolle Zusammenfassung der Nichtbesitzenden erreichbar ist, mag nicht jeder leicht hinnehmen, aber cs ist unser Schicksal. (Ob prinzipielle Nationalisierung des Bodens das ändern würde, steht dahin, noch gibt es sie nirgends.) Es läßt sich wohl eine Erziehung denken, deren Ideologie auf den Bedürfnissen einer kleinen, menschlich reinen Gruppe des Mittelstands beruhte. Die deutschen Landeserziehungsheime machen es so. Es besteht aber bei einer Erziehung, die nicht von einer großen Gesamtbewegung des wirklichen Volks getragen wird, leicht die Gefahr eines aristokratischen, exklu■ siven Ideals, eine Gefahr, der in grotesker Form die Führerschaft der Blauweiß-Werkstätten erlag, die gekenn zeichnet war durch grenzenlose Ueberhebung und Volksfremd■ heit gerade In der Zeit des Aufstiegs und Gelingens der Wwkftittefr. Aus ’ebtti diesön Gründe meine Ich auch, daß die gesamte Arbeiterjugend sich Zusammenschlüßen solle. Ke Jugend Nahalals 1'st gewiß zu dem Wunsche berechtigt, von der allgemeinen Organisation nicht verschluckt zu werden; es wäre aber für sie selbst fruchtbarer, für ihre Eigenziele innerhalb der Arbeiterjugend und von deren Kraft mitgetragen zu kämpfen. Warum in aller Welt soll der Klassenkampf vertuscht werden? Der Redner, der das fordert, sieht ihn als in Wirklichkeit vorhanden an. Und es läßt sich ja auch nicht leugnen, daß die Kwuzah, der Moschaw, die Histadruth, der Soiel Boneh, selbst der Hapoel Haza'ir, der das Wort Klassenkampf scheut, — daß sie sämtlich Instrumente des Klassenkampfs sind (vgL den ausgezeichneten Artikel Beiiinsons, ,,Dawar“ 423). Ueber alle diese Dinge ist ja schön oft diskutiert worden, mündlich und schriftlich, und ich brauche nur Gesagtes zu wiederholen. Stört etwa der Gedanke, daß es Klassenkampf auch außerhalb des Judentums gibt, daß er nicht Ausdruck einer jüdischen, sondern einer allgemeinen Idee ist? Es mag ja wahr sein, daß er, für sich betrachtet, die Reinheit zionistischer Gesinnung nicht fördert. Aber das, was seinen Inhalt ausmacht, Schutz der Nichtbesitzenden gegen die Besitzenden, findet man bei den Propheten der Bibel auf Schritt und Tritt, und so darf es wohl den Anspruch erheben, einen Teil jüdischer Ideologie zu bilden. Man fürchtet, er könnte die Einheit der Nation gefährden. Schon in den Anfängen des Zionismus hat diese Furcht dem Zionismus, besonders in Osteuropa, seinen ״bürgerlichen“ Charakter aufgeprägt, hat dazu geführt, daß der jüdische Arbeiter den Zionismus ablehnte, dem ״Bund“ angehörte, daß noch heute, nicht nur in Sowjet-Rußland, selbst die hebräische Sprache als bürgerlich bekämpft wird. (Wie denn auch die einseitige oder gleichgültige Haltung des jüdischen Mittelstands 1m Klassenkampf ein gut Teil der Schuld daran trägt, daß der jüdische Arbeiter der religiösen Formenwelt so feindlich gegenübersteht.) Was helfe es uns, die Wirklichkeit des Klassenkampfes zu bestreiten? Gerade die Angst des Hapoel Haza'ir vor dem Eingeständnis dieser Wirklichkeit ist eine Gefahr. Wenn der Oedanke des Klassenkampfes nicht in den zionistischen Reihen anerkannt und entwickelt wird, so dringt er als unser Gegner ein. Ja, noch mehr. Es scheint, daß eine überstarke Betonung des allgemeinmenschlichen, ideaiistisehen Moments selbst innerhalb einer sozialistisch-nationalen Erziehung den nationalen Gedanken leicht gefährden kann, sobald der so Erzogene wirkliche Arbeit und ihre Nöte kennenlernt. Man kann aas bedauern, aber muß es hinnehmen, und es gibt auch im außerjüdischen Europa Parallelen zu dieser Erscheinung. Was sich einst in Osteuropa gegenüber dem Zionismus begeben hat, wird heute wieder In Erez-lsrael vor unseren Augen Wirklichkeit: gerade Kreise des Haschomer HazaTr, der in Europa eine gut zionistische Bewegung ist, aber nicht gerade Arbeiter umfaßt und in seinem Sozialismus die ideale menschliche Gesinnung vor allem anderen hervorhebt, gerade sie werden hier im Kampfe ums Dasein am leichtesten das Opfer der ״Fraktion“, der antinationalen, rein kommunistischen Bewegung. Es dürfte kaum Zweifeln begegnen. Ke Masse der Arbeiterjugend kann nur so erzogen werden, daß sie die Arbeit nicht als Zwang, sondern als menschlich jüdische Aufgäbe empfinden lernt. Diese jungen Arbeiter müssen, wenn sie nicht unter dem täglichen Zwang der schweren Arbeitsbedingtmgen verzweifeln sollen, das Gefühl haben, das gerade sie, die künftigen Arbeiter Erez-Israels, berufen sind, die Ordnung dieses Landes im Sinne der Gerechtigkeit und Humanität umzugestalten, daß ihr Klassenegoismus gleichzeitig der Träger eines idealistischen Gedankens ist. Dazu aber hilft der Geist der sozialistischen Bewegung. Wieweit die Gegner damit recht haben, daß in der Arbeiterjugend nicht zu sehr der große Geist der sozialistischen Weltanschauung, sondern der kleine der sozIalistischen Partei gepflegt wird, ist jetzt, wo die ganze Kultur» arbeit in den Anfängen steckt und an vielen unzulänglichkeiten leidet, sehr schwer zu entscheiden. Der Ernst und dia Sachlichkeit dieser Tagung deuten auf das Gegenteil. Aber jedenfalls verlangt die Situation unseres Volkes und Erez- Israels eine Erziehung in diesem Sinne sozialistischer Verantwortung. Dazu aber kann gerade der Schwung einer großen Weltbewegung die Jugend hinreißen. Der Sozialismus gibt ihr das Gefühl, ein Glied in dem großen Kampfe der Befreiung zu sein, der Befreiung sowohl des jüdischen Arbeiters, wie der Mühseligen und Beladenen aller Völker, die mit ihr den gleichen Weg der Erlösung suchen. Und hier scheint es, ist in der Untersuchung der Punkt erreicht, an dem das eigentliche beunruhigende Problem einsetzt: Welche Stellung soll neben dem Kampf für die Befreiung des jüdischen Arbeiters, neben dem Kampf für die Befreiung des Arbeiters überhaupt, der Kampf um die Befreiung des jüdischen Volkes einnehmen? Weder Beiordnung, noch Unterordnung scheint zwischen diesen drei Begriffen möglich. Der jüdische Arbeiter gehört eben zwei Bewegungen an, dem Judentum und der Arbeiterklasse, die beide um ihre Existenz kämpfen und untereinander nicht verbunden sind. Der Fall ist nicht singulär, vor dem Kriege befand sich die deutsche und tschechische Sozialdemokratie Oesterreichs in ähnlicher Lage. Staat, Volkstum, Religion, Klasse, das sind alles sich schneidende Kreise. Es gab Zeiten, wo der Staat, wo die Religion prävaiierte. Heute ringen, wie es scheint, Volkstum und Klasse um das Recht der Erstgeburt. (Und auch Staat und Religion haben ihren Anspruch, den letzten Wert zu bedeuten, keineswegs aufgegeben.) Es geht nicht an, in der Epoche des Kampfens nicht an, einem von ihnen die beherrschende Stellung anzuweisen: die soziale Frage muß in nationalem Rahmen, die nationale Frage in sozialgereehter Form ihre Lösung finden*). Wenn ich mich hier bemüht habe, zu zeigen, aus welchen pädagogischen und nationalen Gründen die Erziehung der Arbeiterjugend sozialistisch sein müsse, so soll das nicht bedeuten, daß der Sozialismus für ihre Erziehung ausreicht. Das tut er nirgends. Und für uns sind die nationalen Werte noch wesentlicher, als für die anderen nationalen Einheiten innerhalb des Sozialismus, weil unsere nationale Stellung . wenig verzichten, wie sie etwa auf allgemein menschliche Werte verzichten will. Berl Kazenelson hat auf der Tagung selbst in sehr entschiedener Weise darauf hingewiesen, daß der Ruf nach rein proletarischer Bildung zu dem Glauben an Formeln und Phrasen führt, uni der Arbeiterjugend nicht dazu verhelfen könne, brauchbare Glieder der neuen Arbeitergesellschaft zu werden. Ein solcher Glaube an die Autarkie proletarischer Werte herrscht nicht nur in den Kreisen, die links von der Arbeiterjugend stehen., er fand bedenklichen Ausdruck auch in dem Programm der Arbeiter-Pfadfinder, die ihr als selbständige Gruppe angehören. Bisher existiert in Tel- Awiw eine ״Schule“ der Arbeiterjugend, in der die jungen Arbeiter, die keine Volksschule absolviert haben — Schulzwang gilt es hier nicht —, sich das ihnen fehlende Elementarwissen er» werben, und daneben die Kurse für die Orößeren. In diesen gibt es zurzeit, außer den jüdischen Stoffen, Kurse für Wirt« schaftslehre, allgemeine Arbeiterbewegung, Zeichnen, Bildbetrachtung und ein Theaterstudio. Es genügt natürlich nicht, nur den umfang der Bildungsfächer zu vergrößern. Ke Aufgabe ist, die Abende so zu gestalten, daß die Jugendlichen nicht passiv Kenntnisse und Formeln hinnehmen, sondern daß ihre Einsicht und Urteilskraft gesteigert wird. Ke Auf» :abe ist schwer — däs gilt von der ״bürgerBchen“ Schule :uropas so gut wie von den Arbeiterkursen —, und Lehrer wie Jugendführer in Tel-Awiw werden di« ersten sein, zuzugeben, daß sie noch nicht verwirklicht ist. Berl Kazenelson hat die Jugend ermahnt, alles Menschli che in sich aufzunehmen; vom Jüdischen, vom Zionistischen hat er nicht gesprochen; augenscheinlich ist er, dem man so wenig Mangel an zionistischer wie an sozialistischer Gesinnung vorwerfen wird, der Meinung, daß die jüdischen Werte, bei allen zutage liegenden Mängeln, in den Händen dieser Jugend gut aufgehoben sind. Ein Beispiel dafür, wie wenig man der parteilichen Dar- Stellung in der hebräischen Presse trauen darf, bietet ein langer Aufsatz gegen die Erziehung der Arbeiterjugend im ״Jischuw“ (Nr. 6 und 7), dem Organ des rechtsbürgerliehen Zionismus. Der Verfasser geht von der Mitteilung auf der Tagung aus, daß man in der Literaturgruppe von Tel- Awiw Feierberg und Brenner gelesen hat, er weist demgegenüber auf den reichen Schatz jüdischer Literatur hin, von Thenach bis zur Gegenwart, der so vernachlässigt bleibt, und Ist verzweifelt ob der Entjudung dieser jungen Menschen. Er vergißt, daß zur Einführung halbreifer Menschen Autoren sich eignen, die aus irgendwelchen Gründen ihrer Mentalität leicht zugänglich sind, und eine Anfrage hätte ihn, wenn es ihm um die Sache zu tun war, belehren können, daß es außer dem Kurs für jüdische Literatur noch Kurse für Thenach, jüdische Geschichte, Geschichte des Zionismus vorhanden sind, sein Aufsatz also gegenstandslos ist. Kese Jungen, deren Kinderstube zu einem großen Teil jiddisch oder arabisch war, von deren Führern einige vor wenigen Jahren aus Rußland kamen und dem Hebräischen ganz fern standen, leben und denken und dichten Hebräisch. Es ist sehr billig zu behaupten, daß der Gegensatz zwischen der allgemeinen und der ״Boruchow“-Arbeiterjugend ״nur“ einen Parteienkampf zwischen Achduth Awodah und den linken Poale Zion darstellt. Der Kampf für das Hebräische allein, an einer gefährdeten Stelle, ist doch wahrhaftig keine Parteiangelegenheit, in ihm zeigt sich die Arbeiterjugend als Kämpfer für die Gesamtkultur des zionistischen Erez-lsrael, Es ist eine eminent nationale Leistung, daß es dieser Jugend gelungen ist, auch die orientalischen jungen Juden zu erfassen und sich zu verschmelzen, in dem Maße gelungen ist, daß etwa der vierte Teil der Deputierten dem Kreise der Sefardim, Perser, Bucharer usw. angehörten. Sie haben wohl in der gemeinsamen Arbeit mit den Gesamtjuden zuerst gelernt, was zionistische Bewegung und Weltjudentum bedeuten. Es gibt hier eine ganze Reine Jungen, die früher der Fraktion angehörten *) Es könnte merkwürdig erscheinen, daß die Frage ersl heute an uns herantritt, es gab ja schon früher Schichten, die eine bestimmte Einstellung zu universellen Fragen hatten. Aber das religiöse Judentum hat sich in seinem Kampfe gegen den jüdischen Liberalismus im allgemeinen nicht solidarisch mit den Frommen anderer Religionen gefühlt, wenn es auch deren Literatur mit Befriedigung zitierte und deti religiösen Konservatismus sowohl der preußischen Regierung wie des Zentrums mit Erfolg in Anspruch nahm. Keser Mangel an Solidarität hängt vermutlich damit zusammen, daß auch die Frommen anderer Religionen keine gemeinsame Front gegen die Gottlosen hatten. Das liegt nicrit nur daran, daß diese nicht in religiös-gemischten Territorien wohnen, sondern es scheint auch, daß das religiöse Bekenntnis, ganz gleich, ob es als Kirche oder als nationale Gemeinschaft sich manifestiert, exklusiven Charakter besitzt und seine Frommen, Lauen und Ungläubigen, als zusammengehörig, von den Angehörigen anderer Bekenntnisse trennt.

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