Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 95 (3.12.1926)
- Date
- 1926-12-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 688 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. ÖS internationale statt von der Zionistischen Organisation unterstützen ließe. Davon aber ist gar keine Rede. Gewiß darf die Arbeiterschaft -- dank ihrer großen Mühe und Opferkraft ~ auf eine besondere Stellung rechnen, und tatsächlich finden wir, daß ihr von weiten Kreisen in Palästina und im Auslande die Stellung einer Elitekaste eingeräumt wird, zu der man aufblickt und deren Einfluß man sich beugt. Der Begriff der ״Elite“ darf aber nicht mit Hochmut und mit Desinteressement an anderen Klassen des Volkes verbunden sein - sonst kann sie leicht der gleichen Degeneration verfallen, der so häufig in der Weltgeschichte Elitekasten verfielen. Richten sich diese Erwägungen an die Arbeiterschaft im allgemeinen, so richten sie sich noch ganz besonders an die arbeitenden Frauen. Bei ihnen finden wir — theoretisch — eine noch radikalere Absperrung gegen die ganz־ bürgerliche Welt, ein noch stärkeres Pochen auf dis Partei- Programm, ein noch entschiedeneres Ablehnen jeden Zusammengehens mit bürgerlichen Kreisen als bei den Männern. Ich sage ״theoretisch“, denn in der Praxis finden wir die Arbeiterinnen und ihre Organisation, die Moazat Hapoalot, bereit, mit bürgerlichen, ja mit den allerbürgerlichsten Frauen zusammenzugehen. Zusammenzugehen allerdings nur auf der Basis einer Inanspruchnahme bürgerlicher Hilfe, ohne sich dafür zu irgendeiner Gegenleistung in der allgemeinen Frauenarbeit zu verpflichten — wie das deutlich im vorigen Jahr auf der Frauenkonferenz in Wien in die Erscheinung trat. Dieses gelegentliche Zusammengehen der Arbeiterinnen mit kapitalkräftigen Frauenorganisationen erscheint besonders dadurch erstaunlich, daß sie bei anderen Gelegenheiten immer geltend machen, daß sie keinerlei Unterschied in der Ein- Stellung, Leistung und Lebensaufgabe des Maiines und der Frau anerkennen und deshalb auch nicht die Notwendigkeit einer besonderen Gruppierung der Frauen zur Erfüllung besonderer Aufgaben anerkennen — eine Behauptung, die durch die Einrichtung besonderer Mädchenkwuzoth, besonderer Ausbildungsinstitute für Frauen, einer besonderen Organisation der Arbeiterinnen widerlegt wird. Um dieses Strebens willen, ohne das es uns keinesfalls gelingen wird, die heterogenen Volkselemente in Palästina zu einem neuen Kern des jüdischen Volkes zu verbinden, dem Streben nach Selbsterkenntnis und Erkenntnis des anderen lohnt es sich vielleicht, daß unsere radikalen Frauen der Linken sich folgendes klarmachen: 1. Die Radikale der Linken behauptet, daß Mann und Frau in ihren Aufgaben und Leistungen einander vollständig gleich sind oder jedenfalls werden sollen. Die bürgerliche Frau sagt dagegen, daß, wenn auch• vielleicht in Ländern mit einem konsolidierten geistigen Leben eine gewisse Gleich• heit der geistigen Leistung erreicht sein mag, von solcher In unserem Koloniallande keine Rede sein kann. Hier, wo es vor allem auf die physische und technische Leistung ankommt, da das Leben ziemlich primitive Formen hat, erweist sich auf Schritt und Tritt die Verschiedenheit zwischen den Geschlechtern und ihren daraus entspringenden Auf• gaben. Ja, die Bürgerliche geht vielfach noch weiter und erklärt, daß ihrer bürgerlichen Ideologie eine solche Gleichheit nicht einmal wünschenswert erscheint, sondern daß sie sich durch Ausbildung der männlichen und der weiblichen Individualität eine Bereicherung der menschlichen Typen und eine ^Irhihung itr.Gftt|t|g Mensch,.verspricht. Das’hindert natürtÄ nldit, daß riC gleich der Arbeiterin, für die Leistung der Frau volle Anerkennung und Gleichberechtigung fordert. 2. Der Charakter und die Gruppierung der Gesellschaftsblassen in Palästina ist anders als in anderen Ländern, so daß man unmöglich deren Klassenideologie einfach auf hiesige Verhältnisse übertragen kann. Hier steht nicht eine Proletarier- Schicht, die vom Kapital ausgebeutet wird und in jeder Beziehung sozial benachteiligt ist, einer Kapitalistenschicht gegenüber, die sie ausbeutet und in jeder Beziehung Vorzüge genießt. Vielmehr ist die Grundlage höheren Menschentums und besserer Chancen im Lebenskämpfe: physische Arbeits* kraft und geistige Bildung bei den Arbeitern vielfach höher als bei den Nichtarbeitend und der Standard der Lebenshaltung ist bei diesen oft geringer als bei jenen, so daß die Grenzen von Proletariertum und Bourgeoisie ständig ineinander überfließen. Dazu kommt, daß die soziale Wertung des Arbeiterstandes in Palästina als eines gewissen Adels- Standes sich von der Wertung in der ganzen übrigen Welt unterscheidet. 3. In der Schichtung des Volkes in Palästina tritt ein grundlegender Unterschied gegenüber allen anderen Völkern zutage. Während bei diesen Kapitalismus als Oberschicht und Proletariat als Unterschicht einander gegenüberstehen und das Proletariat den Kapitalismus für seine Verelendung verantwortlich macht, ist bei uns gar nicht die Arbeiterschaft die besitzlose, gedrückte Klasse, sondern unterhalb der Arbeiterschicht gibt es eine große Unterschicht, die die Merkmale des Proletariertums trägt: physische Unzulänglichkeit veranlaßt durch ungenügende Lebensbedingungen, Unwissenheit und dadurch Beeinträchtigung im Lebenskämpfe. Der Unterschied zwischen diesem Proletariat und dem anderer Völker ist allerdings der, daß man für seine Verelendung unmöglich das jüdische Kapital verantwortlich machen kann, da ganz andere Faktoren dazu geführt haben. Dieser unterproletarischen Schicht — den eingeborenen und eingewanderten orientalischen Juden — gegenüber ergeben sich nun für jeden an Erez-Israel und dem jüdischen Volke Interessierten große Aufgaben. Hier gilt es, eine gewaltige Erziehungsaufgabe zu leisten, um diese vernachlässigten und vielfach wesensfremden Elemente dem Judentum und Jischuw einzugliedern, ihnen Geist vom europäischen Judengeist einzuflößen und von ihnen orientalischen Geist zu empfangen. Diese Erziehungsaufgabe ist nur durch ein ganzes System sozialer Institute zu lösen, und ihre Schaffung betrachten die bürgerlichen Frauenvereine als ihre Aufgabe. Wenn von Arbeiterseite geltend gemacht wird, daß dies keine offizielle Frauenaufgabe, sondern eine Aufgabe der Ge- Seilschaft im ganzen sei, so ist dies wohl theoretisch richtig — praktisch aber zeigt es sich, daß gerade die Frauen für diese Arbeit Interesse, Zeit und Eignung mitbringen. Hier also ist ein Gebiet, wo Arbeiterinnen und bürgerliche Frauen durchaus Zusammenarbeiten und in gemeinsamen Organisationen ihren Einfluß als Frauen geltend machen müßten. Durch diese Zusammenarbeit würde das Verhältnis zwischen bürgerlichen Frauenorganisationen und Arbeiterinnen- Organisation nicht ein einseitig gebendes bzvv. einseitig nehmendes bleiben, sondern hier würde wirklich die Basis einer Gemeinsamkeit und ein Weg zu gegenseitigem Verständnis geschaffen werden. Die Basis dieser Zusammenarbeit ist freilich die Anerkennung des Grundsatzes, daß Frauen kraft der besonderen Eigenart ihres Wesens und Lebens besondere Frauenaufgaben haben. Wollten unsere Arbeiterinnen diesen Grundsatz anerkennen, so könnte aus ihrer Zusammenarbeit mit den Frauen anderer Kreise eine Vertiefung des gegenseitigen Verstandnisses und damit ein wichtiger Schritt zur Ueberbrückung von Gegensätzen und zur Konsolidierung der jüdischen Gesellschaft in Palästina geschehen. Entziehen sie sich dieser Einsicht, so sind sie in hohem Maße an der Zerklüftung unseres Jischuw mitschuldig. Aber dann ist es unerfindlich, welche Logik es ihnen gestattet, in Fällen, in denen ihr Interesse es erfordert, dennoch die Daseinsberechtigung bürgerlicher Frauenvereine anzuerkennen und Bündnisse mit ihnen einzugehen. (Der Aufsatz wird hebräisch in der Zeitschrift ״Ha-Ischa“ erscheinen.) Praktische zionistische Frauenarbeit Von Lina Wagner-Tauber, Ein Midrasch erzählt uns, um die Verdienste der frommen Frauen ist Israel einst erlöst worden. Diese Verdienste waren rein nationaler Natur, denn es heißt weiter — daß sie die hebräische Sprache pflegten, die damals herrsehende nationale Tracht beibehielten und sich zur Pflicht machten, ihren Kindern nur jüdische Namen zu geben. Allein diese drei einfachen Dinge waren von solch einschneidender Bedeutung, daß sie uns die Erlösung brachten. Von den Frauen unserer Tage wird mehr verlangt. — Wir Frauen unserer Tage sollen auf allen Gebieten jüdischen Lebens — in der nationalen, religiösen, kulturelien und sozialen Arbeit eine positive, jüdische Einstellung haben und von jüdischem Denken und Fühlen beherrscht sein. So ausgerüstet können wir zur praktischen zionistischen Arbeit schreiten, die in Selbsterziehung, Jugenderzieh ung, in Chaluzfür sorge, Nationalfondsarbeit, Schekelagitation, Berufsberatung und sozialer Arbeit gegliedert werden kann. Die erste praktische Arbeit ist die Selbsterziehung. Das Wissen wird uns zur Tat führen. Wenn wir in systematischer Ausbildung, Sprache, Geschichte und Literatur kennen, wenn wir uns mit jüdischen Vorschriften, Gesetzen und Gebrauchen beschäftigen, dann werden wir unseren Geist zum jüdischen Denken schärfen, die soziale Bedeutung des Sabbats erfassen, das religiöse und nationale Moment unserer Festtage verstehen und die Ewigkeitswerte der Bibel anerkennen und respektieren lernen. Durch die Selbsterziehung zum jüdischen wissen werden wir das alte jüdische Haus wieder aufrichten und die Fähigkeit erlangen, eine Jugend zu erziehen, die stolz und frei ihr Judentum bekennt. Bei der Jugenderziehung müssen wir das Hauptaugenmerk auf die hebräische Sprache richten. Ohne hebräische Sprache sind wir Menschen ohne jüdische Seele. Die Sprache soll uns unserer jüdischen Kultur näherbringen und lebendig machen. Daher sollten unsere Kinder schon vor der Schule, im hebräischen Kindergarten, die Sprache ״spielen d“ erlernen. Jede zionistische Frau, die aus eigener Erfahrung weiß, wie schwer es ist, als erwachsener Mensch eine Sprache zu lernen und zu beherrschen, wird für Gründung hebräischer Kindergärten eintreten. Auf die Bedeutung der jüdischen Schule brauche ich hier nicht hinzuweisen. Nicht nur Zionisten, sondern jeder Jude, der positiv jüdisch denkt und empfindet, betrachtet die jüdische Schule als eine Lebensfrage. Die Erziehung in der jüdischen Schule ist naturgemäß individueller und liebevoller. Mit der jüdischen Schule geben wir unseren Kindern eine freie, sonnige, ungetrübte Jugend, ohne den bitteren Kelch des Antisemitismus. Der hebräische Kindergarten, die jüdische Schule, das echte jüdische Haus, das sind die Grundpfeiler für die Er- Ziehung unserer Jugend. Eine solche Jugend kann uns Chaiuzim schaffen, die die schwere Arbeit des Aufbauens mit Hingabe und Idealismus leisten. Wir wollen nicht vergessen, daß diese Menschen ihre Jugend, ihre Kraft und ihre Gesundheit für eine kommende Generation dahingeben. In tiefer Dankbarkeit wollen wir zionistischen Frauen die praktische Chaluzfürsorge übernehmen und den Chaluzim und Chaluzoth das Leben leichter und schöner machen. Wir wollen ihnen das bestehende Chaluzheim zu einem schönen, angenehmen Aufenthalt machen und wichtige Zukunftsfragen mit ihnen besprechen und beraten. Auch in der Berufsberatung ihnen helfend zur Seite stehen. Die Berufsberatung hat bereits in allen Kreisen eine gewisse Würdigung gefunden. ״Es wird eine Zeit kommen, da der Beruf des Landmannes der vornehmste in Israel sein wird“, heißt es im Talmud. Diese Zeit ist jetzt da. Wir können es mit Freude begrüßen, daß unsere zionistisdie Jugend sich diesem Berufe zuneigt. Aber auch das Handwerk spielte im alten Judentume eine große Rolle. So groß, daß jeder Gelehrte ein Handwerk beherrschen mußte, das ihn ernährte, denn geistige Arbeit durfte nicht bezahlt werden. Im Galuth hat das Handwerk leider eine untergeordnete Rolle gespielt — erst jetzt, da wir an den Aufbau unseres Landes gehen, kommt das Handwerk wieder zu Ehren. Bei der weiblichen Jugend müssen wir zunächst darauf bedacht sein, tüchtige Haus- und Bauersfrauen sowie gute Mütter zu erzielen, dann erst in der sozialen Arbeit ausgebildete Mädchen. Hoffen wir, daß die Lebensbedingungen in Palästina sich so einfach, schlicht und gut entwickeln werden, daß die Frauenberufe im Erwerbsleben uns keine Sorgen machen und daß jedes junge Mädchen dem vornehmsten und edelsten Berufe zugeführt werde — Frau und Mutter zu sein. Jede Arbeit, die wir im Galuth leisten, kommt direkt oder indirekt Palästina zugute. Wir sind uns vollkommen klar darüber, daß, wenn auch unsere kühnsten Hoffnungen in bezug auf die Ansiedelung Palästinas erfüllt werden, der größte Teil unseres Volkes im Galuth Zurückbleiben wird. Die Zurückbleibenden dürfen unter keinen Umständen entwurzelt werden. Daher müssen wir im Galuth für unser Volk ebensogut und ebenso intensiv arbeiten wie in Palästina. In der sozialen Arbeit liegt ein Stück Nationalismus. In der sozialen Arbeit empfinden wir die Verbundenheit mit dem gesamten Volke, in der sozialen Arbeit überbrücken wir alle Gegensätze und müssen mit allen jüdisehen Organisationen freundschaftlich zusammengehen. Die soziale Jugendfürsorge muß von der werdenden Mutter bis zur Fortbildungsschule durchgeführt werden. Auf allen Oebieten zionistischen Lebens gibt es unbegrenzte Arbeitsmöglichkeiten. Keine zionistische Frau sollte sich damit begnügen, nur ihren Beitrag zu zahlen, sondern auch aktive Arbeit leisten. Wir stehen diesen Chanukkah im Zeichen des Jubiläums. Fünfundzwanzig Jahre Nationalfondsarbeit. Fünfundzwanzig Jahre haben wir an der Erlösung palästinensischer Erde gearbeitet. Die Jüdisch-nationale Frauenvereinigung feiert dieses Jubiläum durch eine besonders starke Arbeit für den Nationalfonds. Schön und gut soll die Heimat werden. Groß im nationalen Empfinden, verinnerlicht in der Religion und stark in der sozialen Betätigung. Palästina soll der gesamten Juden heit gehören» auch denen, die im Lande ihrer Geburt Zurückbleiben. Palästina soll den Juden aller Länder Schutz gewähren, und Palästina soll für die Ehre des gesamten Judentums eintreten. Dieses zu erreichen, fordert unsere ganze Kraft, die wir einsetzen müssen, bis unser Traum köstliche Wirklichkeit wird. Wir, die wir das große Glück haben, mitzuarbeiten an diesem gewaltigen Werke, können die Größe des Augenblickes noch gar nicht erfassen. Künftige Geschlechter werden die Wunder unserer Tage erst begreifen, und man wird unsere Zeit als die größte in Israel bezeichnen. Darum dürfen wir nicht einen Augenblick kleinmütig sein, sondern arbeiten. Arbeiten im festen Vertrauen auf unseren alten, starken, großen Gott. Auch um unser willen komme die Erlösung. Jüdische Märdieniypen Von Recha Freier. Das Märchen ist ein Ausweg des menschlichen Herzens. Seine Ahnungen, seine Aengste, seine Tröstungen, seine dunkein Wünsche und seine hellen Kräfte sind Märchenkeime. Unverwandelt könnte die ganze Saat noch jetzt wie vor Tausenden von Jahren dem menschlichen Herzen entsteigen. Aber wie über das ratlose Herz die Spur menschlichen Geistes zog wie eines fremden hohen Meisters befehlende Hand und es einschüchterte und fast bezwang, so hat auch das Märchen, die Macht über sein Wesen verloren und sich mehr und mehr in Zusammenhänge gefügt und in den Schatten höherer Pläne und Bedeutungen gestellt. Und so zieht cs uns doppelt jedem Märchen zu: seinem unwandelbaren, so vertrauten Kern, dem Märchen im Märchen, und der Gestalt, der Prägung, dem Tonfall, den es erhielt: den Kräften unseres Herzens und ihrer Geschichte. Und hier sind wir an einen Scheideweg gekommen für die Schicksale des Herzens und der Märchen: sie entfernen sich nach verschiedenen Seiten voneinander, vom Geiste in verschiedene Richtungen gerissen. Jedes Volk hat andere Märchen aus dem gleichen Keim gezogen. — Solange wir es ertrugen, haben wir von jüdischen Märchen kaum etwas gewußt; jetzt aber verlangt es uns sehr jenes noch halb verschlossene Buch zu kennen, das sie birgt; der Kunde von dem mythischen Streite, in dem der Geist unser Herz bezwang. Wird wieder eine Zeit kommen, in der wir auf solch sanfte Art aus den Geländen unseres Wesens hinüberspielen in die schwebenden Welten? Gehört dies in die sturmlosen, nur nach innen geöffneten Zeiten? Sind das dieselben begehrenden, antwort- und lösungsbereiten Kräfte, die das Märchen schufen das eine Mal, Revolutionen und jauchzende Bewegungen das andere Mal, immer ins Utopische griffen? Märchen in Worten, Märchen in Taten? Sprechen wir vom Hunger, dem leeren schmerzenden Magen, der Märchen beider Art veranlassen konnte. Von den Träumen der Sättigung, des Ueberflusses, des nimmer sich leerenden Kruges, des goldspendenden Tieres und des stets gedeckten Tisches. Demi das Märchen, Symbol des menschlichen Herzens, hat die Kraft das, was die eine Sphäre versagt, aus der anderen zu holen. Von den zwei Märchen um diesen Kern, die wir vergleichen wollen, um sie zu erkennen, ist das eine das bekannte französische Märchen von den drei Zaubergaben des Petrus und das andere eines der jüdischen Märchen von Elia, dem wandernden Boten Oottes. Wir wollen vorwegnehmen: das sind zwei Märchen, die aus demselben Keim: dem Motiv der Not und des Trostes, das Gegensätzlichste entwickelt haben. In beiden Märchen sucht ein Vater Brot für seine hungernden Kinder. Dem einen fiel (aus einem anderen Märchen gleichsam) eine Bohnenstange zu, auf der er in den Himmel klettert. Der andere schlecht stumm durch die Straßen der Stadt. Der eine klopft Petrus aus dem Schlaf und erhält Zaubergaben, die das Glück bringen, aber dreimal muß er, weil er liederlich ist, die Bohnenstange bis zum Himmel klettern, und beinahe hätte er alles wieder verloren. Dem anderen erscheint Elia, der Tag und Nacht zwischen Himmel und Erde wandert, Gebet und Erfüllung vermittelt, in den Straßen der Stadt und hilft auch ihm. Das jüdische Märchen beginnt mit einer Begründung der Armut des Mannes, an dem gerade seine Tugend schuld ist. Auch das Iranzösische Märchen beginnt mit einer solchen Begründung, aber es stolpert gleich selbst darüber, wirft sie um und verkehrt sie ins Gegenteil. Es ist scheinbar nicht wichtig. Ich muß aber voraussetzen, daß das Märchen bekannt ist, denn wie sollte ich sonst zeigen, worauf es ankommt: wie es von Hanspeters Herd in die Schenke stürzt und zurück und zum Himmel klettert, wie leicht die Personen hinein und hinausspielen, wie jeder seine Note hat und sie wechselt, eine ganze bunte, bewegte Welt. Aus dem einen Märchenkeim stürzen gleich neue, und Lachen, Zorn, Verzeihen, List, U11schuld und Leichtsinn spielen durcheinander. Ein reiches Märchen, begabt und beschwingt, und kichernd geht es z Ende. Vom jüdischen Märchen kann man das alles niclv sagen: es ist arm und grau, der Märchen-Keim: Elia, dt wandernde Bote Gottes, bleibt in sich selbst beschlösse: Der Bestand dieses Märchens ist so anderer Art, daß die lehrreich wird. Nach der schwermütigen Konzeption, mit dt es beginnt: am Unglück war die Tugend selber schul• kommt die leidenschaftliche Apologetik: Elia kommt. El wandert beständig, Tag und Nacht, die Härten ausgleiche!• das Krumme gerade machen, so steigert sich das Motiv. Da Märchen ist in seinen zwei Zügen vollständig. Eine Außenseite hat es nicht, aber es glüht nach innen; es hat das Geheimnis eines blinden Angesichts. Die Welt, die das französische Motiv, aus sich selber lockt in allen Farben und Formen — war sie hier verschlossen? jenseits eines verriegelten Tores? Hat die Gelegenheit zur Versuchung durch das Auge gefehlt — oder wurde sie verschmäht? Durch nichts läßt sich dies Märchen ablenken — und hier ist es Zeit zu sagen, daß es sich um einen jüdischen Märchentyp (nicht den einzigen) handelt, einer repräsentativen Art, keiner zufälligen Bildung. Aber während dort das Motiv vom Hunger und der Wunsch nach Erfüllung glitzert und funkelt und sich in viele Formen stürzt und verwandelt und schon den Zauber der jenseitigen Küste trägt, hat das graue jüdische Märchen den Hunger in sich, und es ist ein ernsterer Hunger als der nach! Brot: die Schutzlosigkeit erfindet den ewig gegenwärtigen Schutz; wer aus dem Zusammenhang gedrängt ist, erfindet den Sinn, wer bedrückt ist, erfindet die Gerechtigkeit, und auf wem die Erde drückend liegt, auf den neigt sich der Himmel barmherzig nieder. So geht, in der verweinten Weit, Elia zwischen Himmel und Erde, Tag und Nacht, von Gott zum Armen. Das ist die Spur des Geistes im Märchen und im menschliehen Herzen. Und wenn wir oben vom Ausweg ins Märchen sprachen, den das Herz fand, so wollen wir nun ergänzend sagen: Da war es bereits dem Finger des Geistes gefolgt, der sich leise zur ersten Weisung geregt hatte. Alice Bloch hat ein gymnastisches Musterbuch im Verlag Die:k & Co., Stuttgart, herausgegeben mit dem Titel ״Harmonische Schulung des Frauenkörpers nach gesundheitlichen Richtlinien in Bildern und Merkworten“, mit 147 schönen Naturaufnahmen auf Kunstdruck (Preis 7 M.).