Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-11-30 · Heft 94 (30.11.1926) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 94 (30.11.1926)
Date
1926-11-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652869--18719-2676516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 680 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 94 und lauter. Von der Mehrheitspartei der Arbeiterschaft, das Ist die Achduth Awodah, erwartete man entscheidende Worte der Kritik und Besserungsvorschläge. Die ungeheure Ausdehnung, die die Arbeiterorganisation in den letzten Jahren erfahren hat, steht in keinem Verhältnis zu dem Apparat, der sie beherrschen soll. Es fehlt an Erfahrung, die Wirtschaftliehen Schöpfungen der Arbeiterschaft wie Solel-Boneh, Maschbir usw. sind nicht ausbalanciert, parteiliche Gegensätze machen sich auch in der sachlichen Arbeit unliebsam bemerkbar. Innerhalb der nicht in Parteien organisierten Kreise der Arbeiter besteht Gegnerschaft und in mancher Beziehung auch Mißtrauen gegen die Herrschaft der Parteien und von seiten der Minoritätsparteien herrschen ähnliche Gefühle gegenüber der Majorität, der Achduth Awodah. Da die Konferenz eine Vorbereitung für die Konferenz der Allgemeinen Arbeiter- Organisation sein sollte, erwartete man auf diesem Gebiete wichtige Vorschläge. Das Referat und die Debatten über diesen Gegenstand zeigten, daß — im Gegensatz zu dem Reformwillen des übrigen Teiles der Arbeiterschaft — innerhalb der Achduth Awodah die Tendenz besteht, •in großen Zügen in derselben Richtung weiterzuarbeiten wie bisher. Man hörte in diesen Verhandlungen wenig über irgendwelche Uebelstände und fand keine wesentlichen Aenderungsvorschläge. Einzelne Punkte, nie der Vorschlag, auch die anderen Strömungen mehr als bisher an der Leitung der Allgemeinen Arbeiterorganisation zu beteiiigen, sind als einziges Zeichen eines Willens zur Kritik zu buchen. Die Partei, die an der Macht ist, hält naturgemäß das System, das sie selbst geschaffen hat und das ihr die Herrschaft auch weiterhin verspricht, für das beste, und ist bestrebt, es auszubauen. In den Berichten über die Konferenz haben sich einzelne Mitglieder der Achduth Awodah dahin geäußert, daß die inneren Fragen der Arbeiterorganisation neben den anderen zu kurz gekommen seien, und daß die genauere Klärung in einer besonderen Beratung nachgeholt werden müsse. Nähere Vorschläge, was diese Sondersitzung ergeben soll, sind nicht gemacht worden, ln großen Umrissen konnte man aus den Debatten sich neuerdings ein Bild formen, wie verzweigt und mannigfach heute bereits die Aufgaben der Allgemeinen Arbeiterorganisation sind. Sie ist zu einer Art Ergänzung für die Exekutive geworden, Ohne die die Leitung die Arbeit im Lande kaum mehr führen könnte. Von der Aiijah und dem Empfang der Ein- Wanderer bis zur Ansiedlung in Moschaw oder Kwuzah, arbeitet die Exekutive mit Hilfe der Arbeiterorganisation und ihrer Institutionen. Je weiter sich ihr Einfluß ausdehnt und je mehr ihre Aufgaben wachsen, desto klarer wird die Not- Wendigkeit, jede Reibung aus der Arbeit auszuschalten und die bestmögliche Produktivität zu gewährleisten. Heute sind wir noch nicht soweit. Auf der Konferenz der Achduth Awodah kam mehr zum Ausdruck, was bereits geschehen Ist und es wurde nur undeutlich darüber gesprochen, was zu tun sei. Das liegt zum guten Teile daran, daß in diesen sehr verwickelten Problemen, die den Apparat der Organisation und vor allem die städtische Wirtschaft betreffen, noch keine Klarheit erreicht ist. Vielleicht wird die Konferenz der Allgemeinen Arbeiterorganisation hierin einen Schritt vorwärts bringen. Die Konferenz der Achduth Awodah war erfüllt von kühlen, gutgeleiteten Beratungen. Es gab keine Ausbrüche und ■ ־<* W1!|i.Set)»tiftnen...:;:JMaB.^tf־e •hlfcri-'tfieSt dt» Gefühl .ein«■; •יי beherrschenden ״Athmosphäre“ wie lü Petach-Tlkwah, söndern den Eindruck einer Art kleinen Parlaments, wo ein großer Teil der Reden nicht für die Anwesenden, sondern für das Protokoll berechnet war. Die Ausdehnung des Parteirahmens bedingt eine kühlere und weniger Intime Luft. Trotz allem zeigten die Verhandlungen eine innere Geschlossenheit und gemeinsame Linien. Für Palästina und die praktische Arbeit sind die Aktiva der Konferenz vor allem in der stärkeren zionistischen Orientierung und der Unterordnung reiner Klassendogmen unter allgemeine Zwecke und Bedürfnisse zu sehen. Die Verfassung in Traisiordanien Jerusalem, 26. November. (J. T. A.) Der jetzt In Vorbereitung befindliche Verfassungsentwurf für Transjordanien wird, dem sicheren Vernehmen nach, eine Klausel enthalten, nach welcher eine erbliche Dynastie des Emirs Abdullah begründet wird. Der älteste Sohn des Emirs, Talal, der in London erzogen wird, wird als Thronfolger proklamiert werden. Die Wahlen zur National- Versammlung werden sofort nach Verkündigung der Verfassung durchgeführt werden. Storrs verfaßt Palästina Jerusalem, 26. November. (J.T.A.) Die jüdische Oemelnde von Jerusalem gab zu Ehren des scheidenden Jerusalemer Gouverneurs Sir Ronald Storrs, der sich nach Cypern begibt, um dort sein neues Amt als Oberkommissar anzutreten, einen Abschiedsempfang. Ansprachen hielten Ver* treter des Jüdischen Gemeinderates, des Waad Leumi und der Sephardischen Gemeinde. In seiner Dankrede sagte Sir Ronald Storrs, ein britischer Beamter in Palästina steht neben den sonstigen Verwaitungs* Problemen einem ganz einzigartigen Problem gegenüber, und da seien Fehler nicht zu vermeiden. Er wünsche aber, daß die Anwesenden es wüßten, daß er Palästina als ein Freund verlasse. Er wünsche der jüdischen natlonalen Idee den besten Erfolg und werde, wo immer er sei, an ihrer Verwirklichung mittun. Jfidisefae Arbeit ad arabische LaidbevSikerag Der soeben erschienene Bericht für 1925 des Departements für Landwirtschaft, Forst und Fischerei der Palästinaregierung widmet der Tätigkeit der jüdischen Kolonisationsbehörden in Palästina gebührende Aufmerksamkeit, gibt insbesondere einen Ueberolick über die landwirtschaftliche Tätigkeit und Politik der zionistischen Exekutive und enthält außerordentlich günstige Bemerkungen über die vom Keren Hajessod unterhaltene landwirtschaftliche Versuchsstation der Exekutive. Ueber die Wirkung der erhöhten Einwanderung und industriellen Tätigkeit auf die Araber wird gesagt: ״Die arabische Landbevölkerung hat zweifellos in großem Maße aus der erhöhten Einwanderung und industriellen Tätigkeit Nutzen gezogen, die eine anormale Nachfrage nach Produkten aller Art und ein Emporschnellen der Preise und Kosten der Lebenshaltung zur Folge hatte. Infolge der Ausstellung hiesiger landwirtschaftlicher Produkte in Wembiey kamen eine ganze Reihe von Anfragen aus England; aber die infolge einer rapide anwachsenden Bevölkerung in Palästina hohen Preise haben ein wirkliches Geschäft außer in Früchten unmöglich gemacht“ Jabotinsky in Berlin ״Wat man in Palästina lernt" Jabotinskys Berliner Vortrag war von einem bedauerliehen Mißgeschick verfolgt. Zweimal mußte er abgesagt werden, das zweitemal sogar am Sonnabend abend in letzter Stunde, weil, so sagte man, das Flugzeug nicht rechtzeitig eingetroffen war. Ein geistreicher Zuschauer machte die Bemerkung, es verhalte sich mit dem Revisionismus ebenso wie mit dem Fliegen: in der Theorie geht es zwar schneller, aber in der Praxis zeige sich oft, daß die Flugverbindung gestört ist und daß man überhaupt nicht zurechtkommt. Sonntag vormittag fand dann der Vortrag statt und es fst wohl mehr auf die Verschiebungen als auf mangelndes Interesse zurückzuführen, wenn der Saal nur halb gefüllt war Ueberdies hat Jabotinsky sich auf der Reise eine Sehnen- Zerrung zugezogen und erschien als Invalide, gestützt auf einen dicken Stock, der ihm freilich im Verlauf des Vortrags als willkommenes Demonstrationsobjekt diente. Trotz seines Unwohlseins war Jabotinsky ausgezeichnet disponiert. Er sprach drei Stunden in gewohnter rednerischer Meisterschaft, nur im letzten Teil scheint er — begreiflicherweise — schon etwas ermüdet gewesen zu sein. Der Vortrag ist ein geschlossenes, logisch konstruiertes Gedankengebäude; wieder fesselte die beispiellose Beherrschung der melodischen, vibrierenden, durchdringenden Stimme, wieder stand njan im Banne dieser merkwürdigen Persön- Uchkelt, bis nach dem Vortrag der Bann sich löste und — man wußte, daß die Wirklichkeit jenseits des ״Schleiers“ rednerischer Pathetik unverändert vor uns liegt. Wir geben im folgenden den Gedankengang des Vortrags wieder, ohne diesmal kritisch darauf einzugehen, zumal wir uns bereits mehrfach mit Jabotinskys Programm, das ja unverändert geblieben ist, auseinandergesetzt haben. Als ich vor einem Jahre hier sprach, begann Jabotinsky, stand ich vor einer optimistischen Stimmung und mußte daher die Zukunft so schwarz malen, wie ich sie sah. Heute ist eine Panikstimmung und ich will mich daher der Schärfe enthalten und sogar Worte des Trostes finden, ich möchte mit allem Nachdruck betonen, daß an der Krise das jü־ dische Volk keine Schuld und keine Verantwortung trägt. Das jüdische Volk in Palästina und in der Diaspora hat Wunderbares, Beispielloses geleistet. In diesem kleinen Land, unter nicht günstigen Naturbedingungen, unter politischen Bedingungen, die darauf ausgingen, alle Schritte des Kolonisators zu hemmen, hat das jüdische Volk sich als kolonisatorisches Genie erwiesen. Und das zerstörte jüdische Volk der Diaspora hat acht Millionen Pfund nach Palästina geschickt. Die Schuld an der Krise liegt anderswo. Wenn nian sagt, die Krise sei nur eine Krise der Stadt, so bedeutet das eine Krise der ganzen Nachkriegs-lmmigration, denn 88 0/0 dieser Immigranten sind i n der Stadt geblieben. Die Krise ist keine Katastrophe, aber sie ist eine Krankheit, ein Symptom, welches uns sagt, daß die Katastrophe kommen wird, wenn wir dieselben Wege vveitergehen wie bisher. Nach meiner Anschauung bestwt das Problem in der Schaffung der jüdischen Mehrheit, alles andere ist nicht Zionismus, sondern Bau eines neuen Ghetto. Wir müssen wissen, daß die arabische Bevölkerung, die heute 700 000 zählt, in stetem Aufschwung begriffen ist, so daß wir vor einer arithmetischen Aufgabe stehen; die Arbeit muß so berechnet sein, daß wir in 25 Jahren eine Mehrheit haben, daher ist eine jährliehe Immigration von 40000 Juden notwendig. Insofern also war das Jahr 1924/25 ein Normaljahr. Wenn das Land ׳Mt^dtte^KW *Ö uiff'er den'• heutigen Bedingungen kann Palästina diese Menge nicht verdauen. Die Hauptbedingung einer Kolonisation ist der Staat. Jeder Schritt der Groß-Kolonisation bedarf einer Staatsaktion. Die Fehler des bisherigen Systems auf kolonisatorischem odewirtschaftlichem Gebiet zu kritisieren, lohnt nicht der Mühe, denn solche kleine Verbesserungen nützen nichts. Unter dem heutigen palistinensisehen Regime ist eine Großkolonisation ausgeschl ossen. Die Regierung hätte die Aufgabe, das Land für den Immigranten vorzubereiten, der noch nicht gekommen ist. Sie müßte die Bedingungen für Industrie und Land- Wirtschaft schaffen. In allen Staaten bedarf die Entwicklung der Industrie einer aktiven Staatshilfe, um so mehr in Palästina, wo sie nicht aus den Bedürfnissen des Landes wächst, sondern um der Emigration willen geschaffen werden muß. Alle Energie und alles Kapital sind vergehlieh, wenn nicht der Oelberg die jüdische Industrie schafft. Und wie es mit der Lanazuteilung steht, ist Ihnen bekannt, obwohl Sie es unter dem Schleier erfahren, der durch eine gewisse pseudo-zionistische Presse (gemeint ist die ״Jüdische Rundschau“ — Anm. d. Red.) geschaffen wurde. Die Palästina-Regierung nimmt jetzt eine Anleihe auf; das erste, was man erwarten konnte, war der Kataster und die Wasserversorgung, aber für beides wird kein Geld der Anleihe verwendet. Redner verbreitet sich dann über die Zustände in der palästinensischen Verwaltung, die nur einen kleinen Teil jüdischer Beamten umfaßt, wobei die verbliebenen jüdischen Beamten so sind, daß die Juden selbst nichts von ihnen wissen wollen. Das wichtigste bei jeder Kolonisation, fährt er fort, ist die Garantie der Ruhe. Es gibt in der Geschichte kein einziges Beispiel einer Kolonisation mit Zustimmung der Eingeborenen. Die arabische nationale Bewegung schreitet unter dem Einfluß Europas rapide fort und in diesem Milieu gibt es 120 zerstreute jüdische Siedlungen. Im ganzen Mandatsgebiet stellen 300 englische Soldaten, ln Palästina umfaßt die lokale Polizei 1100 Araber und 300 Juden, und in dem neuen Grenzkorps gibt es 700 Araber und 14 Juden. Unter diesen Umständen kann niemand die Garantie für die Sicherheit übernehmen. Es ist kein Wunder, daß bei der durch ein solches Regime erzeugten Stimmung keine Begeisterung für Naturalisation vorhanden ist. Die Krise ist nicht zu beseitigen durch Geld und durch Enthusiasmus, sondern es bleibt nur ein Weg, das ist die Eroberung des kolonisatorischen Regimes. Darum hat auch schon HerzI und Nordau gesagt und sagen wir heute: der einzige Weg ist der politische Kampf. Dieser Weg zeigt wenigste# 50 Prozent Chancen, der apolitische Zionismus ist hoffnungslos. Der Zionismus ist eine politische Sache. Nach einer Pause entwickelt Jabotinsky das positive Programm des Revisionismus. Die praktische Arbeit in Palästina ist notwendig, als ein Argument für die politische Offensive, aber sie hat nichts mit Kolonisation zu tun. Die Kolonisation fängt an nach Eroberung des Oelbergs. Das Wirtschaftsprogramm der Revisionisten enthält folgende Punkte: 1. Intensivierung der Landwirt- Schaft, da wir allen Boden aufs äußerste ausnützen müssen, 2. umfassende Wasserversorgung, die der N.-F. übernehmen muß, 3. Schaffung von Industne-Kredit 4. Für die Finanzierung, deren wichtigste Quelle das Eigenkapital des Ein- Wanderers ist, muß durch vier Kanäle das jüdische Kapital des Auslandes mobilisiert werden a> das idealistische bzw. Wohltätigkeitskapital durch die Fonds wie bisher, b) das für das eigene Budget jedes Juden ausgegebene Geld durch den Abkauf palästinensischer Produkte, c) das für Investitionen reservierte Geld jedes Juden durch die Veranstaltung von ״Bank-Drives“ zugunsten palästinensischer Kredit-Institute und d) das jüdische Sparkapital durch Gründung einer großen Versicherungsgesellschaft Ein weiterer Programmpunkt ist die Agrar-Reform, die nicht nur die Staatslandereien, sondern die Brachländereien umfassen soll, die zugunsten des Staates zu enteignen sind. Von den 27 Millionen Dunatn Palästinas sind 10 Millionen bebaut, die übrigen 17 Millionen soll der Staat einziehen als Landreserve. Die Angaben der Sachverständigen, wieviel von diesen Ländereien durch verschiedene Methoden urbar gemacht werden kann, sind schwankend. Dazu bleibt jedoch die ungeheure Fläche der anderen Hälfte Palästinas, Transjordaniens. Ein Expropriationsgesetz gibt es bereits in dem in Palästina noch gültigen türkischen Gesetzbuch. Diese Bodenreserve dient dann als Sicherheit für eine große Anleihe, deren Geld für die Amelioration des Bodens ausgenützt wird, und jeder Bewerber, Jude oder Araber, soll Anrecht auf eine Parzelle haben, wenn er folgende Bedingungen erfüllt: 1. er verpflichtet sich, das Land selbst zu bebauen, 2. er besitzt kein anderes Land in Palästina und 3. er besitzt das Kapital, da• zur Siedlung erforderlich ist. Die entscheidende Kluft innerhalb des Zionismus besteht zwischen den Leuten, die glauben, daß diese Politik durchführbar ist und Leuten, die das nicht glauben, weil sie sagen, daß man England nicht zwingen kann. Ich aber glaube, daß es nur eine Großmacht gibt, nämlich d i e Idee, die Ueberzeugung, die Gerechtigkeit, und dieser kann sich auch England nicht widersetzen. Es ist nutzlos, mit Plumer oder Atitery zu verhandeln, denn in einem konstitutionellen Lande entscheidet die öffentliche Mein u n g. Die politische Offensive beginnt daher auf der Straße, und sie muß von der Masse getragen sein und nicht von einzelnen Schtad.onim. Die Leute, die daran nicht glauben, haben eine ghettomäßige Ansicht vom ״Goj“. Es ist aber eine Lüge, daß man den Goj zwingen muß. Der Ooj hat die ganze heutige Welt der Zivilisation, der Technik, der Demokratie geschaffen, er ist unser Lehrer und Prophet. Der Appell an sein Gewissen muß zum Erfolg führen, weil unsere Wahrheit groß und echt ist und das englische Volk ein guter Richter in dieser Frage. Nicht die Juden sind schlecht, nicht Palästina ist schlecht und nicht der Engländer ist schlecht, sondern schlecht ist einzig und allein die heutige zionistische Leitung, und dieses Uebel, so schließt der Redner, kann beseitigt werden. Zur Frage der ״jüdischen Mehrheit״* Im ״Haare z“ vom 14. November beschäftigt sich der Chefredakteur Dr. Olückson mit der in letzter Zeit ausgebrochenen innerzionistischen Diskussion. Der Artikel ist nicht nur darum bemerkenswert, weil Dr. Olückson zu den bedeutendsten zionistischen Publizisten und zu den geachtetsten Persönlichkeiten Palästinas gehört, sondern auch, weil er auf den letzten Kongressen der Gruppe der radikalen Zionisten angehörte, also derselben Gruppe wie Stricker, Goldmann und Grünbaum. Wir waren häufig anderer Meinung als Olückson, z. B. in der Frage der Jewish Agency, haben aber stets in ihm einen echten zionistischen Patrioten gesehen. Dr. Olückson schreibt folgendermaßen: ״In den letzten Tagen hat sich bei uns wieder eine Diskussion über die Frage der künftigen jüdischen Mehrheit in Palästina erhoben. Und wie es bei uns in vielen Fällen zu sein pflegt, ist diese Debatte nicht um irgendwelcher Tatsachen der Wirklichkeit, nient wegen einer konkreten ihre Lösung fordernden Frage ausgebrochen, sondern kraft der Dialektik bloßer Meinungsverschiedenheiten. Eine Versammlung der radikalen Zionisten in Wien protestierte gegen die Meinung Franz Oppenheimers, es sei nicht an zunehmen, daß die Juden die Mehrheit in Palästina sein werden. Der ״Rasswjet“ in seinen Aufsätzen und Jabotinsky in seinen Reden stoßen ins Horn gegen die ״Jüdische Rundschau“ und ihren Redakteur, die nicht das Haupt- Interesse des Zionismus auf eine jüdische Mehrheit in Palästina abstellen und für einen ״binationalen Staat“ eintreten. Klagen dieser Art über die ״Kompromißler" und ״Sieh- Anpassenden", die das Wesen des politischen Zionismus verkleinern, sind bei unseren Revisionisten besonders beliebt Ein abseitsstehender Beobachter könnte den Eindruck bekommen, als ob es einen klaren und sicheren Weg zur Schaffung einer jüdischen Mehrheit in Palästina gäbe und nur die ״Kompromißler“ ihn versperrten; sie wollen keine Mehrheit, sie ״verzichten“ darauf. Es ist nicht nötig im einzelnen nachzuweisen, wie grundlos eine solche Annahme ist und wie wenig diese ganze Debatte mit unserer Wirklichkeit und mit den praktischen Aufgaben der Stunde zu tun hat Kein Mensch ״verzichtet“ auf eine jüdische Mehrheit in Palästina, d. h., auf alles, was unsere Positionen im Lande stärken und uns dadurch jenem Ziel näherbringen kann. Der Unterschied zwischen den Mehrheitspropheten und den ״Verzichtenden“ ist nur der, daß die ersteren rein formal-politisch denken und in ziffernmäßigen Verhältnissen zwischen den zwei Völkern das entscheidende Kriterium sehen und daran alles Interesse des Zionismus hängen, während die Verzichtenden sich nicht mit der formalen Seite unserer politischen Wiedergeburt begnügen und der lebendige Inhalt unser« Ziels, die eigene freie Schöpfung auf ladturellem und wirtschaftlichem Gebiete, ihnen das wesentliche ist Sie verzichten nicht auf Mehrheit, aber sie begnügen sich nicht mit ihr.“ — Olückson geht dann auf das Problem der jüdischen Minderheiten im Galuth ein und weist darauf hin, daß unsere Aufgabe in Palästina immer darin bestehen wird, die Fassungskraft Palästinas zu vergrößern. Nicht die ziffernmäßige Mehrheit, sondern der organische Prozeß des Wachstums unserer nationalen Kräfte und Energien sei das Entscheidende. ״Das ziffernmäßige Verhältnis von Mehrheit und Minderheit ist für uns keine entscheidende Norm in den Be- Ziehungen zwischen zwei Völkern. Wir wollen eine solche Norm nicht an dem Ort und zu der Zeit, wo wir die Minderheit sind und wir werden uns nicht zu ihr bekennen, dort wo wir die Mehrheit sein werden. Anstatt einer solchen Norm des Spiels der natürlichen Kräfte wollen wir eine gerechte und moralische Norm. Das Zahlenverhältnis bedeutet nichts gegenüber der Gerechtigkeit und Moral und wir anerkennen nicht die ״Souveränität“ der gegenwärtigen Mehrheit im Lande, ebensowenig wie wir ״souverän“ sein wollen, wenn die Mehrheit auf unserer Seite ist An Stelle der Souveränität des Mehrheitsvolkes stellen wir die nationale ״Autonomie“ der benachbarten Völker. An Stelle der Souveränität, die nur den eigenen Willen und die eigenen Interessen ihres Volkes als höchste Instanz anerkennt und sich an keine rechtlichen und moralischen Kriterien hält,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.