Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-11-30 · Heft 94 (30.11.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 94 (30.11.1926)
Date
1926-11-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652869--18718-2676515
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Nr. 94 JUEDISCHE RUNDSCHAU Reite 679 Die Konferenz der Achduth Awodah Von unserem p...artinensischen Korrespondenten. AG, Tel-Awiw, den 17. November 1926. Man hat in Palästina die Konferenz des Hapoel-Hazair in Petach-Tikwah als die Konferenz der ländlichen, die der Achduth Awodah in Tel-Awiw als die der städtischen Arbeiter bezeichnet. Es ist etwas Wahres an dieser Einschätzung. Das SuOere Bild der beiden Konferenzen war erheblich verschieden. In Petach-Tikwah eine provisorische Baracke, ohne den geringsten Komfort, die Masse der Gäste und der Delegierten Landa ueiter und Landwirte. In Tel-Awiw eine der großen Hallen der ״Messe des nahen Ostens“ im Schmuck von Fahnen und Blumen, mit reichlicher elektrischer Beleuchtung, ein großer Teil der Delegierten und die überwiegende Zahl der Gäste Städtische Arbeiter. Und wenn in Petach-Tikwah neben den kolonisatorischen Fragen die städtische Politik zu kurz gekommen war, so konnte sich die Konferenz in Tel-Awiw ausgiebiger mit ihnen beschäftigen, ln diesem Sinne und noch in manchem anderen erschien die Konferenz der Achduth Awodah als eine Fortsetzung und Variation der Beratungen des Hapoel-Hazair. Trotz aller Parteigegensätze, die sich in letzter Zeit im Lande wieder schärfer als je bemerkbar machen, mußte für den Beobachter von außen eine gemeinschaftliche Linie auffallen, die Gedanken und Debatten dort und hier verband. In einer Beziehung befand sich die Konferenz der Achduth Awodah in einer schwierigen Lage. Da es sich in fast allen Punkten um dieselben Fragen handelte wie auf der Konferenz des Hapoel-Hazair, war es schwer, etwas Neues zu bieten. Es mußte notwendigerweise manches wiederholt weiden und dadurch an Interesse und Frische einbüßen. Dazu kam, daß die zwei kolonisatorischen Vorschläge, die in Petach-Tikwah verhandelt wurden, bereits alle Möglichkeiten erschöpft hatten, die im Moment und für die nahe Zukunft auf diesem Gebiete in Betracht kommen. Eine Debatte über Kolonisalion konnte also wenig Neues geben. Mit riciitigem Instinkt hat sich die Konferenz gleich bei Beginn der Frage aller Fragen im gegenwärtigen Moment, nämlich der Lage im Lande und der Arbeitslos igkeit zugewandt. Die Achduth Awodah, die den größeren Teil der städtischen Arbeiter umfaßt, und zu einem überwiegenden Maße für die Arbeitsämter und städtischen Arbeiterrate verantwortlich ist, empfindet mit jedem Tag stärker den ungeheuren Druck, den die Arbeitslosen auf die palästinensische Wirtschaft ausüben. Für die Tel-Awiwer Arbeiterschaft, die von der ökonomischen Not und Unsicherheit atn schärfsten betroffen ist, stand dieser Punkt der Tagesordnung im Zentrum des Interesses. Das einleitende Referat, das sehr ausführlich die mannigfaltigen Faktoren, aus denen sich die Krise zusaminensetzt, darlegte, war, obwohl realistisch gehalten, in seinen Qrmidztigen optimistisch. Es wurde noch einmal gezeigt, was die letzten Jahre wirtschaftlich gebracht haben, wie das Gewerbe und einzelne Zweige der Industrie an Boden gewinnen, daß das Aufbauwerk trotz der großen Stöße, die ihm die letzten Monate gebracht haben, unerschüttert dasteht und Ansätze zu weiterer Entwicklung erkennen läßt. Es wurde auseinandergesetzt, daß nur eine Liquidierung der gegenwärtigen Notstände dem Jischuw die Hände freimachen kann für eine weitausgreifende, kommende Tätigkeit. 1b der Diskussion kam die vielgestaltige Schwierigkeit zum Ausdruck, die sich täglich neu in dem wilden Streit um einen Arbeitstag manifestiert und die schier übermenschliche Anstrengung, die erforderlich ist, um das Chaos zu verhüten. Es wurde dabei an Probleme gerührt, über die man in den Straßen und Klubs Tel-.Awiws und Haifas seit Monaten diskutiert, ohne daß sich die weitere Oeffentlichkeit über ihre wirkliche Tragweite richtig klar wird. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist es mehr als jemals Axiom, daß die Mittel, die zur Verfügung stehen, nach rein wirtschaftlichen Prinzipien verwandt werden. Es wird allgemein anerkannt, daß Arbeitslosigkeit nicht durch Unter- Stützung, sondern durch Reservearbeiten bekämpft werden muß, die in einer im Bau befindlichen Volkswirtschaft sich über kurz oder lang rentieren müssen. Es herrscht Einstimmigkeit darüber, daß diese Reservearbeiten möglichst glatt sich den bestehenden Arbeitsplänen eingliedern müssen, so daß sie als Grundlage für spätere Aktionen benutzt werden können. Aber alle diese Exempel gehen nur in der Theorie glatt auf. In der Praxis zwingt die nackte Not immer wieder, die Perspektiven von morgen den Notwendigkeiten von heute zu opfern. Seit Monaten diskutiert man in der Arbeiterschaft — und das war auch einer der wichtigen Punkte in den Debatten der Konferenz — über die Arbeitslosenunterstützung, die monatlich beträchtliche Summen verschlingt. Die Exekutive hat sich nur schwer zu dieser Maßnahme entschlossen, die Arbeiterschaft hat sie gewissermaßen gegen ihren Willen verlangt. Keinem in Palästina will es einleuchten, daß man heute im Lande Unterstützungen ausgibt, um den Arbeiter vor dem nackten Elend zu bewahren, anstatt dieses Geld für die Schaffung von Arbeiten anzuwenden. Aber es gab keinen Ausweg. Mit £ 5000 kann man eine weit größere Anzahl Menschen unterstützen, als man mit derselben Summe beschäftigen kann. Gerade die verantwortlichen Steilen, die Exekutive und die städtischen Arbeiterräte, deren Vertreter auf der Konferenz über diesen Punkt ausführlich gesprochen Am DonMratlg, dm 2, Dez., ab«nrts s1' tThr «prioht im Pl״«»r- Snal des Roichswitts-h^ftsnites, BeHevnesfcr. 15, Kurt Blumenfeld I i I Thema:;M* ״Palästina im Spiegel der Kritik Wert der Berichterstattung. Konjunkturpolitik. Palfistinakritik der Jfldisdi-Überalen Zeitung. Weltböhne und Tagebuch. Die Berichte von Prof. Mead, Felix Pinner, Oppenheimer und Jabotinsky. Das politische, kuliure Ile und wirtschaftliche Ziel. Karten zum Preise von Mk. 1.— c>r(׳?Utlich im Büro der B.Z V., Meir»eke8trnße 10. Fflr Mitglieder der JageridOrganisationen ist der Eintritt frei. I haben, wissen, wie zweischneidig diese Wa'fe ist. Aber auch die Konferenz hat keinen Ausweg finden können. Wohl hat man Beschlüsse gefaßt, die von den kolonisierenden Instanzen die schleunige Liquidierung der Arbeitslosigkeit ve!a11ge!1, aber wer die Situation kennt, weiß, daß die Exekutive heute kaum mehr machen kann, als tatsächlich geschieht. Im übr'gcn ist die Krise auf natürlichem Wege im Abschwellen. Ein Teil der Ueberzähligen strömt ab, es gelingt, die Zahl der jüdisehen Arbeiter in den Kolonien zu vergrößern, und cs ist Aussicht auf eine Reihe neuer Arbeiten, vor a'lcm im Zusammenhang mit dem Jordanplan Ruthenbergs. Die Konferenz konnte nicht mehr tun als sich innerlich zu stärken, um in diesem Kampfe aufrecht zu bleiben, der jeden Tag von neuem aufgenommen werden muß. Neue Wege zu finden war ihr nicht gegeben und es konnte unter den gegenwärtigen Zuständen auch keine Rede davon sein. Da wir in einer Zeit der Pläne leben, brachte auch die Konferenz der Achduth Awodah ein neues Projekt. Sie behandelte in einer eintägigen Diskussion den Anleiheplan von Remes, der bereits von der A.-C.-Sitzung in London her der zionistischen Welt bekannt ist. Es ist der alte Gedanke der Anleihe, nur ins Ungeheure vergrößert und mit dem Unterschied, daß die vorgesehenen 60 Millionen Pfund nicht auf dem internationalen Geldmarkt, sondern im jüdischen Volke aufgebracht werden sollen. Von diesen 60 -Mfilionen sollen 20 auf lfWtrb und Meiorttrung von Boden, 20 Millionen für landwirtschaftliche und der Rest für städtische Arbeit kontingentiert werden. Der Plan ist eigentlich nichts als ein weitausgreifender Gedanke, geboren aus dem Drang nach einem schnelleren Tempo (es wird mit 40 005) Siedierfamilien pro Jahr gerechnet!) und aus einer Berechnung, wieviel Oeld bei geeigneten Methoden durch das jüdische Volk aufgebracht werden könnte. In den Einzelheiten, soweit sie vorhanden sind, stellt das Projekt eine Mischung sämtlicher bis heute diskutierter Anleiheschemata dar. Ruppin wurde mehr als einmal von Remes als Vater des Gedankens genannt, obwohl ein Zusammenhang zwischen seinen auf sehr genauen Berechnungen begründeten Vorschlägen und den Gedankengängen von Remes schwer zu finden ist. Oekonomisch kann man viel gegen dieses Projekt einwenden. Es ist eine Mischung von Anleihe und Drive, ohne den Versuch, irgendwelche Quellen für Deckung oder Verzinsung anzugeben. Die Konferenz hat den Plan sehr vorsichtig behandelt, ihn nur oberflächlich diskutiert und beschlossen, in der angegebenen Richtung Untersuchungen zu unternehmen. Damit hat sie ungefähr das Richtige getroffen, ln der Form, wie das Projekt gestellt war, ist es nicht zur Beschlußfassung reif, Aber der Gedanke als solcher wird einen propagandistisehen Wert haben. Man braucht die ungeheuren Zahlen nicht allzu wörtlich zu nehmen. Aber es ist gut, daß der Oedanke der Anleihe in allen möglichen Formen, auch wenn sie absurd scheinen, diskutiert wird, weil sich dadurch die Idee immer mehr bei uns einbürgert Wenn die Stunde zur Verwirklichung dann kommt, wird sie unter den Zionisten das nötige Verständnis finden. Freilich können gerade soiche übertriebene Zahlen, wie Remes sie bringt, manches dazu beitragen, ernsthafte Leute von dem Gedanken der Anleihe überhaupt abzuschrecken, und das wäre zu bedauern. Auf der Konferenz nahmen diesesma! die Fragen der Zionistischen Organisation einen beträchtlichen Raum ein. In dieser Beziehung war eine bemerkenswerte Entwicklung der Partei zu verzeichnen, die man vielleicht als eine fortschreitende Zionisierung bezeichnen kann. Zum erstenmal sah man über dem Eingang des Saales neben der roten die blauweiße Fahne. Eine darauf bezügliche gegnerische Resolution einer kleinen Minorität prallte wirkungslos an dem Willen der Mehrheit ab. Und die Vorschläge, die der Konferenz über die Beteiligung an der Palästinaexekutive und der Zionistischen Organisation unterbreitet wurden, charakterisieren sehr deutlich diese Wandlung in der Stellungnahme der Partei Es handelte sich In der Hauptsache um zwei Punkte, den Eintritt der Achduth Awodah mit voller Verantwortlichkeit in die Exekutive (heute sitzt der Vertreter der Achduth Awodah Poale Zion — Kaplansky — als Mitglied des Finanz- und Wirtsehaftsrates, nicht als Mitglied der Exekutive, in der Leitung), und um die Vertretung der Allgemeinen Arbeiter- Organisation auf dem Kongreß. Was den ersten Punkt betrifft, ist es klar, daß innerhalb der Achduth Awodah keine nennenswerte Gegnerschaft gegen die formelle Beteiligung an der Leitung mehr besteht. Da die Partei jedoch an den Weltverband der Poale-Zion gebunden ist, so konnte nur beschlossen werden, auf den Verband im Sinne des Eintritts in die Exekutive Einfluß zu nehmen. Zwischen dem Verband und der palästinensischen Landespartei wird dieser Punkt vielleicht noch zu Meinungsverschiedenheiten Anlaß geben, aber die Achduth Awodah sieht ein, daß sie sich der Verantwortung der Palästinaarbeit gegenüber nicht mehr aus formellen Gründen entziehen kann. Der zweite Vorschlag, nämlich einer Beteiligung der Allgemeinen Arbeiterorganisation als solcher am Kongreß ist sehr viel komplizierter. Er rührt an Meinungs- Verschiedenheiten innerhalb der Arbeiterorganisation, die auf der Arbeiterkonferenz in einem Monat zum Austrag kommen müssen. Auf der einen Seite steht die Tendenz, die Arbeiterorganisation auch zu einem politischen Instrument auszugestalten und ihr damit ein Gebiet zuzuweisen, das bisher den Parteien zugehörte. Auf der anderen steht der Gedanke, die Arbeiterorganisation nicht auf politische Dogmen festzulegen, weil sie alle Telle der Arbeiterschaft umfassen soll. Die Achduth Awodah hat sich bisher nur auf eine Zusammenfassung des Arbeiterflügels auf dem Kongreß festgelegt und in dieser Beziehung ist vielleicht auch ein bestimmter Kompromiß möglich. Die genannten Vorschläge und der Geist, in dem die Debatten geführt werden, ist ein Beweis dafür, wie stark sich die Achduth Awodah in den letzten Jahren von der zionistischen Wirklichkeit Palästinas hat beeinflussen lassen. Dieser Weg der Partei ist geradezu ein Schulbeispiel dafür, daß lebendiges Wachstum stärke!־ istälgffbfe DöpteäOef reinen sozläflstischen Ideotegfe nach, die die Poale-Zion und bis vor einigen Jahren noch die Achduth Awodah fast völlig beherrschte, ist die nationale Haltung, die diese Konferenz zeigte, die Verbindung der blauweißen mit der roten Fahne, die Beteiligung an der Exekutive und am Kongreß durchaus nicht zu rechtfertigen. Aber unter den speziellen palästinensischen Bedingungen mußte diese Partei, gerade weil sie viele Mitglieder batte und sich aus Chaluzim rekrutierte, immer deutlicher den nationalen Charakter ihrer Bestrebungen hervorkehren, was nun auch äußerlieh zum Ausdruck kam*). Mit gespanntem Interesse hat man den letzten Punkt der Tagesordnung, das Referat über die Lage innerhalb der Allgemeinen Arbeiterorganisation erwartet. Innerhalb der Arbeiterschaft wird die Kritik über mancherlei Uebeistände in den Institutionen der Arbeiterorganisation lauter *) Wir können nicht umhin, unserem Berichterstatter gegenüber der Meinung Ausdruck zu geben, daß bei Achduth Awodah in Wahrheit stets nationale Interessen und natio• nale Motive ausschlaggebend waren. — A. d. R.• Sonderausstellnntj Jüdischer Künstler Auch der 65. Geburtstag Lesser Urys bedeutet noch keinen Ruhepunkt im Leben dieses Unermüdlichen. Noch ehrt ihn keine Gesamtausstellung, aber die Kunst 11 andlung Wasservogel, Leipziger Str. 26L, zeigt In 73 Gemälden, Pastellen und Zeichnungen ״Bilder aus zwei Welt- Städten“; Berlin und London. Berlin ist ihm in tieferem Sinne Heimat, mehr als nur Gelegenheit für Licht und Farbe. Mit den einsamen Droschken in Tiergartenalicen und den ersten Cafebausblättern der 90er Jahre gewann sich der junge Lesser Ury Heimatrecht, und das Brandenburger Tor, die Linden, der Potsdamer Platz oder Noliendorfplatz und Kurfürstendamm wurden bis in die letzten Jahre dem gegenwärtigen Leben immer neu nachgefühlt. Auch seine früheren Bibelpläne nimmt das heutige Werk wieder auf: in einem großen Gemälde ״Jakob segnet Benjamin“. Ein ״betender Jude“ kommt aber in der schlichten Ergriffenheit und der natürlichen Haltung für mein Empfinden der großen Komposition viel näher als das Bibelbild, das nicht so unabhängig gewachsen ist. In London malte er immer wieder Themsebrücken im Nebel. Die Ausstellung bei Wasservogel zeigt außer mehreren Gemälden in der Art, die wir von den Themsebildern der ״Sezession“ kennen, ein schönes Parkbild ״Hydepark im Sonnenschein“ mit hellem Grün, Frauen und flirrendem Licht. Daneben hat es Alfred Lomnitz, Ausstellung bei Nierendorf, nicht leicht, sich zu behaupten. Noch jung, ist er doch kein Stürmer. Ehe Zeichnung lieg! ihm näher als die Farbe, in der Landschaft wie in den schart umrissenen Augenblicksbildern hingeworfener Studien. Trotzdem gelingt ihm ab und zu ein gutes vornehm gemaltes Aquarell (״Vor den Tuiilerien!“). Auch in der Landschaftskomposition bringt er es durch geschmackvolle Farbenzusammenstellung zu mancher Arbeit, die man gelten läßt Aber alles bleibt einzeln. Es ist doch kein Stil in all den vielen Bildern. Die gleichfalls noch junge Malerin Anna Klein zeigt bei Axel Junker am Kurfürstendamiri Aquarelle und Zeichnungen von der Indienschau aus dem Zoo. Männer, Frauen, Kinder, Tiere, die grasbedeckte Hütte geben zwanglos natiirlieh ein höchst anschauliches Bild. Anna Klein kann sich völlig in ihren Gegenstand einfühlen. Hingebung und treues Erfassen, dem es auf objektive Wahrheit ankommt, sind das wertvolle ihrer Blätter. Es kommt ihr nicht nur auf das rein äußere Bild der Rasse an, das Leben dieser fremden Menschen ist ihr wichtig. Das Zuständliche liegt ihr, wie es scheint, besser als die Bewegung. Was wir bis jetzt von ihrem Werk sehen, zeigt vorläufig nur die einfühlsame Porträtistin. Ob sie mehr kann, wird sich noch erweisen. Friedrich Fei gl in der Neuen Kunsthandlung malt dieselben Inder aus dem Zoo. Wie Anna Klein zeigt er Aquarelle und Zeichnungen. Er ist nicht in erster Linie Porträtist. Das Porträt ist ihm nur Mittel zur Anregung des eigenen Schaffens. Er sucht die Episode, das Anekdotische. Deshalb sieht er auch weit eher das, was das indische Gesicht mit dem europäischen Gesicht gemeinsam hat. Sehr wertvolles gibt er in den Landschaftsaquareilen. Das beste gibt er naturgemäß im freien Schaffen. Deshalb sind vor allem einige illustrative Zeichnungen interessant. Das Buch — nach den Illustrationen zu urteilen, sieht er biblisches Leben mit modernen Augen oder besser gesagt, es stellt neben heutiges Leben biblisches Gleichnis — gibt dem Zeichner Gelegenheit zu drastisch realistischem Kommentar und zur Bekundung eines von einer kräftigen seelischen Gesundheit zeugenden Humors. Auf einem Blatt sind Probleme dargestellt. Man sieht einen ekstatischen Chassid, einen gelehrten aber vernunftgläubigen Rabbi und einen Intellektuellen, der Anwalt ist oder Kaufmann oder beides zugleich und jedenfalls in das Leben bessere Einsicht hat als alle beide. Das beste aber gibt er in einer Szene mit einer echten Moü'refigur. Ein schwerer, dicker Mann mit zwei herunterkugelnden Tränen und pathetisch erhobenen Fingern beklagt sich bei zwei geflügelten Wesen mit Polizeihelmen zweifellos über die schlechte Weltordnung. Die Polizeienget aber scheinen Auguren, die den armen Erdenbürger schon verkauft haben. Diese Zeichnungen sind eine starke Talentprobe. Ruth Morold. Judentum und Berliner Geist. Die Vereinigung ״Berliner Kreis“ steckt sich das lobenswerte Ziel, für dis wiederaufleben einer Berliner Kultur durch die Berliner Gesellschaft von 1926 zu werben. Ob ihr das gelingt, das möchte man allerdings bezweifeln. Es fehlte diesem Salon des Klubhauses Kaiseraflee 49 gerade das, was Heinrich Eduard Jacob in klugen Worten als das Charakteristikum des guten Berliner Geistes anführte: gesunde Skepsis und Kritik, Eigenschaften, die französisches und jüdisches Geistesgut sind, aber ebensosehr gut berlinisch, weil in Berlin zur Zeit des Großen Kurfürsten jeder vierte Berliner ein Hugenotte war und weil das jüdische Element dem wendischen, osteibischen, kassubischen Mischblut in Berlin zumindestens nebengeordnet war. Die Juden sind also nicht nur durch historisches Recht gute Bürger Berlins, sondern mit innerer Berechtigung. Berlin hat Zukunft, ist lebendig wie seine ihm ähnlichsten, skeptisch kritischen treuesten Bürger: die Juden. — Das Wertvollste des Abends war unbestritten die neue Dichtung von Arnold Zweig. Zweig las den ersten Akt seines neuen noch nicht vollendeten Dramas ״Wahrsagung“. Er ist so stark gefühlt, so natürlich gewachsene Gestaltung wie Zweigs Novellen Nach diesem Auftakt ist dieses Drama der seherischen, feinnervigen Frau und dieser Künstler und Intellektuellen ein guter Wurf, was der einmütige Beifall zur Genüge bezeugt hat. _____ R. M. Im Verlag ״Aufbau“ (Berlin W 15) erschien ״Die Arche Noah“, ein lustiges Spiel für die Kinderbühne von Albert Baer. Wir besitzen schon mehrere solche Kinderbücher von Baer und schätzen an ihnen den kindlichen Ton, den echten Humor und die Einprägsamkeit der Verse. Das Problem der Bearbeitung jüdischer Stoffe für Kinderspiele ist hier meisterhaft gelöst. Möge ״Die Arche Noah“, die demnächst in Berlin aufgeführt wird, zu Chanukka vielen Kindern Freude machen. Unter der Ueberschrift ״Deutsche Baukunst in Palästina“ schreiben Berliner Zeitungen: Der Berliner Architekt Alexander B a e r w a 1 d hat in letrter Zeit in Palästina eine Anzahl von Bauten geschaffen, wie das Technikum 111 Haifa, das Kraftwerk in Tiberias, das Transformatorenhaus in Tel-Awiw. Baerwald hat sich dabei bemüht, die fachlichen und zweckgerechten Grundsätze der modernen Baukunst mit den alten Ueberlieferungen des Orients für den einfachen Bau in Einklang zu bringen. Sir Flinders P e t r i e, der berühmte Archäologe, ist (laut ״Times“) in Gaza angekommen, wo er Ausgrabungen vornehmen wird. _

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.