Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 93 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 03 JUEÖI5CHE RUNDSCHAU Sdte 61ל hervorgegangene Reichstagung und das Surrogat, das der!Entwurf dafür schaffe, sei mehr als dürftig. Unerklärlich sei die ungerechte Behandlung des preußischen Judentums gegenüber den kleinen Staaten und provozierend die Rückslcntnahme auf die sogenannten ״bayerischen Belange“, Es bedeute ein gewaltiges Unrecht, wenn das preußische Judentum bei der Vertretung im Rate des Reichsverbandes nicht nach seinem wirklichen Zahlenvcrhältnis berücksichtigt ist. Widerspruchsvoll sei die Haltung des Rates in der Frage der Anerkennung des Verbandes als öffentlich-rechtliche Körperschaft. Erst habe Herr Justizrat Lilienthal erklärt, daß ohne diese Anerkennung die Begründung des Verbandes unmöglich sei. Jetzt mit einemmal erkläre man, daß die Anerkennung ohne jede Bedeutung wäre. Die Volkspartei sei nicht gesonnen, einen Entwurf zu akzeptieren, der den Lebensforderimgen des Judentums nicht gerecht werde, der das Zerrbild einer Reichsorganisation schaffe. Nachdem auch der konservative Vertreter eine Erklärung abgegeben hat, die auf eine Ablehnung der Vorlage hinausläuft, wird ln der Abstimmung einstimmig die Ablehnung des Entwurfes für den Reichsverband bcschlossen. Das Judengesetz Sodann gelangt die Frage der Reform des preußischen Judengesetzes zur Verhandlung. Der Rat hat keine Vorläge in dieser Sache cingebracht; in der Aussprache machte zunächst Del. W. Breslauer eine Reihe von Bemerkunfen, sodann folgte Dr. Kolienscher, der die Anschauungen er Jüdischen Volkspartei darlegte. Dr. Kolienscher (Jüd. Vpt.) weist darauf hin. daß die vorige Verbandstagung die Einbringung eines Juden- Gesetzes als dringendste Aufgabe bezeichnet und die Einerufung einer Sondertagung verlangt hat. Jetzt hat die sogar verspätet einberufene ordentliche Tagung noch immer keine Vorlage des Rates. Der Rat hat hier, wie auch auf anderen Gebieten vollkommen versagt. Der Redner wiederholt den von ihm auf der ersten Verbandstagung vertretenen Standpunkt, daß das Gesetz von 1847 an sich erträglich ist. Wenn ei־ trotzdem die Frage der Revision der Judengesetzgebung für dringlich gehalten hat, so ist hierfür in erster Linie bestimmend, daß das Gesetz Von 1847 nicht für alle preußischen Gebietsteile gilt, in Kurhessen herrscht noch immer ein altes Gesetz, das überhaupt keine Wahlen kennt und die Vor- Standsämter durch Staatsbehörden besetzen läßt. 111 zweiter Reihe rpuß ein neues Judengesetz die Frage der Autonomie der Gemeinden klarlegen. Was Artikel 137 der Reichs- Verfassung uns gegeben hat, müssen wir in einem autonomen Verfassungsgesetz verwirklichen. Es muß klargelegt werden, daß keine außerjüdische Stelle befugt ist, in interne jüdische Angelegenheiten einzugreifen. Die Berliner Vorgänge bei den Wahlprotesten sind ein Skandal nicht nur für Berlin, sondern eine Gefahr für die gesamte Judenheit in Deutschland und vielleicht darüber hinaus. Als dritte und wichtigste Not- Wendigkeit für die schleunige gesetzliche Neuregelung, wird auf den Austritt aus den Svnagogengemeindcn hingewiesen. Was zunächst zur Beseitigung von Gewissensnot notwendig war, hat im Laufe der Jahrzehnte hingeführt, einer gemeinen Steuerdrücker ei Tür und Tor zu öffnen. Nicht Arme und Bedrückte verweigern die Steuerzahlung, sondern reiche Großkaufleute gewinnen es über sich, einfach und ausgesprochenermaßen aus steuerlichen Gründen die Mitgliedschaft zur Gemeinde aufzukündigen. Was die dem Verbandstage vorgelegte Vorlage anbetrifft, so ist diese unsystematisch, weil sie keine Trennung zwischen dam Staatsgesetz und dem inneren Verwaltung«- Besetz enthalt. In der Regelung der Frage des Wahl- «recht« fit die Vofläg# unzulänglich. Das gleiche Wahlrecht reicht nicht aus; wir brauchen das pro p ortiona 1 e Wahlrecht, unabhängig von der Staatszugehörigkeit, nicht nur für die Gemeindevertretung, sondern auch für den Gemeindevorstand. Wenn die Vorlage Staatsetatisierung und die Einsetzung eines Staatskommissars auf Vermögensrechtlichem Gebiete vorsieht, so können wir trotz der Anaiogien bei den christlichen Kirchen hiergegen nur schärfsten Widerspruch erheben. Die Vorlage will bei der Regelung des Austritts zu dem Gesetz von 1876 zurückkehren und religiöse Bedenken als den alleinigen Grund für den Austritt gelten lassen. Insoweit enthält sie eine Verbesserung. Sie will aber Personalgemeinden schaffen, in die die Ausgetretenen eintreten müssen, und die nicht auf einzelne Orte beschränkt zu sein brauchen. Es würden dadurch Kuriosa entstehen, indem wir Gemeinden bekommen, die in ihrem Mitgliederbestände weit über das Land verstreut wären, und in 'leeinem Orte die heilsame Wirkung einer Kehilia ausüben könnten. Die Personalgemeinde ist in positivem Sinne keine Gemeinde; sie wirkt nur negativ durch die Zerschlagung und Zertrümmerung der bestehenden örtliehen Gemeinden. Der Gedanke der Personalgemeinden in diesem Sinne verdient schärfste Ablehnung. Wo auf Grund des Gesetzes von 1876 sich in den örtlichen Bezirken einer Stadt eine Austrittsgemeinde gebildet hat, muß sie selbstverständlich bestehen bleiben; der Uebertritt zu ihr muß gestattet bleiben. Wo aber in mehr als 50 Jahren sich die Notwendigkeit eines Austritts nicht herausgestellt hat, braucht jetzt eine Austrittsmöglichkeit nicht eröffnet zu werden. Jetzt geschieht der Austritt nicht mehr aus Gewissensnot, sondem aus anderen, unlauteren Motiven. Der Redner verlangt die Ueberweisung der Materie an den Rechtsausschuß und schnellste Bearbeitung im Sinne der von Ihm dargelegten Grundsätze. Hierauf erstattet der Referent des Etat*Aus- Schusses seinen Bericht, woran sich eine längere Debatte schließt, die einzelne Budget-Posten zum Gegenstand hat. Schluß der Generaldebatte Es wird dann die Generaldebatte wieder aufgenommen. Zunächst spricht nochmals Dr. Badt (Jüd. Volksnartei), der einige grundsätzliche Ausführungen über das Verhältnis der Juden zum Staat macht. Es sei ein Grund* fehler, diese Frage auf das Gefühl abzustellen, auch die Gesinnung sei ein Kriterium, das nicht zu erfassen sei. Nicht derjenige habe die tiefste Gesinnung, der sie am lautesten beteure Der einzige Maßstab, an dem gemessen werden könne, seien Tat und Leistungen. Der Staat sei nicht mehr Obrigkeitsstaat und die Praxis habe ergeben, daß Konflikte zwischen den staatlichen Erfordernissen und der Weltanschammg zionistischer Beamter völlig unmöglich seien. Der Redner begrüßt die maßvollen Ausführungen, die Herr Dr. Peiser gestern gemacht habe und erwartet, daß nunmehr die Haltung des Blattes des Verbandes nationaldcutscher Juden den Au.,Wh! ungen des Herrn Peiser entsprechen werde. M. A. Loeb (Kons.) spricht sich gegen den von Blumenfeld beantragten Unterrichtsausschuß der Volkspartei aus. Dr. Isi Kahn (Kons.) hingegen erklärt, man dürfe einer voUjüdischen Bewegung wie der zionistischen nicht die Möglichkeit nehmen, Ihi* eigenes Leben auch in der Erziehung zu führen. Frau Schönwald (liberal) erklärt, man dürfe das Judentum nicht an zeitliche Güter wie Land und Volk binden, sondem nur an die ewigen der Religion. Daher lehnen die Liberalen einen zionistischen Unternchtsausschuß ab, denn der Landesverband ist eine Religionsgesellschaft. B 1 u m c n f e I d begründet nochmals den Antrag der Volkspartei auf Einsetzung eines Unterrichtsausschusses. Es ist unzulässig, führt er aus, daß innerhalb des Landesverbandes eine Gruppe über die Legitimität einer andern Gruppe entscheidet. Jede Gruppe hat das Recht, das Programm der andern Gruppen materiell abzulehnen, aber formell muß Gleichberechtigung bestehen. Die Ausschüsse sind beratende Körperschaften, und wir verlangen, als eine Gruppe, die glaubt, die Wahrheit über jüdisches Wesen und damit auch über jüdische Religion in sich zu tragen, aus Gründen der Gleichberechtigung dieselben Rechte wie die andern Richtungen im Judentum. Der Landesverband kann nur fruchtbare Arbeit leisten, wenn diesem Cmiiidsatz der Parität Rechnung getragen wird. Redner wendet sich gegen das Argument, die Volkspartei s־׳i keine religiöse Richtung und sei daher am Re'.i ioisunteriicht desintere«sie״t. I;h behaupte, daß der Religionsunterricht, wie Sie ihn auffassen, nichts zu tun hat mit jüdischer Religion. Vor hundert Jahren hat es keinen jüdischen ,,Religionsunterricht gegeben, sondern w i r verstehen unter Religion das, was das Judentum immer darunter verstanden hat, nämlich die Totalität des jüdisehen Menschen. Alles andere ist eine nach christlichem Vorbild erfolgte Konfessipnallsierung. Sie können uns nicht das Hecht bestreifen,’unsere Kinder so zu erzfeheo, Wie wir es für richtig halten, ihnen den Zugang zu den jüdischer. Quellen zu erschließen und durch die Kenntnis unserer Vergangenheit eine Renaissance vorzubereiten. Einst hat man den Kampf gegen die Orthodoxie mit ähnlichen Argumenten geführt wie beute den Kampf gegen den Zionismus; heute ist die Scheidung im jüdischen Lager, vor allem die zwischen Zionisten und Nichtziouisten, und es ist unverständlich, warum Sie sich nicht auf den einzig möglichen Standpunkt stellen, nämlich auf den rein formalen der Gleichberechtigung, bei dem jede Gruppe ihre Selbstbestimmung behält. Rabbiner Dr. Rosenthal (konservativ) polemisiert gegen Blumenfeld, unterstützt jedoch den Antrag der Volkspartei bezüglich des Unterrichtsausschusses. Bei der Abstimmung wird der Antrag der Volkspartei auf Schaffung eines eigenen Unterrichtsausschusses mit 42 gegen 30 Stimmen abgelehnt. Die weitere Debatte bringt keine nennenswerten Ergebnisse mehr. In der Schlußabstimmung wird der Etat fast einstimmig angenommen. Dann stattet Herr Wertheim den Dank aller Fraktionen gegenüber Herrn Dr, Freund für seine Geschäftsführung ab. Zum Schlüsse trägt Herr Dr. Bärwald, der Fraktionsvorsitzende der Liberalen, eine Erklärung vor, in der die liberale Fraktion noch einmal Herrn Sonnenfeld deckt, wobei er feststellt, daß der Beschluß der Liberalen einstimmig und ohne Fraktionszwang zustande gekommen sei. Die Liberalen stellen sich auf den Standpunkt, daß sie die Handlungen des Herrn Sonnenfeld außerhalb de* Hauses nicht zu prüfen haben. Während Herr Bärwald mit der Verlesung dieser Erklärung beginnt, entfernt sich die Fraktion der Volkspartei geschlossen aus d e m S a a 1 e. Versamlng der indische! Volkspariei Eine überaus eindrucksvolle Massenversammlung der Jüdischen Volkspartei in der Berliner Stadthalle, in der Prof. Heinrich Löwe, Wiener- Beuthen, Fett-Berlin, Dr. Kolienscher, Georg Kareski und zum Schluß Dr. Klee referierten, befaßte sich eingehend mit der Affäre des Berliner Wahlprotestes, mit dem Reichs* verbandsentwurf, der Angelegenheit Sonnenfeld und den Verhandlungen des Landesverbandes. Es wurde mit allen gegen vier Stimmen folgende Entschließung angenommen: Die von etwa 2000 Juden besuchte Versammlung der Jüdischen Volkspartei, die sieh aus Anlaß der Tagung des Verbandstages des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in der Stadthalle zusammengefunden hat, erhebt entschiedenen Protest gegen die Versuche, der Berliner Judenschaft das Ergebnis des Volksentscheids vom 16. MM d. J. zu rauben. Sie protestiert im Interesse jüdischer Würde gegen die Mittel, die zur Erreichung dieses Zieles angewendet worden sind. Sie fordert eine Reinigung des öffentlichen jüdischen Lebens von allen Personen, die durch ihren Verrat an elementaren Grundsätzen der politischen Moral das Recht verwirkt haben, im Namen des deutschen Judentums zu sprechen. Hebräisches Arbeitertheater ia Palästina Von Mirjam Schnabel-Hoeflich. Die Verfasserin, die hier über ihre Kulturtitigkeit in Erez-Israei berichtet, liest Montag Abend in Berlin hebräische und deutsche Dichtungen. Seit kurzem gibt es in Palästina ein Theater, dessen Mitglieder ausschließlich manuelle Arbeiter sind, und zwar solche, die auch als Schauspieler ihre Mitarbeit am Aufbau des Landes nicht aufgeben. Das Theater wurde im März 19K von Moscheh Hallewy, einem Schauspieler vom Mobkauer hebräischen Theater (Habimah) mit Hilfe der allgemeinen Arbeiterorganisation gegründet. Er fuhr im ganzen Land herum und suchte Kräfte, wobei weniger die theatralische Begabung entscheidend war als die Intelligenz und die Hingäbe für die Sache, wie überhaupt der ganze geistige Habitus und das Gemeinschaftsgefühl der Kandidaten. So brachte er etwa dreißig männliche und fünfzehn weibliche Chawerim zusammen. Die Organisation verschaffte Ihnen Arbeitsstellen in Tef-Awiw, wo das Theater sich befindet, damit ihre künstlerische Tätigkeit auch einen materiellen Hintergrund habe, denn das Theater selbst hatte ja kein Geld. Neben dem künstlerischen Werk gab es aber, zumindestens im Anfang auch eine rein manuelle Tätigkeit am Theater, denn die Schauspieler bauten, nach dem Grundsatz der Selbstarbeit, der däs ,arbeitende Palästina beherrscht, das Theatergeblude —- ״Obel, das Zeit“ ־— mit eigenen Händen auf, und bald stand am Meeresstrand eine luftige, schöne, eternitgedeckte Baracke: das erste Arbeitertheater, (ln der nächsten Zeit will man mit dem Bau eines Steingebäudes beginnen.) Nun begann der künstlerische Teil des Werkes: die Tätigkeit im Studio, die täglich um sechs Uhr abends anfängt, wenn die Mitglieder von ihren Arbeitsplätzen in der Stadt und in den nahen Dörfern zusammengekommen sind. Das unverkennbare Kennzeichen dieses Werkes ist der hohe sittliche Ernst, dessen nur Menschen mit großem Verantwortlichkeitsgefülil und grenzenlosen Gemeinschaftsgeist fähig sind. (Es ist, dies sei nebenbei bemerkt, für diese Gruppe selbstverstündlich, daß keiner ihrer Chawerim arbeitslos sein dürfe; gibt es in seinem Beruf wenig zu tun, dann wird eben der Voliarbeiter automatisch zum Kurzarbeiter und teilt Arbeit — die hier nicht bitteres Muß, sondern freudig erfüllte, freiwillige Pflicht ist — und Lohn mit dem wirtschaftlich bedrängten Kameraden.) — Die ersten sieben Monate vergingen mit Kleinarbeit, die, wie das gesamte Theater Chawer Hallewy leitet. Als Dramaturg arbeitet der Arbeiterdichter Schio nsky, der bekannte Komponist Eת g e i leitet den Chorgesang, Professor Schor unterrichtet Musikgeschichte und musikalische Analyse, Grete Ornstein wieder unterrichtet rhythmische Gymnastik und Bewegungskunst, der Ferne, das Ehemalige, das im Abglanze des Sonnenunterganges stehende. In seinen .,Briefen über Literatur“, die an seine Freundin gerichtet sind, bringt er ihr jedesmal den Kopf eines zerschmetterten Schriftstellers. Was bei andern ist, ist gut, ist talentvoll; was bei uns ist, ist schlecht, ist talentlos. Was nahe Ist, ist karikaturmäßig. Die Satire und der Spott waren seine Waffen im Kampfe für Aesthetik und Geschmack. Und bis zu seinen letzten Tagen rosteten diese Waffen nicht. Manchmal überkamen ihn sentimentale Gefühle. Da wandte er sich der Novelle zu. Ein armer Junge, der sich immer nach einem neuen Anzug sehnte, nach einem warmen Worte der Gratulation: ״Titchadesch“ — das rührte unseren Raubritter. Drei Greise, die in der Synagoge am Versöhnungstage offensichtlich essen, um die Gemeinde zu veranlassen, wegen Seuchengefahr auf das Fasten zu verzichten; ein hungerleidender Junge, der vorzeitig die Mazza des Aflkomon verzehrt; ein Vater, der bei der Seelenfeier für die Seele seiner getauften Tochter betet — all dies erscheint Frischmann mitleidswert. Bei eigenen Leiden flüchtet er gar in die Lyrik. Alle seine Gedichte sind ein Herzensschrei. Frischmann suchte und fand Tatgenossen in anderen Literaturen und beeilte sich immer, sie in die hebräische Literatur z« verpflanzen. Als die tragische Figur Nietzsches auftrat, übertrug Frischmann den Zarathustra in lapidares Hebräisch. Ausgewählte Perlen von Heine, Tratunvisionen von George Elliot, zarte Dichtungen von Rablndranat Tagore, ״Thais“ von AnatQle France wurden durch Frischmann dem hebräischen Leser nahegebracht. Auch die Kinder ließ er nicht unbeschenkt Ihnen brachte er aus der Ferne Andersen und Grimm. Während seiner letzten Tage war er mit der Uebersetzung derShakespearschen Dramen beschäftigt. Wer war die Herzensdame unseres Ritters? De Nation? Frischmann war kein Publizist und hatte keine Antwort auf die nationalen Probleme. Allgemeinmenschliehe Ideale? Nie hat er in seinen Zeitschriften bestimmte Ideale propagiert. Er verlangte bloß Geschmack 11111 Kult'״•, Niveau und Talent. Nie hat er auf ein Programm geschwor! 11. eschweige denn andere schwören lassen. Hebräisch! prache? Gewiß war er ein Hohepriester in ihrem Tempel, er pflegte aber Aber seine Liebe zur Sprache nicht Zureden, ja, er spottete sogar über diejenigen, die marktschreierisch daraus viel Aufhebens machten. Bekannt ist seine Satire über die ״Amateure“ des Hebräischen. Die Renaissance? Aber er war ja einer der größten Skeptiker. Seine Herzensdame, für die er kämpfte und litt, war aber gerade die neu hebräische Literatur. Vierzig Jahre diente er ihr ohne Furcht und Tadel. Z. Wo i s I a w s k y. Seele ud Schicksal des Erziehers Vortrag Siegfried Bernfeld. Siegfried Bernfeld sprach im Aufträge der Deutsehen Psychoanalytischen Gesellschaft über dieses Thema. Er schilderte in der Schärfe und Eindringlichkeit, die wir bei ihm kennen, den Lehrer der alten Schule. Dessen tiefere Erfolge sind unkontrollierbar, anderseits nimmt der Lehrer der wehrlosen Jugend gegenüber eine außerordentliche Machtstellung ein. Die Folgen sind unberechtigte Forderungen, Affektausbrüche, Schläge. Dem Lehrer der alten Schule stellt Bernfeld den modernen Erzieher gegenüber, der sich in einer ganz anderen, aber nicht weniger gefährlichen Lage befindet. Dem Psychotiker, der nur sich selbst Hebt, nicht die Kinder, der nicht Genüge findet an froher, zwanglos spielender Jugend, steht hier der Neurotiker gegenüber, der die Kinder liebt, aber auf alle andere Objekt-bezogene Liebe verzichten muß. Etwa der Mitarbeiter in einem entlegenen Erziehungsheim, dessen ganze Liebe sich auf die Kinder konzentriert, der auf Wissenschaff und Kunst, Gesellschaft und Vergnügen in einem ungewöhnlichen Maße verzichten muß. Das nicht sublimierte Stück dieser Liebe wird verdrängt. Verdrängung wiederum führt zu Depressionen und Angstzuständen, zur Neurose, zumal der Erzieher von den Kindern selbst wenig Liebe zurückerhält. Bernfeld stellt von der Psychologie des Lehrers aus zwei Forderungen: der Lehrer muß in der realen Welt stehen, und er muß neben seiner erzieherischen Tätigkeit sachliche Berufsarbeit leisten. Es entsteht das Bild einer >־hule inmitten einer wirtschaftlichen Realität, für deren pr;T i 11 ״c Verwirkli hung Bernfeld vor Jahren gekämpft hat. Denen, die nicht gläubige Jünger der Psychoanalyse sind, nw״ diese BeUa.htung*weise nicht umfassend genug sein. Tatsächlich schneidet auch der psychoanalytische Forscher alles fort, was nicht sein Bild der Seele gestalten hilft. Kommt dann noch die rednerische Gewandtheit Bernfelds hinzu, so entsteht jene Gebanntheit, in die nur Klarheit und Schärfe der Gestaltung und der Deutung zu versetzen mögen. Vielleicht schenkt uns Bernfeld einmal ein Werk über die Psychologie des Erziehers, der bewußt zwischen Psychose und Neurose seine Pflicht zu erfüllen sucht, seine Pflicht, zu der er ״berufen“ zu sein glaubt. Vielleicht könnte Bernfeld dann auch all die anderen Gesichtspunkte, die ökonomischen, soziologischen, berufstechnischen, fachlichen, mit hineinziehen. Auch eine gelegentliche Gegenüberstellung der Psychologie anderer Berufe wäre sicher fruchtbar, zumal sich der psychoanalytisch nicht Geschulte die vielleicht törichte Frage vorlegt, ob nicht in anderen Berufen auch Situation nen gegeben sind, die zu Psychose und Neurose führen können; gelegentlich wurde ja der Künstler und der Staatsmann erwähnt. Ein solches Werk wäre das jüdischeGegenstück zu Kerschensteiners ״Seele des Erziehers“. Daß es ein jüdisches Werk würde, dafür bürgen Art^und Temnensischen Schulwerks und efes jüdischen Schulwerks der Diaspora. Denn jede Erziehungsmaßnahme und -Forderung findet ihre Verwirklichung durch den Erzieher. Wird Siegfried Bernfeid uns dieses Werk schenken? Dr. Kurt Wittkowski. ״Menorah“, jüdisches Familienblatt für Wissenschaft, Kunst und Literatur, Wien 1/1, Fach 161, Preis des Jahresabonnements 12 M. — Die soeben erschienene Nummer 11 der ״Menorah“ enthält eine Reihe von Beiträgen aus dem Leben der orientalischen Juden, unter denen wir besonders die ebenso interessant, wie anschaulich geschriebene Novelle ״Das Gelübde“ aus der Feder der arabischen Schriftstcllerin Elissa Rhays erwähnen. Aus dem übrigen Inhalt ist noch hervorzuheben: Jüsef Kalmer: Der Maler Oeorg Merkel; Dr. N. M. Oelber: Die hierosolymitanische Stiftung; Rabb. Dr. M. Ehrenpreis: Saloniki, das Zentrum der Sephardim; Eugene Delacroix: Eine jüdische Hochzeit in Marokko,