Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 93 (26.11.1926)
- Date
- 1926-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 870 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 03 Versammlung mun erkennen lernen, daß sie nicht die Ver* tretung eines isolierten Gebildes, einer für sieh alleinstehen• den preußischen Judcnheit ist, sonder» die Vertretung des in Preußen leheir.len Teiles des großen 15-Miilionen-Volkcs der Juden. (Starker Beifall links.) Montag, N a c h m i 11 a g s s i t 7. \t n g. In der Nachmil tagssitzung kommen noch einige Redner zu Wort, die zu einzelnen Etatsposten sprechen. Sodann spricht Kurt B1 u m e n f e 1 d. Blumenfelds Rede Kurt Blumenfeld erklärt zunächst namens der Jüdisehen Volkspartei, daß der Protest gegen Justfzrat Sonnenfeld als Vorsitzenden sich ausschließlich gegen dessen Person gerichtet habe. Die Jüdische Volkspartet habe das Verhalten das Justizrats Sonnenfeld nicht der Liberalen Fraktion zur Last legen wollen. Nachdem aber Justizrat Sonnenfeld erklärt habe, daß seine Fraktion ihn veranlaßt habe, das Präsidium beizubehalten, sei klar, daß die Liberale Fraktion durch dieses Vorgehen das Verhalten ihres Vorsitzen:!en gegenüber Dr. Badt gebilligt habe. Dies sei tief bedauerlich. — Was die an Dr. Freund geübte Kritik betrifft־ so müsse er im Auftrag seiner Fraktion feststellen, daß die gerügten Unterlassungs- Sünden von anderen Ressortleitern begangen worden sind. Die Arbeiten, die zum speziellen Aufgabenbereich von Dr. Freund gehört hätten, seien sachgemäß und einwandfrei erledigt worden. Bezugnehmend auf einen Vorredner, der ״sachliehe Arbeit“ und nicht ,,Propagandareden“ verlangt hatte, legt nun Redner dar, daß es zu den sachlichen Aufgaben der Verbandsversammlung gehört, auf Grund der Darstellung der Hauptfragen jüdischen Lebens durch legitimierte Partei- Vertreter grundsätzliche Entscheidungen auf den Hauptarbeitsgebieten des Landesverbandes zu treffen. Eine prinzipielle Frage ist schon die Ostjudenfrage. Redner begrüßte den Einbürgerungsantrag der Liberalen Fraktion. Es ist nur befremdend, daß dem Geist, dem dieser Antrag der Liberalen Fraktion entstammt, in so vielen Fällen in Gemeinden mit liberaler Majorität zuwidergehandclt wird. Den Ostjuden wird das Wahlrecht geschmälert in Gemeinden innerhalb und außerhalb Preußens. Dieses Verhalten ist völlig unverständlich, wenn die Gemeindemachthairer ausschließlich die religiösen Zusammenhänge anerkennen; die jüdische Religion macht keine Unterschiede zwischen der Herkunft von Juden. In der Religionsgemeinde könne gerade von liberaler Seite eine Sonderbehandlung von Ostjuden nicht begründet werden. Wir verlangen gleiches Recht für alle Juden in Jüdischen Gemeinden. Sollte eine Karenzzeit notwendig erscheinen, so dürfte keinesfalls ein Unterschied zwischen inländischen und ausländischen Juden gemacht werden. Unser Bestreben geht aber dahin, den Jüdischen Gemeinden einen umfassenderen und tieferen Inhalt zu geben. Wir versuchen, den Gemeinden neue Arbeitsgebiete zu erobern. Der Oedanke der Erweiterung der Kompetenzen der Gemeinde hat uns dazu geführt, den Begriff der ״Volksgem e i n d e“ in unser öffentliches Leben einzuführen. Die Gegner unserer Anschauung haben den Versuch gemacht, dieses Wort als Beweis für unser Streben nach nationaler Autonomie in Deutschland zu verwerten. Wir haben eine solche Forderung nie erhoben. Nicht etwa, weil wir sie für gefährlich und unzulässig halten, sondern weil wir glauben, daß in Deutschland keinerlei tatsächliche Voraus- Setzungen für ein solches politisches Verlangen bestehen. Ich habe diese Erklärung bereits im Jahre 1918 auf dem Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland offiziell abgegeben, und ich erwarte, daß die nichtzionistische ׳-OdtatfMwatr- ■endiieh davon absieht, uns Jendenzen unter- »lege«, die wir selbst ablehnen. Das Wort ״Volksgemeinde״ hat in Deutschland keinerlei Staatspolitiken Sinn. Auf Grund des Artikels 26 der Verfassung des Preußisehen Landesverbandes sind zwei Kultusausschüsse ein liberaler und ein konservativer, gebildet worden. Wir haben hier keine weitergehenden Wünsche. Wir verlangen jedoch, daß neben den beiden bestehenden Unterrichtsausschüssen uns ein dritter Unterrichtsausschuß zugestanden wird. Die Begründung für die Forderung nach einem eigenen Unterrichtsausschuß liegt in unserer jüdischen Grundauffassung. Herr Rabbiner Dr. Baeck wies auf einer liberalen Tagung darauf hin, daß der jüdische Mensch nicht 40, 60 und 70 Jahre alt ist, sondern 2000, 3000 und 5000 Jahre, daß es für uns Juden darauf ankomme, nicht nur uns auf horizontalem Durchschnitt zu betrachten, d. h. in unseren Be- Ziehungen zur Umgebung, sondern vor allem die vertikale Linie unseres Werdens zu verfolgen, die uns mit der Vergangenheit verbindet. Uns kommt es auf die Erkenntnis unseres wahren Wesens an. Der Behauptung eines Vorredners, daß der Geist der Duldsamkeit als religiöse Forderung im Judentum besteht, ist im gleichen Licht die Behauptung zur Seite zu stellen, daß jedes jüdische Geschlecht so zu leben habe, als ob es das letzte wäre, und daß oberste Pflicht ist; Wahrhaftigkeit uns selbst gegenüber und unbedingte, revolutionäre Haihing gegenüber einer minderwertigen Gegenwart. Die Situation im heutigen mienünn, 11m derentwillen wir Zionisten sind, läßt uns ordern, daß in unseren Schulen unsere Kinder zu den Quellen unserer Art Vordringen, wir verlangen eine besondere Gestaltung des hebräischen Unterrichts und des Unterrichts in jüdischer Geschichte. Auch die Gegner des Zionismus sollten für diese Auffassung unserer Situation Verständnis haben, die ja immer mehr auch die Auffassung der nichtzionistischen Welt über das Wesen des Judentums wird. Bei der Gründung des Central-Vereins sprach man nur von Abwehr lehnte jede inhaltliche Dcfinierung des Judentums ab. Allmählich verstand man sich dazu, religiöse Zusammenhänge positiver zu fassen. Neben Abwehr trat das, was Sie ״Einkehr“ nannten. Man sprach von jüdischen Eigenschäften, von jüdischem Humor, vom jüdischen Charakter und sogar vom ״jüdischen Menschen“. Man hütete sich allerdings, aus solchen neuen Erkenntnissen die entsprechenden Konsequenzen zu ziehen. Wir können uns einen Schlemihl ohne Schatten, d. h. ohne eine wesentliche Eigenschaft, vorstellen; aber die Existenz des Schattens ohne die Existenz des dazugehörigen Schlcmihls kann es nicht gehen. Die Nichtzionisten versuchen nun, die von uns vertretene Auffassung zu diskreditieren, indem sie unsere Stellung in der allgemeinen Welt anzweifelt, und bei der Struktur des jüdischen Lebens in Deutschland müssen wir es uns gefallen lassen, daß irrige Meinungen in nichtzionistischen Zeitungen und Versammlungen verbreitet werden, ohne daß wir Widerspruch erleben können. Ich erinnere an die gefälschte Dar- Stellung des Berichtes von Sir Herbert Samuel, die der C.-V.-Dienst vor Monaten gebracht hat; es handelte sich um eine Information von gutgläubigen Funktionären des Central-Vereins, von der wir durch Zufall Kenntnis erhielten, die im Kampf gegen den Zionismus ständig verwertet wird. Eine Richtigstellung ist nicht erfolgt. Mein Referat auf dem Erfurter Delegiertentag ist in einem Artikel von Dr. Holländer entstellt wieder gegeben. Herr Dr. Hol-!ander weiß die Wahrheit. Bis heute ist eine Berichtigung nicht erfolgt. Wenn man irgendwo einen Satz findet, aer einem zur Verwendung im innerjüdischen Kampf taktisch geeignet zu sein scheint, so stempelt man den Verfasser zu einem ״zionistischen Führer“. Man sucht mit Worten die eigenen Anhänger in Schrecken zu halten, z. B. durch das Wort ״Judenstaat". Spricht ein Zionist in der innenzionistischen Diskussion von ״Judenstaat" — sofort erklärt man entzückt ״die Zionisten hätten hier ihre wahre, gefährliche Meinung enthüllt. Sagt aber ein Zionist, wir haben ein politisches Ziel, das nicht der jüdische Staat ist, so konstatiert der Gegner mit Genugtuung, die Zionisten haben die Pflöcke zurückgesteckt. Diese Taktik veranlaßt mich, auf die wahre Quelle der zionistischen Bewegung hinzuweisen. Die Frage der politischen Ziele ist eine Änge- Iegenhcit innerzionistischer Diskussion. Die Größe und Kraft der zionistischen Bewegung aber liegt in der Haltung zionistischer Menschen und der Zionistischen Organisation gegenüber der beste 1t enden j üdischen Welt. Ihnen gegenüber bin auch ich Juaenstaatler. sofern ln diesem Wort die Ablehnung der bestehenden jüdischen Welt sich ausdrückt; gleichgültig, in welche realpolitischen Formen ich mir die Verwirklichung unserer zionistischen Ziele denke. Der Redner weist darauf hin, daß die jüdische Welt über ihre eigene Situation unklar ist, daß sie den Antisemitismus mißversteht, einer gründlichen rückhaltslosen Behandlung aller Fragen, die ihr eigenes Leben betreffen, aus «lern Wege geht. Et betont, daß die Methoden des vom Central-Verein geführten Abwehrkampfes schädliehe Nebenwirkungen haben und daß nur durch eine völlige Umartung des jüdischen Menschen und des jüdischen Lebens wahre Gleichberechtigung und ein menschenwürdiges Dasein für die Juden herbeigeführt werden könne. Die Isolierung der jüdischen Gesellschaft, die sich im Laufe der letzten Jahrzehnte herausgebildet habe, habe den Blick für die Wirkung jüdischer Programme und Maßnahmen getrübt. Für die nicntjüdische Welt kämen die Differenzierungen innerhalb der Judenheit nicht in so hohem Grade in Betracht wie die Juden glauben. Der Redner schildert die geistige und menschliche Situation des modernen Juden, die immer zum Kompromiß führe, so daß man mit Recht von einer durch stetige Rücksichtnahme erzeugten lügen verstrickten Ex istenz sprechen könne. Auch der Gedanke der Suprematie des religiösen Judentums sei unfundiert, man habe sich angewöhnt, das Heilige zu profanieren und zur Bemäntelung und Verdeckung der eigenen Unzulänglichkeit die herrlichsten Aussprüche aer Vergangenheit zu verwerten. Ein Vorredner hat gesagt, das Judentum sei dazu da, damit der Oeist die Gewalt .überwinde. Dies entspricht unserer Ansicht, aber das heutige zerfallende Judentum kann das nicht, nur ein erneutes wird es können. Interterritoriale Vereinigungen sind heute auf der Tages- Ordnung, ln diesem Rahmen soll unser Palästinawerk durchgeführt werden. Aber es kommt nicht auf mechanische Einheit an, 'sondern auf eine Zusammenballung jüdischer Energien. Den Ruf nach Einheit lehnt der Redner ab, soweit es sich um eine Verwischung der wirklich bestehenden Gegensätze handelt. Hat Dr. Badt die Ueberzeugung ausgesprochen, daß der überwältigende Teil der Nichtzionisten bald im zionistischen Lager sein wird, so kann ich diese Meinung nicht teilen. Zionist kann nur werden, wer die psychologischen Voraussetzungen mitbringt. Es kommt uns liier nicht darauf an, die Nichtzionisten von der Wahrheit unserer Ansichten zu überzeugen, unsere Aufgabe besteht darin, unsere Anschauung darzulegen und ihr Recht innerhalb des Landesverbandes zu erkämpfen. Wir verlangen heute die Möglichkeit, genau so wie die anderen Gruppen die Erziehung unserer Kinder beeinflussen zu können. Um Juden zu erziehen, die unseren Forderungen genügen, bedarf es eigener Einrichtungen, die unserem Geiste entsprechen. Darum stellen wir den erwähnten Antrag. (Lebhafter Beifall.) Grundsätzliche Aussprache Dr. Ludwig Holländer wünscht, daß die Achtung vor der gegnerischen Anschauung sich fester einwurzele. Diffamierung geht aber auch von den Zionisten gegen die Liberalen aus. Keiner von den Liberalen hat Badt ״denunziert“. In Staatsbeamtenfragen sind auch die Zionisten uneinig. Auch einige Sozialdemokraten waren gegen Badts Ernennung. Der Central-Verein hat in den Fällen Lessing, Hannover, und Haas, Magdeburg, nicht versagt. Das einigende jüdische Band ist die Religion, dieser gebührt das Primat vor allen anderen Erscheinungen jüdischer Gemeinschaft. Wahrung und Vertiefung der religiösen Güter kann allein die Lebenskraft des Judentums heben. ״Schema fisroel“ steht uns höher als ״Erez-1 srae 1“. wir wollen nicht den revolutionär jüdischen Typus, wie ihn Blumenfeld gezeichnet hat. Wir sind vielmehr tief verwurzelt im deutschen Volksleben uni in der deutschen Kultur. Unser Prinzip ist Svnt tose von Deutschtum und Judentum. Der Aufbau von Palästina ist zu begrüßen, sofern er nicht auf nationaler Grundlage geschieht. Wir müssen unnötige Kämpfe vermeiden und Sandkorn auf Sandkorn tragen zum Bau der jüdischen Ewigkeit. (Beifall bei den Liberalen.) Dr. P e i s e r führt aus, Juden untereinander dürfen nicht Feinde sein, sondern höchstens Gegner. Und da müsse er gestehen, daß Kurt Blumcnfeld ein achtungswürdiger Gegner ist. Sein Staatsbegriff ist der eines Nützfichkeitsmstruments, unser Staatsbegriff ist aber der Ficlitesche: das ganze Ich gehört Staat und Volk. Fühlen wir deutsch, so gehört unsere ganze Persönlichkeit Deutschland und dem Deutschtum. Das sind zwei Welten. Es handelt sich um heilige Dinge, die nicht bagatellisiert oder banalisiert werden dürfen. Man muß für den einen oder für den anderen Pol optieren. Aber ob man auf deutscher Seite oder auf jüdischer Seite steht, die Waffen müssen auf vornehme Art geführt werden. (Beifall bei den Liberalen.) HI. Verhandlungstag, Dienstag, 23. d. M. Der Reichsverband abgelehnt Die allgemeine Aussprache über den Tätigkeitsbericht des Rates schließt mit einer Rede der Frau Oltendorf über Wohlfahrtsfragen. Dann bringt Justizrat Liiienthat namens des Rates den Entwurf einer Satzung für den Reichsverband ein mit dem Anträge des Rates, dem ß9~g*״ bildeten Reichsverbände beizutreten.!Schon der erste Redner, der Sprecher der liberalen Fraktion, Herr Stern, lehnt den Entwurf ab. Er wendet sich!fegen das Fehlen aller demokratischen Bestimmungen im Entwurf, mißbilligt, daß keine aus Urwahlen hervorgegangene Reichstagung vorliehe Erklärung, noch schärfer nuanciert, gibt der mittelparteiliche Abgeordnete Rabbiner Dr. Braunschweißer ab. Für die Volkspartei bekundet Dr. Jacob sonn, Breslau, den festen willen der Fraktion, die Vorlage abzulehnen, weil sie keine derjenigen Bestimmungen enthalte, die für eine wirkliche Einheitsorganisation aer deutschen zulegen, warum nach seiner Meinung eine den demokratischen Forderungen angepaßte Organisation nicht zustande kommen konnte. Dr. Sandler erklärt nunmehr ausführlich, aus welchen Bedenken heraus die Fraktion den Entwurf ablehnen müsse. Die Vorlage des Rates lasse das Notabeinsystem wieder erstehen, an dem der Verband der deutschen Juden zu gründe gegangen sei. Es fehle eine wirkliche aus Urwahlen Martin Bnber Aber Judentom Im Rahmen eines Zyklus über ״Weltreligionen“ sprach Martin Buber in der Lessing-Hochschule am vergangenen Montag vor dichtgefülitem Saale über das Judentum. Die Eigentümlichkeit der jüdischen Religion, so führte Buber aus, besteht nicht in den zwei Merkmalen, die gewöhnlich angeführt werden, nämlich Monotheismus und Moralismus. Der Monotheismus ist kein Monopol des Judentums, es gibt daneben den Monotheismus der indischen religiösen Spekulation und den der griechischen Philosophie. Diese kennen das ״Sein“ eines Gottes, aber nur das Judentum kennt das Da-Sein, das Gegenwärtig-Sein des Gottes, der schafft, sich der Kreatur offenbart, sich seiner Schöpfung zuwendet, seine Schöpfung erlösen will. Das zweite dem Judentum zugesprochene Attribut, den Moralismus, gibt es auch in China, in dem konsequenten Moral-System des Konfuzius. Hier ist der Unterschied der, daß es im Judentum nicht um das bloße Sittliche geht, sondern das Sittliche nur gilt, solange cs mit der religiösen Wirklichkeit verbunden ist. Die Grundwahrheit, auf der die jüdische Religion steht, ist der Glaube an die absolute Realität der Geschichte als eines dialogischen Vorgangs, eines großen Zwiegesprächs zwischen Gott und Mensch. Aber es geht hier nicht etwa um den Kampf zweier Mächte wie im Parsismus, der die Geschichte auch als einen Kampf darstellt, und zwar einen Kampf zwischen Licht und Finsternis, bei dem der Sieg des Lichtes von vornherein feststeht; sondern im Judentum gilt es die wirkliche Gegenüberstellung und Auseinandersetzung zwischen Gott und Mensch. Diese Beziehung kommt zum Ausdruck in drei prinzipiellen Stadien des Prozesscs: der Schöpfung, der Offenbarung und der Erlösung. Das erste dieser Prinzipien, die Schöpfung, ist zu verstehen als AU-Schöpfung des AU-Einen Gottes. Das Böse ist keine selbständige Substanz, sondern nur Modalität. Die entscheidende Idee ist die der kreatürlichen Selbständigkeit: Die geschaffene Kreatur ist in der Wahl frei. Immer wieder gibt es das Menschenpaar, das frei Gott zu wählen oder zu verwerfen hat, wobei in diesem Augenblick der Wahl Wirklichkeit entsteht. Der Vorwurf christlicher Denker, das Judentum kenne nur die Menschentat und verkenne die Wirklichkeit der Gnade, ist eine theologische Konstruktion. Der Gegensatz zwischen Gnade und Freiheit ist eine Abstraktion der Vernunft. Im wirklich gelebten Augenblick der Entscheidung wissen wir: wir sind frei, und in demselben Augenblick wissen wir auch; wir sind in Gottes Hand. Wie diese logischen Gegensätze zu vereinbaren sind, braucht der Mensch nicht zu wissen. Es genügt, daß dieses Zusammenfallen der Gegensätze gelebt wird. So ist der Mensch gerade in seiner Tat zugleich der im Bilde Gottes Geschaffene, zugleich sich seiner Einzigkeit und seines Erschaffenseins bewußt. Ebenso wird die Offenbarung als eine Wirklichkeit gefaßt, nicht als Inkarnation des Göttlichen im Menschen wie etwa im Christentum, sondern als wirkliche Zuwendung Gottes zum Menschen. Der Inhalt der Offenbarung ist erstens der Name, der Moses im Dornbusch gesagt wird: ״Elije“ — nicht im Sinne eines metaphysischen Seins, sondern im Sinne des Gegenwärtig-Seins und Zugewandt-Seins. Der zweite Gegenstand der Offenbarung ist das Gesetz, dessen Sinn die Zu- Heiligung der Dinge an Oott ist. Der Mensch ist dazu da, daß er die Schöpfung zu Gott erhebe. Wie die Schöpfung nicht etwas einmalig Geschehenes ist, sondern immer wieder geschieht, so auch die Offenbarung etwas, was immer wieder in neuer Gestalt geschieht. Das dritte Prinzip, die Erlösung, ist in derselben Weise als Wirklichkeit gemeint. Das Judentum ist eine Er- Iösungsreligion, aber keine Erlöserreligion. Der entscheidende Gedanke ist der Anteil des Menschen an der Erlösung der Welt. Die Trübung der Welt führt das Judentum auf das verfehlte Verhältnis der Kreatur zu Gott zurück, ihre Ueber- Windung ist der Sinn des Zwiegespräches zwischen Gott und Mensch. Oott macht immer wieder die von der Kreatur ausgehenden Trübungen seinem Werke dienstbar. Um ihrer willen entfaltet sich die Offenbarung in der Geschichte und weist auf die kommende Erlösung nin. Das ist der Grundbegriff der jüdischen messianischen Konzeption: die Herrschaft Gottes über die Welt besteht, aber ist in ihrerVerwirklichung gehemmt durch die Zerrissenheit des Geschaffenen. Die Vollendung der Schöpfung zum Reich steht in Gottes Willen; er will sie jedoch nicht Ohne Mitwirkung des Menschen vollbringen. Daraus ergibt sich die Wirklldrkeit der Geschichte. Es geht um die Erlösung der wirklichen Welt, nicht um ein Jenseits und night um die Erlösung der Menschenseele. So wird also für das Judentum nicht die Gnade das ent scheidende Prinzip der Erlösung, sondern die Umkehr durch die der Mensch sein Teil an der Erlösung vollbringt Trotz der für Nichtkenner der Buberschen Gedankenwelt etwas schwierigen Darlegung wurde der fast zweistündige Vortrag mit gespannter Aufmerksamkeit angehört und vermochte wohl manche herkömmliche Vorstellungen der zum großen Teil nichtjüdischen, aber auch der jüdischen Höret 1ns Wanken zu bringen. Der Ritter der neuhebräischen Uteratu — Auszug aus einer größeren hebräischen Abhandlung. — (Zum Frischmann-Abend in Berlin.) Vor etwa vierzig Jahren wurde die neuhebräische Literatui von einem beherzten jungen Mann überrumpelt. Mit einei Leichtigkeit sondergleichen drang er in alle ihre Kammern ein und stürzte alles um, wie ein Sturmwind, der elende Hütten zertrümmert. Die Alten erschraken vor der Dreistigkeit des jungen Mannes, der ihre Ruhe störte, und zogen sich einzeln zurück. Die übrigen begannen die schadhafte Hütte notdürftig wiederherzustellen, konnten aber nicht den weiteren Angriffen widerstehen. Der junge Stürmer wurde mit jedem Angrift kühner. Vom Hause aus brachte er scharfe Waffen mit, grimmigen Haß eines geistigen Aristokraten zum Ameisenhaufen, der damals in der Literatur wimmelte. An seiner Brust trug er im Geheimen ein Amulett, in dem die Bilder zweier Ritter der Literatur eingefaßt waren: Heine und Börne. Diese Bildnisse hatte er immer vor Augen, obwohl er von ihnen öffentlich nicht sprach. Er blieb ihnen treu auch nachdem diese Sterne in Europa längst verblaßten. Diese Treue zeichnet eben den edlen Ritter aus, ״Was schert mich Weib, was schert mich Kind — mein Kaiser, mein Kaiser gefangen!“ Frischmann kannte keinen Fortschritt. Er konnte aus dem Gebüsch hervorstürzen und einen herrlichen Fund machen oder denjenigen erledigen, der es nach seiner Meinung verdiente. Mit nichten aber vermochte er langsam vorwärts zu ziehen, selber Eroberungen zu machen und andern bei Eroberungen zu verhelfen. Wie alle echter Romantiker haßte er das Naheliegende. Schön ist nur dar