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Jüdische Rundschau · 1926-11-26 · Heft 93 (26.11.1926) · page 5

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 93 (26.11.1926)
Date
1926-11-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 93 JUEDJSCHE RUNDSCHAU Sehe 000 Die Landesverbandstagung Der Reichsverbands-Entwurf abgelehnt — Grundsätzliche Aussprache über innerjüdische Probleme — Blumenfelds Rede Der soeben beendete Verbandstag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden hat gezeigt, welchen Wert diese demokratische Institution des preu- Bischen Judentums trotz aller ihrer Mängel heute schon hat. Es ist eine Tribüne des deutschen Judentums geschaffen, von der die wichtigsten Lebensfragen des Judentums besprochen werden können. Hier sitzen alle Gruppen zusammen, hier zeigt sich ein Zusammenhang und näheres Kennenlernen in der praktischen Arbeit^ aber auch Gelegenheit zur grundsätzlichen Aussprache über Fragen der Weltanschauung. Diese grundsätzliche Diskussion der Vertreter verschiedener Grundauffassungen von jüdischer Wirklichkeit und jüdischer Zukunft bildete zweifellos den wichtigsten und interessantesten Teil der Tagung. Es kann wohl ohne parteiische Voreingenommenheit behauptet werden, daß die Rede Blumenfelds es war, die die Tagung zu unerwartetem Niveau etnporhob und zugleich ihren Höhepunkt bildete. Diese Tatsache wurde auch von den gegnerischen Fraktionen und ihren Wortführern rückhaltlos anerkannt. Blumenfeld versuchte, die Verhandlungen über die kleinliehen Fragen des Tagesstreites und der Parteienpolitik zu erheben und der Versammlung einen Begriff zu geben von der zionistischen Konzeption jüdischen Lebens und jüdischen Menschentums. Er charakterisierte scharf den heutigen Zustand des deutschen Judentums und wies nach, daß der Zank um diese oder jene staatspolitische Konstruktion nur Spiegelfechterei ist, hinter der sich die wirkliche Ursache der Ablehnung des Zionismus verbirgt, nämlich die Angst vor der Revolutionierung des erstarrten jüdischen Lebens durch das Ideal eines neuen jüdischen Menschen. Die Rede erbrachte den Beweis, daß es möglich ist, auch Gegner zu der Erkenntnis zu bringen, daß es verlohnt, das Problem nochmals durchzudenken. Blumenfeld hatte auch die Möglichkeit, den Führern des Central-Vereins einige Wahrheiten ins Gesicht zu sagen über die illoyale Taktik gegenüber dem Zionismus. Der nachfolgende Redner, Dr. Holländer, versuchte, diese Vorhaltungen zu bagatellisieren und versprach, erwiesene Unrichtigkeiten zu korrigieren. Man darf gespannt sein, ob dieses schon bei früheren Gelegenheiten abgegebene Versprechen diesmal eingehalten werden wird. Im übrigen versuchte Dr. Holländer das Niveau der Auseinandersetzung zu halten und im Prinzipiellen zu bleiben. Die Antithese Schema Jisrael — Erez-Israel, in der seine Rede gipfelte, vermögen wir allerdings nicht zu begreifen. Vielleicht war es nur ein Wortspiel. Selbst der Sprecher der nationaldeutschen Juden, Dr. Peyser, war offensichtlich von der Debatte beeindruckt und zeigte den guten Willen, zu einer Aussprache zu kommen, indem er von den unhaltbaren Ausführungen seines Parteigenossen Dr. Naumann abrückte. In der Generaldebatte hatte Herr Berger Gelegenheit, den Standpunkt der Poale-Zion zu vertreten und in eindrucksvoller Weise insbesondere über die Situation der jüdischen Angestellten und Arbeiter zu sprechen. Er trat energisch für die Ostjuden ein und warnte mit Recht vor der Gefahr, in engen Verwaltungsaufgaben zu versinken und an den großen Problemen des jüdischen Lebens vorbeizugehen. Bergers vorzügliche Rede fand nicht nur die volle Zustimmung der Volkspartei, sondern auch auf den übrigen Bänken großes Interesse. Das Hauptobjekt des Kampfes, von dem vor der Tagung am meisten gesprochen wurde, verschwand in unerwarteter Weise aus dem Mittelpunkt des Interesses. Bald nach Beginn verbreitete sich die Nachricht, daß auch die liberale Fraktion, die Mehrheit des Verbandes, den vorliegenden Entwurf einer Reichsorganisation der deutschen Juden als undemokratisch ablehnt. Man darf wohl behaupten, daß diese Ablehnung ein Erfolg der unermüdlichen Aufklärungsarbeit der Volkspartei ist, der sich in dieser Frage eine Reihe von Persönlichkeiten des liberalen Judentums zugesellten. Die Ablehnung des Entwurfes war kein Streitpunkt der Parteien mehr, wurde vielmehr vom Verbandstag einhellig beschlossen. Damit ist der Weg zu einer wirklichen demokratischen Gesamtorganisation der deutschen Juden freigemacht. Allerdings ist damit zu rechnen, daß von bayerischer Seite auch in Zukunft Schwierigkeiten gemacht werden, aber der Gedanke demokratischen Fortschritts ist nicht aufzuhalten und wird sich schließlich gegenüber allen partikularistischen Tendenzen durchsetzen. Daß die Liberalen entschlossen sind, ihre Mehrheit nach wie vor zur Unterdrückung berechtigter Wünsche der Minderheiten auszunützen, bewiesen sie bedauerlicherweise bei der Abstimmung über den Antrag der Volks- Partei auf Einsetzung eines Unterrichtsausschusses der Volkspartei neben den bestehenden liberalen und orthodoxen Ausschüssen. Trotzdem es Blumenfeld ge- Jungen war, darzutun, daß auch die Volkspartei eine eigene Anschauung und Richtung in Erziehungsfragen vertritt, daß die enge Auffassung von ״Religionsunter־ rieht“ ein völlig unjüdisches, unter christlichem Einfluß entstandenes Gebilde zutage gefördert hat und die Jiidische Volkspartei den jüdischen Unterricht wieder in seinem ursprünglichen Sinne!!erstellen will, ließ man sich schließlich doch von der Parteieinsteilung bestimmen und lehnte den Antrag der Volkspartei ab. Wir bedauern das aus Gründen der Gerechtigkeit und loyalen Zusammenarbeit. Aber diese Frage ist nicht endgültig entschieden. Das Leben ist stärker als alle Beschlüsse und wird sein Recht durchsetzen. Alles in allem war es keine schlechte Tagung und der Landesverband hat seine Daseinsberechtigung erwiesen. Wir hoffen, daß die Tätigkeit des Rates in der kommenden Periode dem zutage getretenen Willen nach Bclebung des Judentums Rechnung tragen wird. * (Schluß des Berichtes aus voriger Nummer.) Sonntag, 21. November, Nachmittag. Es wird in vorgerückter Abendstunde in die Generaldebatte eingegangen. Als erster Redner ergreift Ministerialdirekter Dr. Badt das Wort. Die Generaldebatte Dr. Badt führt aus, er wolle an der Tätigkeit des Rates freimütige Kritik im Geiste der Versöhnlichkeit üben. Der Aufgaben, die die erste Landesversammiung dem Rat gestellt hat, waren dreierlei: 1. Ausbau des!.;indesverbandes zu einer Reichsorganisation, 2. Verkehr mit den Behörden, Schaffung einer neuen Judengcsetzgebung, 3. Belebung des Judentums. Wie sind diese Aufgaben erfüllt worden? Es herrschte in einem gewissen Maße Ueberorganisation. Eine Ausgabe von 112 000 Mark für Verwaltungskosten erscheint, wie schon der Berichterstatter, Direktor Kareski, bemerkt hat, zu hoch. Es ist Zeit, eine Verwaltungsreform, eine Vereinfachung eintreten zu lassen. Die Schaffung eines Reichsverbandes ist unser aller Ziel, wurde aber zu spät in Angriff genommen. Es liegt ein Projekt vor; es besteht aber bei keinem die Neigung, diesem Zerrbild zu zu s ti m m e n. In dem Verkehr mit den Staatsbehörden müsse man in Zukunft die Politik der verpaßten Gelegenheiten zu vermelden trachten. Das Judengesetz wurde vom vorigen Verbandstag als dringlichste Aufgabe bezeichnet. Wir müssen verlangen, daß in unseren autonomen Körperschaften sich die Staatsaufsicht auf ein Minitn u m beschränkt. Der Redner wendet sich der Angelegenheit der Berliner Wahlpioteste zu und fragt: Warum eine Staatsaufsicht in Wahlangelegenheiten der Gemeinde? Wir müssen jetzt ein W a h 1 p r ü f u n g s g e r i c h t für Gemeindewahlen beim Landesverband schaffen. Wie ist nun der Landesverband dem dritten Punkt, Schaffung eines jüdischen Lebens in den Gemeinden, gerecht geworden? Man muß schonungslos sagen: Es herrscht eine heillose Zersplitterung und eine innere Selbstzerfleischung im Judentum. Es gibt heute einen Feind der deutschen Juden: die deutschen Juden selber. In der Frage der Reform des Strafgesetzbuches wurden falsche Wege eingeschlagen. Man hat Eingaben mit Reform- Vorschlägen gemacht, offne den Rechtsaüsschuß rit befrage« und leider sind diese Eingaben so abgefaßt, daß sie die Ünkenntnis der Verfasser bezüglich des wirklichen Gesetzesmaterials beweisen. Noch schlimmer ist es, daß von seiten des Central-Vereins parallele Angaben gemacht wurden, die zum Teil der Stellungnahme des Landesverbandes widersprechen, z. B. in der Schächtfrage. Der Landesverband ist dazu da, in derartirren Angelegenheiten ein Einvernehmen herzustellen und ein solches Gegeneinanderarbeiten jüdischer Organisationen, das bei den Staatsbehörden den Eindruck liervorrufen muß, die Juden wüßten selbst nicht, was sie wollen, zu vermeiden. Redner geht sodann auf die Brunnenvergiftung ein, die im jüdischen Lager getrieben wird, ganz nach dem Vorbild der Dolchstoßlegende in der allgemeinen deutschen Politik. Man erfand die Formel ״für Deutschtum gegen den Z i o n i s in u s“. Wohin das führt, zeigen Aeußerungen wie die des Dr. Naumann über die Drevfuß-Affäre in der ״Berliner Börsenzeitung“; dies ist ein Deutschtum, von dem wir auch als Deutsche weit abrücken müssen. Auch der Brief Dr. Sonnenfelds an den Minister gehört in diese traurige Kategorie. Ich habe den Brief nicht als absonderlich empfunden, weil seit 1V2 Jahren kein Tag verging ohne solche Briefe von jüdischer Seite. Dies zeigt die verheerende Wirkung der Parole ״Für Deutschtum gegen Zionismus“. Der Zionismus ist der Versuch einer internationalen Lösung eines großen Weltproblems mit internationalen Mitteln; er kollidiert in keiner Weise mit imsem Pflichten als deutsche Bürger und deutsche Beamte. Ich glaube gerne, daß fustizrat Sonnenfeld bei Abfassung seines Briefes guten Glaubens gewesen sei. Das aber ist gerade das schlimme: Schon im Unterbewußtsein ist das Denken vergiftet. Der Kampf um meine Ernennung, setzte Dr. Badt fort, dauerte eineinhalb Jahre. In dieser Zeit kamen aus jüdischen Kreisen viele Denunziat ionen gegen mich. Mir sagte ein christlicher Abgeordneter in Gegenwart eines hohen Beamten: Sie wissen nicht, wie man mich bestürmt hat, die Ernennung eines Zionisten nicht zuzulassen; es waren aber niemals Christen, immer nur Juden. Redner erklärt zum Schluß, er sei trotzdem optimistisch bezüglich der jüdischen Zukunft, denn das Gefühl jüdischer Brüderlichkeit müsse sich durch alle Irrwege hindurch Bahn brechen. Als Beweis berichtet er über ein Erlebnis während seiner Palästina-Reise, wo er einen prominenten Centraf-Vereinier getroffen hat, der ganz erschüttert war über das in Palästina Gesehene und entrüstet über die bisherige irreführende Haltung des Central-Vereins. Wir werden auch in Zukunft Weltanschammgskämpfe zwischen uns aus zutragen haben, schließt Dr. Badt, aber wir wollen miteinander so kämpfen, wie Jakob mit dem Manne rang, ohne nach Namen und Parteiabstempelung zu fragen und im Oefühle inniger Verbundenheit. (Lebhafter Beifall bei allen Fraktionen.) Montag, 22. November. Die beiden Sitzungen vom Montag waren fast ganz von der allgemeinen Anssprache ausgefüllt. Zu Beginn der Vormittagssitzung referierte Justizrat Dr. Arthur Lilie 11thal über Punkt 7 (Verfassungsänderungen). Nach Artikel 15 der Verbandsverfassung werden die Abgeordneten auf die Dauer von 4 Jahren gewählt. Es wird beantragt: Die Dauer der Wahlperiode für die am I. Februar 1325 vorgenommenen Wahlen zum ersten Verbandstage wird bis zum 30. September 1920 festgesetzt. Er referiert dann über eine Reihe anderer Anträ;c /ur Verfassungsänderung und meint, der Rechtsausschuß werde eine Gesamtrevision vorschlagen. Er beantragt daher Vertagung der gesamten Materie trotz der Wichtigkeit einer Reform des Etatsrechts. — Rabbiner Dr. Freu«d, Hannover, wünscht Tagungen nur alle zwei Jahre mit Rücksicht auf die hohen Verwaltungskosten. Justizrat Hirschberg, Breslau, ist gegen die Verlängerung der Legislaturperiode bis Ende 1920. In dem gleichen Sinne spricht Dr. Ho ro witz, Frankfurt a. M. Dr. Breslauer Berlin, beantragt Vertagung der Verfassungsrevision. Es kommt zur Abstimmung. Die Vertagung der Vorlage betr. Legislaturperiode wird ab gelehnt. Die Vorlage selbst findet nicht die für die Verfassungsänderung nötige Mehrheit. Andere Vorlagen werden vertagt. Der Vorsitzende ersucht erneut den Vizepräsidenten, zu amtieren. Die Herren Dr. Isi Kahn (konservativ) und Dr. Köllen sch er (Volkspartei) lehnen diese Aufforderung als eine ״Zumutung“ entschieden ab. Es wird dann die Generaldebatte fortgesetzt. Dr. Baer* wald, Frankfurt (liberal), ist im großen ganzen von der geleisteten Arbeit befriedigt. Er verurteilt die Methode, die die Gegenpartei in der Angelegenheit Badt ergriffen hat. Er selbst ist nicht gegen hohe zionistische Beamte, vor Dr. Badt hege er größte Achtung; seinen Vorschlag auf Einsetzung eines Wahlprüfungsgerichtes kann er nur begrüßen. Die vollkommene Objektivität Badts bei Prüfung der Wahlangelegenheiten müsse er dennoch bezweifeln. In Palästina ist nicht alles so rosig, wie Dr. Badt dargestellt hat. Er begrüße den Palästina-Aufbau, der aber ohne Nationalismus und unter dem Primat der Religion vor sich gehen müsse. Dr. Horowitz (konservativ): Der gestrige Auftakt war höchst unerfreulich. Bei aller Verschiedenheit der Parteiriehtungen muß das Einigende betont werden. Die jüdische Tradition muß durchdringen. Wenn wir sagen, ״uwo le/.ion gauel“, so ist dies keine Parteisache, sondern Inhalt jüdischen Zukunftsideals. Rabbiner Dr. Weiße (Mittelpartei) regt die Verbreitung von populären Schriften über Judentum an und wünscht hierfür eine Kommission. Die Unwissenheit nimmt immer größere Dimensionen an. Die Frage der Bezirksrabbinate und Bezirkslehrerstellen muß vom praktischen Gesichtspunkt erfaßt werden. Das Ziel muß sein: jedes jüdische Kind jüdisch zu erfassen. Rabbiner und Lehrer müssen hinein in die Jugendbewegung. In den Frauenvereinen ist neben Wohlfahrtszielen wissenschaftliche und religiöse Ausbildung zu betreiben. Er bedauert nochmals die Streitigkeiten und ruft zur Einheit auf, die dem Judentum nottut. Kammergerichtsrat Wolff (Präsident des Rates) begrüßt die Kritik und wünscht gleichmäßige Verteilung von Licht und Schatten. Vor dem Rate standen alte schwierige Aufgaben, es wurden aber doch noch neue Aufgaben in Angriff genommen. Die Arbeit war insbesondere für die ehrenamtlich Tätigen überaus groß. Alfred Berger (Poale-Zion): Man hat von einer belebenden Tätigkeit des Rates nichts verspürt. Dieser Rat, der ganz undemokratisch gewählt und zusammengesetzt ist, ist den großen Aufgaben, die in der Berichtsperiode dem preußischen Judentum gestellt waren, in gar keiner Form gerecht geworden. Ke Lage der Judenheif in Preußen hat sich sehr verschlechtert. Die Zahl der Berufe und Betriebe, ins denen J fl d f s 5 h e A n g e s t e il t e trotz jüdischer. Direktoren prinzipiell nicht Bitnr beschäftigt werden, ist außerordentlich gewachsen. Redner verlangt den Ausbau des jüdfsehen Arbeitsnachweiswesens. Bei den Beratungen in München über den Reichsverband hat man sogar die Idee der formalen Demokratie völlig preisgegeben. Es zeugt von der Unfähigkeit und Untätigkeit des Rates, daß er, die Vertretung von 5/p aller deutschen Juden, diese Verhandlungen in München geführt und sich ganz ins reaktionäre Fahrwasser begeben hat. Wo war der Rat, als die Ehre der preußischen Juden in schärfster Form angegriffen wurde, in den Fällen! Lessing und Haas? Hier hatte der Rat einzugreifen, insbesondere, nachdem jedem klar geworden ist, daß die angeblich dazu berufene Vertretung der deutschen Judenhdt, der Central-Verein, völlig versagt hat. Auch hier ist nichts seitens des Rates geschehen. Unter starkem Beifall eines großen Tales des Hauses spricht der Redner dem früheren Minister des Inneren in Preußen, Severin g, besonderen Dank für seine gerechte und objektive Haltung den Juden, insbesondere den Ostjuden gegenüber aus. Die Intentionen des Ministeriums würden aber von den nachgeordneten Stellen immer noch mißachtet. Redner erwähnt Einzelfälle aus Oberschlesien, z. B. die Tatsache, daß ein Ostjude wegen Grenzüberschreitung U/2 Jahre in Untersuchungshaft gesessen hat, daß in Ober- Schlesien unerlaubte Grenzüberschreitung von Ostjuden in allen Fällen mit wenigstens drei Monaten Gefängnis bestraft wird, daß der Vorsitzende der Wohlfahrtskommission einer jüdischen Gemeinde Oberschlesiens unter Anklage gestellt worden sei, weil er einem ostjüdischen Flüchtling gegenüber die Pflicht der Zedakah erfüllt habe. Der preußische Landesverband habe sich hier durch Herrn Dr. Klee bemüht, auf diesem Gebiet Verbesserungen zu erreichen. Diese Arbeit müsse fortgesetzt und die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes unterstützt werden. Es werden große Worte von alten Parteien gemacht, wenn es sich darum handelt, die Not der Lehrer und der Kultusbeamten in den kleinen Gemeinden zu lindern. In Wahrheit ist auch hier viel zu wenig geschehen. Es muß sofort die Schaffung einer Pensionskasse für Lehrer und Kultusbeamte veranlaßt werden. Redner beschäftigt sich mit dem Unterricht der Kinder ostjüdischer Durchwanderer und Einwanderer und verlangt Lehrer, die jiddisch verstehen und Berücksichtigung der jiddischen Sprache im Lehrplan. Ein besonderer Beweis für das Versagen des Rates der Landesversammhmg ist die Tatsache, daß der Wohlfahrtsausschuß ln diesen fast D/» Jahren ein einziges Mal, und zwar jetzt vor sechs Wochen, zusammen״etreten ist Auf diesem Gebiet ist ungeheuer viel zu tun. Die Not drängt, aber auch hier hat man über fünf Vierteljahr lang gewartet, um dann in letzter Minute den kümmerlichen Versuch zu machen, eine Tätigkeit vorzutäuschen. Daß man allen großen Weltaufgaben des Judentums völlig fremd gegenübergestanden hat, ist bei dieser Zusammensetzung des Rates und bei dessen Mentalität nicht zu verwundern. Die offizielle Vertretung des preußischen Judentums weiß nichts von der Arbeit des Gesamtjudentums in Genf auf dem Kongreß der unterdrückten Nationen, sie weiß nichts von der Notlage des Judentums im Osten und von dem Aufbauwerk in Palästina. In der Berichtsperiode hat der zahlenmäßig größte Verein der deutschen Juden einen offiziellen Beschluß gegen das Palästina-Aufbauwerk gefaßt — und dann, nachdem man sich dagegen ausgesprochen hat, einen Experten nach Palästina geschickt, der die Verhältnisse an Ort und Stelle untersuchen solle, dessen Bericht aber bis heute noch nicht veröffentlicht ist Ke Landes-

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