Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 91 (19.11.1926)
- Date
- 1926-11-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9! JÜED1SCHE RUNDSCHAU Sehe «53 Die Diskussion Ober ״Jndeastaat“ Rosenbliltli, ״Jewish Chronlclc“ und ״jüdische Rundschau". Der ״Jewish Chronicle“ beschäftigt sich in seiner letzten Nummer vom 12. November in nicht weniger als drei Artikeln mit der Rede, die Felix Rosenblüth beim zionistisehen Parteitag in Wien gehalten hat, und mit den Ausführungen der ״Jüdischen Rundschau" über unsere politischen Ziele in Palästina. Die Artikel enthalten nicht einen einzigen Satz, der sich bemühen würde, in der Weise, wie w i r es getan zu haben glauben, die realen Grundlagen und tatsächlichen Voraussetzungen der zionistischen Politik und ihrer Aufgaben 2m prüfen, sondern gefällt sich einerseits in Schmähungen der ״Jüdischen Rundschau“, andererseits in dialektischen Diskussionen über das zionistische Endziel und die Notwendigkeit eines Judenstaates. Wir halten eine solche dialektische Diskussion für völlig unfruchtbar und unzeitgemäß und wollen uns daher nicht darauf einlassen. Wir haben niemals in Abrede gestellt, daß Herzl in seiner genialen Phantasie das Mittel zu einer vollkommenen Lösung der Judenfrage richtig erfaßte, wenn er vom Judenstaat sprach. Wir haben jedoch nachzuweisen versucht, daß Herzl bei dieser Zielsetzung keineswegs an ein konkretes Land dachte, sondern eine abstrakte Erkenntnis formulierte. Das offizielle Parteiprogramm enthält die Formel der ״öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte“. Herr G r e e n b e r g, der Herausgeber des ״Jewish Chronicle“, gehörte zu Herzls Mitarbeiten! in einer Zeit, wo der Zionismus mit einer ganz anderen Welt zu tun hatte als heute. Herzls damalige Pläne waren notwendigerweise zum Scheitern verurteilt. Inzwischen hat der Zionismus eine bedeutende. Entwicklung durchgemacht; er ist ab eine praktische Tatsache ins Leben eingetreten, er ist durchführbar geworden und steht heute vor der Aufgabe unmittelbarer Verwirklichung. Herr Greenberg bewegt sich noch in den Bezirken jener abstrakten Formel des ״Judenstaats“, die nur dann einen realen Sinn hätte, wenn es ein leeres Territorium gäbe, und die Möglichkeit, die Juden dort in kurzer Zeit anzusiedein. In unserer heutigen Lage jedoch handelt es sich nicht um die Problematik eines Debattierklubs, sondern um die Aufgabe, den Herzl’schcn Gedanken in unserer Welt zu verwirklichen. Dies können wir nur durch den allmählichen Aufbau einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina, die in möglichst kurzer Zeit stark genug weiden muß, um als freie Staatsnation in Palästina zu leben. In diesem konkreten Land Palästina lebt jedoch seit Jahrhunderten auch eine zweite Nation, eine Tatsache, die wir nicht ändern können. Die geeignete Form für das künftige palästinensische Staatswesen kann daher nur die Form eines Nationalitätenstaates sein, in welchem zwei Völker Zusammenleben, ohne Majorisierung der Minderheit durch die Mehrheit. Auf diese elementare Tat• sacht der praktischen Politik geht weder der ״Jewish Chronicle* ein, noch die anderen zionistischen Don Quichotes, deren Betätigungsbedürfnis die Diskussion des Wiener Parteitages willkommenen Stoff geboten hat. Wir haben schon in dem Artikel, den wir dem Wiener Parteitag widmeten, darauf hingewiesen, daß es sich hier um ein bemerkenswertes psychologisches Phänomen handelt, das wir in seiner Bedeutung nicht unterschätzen und das nach unserer Ansicht dazu beiträgt, die zionistische Arbeit der Verwirklichung zu erschweren. Es ist interessant, daß gleichzeitig mit Wjen auch Stofieftdferen Stellen die JadenStaatsdisteussion ausgebrochen ist, worüber in unserer heutigen Nummer unser polnischer Korrespondent berichtet. Es handelt sich um eine ähnliche Reaktion, wie die gelegentlich des Kongresses gegen die damaligen Ausführungen der ״Jüdischen Rundschau“. Wir glauben aber, daß die Erörterung dieses Fragenkomplexes uns erst dann vorwärtsbringen kann, wenn sich unsere verehrten Diskussionsgegner die Mühe nehmen, zu sagen, w i e sie sich die Durchführung ihres Programms denken. Wir sind durchaus belehrbar, und werden uns gern durch praktische Argumente überzeugen lassen. Bisher hat nur Jabotinsky versucht, eine praktische Politik im Sinne der Judenstaatsidee mit allen Konsequenzen zu entwerfen. Wir halten seine Politik für unmöglich und glauben, daß selbst ihre Propagierung allein schon die Verwirklichung des Zionismus schädigt. Aber es ist wenigstens ein geschlossenes System. Jabotinsky kommt jetzt nach Berlin und seine Vorträge werden vielleicht dazu beitragen, das Problem einer praktikablen zionistischen Politik und Zielsetzung zu klären, da viele Zionisten, die gefuhlsmäßig dem revisionistischen Programm zuneigen, sich über die Konsequenzen absolut nicht im klaren sind. Die revisionistisclie Propaganda, die nun auch auf andere Gruppen übergegriffen hat, ist nicht nur aus politischen Gründen bedenklich, sondern auch als Ablenkung von den wirklichen Noten der Stunde und den wahren Ursachen der zionistischen Schwierigkeiten. # Da die Rede Felix Rosenblüths auf dem Wiener Parteitag der Ausgangspunkt der obenerwähnten Erörterungen gewesen ist, die zum Teil auf demagogischer Ent- Stellung des Textes beruhen (daß der ״Jewish Chronicle“ auch Zitate aus der ״Jüdischen Rundschau“ entstellt und mißverständlich zitiert, sei nur nebenbei bemerkt, ebenso, daß er die Kühnheit hat, die ״Jüdische Rundschau“ in durchsichtiger Absicht als ein ״von der Zionistischen Weltorganisation subventioniertes Blatt“ hinzustellen), — geben wir nachstehend den betreffenden Teil der Rede in dem vom zionisiischen Zentralorgan ״Haolam“ veröffentlichten Wortlaut wieder. Es sei daran erinnert, daß Herr Rosenblüth ein groß angelegtes Referat über die Lage im Zionismus und in Palästina hielt, das sich lediglich an einer Stelle mit dem Problem des Juden- Staates beschäftigte, und zwar als Antwort auf die Rede des Herrn Stricker, der behauptet hat, der Zionismus habe seine Schwungkraft eingebüßt, weil die herrsehende Richtung die Judenstaatsidee preisgegeben habe. Darauf erwiderte Rosenblüth: . . Herr Stricker hat der herrschenden Richtung im Zionismus mit erfrischender Deutlichkeit ,Verrat am Juden- Staatsgedanken‘ vorgeworfen. Er ist der Meinung, daß die ,Innere Krise‘ der zionistischen Bewegung auf einen Mangel an Judenstaatsradikalismus zurückzuführen sei. Wenn ich demgegenüber einige Einwendungen machen will, so möchte ich zunächst ausdrücklich feststellen, daß die Exekutive, die ja eine Koalitionsregierung darstellt und auch aus räumlichen Gründen sich nur selten zu einer Gesamtkörperschaft vereinigt, in Fragen dieser Art im allgemeinen keine prinzipiellen Formulierungen aufstellt. Sie müssen sich daher vor Augen halten, daß meine Ansicht in hohem Maße von subjektiven Urteilselemcnten bestimmt ist. Es ist richtig, daß man das nackte Wort, den munterpretierten Terminus ,JudenstaaF, ja, ich will noch weiter gehen und sagen: des* allzu primitiv gefaßten Begriff des ,Judenstaates‘ aus der politischen Terminologie des Zionismus ausgeschieden hat, und meine Meinung ist, daß man damit recht getan hat, weil das Wort als solches ein Irreführendes und die öffentliche Meinung aufreizendes Schlagwort darstellt. Wenn man diesen Standpunkt auch heute vertritt, so hält man sich nur in der Linie einer Entwicklung, die bereits vor dem Kriege abgeschlossen war, also in einer Zeit, die man heute so gerne der jetzigen Epoche der ,inneren Krise‘ gegenüberstellt. Bereits der erste Kongreß hat bekanntlich von der Schaffung einer ,öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina‘ gesprochen. David Wolffsohn hat bei der Eröffnung des X. Zionistenkongresses in Basel in einer hochoffiziellen Programmrede folgendes geäußert: ,Als Herzl den Judenstaat schrieb, kannte er den Zionismus kaum. Er hatte die grandiose Idee, die brennende Judenfrage radikal zu lösen durch die Gründung eines Judenstaates irgendwo in der Welt, wo ein freies Territorium dafür zu haben wäre. Als Helrzl aber mit uns Zionisten in Fühlung trat, als er den Zionismus kennengelernt hatte und wir unter seiner Leitung den ersten Zionistenkongreß hier in Basel abhielten, da war von einem Judenstaat nicht mehr die Rede. Klipp und klar haben wir in unserem Programm unsere Wünsche, unsere Hoffnungen und unser Ziel zum Ausdruck gebracht und festgelegt: ,Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina.‘ Nicht einen ,Judenstaat‘, sondern eine ,Heimstatte‘, auf dem alten Boden unserer Väter, in der wir uns als Juden, ohne verfolgt und bedrängt zu werden, national ausleben können. Dazu brauchen wir die öffentlichrechtliche Sicherung. Wie diese zu erreichen ist, hängt von den politischen Verhältnissen ab. Unter dem alten Regime stellten wir Wünsche auf, die den damaligen Vorhältnissen angepaßt waren, in der neuen freiheitlichen Türkei erblicken wir -- ich wiederhole es - in den konstitutionellen Einrichtungen die volle Garantie unserer persönlichen und nationalen Sicherheit ... Es ist unser Traum und höchster Wunsch, in einem blühenden und mächtigen ottomanischen Reiche ein blühendes und glückliches jüdisches Volk zu sein.“ Herr Rosenblüth zitierte noch eine vor diesem Kriege. erschienene Broschüre von Richard Licht heim, ,Das Programm des Zionismus‘ und setzte fort: ״Sie sehen also, daß man damals es für nötig gehalten hat, die Judenstaatsidee den realen politischen Gegebenheiten, oder besser gesagt, den voraussehbaren realen politischen Entwicklungstendenzen anzupassen. Und das gleiche eschieht auch heute. Andererseits aber ist der ewige, er unverlierbare Inhalt des Herzischen Ge- (iankens heute noch so lebendig in uns wie nur je. Kern des Herzischen Gedankens war nicht eine bestimmte Form der Staatlichkeit, etwa die Errichtung eines cinnationalen Staates, sondern der wahre Kern seines Gedankens war: 1, Territoriale Konzentration des jüdischen Volkes im Gegensatz zur interterritorialen Zerstreuung und 2. Konstituierung des jüdischen Volkes als einer freien Staatsnation. Was in dem Herzischen Begriff des Staates anklingt, was an Sie appelliert, was ans heute noch fortreißt, ebenso wie es uns früher begeistert hat, das ist die Vorstellung des Territoriums des Landes und die Vorstellung der staatlichen Freiheit. Was aber die Voraussetzungen eines freien Lebens anlangt, so hat Achad Ha am einmal in einer Auseinandersetzung mit Dubnow gesagt: nur in Palästina werden wir ein freies nationales Leben führen, weil wir nur dort eine Mehrheit bilden werden. Herr Stricker hat angedeutet, daß es Teile der zionistischen Bewegung gäbe, wo man auch diesen Gedanken preisgegeben habe. Ich glaube nicht, daß das Wort Achad Haams, das ich zitiert habe, jeweils von einer verantwortlieflieh; zfonistiiölfen Stelle' deSäVdufet worden Ist. Richtig Ist nur, daß wir in Palästina, und zwar auch in unserem eigenen Interesse eine Entwicklung antreten müssen, bei der auch für die Minorität das Prinzip der Freiheit gilt...“ Jahreskonlerenz der Zionisten West - Kleinpolens und Schlesiens Die Jahreskonferenz der Zionisten West-Kleinpolens und Schlesiens faßte u. a. folgende Beschlüsse: Die Konferenz stellt fest, daß die Einführung^ Festigung und Erweiterung der Disziplin in der Organisation eine Notwendigkeit der Zeit und eine Daseinsfrage unserer Arbeit ist. Die Konferenz wendet sich an die Exekutive in London mit dem Vorschlag, alle Jugendgruppen innerhalb der zionistischen Organisation zusammenzufassen und ein zentrales Referat für Jugendfragen bei der Exekutive in London zu schaffen. Die Idee des Judenstaates in Palästina ist nach der Meinung der Konferenz das fundamentale Ziel des Zionismus und ein Pol unserer Bemühungen und Bestrebungen. Die ewige Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina, die alle Völker anerkannt haben, ist das politische Zeugnis, durch das die Rechte des jüdischen Volkes auf Palästina anerkannt wurden. Die Verwirklichung dieser Rechte im Lande der Juden berührt kein Recht des arabischen Volkes in Palästina. Nicht das Streben zur Verwirklichung der zionistischen Idee, sondern ihre Bekämpfung durch einen Teil des arabischen Volkes, widerspricht den Grundsätzen der Selbstbestimmung der Völker; darum müssen wir jetzt den Glauben an die moralischen und politischen Fundamente unserer Bestrebungen festigen, denn nur durch den Glauben wird das Volk sein Land neu aufbauen. Bezüglich der ״Jewish Agency“ ist die Konferenz der Ansicht, daß ihre Erweiterung gemäß den Beschlüssen des Kongresses eines der Mittel ist, unsere Arbeit im Lande zu beleben, gleichzeitig betont sie aber, daß der ״Keren Hajessod“ wegen seiner Volkstümlichkeit das Hauptinstrument unserer Arbeit in Palästina ist. Die Konferenz betont wieder die Notwendigkeit der E i 11 i - g u n g der vier polnischen Provinzen zum Wohle der zionistischen Bewegung und der jüdischen Gesellschaft in Polen. ״Warnai sind wir Dealselle?״ Wir haben im Leitartikel der letzten Nummer der ,,Jüdisehen Rundschau“ u. a. auch die Broschüre von Heinrieh Stern besprochen, die unter diesem Titel im Philo- Verlag erschienen ist. Wir haben dies in Zusammenhang gebracht mit der Rede von Rechtsanwalt Heinrich Stern, dem Vorsitzenden der Vereinigung für das liberale Judentum, auf der Londoner liberalen Weltkonferenz. Wie uns nun Herr Rechtsanwalt Heinrich Stern mitteilt, ist nicht er der Verfasser der genannten Broschüre, vielmehr stammt diese von Herrn Mittelsch ulleh rer Heinrich Stern. Es handelt sich also um eine — allerdings begreifliche — Verwechslung. Wir geben unsern Lesern gern von dieser Berichtigung Kenntnis. Sterbefall. Am 10. November ist in Berlin im 75. Lebensjahre Frau Fanny Einstein, die Schwiegermutter und Tante von Professor Albert Einstein, gestorben. Wir sprechen den Leidtragenden unser herzliches Beileid aus. Zeitschriften• und Presseschau Im letzten Heft der ״Sozialistischen Monatshefte“, Nr. 11, veröffentlicht in der Rubrik ״Nationale Bewegung“ Karl Thiemc einen längeren Bericht über die Entwicklung des Zionismus in der letzten Zeit. Er geht aus von der Verhandlung vor der Mandats-Komrailsion des Völkerbundes und das Problem des Verhältnisses zu den Arabern, wobei er den von Dr. Ruppin gegründeten ״Brith Sclialoin“ zur Förderung einer arabisch-jüdischen Verständigung erwähnt. Der Verfasser bespricht auch das französische Angebot einer jüdischen Siedlung in Syrien, das er allerdings ungenau darstellt und erklärt, der Vorschlag finde bei den Zionisten wenig Gegenliebe, ״da die Juden leider die antifranzösische Orientpolitik mitmachen zu müssen glauben“. Was der Verfasser sich bei diesem Satz gedacht hat, ist aus seiner Darstellung nicht zu entnehmen. Die bekannte profranzösische und antienglische Einstellung der Zeitschrift bewirkt offenbar, daß auch bei anderen ähnliche Motive, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, vermutet werden. Von einer antifranzösischen Einstellung der Zionisten kann nicht die Rede sein. Vielmehr bestehen seit vielen Jahren die besten Beziehungen zwischen Frankreich und dem Zionismus, und diese Beziehungen haben auch in der Gesellschaft ״F r a n c e - P a 1 e s t i n c“, der fast alle führenden französischen Staatsmänner angeboren, ihren Ausdruck gefunden. Es wäre für die Leser der ,,Sozialistischen Monatshefte“ interessant gewesen, wenn der Berichterstatter auch diese französische Gesellschaft der Freunde des Zionismus erwähnt hätte. Die vorsichtige Haltung der Zionisten gegenüber dem Gedanken einer jüdischen Kolonisation in Syrien beruht auf ganz anderen Motiven als antifranzösischer Orientierung; auch ist diese Sache, über die nur unexakte Gerüchte in die Oeffentlichkeii drangen, in Wirtelichkcit in keiner Weise spruchreif und in ihren tatsäciiliehen Unterlagen keineswegs geprüft. Die einseitige politische Einstellung verführt Thierne auch in einem anderen Punkte zu einer nicht ganz durchdachten Stellungnahme. Seine Sympathien sind augenscheinlich bei den Ideen der zionistischen Opposition, die ״eine Umleitung der durch die amerikanischen Immigrationsgesetzgebung gestoppten jüdischen Osteuropa-Auswanderung nach Palästina fordert und auch das Risiko eines zeitweiligen Mißverbält- 11 i s s e s zwischen Bevölkerung und Wirtschaft in Palästina zu tragen bereit ist“. Das eigentliche Problem, in welcher Weise nämlich dieses Mißverhältnis getragen werden soll, d. h. wie man eine vom Wirtschaftsorganismus des Landes nicht absorbierte jüdische Masse ernähren soll, berührt Thieme gar nicht. Der Unterschied der Auffassung einzelner zionistischer Gruppen besteht keineswegs darin, daß die einen eine große Immigration haben wollen und die anderen nicht; vielmehr darin, ob man das hier erwähnte Problem verantwortlich betrachtet oder nicht. Diese wenigen Bemerkungen sollen nur zur Korrektur der Darstellung dienen, die im übrigen mit großer Sachlichkeit und Sympathie zur zionistischen Sache geschrieben ist. Im weiteren Verlauf seiner Umschau zeigt Thieme noch eine Reihe von kürzlich erschienenen zionistischen Schriften an, darunter die Broschüren von Trietsch und den Vortrag von Blumenfeld. Bei Besprechung einer assimilatorisch-apologetischen Schrift gegen den Antisemitismus, die Thieme ein ״Assimilationsprodukt peinlichster Art“ nennt, sagt er: ״Man muß dergleichen in die Hände bekommen haben, um anz ermessen zu können, was der Zionismus für das Selbstewußtsein des Judentums bedeutet.“ * Im ״Berliner Tageblatt“ vom 17. d. Mts. berichtet der Genfer Korrespondent des Blattes über das Werk des Völkerbundes zur Repratriierung der Flüchtlinge in Griechenland und Bulgarien, ln Griechenland wurden bis Ende Juni d. Js. rund 147000 Familien, das ist eine halbe Million Menschen, angesiedelt. Diese Aktion wurde mit Hilfe der Völkerbundsanleihe von 10 Millionen Pfund, für die die Monopol- und Zolleinnahmen verpfändet wurden, durcligeführt. In Bulgarien wurde ein Plan für die Ansiedhmg von 30180 Familien, das sind etwa 120 000 Personen, aufgestellt, wofür vom Finanzkomitee nach Prüfung der Verliältnisse ein Betrag von 2Vi Millionen Pfund festgesetzt wurde. Der Bericht enthält interessante Einzelheiten über die Durchführung dieser Ansiedlung, die für uns als eine Parallele zum palästinensischen Kokmisationswerk von größtem Interesse ist, obwohl klar ist, daß große tatsächliche Verschiedenheiten zwischen diesen Fällen und der Palästina-Sache bestehen. Das Bäderblatt der ״Frankfurter Zeitung“ vom 14. November bringt eine Reihe von Aufsätzen unter dem Sammelnamen ״Die Reise nach dem Süden“. Darunter befindet sich auch ein Aufsatz des palästinensischen Korrespondenten über Aegvpten und Palästina als Reiseziele. Es werden dort Winke für die P a 1 ä s t i n a - T o u r i s t i k gegehen und die Reize einer Reise nach Aegypten und Palästina sehr wirkungsvoll charakterisiert. Palästina wird als das Land der Gegensätze geschildert, in welchem neben unvergleichlichen Altertümern und einer nach alttestamentlich-patriarchaliseh lebenden Bevölkerung das moderne Siedlungswerk des Zionismus und die sozialen Zukunftsformen der zionistischen Chaluzim zu finden sind. * Die Theorie von der Ueberlegenheit der nordischen Rasse, die in Amerika bei der Schaffung der neuen Einwanderungsbill eine so große Rolle gespielt hat, erlitt einen starken Stoß durch die Feststellungen von Dr. Nathaniel M. Hirsch, einem früheren Mitglied des Nationalen Forschungskomitees, die vom New Yorker ״World“ mitgeteilt werden. Die Untersuchungen ergeben, daß den aus Polen eingewanderten Juden der Preis der intellektuellen Ueberlegenheit gebührt. Dr. Hirsch zog 5500 Schulkinder in New-England, alles Kinder im Auslande geborener Eltern, in den Kreis seiner Untersuchung und stellte fest, daß die Kinder polnischer Juden den höchsten Grad von Intelligenz aufweisen; am nächsten kommen die Schweden, dann die Engländer, die russischen Juden, die Deutschen, die Amerikaner, Litauer, Iren, britisehen Kanadier, Russen, Polen, Griechen, Italiener, französisehen Kanadier, Neger und Portugiesen. * Das Oktoberheft der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums erschien in verstärkten! Umfang und bringt eine Reihe von Aufsätzen zur Erinnerung an einen der ersten Mitarbeiter der Monatsschrift, an Manuel Joel, dessen Geburtstag am 19. Oktober zum 100. Male wiederkehrte. Einer Uebersicht über Joels Leben und Wirken von C. Selignrann folgen Erinnerungen des Baseler Philosophen Carl Joel und Würdigungen der Bedeutung Joels als Denker, als Darsteller der jüdischen Religionsnhilosophie,« als Prediger und namentlich als praktischer Theologe. — Außer den Joel-Aufsätzen enthält das Heft eine Uebersicht von Bernhard Heller über ״biblische Sagenforschung“. Das Jahresabbonnement für die Monatsschrift beträgt 10 M. Bestellungen sind an die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums E. V., Berlin- Schöneberg, Beiziger Str. 4611, zu richten.