Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 89 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 038 JU EDI SC HE RUNDSCHAU Nr. 8© Louis D. Brandeis Zu seinem 70. Geburtstag In diesen Tagen vollendet Justlce Louis D. Brandeis sein 70, Lebensjahr, ln den letzten Jahren lebte Brandeis gänzlich zurückgezogen vom jüdisch-politischen Leben, Darum soll jedoch nicht vergessen werden, welche Rolle Brandeis, unstreitig eine der bedeutendsten und reinsten Persönlichkeiten, die in der Bewegung jemals tätig gewesen sind, für den Zionismus gerade in kritischster Zeit gespielt hat. Brandeis gehört zu jenen Westjuden, die erst in vorgerücktem Lebensalter zum Zionismus gekommen sind, und die infolge ihrer persönlichen Fähigkeiten schnell in eine führende Stellung gelangten, ohne direkten seelischen Kontakt mit der jüdischeu Masse, wie sie sich vorwiegend in Osteuropa konzentriert, zu haben. Dieser inneren Fremdheit ist es auch /uzuschreiben, daß es schließlich zu einem Bruche zwischen Brandeis und der Zionistischen Organisation kam. Gewiß waren an diesem bedauerliehen Ereignis mehr ltnponderabilien und Gefühlsmomente als wirkliche sachliehe Differenzen schuld. Brandeis’ 70. Geburtstag aber sei uns eine Gelegenheit, auszuspreclien.daß die zionistische Welt, die sich der Lei * stung von Justice Brandeis für das jüdische Volk und den Zionismus bewußt ist, ihn mit Gefühlen aufrichtiger Verehrung beglückwünscht. Brandeis hat sich der zionistischen Bewegung schon mehrere Jahre vor dem Kriege angeschlossen. Als Sokolow im Auftrag des Ber-־ liner A.-C. im Jahre 1013 in Amerika war, gelang es ihm, Brandeis zu erhöhter zionistischer Aktivität tu bewegen. Viele Teilnehmer des XI. Zionistenkongresses werden sich noch erinnern, mit welcher Warme Sokolow damals von dieser neuen Aquisition sprach, wobei er sogar mit einer gewissen Ungeduld des Kongresses zu kämpfen hatte, der natürlich kaum ahnen konnte, was der amerikanische Zionismus, damals ein wenig beachtetes Grüppchen, schon wenige Jahre darauf für die Bewegung bedeuten werde. Mit Ausbruch des Krieges schlug die große Stunde der amerikanischen Zionisten, die damals kaum für ihre Aufgaben vorbereitet waren. Einige wenige Männer erfaßten blitzartig die Situation. Zu ihnen gehörte Brandeis. Unter seiner Leitung wurde ein ״Provisorisches Exekutiv-Komitee für Palästina“ gebildet, das sofort in großzügigster Wa'se die Hilfsarbeit für das durch die Kriegsereignisse hart mitgenommene jüdische Siedlungswerk organisierte. Den ganzen Krieg hindurch haben die amerikanischen Zionisten unter Brandeis’ Führung für Palästina gesorgt und den Jischuw gerettet. Vor allem aber wurde die־ politische Unterstützung der amerikanischen Zionisten von ausschlaggebender Bedeutung. Die von Brandeis enlfaAfe jtiÄy|»«Trte ., jüdische״. ,Kp11g.reAb.ew#ß.ung, 'In deren Rahmen V«; berei# vöft dÄ Selbsfbesflmmlmprecht :־ des fidlscben Volkes und von seinem Anspruch auf Palästina sprach, hat eine weite Resonanz in der politischen Welt gefunden. Brandeis war es, der die Anwendung der Wiisonschen Ideen über die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Nationen auf das Judentum, zu einem Faktor des politischen Bewußtseins machte. Ohne die Unterstützung durch Amerika und das amerikanische Judentum wäre die Baifour-Deklaration kaum möglich gewesen. Brandeis hat bei der Abfassung der Baifour-Deklaration aktiv mitgewirkt, und seinem Einfluß ist es zuzuschreiben, daß mehrere abschwächende Zusätze" unterblieben. Schon seit 1916 Richter am Obersten Gericht in Washington, stand er doch zu Wilsons Zeit im Vordergründe des politischen Lebens. Er lebte in Wilsons idealistischem Glauben an eine Neuordnung der Menschheit, aber auch er war nicht frei von einer etwas vereinfachenden und Schematisierenden Auffassung der unendlich komplizierten Gewebe europäischer nationaler Realitäten. Diese Anschauung setzte sich leicht hinweg über die psychologischen Gegebenheiten und Traditionen der Menschen und Völker, die ein vermmftmäßig noch so richtig erdachtes Programm zunichte machen. So scheiterte, verblutete Wilson. Und der übermäßige Ratiolismus führte auch Brandeis weg von der jüdischen Wirklichkeit, Diese Wirklichkeit war ein brodelnder Hexenkessel, erfüllt von einem Gewirr von Strömungen und unausgegorenen Gedanken, die in den Qualen der Kriegszeit, der Revolutionen, der Pogrome aufgeschossen waren, ebenso wie ja diese Zeit die abenteuerlichsten und abstrusesten *deen und Vorstellungen auch innerhalb der andern, normal fundierten Völker wuchern ließ. Man hatte alle Maßstäbe verloren, hielt alles für möglich, fragte nicht nach Ursache und Wirkung und glaubte an Wunder, an Umsturz, an Ueberraschungen aller Art. Die jüdische Welt hatte die Stetigkeit der Entwicklung und den inneren Halt verloren, bevor sie noch den Uebergang von der Ghetto-Romantik zur Gestaltung eines realen Lebens hatte vollziehen können. Man mag diese Welt, in der doch tmgeheure Kräfte schlummern, beurteilen, wie man will, aber so war sie eben, und,Sache des Politikers ist es, nicht nur Programme zu entwerfen, sondern auch mit dem Material seiner Politik zu rechnen. Als Brandeis im Jahre 1920 auf der Londoner Jahreskonferenz mit dieser jüdischen Welt v zusammentraf, standen sich die beiden völlig fremd gegenüber und es ist nicht gelungen, die Brücke zu schlagen ״von Pinsk nach Washington“, um ein damals viel zitiertes, aber nicht sehr glückliches Weirmannwort zu gebrauchen. Man saß drei qualvolle Wochen, dann fuhr der eine nach Osten, der andere nach Westen; beide Teile waren deprimiert und hatten die Ueberzeugung, von dem andern vergewaltigt worden zu sein. Für Brandeis bedeutete die Londoner Konferenz, deren Präsident und zentrale Figur er war, auch das Ende seines Wirkais in der Weltorganisation. Nicht nur die bekannten Differenzen und Konflikte waren die Ursache von Brandeis’ Ausscheiden. Vielmehr scheint es uns, daß die veränderte Weltlage, die aufkommende Reaktion, viel dazu beitrug, Brandeis die große Betätigungsmöglichkeit zu rauben, die er in einer bestimmten eigenartigen historischen Konstellation gehabt hätte. Wenn die Londoner Konferenz Brandeis, Weizmann und Sokolow in die Exekutive entsandte, so iV batte sie wirklich die drei Männer gewählt, die in den Kriegsjahren die entscheidenden Verdienste um den Zionismus sich erworben hatten. Aber Brandeis ging nicht ganz mit. Er war nur ״EI1ren"-Präsident. Er kehrte auf seinen Posten als Richter zurück und wollte nur Berater der Exekutive sein. Die Welt nach dem Zusammenbruche der Wiisonschen Ideen war nicht mehr seine Welt. Auf der Rückfahrt von der Jahreskonferenz entwarf er sein bekanntes Memorandum, das — nach dem Namen seines Dampfers — das ״Seeland-Programm“ genannt wurde. Aus dieser Denkschrift spricht noch heute ein bewundernswerter konstruktiver Geist. Aber der anhebende Kampf um den Keren Hajcssod drängte alle sachlichen Fragen in den Hintergrund. Brandeis war der Ansicht, daß eine Fortsetzung der Geld- Sammlungen in Amerika unmöglich sei; Palästina konnte aber nicht warten, und so mußte der Keren Hajessod in Amerika gegen Brandeis errichtet werden. Brandeis zog sich völlig Zurück und der Versuch seiner Gruppe, auf ״geschäftlicher Basis“ Geld in größerem Maßstab aufzubringen, scheiterte. Wir glauben, Grund zu der Annahme zu haben, daß Brandeis manchen kontroversen Fragen heute bereits anders gegenüberstellt als vor sechs Jahren. Zugleich wurden manche seiner Erkenntnisse von damals von weiten Kreisen angenommen. Brandeis, in seinem Fühlen tmd Denken ein ausgezeichneter Jude und Zionist, nimmt lebhaften Anteil an dem Schicksal Palästinas. Viele seiner Anhänger von damals stehen heute aktiv in der Keren Hajessod - Arbeit. Vielleicht wird auch für Brandeis wieder ein geeigneter Moment kommen, persönlich in die Geschicke des Zionismus einzugreifen. Aber auch wenn er heute zu unserem Leidwesen nicht aktiv in unserer Reihe steht, feiern wir in dankbarer Erinnerung an Zeiten schwerer Not den Festtag eines der merkwürdigsten und bedeutendsten Männer, die die zionistische Bewegung je besessen hat. W. Die Vereiniflungsbeslrebunflen in Polen Die Parteiratssitzung in Warschau - Fortbestehende ideo• logische Gegensätze - Optimismus und Pessimismus - Das Scheitern der Verständigung (Von unserrn Korrespondenten.) —g. Warschau, Anfang November. Angesichts der herrschenden Niedergeschlagenheit in den allgemein-zionistischen Reihen Polens ist es verständlich, daß man von mehreren Seiten das Bedürfnis empfand, eine Vereinigung beider Teile dieser Organisation (״Eth Liwnoth“ und ״Al Hamischmar“) herbeizuführen, um dadurch die Intensität und Schlagfertigkeit des polnischen Zionismus zu stärken. Der Gedanke einer solchen Vereinigung ist nicht neu. Wir haben seinerzeit, bei Besprechung der Wirkung der Maiereignisse auf die zionistische Bewegung in Polen, davon berichtet, daß damals — vor kaum sechs Monaten — in Er- Wartung nahe bevorstehender Wahlen zum polnischen Sejm, es zu einer Annäherung beider Gruppen kam. In Warschau wurde die Vereinigung zur Tatsache. Nicht nur landespolitische Erwägungen führten dazu. Der Agencyplan schien so manchen Zionisten hier als erledigt; mithin glaubte man einen, vielleicht den wesentlichsten Streitpunkt beider zionistischer Gruppen, schon fallen lassen zu können. Das Mißlingen der vierten Alijah, welche auch sehr wesentliche Meinungs« Verschiedenheiten verursachte und zur Spaltung geführt 'hattet‘ schien die Vereinigung zu be§d#M%en, ' ״ •“ * Wir erlaubten uns damals diese Vereinigungstendenzen skeptisch zu beurteilen (s. Nr. 5 d. ״J. R.“), und wir behielten leider bisher recht. Kaum wurden einerseits die Parlamentswahlen in die Ferne gerückt und andererseits die Amerikareise Prof. Weizmanns beschlossen, und kaum hatte, nicht zuletzt, eine scharfe Kritik der Eth Liwnoth-Politik seitens der linken zionistischen Gruppen den ״Al Hamischmar“ bestärkt, ideologische Differenzen nicht taktischen Erwägungen zu opfern — bewirkten alle diese Momente zusammen nicht nur ein Fallenlassen der Vereinigungsbestrebungen, sondern ein Wiederaufleben des inneren Kampfes. Der ״Al Hamischmar“ wandte sich in einem besonderen Aufruf an die Oeffentlichkeit; ihm antwortete bald das aus Führern der Eth Liwnoth bestehende zionistische Zentralkomitee; es folgte die Erneuerung des Organs des ״Al Hamischmar“, der ״Zionistischen Blätter“, und Abg. Grün bäum rief seine Anhänger zu einer speziellen Konferenz. Diese Kampfesstimmung im jetzigen Augenblick, da Pessimismus und Resignation, Erschlaffung und Apathie, ja sogar Defaitismus in so manche zionistische Kreise einzog, muß mit Besorgnis betrachtet werden. Denn die zionistische Idee und Organisation braucht gerade jetzt Zusammenschluß, Aufraffung und Sammlung aller verfügbaren Energien. Es muß gerechterweise betont werden, daß recht bald diese Erkenntnis in die Führerkreise beider Gruppen drang, und diese waren cs, welche die Parole der Wiedervereinigung erhoben. Der am 31. Oktober und 1. November in warschau zusammengetretene Partei rat, welcher aus Delegierten beider Gruppen besteht, sollte dazu Gelegenheit bieten. Etwa 70 Mitglieder aus ganz Polen kamen zusammen; die Eth Liwnothgruppe hatte eine kleine Mehrheit. Nicht daraut kam es aber an. Noch einmal prallten die bekannten Gegensätze aufeinander. Da in den Reihen der Eth Liwnoth so mancher Grundsatz ihrer ״Lehre“ fallengelassen schien, war die Bestrebung seitens des ״Al Hamischmar“ ersichtlich, noch deutlicher als bisher die ideologischen Differenzen herauszuarbeifen und den ״Gegner“ zu zwingen, seine eigentliche Farbe zu bekennen. So ergeben die Hauptreden der beiderseitigen Führer (Eth Liwnoth: Lewite, Gottlieb, Körner; Al Hamischmar: Grünbäum, Grasitzki, Podlischewski) und die von beiden Seiten Der Präsiden( der zlonistisekiittve mm sokolow spricht vor seiner Abreise nach London demnächst in Rheinlantl'Wesflalen ★ Genaue Angaben folgen! eingebrachten Resolutionen eine Zusammenfassung der prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten. Mit einer Klarheit, die diesmal nichts zu wünschen übrig ließ, legte Grünbaum sein und seiner Gruppe Bekenntnis zum Aüfbauproblem dar. Der Zionismus steht und fällt mit dem Idealismus und Ploniertum, und nicht nur muß der Zionismus ein Ideal besitzen, die Bewegung muß auch Helden hervorbringen, soll sie schöpferisch und anziehend bleiben. Helden hat uns aber nur der Arbeits-Chaluz jegeben, und kein anderes Element ist dies imstande. Ein ־leid ist eben nur Trumpeldor — rief Grünbaum aus — und nicht Delphiner, obzwar zugegeben werden kann, daß obiektiv der letzte dem Lande mehr unmittelbaren Nutzen gebracht hat. Der praktische Zionismus leiste etwas sehr Nützliche^ kann aber nicht als das höchst Erstrebenswerte betrachtet werden. Er ist nicht in der Lage, die Organisation zu speisen, die zionistischen Menschen zu erziehen, daß sie z. B. die Schekelsammlung als etwas sehr Wichtiges betrachten sollen. Grünbaum zollte größtes Lob den linken zionistischen Gruppen und würdigte deren ausgezeichnete Leistungen, vornehmlich aut wirtschaftlichem Gebiete. Schließlich bemerkte der Redner ganz eindeutig, er halte im Gegensatz zu Eth Liwnoth den Zeitpunkt für eine Massenemigration als noch nicht gegeben. Wir wollen und müssen erst Palästina zu einem solchen Immigrationszentrum vorbereiten, und man soll diesbezüglich optimistisch sein. Nach einigen Jahren werde sicherlich wiederum ein Aufschwun; kommen und eine neue, größere Alijah als bisher werd beginnen. Der Mittelstand ist nicht auszuschalten; er muß aber auch eine Hachscharah durchmachen. Die Rollen waren nun gewechselt. Während die Sprecher der ״Al Hamischmar“ voll Optimismus waren, klang die Rede des ״Eth Liwnoth“-Führers, Dr. Gottlieb, sehr pessimistisch. Er hält es für ausgeschlossen, daß in der nächsten Zeit eine neue Mittelstands-Alijah einsetzen werde. Und sollte es dazu kommen, müßte man solche Bestrebungen aufs energischste bekämpfen. Ja, warum? Der zionistische Schwerpunkt, meint nämlich Dr. Gottlieb, befände sich im ״Golus“ beim linken zionistischen Flügel, welcher der maßgebendste Faktor im Zionismus von heute sei und den Mittelstand be kämpfe. Legen wir also die Waffen nieder, heißt es den Mittel stand aufzugeben und das Ankommen der fünften Alijah — zweifelhaft ob sie kommt — untätig abzuwarten. Nicht ohne Ironie behandelte Dr. Gottlieb die Erziehungspostulate des ״Al Hamischmar“. Sie scheinen ihm die Verwirklichung des Zionistischen Ideals nicht näher zu rücken, aber gerade zu entfernen. Die Ausführungen anderer Wortführer der E. L. waren allerdings mehr optimistisch gestimmt. Wir bekamen auch hier klare Worte zu hören. Die Hauptaufgabe des Zionismus sei die schnellste Schaffung einer jüdischen Majorität in Palästlna. Eine Einwanderung von 30- bis 40000 Juden jährlich sei möglich, aber nur dann, wenn nicht nur Idealisten in das Land strömen werden. Eine direkte, unmittelbare Kolonisationstätigkeit des Zionismus sei viel wichtiger, und fruchtbarer als jede propagandistische und kulturelle Leistui Bezeichnend ist, daß diesmal — im Gegensatz zur frühei Periode — die Gegensätze in der Agencyfrage nicht so sehr zugespitzt erschienen, obzwar auch dieses Problem ziemlieh ausführlich behandelt wurde. Der einstige heißeste Verfechter des amerikanischen Agencyplanes in Polen, De. Gottlieb, äußerte sich bezüglich der Amerikareise Weizmanns auch sehr pessimistisch. Dagegen spricht die bezügliche Resolution der ״Eth Liwnoth“ die Erwartung aus, daß es Weizzionistischen Organisation zufriedenstellenden Resultat zu Ende zu ,führen“. , ■;,;•׳״. ::,,/.;.״•״י״ ' :wii^A»^!Äei«1#11 bekannten Standpunkt um meinte iur, wenn el« Weizmann gelingen sollte, mit Louis) Marshall zu einer Verständigung zu gelangen, er dann aut Widerstand seitens — des Herrn Lipski (!) Stoßen würde und dann die Wahl wird getroffen werden müssen: mit Marshall gegen Lipski, oder Lipski gegen Marshall. Die Minderheit!;- resolution des ״AI Hamischmar“ fordert kategorisch die ״schnellste Liquidierung“ des Agencyplanes. Trotzdem aber solcherart auf dem Plenum der Parteirats- Sitzung eine prinzipielle Debatte geführt wurde, welche, wie wir sehen, weitgehende Divergenzen in der Auffassung der zionistischen Wege und Methoden ergab, bemühte man sich in einer kleinen ״Verständigungskommission“ eine gemeinsame Plattform zu finden, um einen organisationellcn Zusammenschluß und eine Konstituierung eines neuen gemein- Samen Zentralkomitees herbeizuführen. Die Führer gaben diesmal in mehreren Punkten nach. Sie füllten die ganze Last der Verantwortung in einer der schwersten Stunden der zionistischen Bewegung. Nicht uninteressant: Die Delegierten blieben hartnäckig, besonders auf Seite des ״Eth Liwnoth“. Es half kein Ueberzeugen seitens eigener Führer (ja, die Demagogie von vordem zeitigte ihre Früchte...). Als Abgeordneter Rosen bl att seine Bemühungen, eine Verständigung herbeizuführen, ergebnislos bleiben sah, trat er .aus dem Zentralkomitee aus. Die Bedingungen der Vereinigung, welche die Kommission vorschlug, waren: Das bisherige Zentralkomitee demissioniert, das neuzuwählende besteht aus 16 Mitgliedern, zur Hälfte aus Vertretern beider Gruppen. Nach längeren Beratungen akzeptierte die Ai Hamischmargruppe diese Bedingungen der Kommission mit einer Einschränkung, aber: Daß es jeder Gruppe frei bleiben soll, ihre Gedanken und Ideen zu propagieren und für diese Propaganda besondere Institutionen und Einrichtungen zu schaffen. Für die Eth Liwnothgruppe war nicht nur diese Bedingung unannehmbar, sie meinte, auch die Beschlüsse der Verständigungskommission nicht annehmen zu können. Sie wollte gegen die Meinung ihrer Führer keiner Demission des Zentralkomitees zustimmen Und wollte der AI Hamischmargruppe nur 40<0״ der Sitze im künftigen Zentralkomitee zubilligen. Die Verhandlungen wurden mehrere Male wieder aufgenommen, aber ohne Resultat. Daraufhin gelangte der Mißtrauensantrag des ״Al Hamischmar“ gegen die Tätigkeit des bisherigen Zentralkomitees zur Abstimmung und ist mit 24 Stimmen gegen 22, bei Stimmenthaltung der Zentralkomitee- und einiger Parteiratmitglieder, durchgefallen. Das alte Zentralkomitee blieb atu Ruder und erklärte, die Geschäfte mit starker Intensität weiterführen zu wollen. Auf Antrag des Abg. Grttnbaum wurde beschlossen, spätestens bis März 1927 eine Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten Polens einzuberufen und dann die Frage der Vereinigung nochmals auf die Tagesordnung zu stellen. Es ist vom allgemein zionistischen Standpunkt sehr zu bedauern, daß es diesmal noch zu keiner Vereinigung kam. Es ist im polnischen Zionismus Gewaltiges zu leisten, soll, die Krise überwunden und ein neuer Schwung in die Arbeit gebracht werden. Man muß nur die Hoffnung aussprechen daß trotz der organisatorischen Zweiteilung auf keinem Gebiete, speziell dem der Palästinatätigkeit, etwas versäumt werden wird. Daß der Kampf der Meinungen und Anschauungen weiter geführt werden wird, halten wir dagegen für unschädlich,!a sogar für fruchtbar und von großem erzieherischen Wert. Dr. Gaster, der bekannte jüdische Gelehrte und Chefrabbi der sefardischen Gemeinde in London, der auch im Zionismus eine prominente Rolle spielte, feierte seinen 70. Geburtstag. V