Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 89 (12.11.1926)
- Date
- 1926-11-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 80 JtJEÜISCHS RUNDSCHAU Pdte m Ueber Städtegründung und Bodenpolitik Eine Erklärung Von Richard Kauffmann, Jerusalem. ln einer im übrigen sehr günstigen Besprechung der Veröffentlichung eines Teiles meiner städtebaulichen Projekte für Palästina bei Wasmuth sagt der Berichterstatter in Nr. 80 der ״Jüdischen Rundschau". ״Bei anderen (Plänen) allerdings ist es fraglich, ob sie überhaupt verwirklichbar sind, z. B. der Plan der Emekstadt (Afule), bei der der Städtebauer seiner Phantasie eine große Konzeption abgerungen hat, der die tatsächlichen Bedingungen kaum entsprechen dürften.“ Diese scheinbar harmlose Bemerkung berührt aber in der Tat eine der verhängnisvollsten Erscheinungen unserer Entwicklung, deren Gefahr nicht frühzeitig genug erkannt werden kann, wenn nicht katastrophale Folgen für unsere gesamte Ent• wicklung und unser gesamtes Aufbauwerk eintreten sollen. Leider hat der Verlag Wasmuth den Aufsatz, den ich ihm zur Veröffentlichung übergeben habe, stark gekürzt, so daß an einzelnen Stellen nicht nur eine Entstellung eingetreten ist, sondern vor allem Stellen ausgefallen sind, die auch in diesem Zusammenhang von Bedeutung sein müssen1)• Zum Eingang meiner Ausführungen über den Bebauungsplan der Emekstadt Afule sagte ich unter dem Titel: Vorbedingungen zur Entwicklung, Voraussetzungen zur Planung. ״Die Anlage fast aller städtischen Siedlungen muß naturgemäß einem wirtschaftlichen Bedürfnis entwachsen2). Dieses erst gibt der Stadt die Möglichkeit zu .Leben und Entwicklung. Die Stelle, an der die Emekstadt geplant worden ist, wird dieser grundlegenden Voraussetzung entsprechen, und ihre Entwicklung wird daher eine zwangläufige sein, sobald diese Vorbedingunngen zur Entwicklung eingetreten sein werden.“ Der Schlußabsatz meiner Ausführungen, der leider auch weggelassen wurde, war der folgende: ״Die im obigen geschilderten wirtschaftlichen Vorbedingungen für die Entwicklung der Stadt sind heute noch nicht eingetreten oder höchstens in schwachen Ansätzen vorhanden. Auch bei einem Vorgreifen über solche natürliche Entwickhing hinaus kann unseres Erachtens nach allenfalls nur dann eine Beeinflussung im Sinne einer beschränkten, mehr oder weniger künstlichen Entwicklung erfolgen, falls es gelingt, in größerem Maße schon jetzt produktive Betriebe (vor allem kleine Industrien) hier anzusiedeln, die der Siedlung ein wenn auch beschränktes, so doch vorläufig werktätiges Leben sichern könnten, bis sie nach Eintreten der grundlegenden Voraussetzungen in ein natürliches Entwicklungsstadium eintritt.“ Der bei Wasmuth veröffentlichte Artikel ist für Fachkreise geschrieben, hauptsächlich für einen nichtzionistischen Leserkreis, und sollte zudem noch entsprechend der Ueberschrift, die bei Wasmuth auch verändert wurde (״Die Städtebauliehe Anlage jüdischer Siedlungen in Palästina“) die städtebauliche Planung als solche, ohne Eingehen auf deren Ausführung, vorführen, ln den beiden oben angeführten und im Druck nicht wiedergegebenen Stellen ist jedoch bereits im Extrakt auf eine natürliche und gesunde Entwicklung hingewiesen und dadurch auch für jeden, der mit der Sachlage vertraut ist, die Kritik der bestehenden und der Hin- W#' §uf;fem,r\1pöglichs* * .FatwRJfiuag spjgecleutei , Anders יווו» [geweihten und mehr oder weniger verständnisvollen Kreis voll Zionisten übv diese ungemein wichtigen Fragen reden würde. Es wären da eine solche Menge grundlegender Fragen und Zusammenhänge aufzuwerfen und zu erörtern, daß sie nicht im Rahmen solcher Ausführungen wie der vorliegenden, noch weniger natürlich in einem Artikel wie dem erwähnten Platz finden könnten. Von dem weitesten Gesichtspunkt ausgehend, nämlich dem der Erfordernisse und Ziele unserer zionistischen Aufbauarbeit im allgemeinen, wäre zuerst zu sagen, was leider zu oft gesagt und viel zu wenig befolgt wird: daß die landwirtschaftliche Kolonisation die grundlegende *) Eine Veröffentlichung, die zunächst die ״Town Planning Review“ (Liverpool University Press) herausbringt, bringt den Aufsatz fast ungekürzt und daher in besserem Zusammenhang. •) Hierzu sei bemerkt, daß es auch Städte gibt, deren Wachstum kulturellen (Universitätsstädte), religiösen und adminlstrativen Grundlagen resp. einer Kombinierung von diesen entspringt. Aufgabe unseres gesamten Siedlungswerkes und der Regeneratkm des Volkskörpere sein muß. Wenn wir heute in Palästina ein ungefähres Verhältnis von etwa 20000 Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, gegenüber etwa 140000, die in den Städten leben, haben, so stellt dies eine Proportion dar und läßt Folgerungen zu, die verhängnisvoll sowohl für unseren wirtschaftlichen wie auch soziologischen Aufbau sind. Zur heutigen Zeit muß noch in fast allen Teilen des Landes die Landwirtschaft erst den Boden für städtische Siedlungen vorbereiten. Auch die wirtschaftlichen Vorbedingungen für die Emekstadt, die ich in meinem Artikel berührt habe, sind vor allem in der Tatsache zu suchen, daß ihre Lage im Herzen eines ausgedehnten, fruchtbaren landwirtschaftlichen Hinterlandes ihr eine Zukunft als Mittelstadt verspricht, jedoch erst dann, ״sobald diese Vorbedingungen zur Entwicklung eingetreten sein werden“; d. h. also, wenn dieses landwirtschaftliche Hinterland intensiv besiedelt und bewirtschaftet sein wird. Schon das alte Jesreel, das unweit von dieser Stelle lag, wird nicht zum geringsten Teile auf Grund ähnlicher wirtschaftlicher Vorbedingungen entstanden sein. Die Planungsarbeit des Städtebauers hat zum Zweck, auf Grund einer möglichen Erkenntnis der Entwicklungsvorgänge eine weit ausschauende Siedlungsplanung aufzustellen. Der Fall der Emekstadt, der außer den angeführten Gesichtspunkten noch eine Unmenge anderer erschwerender Momente wichtiger Natur mit sich brachte, hatte als Planung an sich, wie kaum eine andere, vor allem der Aufgabe zu genügen, einer späteren organischen Entwicklung die Wege offenzuhaiten, d. 11. der Plan mußte möglichst elastisch gehalten werden. Soweit dies überhaupt durch die geforderte Aufteilung des Bodens in Parzellen und deren sofortigen Verkauf möglich war, wurde versucht, dieser Forderung zu genügen. Und so ist die städtebauliche Anlage derart gestaltet, daß diese Siedlung klein bleiben kann und auch weiter wachsen kann, ohne daß das eine oder andere voraussichtlich jemals ihrer organischen Anlage irgendeinen Abbruch tun könnte. Einige der rein technischen Schwierigkeiten habe ich auch in meinem Aufsatz geschildert und ausgeführt, daß in Anbetracht dieser Sachlage mir nur die Wahl geblieben wäre, entweder die Atiläge dieser‘Stadt wie Tel-Awiw sich selbst zu überlassen, oder zu versuchen, unter den äußerst erschwerenden Bedingungen das möglichst Beste herauszuholen. Dort war ausgeführt: ״Ich hielt den zweiten Weg für den wenn auch schwereren und verantwortlicheren, so doch in jeder Hinsicht gebotenen11).“ Dies als Erklärung im Zusammenhang mit dem oben genannten Bericht in der ״Jüdischen Rundschau“. Damit ist jedoch noch nichts erwähnt von einer der wesentlichsten Grundlagen, mit der das Gelingen jeder Aufbauarbeit und daher auch der städtebaulichen Anlage fundamental verknüpft ist, nämlich der Bodenfrage. Nur eine günstige Lösung dieses Problems sichert auch die gute wirtschaftliche und soziologische Entwicklung unserer gesamten und vor allem der städtischen Siedjung. Wird der Grund und Boden dem mehr oder weniger unbeschränkten Verfügungsrecht von Privaten oder Gruppen überlassen, so sind katastrophale Folgen für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung fast unvermeidlich. Es wird leider zu wenig verstanden und erwähnt, daß nicht nur eine gesunde soziologische, sondern vor allem auch die gesunde wirtschaftliche Entwicklung insbeson- «lere unsepr städtischen SledlMi» durch den freien Handel npt ־ der 'iMMwttellierS*- in ihren Fundamenten atifs schwerste getroffen werden muß. Dieses Problem besteht auch in der Emekstadt, besondere was ihre zukünftige Entwicklung anbetrifft, und ist noch viel brennender für andere Teile des Landes, die durch ihre wirtschaftsgeographischen Bedingungen dazu bestimmt sind, einmal städtische Siedlungen zu tragen, vor allem für das Gebiet des zukünftigen Haifa. In europäischen Ländern und in Amerika versucht man, nachdem man das Uebel einmal erkannt hat, ihm durch mehr oder weniger schwer durchzuführende und nur teilweise bessernde Bodenreformen zu begegnen. Wir haben uns für Erez-Israel das idealste und wirksamste Bodeninstitut geschaffen: den Jüdischen Nationalfonds. Wären solche, zum mindesten die wichtigeren Böden, die dazu bestimmt scheinen, später einmal städtische Siedlungen zu tragen, in der Hand des Nationalfonds, so wäre den beiden oben an- 8) Vgl. hierzu noch den ״Erläuterungsbericht zum Be■ bauungsplan für die Emekstadt“ 1925. gedeuteten Gefahren der Entwicklung begegnet Einmal würde eine städtische Siedlung dann nicht entwickelt, bevor die wirtschaftliche Notwendigkeit hierzu eintritt; die Böden würden der landwirtschaftlichen Nutzungsweise zugeführt werden und von dieser durch natürliehe Entwicklung zur städtischen Nutzungsweise übergebe n4), und zweitens würde durch den Gemeindebesitz an Grund und Boden und dessen Vergebung in Erbpacht der Bodenwucher ausgeschaltet und somit eines der wichtigsten Fundamente wirtschaftlich und soziologisch gesunder Entwicklung der städtischen Siedlungen ge* geben sein. Es sei wohl beachtet, daß diese Gesichtspunkte hauptsächlich für Böden zukünftiger städtischer Siedlung Geltung haben, die heute noch in größerer Ausdehnung und zu verhältnismäßig geringen Preisen zu erwerben sind, wie es z. B. bei Afule (der Emekstadt) und vor allem bei dem Entwicklungsgebiet des kommenden Haifa, den Böden von Jidro, der Fall gewesen ist. Wenn man dam noch bedenkt, daß die Verpachtung solcher Böden bei ihrer Entwicklung und auf Grund einer Wcrtstcigcrung, die alsdann auf dem Wege des natürlichen und nicht des spekulativen Wertzuwachses erfolgen würde, dem Jüdischen Nationalfonds u. a., Erwerbsquellen für fernere große Landkäufe eröffnen würde, so wäre dies ein weiterer Grund für den Ankauf solcher Böden. Die Bodenpreisgestaltung in den Städten hat naturgemäß auch ihre Rückwirkung auf die Rodenprcisgestaltung der anschließenden und weiteren ländlichen Böden. Somit wäre auch hierin wiederum eine Beeinflussung im günstigsten Sinne geschaffen. Greift man gar wieder auf das Beispiel von Haifa (Jidro) zurück, so ist es im allgemeinen klar, daß die Bodenpreis•• gestaltung in diesem Zukunftsgebict, der wahrscheinlich bedeutendsten städtischen Entwicklung ganz Palästinas, die mit dem Bau des Hafens voraussichtlich zu den wichtigsten zukünftigen städtischen Entwicklungen des gesamten vorderen Orients überhaupt gehören wird, noch viel weitere Perspektiven eröffnet. Es wird dann für späterhin kaum vorstellbar sein, daß die Bodenpreise in irgendeiner Stadt Palästinas höher sein können als in Haifa, da städtische Siedler, die nicht in irgendeinem speziellen Fall zufällig an eine bestimmte Stadt gebunden sein werden, es sicherlich vorziehen, Siedlungsland auch nur von demselben Preis wie in einer anderen Stadt in der wichtigsten Stadt Palästinas zu erwerben. Würde dieser Boden in der Hand des Jüdischen Nationalfonds eine gesunde Bodenpreisgestaltung erfahren, so könnte hiermit zwanglos die Frage gelöst werden, die von solch entscheidendem Einfluß auf die Entwicklung des Landes ist und bereits soviel Unglück und nachträgliche• Diskussion hervorgerufen hat, nämlich die Beeinflussung der Bodenpreisgestaltung im ganzen Lande. Denn die Bodenpreise in Haifa nfüssen mehr oder weniger bestimmend für die anderen Städte des Landes sein. Die Entwicklung von Haifa, insbesondere was seine Arbeitsstätten anbetrifft, ist auf das oben erwähnte Gebiet und seine Randgebiete angewiesen, und somit sind cs auch die Siedelnden dieser Stadt. Diese müßten demnach ihre Böden auf dem Wege der Erbpacht vom Keren Kajemeth erhalten. Auf diesem im Besitz des Nationalfonds befindlichen Boden würde das freie Spiel der Kräfte dann eintreten können,.und Private oder besondere Entwicklungsgesellschaften würden weit wirtschaftlicher diese Stadt entwickeln können auf einem gebesitz befindlich, nicht mehr durch das ÜllerfitieB in Privat• besitz einer ungehemmten, spekulativen Wertsteigerung unterworfen ist. Dies sind einige, der Fragen, von denen ich eingangs meinte, daß sie in ihrer heutigen Behandlung eine der verhängnisvollsten Erscheinungen unserer Entwicklung darstellen, deren Gefahr nicht frühzeitig genug erkannt werden kann, wenn nicht katastrophale Folgen für unsere gesamte Entwicklung und unser gesamtes Aufbauwerk eintreten sollen. 4) Jn einem programmatischen Aufsatz: ״Vor der A.-C.- Sitzung*‘ wurde in ״New Juaea“, London, und in der ״Jüdisehen Rundschau“ (Nr. 54) zur Frage der Stadtgründung u. a. geschrieben: ״Auch unsere Privatinitiative hat in den letzten Jahren einsehen gelernt, daß man nicht Städte gründen kann, indem man Bodenparzellen verkauft und den Käufern Hoffnung macht, daß mit der Entwicklung der Stadt deren Wert steigen wird. Das Primäre vielmehr muß die Schaffung der produktiven Grundlage für die Entwicklung einer Stadt sein.“ Erstes diesjähriges Konzert der Garboasova Sie schreibt sich jetzt französisch, war in Paris, arbeitete bei Casals, — dem einzigen ihr ebenbürtigen Meister. Hat sie hinzugelernt? O ja! Viel, viel hat sie gelernt. Ihre. Technik ist leichter, ist ein völliges Wunder geworden, ihre Auffassung ist reifer. Aber hier kommen wir schon ins Stocken. Denn mir scheint es, als hätte sie im vorigen Jahr das Stück von Gluck, ihre letzte Zugabe und zugleich die Inkarnation ihrer unschuldigen Seele, schöner, klassischer, unschuldiger gespielt Nicht so das wundervolle, viel zu weqig gespielte Saint- Saent-Konzert, in welchem ihre ganze Vollendung sich auslebt. Ich — schwänne. Aber allzuviel zu schwärmen gibt es heute leider nicht. Hubermann, die Rowina, wenn sie jammert, Garbousova.... was noch? Groß erinnert man sich an den dahingegangenen Busoni, diesen Helden nach Paganini und Liszt. Die Garbousova ist, wie gesagt, ein vollkommenes Wunder, wie man es auch gleich empfunden hat. Sie spielt, wie im Dämonium, schattenhaft, manchmal fast falsch nach unseren irdischen Begriffen, eben wie aus einer anderen Welt. Mit geschlossenen Augen sitzt sie da, betvegt die Finger der Linken irgendwo in einem Himmel und das zarte rechte Aermchen, das den Bogen führt, irgend auf einem Instrument, das wir Cello nennen. Jetzt hebt sie den Kopf, immer mit den geschlossenen Geisteraugen und spielt auf den tiefen Baßsaiten eine wüste Melodie. Sie fehlt niemals, in höchsten Lagen nicht, in tiefsten Lagen nicht, sie spielt, lebt sich aus, weiß nicht, was und wo sie spielt, und berückt ihre Hörer. Dann verbeugt sie sich zart und steif, wie ein jüdisches Engelskind aus Tiflis. Wollte der Gott des Lebens und der Kunst dieses zarte Wundermädchen behüten! Kapellmeister Taube begleitete wie ein Orchesterheld, und wo es feinfühlig hergehen mußte, vornehm und mitlebend. — Garbousova spielt nächsten Sonnabend, den 13. November, in der Singakademie, noch eintnaL Arno Nadel Jüdischer Tanz. Der Erfolg dieses Abschiedsabends der Ha bim ah, veranstaltet von aer Gesellschaft der Freunde jüdischer Musik und dem Verlag Juwal, war wohl der größte, den selbst der erfolggewöhnte BlüthnersaaJ seit langem sah. Go land, der Sänger, Benjamin Zemach, der Tänzer, und die Rowina, Verkörperung und Seele der Sprache, wurden unzählige Male gerufen. Und mit ihnen Ben C h a i m, der Schauspieler, und Chane Hendler, ein Prologus von allerhöchster Anmut und Beweglichkeit. Benjamin Zemach ist nicht nur Tänzer, sondern tanzt jüdischen Tanz. Auf den ersten Bück überwiegt der Eindruck des Russischen. Aber in den sinnvoll benutzten Gesten orientalischer Grußforrn, und echt orientalisch sofort ornamental benutzt, erkennt man nationales Gut. Mit selbstverständlicher Grazie verwendet er das fanze reiche Ausdrucksrequisit ostjüdischer Gebärdensprache. rauer, jüdische Not, sich selbst persiflierende Armut, demütig geneigter Kopf und geistige Verzückung sind durch cliassiaische Tanzschritte organisch verbunden und in der schimmernden Hülle von Anmut und hoch künstlerischer Diktion der Bewegung ein völlig neues Erlebnis. Immer gibt es in einem Ruhepunkt Sammlung, Versenkung. Aus dem Gedankliehen oder aus der Rhythmik scharf akzentuierter Formen geht es direkt ins Bild; im Bettlertanz wie im exzentrischen Tanz. Hier die geistige Chassidimwelt, dort im Beginn das Herneigen in die Breite des kosmischen Wollens. Der tänzerisch entzückend leichte Badchentanz, das ausdrucksvolle Händespiel, Sprung und Tanz, Eleganz und Anmut zeigen vollends, daß hier Kunst und Formen durch die Kontrolle des Intellekts nur gleitender und kultivierter gestaltet werden. Ruth Morold. Vom Jüdischen Verlag Der Jüdische Verlag, Berlin NW 7, hat in der fetzten Zeit u. a. die folgenden Neuerscheinungen veröffentlicht: 1. Sonderheft ״Judentum und Deutschtum“ der Zeitschrift ״Der Jude“. Von der Zeitschrift ״Der Jude“, die jetzt in vierteljährlichen Sonderheften erscheint, erschien als 3. Sonderheft ״Judentum und Deutschtum“. Dieses Heft knüpft an das ersterschienene ״Antisemitismus und jüdisches Volkstum“ an, welches außerordentliches Autsehen erregte. Nach einem einleitenden Aufsatz von Dr. Watt« Sulzbach, ״Die Juden unter den Deutschen“, schreibt der aus der Hochschulaffäre Hannovers bekannte Prof. Theodor Lessing über ״Jüdisches Schicksal“ und die an hervorragender Stelle in der deutschen Politik stehende, frühere Reichstagsabgeordnete Katharina von O 11 e i m b über ״Die Judenfrage“. Universitätsprofessor Max Herzog zu Sachsen sandte einen Beitrag ״Zionismus und Rücksichtnähme auf deutsches oder anderes Nationalgefühl“. Im Mittelunkt des Heftes steht eine größere Abhandlung von Prof, imon Dubnow, ״Das alte und das neue Judentum“, die eine bedeutsame Grundlegung des jüdischen Nationalgedankens ibt. Aus dem neuerschienenen Antisemitismus-Buch von F. ernst ein wird ein Kapitel abgedruckt. Im Anschluß an die frühere Diskussion im ersten Sonderheft setzt sich Oscar A, H. Schmitz in einem Artikel ״Der jüdisch-christliche Komplex“ mit dem Thema des neuen Heftes auseinander, das er auf den tieferen Gegensatz zwischen christlicher und jüdisch-religiöser Anschauung zurückführt. Martin Buber und Gustav Krojanker nehmen zu diesem neuen Aufsatz von Schmitz in zwei Beiträgen Stellung. Die Bemerkungen enthalten außer einem Aufsatz des Dichters Emst Weiß ״Adliges Volk“ und einer Schilderung des Generalmajors a. D., Freiherrn von Schönaich, ״Juden als Soldaten“, eine scharfe Kritik Alfred Döblins, auf die Siegmund Kaznelson erwidert. Das Heft, auf holzfreiem Papier gedruckt, kostet 2,80 M. 2. F. Bernstein, SoziologiedesAntisemitismus. Unter dem Titel ״Der Antisemitismus als Gruppenerscheinu'ng, Versuch einer Soziologie des Judenhasses“ erscheint von einem neuen Autor F. Bernstein -Rotterdam ein Buch, das eine über die bisherigen Deutungsversuche hinausgehendc Erklärung des Wesens des Antisemitismus zu geben versucht. Bernstein geht von den Feindschaftsverhältnissen im allgemeinen aus und gibt für diese eine von der herkömmlichen Schuldtheorie vollkommen verschiedene Deutung. Das Buch behandelt ferner die Minderwertigkeitstheorie, das Pauschalierungsprinzip usw., vor allem aber die Gruppe als Organisationsform und die verschiedenen Gruppenerseneinungen. Das Buch hält sie« von aller Polemik und Apologetik fern und ist mit wissenschaftlicher Kühle und Objektivität geschrieben. (Bericht über wettere Publikationen folgt.)