Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 87 (5.11.1926)
- Date
- 1926-11-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652862--18655-2676445- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 87 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sehe 623 Von jüdischem Schaffen Franz Werfels ״Paulas ■ater den Jaden“ (Uraufführung in Breslau. — Das Buch erschien bei Paul Zsolnay, Verlag, Wien) ״Mit bangem Qefüb! übergebe ich der Öffentlichkeit dieses Drama“ sagt Franz Werfel in dem Nachwort, das er der Buchausgabe seines neuen Werkes mit auf den Weg gibt. Mit der gleichen Bangigkeit naht sich der jüdische Leser dem Buche, der jüdische Betrachter der Auf' ihrung des Stückes. Denn Franz Werfel, der größte Lyriker des Expressionismus, gehörte als Jude bisher in gewissem Sinne zu jenen, die nach dem Worte des Hohen Liedes ״nicht ihren Weinberg gehütet haben“. Jüdische Stoffe sind seinem dichterischen Lebenswerke bislang — vielleicht mit einer Ausnahme — fremd geblieben. Um so befremdlicher, weil das Wesen dieses Mannes und dieses Künstlers jüdische Erbschaft — ״Was haben wir Juden anderes als Erbschaft?“ heißt es in seinem neuen Stücke — tief widerspiegelte. Hier trat in eine entgötterte Welt, in eine Zeit, die schwer trug am materialisfcisehen und rationalistischen Erbe des neunzehnten Jahrhunderts, merst wieder einer, der Gott den Herrn mit ganzer Seele, mit ganzem Herzen und mit ganzem Bestreben sucht; nicht mit der reinen Mönchsfrömmigkeit eines Rilke, nicht mit der hellenischen Klarheit eines Stefan George — der Gott der Juden ists, den er sucht, der Gott, der Gesetz und Entscheidung, Sünde und Rechtfertigkeit allein dem Menschen auferlegt. Diesen Unterschied von der nichtjüdischen Umwelt haben gerade die Kritiker von anderer Herkunft zuerst und am deutlichsten gespürt. Dann aber kam die Zeit, da Werfel im Zwiekampf mit Kurt Hitler die ״christliche Sendung“ schrieb, die Auseinandersetzung des innerlichen Menschen mit dem Menschen des Aktivismus; da er das tragische Schicksal des neuen Juden, die Entzweiung des Ichs in sich erlebte: Buber hat die symbolische Kraft seines Schicksals als eines Juden- Schicksals zuerst erkannt und ausgesprochen. Ihm gegenüber hat sich auch Werfel selbst damals zuerst als Jude bekannt ״der die tausend Schmerzen und Verzerrungen des neuen Ghetto erkennt, bekennt und zu überwinden kämpft“. Und nun erscheint auch in seinen Dramen zum ersten und einzigen Male die Gestalt eines Juden: in dem dunkel-dämonischen Drama der Revolution, das er ״Bocksgesang“ nannte, steht so anspruchslos wie bedeutsam die schlichte Gestalt des Reb Feiwel, der immer dabei ist ohne je dabei zu sein, der einzige unter allen, der das Mitleid kennt. . . Heut will es uns scheinen, als ob alle diese Erlebnisse und Kämpfe in diesem neuen Werke wiederklingen — ja vielleicht: um dieses neuen großen Versuches willen erlebt wurden. Der Vorwurf ist der deukbar größte: nichts Geringeres will er darstellen, als den entscheidenden Augenblick, da das Christentum sich loslöst von der jüdischen Mutterwelt. Religionsgeschichte? nein — sondern die Geschichte der Menschen, die sie an sieh erleiden. ״Nichts anderes wird hier gezeigt als die große tragische Stunde des Judentums“ so umschreibt er selbst seine Absicht. Si <3ter Schauplatz ist das jüdische Jerusalem zur Zeit des römischen Cäsar Caius Caligula. Wie heut und damals und scheinbar allezeit spalten sich die Juden in die verschiedensten Parteien. Da ist der alte Hohepriester mit seinen beider., ihm entfremdeten Söhnen: Mathias, der Freund alles Fremden und Hasser alles Angestammten, der mit fast unheimlieber Vertrautheit uns wie ein Zerrbild mancher modernen Erjcijrinung ansieht; und Chanan der Zelot, der ״Gott reiner dienen wifl“ als sein Vater, der Schüler des Rabbi Schaul von Tarsus, der heimlich den Aufstand gegen die Römer vorbereitet Eleasar ben Anania, der Sohn des Priesters, wohl auch der eisenharte Simon bar Giora, haben wohl bei ihm Pate gestanden; wenn auch jene ״Lust zum Untergänge“ von der Werfel ihn sprechen läßt, jene Todessehnsucht als ״ein fremder Tropfen in seinem Blute“ erscheint. Daneben stehen die Orthodoxen wie Rabbi Zadok, der große Faster, der von Kind an kein Teilchen des Gesetz.es unbeachtet ließ. Aber über allen den Parteien steht die Lichtgestalt des greisen Patriarchen Rabban Gamaliel, dessen milde Weisheit als höchste Blüte jüdischen Menschentums erscheint: als er zum erstenmal vor uns tritt, da bergen sich unter seinem Mantel zwei Kinder, neue Seelchen, die er in die Lehre einführen wird — aber vorerst läßt er sie noch frei herumspielen, ״denn ihnen ist die ganze Welt noch Thora“. Ueber diesem Geschlecht ballt sich nun von zwei Seiten die Wolke zusammen. Schon ist der römische Statthalter in Jerusalem und wartet nur auf einen Anlaß, um die kleine judäische Kolonie, diesen Staat im Staate, völlig zu unterwerfen: denn daß die ohnmächtigen Juden ״unter ihrem eigenen Gesetze“ leben wollen, das kann das römische Weltreich nicht ertragen. Im Geheimen aber bildet sich die kleine Sekte der Nazaräer, der Anhänger des von Pontius Pilatus hingerichteten Jehoschua von Nazareth. Zu ihnen stößt nun, fast unwillig aufgenommen, Schaul von Tarsus, der sich nach der ״furchtbaren Gnade“ seiner Erweckung Paulaus nennt. Einst ein Lieblmpschüler des müden Gamaliel, fiel er von ihm ab, da er seine Milde nicht verstand, und gesellte sich zu den jungen Eiferern, die den jungen Stefanus steinigten; jetzt aber erkennt er seine Sendung darin, dem geliebten Lehrer das neue Licht zu bringet!. Alle diese Mächte und Strömungen werden nun in starken Kampfesbildern einander gegenübergestellt. Zwei Szenen leben vor den andern: der Hohepriester, der am Rüsttage des Jom Kippur die Nachricht vom Tode seines Sohnes Chanan empfängt, und den Menschen in sich überwindet, als dem Priester die heiligen Gewänder angelegt werden. Die andre Szene ist der eigentliche Kernpunkt des Dramas, der geistige Ringkampf zwischen Rabban Gamaliel und Paulus ״in der atemraubendsten Stunde des Jahres“ am Jom Kippur, während von draußen unaufhörlich wie eine ferne Woge bald laut, bald leise, das Beten des Volkes hereinklingt. Der Patriarch hat den einstigen Schüler aus der Hand seiner jüdischen Gegner gerettet, hat ihn aus der Hand der Römer befreit; diese jüdische Sache wIB er mit ihm allein am heiligsten Tage des Jahres ausfechten — Israel gegen Israel Aber das Werk der Versöhnung scheitert, die Hoffnung Gamaliels, Paulus weide den Rabbi Jehoschua von Nazareth zu Israel zurückföhren; zu tief ist schon die Kluft. Den ״Verräter“ erkennt Gamaliel in Paulus, der die jüdische Erneuerung durch den Menschen leugnet, der zwischen Gott und Israels Freiheit den fremden Geist drängen will ׳— töten will er Ilm... Aber Gott der Herr versagt ihm die Antwort auf seine Frage nach der Wahrheit Da, mit letzter Kraft, spricht er den Segen über Paulus, der zu den Heiden geht, den ״Segen des Wegs...“ Gamaliel, der Greis stirbt, da er das Verderben sieht, das über sein Volk hereinbricht ״Dieser Mensch ist unüberwindlich“, bekennt der Römer, der Im Tempel den neuen, furchtbaren Erlaß des Caligula vorliest, als die Lerche des Rabban Gamaliel in den Steröegewändern herein ״ ׳ :geil wird. ln dieser stärksten Szene des Dramas weht «chichtlicher Atem. ״Nizachti Ani!“ sagt Chanan in V!; Dybuk — und stirbt. Es ist, als ob der Sieg des Juden die Ueber- Windung des Todes bedeute... Die Katastrophe bricht über das jüdische Volk herein; ״die Stunde des Christus ist da!“ rufen die Nazarener. Und doch erscheint der tote Gamaliel als der eigentliche Sieger... ״Protagonist dieses Spiels ist Israel“, sagt Werfel in seinen Nachwort. Diese Szene war es auch vor allen andern, die bei der Uraufführung des Stückes in Breslau in P. Barnays Inszenierung den stärksten Beifall des aus verkauften Hauses entfesselte.!Bekanntlich ist ja Werfels Paulus-Drama am letzten Sonnabend zu gleicher Zeit auf einer ganzen Reihe deutscher Bühnen aufgeführt worden — nur Berlin hat uns diesen edlen Versuch einer historischen Tragödie bisher vorenthalten. Die Aufführung in Breslau litt an manchen Mängeln, die wohl zum großen Teile in der Beschränkung der Mittel begründet waren. So hatte man die Gestalt des Mathias, des Asshnilanten von einst, ganz und gar gestrichen und damit das vielfarbige Bild um einen markanten Zug ärmer gemacht; leider hatte man auch — wer ist eigentlich dafür verantwörtlich? — dem Zeloten Chanan Worte dieses ungleichen Bruders in den Mund gelegt, so daß an einer Stelle ein verzeichnetcs Bild entstand, das der Absicht des Dichters grade zuwider lief. Schön waren in ihrer schlichten Wucht die Bühnenbilder des Harrv Wildon; während die Kostüme manches zu wünschen übrig ließen. Die Schüler des Rabban Gamaliel glichen mit ihren unbedeckten Häuptern und kurzen Röcken peinlich einer Schar von jungen Turn- oder Sportbeflissenen. Auch der Hohepriester und Gamaliel wurden merkwürdigerweise manchmal unbedeckten Hauptes dargestellt. Die Schauspieler hatten sich mit Eifer und Verständnis der nicht immer leichten Aufgaben angenommen; freilich hätten die Nebenfiguren noch mehr vor der dem heutigen Schauspieler immer naheliegenden Gefahr des Mauscheins bewahrt werden müssen. Ganz besonders eindrucksvoll blieb die strenge Reinheit des Chanan, den Josef Keim verkörperte, das verzückte Pathos des Paulus Walter Gvnts, der wohl viel von Moissis Lebendem Leichnam gelernt hatte und vor allen die edle Menschlichkeit des Gamaliel Julius A r n f e I d s. Dr. Bertha Badt-Strauß. Lesser üry Zu seinem 65. Geburtstage. Von Dr. Karl Schwarz. Soweit sich bisher die Betätigung der Juden in den bildenden Künsten überblicken läßt, kann man ein Charakteristikum feststellen, das für die Veranlagung der Juden entscheidend ist. Sobald es dem Juden möglich war, aus der Enge der Ghettomauern herauszutreten und sich frei zu entwickeln, sehen wir allenthalben Künstlerpersönlichkeiten, die die geistige Kraft des jahrhundertelang geknechteten Volkes in wunderbarer Weise auch auf diesem bisher kaum oder nur ganz vereinzelt beschrittenen Gebiete dokumentieren. Wenn man nun oft der Behauptung begegnet, daß dem zu mystischem und spekulativem Denken erzogenen Juden die sinnliche Anschauung und Intuition mangele, so bedarf es nur der Nennung einiger Namen, um aufzuweisen, wie gerade die dem Semiten eigene malerische Begabung in diesen Vertretern deutlich zutage tritt. Es ist kein Zufall, daß wir besonders auf dem Gebiete der Malerei die bedeutendsten Talente finden, die weit mahr als z. B. in der Plastik und Architektur, Führer und Bahnbrecher neuer künstlerischer Bewegungen wurden und bereichernde Werte mit revolutionärer Kraft geschaffen haben. Die Geschichte des französischen Impressionismus ist ohne Camillo Pissarro nicht denkbar. Der große Wiedererwecker der niederländischen Malerei, Jozef Israels, der Führer der jungen schwedischen Malerschule, Ernst Josephson, Max Liebermann, und von den Jüngeren Chagall und Meidner sind Namen von überragender Bedeutung, die der europäischen Kunstgeschichte angehören. Pissarro, der gütig verstehende, Israels, der weich empfindsame, Liebermann, der zielsichere disziplinierte — alle drei besondere Typen jüdisch intellektueller Mentalität. Zu ihnen gesellt sich, derselben Linie angehörend und doch eigene Wege gehend, Besser Ury, neben Meidner der impulsivste, eigenwilligste, auch heute noch in seinem 65. Lebensjahr in Sturm und Dran״ schaffende Meister, vielleicht der stärkste Ausdruck sinnlicher Farbenekstase. Ein rastloses Streben und ständiges Entwickeln neuer Energiequellen, ein sich durch keinerlei äußere Einflüsse beirrenlassendes Schaffen, von neuen Eindrücken plötzlich emporgerissen, neuen Wünschen angetrieben und revolutionierenden Sehnsüchten aufgepeitscht, treibt sein Leben, von frühen Entbehrungen und vielfachen Enttäuschungen bedrängt, ständig wie ein kleiner, von tollkühner Hand gesteuerter Kahn durch Brandungen und Klippen und sucht auch jetzt noch nicht, da der sichere Hafen der Anerkennung ihn Hingst aufgenommen, die verdiente Ruhe. Ury vollendet am 7. November das 65. Lebensjahr. Sein Leben ist ein unruhvoües, einsames gewesen, in Birnbaum ist er geboren, kam früh nach Berlin, ging aber bald auf die Wanderschaft nach Düsseldorf, Brüssel und Paris und keimte nach 6jährigem Studium nach Berlin zurück, wo er sich niederiieß und von wo aus er nur immer kürzere Abstecher in die verschiedensten Gegenden machte. 1889 hatte er seine erste Ausstellung bei Gurlitt in Berlin. Was er da zeigte, erregte allgemeines Kopfschütteln und Ablehnung. Seine Landschaften, Impressionen von Sonne und Luft, und seine Straßenbilder von Berlin, in denen er als erster die Poesie der Großstadt in realistischer Klarheit darstellte, waren eine Revolutionierung der bisher anerkannten Kunst Ein Maler, der von den gewohnten Bahnen völlig abwich, der ein neu« Ideal verkündete, dessen Palette ein wildes Farbenragout aufdringlich brutal hinsc-tzte, regentriefende Straßen, hastende Menschen, dahinrasende Fuhrwerke in goldenem Sonnenlicht, in Qualen und Staub und trübem Laternenschein darstellte! Das hatte noch keiner gewagt. Wer war dieser Künstler, der so eigenmächtig auftrat und den niemand kannte? Er hatte sich bis dahin durchgehungert, überall zuriiekgewieseu, in seinem starken, unerschütterlichen Kuristwillen mißverstanden, aber za! keinerlei Konzessionen an das Leben bereit. Adolf Menzel, der Kunstgewaltige, be• schied ihn zu sich, und der Erfolg dieser Unterredung war, daß er bald darauf den Michael-Beer-Preis erhielt, der ihm eine Reise nach Italien ermöglichte. Als er 1893 wieder ausstellte, erschien er als ein neuer Künstler. Aus dem Dunst der Großstadt war er in die stille Natur der märkischen Seen, durch Holstein und Thüringen gewandert und hatte die oberitalienischen Seen kennengelernt. Der scharfe Beobachter des Großstadtlebens war zum begeisterten Künstler der stillen Natur geworden. Was er da draußen erschaut und erlebt, gibt er in unzähligen Bildern wieder. Die Farbenskala erweitert sich, eine neue Glut steigt aus ihr empor. Wie er den Sonnenuntergang, die pralle Mittagssoimc, das tiefe Blau der Wasserflächen, die irn grellen Lichte leuchtenden Ziegeldächer, den geheimnisvollen Wald und die blumige Wiese malt, ist eine neue Offenbarung, ein neues Wagnis mit wieder neuen Mitteln. Er als der erste wieder bedient sich der Pastellstifte, einer in Deutschland fast vergessenen Technik, und weiß gerade hierin unerhörte Wirkungen zu erzielen, indem er die zartesten Liebergänge und die schärfsten Kontraste, lyrische Klänge des feinsten Hauches und begeisterte Hymnen lautesten Jauchzens erklingen läßt. Er erzählt vom Blätterrauschen und Quellengemurmel, von einsamen, traumverlorenen Winkeln, m denen bescheidene Wiesenblumen sprießen, von stillen Sceufem und verschwiegenen Wäldern. Niedere Hätten tauchen aus dem Grün empor, die verlassene Düne weitet sich vor unseren Blicken. Und was ihm draußen im Lichte der Sonne so wunderbar entgegenleuchtet und was zu so beglückender Harmonie in seinen Landschaften zusammeugefaßt ist — das große Erlebnis des begnadeten Künstlers, dem alles gleich groß und schön und begeisternd erscheint, ob es nun rin rauschender Wald oder ein kleiner Grashalm ist —, das klingt auch später wieder, da er, nur von der Erinnerung beseelt, in seinem Atelier malt. Manches Bild ist da entstanden, das in seiner lebensvollen Unmittelbarkeit so überzeugend wirkt, daß man meinen sollte, es wäre die Niederschrift eines spontanen Erlebnisses. Und doch ist es eine Komposition, die die Phantasie des Künstlers geschaut, die ganz Intuition, ein Beweis seiner bewundernswerten Virtuosität ist Urys Blumenstücke, ein paar Nelken in einer kleinen Vase, Chrysanthemen, leuchtende Rosen, ein Busch Flieder, gehören mit zu den besten Stilleben, die die moderne Kunst aufzuweisen hat Nur Corinth hat außer ihm Blumen so zu malen verstanden. Ihr Leuchten und Strahlen hat etwa* Bezwingendes. Sie atmen, streuen Ihren Duft aus. sie blähe» wirklich in ihrer Farbenpracht Wären nur diese Werke des Künstlers vorhanden, die ihn als den großen Landschafter und Blumenmaler und den Darsteller des Großstadtlebens zeigen, so würde er allein hierdurch bereits als einer der bedeutendsten Impressionisten in Deutschland zu gelten haben. Er erkannte seine Prinzipien bereits zu einer Zeit, da man in Deutschland noch in anderen Bahnen wandelte, und verfocht seine Erkenntnis rücksichtslos, als man ihn bekämpfte und seinen Wert In keiner Weise beachtete. Noch weniger verstanden wurde er in seinen großen kosmischen und biblischen Kompositionen, die bis heute — mit Ausnahme eines einzigen Monumentalgemäldes — noch immer der Aufstellung an öffentlicher Stelle harren. Diese revolutionären Malereien, revolutionär in ihrer Anschauung und in der Maltechnik, müssen ihre Stunde noch erleben. Dann wird man bekennen müssen, daß man auch hier Lesser Ury nicht so gewürdigt, wie es sein Ingenium verdient hätte. Bereits 1881 begann er seine Skizzen zu dem Monumentalgemälde ״Jerusalem“. Von früh an beschäftigte ihn das Problem des Menschen. Der stille Beobachter der Natur ist zugleich ein tiefer Denker. Der Mensch als die Vollendung der Schöpfung, den Gott nach seinem Ebenbilde geschaffen und ihm Kraft verliehen, den er begabt hat zu herrschen und mit seinem Geiste die Welt zu regieren, tritt dem Künstler in den Urgestalten der Bibel in visionärer Größe vor Augen. Seine eigene Lebenserfahrung und das Schicksal seines verkannten Künstlertums verbindet ihn eng mit dem Geschicke seines Volkes. Die Gestalten, die er formt, werden zum Symbol. Dieses Jerusalem-Bikl, das als eine geschichtliche Darstellung gedacht war, wird zum gewaltigen Schicksalslied des Menschenelends der von ihrer Scholle Vertriebenen, Heimatlosen. Immer wieder kehrt er zur Bibel zurück und malt in Stunden inneren Kampfes und Haders mit dem eigenen Herzblut, wie einst Rembrandt die Geschichten der Bibel belebte, diese symbolischen Gestalten als Deuter und Ausleger menschliehen Seelenkampfes. Die Vertreibung aus dem Paradies, da das Urelternpaar aus den Gefilden des Paradieses hinausirrt in die ferne Ungewißheit. Jeremias, die Verkörperung seelischen Leides, der sich wie ein Wurm am Boden krümmt, gramdurchfurchten Antlitzes wie ein Zyklop auf der umdüsterten Weltenkugel liegt. Die Sintflut, die Wucht eines dramatischen Schauspiels, das Tosen des Elements, der Sturm in all seiner Furchtbarkeit, und Menschen, die in den letzten Zuckungen der Verzweiflung rasen, sich aufbäurnen und versinken. Die Gestalt Moses’ kehrt in verschiedenen Dar- Stellungen wieder. Ein Deckengemälde zeigt ihn hocherhaben auf dem Gipfel eines Berges, wie er die Finsternis beschwört. Unter ihm das Tal in tiefem Dunkel, er aber, vom Souneugold umflossen, reckt sich empor und gebietet dem Nebel- und Wolkenschleier. Der Gottbegeisterte steigt vom Berge herab und weist auf die Tafeln dies Gesetzes, die er in den Annen hält. Der im Gebet verklärte junge David erhebt in blindem Gottvertrauen sein unschuldiges Kindergesicht zum Himmel. — Auch in der Graphik, der sich Ury erst im letzten Jahrzehnt zugewendet hat und in der er schnell zu der gleichen Meisterschaft vorgedrungen ist wie mit dem Pinsel und der