Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 86 (2.11.1926)
- Date
- 1926-11-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 616 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 86 Oeffeniliche Meinung In Ercz-Israel Von Julius Berger, Jerusalem. Viele behaupten, daß es keine öffentliche Meinung in Erez-Israel gibt. Sie fuhren den Fall ״Doar Hajom — Arthur Kuppin‘• als Beweis dafür an. Die Zeitung hat bekanntlich Dr. Ruppin in der schmählichsten Weise verleumdet. Fast ein Jahr lang hat sie ihn zur Klage herausgefordert. Als Ruppin, entgegen dem Rat vieler Freunde, die den Verlaut der Sache voraussahen, die Klage erhob, zog sich der Doar Hajom tapfer hinter formelle Vorwände zurück und machte die von ihm immer verlangte Beweiserhebung selbst unmöglich. So endete der Prozeß wie das Hornberger Schießen, wenn auch mit einer Niederlage des Doar Hajom, die überall anderswo den moralischen Untergang der Zeitung gehabt hätte. Hier ist weiter nichts geschehen und der Doar Hajom kann sein Handwerk ungestraft fortsetzen. Fragt man, warum niemand dagegen auftritt, so gibt es nur eine Antwort: Man hat Furcht vor seiner Kampfesweise. Tatsächlich gibt cs h er keinen Schutz gegen Verleumdung durch die Presse. Das offizielle Gericht versagt in der Regel und der Mischpath Haschalom ist für sein Urteil notwendigerweise nicht an juristische Vorschriften gebunden. Andererseits aber beschränkt sich die Methode des Austrags öffentlicher Streitigkeiten auf dem Wege des persönlichen Angriffs nicht aut den Doar Hajom. Hierfür ein Beispiel aus meiner persönliehen Erfahrung. In dem maßgebenden Organ der Arbeiterschaft Erez- Israels veröffentlicht ein führender Beamter, der seit Jahr und Tag im Kampf um die Beamtenrechte steht, ja ihn als erster geführt hat, einen Artikel, in dem er Mißstände beklagt, die sich allmählich in die Beamtenschaft eingeschlichen haben und zu ihrer Besserung auf fordert. In jedem anderen Lande würde daraufhin eine öffentliche Diskussion einsetzen, aus der sich von selbst ergeben würde, ob die Befürchtungen und Vorwürfe des Artikelschreibers von der öffentlichen Meinung geteilt weiden. Anders in Erez-Isracl Dort geht die Organisation der allgemeinen (nicht etwa der zionistischen) Beamten- Schaft zum Richter. Sie ist eine Teilorganisation eben jener Arbeiterorganisation, deren Organ den Artikel anstandslos abgedruckt hat. Als die Redaktion dieses Organs,der ״Dawar“, in seinen Spalten Einspruch gegen die Klage erhebt, und aut die darinliegende Bedrohung der öffentlichen Meinungsfreiheit hinweist, beklagt sich die Beamtenorganisation wegen Eingriffs in ein schwebendes Gerichtsverfahren. Die öffentliehe Diskussion wird damit unterbunden. Inzwischen hat Doar Hajom seiner politischen Stellung entsprechend, über dem Strich sympathisierende Artikel, seiner moralischen Qualität entsprechend unter dem Strich wüste persönliche Angriffe gegen den unglücklichen Artikelschreiber gebracht, wie das nun einmal bei°d!eser Zeitung so üblich ist. Dem vornehmen Beispiel folgt die Beamtenorganisation. Ihr Vertreter sucht den beleidigenden Charakter der Behauptungen des Artikel- Schreibers und ihre Grundlosigkeit vor Gericht dadurch zu beweisen, daß er Verleumdungen persönlichster Art gegen den Autor — und seine Frau vorbringt. Man organisiert Prozeßberichte, in denen diese Verleumdungen lang und breit wiedergegeben werden. So führt man den Kampf in Palästina. Der Vollständigkeit halber sei bemerkt, daß der Artikelschreiber, nämlich ich, es abgelehnt hat, einen Beweis für seine Behauptungen anzutreten, weil er nicht zugeben konnte, daß öffentliche Kritik der Beweiserhebung in einem Belcidigungsverfahren unterliege und daraufhin vom Mischpath Haschalom in zwei von den behaupteten sechs Fällen der Beleidigung schuldig befunden wurde. Das ist nicht interessant. Ueberall in der Welt werden Urteile gefällt, deren gerichtliche Begründung den Betroffene^ zweifelhaft erscheint. Inzwischen hat die ausländische zionistische Presse von der Angelegenheit Kenntnis genommen. So angesehene Zeitschritten wie Haolam, Jüdische Rundschau, Das Jüdische Folk und andere haben den Artikel anstandslos weiterveröffentlicht. Daraufhin erscheint in der Jüdischen Rundschau in Nr. 79 ein Artikel von einer Sachlichkeit des Inhalts und des Tons, wie er mit Ausnahme eines im Dawar erschienenen Gegenartikels in Palästina nicht zu erblicken war. In Palästina hat man sich eben mit der Vorbringung persönlicher Verleumdungen begnügt, für das Ausland aber stellt man sich auf den Boden des sachlichen Austrags der Meinungs- Verschiedenheiten. Versteht man, was hier vorgeht? Hatten meine Freunde nicht recht, die mich vor der Veröffentlichung dieses Artikels warnten? Wer soll noch Lust an der Kritik öffentlicher Zustände in Erez-Israel haben? In unserem Lande, dessen Besiedlung selbst ein neues Experiment von unerhörter Kühnheit darstellt, wo das ganze gesellschaftliche Leben einen außerordentlichen Drang, insbesondere der Arbeiterschaft, zum Neuen, zum Umwälzenden, verrät, gelten bestimmte Dinge als sakro-sankt. Es gibt sehr linksstehende Leute hier, die es nicht wagen, am Sabbat einen Stock zu tragen. Etwa eine radikale Meinung religiöser Art öffentlich zu äußern, gilt als sozusagen lebensgefährlich. Die Radikalen des Landes wehren sich mit Recht gegen diese Art öffentlicher Meinung. Aber sie haben ihrerseits eine ebensolche Liste von Dogmen autgestellt, an die zu rühren verboten ist. Ich will sie hier nicht andeuten, wer weiß, was mir sonst geschähe? Offenbar gehört dazu auch das Dogma, daß die Beamtenschaft unangreifbar ist. Der Verlefzer des Dogmas aber wird von rechts und links in genau der gleichen Weise bestraft, mit persönlichem Verruf. Wer es wagt, zum Beispiel etwas gegen die Beamten zu sagen, gegen den sind die bedenklichsten Kampfmittel erlaubt. Dabei handelt es sich nicht um eine ganz unwichtige Frage. Alles, was ich in meinem Artikel behauptet hatte, ist öffentliches Geheimnis in Erez-Israel: die Bürokratie, die überhand nimmt, die Protektion, die sehr stark empfunden wird, die Unabsetzbarkeit der Beamten. All das wird besprochen in dem Salon des Bourgeois genau so wie im Zelt der Kwuzah. Die Fülle der Zustimmungskundgebungen, die ich erhalten habe, sprechen Binde. Sie kommen aus allen Lagern. Keiner von den Schreibern wagt es, mir öffentlich zu Hilfe zu kommen (mit Ausnahme der Redaktion des Dawar, die sich deshalb auch sehr unbeliebt gemacht hat). Ich unterschreibe restlos, was in dem Gegenartikel in Nr. 79 der ״Jüdischen Rundschau“ gesagt wird. Ich wäre glücklich, wenn man die dort vorgetragenen Anschauungen einmal öffentlich in Erez-Israel gehört hätte. Es scheint, daß der — leider anonyme — Schreiber Furcht hat, das zu tun. Beispiele: In dem Artikel wird recht bezeichnend aut den Punkt nicht eingegangen, den ich ins Zentrum meiner Behauptungen gestellt habe. In den zionistischen Büros in Erez-Israel, mit Ausnahme des KKL.-Büros, gilt und wird mit letzten Mitteln verlangt, eine Arbeitszeit von sieben Stunden im Sommer und siebeneinhalb Stunden im Winter. Durch einen aus dem Galuth hergeholten Festkalender, der sorgfaltig alle in Erez-Israel nicht geltenden Feiertage zu Ruhetagen stempelt, wird diese beschränkte Arbeitszeit aut ein Maß reduziert, das sehr nahe an die 40 Stunden-Woche grenzt. Und das in einem Lande, das so arm ist wie Erez-Israel, und in dem sonst soviel gearbeitet wird, ich habe mich immer gewundert, warum die Histadruth Haowdim diese Verschwendüng zionistischer Gelder zuläßt, deren Folgen sich in Abstrichen an dem Etat für produktive Arbeit äußern. An einem zweiten Punkt meiner Behauptungen geht der Verfasser des mir sonst so sympathischen öegeaartikels mit bemerkenswerter Beflissenheit vorbei. Nämlich an der von mir behaupteten Einflußnahme der Parteien auf die Besetzung und die Kündigung der Beamtenstellen und die dadurch hervorgerufene moralische Verwirrung in den Reihen der Beamtenschaft. Dieser Punkt ist offenbar so tabu, daß man auf ihn nicht nur in Erez-Israel, sondern auch in der ״Jüdischen Rundschau“ nicht eingehen darf. Dafür will man mich ad absurdum führen, indem man mir unterstellt, ich hätte verlangt, daß eine zionistische Stenotypistin Tag und Nacht an inr Diktat zu denken hat. Jeder innerhalb und außerhalb des Landes weiß, was ich gemeint habe, wenn ich von der Beamtenschaft letzte Hingabe verlangt habe. Ein letztes ist bezeichnend für die Mentalität, aus der heraus hierzulande öffentliche Meinung gemacht wird. Man tut so, als ob ich ausgerechnet die Buchhalter, Zeichner und Stenotypistinnen hätte angreifen wollen. Nichts in meinem Artikel gibt Anlaß zu dieser sinnlosen Annahme. Die gegenteilige Behauptung stellt entweder eine bewußte Fiktion dar — dann gehört sie in das Kapitel der hier behandelten Kampfesweise oder sie ist der Ausfluß jener Einstellung, die die ganze Wirtschaft in Erez-Israel mit Gewalt auf aen Kampf zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einstellen will. Diese Auffassung hat glücklich dazu geführt, die unteren Schichten der zionistischen Beamtenschaft zu der Klasse der ״Ausgebeuteten“ zu stempeln, und aus den Oberen, den Leitern der Büros, die dazugehörigen ״Ausbeuter“ zu machen. Unklar bleibt, zu wessen Gunsten ausgebeutet wird. Etwa für die Tasche von Prof. Weizmann oder M. Ussischkin oder jener Leiter? Das, was gespart werden würde, wenn auch die zionistischen Beamten in Erez-Tsrael so wie in der ganzen Welt acht Stunden arbeiten würden, käme bekanntlich dem Palästinabudget zugute. Aber diese Erwägung darf nicht aufkommen. Es muß ein Klassenkampf konstruiert werden, und darum wird so getan als ob ein Artikel wie der meinige, von dem ledern aufmerksamen Leser klar sein mußte, daß er viel mehr auf die oberen Stellen abzielt als auf die unteren, die menschlichen und sozialen Rechte der unteren Beamten einschränken will. Auch das gehört zum Kapital der öffentlichen Meinungsbildung in Erez-Israel. Das alles könnte den traurig stimmen, der sich den Aufbau von Erez-Israel als ein harmonisches Zusammenwirken aller Kräfte zur Erzielung höchster Produktivität vorstellt. Der gegenwärtige Zustand des Landes ist ein Beweis dafür, daß dieser Weg bisher nicht gefunden wurde. Man möge gewiß sein, daß er auch in Zukunft nicht gefunden werden wird, wenn die freie Meinungsbildung im Lande mit Terror unmöglich gemacht wird, gleichgültig, von welcher Seite er kommt. « Nachheniprknntj d*r Red1k'<on Mit diesem Artikel gelangt die von Herrn Berger begonnene Diskussion über zionistische Bürokratie in Palästina vorläufig zum Abschluß. Es handelt sich hier um ein Problem, das der größten Aufmerksamkeit und ständiger öffentlicher Kritik wert ist, da die Mechanisierung eines bürokratischen Apparates nach a1־sdHnend zwingenden soziologischen Gesetzen überall in der Welt unvermeidlich ist, und eine Verwaltung, die so schwierige Aufgabe zu lösen hat wie die unsere, alles Erdenkliche tun muß, um das Uebel zu mildern und um zu verhindern, daß die Sache durch allzu große Unbeweglichkeit und Verknöcherung des Apparates geschädigt werde. Insofern halten wir daher eine öffentliche Kritik für durchaus berechtigt und notwendig und eine Knebelung der öffentlichen Meinung auch in diesem Punkte für verfehlt. Die Beamten müßten verstehen, daß eine solche Kritik keine per- ׳bed»tetj: '•«wider» der Reinigung Und Verbesserung unseres öffentlichen Lebens dient, an der die Beamten selbst das größte Interesse haben. Andererseits scheint es, daß unser Freund Berger ln seinem Aufsatz, der den Grund zur gerichtlichen Klage gegeben hat, sich von seinem Temperament etwas zu weit fortreißen ließ, vor allem zu Generalisierungen, die er selbst nicht aufrechterhalten kann und auch gar nicht aufrechterhalten will, wie sein heutiger Aufsatz beweist. Denn wenn er sich mit den Ausführungen des gegen ihn polemisierenden Artikels in Nr. 79 der ״Jüdischen Rundschau“ einverstanden erklärt, so möge der Umstand, daß eine solche Polemik gegen ihn gerichtet werden konnte, ihm zeigen, daß sein Artikel zum mindesten mißverständlich war. Es ist nicht so, daß besondere Argumente für den Auslands-Export fabriziert wurden, während man sich im Inland mit persönlicher Kampfesweise begnügte; vielmehr handelt es sieh um die Aeußerungen ganz verschiedener Personen, und daß alle diese Personen sich durch Bergers Artikel getroffen fühlten, Ist ein Beweis, daß Berger Wirkungen erzielt hat, die er nicht beabsichtigt haben mag. Wie immer man jedoch Einzelheiten beurteilen mag, durch Beleidigungsprozesse wird ein so schwieriges Problem unseres erst werdenden Gemeinwesens nicht gelöst werden. Eine Absehledleier flr Dr. flailke Am Donnerstag, den 28. Oktober veranstalteten die Vereinigten Zionistischen Büros in den Räumen der Meinekestraße eine intime Abschiedsfeier für Dr. Hantke und seine Familie, ln herzlicher und launiger Welse wurde Hantke von seinen Freunden und Mitarbeitern gefeiert. Den Vorsitz bei der Abschiedsfeier führte Kurt Blumenfeld, der den Reigen der Ansprachen eröffnete. In den nachfolgenden Abschiedsworten der jahrelang in gemeinsamer Arbeit verbundenen Mitarbeiter Dr. Hantkes kam auch die persönlich-menschliche Verbundenheit mit ״dem Vater der Z. V. f. D." zum Ausdruck. Dr. Arthur Hantke ließ während der Jahrzehnte seiner Wirksamkeit in der Zionistischen Organisation seine Fürsorge nicht nur den gestellten Aufgaben, sondern auch den Menschen angedeihen, die gemeinsam mit ihm zur Entwicklung der Zionistischen Organisation unter den deutschen Juden beigetragen haben. In seiner Antwort auf alle Ansprachen gab Dr. Hantke der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen Ausdruck. Oeslerreichischer Parteitag Am 30. Oktober abends begann In Wien der zionistische Delegiertentag für Oesterreich. Die Eröffnungsrede hielt der Vorsitzende Dr. Friedmann. Der Vertreter der Exekutive, Herr Felix Rosenblüth, konnte erst in der zweiten Sitzung zu Worte kommen. Es wurden Referate über alle Zweige zionistischer Tätigkeit erstattet. Wir werden über die Tagung noch berichten. Vom 17. bis 19. Oktober fand in Zagreb die Jahreskonferenz des Jugoslawischen Zionistenverbandes statt. Als Vertreter der Zionistischen Exekutive nahm an den Beratungen Herr Felix Rosenblüth teil, der ein Referat über die Lage in Palästina und den Zionismus erstattete. In einer Resolution wurde der Zionistischen Exekutive und Dr. Weizmann das volle Vertrauen zum Ausdruck gebracht Zum Vorsitzenden des Arbeitsausschusses wurde l>. Licht (Zagreb) und zum Präsidenten der Landesorganisation Eh־. Aicalay (Belgrad) gewählt. Ita Wenn man eine jüdische Zeitung, mag sie in Irgendeiner der ״siebzig Sprachen“ der Welt geschrieben sein, zur Hand nimmt, so findet man vor oder hinter den mannigfaltigsten Nachrichten aus dem jüdischen Leben des Erdballes in Klammern die Zeichen J. T. A., E. T. A., Z. T. A., P. T. A. und A. T. J. Diese geheimnisvollen Zeichen sind die Initialen der verschiedensprachigen Bezeichnungen der ״Jüdischen Telegraphen-Agentur“. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß diese Nachrichtenstelle trotz der geringen Zeit ihres Bestandes — sie ist vor sieben Jahren gegründet worden — aus der jüdischen Oeffentlichkeit nicht mehr wegzudenken ist. Nachrichten-Agenturen sind im allgemeinen derartig alltägliche und selbstverständliche Einrichtungen, daß man sich ihrer nur aus besonderen Anlässen, wie Jubiläen oder wenn sie eingehen, erinnert. Wenn ohne einen besonderen Anlaß die Jüdische Telegraphen-Agentur zum Gegenstand einiger Be merkungen gemacht wird, so liegt aas daran, weil ihre Existenz ein Spezifikum in sich trägt, durch das die gegenwärtige Struktur des Weitjudentums gekennzeichnet wird Es ist einleuchtend, daß durch die ungeheure Entwicklung des Weltverkehrs und den Beziehungen der einzelnen Lände! zueinander sowie durch das Zusammenrücken der Kontinente, die früher nur wenigen Juden zum Bewußtsein gelangten Zusammenhänge zwischen allen Teilen der Weltjuden heit einem großen Teil des jüdischen Volkes klar geworden sind. In immer stärkerem Maße setzte sich die Erkenntnis durch, daß zwische* den verstreuten Gliedern des jüdischen Volkes geistige, politische, humanitäre und auch wirtschaftliche Bindungen und Abhängigkeiten bestehen. Die Schicksalsgleichheit oder zu• mindest die Schicksalsähnlichkeit der jüdischen Gemeinschafte* in den verschiedenen Staaten der Welt machte die Organisation eines Informationsdienstes notwendig, durch den die Jude* in einem Lande von den Vorkommnissen im Leben der Jude* in anderen Ländern erfahren und ihr Verhalten in politischer, humanitärer und geistiger Beziehung einzurichten. So stellt sich denn die Gründung und die Existenz einer Jüdischen Telegraphen-Agentur als eine Folge der allgemeinen Entwicklung und der Steigerung jüdischer Erkenntnisse dar. Zunehmende Einsicht in die vielfältigen Probleme des jüdi* sehen Lebens schufen als Ursache die Folge eines besonderen jüdischen Informationsdienstes. Nun stehen Informationsdienst und öffentliches jüdisches Leben nicht nur in einem Kausalnexus zueinander. Es herrscht zwischen beiden vielmehr ein Verhältnis des Funktionalismus: Wirkung beeinflußt auch die Ursache. Und tatsächlich hat die J.T. A. in den sieben Jahren ihrer bisherigen Existenz aut die Bedürfnisse und die Erkenntnisse des jüdischen Lebens, dessen legitimes Kind sie ist, weitgehenden Einfluß genommen. Der Charakter der J. T. A. wird durch ihr Arbeitsgebiet bestimmt. Da ihr Feld die Welt ist, sieht sie selbstverständlieh jüdische Dinge unter weiten Aspekten. Sie ist demgemäß weder den Interessen eines Landes, noch denen einer Partei verhaftet; wachsam, überparteilich, allweltlich, das sind die Leitmotive ihres Wirkens. Selbstverständlich hat sie wegen ihrer Jugend Kinderkrankheiten, die jedoch nur ein Zeichen von Wachstum sind. Dieses Wachsen kommt in der Ausdehnung des Nachrichtennetzes der J. T. A. zum Ausdruck. Begründet von Jacob Landau und Meer O ro ß m a n n unterhielt sie im Jahre 1919 zwei Büros in New York und in London. 1920 hatte sie bereits drei Büros und sieben Korrespondenten, 1923 vier Büros und 29 Korrespondenten, heute unterhält sie Büros in Paris, Warschau, Berlin, Jerusalem, London und New York und hat 146 Korrespondenten in allen Teilen der Welt. Die J. T. A. bedient alle bedeutenderen jüdischen Zeitungen der alten und neuen Welt und außerdem steht sie mit den größten nichtjüdischen Nachrtchte»! ׳ konzemen ln Verbindung, durch die sie der nichtjüdische» Welt von Ereignissen im jüdischen Leben authentische Mitteilungen macht. Die Anzahl der Juden, die durch Vermittlung der J. T. A. Kenntnis von Vorgängen in der jüdisehen Welt erlangen, ist mit zehn Millionen nicht zu gering geschätzt. Besondere Bedeutung hat die palästinensische Abteilung der Jüdischen Telegraphen-Agentur, die P.T. A. Diese beschränkt sich, dem Charakter Palästinas entsprechend, nicht nur auf die Wiedergabe von Nachrichten aus dem jüdischen Leben, sondern sie ist die palästinensische Nachriehtenstelle, welche auch das ״Palestine Bulletin“, die einzige englische Tageszeitung Palästinas, begründet hat. Besonders segensreich für die gesamte Judenheit ist der Einflub der J. T. A. auf die amerikanischen Juden und aut die amerikanische Oeffentlichkeit. In New York gibt sie die einzige in englischer Sprache erscheinende jüdische Tageszeitung in der Diaspora heraus: ״The Jewish Daily Bulletin“. Besonders erwähnenswert ist der vom Jewish Daily Bulletin jährlich herausgegebene Index der im Laufe des Jahres von aen Büros der J. T. A. in der ganzen Welt verbreiteten Nachrichten. Durch die Verbindung des New Yorker Büros mit den großen amerikanischen Nachrichtenkonzemen gelangen Informationen aus dem jüdischen Leben zur Kenntnis der breitesten Oeffentlichkeit. Was diese Tatsache für die Förderurg jüdischer Interessen und für die Abwehr antijüdischer Erscheinungen bedeutet, kann jedermann leicht ermessen. M. W. 21096 Arbeiter am 1. September Tel-Awiw, 26. Oktober (J. T. A.) Soeben wurde das Ergebnis der am 1. September 1926 vorgenommenen Zählung der jüdischen Arbeiterschaft veröffentlicht. Danach leben in Jaffa und Tel-Awiw 6512 arbeitende Männer und 4138 arbeitende Frauen. In Haifa leben 4036 männliche und 2138 weibliehe Arbeiter, in Jerusalem 3277 männliche und 1711 weibliehe Arbeiter, in Afuleh 357 männliche, 188 weibliche, in Tiberias 649 männliche und 164 weibliche, in Safed 90 männliehe und 87 weibliche, in Acre 127 männliche und 87 weibliche Arbeiter. Die Zahl der Arbeiter an der Eisenbahnstrecke Jaffa—Ludd beträgt 71 Männer und 40 Frauen. In Sarafend leben 35 männliche und 18 weibliche Arbeiter, in Nazareth 17 männliche und 28 weibliche, in Nablus 8 männliche und 3 weibliche, in Oaza 5 männliche und 4 weibliche Arbeiter. Die Gesamtzahl der jüdischen Arbeiter beträgt 14 884, die der jüdischen Arbeiterinnen 8563. Diese Ziffern betreffen nur die Städte. 65,3<0/י dieser Arbeiter und Arbeiterinnen sind Mitglieder der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation (Histadruth klalith). Die Zahl der jüdischen Arbeiter in den Kolonien des südlichen und nördlichen Judäa, Samarias und Oaliläas beträgt 3745 Männer und 1568 Frauen, insgesamt also 5313 Arbeitende, von denen 80 0/0 der Allgemeinen Jüdischen Arbeiterorganisation angehören. Jerusalem, 28. Oktober. (J.T.A.) Der Chefsekretär der Palästina-Regierung, Colonel O. S. Symes, erklärte in einem Gespräch mit dem Herausgeber der arabischen Zeitung ״Meraat al Sherk“, die Palästina-Regierung werde im Verlauf von zehn Jahren alljährlich £E 50 000 zu Landvermessungszwecken ausgeben, um endlich den endlosen Rechtsstreitigkeiten hinsichtlich des Eigentumsrechtes auf Boden ein Ende zu bereiten. Die Mandatskommission des Völkerbundes, fügte Colonel Symes hinzu, sei stark an einer schnellen Lösung dieses Problems interessiert. (Die Regierung hat auch die Nichtzuteilung von Regierungsboden für die jüdische Kolonisation mit der fehlenden Landvermessung begründet — A. d. R.)