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Jüdische Rundschau · 1926-11-02 · Heft 86 (2.11.1926) · page 3

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 86 (2.11.1926)
Date
1926-11-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 86 JUEDISCHE RUNDSCHAU Sette 615 An Franz Oppenheimer Es ist richtig, die Malaria hat ihre Schrecken bei weitem verk>ren. Aber zeigen Sie mir die einhundert Arbeiter in den Kwuzoth, die nicht doch schon einmal infiziert worden sind! Ich weiß nicht, welche Kwuzah Sie sahen. 30״ prächtige Jungcns und Mädchens, rosige Backen und Arme, Beine, seelcnvergnügt.“ Gott sei Dank, wenn es eine so frische Gruppe noch gibt, und der Arzt über ihren Gesundheitszustand nicht anderer Meinung ist. Und wenn die Leute am freien Tag. am Schabath, seelenvergnügt waren, so waren sie es nicht deshalb, weil sie keine Sorgen hatten, sondern trotzdem' Sie sahen den ״perennierenden Wandervogelverein“ wohl nur deshalb, weil Sie dabei den Gegensatz: Glückliche, sorglose Bourgeois-Jugend und abgearbeitete, müde Landarbciterproleten --, im Auge hatten Freilich, wenn nur der ein richtiger Landarbeiter sein kann, der am Sonntag stumpf in die Kirche stampft und ihn dann im Wirtshaus beendet, dann gibt’s in den Kwuzoth nicht diese Leute, Sie haben vermutlich nie von den ernsteil Besprechungen gehört, die gerade am Schabath die AjlitgHeder der Kwuzoth versammeln, denn dann würden Sie nicht behaupten können, man wisse in der Kwuzah nicht, daß bei der Wirtschaft auch ein Ueberschuß herauskomtnen müsse. Dann wissen Sie nicht, daß jeder einzelne Posten der Ausgabenseite zehnmal durchgerechnet wird, um festzustellen, wo sich ein Viertelniaster pro Mann und Tag abzwicken läßt, dann wissen Sie nicht, wie oft man die Möglichkeit der Ertragssteigerung für jeden einzelnen Wirtschaftszweig und das Ganze prüft, dann wissen Sie nicht, wie oft aus der Mitte der Chawerim immer wieder die Forderung nach erhöhter Leistung gestellt wird. Ich weiß nicht, wie ein Kind aufgezogen wird, das im Schloß eines ״englischen Lords“ geboren wurde. Ich weiß nur, daß man in einer Kwuzah tatsächlich relativ sehr viel aufwendet, um für die Kinder eine Holzbaracke aufstellen zu können, die den primitivsten Bedürfnissen entspricht. Ich weiß nicht, was bei einem englischen Lord geschieht, wenn er einmal einen Umbau des Schloßtraktes, in dem das Kinder- /,immer mit allem Um und Auf untergebracht ist, durchführen will; ich weiß nur, daß die Notwendigkeit, so eine Kinderbaracke mit Drahtnetzen gegen die Moskitogefahr zu versehen, Maßnahmen erfordert, bei denen man den Rechenstift in die Hand nehmen muß. Wie ist es bei einem eng-״ lischen Lord, wenn einmal ein paar Regentage das Trocknen der Windeln erschweren und haben dann die Wartefrauen auch ihre liehe Not, die letzten Bestände trockenen Zeugs herbeizuschaffen? Warum lassen es sich die Leute in den Kwuzoth soviel kosten, die Kinder so aufzuziehen? Sie selbst stellten einmal fest, daß die Araberfrau zehn bis zwölf Kinder zur Weit bringt, von denen freilich fünf wieder sterben, während die jüdische Frau in Palästina zum Einkindersystem neige. Besteht nicht doch zwischen dem Verantwortungsgefühl für eine gesunde Nachkommenschaft, dem Streben nach einer ״herrlichen Sexuaiitat“ und dem Zusammenschluß in Kwuzoth ein ursächlicher Zusammenhang? Zumal in Erkenntnis der Tatsache, daß in den Kwuzoth die Kindersterblichkeit fast null ist! ״Was hätten denn diese Menschen, fast alle, sonst für eine Aussicht gehabt? Eine winzige Werkstatt im Eastend von London oder im Süden von Manhattan von New York!“ Nun, ich glaube, von den etwa dreitausend, die in Palästina in Kwuzoth leben, hätte eine ganz beträchtliche Anzahl bessere Möglichkeiten gehabt. Und tfobe! meine ich gar nicht die paar mitteleuropäischen Juden mit Hochschulvergangenheit, die es darunter gibt. Man trifft unter diesen Arbeitern einen großen Prozentsatz von Menschen mit hohem Intellekt, schneller Auffassungsgabe und starker Energie, die auch in anderen Positionen ihren Mann stellen würden. Nun kann man sagen: Kein Mensch gebietet diesen Leuten, sich auf so beschwerliche und wenig Gewinn bringende Weise abzuplagen; und wenn sie sich aus irgendeinem Grunde einbilden, in Form kommunistischer Kwuzoth eine Existenz begründen zu müssen, so sollten sie nicht ״auf anderer Leute Kosten die schönsten Experimente“ machen. Aber die Kwuzoth sind Experimente, die nicht nur auf anderer Leute Kosten gemacht werden! Ja, wenn Sie darunter das Geld verstehen, das für die nationalen Fonds in aller Welt gesammelt und nach Abzug mancher Spesen den Siedlern als Kredit zur Verfügung gestellt wird, so stimmt’s. Diese Gelder können bei unzweckmäßiger Wirtschaftsführung zum Teil, ein wenig wird wohl stets bestehen bleiben, verlorengehen. Aber zu den Kosten einer Wirtschaft gehört auch die Investition anderer Kapitalien, und die steilen die Siedler wohl in reichlichem Maß bei. Oder glauben Sie, der Mensch in der Kwuzah weiß nicht, daß er Gesundheit — trotz ihrer gegenteiligen Informationen gibts noch genug Malariaherde, zugige Zelte und Wohnbaracken, recht anheimelnd für Rheunta'Unnis, eine Ernährung die zwar nicht Gras, aber für den Magen doch recht mühsam zu bewältigen ist -Energie und Jugendkraft in eine neue Sache steckt, deren Sicherheit schon allein durch eine gegensätzliche Propaganda im zionistischen Lager erschüttert werden kann. Ein Großteil ihrer Kritik an dem Chaluz und an der Kwuzah wird hingenominvn werden müssen. Wie richtig Sie manchen Fehler gesellen haben, erweist sich schon daraus, daß in der Mitte der Kwuzoth die mehr oder weniger klare Erkenntnis dieser Fehler bereits vorhanden ist; und daß man Mittel und Wege sucht, diese Fehler abzustellen. Sie sagen: ״Ich weiß das Mittel!“ Vielleicht ist »ur Ihr Rezept, Ihr Experiment richtig, Herr Professor; vielleicht finden auch die Kwuzoth ein Mittel, das nicht das ihre ist und doch auch wirksam. Verzeihen Sie, daß ich darüber hinausgegangen bin, nur Tatsachen richtigzustelleii Im wesentlichen liegt der Unterschied zwischen Ihrer Auffassung und der in den Kwuzoth in Ihrem Satz: in der Verteilung nach Köpfen liegt die Garantie für die irsychologische Unmöglichkeit der kommunistischen Gruppen. Sie basieren Hirt■ Theorie auf dieses psychologische Dogma. In Palästina und anderenorts glaubt inan an ein anderes Dogma, nämlich, daß der Mensch auch andere Antriebe zum Schaffen haben könne als nur den höheren matericllcn Lolin. Ich glaube nicht, daß Sie in den Kwuzoth in Erez-Israe! viele Beweise gegen diese Ansicht gefunden haben. Karl Schwager (Kwuzah ״Chcfzibah“). United Palestine Appeal New York, 27. Oktober. (J.T. A.) Die Nationalkanfe» renz des United Palestine Appeal für das Jahr 1927, der die Aufbringung von 7 500 000 Dollar des Paiästina-Aufbaues zum Ziele hat, wird durch eine am 20. und 21. November in Boston zusammentretende Konferenz eröffnet werden. Prof. Chaim Wtizmann und andere zionistische Führer Amerikas und Europas werden das Wort ergreifen. * ln Cincinnati fand dieser Tage in Verbindung mit dem diesjährigen Palästina-Drive, zu welchem die Stadt 450 000 Dollar beizusteuern hat, ein Bankett statt, in dessen Verlauf 210 000 Dollar von den Anwesenden gezeichnet wurden Es wurde ein aus N i c h t j u d e n bestehendes Komitee gebildet, dem George T. Grabbs, Fred A. Geier und John Omwake angehören, von denen jeder 2000 Dollar zeichnete, Charles P. Taft, der Bruder des Expräsidenten Taft und Herausgeber des ״Times-Star“, sandte einen Scheck auf 10000 Dollar und richtete einen Appell an die Nichtjuden, das große jüdische Werk zu unterstützen. Auf, dem Bankett sprachen Richter William M. Lewis, der Präsident des Unit«! Palestine Appeal, und David A. Brown, der P r ä s i d e n t der United Jewish Campagne des Joint. Die Naturalisierung Jerusalem, 26• Oktober (J. T. A,) Im Hinblick auf die bevorstehenden Stadtgemeindewahlen hat der Waad Leiiraf im ganzen Lande eine Kampagne eingeleitet, um die Juden Palästinas dazu zu bewegen, ihre Naturalisation als palästinensische Bürger schnellstens durchzuführen. Das Hauptrabbinat in Palästina hat auch seinerseits einen Aufruf an die Juden des Landes gerichtet, sich naturalisieren zu lassen. In mehreren Synagogen ganz Palästinas wird in den Predigten der Seelsorger auf die Wichtigkeit hingewiesen, daß die jüdischen Einwohner des Landes das Bürgerrecht erwerben. Der Advokatenverein von Jerusalem hat eine Beratung abgehalten, die der Regelung der Bürgerschaftsfrage gewidmet war und hat alle Vorbereitungen für eine wirksame Durchführung der Naturalisierung von Juden getroffen. L o n d o n , 29. Oktober. (1. T. A.) Die ersten zwei Passagier-Aeropiane, die für die 2500 eng!. Meilen betragende Luftstrecke zwischen Kairo und Karachi bestimmt sind, werden England zwischen 15. und 20. Dezember verlassen. Diese Maschinen sind die ersten einer Gruppe von fünf De Havilland Hercules-Aeroplanen, die für die neue Reichs-Luftlinie gcbaut wurden. Die Route wird sein: Croydon, Dijon, Marseille, Pisa, Neapel, Malta, Khoms Benghazi, Solltim, Aboukir, Kairo Gaza (Palästina), Bagdad, Basra. Der Fahrpreis von London nach Kairo wird £ 50 betragen. Sehr geehrter Herr Professor! Sie haben der Oeffentlichkcit ein Gutachten erstattet aber die Beobachtungen, die Sic bei Ihrer letzten Reise in Palästina gemacht haben. Als ich einen ungefälschtcn Abdruck Ihrer Ausführungen in Wien und Berlin las, war ich erstaunt, wie es möglich war, aus Ihren Reden das zu machen, was eine der zionistischen Bewegung feindliche Presse daraus zu machen verstand. Und ich stimme nicht überein mit jenen zionistischen Gruppen, die gegen Ihre Darlegungen so heftig Stellung nahmen. Sie haben soviel Positives und Aussichtsreiches gefunden, Sie stellten der Entwicklung des Landes im allgemeinen ein so günstiges Prognostikan, daß wir, die wir mit dein jüdischen Aufbauwerk in Palästina nicht nur durch die Sympathie des Herzens, sondern auch durch unsere ganze materielle Existenz verbunden sind, es wohl zufrieden sein können. Aber erlauben Sie, sehr geehrter Herr Professor, einem, der seit 5' ״• Jahren in Palästina arbeitet, Ihnen auf jene Ausführungen zu * antworten, die kein Teil Ihres wissenschaf tli che 11 Gutachtens sind. Fs sind dies wohl nur R c is ee i!1 d r ü c k c, die Sie in Palästina hatten; sie mögen Ihren nationalökonomischen Betrachtungen gegenüber tmwesentlich erscheinen. Gestatten Sie mir jedoch die Fest- Stellung, daß Ihnen diese Eindrücke ein falsches Bild gegeben haben. Sie fanden es für notwendig, einen Glorienschein, der den Begriff des ״Chaluz“ umgibt, zu zerreißen. Wenn dieser in der öffentlichen Meinung bestand, war dies richtig. Ich glaube, der ״Chaluz“ hat sich nie wohigefühlt, wenn er nur das Objekt einer literarischen Bewunderung gewesen ist; und fiel einem einmal ein solches Feuilleton in die Hände, so stieg wohl den meisten jenes Gefühl in die Kehle, das die physische Reaktion auf ungewolltes Lob ist. Der junge jüdische Arbeiter geht nach Erez - Israel, um dort zu arbeiten. Ob ihn wirtschaftlicher Druck oder ein ideelles Moment treibt, ist für die Beurteilung seiner Arbeit gleichgültig Wo hatten Sie den Eindruck, in Kwuzoth oder beim alleinstellenden Poel, daß das Gefühl bestehe, ״Helden zu sein, von der öffentlichen Meinung des ganzen Landes getragen zu werden“? Ich weiß, daß im Lande außerhalb der Arbeiterschaft eine etwas andere Auffassung über den ״Cholezi“ herrscht. Man bat Ihnen wohl nicht das wahre und sehr charakteristische Geschichtchcn erzählt von dem alten Pflanzungskolanisten irgendwo in Petach Tikwah oder Rischon I.ezion, der einen Neuankömmling fragt: ״Wieviele Einwanderer kamen auf deinem Schiff?“ ״Zweihundert Chaluzim.“ Darauf jener nngeduldig: ״Nu, und wieviele Menschen?“ Und er differenzierte beileibe nicht, weil er unter Chaluzim Helden oder Halbgötter verstand. Haben Sie übrigens die Quarantäne.Stationen der Regierung gesehen? Als das Schiff, auf dem ich einwanderte, die Küste von Erez-Israel sichtete, kletterten die Juden auf die Masten und Wanten, stimmten die Thikxvah an; vierundzwanzig Stunden später standen wir auf dem Boden des Heiligen Landes, umgeben von einem Stacheldrahtverhau, barsch angeschrien von arabischen Sanitätspolizisten, mit Armen, die von sinnlos und rückständig injizierten Seren schmerzten, fBKl. der englische Oberbeamte schlug einem Manne, der sich etwas lebhaft ätd lärmend benahm um! seihest Befehl nicht verstand, mit der Faust ins Gesicht Mein Gott, wir waren eben Einwanderer, da gibts keine sentimentalen Regungen, in einem anderen Lande hätte man uns keinen anderen Empfang bereitet, da wir einmal nur als Zwischendeckler daherkamen. Und kennen Sie, Herr Professor, die fieberhafte Ungeduld, die einen Menschen, der arbeiten will, fast krank machen muß, wenn er wegen Arbeitsmangel Wochen und Monate in der Herberge der Zionistischer! Organisation sitzen muß, und wäre diese auch noch so klaglos eingerichtet? ״Sie kommen ins Land, werden ein paar Tage ausgezeichnet in prachtvollen Quarantäneheimen verpflegt, setzen sich in ein Auto und fahren in eine Kwuzah.“ Ich weiß nicht, wer Ihnen eine so einfache Entwicklung seiner Laufbahn in Palästina erzählen konnte. Meines Wissens gibt es keine angesiedelte Kwuzah, die dieses Ziel, die Ansiedlung, so direkt vom Schiff aus erlangt hätte. Es hat sich ganz von selbst ergeben, daß jede Gruppe, bevor sie zur Ansiedhing gelangt, eine ganze Reihe von Jahren alle möglichen Arbeiten in den verschiedenen Teilen des Landes durchführen muß, daß fast jeder Chaluz, so wie die Dinge eben liegen, längere oder kürzere Zeit an der Fiebergrenze gearbeitet hat. chores gliedert und hinauftreibt, Ist eine Genieleistung der indirekteii Komik, die um so überwältigender ist, als in keinem Augenblick auf Lustigkeit hin gespielt wird, sondern absolut ernsthaft, mit einer explosiven Trockenheit und süßen Erbitterung, aus einem tänzerischen Ingrimm heraus, der bis ins minutiöseste Detail hinein deutlich und so sehr von heute oder morgen ist, daß klar wtird, wie falsch es wäre, dieses Theater in die Grenzen seiner nationalen Herkunft zu verweisen... Hier steht auch das Wunder einer Liebesszene von so unfaßbarer Zartheit, Wahrhaftigkeit und Andantino-Grazie, daß man alle Liebesszenen der Welt darüber vergißt.“ im ״Ber], Tagebl.“ schreibt Leo Hirsch: ״Wenn die Habimah sich uns zum Abschied in einem Zeitstück zeigt, so erwarten wir eine Demaskierung, als wären wir auf einem Feste und es schlüge Mitternacht. Aber diese Hebräer wirken in unseren Gewändern nicht weniger gespensterhaft fern und erschütternd nah als in den Masken des Mittelalters und des Altertums. Und wenn trotzdem ihr letzter Eindruck dissonant ist, so liegt das an einem nahezu tragischen Zwiespalt, der vielleicht allen Brüdern ihres Blutes gemein kt: sie sind Genies in der Darstellung theatralischer Situationen und Charaktere, aber sie haben keine eigene Dramatik; das Primäre fehlt, das Drama, das sonst Sekundäre, das Theater, sind sie begnadet und verflucht zu vollenden.“ Albert Einstein, der von einer mehrwöchigen Reise nach Berlin zurückeckehrt Ist, besuchte eine Vorstellung der ״Habimah“. Ehe Künstler baten Prot. Einstein, in ihrem Kreise zu erscheinen. Er folgte der Einladung und kam während des Zwischenaktes hinter die Kulissen, wo Rechtsanwalt Gronem a n n ihm das gesamte Ensemble vorstellte. Einstein dankte mit großer Wärme den Künstlern für den außerordentlich tiefen Eindruck, den sie ihm von jüdischer Art vermittelt batten und erklärte, daß er noch völlig im Banne dieses künstlerischen und tiefen jüdischen Erlebnisses stehe. Die Künstler bereiteten Professor Einstein eine begeisterte Ovation. Abreise der Habimah Montag, den 1. November, reiste das Habimah-Ensemble nach Hamburg ab, von wo sich die Künstler nach einem mehrtägigen Gastspiel In Hamburg, nach New York einschiften werden. Die letzten Tage in Berlin waren für das hebräische Theater eine Kette von Feiern und Huldigungen. Freitag, den 29., veranstaltete der Schalom-Alechetn- Klub ln seinen Räumen zu Ehren der Habimah einen Abschiedsabend, auf dem die Künstler und ihre Leistungen gefeiert wurden. Von den gehaltenen Ansprachen sind hervorzuheben die Ausführungen der Witwe des verstorbenen jüdischen Arbeiterführers Medern, die den Künstlern für ihre Tournee in Amerika, wo Frau Medern jahrelang gelebt hat, Glück wünschte, sie jedoch vor den ״korrumpierenden Verlockungen“ der Neuen Welt warnte und die Mahnung Prof. Schneersons, an den Wurzeln der Habimah-Kraft, dem hebräisch-nationalen Leben nicht rütteln zu lassen. Das Fest dauerte bis zum Morgeng aucn. Sonntag fand um 1/312 Uhr vormittags im Theater am Nollendorfplatz eine Matinee (Die Sintflut) statt, nachmittags vereinigte ein vom Musikverlag J u w a 1 veranstaltetes Konzert im Meistersaal die Freunde der Habimah. Nach einleitenden Worten von Dr. Schalom Hildesh e i m e r rezitierte Chana R o w i n a, sang Isaak G 011 a n d hebräische Lieder und führte Benjamin Zern ach Tänze vor. Jubelnder Beifall dankte für die Darbietungen. Am Abend wurde als Schlußvorstellung des Gastspiels im Theater am Nollendorfplatz der D y b u k aufgeführt. Das Theater war bis auf den letzten Platz ausverkauft und mit zehn Hervorrufen nahm das Berliner Publikum von den Hablmah-Leuten Abschied. Nachdem der eiserne Vorhang gefallen war, fand hinter der Bühne eine kleine Abschiedsfeier statt. Direktor Viktor Barnowsky dankte den Künstlern für ihre Leistungen und erklärte, daß die Habimah Berlin erobert habe. Die Habimah sei eine europäische Angelegenheit und sie werde nach Amerika europäische Kunst tragen. Barnowsky übermittelte die Grüße von Elisabeth B e r g n e r, die zu den Bewunderern der Habimah gehört. Zum Schluß gab er der Hoffnung Ausdruck, die Habimah recht bald in Berlin wieder begrüßen zu können. Sammy Gronemann dankte Barnowsky für das Geschenk, das er den Berlinern durch Veranstaltung des Gastspieles gemacht hat. Im Namen der Berliner Künstler sprach Alexander G r a n a c h jiddisch. Nahum Zemach erwiderte hebräisch und dankte insbesondere dem Juden Barnowsky, daß er die Juden der Habimah nach Berlin gebracht habe. Wir zweifeln nicht, daß die Habimah zunächst in Hambürg und dann ir! Amerika neuen Ruhm und neue Erfolge ernten wird, zur Ehre und zum Nutzen der jüdischen Kunst und der hebräischen Sprachbewegung. Dieser Tage wurde in Minsk das erste Jiddische Staatstheater in Weißrußland feierlich eröffnet, wobei ein Vertreter der weißnissischen Regierung und Repräsentanten zahlreicher Kulturinstitutionen Rußlands Ansprachen hielten. In einem Gespräch mit Journalisten erklärte der neue Rektor der litauischen Universität, Prof. Michael Birsischka, er stelle mit Freude fest, daß sich die Beziehungen zwischen i־ _ sehen Fakultät an der litauischen Universität und bedauere sehr, daß vor einigen Jahren der damals bestandene Plan von den Reaktionären zunichte gemacht worden ist, und daß man sich dadurch der Ehre hat begeben müssen, einen Mann wie Prof. S. Dubnow zu den Lehrern der Unieersltät zu zählen. Prof. Dubnow war damals zum Leiter der judalstischen Fakultät ausersehen. Noch heute, schloß der Rektor, halte ich dafür, daß eine judaistische Fakultät der Ausgestaltung der litauischen Universität sehr nützlich sein würde; unser Ansehen in der Welt würde dadurch steigen. Die Initiative zur Schaffung einer solchen Fakultät muß aber nicht von der Universität seihst, sondern vom Sejm aus• gehen.

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