Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 85 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette öö8 JÜEÖfSCHI RUNDSCHAU Nr. 8S einen viel ausgeprägteren dramatischen Charakter, als sie ihn im Original haben können. Dafür verliert Rebekka (Baraks) etwas von ihrem prophetinnenhaften Großformat, und vollends wird die Szene zwischen Idnibaal und Jaakob, im Original bei weitem die stärkste Gestaltung, zu einem nicht ganz gerechtfertigten Beiwerk des ganzen Stückes. Für den Darsteller des Jaakob (Herrn Warschauer) bedeutete die Aufgabe, als einziger Sprecher in die Klangwelt der Engels-Szene gestellt zu sein, schwerste Belastung. Aber er hielt ihr nicht nur stand, sondern siegte als das Menschlich-interessante, unterstützt von dem grau-eindringlichen Saniael des Herrn B. Zemach über die bezaubernden und schimmernden Gebilde einer szenischen Vorstellungskraft, die man freilich von keinem westlichen Regisseur hätte erreichen können. Wer wie ich seine Erfahrungen in diesem Punkte am eigenen Geist und Blut sozusagen hat machen müssen, weiß, was das bedeutet: Nicht mehr und nicht weniger als das Vermögen, anschaulich und aus ursprünglicher Gestaltungsfreude die Phantasie des Dichters gerade dort zu stützen, wo sie in optischen und klanghaften Dämonen-Szenen auf den Regisseur unbedingt angewiesen ist. Unvergleichlich wie der Gesamteindruck des Ganzen war die Wirkung auf das zuschauende und zuhörende Haus. Es ging von diesen Worten, Rhythmen, Versen, ins Hebräische übertragen, eine packende und bannende Gewalt aus. Und so akklamierte das Publikum den! Stück, der Darstellung, dem ganzen Abend als einem nationalen Ereignis der hebräischen Renaissance. Arnold Zweig. Alfred Herr Aber Habimah Ueber Jaakobs Traum“ schreibt Alfred Kerr im Berliner Tageblatt ein Feuilleton, dem wir folgende Absätze entnehmen (aus dem Zusammenhang, unter Beibehaltung der Abschnittszahlen): IV. Sie reden wieder den alten Laut, Bibel-Laut, der mir leider fremd ist — obschon man, aller Abstammungswahrscheinlichkeit nach als Cousins Erzengel in der Familie hat, und Heerscharen und so. Wollte sagen: Bisher gaben die Habimah-Spieler mit Wildkraft und Bildkraft ganz Andres. Im ״Dybuk“ war es Ghettoschrecken. Ein Karikatur-Israel, übersteigert. Dort im ״Bethamidrasch“ (Haus der Bibeldeutung und Legendendeutung), aber im sarmatischen Dreck, im schmutzigen Exil des hinuntergestoßenen Volks der Stehauftnänner, —• dort war der abgestimmte, merkwürdige Klang der Gläubigkeit summend und noch von Nebenräumen her wie halbverirrt, wie trostsuchend... dort war der Klang von einer Gestuftheit, im Ablösen und Hinüberholen, im Anheben und Verschallen, im Einsetzen und Emporsprudeln und Dahinwiegen, im einsamen Schaukelton verfolgter Jnbrunst... dort war der Klang (findet jemals dieser Satz ein Ende?)... Dort war der gestimmte, toternste Klang, jenseits von irgendwelcher Glaubensform, ein Regiegipfel. (Alle die Profanjuden, so heute Bühnenleiter sind, kommen hiergegen nicht an.) V. Dabei hatten sie wie gesagt, jene Russo-Hebräer des Schauspiels ״Dybuk“ in grausigen Verzerrmasken gespielt. Schauerlich, mit Läusebärtea, Lederwangen, Qeiemasen — In einer last bewußt bumorigen fferabschaadeltmg: als wollten sie zum Pogrom herausfordern... Und jetzt geben sie Bibelbauem. VI. In EJergluft. Aber ohne Kitsch. Mit jener Struppigkeit und Rauhheit, zu der im unbefangenen Kemmenschen der Mut noch wohnt. Dann wieder, wenn die Engel des Alten Testaments auftreten, haben sie keine Furcht vor dem Hingleiten in die Oper. Es ist jedoch eine seltsame, fremdartig erschütternde Seelenoper. Bald mit strengem Klang sonorer Seeligkeiten; bald mit stillem zirpendem Feierton; mit geruhsamer Jodel- Sehnsucht; mit Innigkeitsgewipser — und verborgenem Harfenschlag. IX. Klang und Anblick: es fließt himmlisch und kindhaft zusammen. Wunderbar strömt ihr Sprechen ins Gesungene. Gleitender Uebergang; einschnittlos; musikhaft steter Fluß voll Herrlichkeit, Es ist richtige Oper: doch ganz verinnerlicht; doch ganz durchseelt; — und im Leid zu brünstig-hoher Ehrfurcht geworden. Der Spielhüter, Herr Suschkewitsch, hat (glaub* ich) keinen bekannten Namen. Aber es ist etwas lebenslang Unvergeßbares. XI. Jeder ist heilig am Werk. Jeder nur ein Ziegel in der Mauer. Alles frisch und unverglättet. Wunderbar. Aristokratische Volkskunst, Im Ungeleckten edelfühlig. Beherrscht und opferstill. Naiv und überlegen. Babinah im lonzerfsaal Der Einladung der ״Gesellschaft der Freunde jüdischer Musik“ und des Musikverlages ״Juwal“ folgend, werden am Sonntag, den 31. Oktober, nachmittags 4 Uhr, im Meistersaale, Köthener Str. 38, einige Mitglieder des Moskauer Künstlerischen Theaters ״Habimah“ einen Nachmittag geben, in welchem sie jüdische Gesänge, Tänze und Dichtungen zur Vorführung bringen werden. Es wird für weiteste Kreise eine Freude sein, von diesen hervorragenden jüdischen Künstlern einmal nicht im Rahmen des Dramas jüdische Kunst dargestellt zu sehen, sondern ihre hohe Kunst rrn Konzertsaal zu genießen. Es wirken mit die Schauspieler Chan ah Rowina (Rezitation), Isaak Golland (Gesang) und Benjamin Zemach (Tanz). Am Flügel B. Eßtnann. Das Programm enthält Lieder und Oesänge von Joel Engel, Michael Onessin, Alexander Krein, Moses Milner und Lazar Saminsky, Tänze von Kowner, Ssatz u. a. sowie Rezitationen aus dem Hohen Liede, Dybuk, Ewigen Juden u. a. — Da die Anzahl der Eintrittskarten beschränkt ist und wahrscheinlich an der Kasse kein Billetverkauf stattfinden wird, empfiehlt es sich, dieselben sich im Vorverkauf zu sichern, welcher im ״Juwal"-Musikverlag, Uetzenburger Str. 8 a, stattfindet. Telephonische Bestellungen werden unter Bismarck 6513 entgegengenommen. Habimah-Fest. Der Empfang der Habimah, über den wir in der vorigen Nummer berichtet haben, war veranstaltet von der Berliner Zionistischen Vereinigung, zusammen mit dem Beth Waad Iwri und den ostjüdischen Verbänden. Die Z. V. f. D. war durch ihren Vorsitzenden, Herrn Kurt Blumenfeld, und mehrere Mitglieder des Landesvorstandes vertreten. Zwei Welten Zur Kunst Jakob Steinhardts. Zwei große Erlebnisse haben der Kunst Jakob Steinhardts entscheidende Wege gewiesen. Zwei Welten haben diesen Künstler, eines der stärksten jüngeren Talente, befruchtet. Ganz in seinem Judentum wurzelnd ist ihm die Geschichte und das Geschick seines Volkes Quell seines Schaffens. Nahe der deutschen Ostgrenze geboren, in Berlin und Paris herangebildet, führt ihn der Krieg nach Litauern Er sieht die ärmlichen Dörfer und die in ihnen verkümmernden Menschen. Die Not des Galuth, die in tausend Oestaiten stillen Duldens, in tiefer Trostlosigkeit dahinschleicht, weckt seine jüdische Seele. Wie sieht dieses Volk aus, wie seine Umgebung! Des Künstlers Blick taucht hinab in die Tiefen dieses Daseins. Seine Blätter lassen schaudernd erkennen, wie das traurige Los diese Geknechteten und Entrechteten verschleißt und zermürbt, wie es ihnen Falten ins Gesicht meißelt und die Augen verschleiert, wie es die Bewegungen hart und eckig macht und den Nacken beugt, wie die Sonne kaum einen wärmenden Schein in die niederen Hutten sendet und sich alles in Dunkel hüllt. Gespenstervisionen schreibt seine Hand nieder. Die tiefschwarzen Flächen seiner Holzschnitte durchzuckt schwaches Licht, Menschen und Häuser sind in Dunkelheit versunken. Seine Radierungen vibrieren in magischer Unrast Diese Welt kann ihm nicht Leben bedeuten, sie ist ein böser Traum, Un- Wirklichkeit, Alpdruck, Notschrei, Klage und Anklage. Er wendet sich suchend zurück zu den geistigen Quellen seiner Ghettobrüder, deren unerschütterlicher Glaube allein dieses Dulden möglich macht Der unter der Last seines Packeis gebeugte Jude wird ihm zum Symbol des ewigen Juden, der Kreis nachdenklich zusammenhockender Greise zum Hiob. Die Schrecken der zehn Plagen formen sich bildhaft — eine romantische Versunkenheit, färb- und tonlos, düster und bedrückend, wie sie noch kein Künstler vor ihm so schreckhaft wiedergegeben. Ist es möglich, daß diesen Künstler ein neues Erlebnis jäh emporreißt! Der böse Traum zerstiebt Strahlende Sonne verscheucht alle Dunkelheit, Farbe leuchtet beglückend auf, Lebensfreude und Lebensbejahung. Keine Romantik mehr, kein Zurück, sondern siegesbewußtes Vorwärts. Nicht mehr der schreckhaft durchzuckte Mensch, das traurige Individuum, sondern freies Bewegen aufrechter Gestalten, die eins werden mit dem sie tragenden Boden, die nicht mehr einzeln ihre Not hinausschreien, sondern in gemeinsamem Hymnus singen. Erez- Israel ist die neue Welt, in der der Künstler sich wieder findet. Die Jahre der Zwischenzeit waren ernsthaften Studien und vielfachen Versuchen gewidmet Der Uebergang vom Schwarzweiß zur Farbe kann nicht über Nacht erfolgen. Die Meisterschaft des Pinsels muß durch mühselige Arbeit und harte Selbstkritik erkämpft werden. Aber alles Mühen bleibt im Experiment stecken, bis das große Erleben die schlummernde Kraft hervorbrechen läßt. Es drängt ihn zu Licht, Farbe, Natur und naturalistischem Schaffen. Während hier alles in winterlicher Lethargie erstarrt und ein bleierner Himmel trüb über den kahlen Fluren lastet, führt ihn der Weg zur Sonne zwiefachen Erwachens. Von Wärme durchglühtes Land, strahlende Helle überall. Täler und Berge, neuerstandene Städte und neuerwachte Menschen.! Es ist nicht leicht für den Nordeuropier, sich auf ortentalische Verhältnisse umzustellen. Die Palette des Künstlers ist dem Licht- und Farbensturm kaum gewachsen. Manchem versagt die Kraft, und es gelingt ihm nicht, das, was das staunende Auge einfängt, festzuhalten. Es gehört schon mehr dazu als Maikultur — nur durch die Seele, der das Erschaute auch inneres Erleben wird, kann es bezwungen werden. Nicht die historischen Stätten sind es, die den Geist hier beflügeln. Das neue Leben, der neue Gedanke, die hier alle gleichermaßen beseelende Idee, der Blick in die Zukunft, die vielverheißend wie glühendes Morgenrot heraufleuchtet, ist beglückende Lebensbejahung und Ansporn. Ke Frucht von Steinhardts dreimonatlichem Aufenthalt in Palästina sind einige dreißig Gemälde und Aquarelle. Der Visionär, der von der Not seiner Brüder im Osten durchbebte Ankläger ist zum Realisten geworden. Das nervös Zuckende ist einer breit fließenden Sicherheit gewichen. Diese Bilder sind ein neues Bekenntnis des Künstlers. Er hat die Geschichte und das Geschick seines Volkes neu erlebt Von Süden nach Norden ist er durch das Land gewandert, hat vom Skopusberge auf Jerusalem geblickt, an den träumhaften Ufern des Toten Meeres gestanden, den an bezaubernden Schönheiten reichen Lauf des Jordanflusses verfolgt und stolze Ruinen am See Genezar et h geschaut In den Gassen von Haifa ist er herumgewandelt, von Schaffensdrang getrieben, alles in sich aufsaugaid, was die Ueberfülle der neuen Gesichte ihm bot. Diese Bilder erwecken Sehnsucht Auch in dem Künstler ist durch diesen ersten Besuch im Lande der Väter eine neue Sehnsucht erwacht Wir hoffen, daß er sie sich und uns durch weiteres Schaffen an diesem Jungbrunnen stillen wird. Dr. Karl Schwarz. Von der loehsekale Nr Ae Wissenschaft des Jidentnn» Dr. Ahlbeck, der "bisher an der Akademie für die Wissenschaft des Judentums gearbeitet hat, ist, wie wir erfahren, neben Herrn Prof. Dr. Baneth zum Dozenten an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums ernannt worden. Dr. Ahibeck, bekannt durch seine ״Boreita“- und ״Tosefta“-Studien. namentlich aber durch seine Studien über aramäische Worte in der Mischna, hat schon vor zwei Jahren an dem jüdisch-theologischen Seminar in Breslau den hauptamtlichen Talmuddozenten, Prof. Dr. Guttmann, während dessen Lehrtätigkeit in Palästina vertreten. Die Zahl der hauptamtlichen Dozenten der Hochschule erhöht sich mit dem Eintritt des Herrn Dr. Ahlbeck auf sechs; es sind dies die Herren Prof. Dr. Baneth, Prof. Dr. Elbogen, Prof. Dr. Guttmann, Dr. Torczyner, Rabbiner Dr. Baeck und Dr. Ahlbeck. Ein Manuskript über Palästina aus dem Anfang des 18. Jahrhunderts enthält der soeben erschienene Katalog ״! u d a i c a“ des ״Utopia״ - Antiquariats Berlin, Kaiserallee 209. Das Manuskript beschreibt ausführlich die einzelnen Gegenden und Städte und bietet besonders durch zahlreiche Illustrationen in Federzeichnung ein Interessantes Dokument für den damaligen Zustand Palästinas. Der Katalog enthält außerdem eine Reihe zum Teil seltener Werke über Zionismus, Palästina und andere jüdische Gebiete, Höllischer und Palästina I Vor einiger Zeit hat Alexander Levy in der ״Weit. I bühne“ einen Artikel über Palästina geschrieben, der sich I Wahrheit nannte, aber nicht weiter war als ein Schimpt I konzert gegen Weizmanns Person. In Nr. 41 der ״Welt- I bühne‘“ hat dann Karl Glaser auf diesen Artikel geantwortetI und dessen schiefe Darstellung richtiggestellt. Nun ergreift I als dritter Arthur Holitscherin dieser Diskussion das Wort.I Wir schätzen Holitscher als einen Mann, dessen Herzen I Palästina und der Chaluz nahesteht, wenn er auch sein eigenes I Wunschbild vor die Wirklichkeit stellt und sein Unbewußtes I sich hartnäckig weigert, ihm die Knge, so wie sie sind, zum I klaren Bewußtsein kommen zu lassen. Wahrscheinlich ist er I zuviel Dichter, um unabhängig von Impressionen und Ge-1 fühlen die Kausalkette mit unerbittlicher Logik bis zu Ende I zu verfolgen. Holitscher hat in der ״Neuen Rundschau“ vor I einiger Zeit einen Aufsatz über Palästina veröffentlicht, in I welchem er ein vernichtendes Urteil über die vierte Alijah I gefällt hat, in der er eine Gefährdung Palästinas und seiner I sozialen Entwicklung sah. Er machte der Exekutive schwere I Vorwürfe, daß sie diese Einwanderung duldet. Ke ,״Jüdische I Rundschau“ hat damals gegen ihn polemisiert und wörtlich! geschrieben: ״Das Verlangen, die Zionistische Exekutive sollte! sich zum Sittenrichter der einzelnen nach Palästina kommenden! Menschen machen, die Einwanderung rigoros sieben, mutet I ejnem bürokratischen Verfahren Aufgaben zu, die es nicht I lösen kann. Nur das Leben wird diese Auslese vollziehen.“ - I Heute wirft sich Holitscher als Verteidiger des ״Luftmenschen“ I aut und erinnert sich jetzt eines Ausspruchs von Chaluzim, I Palästina sei eine Angelegenheit des gesamten Judentums. I ״Dies ist zu bedenken,“ schreibt er, ״solch ein Wort bewahrt I man auf, an innerster Stelle.“ — Holitscher hat es aber I nicht ״bedacht“, als er seinen Aufsatz in der ״Neuen Rund• I schau“. schrieb, der doch nach jenem Gespräch mit den I Chaluzim verfaßt war und worin er keine Notiz davon nimmt, I daß der Zionismus in erster Linie die Lösung der Judenfrage I bezweckt. I Wieso plötzlich diese Sympathie mit den Ausführungen I eines Alexander Levy, der ein Exponent jener Gruppe und I jener Anschauung ist, die Holitscher in Grund und Boden I verdammt und für die er vor einem Jahr — die Zionistische I Exekutive verantwortlich gemacht hat? Holitscher zeigt in | seinem Aufsatz selbst die psychologischen Zusammenhänge. I Er ist persönlich verärgert, weil man ihn bei der Eröffnung I der Universität, wie er meint, ״boykottiert“ hat. Nun finden I wir es natürlich bedauerlich, wenn nicht alle Gäste bei den I großen Festlichkeiten in Jerusalem mit der gebührenden Aut-1 merksamkeit behandelt worden seien;; andererseits a' er müßte I doch jeder verstehen, daß in diesem riesenhaften Trubel, wo! Menschen aus fünf Weltteilen zusammenströmten, wo immer I wieder prominente Persönlichkeiten auftauchten, die doch natur-1 engen Jerusalem mit tausend technischen Schwierigkeiten ver-1 bundenen Veranstaltung nicht immer alles bis ins letzte klappen I kann. Ke führende Mnänner haben dabei andere Sorgen, als I sich um den Apparat zu kümmern. Man kann also etwaige I Organisationsfehler beanstanden, aber man muß schließlich I doch verstehen, daß sie nicht einer bösen Absicht entsprungen I sind, und man darf sie nicht ewig nachtragen. Aut keinen I Fall darf man sich verleiten lassen, nun die Sache, um die es I geht, stets unter dem Gesichtswinkel einer ״Affäre“ zu sehen. I Wir glauben, daß kein gerecht denkender Mensch aus den per-1 sönlichen Vorfällen, die Holitscher in der ״Weltbühne“ schil- I dert, dieselben Konsequenzen ziehen wird wie er. Es tut uns um I 1 Holitscher• willen leid, daß er diese Argumentation öffentlich! // vorgebracht hat, zugleich aber feit es uns angenehm, 'nuhriaaciil'! öffentlich über diese Knge sprechen zu können, weil sie viel-1 leicht nach psychoanalytischer Methode durch offene Aussprache I aus der Welt geschafft werden können, statt unterirdisch I weiterzubohren. Nach genauester Kenntnis der Verhältnisse I und Personen können wir getrost behaupten, daß eine Brus-1 kierung Holitschers nicht beabsichtigt sein konnte, und dab I gar die Vermutung, man wollte in Holitscher die Chaluzim I treffen, ans Absurde grenzt. I Ke Sache hat aber einen ernsten Kern: Holitscher I fühlt sich abgestoßen davon, daß reichen Juden, reprä- I sentiert durch ״Strumpfwirker X. aus Kansas City“ eine be- I sondere Wichtigkeit beigemessen wird. Im gleichen Atem I wirft er der zionistischen ״Regierung“ vor, daß sie den I Chaluz in der Ebene Not leiden laßt. Hier gibt es doch einen I ganz einfachen Zusammenhang. Ke Zionistische Exekutive I ist eben keine Regierung, die ihr Budget durch Besteuerung I sämtlicher Juden decken kann; sie muß vielmehr zwei gleich I schwierige und mühevolle Arbeiten auf einmal bewältigen, I auf der einen Seite kolonisieren, auf der anderen Seite das I hierfür erforderliche Geld holen, und zwar vor allem aus I Amerika. Der von Holitscher beschimpfte Weizmann trägt vor I allen anderen die Last dieser Hol-Arbeit. Meint Holitscher I wirklich, daß es einem Mann wie Weizmann immer angenehm I ist, mit diesem oder jenem Geldmagnaten zu verhandeln? I Er tut es — um der Chaluzim willen. Er betrachtet I dies nicht als Erniedrigung, weil er weiß, daß es einen anderen I Weg nicht gibt, um die Palästinakolonisation zu ermöglichen. I Der Gedanke, das Weltproletariat könnte die Kosten des I Aufbaues der palästinensischen Arbeitersiedlung übernehmen, I ist allerdings noch keinem real denkenden Gehirn gekommen. I Das Weltproletariat vermag nicht einmal den englischen Berg• 1 arbeite™ zu helfen und wer sich über solche Möglichkeiten I noch Illusionen macht, möge die Reden der Gewerkschafts• I füll rer auf der letzten Konferenz der Labour Party in Margate I lesen, die einer nach dem anderen erklärten, sie könnten nur I für ihre eigene Gewerkschaft sorgen und nichts für die I Bergarbeitergewerkschaft tun. Für Palästina wird nur das I jüdische Volk das Geld geben, und Weizmann hat es ver- I standen, sogar Geld- und Geschäftsmenschen, Strumpf• I Wirker X. und Y., zum Geben für einen idealen Zweck zo I erziehen. Er hat dabei seine und die zionistische Würde ge- I wahrt. Er verdient es nicht, daß ein Mann wie Holitscher, I der sich doch nicht, wie Alexander Levy, Palästina als Groß- I Tel-Awiw vorstellt, sondern der im Gegensatz zu Levy den I Chaluz als das Grundelement des Aufbaues betrachtet, ihn 1 deswegen verunglimpft. Jeder Mensch hat seine Sympathien I und Antipathien, über die man nicht richten kann; aber I jenseits dieser persönlichen Knge darf man ein gerechtes I sachliches Urteil fordern. Nur das Persönliche zu sehen und I auf Grund einer gemeinsamen Abneigung gegen eine Person I Ausführungen für ״jedes Wort wahr“ zu erklären, mit deren I sachlichem Inhalt man unmöglich übereinstimmen kann, ist I in hohem Grade bedenklich. Wir wünschten, daß auch Holit- I scher, wenn er das Beste der Chaluzim will, einmal die Zu- I sammenhänge zu Endde überdenkt und zu einer gerechteren I Würdigung der in unsäglichen Schwierigkeiten geleisteten I Arbeit kommt | Ke Pläne für die Errichtung eines geeigneten Gebäudes für das Hebräische Gymnasium in Jerusalem, das auf einem Grundstück in Rechawiah (Ratisbonne) gebaul werden soll, sind fertiggestellt, ln dieser Gegend soll auch ein Gebäude zur Unterbringung der Büros der zionistischen Exekutive, des Keren Hajessod und Keren Kajemeth und der damit zusammenhängenden Institutionen errichtet werden.