Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 85 (29.10.1926)
- Date
- 1926-10-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. RS 1DFHI5CHE RÜNT55CN AU Sefte 9(ff Der Habimah zum Abschied Eine Disputation Von Sch. Gorelik. Da man überall -- außer bei denjenigen Juden, die eine absichtliche Gleichgültigkeit jüdischen Dingen gegenüber /ur :Vnau tragen — sehr viel über das Habimah- T 11 e a t e r spricht, so konnte man nicht umhin, auch in diesem Kreis, von dem hier die Rede sein soll, über das bedeutsame und an seelischen Erlebnissen so reiche Ereignis im künstlerischen Leben Berlins mit großem Eifer und überaus regem Interesse;11 debattieren. Freilich /um sichtlichen Aerger eines Anwesenden, dessen Begeisterung und Bewunderung für das hebräische Theater nur mit jenem jungen Chossid in der ersten Szene des dritten Aktes vom ״Dy buk“ verglichen werden kann, der am Ende des Tisches sitzt und beim Lauschen der Worte des Zarlik von Mvropol vor Verzückung buchstäblich vergeht. Cr wollte keine Diskussion zulassen, auch das Loben mißfiel ihm. Höchstens mochte er noch jene Form des Pathetischen gelten lassen, die in der Kunst der Habimah selbst ihren vollendeten Ausdruck gefunden hat, nämlich das Singen. Und da cs dazu nicht reichte, war er ungeduldig, bat, beschwichtigte, drohte und tat dies in überaus rührencier Weise, indem er immer nur wiederholte: ״Meine Herren, wozu noch reden, es ist doch überall und von allen anerkannt.“ Er war sehr hilflos in seinen Worten und nur seine Gebärden konnten Zeugnis ablegen von dem Grad seines Glückes und seiner Verzückung. Schließlich, als er seine Ohnmacht, eint Debatte zu verhindern, erkannte, setzte er sich in einen entfernten Winkel, den Niggun der Batlonim vor sich hinsummend. Die Diskussion begann zuerst planlos mit den üblichen Unterbrechungen, bis man auf den richtigen Weg einer ernsten Auseinandersetzung kam, wo gewöhnlich nur Einige die Last der Unterhaltung tragen und alle anderen eine Gemeinde interessierter Zuhörer sind. ״Wie merkwürdig ist doch immer jüdisches Schicksal“ fing ein Herr an, von dem mau wußte, daß seine beliebteste Art war, jüdische Angelegenheit als Sprungbrett zu Betrachtungen allgemeiner Natur zu benutzen, ״wie merkwürdig ist doch jftdisches Schicksal, wiederholte er sinnend und in sich gekehrt,“ in einer Zeit schwerer Umwälzungen, in einem Lande, wo man Vergangenheit und Gegenwart zum rücksichtslosen Kampf auffordert, in dieser Zeit, in diesem Rußland, diesem schweren rätselhaften Land der Karamasow, der Stawrogin, entsteht und gedeiht ein hebräisches Theater zu seltenster Blüte, ein Theater, das nur Vergangenheit gestaltet. Und weil es diese Vergangenheit in vollendeter Form gestaltet, wird es verherrlicht,!null es verherrlicht werden. Die jüdische Jugend, die in der Atmosphäre heißer Dialoge, waghalsiger Experimente lebt, wird auf einmal von einem wehmütigen Gesang angelockt, der aus einem Beth Hamidrasch kommt, aus jenem Beth Hamidrasch, den die Habimah mit solch innerer Kraft aufgerichtet hat. Um ihn und Unter ihm .fühlen» erleben wie-die jüdische Welt von dazumal, sehen ,wir Menschen, die in feierlicher Verlassenheit, in strenger Isolierung nicht nur ver* folgt, sondern auch mit der ganzen Fülle einer großen alten Kultur leben. Wir haben auch jetzt Feinde, viele Feinde — die wenigen Freunde sind laue Freunde aber isoliert sind wir nicht mehr. Wir ziehen alle berechtigten Vorteile davon, allein jene Feierlichkeit ist dahin und auch die große Schwermut. Sie fragen mich nach dem stärksten Eindruck, den ich von den Vorstellungen der Habimah gewonnen habe; für mich waren es die Batlonim im Dybuk. Sie wundern sich, meine Herren, Sie geben natürlich auch zu, daß der Eindruck hier stark war, aber sie haben sicherlich erwartet, daß ich den Tanz der Bettler als das stärkste Moment bezeichnen würde. Das ist die■ Meinung vieler. Ich muß Ihnen offen gestehen, die Bettler haben mich nicht ergriffen. Die Bettler, wie wir sie in der Inszenierung der ״Habimah“ sehen, sind Kämpfer, sie brauchen nicht den Beistand unserer Seele. Morgen können sie Sieger werden. Sic besitzen die nötigen Waffen dazu: den Haß und den Durst nach Rache. Sie stehen im Getriebe dieser Welt, und nicht um letzte Dinge handelt es sich hier. Wo ist der Hauch der letzten Dinge zu spüren? Nur dort, wo eine Atmosphäre herrscht, die in heilige Stimmung versetzt und uns daran erinnert, daß wir flüchtige Gäste auf dieser Welt sind. Mögen die Betriebsamen der Jetztzeit oder auch die Psychoanalytiker diese Stimmung als ungesund erklären, man ist ein elendes Tier, wenn man niemals die Klänge der Miserlcordia in der eigenen Seele vernommen hat. Der Gesang der Batlonim ist jener heilige ewige Gesang, der auch in den weiten buddhistischen Klöstern ertönt, das ist der Gesang der großen freiwilligen Verzichter, ln jedem Beth-Hamidrasch befanden sich immer einige solcher Batlonim, man wußte nicht, woher sie kamen, für die betriebsamen Sender waren sie Menschen ohne Biographie, d. h. Menschen, die am Leben scheiterten, aber daß sie freiwillig gescheitert sind an diesem Leben, kann ein Sender Brinitzer nicht wissen, solange er sich im Besitze seiner eitlen gespreizten Würde und Macht befindet. Ach, dieser Gesang der Batlonim und dann, wie sie sich nach dem leidenschaftlichen Disput jeder auf eine harte Bank zur Ruhe legen, den Arm unter dem Kopf und noch im Halbschlummer über Wunderdinge des Reb Schmelke von Nikopol murmeln, und wie sie dann plötzlich erwachend Tehiliim jagen, das alles wühlt eine Seele auf, erschüttert und beglückt und läßt jene hohe Stimmung aufkommen, deren Wirkung man 11s eine besondere Gunst des Schicksals betrachten soll. Wie sind wir doch alle reicher geworden in diesen Tagen! Wie sind doch Dinge, von denen wir nur als Begleiterscheinung des Ooluslebens sprachen, zu kostbarsten Schätzen emporgehoben worden! Was haben diese Künstler aus einer jüdischen Melodie gemacht!“ Durch die9en Ausruf, der so aufrichtig klang, wurden die Anwesenden zu einer Art Tribut der Dankbarkeit eingeladen. Und wirklich, viele von den Zuhörern eilten, diesen Tribut zu zahlen, indem jeder hervorhob, was er besonders bei den Vorstellungen der ״Habimah“ empfunden und erlebt hat: ״Die Kleider mit dem gelben Fleck tragen sie wie Prinzen“, hörte man einen sagen. ״Sie haben Bewegungen des Körpers, die 11s Grimassen des Ghettos galten, in erhabene Gesten verwandelt“, bemerkte ein Zweiter. Man sprach von einer Apotheose des Golus, von Erschließung warmer Quellen des Trostes und Vertrauen in die Zukunft, da wir doch im Besitz solch unvergleichlicher Vergangenheit sind. Es wurde zu feier- 1 lieh, um eine Diskussion über die weiteren Möglichkeiten dieses Theaters zu führen, geschweige denn die Leistungen, das bisher Erreichte einer objektiven Betrachtung zu unter/ielieii. Fs I mußte sich jemand finden, der imstande war. etwas mäßigend zu wirken, indem er von der Höhe ein wenig herabstieg. Das geschah auch wirklich, als ein nicht unbekannter Literat die Bemerkung machte, daß die Batlonim die Bohemiens des jüdischen Ghettos, des Beth-Hamidrasch seien, Bohemiens, die aber statt Liebe zur Literatur und Kunst den Glauben an Gott in ihrer Seele tragen. ״Da Sie über die Bohemiens des Beth-Hamidrasch sprechen“, griff jemand ein, dem man es während des ganzen Abends ansehen konnte, daß er den reißenden Strom des Enthtisiasmus ein wenig cindämmen wollte, ״erinnern Sie mich gerade an jenen französischen Schriftsteller, ich glaube es war einer von den Brüdern Goncour(, der, als er eine Synagoge besuchte, die Aeußcrung tat, es käme ihm vor, als befinde er sich in einem Cafe des Glaubens, wegen des allzu großen Lärms nämlich. Es behagte ihm nicht sonderlich, daß die Juden ihre Zwiesprache, ihre Auseinandersetzung mit ־ Gott, derart schreiend und lärmend führten. Nun vergaß aber dieser geistreiche Franzose, einem Umstand Rechnung zu tragen, daß nämlich die Synagogen oft in kleine Festungen umgewandelt werden mußten und man dort um Hilfe schrie. Das laute Beten war nicht nur Inbrunst, sondern letzte Verzweiflung, ein Flehen nach Rettung, das nicht im Flüsterton gesagt werden konnte, da die Gefahr zu groß war, und die Aufmerksamkeit des etwas zerstreuten jüdischen Gottes mußte mit Gewalt, sozusagen, erzwungen werden. Aber daß das jüdische Theater so laut ist, daß kein jüdisches Theaterstück ohne Gesang möglich ist, darin erlaube ich mir einer! recht bedeutenden Mange! zt! erblicken, eine Not, aus der immer eine Tugend zu machen nicht geboten ist. Der Niggun der Chassidim, der Niggun des Gemore-Lcrnens ist an und für sich von bezaubernder Schönheit und ergreifender Schwermut. Ich stimme dem bei, daß die ״Habimah“ einen jüdischen Seufzer zum Kleinod verzückter Seelen gemacht hat. Wenn dieses Theater nach Amerika kommen wird, wird hoffentlich dort jemand auf den Gedanken kommen, einen Grammophonfabrikanten dafür zu interessieren, daß alle diese Niggunim, das Tehiliimsagen der Batlonim, der Singsang des Gernore-Lernens auf die Grammophonplatte kommt. Man muß es aufbewahren, man muß dafür Sorge tragen, daß diese gewaltigen Schätze nicht verlorengehen, denn sie gehen allmählich verloren, init jedem Jahr verschwinden sie immer mehr und mehr. Aufbewahren soll man sie, genau so, wie es notwendig ist, daß alle diese Habimah-Maskcn von einem Maler auf der Leinwand verewigt werden. Aber sehen Sie, trotz der gewaltigen Leistling bat man bei diesen uns so nahe gekommenen Schau- Spielern das Gefühl, daß sie nur solchen Theaterstücken gewachsen sind, in denen viel gesungen wird. Wenn man sie einfach menschlich sprechen lassen wird, wird sic die Kraft verlassen,. wkd 4er. ZauberuvaMassen, ,Und, somit wird ■ das Allzulaute, das Opemhafte in diesem Theater zu einem Zeichen der Schwäche, hier sind die Grenzen der Habimah gegeben. Wann werden wir im jüdischen Theater Schauspieler und Schauspielerinnen sehen, die uns nicht durch Psaltnodieren, durch Tremolofcrtigkeiten, sondern manchmal nur durch eine Kopfbewegung, durch ein Zusammenfalten der Hände in große seelische Aufwallung bringen werden? Nach dem Dybuk sah ich in der Volksbühne ״Das Grabmal des unbekannten Soldaten“. Ich fragte mich, ob eine solche Aufführung in der Habimah möglich wäre, und ich mußte diese Frage mit Zweifeln beantworten. Ich denke mir weiter, cs fände sich einer, der Bergeisohns Roman ״Das Ende vom Lied“ drainatisieren würde, Mirele Htrrwifz als Zentralfigur. Ich sehe keine Mirele in der Habimah. Ich finde niemanden unter den jüdischen Schauspielern, die auf jüdischen Bühnen auftreten, der das Seelenleben eines tiefen, komplizierten Menschen darstellen könnte. Das jüdische Theater darf uns nicht nur allein mit dem Wehklagen des Volkes in Jerusalem, als es den Tempel zerstört sieht, erschüttern können, es muß! auch den Hamlet zu spielen imstande sein. Als vor achtzig Jahren das erste nationale Theater in Moskau mit den wahrhaft genialen Schauspielern Szepkin, Karatygin, Motzalew entstand, war die Glanzleistung dieses Theaters eine Hamlet-Aufführung, die den größten russischen Kritiker Bjelinsky veranlaßfe, in langen begeisterten Aufsätzen diese Aufführung als nationales Ereignis zu feiern. Auch der einzelne Jude sieht oft den Tempel seiner Hoffnungen, seiner Träume zerstört, dann blutet seine Seele und dann vollziehen sich im Stillen jene Dramen, die ein Ibsen, ein Tschechow, ein Hamsun geschildert haben, und die in dem Spiel einer L>use, einer Germanown, eines Moskwin, eines Katzalon ihre Verkörperung fanden. Hüten wir uns vor Uebertreibungen. In der Beurteilung jüdischer Angelegen!!eiten, besonders aber Kunstangelegenheiten, werden wir oft von Außenstehenden mit Komplimenten geradezu überschüttet. Gorki z. B. kann es nicht unterlassen, immer, wenn er von unseren Dichtern spricht, das Wort genial hinzuzufügen. Derartige Komplimente grenzen gewöhnlich an Unhöflichkeit. Aber in diesem Falle scheidet das Verletzende aus, weil Gorki damit nur eine Abfindung leisten will. Er weiß, wie sein Volk sich gegen die Juden versündigt hat und da möchte er etwas Gutes sagen. Wir schätzen diese Beweggründe, aber wir dürfen den Weg der Bescheidenheit nicht verlassen und müssen immer bedenken, daß unter unseren Dichtern kein einziger da ist, der diese höchste Anerkennung, dieses Prädikat: ״der geniale“ verdient. Wir erleben selten Feste in unserer Kunst und deshalb sind wir alle so ersehüttert, so beglückt durch Habimah-Aufführungen, weil hier zum erstenmal unser Hunger, unsere Sehnsucht nach großen künstlerischen Erlebnissen befriedigt wird. Wahrlich, wir sind königlich beschenkt worden, aber wir müssen uns sagen, daß es doch nur ein Anfang ist. Dadurch, daß die Habimah nur die Vergangenheit und die nur im Rahmen des Kollektivismus gestaltet und nicht imstande ist, durch die Leiden des einzelnen Menschen, des einzelnen Juden zu uns zu sprechen, sind ihre Möglichkeiten vorläufig begrenzt.“ ״Die Vergangenheit“, erhob sich eine Stimme aus dem Kreise, hält die ganze jüdische Kunst gefangen: die Literatur, die Malerei, das Theater. Unser modernes jüdisches Leben hat nichts Ebenbürtiges aufzuweisen. Die religiöse und geistige Größe der verflossenen Jahrhunderte wird erst jetzt in der Kunst verkörpert werden. Es kommt die Zeit, wo die jüdischen Künstler aus alten jüdischen Chroniken, aus Graetz׳ zwölf Bänden sich inspirieren lassen werden, d. h., sie werden jüdische Geschichte lesen und dort eine solche Fülle von Ereignissen, von heroischen Gestalten, von Märtyrern und Duldern finden, daß sie das modern(• jüdische Leben, die Gegenwart noch mehr vernachlässigen werden. Die Geschichte der Juden aber ist düster, laut, pathetisch, und der Gesang ist wehmutsvoll.“ Man war dabei, ein neues Thema anzuschneiden, nämlich darüber, ob in einer solchen Anklammerung der jüdischen Kunst an die Vergangenheit eine Stärke oder vielleicht eine Schwäche zu erblicken sei, als der verzückte Verehrer des hebräischen Theaters aus seinem entfernten Winkel herantrat und sehr energisch, ärgerlich und gekränkt dasselbe wiederholte, die ganze Debatte sei höchst überflüssig, da ja das Habimah-Theater von allen und überall anerkannt sei. Wäre es denn nicht angemessen, wenn man diesen Abend mit dem Niggun der Batlonim abschlösse? Und ohne auf eine zustimmende Antwort zu warten, fing er leise an: ״Mipnch ma...Und da dieses ergreifende Lied zu einem kostbaren Schatz so vieler schon geworden ist, ertönte bald im Saal dies hohe Lied der Schwermut, das alle in eine erhabene, feierliehe Stimmung versetzte. Habimah - Gastspiel ״Der Ewige Jude" und ״Jaakobs Traum" I. In diesen beiden Stücken entwickelte sich und gipfelte das Gastspiel der großen hebräischen Schauspielertruppe, die erstaunlicherweise noch immer nicht in der Oeffentlichkeit als h c b r ä i s c h e s , sondern immer noch als ״Moskauer künstlerisches Theater“ figuriert. Es ist unerfindlich, weiche Rücksichten stark genug waren, um die stärkste Eigentümlichkeit der Habimah, nämlich daß sic eine hebräische Bühne ist, dem ahnungslosen Publikum zu verschließen, das zu einem großen Teil noch immer glaubt, in russischer Sprache nicht zu verstehen, was vorgeht. Dies mußte einleitend gesagt werden, weil die Perspektive, in die der Fortgang des Gastspiels die Truppe rückt, immer ausgesprochener aufs Nationale, Jüdische gerichtet ist. David P i n s k i s ״Ewiger Jude“ zieht seine ganze Wirkung, soweit sie nicht der Aufführung entstammt, aus diesem jüdisch-nationalen Grundmoment ln diesem Stücke geschieht nichts, dafür aber wird gesprochen. Und zwar davon, daß der Tempel in Jerusalem vor zehn Tagen zerstört worden sei, und daß in der kleinen Stadt Kirjath Arba zu eben derselben Stunde der Messias, Menachem, der Sohn des Hiskijah, geboren worden sei. Daß ein ländlicher Prophet dies verkündet, daß ihm selbstverständlich nicht geglaubt wird, daß die Stadtväter einen Boten nach Jerusalem entsenden, um die Wahrheit zu erfahren, daß das Messiaskind gerunden, die Wahrheit des Propheten erprobt uni ״das Kind durch einen Sturmwind wieder entrückt wird, macht den Inhalt der beiden Akte aus. Nichts davon sehen wir. Alles wird berichtet, berichtet von der Berufung des Propheten bis zur Entrückung des Kindes einschließlich. Wäre statt vom Tempel zu Jerusalem und dem Kinde Messias die Rede von! Turm zu Babel und dem neugeborenen Nimrod, so könnte das ganze Stück ohne Veränderung in babylonisches und jedes andere Milieu transponiert werden und wäre um kein Haar interessanter oder langweiliger. Daß also von den tiefsten jüdischen Erlebnissen gesprochen wird, von Tempelzerstörung und Messiasankunft, gibt den! ganzen schwachen Gebilde das Daseinsrecht. Es ist kein Stück, sondern nur das Gerüst eines Stückes, ein Libretto vielmehr, ein Text, der komponiert werden will, um Leben zu haben. Und freilich, nun wird er komponiert. Die musikalische Note der Habimah, die schon im ״Dybuk“ auf unvergleiehliehe Weise der Atmosphäre des Stückes diente, wird hier Herr. Musik und Form, d. h. szenischer Klang und szenisches Bild, geben dem Abend die Fülle, die das Dramolet ihm nicht geben kann. Dabei ergibt sich, was weiter nicht verwundert, daß musikszenisch der Anfang׳, Straßenhändler, halb tänzerisch angepriesene Waren aller Art, einkaufende Frauen, eine eiwas salomehafte Dirne, glücklicher zur Lösung kommen als der Schluß, der in eine pathetische Opernszene mündet Freilich in eine solche, aus der die Opernregie Berlins einiges lernen könnte. Das ganze steht und fällt mit Zemachs rauh-pathetischem Nabi. seinem Anhang, einer Alten in Grau und einem Blinden. Unvergeßlich, wie die fanatische Maske dieses hakennäsigen Berufenen sich gegen das Bunt der Greise und der Frauen abhebt wie zuletzt g^gen den Horizont. Als ein heiser-gewaltiger Geier Gottes horstet er einsam über der Szene, und aus seinem Munde wirft sich in machtvollen Urlauten alles, was diesen Abend Unvergeßlichkeit in unserer Erinnerung sichert. II. Ganz anders entwickelt sich das Erinnerungsbild an ״Jaakobs T raum“. Hier steht die neue machtvolle Vision der großen Engels-Szene durchaus im Mittelpunkt des Eindrucks. Erst auf ihr, auf ihren silber-grün und lila schimmernden säulenartigen Felsgebilden, auf ihren schwarzen Platten und grauen Kristallen und auf den bunten, von rot über gelb und grün zum tiefen fliederblau wechselnden Engelsgestalten, die den schwarzumhüllten Jaakob überragen, auf dieser überwältigend leuchtenden optischen Harmonie steht die Aufführung von Bcer-Hofmanns, den Lesern dieses Blattes bekannten Gedichtes. Ueber dieser optischen Harmonie errichtet die musikalische einen klingenden Bogen: unmittelbarer noch als im ״Ewigen Juden“ drängt hier Habimah zur Oper. Der Sprechgesang wird immer mehr Gesangsgespräch, die großen Reden der Engel werden zu Arien und die musikalische Untermaiung allgemach zu einem unsichtbaren Orchester. Das Stück muß sich den Gesetzen dieser Szene ergeben. Es wird überall dort zusammengestrichen, wo es ihr widerstreben mußte. Dabei kommt die erste Szene bei weitem am besten weg. Eine rauhere und härtere Welt als die edle Bcer-Hofmanns hat diese Frauen geformt, Basmat (Goldin a) und Oholibama (A. H e 11 d I 0 r) bekommen ebenso wie Edom (N. Zemach) ein körnigeres Redematerial und infolgedessen