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Jüdische Rundschau · 1926-10-26 · Heft 84 (26.10.1926) · page 3

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Nr. 84 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 599 Zur Londoner Wirtschaftskonferenz Von Dr. A1 b e r t B a e r, Berlin. Die Wirtschaftskonferenz hat durch ihre Beschlüsse fol* gendes festgestellt: 1 1. Keren Kajemeth und Keren Hajessod sind die tincrläßliehen Grundlagen unseres Aufbauwerks. 2. Darüber hinaus ist der Geldbedarf unserer Institutionen durch einzelne Anleihen baldmöglichst zu decken (wenn auch nicht durch eine große Anleihe). 3. Darüber hinaus hat die Privatinitiative sich zu betätigen, besonders in der Industrie. 1. Mit aller Deutlichkeit hat die Wirtschaftskonferenz den Primat des Keren Kajemeth und Keren Hajessod für die Aufbauarbeit betont. Neben der allgemeinen Bedeutung unserer Fonds, ״neben ihrer wichtigen Funktion auf sozialem und kulturellem Gebiet“ ist ihre wirtschaftliche Bedeutung hervorgehoben worden. Wichtig ist, daß diese autoritative Konferenz von ersten Fachleuten, von Männern der Wirtschaft, erkannt hat, daß ohne die Fonds keine Aufbauarbeit möglich ist, daß sie die Grundlage sind, insbesondere auch ״für Fundierung privater Unternehmungen“. Dies Gutachten von sachverständiger Seite muß von durchschlagender Kraft sein. Es ist dazu angetan, Einwände der Wirtschaftler, die Anhänger Tciner Privatwirtschaft sind, zurückzuweisen und ihnen damit von der wirtschaftlichen Seite her jede Begründung für Nichtbeteiligung am ״unwirtschaftlichen Keren Hajessod“ zu nehmen. Nach dem Gutachten der Sachverständigenkonferenz gibt es Enthaltsamkeit vom Keren Hajessod weder für die sich auf die Privatinitiative anderer Berufenden, noch für diejenigen, die selbst daran beteiligt sind, denn der Keren Hajessod fundiert die Arbeit jeder Privatinitiative. Auch für den Keren Kajemeth ist seine Wirtschaftliehe Bedeutung für das Aufbauwerk dargetan. Auch in der Arbeit für unseren Landfonds werden wir uns auf das Gutachten der Wirtschaftskonferenz beziehen können, da durch ihr Votum zugleich auch die sozialen Ideen des Keren Kajemeth, die Ideen des Gemeineigentums an Grund und Boden, als wirt- *chaftswichtig bestätigt worden sind. Aber die Konferenz liat zugleich zum Ausdruck gebracht, daß Keren Kajemeth und Keren Hajessod nicht genügen. Es ist nach den Erfahrungen der letzten Jahre klar, daß der Keren Fiajessod jedenfalls nach seinen jetzigen und auch wohl bei gesteigerten Einnahmen im wesentlichen nur das Bestehende erhalten und — was die Forderung des Tages ist! — die bestehenden Siedlungen stabilisieren kann; Neukolonisation ist nur in geringem Umfange möglich, und auch diese nur, wenn statt des Einsatzes an Geldmitteln menschliche Gesundheit und Arbeitskraft aufs Spiel gesetzt werden. Auch für die Industrie kann nur in geringem Umfange Kredit zur Verfügung gestellt werden. Auch der Keren Kajemeth kann bei gleichen oder gesteigerten Einnahmen seinen Aufgaben nicht gerecht werden. Allein, um die notwendigen Amelloriemngsarbeiten im Emek durchzuführen, bedarf er größerer Mittel, als aus laufenden Einnahmen Im nächsten Jahre zur Ver* j fügung stehen; Ganz zu schwelgen vom Erwerb neuer großer BoWeftftlchen,' i&besonderC W Gegenden, ,tot die wir bfeK^r noch nicht vorgedrungen sind. Diese Erkenntnis wird zwar niemanden von uns hindern, für beide Fonds im weitesten Ausmaß seine Pflicht zu tun, sind sie doch beide ״noch eine beträchtliche Zeitlang“ unerläßlich. Aber um wieder einmal — und besonders nach dieser Krise und ihrer hoffentlich baldigen Beendigung — unser Werk ein beträchtliches Stück vorwärts zu bringen, mit einem starken Ruck, um unsere Kolonisationsarbeit sichtbar vor den Augen der Welt zu vergrößern, um die alten Siedlungen zu stabilisieren, den Emck zu sanieren und neu zu kolonisieren, um an die Ausführung der vorhandenen großen Kolonisationspläne heranzugehen und so zugleich unsere politische Stellung stark zu festigen, brauchen wir große Mittel, die nur zu beschaffen sind durch eine Anleihe. Dies stellt die Konferenz fest, sie lehnt zwar für den Moment die Aufnahme einer großen Anleihe ab, spricht sich aber zugleich für eine Reihe von kleinen Anleihen aus, insbesondere für die zu begründende Landwirtschaftsbank und auch für die Industrie. Diese notwendige Anleihe zu beschaffen, ist die Aufgabe unserer leitenden Personen. 3. Die Konferenz erklärt auch, daß eine stärker einsetzende Privatinitiative jeder Art, besonders in der Industrie für den Augenblick und für die Zukunft von großer Wichtigkeit ist und dam angetan, unser Werk ein großes Stück vorwärtszubringen. Diese Erkenntnis muß allmählich in weite zionistische Kreise dringen. Unsere bisherige Erkenntnis, daß niemami sich der Leistung für Keren Kajemeth und Keren Hajessod entziehen darf, der darangeht, seine privaten Interessen mit Palästina zu verbinden, muß ergänzt werden durch die Erkenntnis, daß wir in ein Stadiu m unserer Arbeit gekommen sind, in dem Beteiligung an Keren Kajemeth und Keren Hajessod für diejenlgen nicht genügt, die über Mittel verfügen, die sie darüber hinaus für den Aufbau der palästinensischen Wirtschaft fruciitbar machen können. Keren Hajessod ist und darf nicht das Ende sei!!, sondern der Anfang, der notwendige und unerläßliehe An lang. Unser Werk verlangt gebieterisch, daß wir darüber hinausgehen. Diese Erkenntnis muß propagiert werden, muß sich durchsetzen und muß befolgt werden, Fs gibt heute bereits genügend Möglichkeiten für Vermögens,inlagcn in Palästina, die eine Stärkung unserer Arbeit darstellen, wie Kräftigung unserer Ranken, Erwerb von Obligationen, der Brünnsche Plan der Orangenpflanzungen und worauf hier besonders hingewiesen werden soll —- die Möglichkeit von Rodenerwerb für private Zwecke bei der P. L. D. C, Die Palestine Land Development Co. ist das offizielle Bodenkaufs- Organ der Zionistischen Organisation, die Mehrheit der Gründungsnk tien befindet sich in den Händen der Organisation, sie wird von der Organisation kontrolliert; um ihre Bedeutung darzutun hat der letzte Kongreß die Verdoppelung ihres Aktienkapitals beschlossen. Die P. L. D. C. hat den größten Teil des heute im jüdischen Besitz befindlichen Bodens erworben. Auch der Keren Kajemeth bedient sich ihrer für seine Verkäufe. Sie hat jetzt die Möglichkeit, neue große Bodenstrecken in jüdischen Besitz zu bringen, sowohl für den Keren Kajemeth, als auch für Gesellschafts- und private Zwecke, und zwar um so schneller, als es ihr gelingt, ihre noch vorhandenen Parzellen, insbesondere• die jetzt zum Verkauf stehenden Parzellen auf dem Karmel bei Haifa an Private zu verkaufen. Es bietet sich hierbei für viele eine Möglichkeit, sich selbst durch private Kapitalsanlage mit Palästina zu verbinden und dadurch auch der von der Wirtschaftskonferenz aufgestellten und notwendigen Forderung Genüge zu leisten. Liberalismus und Zionismus Von Hans Norden, Elberfeld. Dieser Aufsatz eines leider zu früh Dahingeschiedenen liegt seit mehreren Wochen in unserer Redaktionsmappe und war wegen Raummangels zurückgestellt worden. Nun ist der Verfasser in der vorigen Woche gestorben, ohne das Erscheinen erlebt zu haben. Möge der Abdruck gleichzeitig ein Akt des Gedenkens für seine Freunde sein. Red. Bef de•־ Gegenüberstellung zweier, verschiedenen Sphären der Welt- und Lebensanschstnmg angehörigen Begriffe, Ist erstes Erfordernis die scharfe Scheidung von Theorie und Praxis. Daß zwei Theoreme spezifischer Art einander nicht widersprechen, ist an und für sich keine Gewähr dafür, daß auch inre praktische Verwirklichung ohne Konflikte geschehen kann, Und umgekehrt Daß die Bescnner zweier, verschiedene Ausschnitte des universal Gedanklichen betreffenden Kreises im Leben Zusammengehen, bedeutet keine Garantie für die ideelle Reinheit ihrer Ueherzeugung. Wenden wir diese These auf das Problem Liberalismus und Zionisraus an, so bedeutet sie die Unterscheidung einer religiösen und einer national-kulturellen Kategorie. Daß ersterer eine solche ist, braucht in diesem Zusammenhang nicht näher betont nt werden. Daß letzterer praktisch, ja selbst theoretisch den Kultus des Nurnationaleii heute nicht mehr bedeutet, glaube ich in Anbetracht seiner nicht nur territorial-praktischen sowohl wie theoretischen Tendenz zur kraftvollen Geschlossenheit und letzten Besinnung auf sein wesentliches Sein a!1nehmen zu müssen. Positiv gewendet bedeutet mir der Zionismus, abgesehen von seiner formal-begrifflichen Daseinsweise, d. h. seines spezifisch Weltanschaulichen, die ihm eigene politische, soziale, religiöse, psychologische usw. Struktur in der Sphäre des praktischen Leben-.. Dali die Gedankeninhalte beider Geistesrichtungen miteinander bestehen können, die gleichzeitige Realisierung beider dagegen ein Widerspruch sei, das war die in Versammlungen, Gesprächen, Zeitungsartikeln so oft von mir wahrgenotnniene These. Wie mm steht cs damit? Ist dieser banale Dualismus in Wahrheit möglich? Bedeutet er nicht das lebensferne Zerschneiden unserer festgefügten körperlich-seelischen Synthese? Stellt nicht die prinzipielle Aufstellung geistiger Daten ohne den sofortigen Ausblick auf ihre evtl. Konkretisierung als solche schon einen Mangel an Entschiedenheit und demgemäß eine seelische läiehrlichkeit dar? Und umgekehrt. Bedeutet nicht z. B. die rein praktische Kolonisierung Palästinas, soweit sie nicht lediglich neutralen, farblosen Motiven entspringt, und dieses bedeutete ja an und für sich schon einen Wider- Spruch in sich selbst, d. h. die Negation des spezifisch Zionistischen - die Bejahung des zionistischen Programms? Im eigenen Lager nur? Ist wahrhafte Konsequenz und die Forderung innerer Unbedingtheit nur möglich innerhalb der eigenen Reihen, nicht zwischen den Lagern? Bedeutet denn letzthin die Existenz eines Menschen nicht auch oder vor allem das Postulat absoluter Zuverlässigkeit, in welcher Richtung auch immer? Die oben erwähnte Logik der iheoretischen Äfögliclikcit und der prakiischen Uimiögliclikeit ist mir selbst heute, trotzdem, oder gerade weil ich lange darüber nachgeclacht habe, unbegreiflich. Schließt die Bejahung einerseits liberaler, andererseits zionistischer Gedankengänge ohne weiteres die Zugehörigkeit zum ״Liberalen Judentum in Deutschland" bzw. zur ״Zionistischen Vereinigung für Deutschland“ in sich? feil glaube nicht. Und wenn es selbst so wäre, d. 1t. wem! eine klare Entscheidung nach beiden Riehtungen hin nur erfolgen könnte durch Organisierung in beiden Lagern, was können die aus!nassen- und gemeinscliaftspsychologischen, technischen und praktisch-politischen Momenten sich ergebenden Unstimmigkeiten und Konzessionen, die fälschende Nivellierung und die zahllosen Kompromisse bedeuten gegenüber der Reinheit der beiden lebendigen Ideen? Wenn jüdischer Liberalismus den zionistischen Gedankenkomplex sowoiil wie die Existenz einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina seinem Wesen gemäß zumindestens begreifen, ja relativ bejahen kann, und Zionismus als solcher andererseits die liberale Mentalität zuläßt, so kann icii nicht einsehen, warum nicht eine Menschenseele beides in sich vereinigen könnte. ich habe lauge mit mir gekämpft, und mit dem ehrlichen Sehnen nach immer tieferer Einheit, dieser urjüdischen Forderung, habe ich es nicht vermocht, zwischen zwei mir in keiner Weise als konträr entgegengesetzt erscheinenden Gedankensphären mich nach einer Richtung hin klar zu entscheiden und durch einen selbst vorgetäuschten Entschluß mich innerlich weiter zu zerspalten. Ich glaube, daß beide ,Anschauungen“ sowohl wie ihrer beider Verwirklichung in letzter Reinheit einander nicht soweit widersprechen, daß e i n Menschenhirn sie nicht letzthin beide in sich tassen könnte. Ich habe dem in so mancher Beziehung konstruiertem theoretischen Dualismus nur die kraftvolle Einheit meiner Seele entgegenzusetzen. Die praktische Bestätigung dieser meiner Stellungnahme ist die Tatsache, daß ich mich bereichert fühle durch drei gerade in dieser Hinsicht so wesensverschiedene Denker, wie sie z. B. Hermann Cohen und Constantin Brunner einerseits und Martin Ruber andererseits darstellen. Es ist nicht wahr, daß, weil der erste den Zionismus faßte als ״anthopologisches Mittel für die Fort- Pflanzung der Religion“*) und der letzte das Judentum hinstellte ais einen ״geistigen Prozeß“**), ich die Genialität beider in ihrer Eigenschaft als jüdische Denker nicht bewundern und Ihnen zustimmen könnte. Daß die so krasse Wendung Cohens gegen Spinoza z. B. wie umgekehrt Brunners gegen Kant ein, wenn auch nicht hierhergehöriges, so Soch to..|kidter.—Wel».'.InstrÄives>-,Phitj0Bjen.'-darst«ll־: tr• dis zumindestens relative Bejahen-Können zweier fundamental verschiedener System«, soll nur beiläufig erwähnt sein. In ebenderselben Weise bekenne ich mich zu zwei, ihrer primären Tendenz nach wesensverschiedenen jüdischen Kultur- Strömungen. Die gedankliche Andersartigkeit des Liberalismus und des Zionismus, gleich zwei Kreisen, d. h. ideellen Sphären, die einander nicht schneiden, rechtfertigt das Bekenntnis zu beiden zugleich, inwieweit nun die jeweilige Praxis, bzw. die aus empirischen Realitäten sich ergebenden Unzuträglichkeiten der hier vorgetragenen These widersprechen, ist eine andere, nicht hierher gehörige Frage. Hier handelt es sich lediglich um die gedankliche Klärung. Ein Widerspruch konnte sich mir i!ier nicht ergeben. Doch auch und vor allem gefühlsmäßig, in meiner Schicksals- und stammesgemäßen innigsten Verbundenheit bejahe ich beide Pole, Liberalismus und Zionismus. *) Siehe Hermann Cohen ״Jüdische Schriften“, Berlin 1924, C, A. Sc'nwetschke & Sohn, Bd. 2, S, 322. *') Martin Buber: ״Die jüdische Bewegung“, If. Folge, S. 26, ״Brief an Hermann Cohen“. Staunend und erschüttert folgten diesem Schauspiel rin deutscher Rezensent und ein übernationaler, antinationaler Sozialdemokrat. Des Rezensenten Antlitz verlor mit den fliehenden Stunden der Nacht immer mehr die Maske des Westens, die Tünche der Assimilation, und um vier Uhr früh schaute mir anstatt des noch um 12 Uhr anwesenden aber unbeteiligten Europäers ein Jude ins Antlitz. Der Sozialdemokrat hatte vor Mitternacht für die Veranstaltung ein überlegenes Lächeln. Und als ich ihn um 5;/י Uhr morgens, gerade da als Schluß-Apotheose des Festes Hatikwah angestimmt wurde, fragte, ob er sich freue, ein Jude zu sein, antwortete er nicht mit einem schlichten Ja, sondern mit dem getragenen der Bibel entnommenen ״So kt es“. Wir andern aber freuten uns dessen schou vor Mitternacht. Moses Waldmann. Die Leitung des Banketts hafte Sammv Gronemaun iniie. Den Reigen der Ansprachen eröffnetc Prot. Heinrich Loewe hebräisch; hierauf sprach für den Vorstand der Jüdischen Gemeinde Direktor Kareski, ihm folgte Saul Fschernichowsky. Rabbiner Emil Cohn sprach für die dankbaren Bewunderer; Viktor Barnowskv drückte die Hoffnung aus, daß Habimah bald wieder nach Berlin kommen möge. Dr. Alfred Klee entbot namens der Jüdischen Volks- Partei den Schauspielern der Habimah Glückwünsche und Dank. Tschemeriiisky erwiderte in klangvollem Hebräisch namens der Gefeierten und hob die Verdienste der Förderer und Schöpfer der Habimah hervor. Unter den Anwesenden bemerkte man Alfred und Hugo Döblin, Hermann Struck, Harry Torczyner, Arno Nadel, Dr. Horodczky, Max Pallenberg, Prot. Sobernheim, Else Lasker-Schüler, Alexander Granach, Prof. Ludwig Stein und viele andere in bunter Reihenfolge. Die Einzeldarbretungen wurden eröffnet von Benjamin Z e m a c h , der als Bruder von N. Zemach an gekündigt wurde. Bei der Nennung des Namens Zemach bereiteten die Gäste dem langjährigen Leiter der Habimah, N. Zemach, eine stürmische Ovation. Hierauf sang Golland die Arien aus Figaros Hochzeit. B a r a z verkörperte den ״Schneider“ und ״alten Junggesellen“, und schließlich gelangte Schalom Alechems ,״Sechsundsechzig“ zum Vortrag. Das Fest schloß um 5 Uhr morgens mit einem von Groncmaim ausgebrachten Hoch auf Frl. Dr. Sschargorodzkaja, die in unermüdlieber Arbeit das Gelingen des Festes vorbereitet hatte mid mit der Absingung der Flatikwah. Fabimak in konzerisaai Der Einladung der ״Gesellschaft der Freunde jüdischer Musik“ und des Musikveriages ״Juwal“ folgend, werden am Sonntag, den 31. Oktober, nachmittags 4 Uhr, im Meistersaale, Köthener Str. 38, einige Mitglieder des Moskauer Künstlerischen Theaters ״Habimah“ einen Nachmittag geben, in welchem sie jüdische Gesänge, Tänze und Dichtungen zut Vorführung bringen werden. Es wird für weiteste Kreise eine Freude sein, von diesen hervorragenden jüdischen Künstlern einmal nicht im Rahmen des Dramas jüdische Kunst dargestellt zu sehen, sondern ihre hohe Kunst im Konzertsaal zu genießen. Es w irken mit die Schauspieler Chanah R o - wina (Rezitation), Isaak Golland (Gesang) und Benjamin Zemach (Tanz). Das Programm enthält Lieder und Gesänge von Joel Engel, Michael Gnessin, Alexander Krein, Moses Milncr und Lazar Saminskv, Tänze von Kowner, Ssatz u. a. sowie Rezitationen aus dem Hohen Liede, Dvbuk, Ewigen Juden u. a. — Da die Anzahl der Eintrittskarten beschrankt ist, empfiehlt cs sich, dieselben sich im Vorverkauf zu sichern, welcher im ״Juwat“-Musikverlag, Lietzenburger Straße 8 a, stattfindet. Telephonische Bestellungen werden unter Pi&marclt 6313 entgegen genommen. Vortrag Theodor Lessing Von unserem Korrespondenten. —ch, Prag, 20. Oktober. Theodor Lessing sprach hier über das Thema: ״Das Judentum als Brücke zwischen Orient und Okzident.“ Der erste Ted seines Vortrages war eine Darlegung seiner philosopbisehea Ansichten über Geist und N*♦—■ Europa und Asien — wie er es in seinen philosophischen Werken lehrt, insbesondere in: ״Untergang der Erde am Geist“; der zweite Teil war der Anwendung dieser Ansichten auf das Juden- Problem gewidmet. Der Gegensatz Europa — Asien bedeutet für Lessing den Gegensatz von bewußter, wacher Kraft im Menschen und traumnahem, naturgeborenem Instinkt. Int Alten Testament sieht Lessing noch einen durchaus nationalen Naturmythus, erst das Neue Testament, das Christentum, bewirkt das Wach-werden des Menschen. Die Technik, die Maschinenkultur unserer Zeit, die Uebermächiigung der Erde durch den Menschen führt zum Untergang der Erde am Geist; darum erhebt sich gegen diesen Geist die Rebellion der außermenschlichen Kreatur. Auf dieser Seite des Kampfes steht auch das Judentum. Niemals ist die Entwicklung einer Menschengruppe naturferner vor sich gegangen als die des jüdischen Volkes, und trotzdem hat sich keine Mcnsehcngruppe erdentreuer erhalten. Und darum ist es befähigt, in dem Kampfe gegen die bloße Geist-Kultur eine wesentliche Rolle zu spielen. Europa ist das Reich des Geistes und der logisch-ethischen Zucht. Asien ist die Heimat, der Muttergrund der Religionen. Das Problem, weiches in Zukunft allen Völkern zufällt, das Soziale und das Nationale zu versöhnen, Europa und Asien zu überbrücken, dies ist durch ein einzigartiges Volksschicksal dem Volke Israel aufgebürdet worden. Darum bekennt sich Lessin״ zum Sozialismus und zum Zionismus. Er sieht den Kern des Zionismus im Pindarschen Wort: ״Werde, was du bist!“ Nur einige Gedanken konnten wir hier wiedergeben aus dem gedankenreichen Vortrag. Man hätte freilich gern noch ehört, wie Lessing sich schließlich die Versöhnung von rde und Geist, von Europa und Asien vorstellt. Man hätte gerne eine Unterscheidung gehört des Geistes, den Lessing ablehnt, vom Geiste, den wir nach Asien bringen sollen. Und inan hätte vor allem gerne über unsere Sendung in Asien und aus Asien für Europa Konkretes erfahren. Den allgemeinen Gedanken von unserer Vermittlerrolle zwischen Europa und Asien hört man ja oft; es wäre erforderlich, aus diesem allgemeinen Gedanken die konkrete Vorstellung zu geben. Der Vortrag war sehr stark besucht.

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