Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 82 (19.10.1926)
- Date
- 1926-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2651273-2652785-2652857--18612-2676397- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Kr. 82 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 585 Licht- und Schattenseiten Brief aus Polen. Die vierte Alijah vor einem ״Gerichtstribunal“. — Die Sünden des polnischen Zionismus. —- Neue Oüm des ״Haschomer Haza'fr“. (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, Mitte Oktober. Das zionistische Warschau hatte letztens eine ״Sensation“, welche großen Widerhall in ganz Polen fand. In zwei langen, sechsstündigen Sitzungen, vor einem Vieltausendköpfigen Publikum in den größten Sälen Warschaus, wurde ein ״G e r i c h t s p ro z e ß“ mit einem eigens bestellten ״Gerichtstribunal“ ״gegen die Rückwanderer aus Palästina und die vierte Alijah“ veranstaltet. Der zionistische Leser außerhalb Kongreßpolens wird diese Meldung kaum verstehen, besonders wenn er erfährt, daß die Arrangeure dieser eigenartigen Veranstaltung — Zionisten sind, nämlich die Warschauer ״Hitachduth“. Es ist nämlich im Gebiete des ehemaligen Rußland und noch heute im Sowjetreiche eine im jüdisch-politischen Leben weitverbreitete Sitte, gesellschaftliche Erscheinungen regelrecht nach allen Vorschriften der Gerichtsprozedur in öffentlichen ״Prozessen“ zum Urteil zu stellen. Wir sehen da ״Ankläger“, ״Angeklagte“, ״Verteidiger“, ״Sachverständige“, ״Zeugen“; es wird ein ״Anklageakt“ vorgetesen und ein ״Urteil“ veröffentlich! Der Vorsitzende des Gerichts macht alle Anstrengungcn, um objektiv die ״Verhandlungen“ zu leiten. Es ist natürlich einem jeden, auch in Polen freigesteift, seine eigene Meinung über derlei Veranstaltungen zu haben. Sie sind aber hier fest eingebürgert und die zionistische Bewegung kann schwer hier eine Ausnahme sein. Auf diese Weise besprach man im vorigen Jahre in allen Städten und Städtchen Polens das Problem ,jZion und Krim“ (״Krim gegen Zion“ hieß es mancherorts) und so wollte man auch jetzt die Re-emigranten der vierten Alijah und die Führer des ״Mittelstandszionismus“ in Polen behandeln. Wir haben in einem unserer letzten Briefe davon berichtet, welch schädliche Agitation die Rückwanderer aus Palästina gegen den Zionismus hier in Polen betreiben und dabei auch festgestellt, daß diese absichtliche und unabsichtliche Kompromitticrung des Zionismus allerdings nicht allen Zurückgekehrten vorgevvorfen werden kann. Vor ״Gericht“ zog man in Warschau nur die ״Brunnenvergifter“ aus der Masse der Rückwanderer. Ferner wollte man dieiclügen zionistischen Führer des polnischen Zionismus zur ״gerichtlichen Verantwortung“ ziehen, welche in den letzten zwei Jahren leichtsinnig den ״neuen Kurs“ ttn Zionismus propagiert haben und durch ihre damalige Haltung die jiidisehen Emigrantenmassen aneiferten, nach Palästina aus/11wandern, obzwar sie wissen mußten, daß diese kein für Palästina gehörig vorbereitetes Element sind. In diesem Sinne war die Anklageschrift abgefaßt; sie wurde vom Vorsitzenden des ״Gerichts“, Abg. Heller, verlesen und vom Ankläger, Abg. Lewinson. vertreten. Die Verteidigung übernahm das A.-C.-Mitglied Dr. Gottlieb, Führer der ״Eth Liwnoth“ in Polen, als Experte traten auf: Abg. Grün bäum und Ing. Schosehkes. Eine lange Reihe von Zeugen aus verschiedenen Schichten und Parteien wurde vernommen. Die Verhandlungen ver- Hefen nicht ohne mehrere, manchmal recht stürmische Zwischenfälle, das Publikum griff oft ״für“ und ״wider“ ein und veranstaltete lärmende Beifalls- oder Protestkundgebungen. waren di! Veranstalter moralisch berechtigt, als Ankläger zu fungieren? Dies«* Frage wuB objektiv mit einem ״ja“ beantwortet werden. Man mag über die Art und Weise, wie diese Anklage vorgebracht wurde, verschiedener Meinung sein; wahrheitsgemäß muß aber festgestellt werden, daß während der ״Hochkonjunktur“-Zeit in Polen, damals, als man mit dem größten Enthusiasmus von einer ״neuen Aera“ im Zionismus und in Palästina sprach, als man in den Jahren 1924 und 1925 die ״Dzika und Nalewki“ pries, daß damals in erster Reihe die polnische ״Hitachduth“ und die ״Al-Hamischmar“-Gruppe laut und unermüdlich, was ihnen große Unpopularität eintrug, vor Uebertreibung warnten und die heute zutage getretenen Folgen klar vorausgesehen und vorausgesagt haben. Die unvorbereitete, unüberlegte Ein- Wanderung hat nunmehr bankrottiert und mußte sich deshalb scharfe Kritik gefallen lassen. Was man vor ״Gericht“ zu hören bekam, brachte nicht viel Neues. Die Ankläger erinnerten an die große Idee des Zionismus und beschuldigten die vierte Alijah, daß sie diese große Idee der nationalen Aufrichtung in — goldene Münzen umwandeln wollten und als ihnen dies nicht _ gelangen ist (nicht gelingen konnte) — ziehen sie jetzt gegen Zionismus und Palästina los. Man zog eine Parallele zwischen den Arbeitsimmigranten und den ״kapitalistischen“ Einwanderern und die Ausführungen und Antworten mehrerer Zeugen waren die beste Beweisführung für die Kritik. Es traten aber auch solche Zeugen auf, welche sich nicht nur als ״Rückwanderer“, sondern auch als ״Zurückfahrende“ deklarierten. Man sah viel Eiern! und hörte von unsäglichen Leiden. Ein tieftrauriger Ausschnitt aus dem Lcbenskapitel ״Jüdisthe Tragödie“ benannt Es konnte für einen aufrichtigen zionistischen Teilnehmer zu einem tiefen Erlebnis werden ^das oft dem westlichen Zionisten erspart bleibt): der Anblick dieser Opfer, die der Zionismus fordert und fordern muß, soll die zionistische Idee zur Wirklichkeit werden und soll die nationale Heimstätte ein gesundes, gutfundiertes und freies Heim für die Zerstreuten Israels werden. Gastspiel des moskauer kDnstlerlschen Theaters ״Hahimair im הבימה Theater am Noliendorfplatz Täglich 8 Uhr abends: ״Dirbiik“ Diese Erkenntnis fehlte aber leider den meisten Zionisten hier; kein Wunder also, wenn die breite jüdische Masse solchen Phänomenen wie unsere gegenwärtige Krise, verständnislos gegen fibersteht. Der Zionismus in Polen hat leider seine erzieherische Aufgaben stark vernachlässigt, und dies rächt sich heute bitter. Die Verteidigung sprach vom ״großen“ Zionismus, von der Unmöglichkeit und Untunlichkeit, eine Auswahl der Palästina-Emigranten zu treffen. Mit Emeksiedlem werden wir den Zionismus nicht so rasch verwirklichen und darauf — auf das Tempo — kommt es ja an. Wir haben keine anderen Juden, kein anderes Menschenmaterial als dies, welches uns die vierte Alijah geliefert hat. Bauen! haben wir in Argentinien auch genug .. . Eine Wiederholung der bekannten Ideologie der ״Etil Liwnoth“ und ein Summieren der tatsächlichen Leistungen der vierten Alijah in Palästina. Aber auch ein Protest gegen die ״Meraglim“, welche ihren persönlichen Mißerfolg dem Zionismus zuschreibe 11. Die Sachverständigen gaben eine ausführliche Schilderung vornehmlich der wirtschaftlichen Bedingungen in Erez Israel und ihre Expertise ergab ein starkes Bekenntnis zur Land- Wirtschaft, als zur alleinigen Grundlage des neuen Palästina. Das Urteil wurde unter Länn vörgelesen. Eine scharfe Zurechtweisung der ״Verräter“ unter den Rückwanderern (fand auch Zustimmung der Verteidigung) und im zweiten Teil, eine scharfe Kritik der Ideologie der vierten Alijah. Dieser Teil rief energischen Protest seitens der anwesenden Anhänger der ״Eth Liwnoth" hervor. # Wie erquickend und seelenerhebend wirkte, gegenüber solchen Erscheinungen im polnischen Zionismus — die anfangs Oktober stattgefundene Konferenz von 300 Olim des ״Has c ho me r Hazai r“ in Polen. Es sind dies Zöglinge dieser bekannten Jugendorganisation, welche in der letzten Zeit eine mehr oder weniger gründliche ״Hachscharah“ in landwirtschaftlichen und handwerklichen Vorbereitungsanstalten dieser Organisatin durchgemacht haben und sich nun zur Abfahrt nach Erez-Israel vorbereiten. Sie kamen in Warschau zusammen zur Besprechung der Wege und Probleme ihrer weiteren Haciischarah und derjenigen,' die nach ihnen im Galuth denselben Weg gehen wollen, zur Besprechung der Fragen und Erfahrungen ihrer Ansiedittngen in Palästina. Es referierten u, a. Delegierte des ״Hasciromer Haza'ir“ aus Palästina, man sprach selbstverständlich hebräisch; man unterbrach für einen halben Tag die Sitzungen, um an der Straßensammlung für den Keren K a j e m e t h teilzunehmen . . . und kehrte dann zur ernsten Besprechung zurück. Hier wird mit dem Zionismus ernst gemacht. Man braucht kein Gerichtstribunal, keine Verteidiger, das Urteil ist bereits gefällt, hier in diesem kleinen! Saale, wo man nur freudige, braune Jugendgesichter beiderlei Geschlechts sieht. Das bejahende Urteil für den Zionismus, aber auch für den polnischen Zionismus. Da und auf den Feldern des Emek manifestiert sich die schöpferische Kraft des polnischen Zionismus. Wahrlich, man braucht auch in Polen nicht 2*1 verzweifeln. Wo sind aber die Alten, um diesen sehnsuchtsvolles! Jugendlichen zu helfen? In 23 Punkten erhielten im letzten Jahre 30S Sclmmrim und Schomroth ihre landwirtschaftliche Ausbildung. Es geschah fast ohne Zutun der Zionistischen Organisation. Die zentrale landwirtschaftliche Schule des ״Haschomer“ in Polen kann noch nicht ins Leben gerufen werden! Große Aussichten der Seiden-Industrie Der Seidenfabrikant Max Delfiner, der bekanntlich in Tel-Awiw eine Seidenfabrik errichtet hat, die — nach vorübergehender Schließung -. kürzlich neu eröffnet wurde, weilt seit einigen Tagen in Amerika. Jüdischen Zcitungskorrespondenten gegenüber äußerte sich Herr Delfiner über den Zweck seiner Amerikarcisc. Die Juden in Amerika, erklärte er, wissen zu wenig über die Möglichkeiten und die Wichtigkeit einer großen Seidenindustrie in Palästina. Herr Delfiner will Tel-Awiw zu einem Zentrum der Seidenfabrfkation machen. Er sehe nicht ein, warum Tel-Awiw für Palästina nicht dasselbe werden soll, was Lyon für Frankreich. In Lyon arbeiten 000 000 Arbeiter *in der Seiden- Industrie. Dieselbe Wirkung, die die Seidenindustrie auf die Entwicklung Leons geübt hat, würde auch eine große Seiden- Industrie in Tel-Awiw üben. Der Orient, Aegypten und die Nachbarländer konsumieren Massen von Seide und Pa- Estina ist diesen Lindern näher und vermag daher die Konkurrenz mit Frankreich erfolgreich zu führen. Erstens ist Fracht und Zoll viel billiger als aus Frankreich, zweitens vermag der palästinensische Fabrikant die Aufträge raschei auszuführen und auf diese Weise mehr Zeit zu gewinnen. Aber der palästinensische Fabrikant kennt auch den Geschmack und die Verhältnisse der orientalischen Länder besser. De! Orientale als einfacher Mensch zieht heimische Produkte den ausländischen vor. Er betrachtet die Industrie des Aus- 1and es als etwas Fremdes und würde mit großer Freude Produkte, die in der Heimat oder in der Nachbarschaft erzeugt werden, kaufen und verbreiten. Herr Delfiner will deshalb in Amerika aus eigener Anschauung feststellen, welche Sorten der Seidenindustrie in Amerika beliebt und am meisten gekauft werden, um für seine Seidenprodnkte einen neuen Markt zu gewinnen. Sir Ronald Storrs Iber PaUsfiia London, 13. Oktober. (J. T. A.) Der zionistische Zentralrat von Manchester und Salford gab zu Ehren des in England weilenden früheren Gouverneurs von Jerusalem und jetzigen Gouverneurs von Cypern, Sir Ronald Storrs, einen Empfang, in dessen Verlauf sich der Qast über die Position der Juden in Palästina äußerte. Ueberail, sagte Sir Ronald Storrs, stehen die Juden im Vordergründe. Das jüdische Gesundheitswesen ist so musterhaft, daß er selbst, wenn er medizinische Hilte brauchte, in das jüdische Hospital ging, immer mit gutem Erfolge. Nicht nur auf medizinischem Gebiete, sondern auch in allen übrigen Wissenschaften leisten die Juden in Palästina Unschätzbares. In den mathematischen, technischen, landwirtschaftlichen und besonders chemischen Studien, endlich auch in den Künsten und im Kunstgewerbe sind die Leistungen der Juden einzig dastehend. So oft er, der Redner, irgendwelche Informationen über Musik, Malerei und Bildhauerei benötigte, wandte er sich an Juden, und niemals vergeblich. Als er im ersten Jahre seines Aufenthaltes in Palästina eine Musikschule mit internationalem Ziele begründete, konnte er nach sechs Monaten feststellen, daß von 90 Schülern SO, von fünf Pro״ fessoren vier Juden war«!. Endlich übergab er die Schule der jüdischen Gemeinschaft, die sie in einer Weise ausstattete, daß die Schülerschaft, die die Schule verläßt, von höchster Ausbildung sei. Achnlich liegen die Verhältnisse in der Malerei, ähnlich auch im Sport. Die industrielle und finanzielle Entwicklung des Landes ist zum größten Teil jüdisches Werk, die jetzige Pause in der Entwickiung sei nichts Ungewöhnliches, Palästina werde sich bald wieder erholen. Er sei mit Bezug auf dieses Land ein glühender und überzeugter Optimist. Sir Ronald Storrs sprach zum Schluß die Meinung aus, inan solle von jüdischer Seite die britischen Beamten nicht allzu scharf kritisieren, schließlich ist niemand unfehlbar aber der gute Wille ist vorhanden Jerusalem, 10. Oktober. (J. T. A.) Unter den Auspicien des Moslemitischen Obersten Rates soll demnächst auf dem Boden des moslemitischen Wakuf bei Rubin, in der Nähe von Jaffa, eine arabische Siedlung erstehen. Die Kolonie wird 32 500 Du na in umfassen und die erste arabische landwirtschaftliche Schule in Palästina beherbergen. Gebt in die Habimab! Seht euch das Gastspiel der Habimah-Künstler au! Ihr werdet höchste Schauspielkunst, phantasiestärkste Regie, seelische Offenbarungen erleben! Ihr werdet erfahren, daß es noch eine Theaterkunst gibt, die packt und erschüttert, die hinreißt und aufwühlt, die in Schmerz die Seele erbeben läßt und in Freude das Herz aufjauchzen. Ihr werdet erfahren, daß die hebräische Sprache keine tote Sprache ist; daß die hebräische Sprache lebt, singt und klingt, daß sie durch Himmel und Erde tönt, daß sie die prädestinierte Sprache der Tragödie ist, daß sic die plastische Sprache, die dramatische Sprache, die Sprache der Seele, die Sprache der ״Neschamah“, die Sprache mit göttlichem Odem ist Geht in die Habimahi Ihr werdet unvergeßliche, unauslöschliche Eindrücke fürs ganze Leben erhalten! Berlin, den 13. Oktober 1926. Meinhart Maur. Weitere Pressestimmen Uber Habimah Auch die zweite Premiere der Habimah, ״Golem“ von Leiwik, fand lebhafte Anerkennung bei der gesamten Kritik. Monty Jacobs schreibt in der ״V o s s i s c h c n Z t g.“: ״Wenn ein armer Narr von seinen Mitbürgern meschugga genannt wird, so geht eilt Rauschen des heiteren Verstand־ nisses durch das Publikum. Sonst können den Text dieser Dramen nur wenige Menschen ira Hause fassen. Und doch war der ״Dybuk“ dieser hebräischen Truppe — Reinhardt und Jeßner werden es ohne Mißgunst zugeben —das stärkste Bühnenerlebnis unserer neuen Spielzeit. Die zweite Gabe der Moskauer Gäste, ״Golem“, ein Drama von G. Leiwik, wirkt nicht so unmittelbar wie die Legende vom ausgetriebenen Dämon. Denn seltener als im ״Dybuk“ wird hier die Melodie jener Gesänge angestimmt, in denen das Leid eines Volkes schluchzt, seltener fesseln den Blick jene Tänze, in denen ein Volk sich von seinem Leide befreit Aber das Erlebnis dieser Theaterkunst bleibt das gleiche, das Erlebnis, das hier eine Gruppe eng zusammengeschmiedeter Darsteller den Mund öffnet: Dienst an ihrem Gotte. So kehrt gerade die Theaterkunst eines Volkes ohne Bühnentradition zun! Ausgangspunkt aller szenischen Entwicklung zurück. Inbrunst, so heißt die gemeinverständliche Sprache, in der sich die Moskauer Fremdlinge allen Nationen verständlich machen.“ Fritz Engt!;1,1 ,.Berliner T ageblatt“: ״De Schauspieler des ,Habimah‘ dem Ideenkreis des Stückes nahe blutsverwandt, geben es mit naiver Inbrunst, aber nicht minder in höchster künstlerischer Zucht. Sie sind völlig im Bann ihres schaurigen Märchens. So mögen die Griechen ihre ältesten Tragödien, Götter und Menschen verbindend, gespielt und sie als Hörer empfunden haben. So wie diese Schauspieler ihre Gesichter durch Uebermalung aus dem Persönlichen ins fratzenhaft Typische hinüberzerren, das Auge in schwarzgeschminkte Höhlen gebettet, die Nase schnabelförmig zugespitzt, den Mund glührot 'umgellt: so können einst Lemuren Furcht und Schrecken erregt haben. Ihre Gebärden sind stürmisch, dennoch der klassischen weil ausholenden und feierlichen Geste, nicht fremd; keine Spur von der ungezügelten Heftigkeit, die wir sonst in osteuropäischer Körperhaltung finden. Ihre Stimme ist orgiastisch; sie ist hinreißend, wenn sie singen. Man merkt, daß der Gesang der primäre Ausdruck menschlichen Leidens und Sehnens ist, mehr als das gesprochene Wort. W a s wirder deutschen Bühne, die so reich an bedeutenden Einzelspielen! ist, immer wieder zurück wünschen, aus der Zeit her, da Brahm und Stanislawski ein Kunstwerk und seine Dar- Stellung als ungebrochene Einheit empfanden, hier ist es erfüllt und als Lehrbild aufgerichtet.“ Felix Hollaender im 8״-Uhr-Blatt“: ״So voll von Bewunderung, daß nichts mehr zu bewundern übrig blieb, verließ ich nach der Aufführung des ״Golem“ das hebräische Theater. Es kann meines Dafürhaltens keine Rede davon sein, daß wir es hier mit einer neuen, originalen Schauspielerkunst zu tun haben. Ein vorbildliches Ensemble, das ganz nach dem berühmten Muster Stanislawskis durch einen seiner begabtesten Regieschüler eingesr'w'־ und cüigcdrillt wurde, nötigte uns stärkste Achtung und Anerkennung ab. Wir fühlen, daß diese Menschen in ihrer Schauspielerkunst einen religiösen Kult ausüben — mit demütiger Inbrunst und Hingäbe ihren, fast möchte man sagen, synagogalen Denst zelebrieren.... Alle unsere Bühnen können von dem Geist und der strengen Zucht, die diesen Menschen innewohnt, lernen. Und unsere Schauspieler mögen aus diesen Darbietungen erkennen, wie man noch in kleinsten Aufgaben Vorbildliches zu leisten vermag.“ ״R. Z. am Mittag“: ״,Das Erstaunliche an dieser Truppe ist ihre rassenhafte Geschlossenheit, ihr in der dienenden Nachalimung der Stanislawski-Leute beflügelter Gesamtwille. Dazu eine aufbrechende Melodik von unerhörter Trauer und Wucht, den Schätzen der religiösen Rhythmen entnommen.“ Kritisch äußert sich Herbert 1 bering im ״Berliner Börsen-Couricr“ über ״Golem“: ״.. . Dieses wundervolle Theater, mit seinem wundervollen Ensemble, schien sich hier zu weit von sich selbst entfernt zu haben. Die Kontrolle ergab sich ohne weiteres: sobald man I jeder sang, oder der Sprechklang zur Melodie anschwoll, oder Szenen zwischen Einzelworten und Chorgesang aufgetcilt oder humoristische Auftritte gespielt wurden, war die alte Wirkung da. Die Schauspieler fühlten sich auf ihren! Boden. Die Zuschauer wurden gepackt. Sobald aber die großen Rollen dominierten, sobald die Gruppen Steilungen einnahmen, war die Wirkung dahin. Ei״ störender Hang zu photographischen Einzeigruppen und Posen machte sich bemerkbar, der nicht mit der Absicht einer unpersönlichen Maskenkunst verwechselt werden darf . . . Vom kunstgewerblichen, dekorativen Stil muß die ״Habimah“ zurückfinden. Ein elementarer Kunstgedanke, wie ihn das Gemeinschaftstheater vertritt, darf nicht entstellt werden. Sonst nimmt er vom individualistischen Theater Westeuropas nicht die starken, sondern die schwachen Möglichkeiten und bleibt unfähig zur Entwicklung.“ Ernst Heilborn in der ״Frankfurter Zeitung“: . In einem Gewirr von Masken bewegen sich zwei, drei Menschen, die Träger der führenden Rollen. ...Schon durch den Gegensatz zu dem Maskcngesindel treten sie ungewöhnlich hervor, erscheinen sie ungewöhnlich durchseelt und durchgeistigt. Auf ihnen ruht, im Gegensatz zum Clair obscur der andern, ein stetes, inniges Lidrt. Sie leben