Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 79 (8.10.1926)
- Date
- 1926-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 79 JUEDISCHE RUNDSCHAU Seite 50t Brief aus Polen (Die letzte Staatskrise. — Die Stellung der Juden. — Der Leidensweg der jüdischen Hochschuljugend. — Die neue Regierung.) (Von unserem Korrespondenten.) —g. Warschau, Anfang Oktober. Die soeben beendete Staatskrise in Polen verdient auch von jüdischer Seite größte Aufmerksamkeit. Wir haben in unserem vorletzten Brief schon darauf hingewiesen, daß in Polen gegenwärtig ein scheinparlamentarisches Regime herrscht, das den Juden günstig gesinnt ist, daß aber trotzdem die legitimen Vertreter der polnischen Judenheit aus prinzipiellen Gründen Verfechter der parlamentarischen und demokratischen Verfassung bleiben müssen. Die Maisieger unter Führung des gegenwärtigen faktischen Alleinherrschers Marschall Pilsudski, hatten damals den, wie es sich zeigt, kardinalen Fehler begangen, daß sie den diskreditierten Sejm nicht auflösen wollten und es vorgezogen haben, ein Scheinparlament am Leben zu lassen in der Gewißheit, dieser Sejm werde nichts beschließen, was den tatsächlichen Machthabern nicht willkommen wäre. Es kam aber anders. Der nach den Ferien zusammengetretene Sejm hatte die Aufgabe, den ordentlichen Etat zu verabschieden, und da gingen die parlamentarischen Parteien, unter ihnen auch die Juden, an die verfassungsmäßig ihnen zustehende Kontrolle der Regierung. Das jüdische ״Kolo‘‘ hatte Grund genug, scharfe Kritik zu üben. Erstens aus wirtschaftlichen Motiven. Das vorgelegte Budget enthält eine wesentliche Erhöhung der Ausgaben (vornehmlich im Etat des Kriegsministeriums), und es war klar, daß die daraus resultierende größere Steuerlast wiederum hauptsächlich die jüdische Bevölkerung zu tragen haben werde. Dazu kam eine viel schmerzlichere Wunde, der ״Numerus clausus“ an den polnischen Hochschulen. Ais die Regierung Bartel die_volle Giei.iiherechtigung der Juden proklamierte, war man sicher, daß schon Anfang des Schul- Jahres die jüdische akademische Jugend die Früchte dieser Haltung ernten wird. Es geschah aber anders. Der Unterrichtsminister Sujkowski tat nichts, um rechtzeitig zum Inskriptionstermin die Universitätsbehörden zu instruieren und den bekannten Erlaß des gew. Min. Glombinski zurückzuziehen. Es halfen keine Interventionen der jüdischen Abgeordneten. Es wurde bekannt, daß Premierminister Barte! ein entschiedener Gegner des Numerus clausus war, aber nichts tun konnte, um diese barbarische Gesetzwidrigkeit abzuschaffen. Was sich inzwischen an den polnischen Hochschulen abspielt, ist kaum zu beschreiben. Der Leidensweg der jüdischen Jugend, die sich zu Tausenden in die verschiedenen Hochschulen drängten, um hier unsägliche Schikanen und Drangsalierungen auszustehen, nimmt kein Ende. Die Prozentnorm wird schärfer und unmenschlicher gehandhabt als im zaristischen Rußland. Dort wußte man wenigstens, daß ein bestimmter Teil der Jugend Aufnahme finden wird, fetzt aber werden allerlei ״Kunststücke“ und Spitzfindigbeiten ausgeklügelt, um nach außen hin den Schein zu wahren und in der Gesamtheit der Studierenden den ״riehtigen“ (10) Prozentsatz der Juden aufzuweisen, in Wirk- Iiehkeit aber hat auch der diesem Prozentsatz entsprechende Teil der jüdischen Jugend keine Möglichkeit, aufgenommen zu werden. Es wurden willkürlich verschiedene Koniairsaufgaben, Intelligenzprüfungen usw. vorgenommen, aber nicht genug daran, erwiesenermaßen wurde fast überall (hier maskiert, dort unverschämt offen) diese Praxis so gehandhabt, daß das Resultat für die jüdischen Kandidaten negativ war. Es braucht nicht hervörgehoben zu werden, daß die Korruption an sehr vielen Orten ihre Orgien feierte. Die jüdische Presse Polens, die jüdisch-akademischen Verbände und der Jüdische Sejmklub haben ein umfangreiches Ziffernmäßiges Material, das einen traurigen Einblick in diese Verhältnisse gewährt. Kein Wunder also, daß die jüdische parlamentarische Vertretung, nachdem all ihre Bemühungen erfolglos waren, sich ezwungen sah, im Sejm einen Mißtrauensantrag gegen Min. ujkowski einzubringen. Zugleich aber liefen auch seitens der rechten Parteien ähnliche Anträge gegen denselben Minister (selbstverständlich aus ganz anderen Gründen) und außerdem gegen den Innenminister (dessen Verhalten aber den Juden gegenüber wohlwollend war) ein. Es entstand also eine seltsame parlamentarische Lage, da aus verschiedenen Gründen die Rechte und die Juden (zusammen eine Mehrheit) denselben Minister auf verfassungsmäßigem Wege stürzten (der Innenminister wieder durch eine andere Parteienkombination das Mißtrauensvotum erhielt) und außerdem durch Kürzung des Etats, wobei die Juden sich der Abstimmung sowohl im Sejm als auch im Senat enthielten — den Sturz der Regierung Bartel provozierten, gegen dessen allgemeinen politischen Kurs die Juden aber nichts cinzuwenden hatten. Die Regierung erklärte sich nämlich mit den zwei Ministern solidarisch und wollte außerdem keine Abstreichungen am Etat dulden. Jetzt kam das Einzigartige. Wo streng parlamentarisch regiert wird, ist bei solchen Anlässen die Situation doch ganz klar. In Polen aber entschied diesmal Marschall Pilsudski und trotz der eindeutigen parlamentarischen Kundgebung betraute der Staatspräsident dieselbe Regierung mit den Regierungsgeschäften. Es war eine offenkundige Provokation des Parlaments. Die Juden mußten sich auf die Seite der Parlanientsverteidiger stellen, hatten aber außerdem Grund, empört zu sein, da in der formell neuen Regierung trotz des Protestes des Premierministers Bartel das Unterrichtsportefeuille in denselben Händen blieb. Minister Sujkowski zog zwar inzwischen die berüchtigte Verordnung des Ministers Glombinski zurück, aber schon zu spät. Im Senat bekam wiederum die Regierung infolge der Stimmenthaltung der jüdischen Senatoren keine Mehrheit, der Sejm trat wiederum zusammen und stürzte mit denselben Stimmen (die Juden stimmten nicht) die Regierung Bartel zum zweitenmal. Man erwartete am selben Tage die Auflösung des Par- Piments. Es begannen schon sogar die Wahlbesprechungen im jüdischen Lager. Da kam eine Ueberraschung. Marschall Pilsudski übernahm selbst den Vorsitz im Ministerrate und berief ins Kabinett teilweise neue Männer, wobei ein Ruck nach links klar bemerkbar ist. Nach hartem Kampf im engen Kreise um Pilsudski fiel endlich Herr Sujkowski durch, trotz — der starken Unterstützung des Marschalls. Die Beweggründe Pilsudskis waren wahrscheinlich nicht politischer Natur und man darf daraus nichts auf die Stellung des polnischen Staatschefs in der.Judenfrage schließen. Der gegenwärtige Unterrichtsminister Prof. Bartel ist den Juden günstig gesinnt, und sollte er dieses Portefeuille behalten, wird er wahrscheinlich in seinen Ressorts wichtige Aendcrungen zugunsten der Juden vornehmen. Die Sejmsession wurde geschlossen und die politische Lage ist geklärt. Der tatsächliche Herrscher trägt auch verfassungsmäßig die Verantwortung, und dies ist auch vom jüdischen Standpunkt durchaus zu begrüßen. Was die nächste Zukunft bringen wird, kann hier kein Mensch wissen, da Uebcrrar.chungen auf der Tagesordnung sind. Es steht allenfalls fest, daß der Kampf zwischen Parlament und Regierung noch nicht abgeschlossen ist Welzmann über die Krise Nach seiner Rückkehr aus Italien führte Professor \Veizmann in London am 2. Oktober abends den Vorsitz in einer Versammlung verschiedener jüdischer Vertreter in London. Unter den Anwesenden befanden sich Mr. Gustaph Tack, Mr. Speelman, Major Nathan. Nach einem Berichte der Londoner ״Jewish Times“ referierte Weizmann über die ökonomische Krise in Palästina. Er betonte, daß die Zionistische Organisation die Verantwortung für die Liquidierung der Krise tragen müsse. Gegenwärtig sei die Situation derart, daß die Finanzverwaltung der palästincnsischen Regierung in Zeiten des Aufschwunges im Lande Vorteile aus dieser Konstellation ziehe. Wenn jedoch im Lande Schwierigkeiten entstehen, dann fällt auf Zionisten die Plicht, zu helfen. Eine derartige Situation ist Zweifellos ungünstig. Wir müssen jedoch die Arbeit fortsetzen. An der Aussprache beteiligten sich mehrere Herren. Eine eingeleitete Sammlung ergab an dem Abend den Betrag von £ 2000, wozu Weizmann persönlich £ 500 beitrug. Insgesamt sind in den letzten Tagen in London an Sonderbeiträge für den Keren Hajessod £ •1090 aufgebracht worden. Für die nächste Zeit ist die Einberufung einer speziellen Konvention für die S 0 n d e r a k t i o n des Keren Hajessod in England geplant, Keren Hafissod (Jitdisciies Paiasilnsuierio E.(1. : ■ ־־! 1 ■ j Einmaliger Vortrag ■ jj Prof. Dr. Franz Oppenheimer j; Frankfurt a. M. * ■ ״Kritisches und Positives י - zum Palästinawerk‘1 - ■ ■ ■ ■ S Montag, den 18. Oktober, 8 Uhr, £ * Blüthnersaal, Lützowstraße 76 ■ I ■ ■ * ■ ■ Karten zu Mk. 2.— und Mlc. 1.— bei Bote & Bock, ■ J Theaterkasse Tietz, Buchhandlung Ewer, Buchhandlung■ * ■ Kedem, Büro des Keren Hajessod, Meinekestr. 10 und £ ■ an der Abendkasse. / Studierende und Mitglieder von ■ *J Jugendorganisationen Mk. 0,50 (nur im Sekretariat des ■ ■ Keren Hajessod, Meinekestr. 10). m ■ ■ ■■■■■■■■■■Bl■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ Oie 0״ZET“• Konferenz in Moskau M os kau, 1. Okt. (J. T. A.) Am 15. November wird in Moskau die Konferenz der Gesellschaften für jüdische Kolonisation in Rußland ״OZET“ eröffnet werden. Die meisten der zur Konferenz eingeladenen ausländischen jüdischen Verbände haben bereits die Teilnahme an der Konferenz angekündigt. Der Hilfsverein der deutsehen Juden in Berlin hat als seine Vertreter Dr. Paul Nathan und Dr. Mark Wisehnitzer nominiert. Die Zentralverwaltung der Gesellschaft ״ORT“ in Berlin nominierte die Herren Dr. Lvovitsch und Dr. Singalowsky. Das Zentralkomitee der Gesellschaft ״ORT“ in Polen entsendet die Herren Dr. Siiberfarb, B. Kahn, Dr. Schippet und Dr. Biegun. Die Jewish Colonisation Association (lea) wird durch ihren Vertreter in Rußland, Herrn Leon Zak, vertreten sein. Das Londoner Komitee für jüdische Kolonisation in Rußland entsendet seinen Präsidenten Dr. loche I man 11, seinen Sekretär Yserski, ferner die Herren Stalbov und Slivko. Die New Yorker Gesellschaft ״Ikor“ entsendet ihren Vizepräsidenten Jakob Levin und ihren Sekretär Wattenberg. Die Gesellschaft für jüdische Kolonisation in Rußland entsendet Herrn Rubstein. — Das Joint Distribution Committee in New York und das europäische Joint-Büro in Berlin haben ihre Teilnahme bereits zugesagt, aber ihre Vertreter noch nicht nominiert. Preußisches Judenjeselz und Reichsverband Am 3. d. M. trat zum drittenmal die Kommission des Preußischen Landesverbandes zur Besprechung der Judengesetzgebung zusammen. Die erste Lesung des vorliegenden Entwurfes wurde zu Ende geführt und im Anschluß daran der Entwurf in zweiter Lesung en bloc angenommen. Bereits in der vorigen Sitzung war zu Beginn der Beratungen bcschlossjn worden, die Frage, inwieweit die materiell angenommenen Bestimmungen in das Staatsgesetz und wieweit etwa in ein gleichzeitig der staatlichen Genehmigung zu unterbreitendes autonomes Verfassungsgesetz (analog der seinerzeit von der evangelischen Landeskirche getroffenen Regelung) aufzunehmen seien, zurzeit noch offen zu lassen. Im Anschluß an die zweite Lesung fand eine Aussprache auch über diese Frage und den Inhalt des Verfassungsgesetzes statt, ohne daß es zu definitiven Beschlüssen gekommen wäre. Es wurde vielmehr beschlossen, den Entwurf des Verfassungsgesetzes mit möglichster Beschleunigung fertigzustellen und den Mitgliedern der Kommission vor ihrer erneuten Zusammenberufung zugehen zu lassen. * In der Sitzung der Vertreter der Landesverbände jüdischer Gemeinden, die am 18. Juli d. J. in München tagte, war die Bildung eines aus 0 Mitgliedern bestehenden Aus- Schusses beschlossen worden, der den Entwurf einer Verfassung des jüdischen Reichsverbandes fertigstellcn soll. Es ist nunmehr bestimmt worden, diesen neungliedrigcn Ausschuß auf Sonntag, den 10. Oktober, nach Berlin einzuberufen. Der Preußen-Verband wird in diesem Ausschuß durch seine drei stellvertretenden Vorsitzenden, die Herren Galewski, Dr. Klee und Justizrat Lilienthal vertreten sein. Aus Duisburg wird uns berichtet: Vorstand und Repräsentanz der Jüdischen Gemeinde Duisburg haben in der Sitzung vom Oktober 1026 einstimmig beschlossen, an dem Beschluß des 15. Gemeindetages vom 23. Januar 1921 fcstzuhalten, durch den mit Zustimmung auch des Vertreters der Duisburger Jüdischen Gemeinde die Gesamt- Organisation der deutschen Juden begründet worden ist, und den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden zu bitten, mit allen Kräften sich für die Beibehaltung der Reichsgesamtorganisation auf der 1921 beschlossenen Grundlage einzuset ■en. Diese Resolution ist dem Preußischen Landesverband ur:a <iv.11 Deutsch-Israelitischen Gemdndebund mitgetcilt worden Zionistische Bürokratie Aus Kreisen der palästinensischen unterer Beamtenschaft erhalten wir nachfolgende Erwiderung auf den Artikel Julius Bergers in Nr. 73 der ״J. R. Red. Herr Berger hat einen Artikel über zionistische Bürokratie geschrieben, in dein er sich mit der Entwicklung der /ionistisehen Beamtenschaft im allgemeinen befaßt. Er kommt dabei im besonderen zu nicht sehr schmeichelhaften Ergebnissen in bezug auf die palästinensische Beamtenschaft. Da seine Vorwürfe sich nicht allein gegen die höheren Beamten, sondern auch gegen diejenigen in untergeordneten Stellungen richten, so scheint es nur "erwünscht, daß auch diese letzteren sich dazu äußern. Zwei Fragen sind es, die wir stellen müssen: Was muß man von einer Beamtenschaft verlangen? Was kann billigerweise eine Beamtenschaft für sich verlangen? Fordern wir von unseren zionistischen Beamten die größtmögliche Leistungsfähigkeit, fordern wir von ihnen Pflichterfiillung. Die Leistungsfähigkeit einer Beamtenschaft hängt von ihrer Leitung ab. Denn ein Beamtenkörper umfaßt größtenteils Leute in untergeordneten Stellungen, d. h. bestenfalls Durchschnittsmenschen. Aus diesen Durchschnittsmenschen mit höchstens durchschnittlicher Bildung, mit höchstens durchschnittlichen Fälligkeiten — eine Tatsache, die wir gar nicht zu beklagen brauchen, denn wo sollten wir um Gottes willen mit lauter hochgebildeten, hochbegabten Menschen hin! — aus diesen etwas zu machen, ist Sache der leitenden Hand. Wer mit seinem durchschnittlichen Personal keine guten Leistungen erzielen kann, ist für das Amt einer leitenden Stellung nicht geeignet. Wenn die Leistungen zionistischer Verwaltungsköiper hinter dem Durchschnitt dessen, was ein solcher überall in der Welt zu leisten pflegt, Zurückbleiben, ist das einzig und allein die Schuld einzelner unbefähigter Leiter. Man wende nicht ein, daß die zionistische Beamtenschaft eben über dein Durchschnitt stehen und darum eine Eliteauswahl getroffen werden müsse. Woher sollen sich die vielen Bürobeamten in subalternen und subalternsten Stellungen rekrutieren, die wir brauchen? Es ist ein Trugschluß, anzunehmen, daß wir mit Leuten, die eine für ihren Posten außerordentliche Bildung und mehr als durchschnittliche Fähigkeiten mitbringen, größere Leistungen erzielen werden. Die richtige Auswahl, die unvoreingenommene Beurteilung der Fähigkeiten des einzelnen, ein sachliches Auswerten der persönlichen Wünsche, eine möglichst große Selbständigkeit jedem, der Fähigkeit und das Streben danach erkennen läßt, wird die Leistungsfähigkeit und Arbeitsfreude eines Beamtenstabes erhöhen. Wenn die leitenden Beamten die nötigen organisatorischen Gaben vermissen lassen, so müssen wir allerdings den Stab übter sie brechen. Des weiteren fordern wir Pflichterfüllung. Ein knapper, strenger Begriff; verkleinern wir ihn nicht, indem wir große Worte davon machen. Hüten wir uns vor Ueberheblichkeit, indem wir uns oder anderen einreden, daß die Pflichterfüllung eines zionistischen Beamten etwas anderes, höheres, vollkommeneres als die Pflichterfüllung anderer Sterblicher sein müsse. Das wäre lächerlicher Hochmut, der nicht geduldet werden sollte in einer Bewegung, die erzieherisch wirken will. Pflichterfüllung ist eine hohe Sache, darum gibt cs auch kein ״darüber hinaus“. Pflichterfüllung obliegt uns, wenn wir vor anderen und uns selbst bestehen wollen: ob wir Zionisten sind oder nicht, ob wir begabt sind oder nicht, ob wir Beamte einer zionistischen Institution sind oder ob wir bei einem Privatunternehmer arbeiten. Und wir definieren diesen Begriff dahin, daß jeder Mensch an seiner Stelle tun muß, was er kann, nach dem Maße seiner Kraft und seines Könnens, daß er die übernommene Arbeit ehrlich und zuverlässig, nach bestem Wissen und Gewissen ausführen muß. Wir verstehen unter Pflichterfüllung nicht, daß man seine ganze Kraft, sein ganzes Leben, die letzte Hingabe an seine berufliche Arbeit verschwenden soll. Es gibt nur sehr wenige bevorzugte Menschen, die in ihrer Berufsarbeit tatsächlich die Erfüllung ihres persönliehen Lebens gefunden haben. Wir können verstehen, daß jemand z. B. mit Leib und Seele Landwirt, Arzt, Erzieher, Lehrer oder Politiker ist — aber wir schaudern bei dem Gedanken, daß jemand mit Leib und Seele Buchhalter, Zeichner, Stcnotypist oder sonst ein kleiner Bürobeamter sein könnte. Was müßten das für armselige, bemitleidenswerte Menschenkinder sein! Heben wir unsere letzte Hingabe für etwas Schöneres, Froheres, Persönlicheres auf, für irgend jemand oder irgendetwas, dem wir frei und ungehindert unsere persön- Fche Aktivität widmen können. Dann werden wir am allerehesten keine vertrockneten Bürokraten, sondern wirkliche Mitarbeiter haben. In diesem Zusammenhänge noch eins. Verquicken wir unserer Beamtenschaft den Kampf ums Dasein nicht mit Moralpredigten. Wenn wir uns fragen, was darf unsere palästinensische Beamtenschaft billigerweise für sich fordern, so müssen wir zunächst folgendes feststelleri: Es ist nicht unmoralisch oder unzionistisch, wenn die Berufsvertretung der Beamtenschaft in Palästina sich in erster Reihe deren materielle Sicherung angelegen sein läßt; es ist sogar ihre erste Pflicht, das zu tun. Andere Aufgabenkreise — es gehört nicht hierher, darauf cinzugehen — kommen erst in zweiter Linie. Sehen wir uns die Rechenschaftsberichte ähnlieber Verbände im Auslande an: die gleichen .,Fragen der Gehälter, der Arbeitszeit, des Urlaubs u. dgl.“ stehen an der Spitze. Denn solche Verbände werden eben hauptsächlich zum Zwecke der wirtschaftlichen Stärkung einzelner Berufszweige gegründet; dazu sind sie da. Wir kommen zu einein weiteren Punkt. Wir sind damit einverstanden, daß die Auswahl der Beamten nach ihrer Eignung für das Amt, nicht aus Protektion und Freundschaft und ohne parteipolitische Beeinflussung zu geschehen hat, ganz besonders da, wo es sich um wichtige Posten und um Arbeiten von weittragender Bedeutung handelt. Dann zur Frage der Gehaltsfestsetzung: Es ist klar, daß diese Frage bei einem so großen Apparat nach irgendeiner Norm geregelt werden muß. Hierbei kann man von dem Prinzip ausgehen, daß die Leistung bezahlt oder daß das Gehalt nach dein notwendigen Verbrauch bemessen werden soll. Man kann beide Methoden verbinden und die Leistung bewerten, gleichzeitig aber Zulagen für Familien bestimmen. So hat man es in Palästina gemacht. Daß ferner die Beamten nach der Anzahl ihrer Dienstjahre gewisse Zulagen erhalten, entspricht durchaus den Gepflogenheiten in der ganzen Welt; wir sehen nicht ein, was gegen dieses Prinzip cinzuwenden Ist. Eines aber müssen wir mit allem Nachdruck zurückweisen: daß diese Fragen nach ״gesinnungsmäßiger Ein- Stellung“ entschieden werden sollen. Wir alle wissen, daß man von einer gleich hohen ethischen Auffassung und dabei sehr verschiedener Meinung sein, durchaus entgegengesetzte Gesinnungen vertreten kann. Auch in Bcamtcnfragen! Wir wollen keine Gesinnungsschnüffelei bei uns eingeführt sehen. Dann allerdings könnte eine völlige Demoralisation Platz greifen, dann wäre in der Tat der Willkür und der Protektion, der Partei und Cliquenwirtschaft Tür und Tor geöffnet. Ehe wir einwilligcn, daß Kriecher und Streber, die sich als die ideal Gesinnten, als die Opferwilligen vor ihren Vorgesetzten aufzuspiejen verstellen, eine Prämie auf ihre Gestaun!: [.;־,nichtigkeit 'erhalten, ehe wir /!!geben, daß von oben herab entschieden wird, ob ein Beamter die richtige, die