Mannheim
Compact Memory

Jüdische Rundschau · 1926-10-05 · Heft 78 (5.10.1926) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXI (1926)
Issue
Heft 78 (5.10.1926)
Date
1926-10-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2651273-2652785-2652853--18578-2676359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 78 Franz Oppenheimer Ober Palästina Professor Franz Oppenheimer, der bekanntlich vor kurzem im Auftrag der Zionistischen Exekutive Palästina bereist und darüber ein Gutachten erstattet hat, hieft vergangene Woche in Wien einen Vortrag, über den die ״Wiener Morgenzeitung•‘ wie folgt berichtet: Oppenheimer wandte sich zunächst gegen die Kritiker, welche just von der jüdischen Arbeit in Palästina einen 100 prozentigen Erfolg fordern. Dies sei ungerecht, denn noch nirgends habe man einen derartigen Erfolg staatlicher Maßnahmen erlebt, und es sei eine durch die Erfahrung erhärtete Tatsache, daß in aller Welt von rund 100 Unternehmungen nur drei vollkommen prosperieren. Wenn diejenigen, welche die politische und wirtschaftliche Entwicklung in Palästina schwarz sehen, sich in gleicher Weise auf europäische Zustände einstellen würden, müßten sie nach Verlauf von zehn Jahren furchtbare Verhältnisse gewärtigen. Das wichtigste Aktivum in der Bilanz der Zukunft sei, daß in Palästina mit einem vorbildlichen und heiligen Eifer gearbeitet wird. Es sei schön, zu sehen, daß jeder vermeint, von der Erfüllung seiner Spezialaufgabe hänge das Wohl und Wehe des Ganzen ab. Drei Probleme hätten ihn beschäftigt und beunruhigt, als er sich anschickte, nunmehr zum dritten Male Palästina zu besuchen: das A r a b e r p r o b 1 e m , der K a m p f^z w i s c h e n Kapitalismus und Sozialismus und das Problem der landwirtschaftlichen Siedlungen. Was die Araberfrage anbclangt, sieht Opppenheimer die Lage als durchaus günstig und gefahrlos, so lange England seine Hand über Palästina hält. Die Araber kommen unter der englischen Herrschaft in die Höhe und werden durch die jüdische Kolonisation gefördert. Der Fellache rührt sich, wird in der Bestellung seiner Felder erfahrener und wirtschaftlich kräftiger. Nach Oppenheimers Ansicht würde eine Gefahr erst dann eintrefen, wenn die arabische Majorität des Landes in die Minorität gedrängt würde. Diese Möglichkeit hält er nicht für gegeben. Das Tempo einer Einwanderung, wie es während der vierten Alijah einsetzte, sei nicht durchzuhalten und da die jüdische Frau in Palästina nicht geneigt sei, sich zum Kinderautomaten degradieren zu lassen, sei mit dem enormen Kinderzuwachs der Araber nicht zu konkurrieren. Folgerung aus diesen Prämissen sei die jetzt von den meisten geteilte Erkenntnis, Palästina könne nur ein Juden- Araber-Land sein oder — werde ein reines Araberlandbleiben. Was das zweite Problem, den Gegensatz zwischen K a p i - talismus und Sozialismus, anbclangt, so komme in Palästina die europäische Mentalität deutlichst zum Ausdruck. Es sei nun eine Abnormalität, daß ein bis auf die Zähne gewappneter Oewerkschaftssozialismus dastehe — ohne daß ein Gegner zu sehen ist. Es gibt nämlich in Palästina keinen organisierten Kapitalismus. Die Ueberspannung des Begriffes ״Ausbeutung“ werde sich erst beseitigen lassen, wenn der orthodoxe Marxismus überwunden sein wird. Er habe einen Windmühlenkampf gegen nicht existierende Gegner wahrgenommen. Die übertriebene Gewerkschaftspolitik schädige den Arbeiter selbst, weil sie den Arbeitsmarkt verengt. Keine Gewerkschaft ist stark genug, um die Gesetze des Marktes umzustoßen. Es gebe nur einen kapitalistischen Feind im Lande, und diesen habe man nicht rechtzeitig gesehen und trotz Oppenheimers Warnung nicht rechtzeitig bekämpft. Es sei der Boden Wucher. Oppenheimer äußerte seine Genugtuung darüber, daß die Boden- und Wohnungswucherer in der letzten Zeit eine furchtbare Niederlage erlitten hätten, die sie nicht so leicht verwinden werden. Ueber T e 1 - A w i w fällt Oppenheimer ein abfälliges Urteil. Man habe den Aufbau der Stadt den kulturlosesten Elementen ausgeliefert und sei gegen die Ausbeutung der Aerrnsten durch sie nicht genügend tatkräftig eingeschritten.׳ Tel-Awiw biete ein Bild der Stillosigkeit, wicctwader Kurfürstendamm in Berlin. Die aussichtsreichste Stadt — vielleicht der ganzen Levante ־— sei Haifa. Essei wünschenswert, daß sich der jüdische Nationalfonds in Haifa möglichst viel Boden sichere. Das dritte Problem sei das wichtigste: die landwirtsc ha ft liehe Siedlung. Handel und Industrie sind nur Aeste am Baume der Landwirtschaft. Der Zionismus stehe und falle mit dem Erfolg der landwirtschaftlichen Kolonisation. Es gebe drei Formen der landwirtschaftlichen Arbeit, näm- JUEDISCHE RUNDSCHAU lieh die als Landarbeiter, als Bauer und als landwirtschaftlicher Unternehmer. Der landwirtschaftliche Arbeiter muß sehr viel und vielerlei können. Selbst wenn er hochqualifiziert ist, muß er aber noch immer nicht die Eignung zum selbständigen Unternehmer haben, der die Verantwortung für Erfolg und Mißerfolg seiner Unternehmung zu tragen hat. Und ebenso taugt auch der tüchtige Bauer lange nicht dazu, einen Großgrund zu administrieren. Diese Erkenntnis, auf das jüdische Palästina angewendet, sei festzustellen: Wir haben noch sehr wenige voll ausgebildete Landarbeiter und von diesen ist wieder nur eine geringe Zahl geeignet, eine Bauernwirtschaft zu leiten. Was die einzelnen Wirtschaftsformen anbelangt, so fand Oppenheimer den Mose ha w, wie er gegenwärtig in Palästina besteht, für durchaus zweckmäßig und erfolgversprechend. Schlimm sei nur die Angst der Einzelwirtschafter vor dem Begriff ״Unternehmer“. Sie haben eine Höllenangst davor, in die kapitalistische Kategorie eingeordnet zu werden und versagen sich daher selbst, Hilfskräfte anzustellen. Dies hat die schlimme Folge, daß sie sich mit untauglichen Familienangehörigen belasten und die noch weit schlimmere, daß im Moschaw nicht die Möglichkeit besteht, qualifizierte Landarbeiter heranzubilden. Was die K w u 7. a h anlangt, so könne man der aus geringer Zahl von Genossen bestehenden ״kleinen Kwuzah“ eine leidliche Prognose stellen, die große Kwuzah hingegen hältOppenheimer für unmöglich. Sie sei ein Zerrbild der von ihm empfohlenen Siedlungsgenossenschaft. Die entscheidende Differenz zwischen diesen beiden Siedlungsformen bestehe darin, daß die kooperative Gruppe nach der Leistung, die kommunistische Gruppe hingegen nach der Kopfzahl verteile. Oppenheimer kam zu folgenden Schlüssen: Für die zionistische landwirtschaftliche Arbeit kommen nur Elemente in Betracht, welche entweder bereits ausgcbildete Bauern sind, oder solche, welche in einer Anteilswirtschaft mit eiserner Disziplin zu tauglichen landwirtschaftlichen Elementen erzogen und Späterhin selbständig gemacht werden, beziehungsweise in Form der Siedlungsgenossenschaft aneinander gebunden bleiben. * Der Vortrag Oppenheimers hat, wie die ״W. M. Z.“ weiter berichtet, nicht nur starken Beifall gefunden, sondern auch Kritik. Die ״W. M. Z.“ selbst nimmt kritisch gegen Oppenheimer Stellung. Weiter berichtet sie über einen Vortrag von Rüben Brainin.der sich sehr scharf gegen Oppenheimer ausgesprochen hat und u. a. sagte: ״Oppenheimer hätte nicht mit seiner ,Junkerideologie von der eisernen Disziplin‘ kommen können, wenn er die weit wichtigere, nämlich die innere psychische Disziplin der zionistischen Aufbauelemcnte in Erez-lsrael nicht übersehen hätte. Nur durch Erlangung der jüdischen Majorität in Ercz-Israel läßt sich der Zweck des politischen Zionismus erfüllen und man müsse das Herzlsehe Wort ,Judenstaat‘ wieder in den Vordergrund stellen. Es habe auf Bratnin den peinlichsten Eindruck gemacht, daß Oppenheimer die für uns alle von jeher selbstverständliche Forderung der Gleichstellung von Arabern und Juden in Palästina besonders unterstrich und anderseits kritisierte, daß man durch Juden die Sümpfe trockenlegcn ließ, anstatt hierzu Araber zu verwenden. Oppenheimer hätte die Kwuzah kritisiert. Nun gebe es andere, ebenfalls prominente Fachgelehrte, welche behaupten, daß die Oppenheimersche Siedlungsgenossenschaft die Mangel der großen und kleinen Kwuzah in sich vereinige. Jedenfalls stellt es fest, daß das nach dem Oppenheimcrschen Rezept angelegte Merchawia sich nicht behaupten konnte, während Dagania — ganz und gar nicht nach Oppenheimers Rezept angelegt — sich vortrefflich behauptet. Oppenheimer sieht nicht und kann bei seiner Einstellung nicht sehen, daß hei der Umschichtung des jüdischen Menschen zur Landwirtschaft die Schule der K w u z o t h von entscheidender Bedeutung ist. ״Ich bin,“ sagte Brainin, ״fünfzehn Monate auf der Heise, habe viele Länder gesehen und viele Juden bei der Arbeit auch in anderen Kolonien, nämlich in der Krim, aber nirgends habe ich das Glück des schöpferischen Siedlers gesehen, nur in ' Erez-lsrael. Auch Oppenheimers Unterschätzung von Tel-Awiw ist bczeichnend. Daß die Stadt zum Teil kitschig gebaut wurde, ist ein Gemeinplatz. Aber Oppenheimer hätte doch auch die heiße Arbeit und die Kulturwerte sehen müssen, und daß in dieser jüdischen Stadt zu einer bestimmten Stunde die Tafel hängt: ״Achad Haam schläft“, daß die Arbeitslosigkeit in Tel-Awiw nicht wie sonst in den Städten aller Welt Verbrechen zeitigt.“ Seite 555 Oberrabbiner Dr. Chiles Fünfziger Am 25. Tischri d. J. vollendete der Wiener Oberrabbiner Dr. H, P. Chajes sein fünfzigstes Lebensjahr. Chajes, der in Brody (Galizien) geboren ist und lange Zeit ln Italien wirkte, ist nicht nur einer der größten lebenden jüdischen Gelehrten und Hebraisten, er ist auch ein glühender Zionist; ein Mann, der in wahrhaft altjüdischer Weise sein Amt nicht als abstrakte ״Theologie“ oder pastorales Predigertum auffaßt, sondern als Volksfiihrertum, dem nichts im Leben seines Volkes fremd ist und das sich selbst für das Volk verantwortlich fühlt. Seit seinem Wiener Amtsantritt ist Chajes in ganz Europa eine populäre Figgr geworden, die sich allgemeiner größter Hochschätzung erfreut. Sein selbstloses wirken für alle kulturellen und philanthropischsozialen Zwecke war ebenso fruchtbar wie seine Teilnahme am politischen Lehen. Er hat dem Zionismus wertvolle Dienste geleistet. Ueber Chajes Tätigkeit in Wien schreibt die ״Wiener Morgenzeitung“: ״Er hat in Wien nicht bloß ein Amt ausgefüllt, sondern eine Mission erfüllt, die in der Geschichte der Wiener Juden ats der Beginn einer der glänzendsten verewigt bleiben wird. Dr. Cltajes hat die Wiener Juden ihr Judentum lieben, für ihr Judentum kämpfen und opfern gelehrt. Dr. Chajes hat den Wiener Juden Erez Israel förmlich entdeckt, sie mit dem Lande der Väter vermählt. Dr. Chajes ist der Lehrer der Kleinen und der Großen, der Jungen und der Alten geworden. In hunderten Kanzel- und Versammlungsreden hat Dr. Chajes schon bisher seiner Gemeinde jüdisches Denken und jüdisches Fühlen anerzogen, hat den Zionismus als Kriterium eines selbstbewußten Juden in das allgemeine jüdische Bewußtsein getragen. Nicht seine hohen Ehrenämter in der Zionistischen Organisation, sondern diese seine beispiellose Volkslehrtätigkeit hat ihm schon bisher die grenzenlose Liebe seiner, ungezählten Anhänger und die in der Geschichte der Wiener Juden einzig dastehende Verehrung auch derjenigen gesichert, die nicht immer denselben Weg mit ihm gehen.“ Wir schließen uns den allgemeinen Glückwünschen zu seinem 50. Geburtstag an. Sir Allred Meid Iber den Palästina •Aulban Toronto, 18. September. (J.T.A.) Alfred Mond empfing eine Abordnung der zionistischen Organisationen von Kanada und sprach sich dieser gegenüber über die Notwendigkeit einer Beschleunigung des Aufbaus des jüdischen Nationalheims in Palästina aus. Wenn wir nicht bauen, sagte Sir Alfred Mond, werden ,andere kommen und bauen. Jetzt errichtet ein Grieche die Wasserwerke von Jerusalem; später werden die Engländer mit ihrem Kapital kommen. Dabei ist eine Kapitalsanlage in Palästina ein besseres Geschäft als eine solche in verschiedenen anderen Ländern. Eine große Zukunft hätten die südlichen Landstriche, die sich für gewisse landwirtschaftliche Zweige besonders eignen. Auch für die palästinensische Industrie besteht in Syrien ein großer Absatzmarkt. Sehr rentabel sind die Orangen- . Tei - Awiw Eiseibakizeiirui Jerusalem, 30. September. (J.T.A.) Soeben wird Her mitgeteilt, daß das Kolonialamt in London einen Entschluß gefaßt hat, die vorgeschlagene Verlegung des palästinensischen Eisenbahnknotenpunktes von Ludd nach Tel-Awiw gutzuheißen. Dieser Entschluß ist von sehr großer Bedeutung für die Entwicklung der Stadt. Eise Spende schwedischer Jaden Jerusalem, 30. September. (P.C.) Der sehwedische Zionistenverband hat auf Anregung des Herrn Traugott, der vor einiger Zeit Palästina besuchte, einen besonderen Fonds in Höhe von mehr als -CE 3000 aufgebracht, dessen Zweck der Kauf und Transport landwirtschaftlicher Maschinen Tür die Keren Hajessod-Siedlungen in Palästina ist. Dem Beispiel der Schweden folgend, hat die zionistische Föderation in Dänemark eine Geldsammlung für den gleichen Zweck eingeleitet. Rabbi Israel Nisson K a r k, der älteste Rabbiner von Kowno, tritt in diesen Tagen eine Reise nach den Vereinigten Staaten an, um von dort zu dauerndem Aufenthalte nach Palästina zu gehen, wo er sich der Arbeit für den Aufbau des Landes widmen will. Seine Amerika-Reise steht ebenfalls mit seinen palästinensisehen Zukunftsplänen in!Zusammenhang. Zadik im Pelz (Tolstoj) kann doch sicher nicht als Bibelkenner gelten.“ Was werden sich die zahlreichen Verehrer Dostojewskis unter den Westjuden bei der Lektüre solcher Briefe denken? Sie hätten wahrscheinlich niemals angenommen, daß Dostojewski so kleinlich in der Beurteilung von Menschen zu sein vermöchte. Samuel Maislisch. ״Ghetto von Brrman Heijermans“ (Theater in der Klosterstraße.) Der Jude ist für seinen christlichen Mitbürger immer das Rätsel. Das unleugbare Interesse des christlichen Mitbürgers fuhrt aber mitunter von wohlwollender, aber mit Orientierung nicht ebensowohl versehener Seite zu rührend komischem Mißverständnis. Ein Titel ״Ghetto“ weist auf jüdisches Interieur, die Juden unter sich, ergo Interesse. Aber das Stück ״Ghetto“ von Heijermans, dem Verfasser der ״Interieurs“ und der ״Diamantschleifer“, ist deshalb noch lange nicht geeignet, die Neugierde des christlichen Mitbürgers in objektiv wertvoller Weise zu befriedigen. Kurzum, der Naturalist Heijermans hat aus einem Teil Kolportage, genügend viel Sentimentalität und ein paar Brocken Milieu ein sehr mäßiges Stück geschrieben, das er ״Ghetto“ nennt, weil er selbst der Meinung war, Typisches zu geben. Es ist ein sehr unordentlich gemachtes Stück, in dem die Einheit fehlt, sei es die Einheit von Idee und Gestalt oder von Gedanken und Charakteren. In dem Stück ״Ghetto“ ist der Jude der Zänkische, Nervöse, Hysterische, kleine Betrüger und die junge Christin Rose ist das arme Chris(enmädchen, das durch die Lügen der bösen Juden ins Wasser getrieben wird. Der junge Sohn Rafael ist dagegen der bessere Mensch. Er ersehnt die neue Welt ohne Haß und ohne Unterschiede des Glaubens. Wie er das aber macht, das wirkt so jungenhaft unreif, so unerprobt, daß die Prognose lautet: vielleicht macht er es auch nicht besser, wenn er selbst die Sorgen um das tägliche Brot kennenlernt. Ein Wunder wäre es also nicht, wenn die Kleinbürger sich sagen: wir hatten recht, die Juden sind wirklich die Blutsauger. Es wird zwar in dem Stück gesagt, auch die Christen betrügen, der Handel ist mehr oder weniger immer Betrug — Heijermans ist Sozialist —, aber das blieben alles Worte, <59 ist eine alte Tatsache, daß es bedeutend schwerer ist, in einem schlechten Stück gut zu spielen als in einem guten. Der gute Wille des Theaters an der Klosterstraße scheiterte zunächst schon am Regisseur, der mit sich selbst als dem blinden Juden Sachcl schon die größte Fehlbesetzung beging. Paul Henckels, sonst ein sehr guter Charakterspieler und verständnisvoller Regisseur, ist absolut kein Jude. Daß ihm trotzdem zeitweise echtes jüdisches Milieu gelang, ist sehr viel, daß er aber trotz dieser Einsicht den blinden Sache! spielte, war ein Irrtum. Sein Sachel war überzeugend als mißtrauischer Kranker, aber die Zone zwischen Wirklichkeit und Realität, die selbst das schwache Können des Autors mit diesem Alten anstrebt, die gelang Henckels völlig daneben. Doppelt fühlbar war dieser Mangel durch Hugo Döblins prächtigen Aron, der ohne verständnisvolles Gegenspiel leicht isoliert wirkte und zu unrecht übertrieben. Thea Grotzinsky war trotz des rheinischen Dialektes eine richtige Jüdin. Peinlich auf äußere Würde bedacht, fraulich vermittelnd zwischen den Männern und zwanglos natürlich in Keifen und Wut. Franz Soitdingers Rafael glaubt man zwar, daß er nicht keift und nicht streitet, aber keinesfalls, daß er in der heraufziehenden neuen Zeit mitkämpfen wird. Ruth Morold. Die ״Frankfurter Zeitung“ schreibt in ihrem Feuilletonteil vom 2. Oktober unter dem Titel ״Das teuerste Buch der Welt“. Nach langwierigen, viele Monate währenden Verhandlungen ist endlich die 42 zeitige auf Pergament gedruckte Guten berg-Bibel des Benediktinerstifts St. Paul im Lavantat (Kämthen) verkauft worden. Der Preis beträgt ohne Spesen rund 1200000 M. Der Käufer ist der bekannte Sammler Dr. Otto F. Vollbehr in New York. Der Kauf erfolgte durch die Firma J. Kaufmann, Verlag und Antiquariat in Frankfurt a.M., deren Inhaber Dr. Felix Kaufmann, selbst ein bekannter Büchersammler, die Verhandlungen persönlich an Ort und Stelle abschloß. Meinhart Maur gab in der Schlesischen Funkstunde in Breslau mit großem Erfolg einen Oscar Wilde-Abend, an dem er die Zuchthausballade, aus ״Epistola“, Aphorismen und Märchen sprach und die Hauptrolle in der ״Florentinischen •Tragödie“ spielte. Die Jerusalemer Universitätsbibliothek erhielt soeben von Herrn Jizchak Leib Goldberg, Tel-Awiw, ein sehr großes und für die Geschichte der zionistischen Bewegung sehr bedeutsames Archiv. Das Archiv stammt aus dem Besitze von Jehoschna Barsilai Eisenstadt, der durch viele Jahrzehnte Vertreter der Chowcwc Zion und des Ordens Bne Mosche in Palästina war. Das Archiv wurde vor der Uebergabe an die Bibliothek von Herrn Jehuda Appel geordnet und umfaßt Briefe des Odessaer Komitees aus den Jahren 1803—1902, Kopien der Briefe der palästinensischen Exekutive des Odessaer Komitees aus den Jahren 1896—1900, Abschriften der Briefe Barsilais von 1888—1911, das Privatarclüv Barsilais (Tagebücher, Briefe, Artikel, Erinnerungen aus 1887—1914) und die Protokolle der palästinensischen Leitung der Bne Mosche. — Zusammen mit den bereits in der Bibliothek vorhandenen Archiven — der Odessaer Chowewe Zion, der englischen Chowewe Zion, der Bne Mosche und Herrn Ussiscnkins — hat die Jerusalemer Nationalbibliothek nunmehr ein großes Archivmaterial zur Geschichte der zionistischen Bewegung. ״Der Jüdische Pfadfinder“. Von der Bundesleitung des Ringes Jüdischer Wandet- und Pfadfinderbünde ״Kadimah“ wird in Berlin eine neue Jugendzeitschrift Iterausgegeben, der ״Jüdische Pfadfinder“. Vermag sie zu halten, was die beiden bisher vorliegenden Hefte versprechen, dann wird sie ihren Zweck erfüllen. An die ״Mittleren und Jüngeren“ wendet sich der ״Jüdische Pfadfinder“, an die Zehn- bis Siebzehnjährigen also, und gibt ihnen, was sie verlangen: lebendiges Leben. Keine metaphysisch vernebelte Pubertätsschwüle, keine intellektualistisch aufgeregte Problematik. Scouting heißt, das Leben mit blanken Augen anschauen, mit fester Hand packen, mit klarem Kopf meistern. Der ״Jüdische Pfadlinder“ tuts. Und wo bleibt die Jüdischkeit? Weder zionistisch, noch assimilantisch — weder orthodox, noch liberal ist die Zeitschrift. Sie ist die freie Tribüne aller Menschen, die der Bund ״Kadimah“ umfaßt. Hier sagen Kameraden einander, was sie sich zu sagen haben, auch über jüdische Dinge. Aber sie sagen es mit dem lebensbejahenden Ernst und dem lebensgestaltenden Pathos des Juden. Dr. Hubert Pollack.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.