Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 76-77 (29.9.1926)
- Date
- 1926-09-29
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 76/TT JUED1SCHE RUNDSCHAU Sdfe Sff Zu Ludwig Lewisohns ״Israel“ Von E. Scholcm, Jerusalem, Wir haben Lewisohns Buch ״Israel“ (Boni ft Liveright, New York 1925. 230 p.) hier bereits mehrfach besprochen (siehe Nr. 24/25 d. J.), und insbesondere die klassische Schilderung des Assimilationsjudenturns hervorgehoben. Wenn wir trotzdem noch dem folgenden Aufsatz Raum geben, so ist es darum, weil hier eine Stimme aus Palästina sich gegen übertriebene Bewertung der Palästina-Siedlung und gegen nationale Selbstüberschätzung wendet. Red. Schon einmal vor nicht langer Zeit hat Ludwig Lcwisohn ein Bekenntnisbuch geschrieben. Im Buche ״Up stream“ zeigt er sich selbst, den deutschen Juden, dem die Amerikanisierung mililungen ist. In diesem Buche, das mit dem Amerikaiicrtum so gründlich abrechnet, betont er mehr den Deutschen als den Juden. Aber der Traum von einem besseren Deutschland war bald ausgeträumt. Eine Reise durch Mitteleuropa bringt schnelles Erwachen. Mag es dort überall auch nicht schlechter in Amerika sein, besser ist es gewiß nicht. Sein Weg führte f.cwisohn nach Palästina, und hier unterlag er zum zweiten Male einer Illusion. Man hätte sich keinen wohiwo U tuLwen und pfikhteifrigeren Besucher wünschen können, als Lewisohn einer war. Auch keinen, dessen Absichten reiner wären. Optimistische Bücher, wie er eines schreibt, sind viele geschrieben worden. Einige von ihnen sind nicht ganz bedeutungslos gewesen. Sie waren einmal von literarischer Sensationslust und einmal von journalistischer Demagogie diktiert. Hier aber liegt etwas anderes vor: Es kommt ein Mann, dessen langes Bemühen nicht zu verachten ist, er grübelt, wägt und richtet und schreibt ein Propagandabuch par cxcellence. Wir bekommen recht, und so gründlich recht, und aut Grund so vertrauter Ideologien recht, der Sieg ist so leicht erstritten, daß es wohl am Platze wäre, zu eigenen Ungunsten Revision clnzulegen, nicht ohne Hoffnung, dabei durch eine Klärung der zionistischen Ideologie zu gewinnen. Wie schon zuvor erwähnt, der Mann, der das Urteil fällte, war in einer schwierigen Situation. Er hatte den Boden unter den Füßen verloren. Der Amerikanismus, dem er solange zugestrebt hatte, hatte ihn enttäuscht. Er sah In ihm eine geistige Oede, begleitet von propagandistischem Streben, Nivellierung mit all ihren Schäden, und dazu noch mit Expansionslüsten. Es entstand in ihm eine etwas blutarme Sehnsucht nach einem Reich der Vernunft, des geistigen Strebens, der Duldsamkeit, kurz aller Zeichen kultureller Reite. £8 schien ihm in Deutschland zu winken. Er sah Deutsch-!and wieder, und es war in Deutschland dasselbe, wie in Amerika: Barbaren, die mit Gewalt versuchten, andere zu barbarisieren. Und nicht anders sah ganz Mitteleuropa aus. Hier und da, z. B. in Engand, trug das Streben nach Ausgleichung an einen verwerflichen Zustand etwas mehr Würde und Mäßigung zur Schau. Aber das freie Reich des Geistes war auch dort nicht. Da sprang ein neuer alter Quell in ihm auf: In seinem Judentum glaubte er all das zu finden. Die Geschichten aller Völker werden apologetisch geschrieben. Wir Juden sollten darin eigentlich eine Ausnahme machen. Denn der größte Teil der wichtigsten Traditionsquellen, auf die wir uns soviel berufen, war frei von solcher Tendenz. Statt dessen ist es bei uns beinahe schlimmer geworden, als bei anderen. Die übliche Vorstellung von unserer Geschichte seit Aufhören der staatlichen Selbständigkoit (vorher ließe sieh ein solches Bild auch schwerlich gewinnen) ist die: Wir, ein friedliches, begabtes Volk, sind während zwei Jahrtausende die wehrlose Beute der rphen Instinkte der Völker gewesen. Wir Wollten Weisheit und Frieden, doch sie machten den Krieg. Ist etwas an uns krumm, sie haben es gekrümmt. Zwei Jahrtausende lang sind unsere Hände rein gewesen. Und aut diese Geschichte paßt gut als Apotheose, das Volk, das frei und aufrecht zu seiner Heimstätte zurückkehrt, und die ״Denkerstirnen“ und ״braunen Muskeln“, die in Lewisohns Buch zusammen auttreten, verdeutlichen die übliche Vorstellung. Es ist nicht recht und billig, ohne sehr genaue Prüfung und Kenntnis von einem Volke anzunchmcn, daß es sich zu 80 außerordentlichem Vorteil von anderen Völkern unterscheide. Wenn sich überall, wo man unsere Geschichte anpackt, zeigt, daß die schönsten Lügen zerrinnen, so ist damit ja noch nichts Besonderes gegen den Charakter unseres Volkes ges|gt Es gibt einige bei jungen Völkern übliche Laster, die wir nicht besitzen. Es gibt ande׳••. komnliziertere, die man. bei uns reichlich findet. Es ist nicht gut von uns, wenn wir das zu verschweigen trachten. Gar in einer Zeit der Gefahr, wo wir danach streben, die Laster junger Völker anzunehmen, ohne von unseren alten lassen zu können. Man sollte sagen, daß Geradheit und Würde noch immer selten bei uns sind, aber die Neigung zum Raus'h. zur Gewaltsamkeit, zur Nivellierung und zur Kritiklosigkeit ständig bei uns wachsen. Wir können dies alles ruhig betrachten und glauben und hoften, daß es sich ändern wird. Es ist auch nicht schlimm, wenn ein Buch, daß der lobenswerten Absicht der Propaganda dient, nicht allzu viel von unseren Schwierigketten enthält. Trotzdem in tieferem Sinne die besseren Herzen wohl doch allein durch eine klare Rechnunglegung zu gewinnen wären. Aber dies alles kommt hier ja nicht in Betracht; denn der Autor will niemandem Sand in die Augen streuem sondern er legt ein Bekenntnis 1b, er selbst Ist besiegt. Trotzdem es ein etwas beschämender Anblick Ist, zu sehen, mit welcher Entdeckertreude dieser Mann nach langem Irren, den trügerischen Schatz naiv betrachtet, — viel schwieriger wiegt noch die Vorstellung von der Wirkung eines solchen Buches auf die, für die es eigentlich gcschrieben ist Der Verfasser ist eine bekannte Persönlichkeit in der Opposition Amerikas. Das Bueh erlebte in kurzer Zeit drei Auflagen. Wenn es unseren Fonds Gelder zuführt — זכורל טוב. Aber es wurde geschrieben, um Eingang In die Herzen zu finden. Es steht darin zu lesen, daß die Juden das Volk des Geistes sind, das nirgendswo als in Pa- (Istina Zuflucht finden kann, daß hier ein Reich der Freiheit und des Friedens im Entstehen ist, und Bibel und Chassidismus und alles in Palästina Gesehene dienen als Kronzeugen für diese Behauptung. So erhaben ist das Volk, so fern den Völkern der Welt, daß die Bande der Nation für sein allumfassendes Streben zu eng erscheinen, daß selbst die eigene Sprache, die sich nur in Mvthos um! Volkstümlichkeit richtig verwurzeln könnte, dem Volke, das sich über diesen Zustand soweit erhoben hat, nur unter gewissen Bedingungen zugestanden wird. Als Verkehrssprache nämlich, neben obligatorischem Englisch, vom Kindergarten an. In Wahrheit ist alles andere angebracht als das Wesen unseres Volkes opiiir.i-ti.se'1 zu betrachten. Vielleicht ist kein Volk geradezu besser als unseres, vielleicht sind viele schlechter. Aber Ge^t und ö־־»:׳.;t'o■׳ ' eit naben bei uns keinen sicheren Hort; wir haben ein schweres und nicht sehr glückliches Erbe aus Jahrtausenden, und die ״defaitistischen“ Mahnungen der Propheten würden bei uns heute schwerlich eine wesentlieh andere Aufnahme linden, als zu ihrer Zeit. Die Kontirnittit der Geschichte von der Bibel bis zum Aufbau Palästinas ist nicht so leicht nachzuweisen, wie der Verfasser denkt Der Verfasser hat in seinem anderen Buche schwere, ernste Worte gegen die Amerikaner gefunden. Es wäre besser gewesen, er hätte andere, aber nicht weniger kritische über sein eigenes Volk gesagt. Es wäre für uns besser, wir würden gerade die Menschen ganz gewinnen, die dies Buch mit einem Lächeln des Besserwissens beiseite legen. Es wäre auch für uns besser, wenn der Verfasser, 1:. e;e׳״ 1׳ miic .!%e't und ernstes Streben der Leser schätzen gelernt hat, aut Grund weniger zweifelhafter Meinungen an unsere Seite getreten wäre. Es stellt zu hoften, daß er für seine Gefühle für die Juden einmal stichhaltigere Gründe wird aufünreu können, als in diesem Buche. Denn das jüdische Volk wird sicherer auf die bauen können, die die Gefahr an seine Seite stellt, als auf jene, die eine noch so geliebte Illusion zu ihm treibt. Die Enttäuschung, die vielleicht nicht ausbleiben wird, kann uns diese Freude wieder nehmen. Wer nie an unsere Auserwähltheit geglaubt hat, wird uns nicht verlassen. Bflcberschau Eduard Bernstein. Von 1850- 1872. Kindheit und Jugendjahre. Berlin 1926, Erich Reiß Verlag. Eduard Bernstein, der Nestor der deutschen Sozialdemokratie gibt in diesem ersten Band seiner Lebenserinncrungen nicht mir ein glänzend geschriebenes, humorvolles, anekdotenreiches Buch, sondern ein Struck Kulturgeschichte, jüdische Kulturgeschichte. Wir bekommen Einblick in das Leben und Denken der jüdischen Bürgerkreise in Berlin der Mitte des 19. Jahrhunderts; Bernsteins Vater stammte aus einer jiidischen Gelehrtenfamilie und auch die Mutter war eine echt jüdische Frau — die charakteristischen Züge jüdischen Familienlebens treten plastisch hervor, einschließlich sogar der damals jüdische Sitte gewordenen Weihnachtsfeier. Der starke jüdische Instinkt paart sich mit der Unfähigkeit, das Judentum bewußt zu erleben es zu gestalten — das typische Bild des aufgeklärten Judentums dieser liberalen Aera. Bernsteins Werdegang wird in diesem Bande bis zu seinem Eintrtt in die Sozialdemokratie geschildert. Ein anderes gleichzeitig erschienenes Buch, das die Briefe Friedrich En gcls an Eduard Bernstein, herausgegeben von diesem (}. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1925), enthält, führt uns in eine spätere Periode von Bernsteins Leben, die achtziger Jahre. Dieses Buch ist nicht nur für die sozialistische Ideologie, sondern auch zur Beurteilung der damaligen Tagesgeschichte und Ereignisse wichtig und verdient größte Aufmerksamkeit aller politisch Interessierten. Daß Engels sich in einem der Briefe für ״Masel und Broche“ bedankt, sei nur nebenbei envähnt. I. S. Müller, ״Jüdische Geschichte in Charakterbildern“. Fünfte verbesserte und vermehrte Auflage (Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart). Die Aufgabe, die sieh der Verfasser gestellt hat, ist recht schwer zu erfüllen. Es fehlt der jüdischen Vergangenheit durchaus noch ein adäquater Historiker, der ihre bedeutenden Menschen und ihre bedeutenden Ideen auch bedeutend zu gestalten vermocht hätte. Allenthalben sind in unserer Kenntnis noch gewaltige Lücken. Wer den bisher von der Wissenschaft gebotenen Stoff zu einem Lehrbuch verarbeiten will, hat also von vornherein nicht mit einem geschlossenen Ge- Schichtszusammenhang zu rechnen, sondern oft genug■ mit Scherben, von denen wir nicht immer wissen, wohin sie gehören. Um so erfreulicher ist in manchen Punkten der Versuch S. Müllers, der sich von vornherein auf die Schilderung der Charakterbilder beschränken will. Man spürt hier zuweilen das Bemühen, sich von dem überkommenen Schema freizumachen und die Resultate der neuen Forschung zu verwerten. Freilich blrihf hoch viel zu tun übrig. Wer die Daniel-Legende uneingeschränkt als geschichtliche Wahrheit behandelt, wer bei der Darstellung der Esther-Geschichte die mit großer Kunst vereinfachende Erzählung genatj, wie sie uns überkommen, wiedergibt, ohne auch nur zu erwähnen, daß das Leben und Treiben, die politische Entschlußfassung am persischen Königshof nach unserer Kenntnis doch wohl nicht ganz so ausgesehen hat, wie sie sich im Kopfe des jüdischen Erzählers spiegelt, der schreibt nicht eigentlich Geschichte im wissenschaftlichen Sinne des Wortes. Und in ähnlicher Weise ließe sich auch an die Darstellung des Mittelalters und der Neuzeit noch manche kritische Bemerkung knüpfen. Aber schließlich hat die ״Jüdische Geschichte“ von S. Müller diese Mängel mit allen anderen Darstellungen der jüdischen Geschichte, soweit sie von jüdischen Autoren stammen, gemein. Ihnen gegenüber stehen Vorzüge, die sie vor diesen anderen Darstellungen auszeichnen. Wir haben hier eine knappe, klare und leichtfaßliche Wiedergabe der jüdischen Geschichte von der Zerstörung des ersten Tempels bis zur Gegenwart. Durch Proben von beinahe jedem Werk des jüdischen Schrifttums wird die Anschaulichkeit erhöht. Vor allem aber hat das Buch in dieser Auflage eine beachtliche Erweiterung erfahren durch ein instruktives Kapitel über die Ostjuden und durch das Bemühen in den Kapiteln ״Die Juden im heutigen Palästina“ und ״Die Lage der heutigen Juden“ eine anschauliche Darstellung der Organisationen und Tendenzen innerhalb des Judentums bis zur allerletzten Zeit zu geben. Von dem gleichen Autor ist erschienen (im Philo-Veriag) ״Ein Buch für unsere Mütter“. Es zeigt den jüdischen Müttern einen Weg, um dem Kinde von heute die jüdischen Feste verständlich und lebendig zu machen. Dr. Brinnitzer, Heidelberg. Allred Polgar, Ja und Nein. Schriften des Kritikers. Erster Band: Kritisches Lesebuch; 2. Band: Stücke und Sprache; 3. Band: Noch allerlei Theater. — Berlin 1926, Ernst Rowohlt Verlag. Alfred Polgar braucht nicht vorgestellt zu werden. Er ist der feine und gütige Beobachter, der unserer Zeit ״an den Rand schreibt“. Hier hat der Mann, einer der geistvollsten und originellsten Kritiker in deutscher Sprache, eine Auswahl aus jahrzehntelanger Lebensarbeit veranstaltet. Seine Arbeit verdient, nicht mit dem Zeitungsblatt zu verwesen. In den drei Büchern finden sich kluge Gedanken über Literatur, Theater, Künstler, und darüber hinaus über Leben, Welt und Menschen. Denn Kunst und Leben sind eine Einheit für diesen überlegenen und doch so erlebnisfreudigen, unbestechlich Echtes von Unechtem sondernden Geist. Naturlieh werden gelegentlich auch jüdische Gegenstände besproehen (z. B. Beer Hofmanns ״Jaakobs Traum“, Arnold Zweigs ״Ritualmord“ usw.), aber das ganze Buch ist auch jüdisch zu werten. Ist es ein Zufall, daß die großen Kritiker des deutschen Theaters, Siegfried Jacobson, Alfred Kerr, Alfred Polgar — Juden sind? -0- Bruno Taut. Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin. Mit 75 Abb. 4. erw. Auflage. Leipzig. 1926. Verlag Klinkhardt & Biermann. Die Ziele dieses Buches sind zwiefach: erstens der Hausfrau durch Entlastung von überflüssigem ״Zierrat“ das Leben zu erleichtern, und zweitens: die Wohnung des Bürgers und Arbeiters nach einem modernen und geläuterten Geschmack umzugestalten. Einfachheit und Schönheit werden angestrebt, und die Erläuterungen sowie die Abbildungen sind überzeugend. Hier ist ein Weg zu freierer Kultur, den wir unseren jüdischen Frauen empfehlen, vor allem aber in Palästina, wo man von neuem anfängt und wo das Problem der richtigen Architektur und Innengestaltung der Wohnung noch völlig ungelöst ist, wünschen wir Büchern wie diesem Verbreitung und Beachtung. Traumnovelle. Von .Arthur Schnitzler. S. Fischer Verlag, Berlin 1926. 3,50 M. Das neueste Werk Schnitzlers erzählt mit der großen kompositorischen Meisterschaft des Dichters die Abenteuer eines Arztes, der in einem bestimmten Moment aus der Enge seiner glücklichen Ehe die Sehnsucht nach der Vielfältigkeit des Lebens und dem Auskosten erotischer Möglichkeiten verspürt, während gleichzeitig auch seine Frau durch allerlei Wunschphantasien erregt wird. Alle Feinheiten der komplizierten seelischen Situationen enthüllt Schnitzler — wie es seine Spezialität ist — und dem scharfen Messer des Arzt- Psychologen: bis er zum Schluß die beiden Gatten wieder zusammenführt. So läßt diese Novelle Zusammenhänge zwischen Leben und Traum, Bewußtsein und Geheimnis, in zarter Melancholie erleben; und vermag dennoch nicht zu erschüttern, weil uns — wie schon bei ״Fräulein Else“ — das rein erotisch bewegte Thema heute nicht mehr überzeugend genug ist. —o— Spanische Kultur und Sitte des 16. und 17. Jahrhunderts. Von D r. Ludwig P f a n d I. Verlag Josef Köscl und Friedrich Pustet, K.-G., München. 12 M. Dieses Buch eines katholischen Gelehrten, mit reichem Büderschmuck (spanische Kunstwerke) versehen, gibt eine fesselnde Schilderung der spanischen Kultur zur Habsburgerzeit, jenes Reiches, in welchem Nationalität und Religion zu einer unlösbaren Einheit verknüpft waren, so daß Verletzung der Orthodoxie geradezu ״Landesverrat“ war. Für uns Juden interessant ist vor allem die Auffassung der Inquisition, die in diesem Sinne als lebensnotwendige Abwehraktion des Religionsstaates verteidigt wird. Pfand! betont, daß die Inquisitiori staatlichen und nicht kirchlichen Ursprungs war und wendet sieh temperamentvoll gegen die angebliche Gescliichtsfälsehung, die der Inquisition durch grausige Dar- Stellung ihrer Handlungen Unrecht tat; aber seine Verteidigung ist eigentlich nicht überzeugend und betrifft im Grunde nur Nebensächliches. Ueber aas Wesen der Inquisition hat Dostojewski besser Bescheid gewußt. t. Land und Leute in England. Vollständig neu bearbeitet von Karl Breul. 4. Aufl. Bln.-Schöneberg, Langenscheidtsehe Verlagsbuchhandlung, 1926. In alphabetischer Anordnung und populärer Sprache bringt dieses Buch auf 650 Seiten eine Einführung in Leben, Sitten, Gebräuche, Einrichtungen usw. Englands. Es ist nicht nur für Reisende eine gute Vorbereitung und Begleitung, sondern es ist auch für Daheimgebliebene von Wert, die England verstehen lernen wollen. Für viele Zionisten, die sich oft schnell und leicht über englische Einrichtungen orientieren wollen, wird dieses unprätentiöse Nachschlagewerk willkommen sein. t. Osteuropäische Bibliographie für das Jahr 1922. Herausegeben vom Osteuropa-Institut in Breslau. Priebatschs uchhandlung, 1926. 466 p. Die innige Verflechtung des Schicksals eines großen Teiles des jüdischen Volkes mit den Ländern des europäischen Ostens läßt es begründet erscheinen, daß wir an dieser Stelle auf ein Werk hinweisen, welches ein zusammenfassendes Bild der literarischen Produktion des europäischen Ostens gibt. Das Osteuropa-Institut in Breslau, dessen Ziel es ist, das geistige und wirtschaftliche Leben in Osteuropa zu studieren, hat in allen in Betracht kommenden Ländern Referenten bestellt, welche an der Bibliographie mitarbeiten. Bearbeitet wurden die Literatur von Bulgarien, Danzig, Estland, Finnland, Jugoslawien, Lettland, Litauen, Memel, Polen,!Rumänien, Rußland und Tschechoslowakei. Das Verzeichnis enthält natürlich auch Material zur Judenfrage in den b;treffenden Ländern. Für unsere Zwecke könnte diese Bibliographie ein sehr wichtiges Nachschlagewerk werden, wenn sie ein Schlagwortregister enthielt. Dieser Wunsch sei für den nächsten Jahrgang ausgesprochen. Franz Brentano, Die vier Phasen der Philosophie. Nebst mehreren kleineren Abhandlungen, herausgegeben von Oskar Kraus. Leipzig 1926, Verlag Felix Meiner. M.4,50. An dieser Stelle muß eine kurze Anzeige dieses wichtigen philosophischen Werkes genügen, das eine kurze, aber tiefe ״Philosophie der Philosophiegeschichte“ gibt, wonach in der Geschichte des Denkens die vier Phasen: Theoretische Erkenntnis, Vorherrschaft der praktischen Philosophie, Skepsis und Mystik — einander ablösen. Dies wird an Altertum, Mittelalter und Neuzeit dargelegt. — I — Neues Tonkünstlerlcxikon von Paul Frank, bearbeitet von Prof. Dr. Wilhelm Altmann ist bei Karl Merseburger, Leipzig, erschienen. Es enthält eine Fülle von Musiknamen, Komponisten und Ausübenden. Leider wird die objektive Dar- Steilung öfters durch subjektiv-kritische Einstellung getrübt, wie z. B. beim Namen Schönberg, bei dessen Kammersymphonie der Vermerk ״letztes erträgliches Werk“ (!) steht Im übrigen ist die Aufgabe im Tonkünstlerlexikon im großen und ganzen mit der bei Prof. Altmann gewohnter Sorgfalt in Angriff genommen und durchgeführt. Dr. K. R. Der neue Brockhaus. Vor kurzem erschien der erste Band der vierbändigen Ausgabe von Brockhaus’ Konversations-Lexikon. Er umfaßt die Buchstaben A—E. Seitdem der Brockhaus kurz vor dem Kriege zum letztenmal erschienen war, hat sich viel geändert. Von allem Neuen hat der neue Brockhaus gewissenhafte Notiz genommen. Von der ״Affenhaut“ bis zum ״Expressionismus“ mit seinen prächtigen zwei Tafeln, vom ״Drückeberger“ und ״Dunkelmann“ bis zu den Berühmtheiten der Wissenschaften und Kunst und des öffentlichen Lebens. Alle Künste aller Länder sind vertreten. Zum erstenmal hat auch die Musik eine größere Berücksichtigung gefunden, so daß selbst die Anfange von Liedern und Arien mit Noten gegeben worden sind. Auf naturwissenschaoftlichem Gebiet ist der Brockhaus vorbildlich geblieben. Wir stoßen auf die bösartige Stechmücke Anopheles, die Erregerin der Malaria, und lernen sie von ihren harmlosen Geschwistern unterscheiden, ln welchem Umfang den wirtschaftlichen und politischen Fragen Raum gegeben ist, beweist der Umstand, daß allein die mit ^,Arbeit“ zusammenhängenden Stichwörter nicht weniger als acht Seiten des Buches einnehmen. Daneben finden wir Artikel über Erziehung, Volksbildung usw. mit belehrenden Tabellen. Ein besonderes Lob verdienen die Karten. Sie sind klar, übersichtlich und reichhaltig. Ein Handbuch für sich bildet der Abschnitt Deutschland mit all den vielen usw. Artikeln und Karten. Knappe und erschöpfende Antwort auf alle möglichen Fragen ist das Ziel, das der neue Brockhaus in Wort und Bild erreicht hat. Ueber die drei übrigen Bände werden wir demnächst berichten. Der in Halbleinen gebundene Band kostet 21 M., in Halbpergament gebunden 27 M. Ein Tolstoi-Manuskript in der Jerusalemer Bibliothek. Herr Nathan Straus in New York übergab der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek Jerusalem ein sehr wertvolles Manuskript: einen eigenhändig gcsclv i •lv neu Brief Leo Tolstois an Zaren Nikolaus II. Der Brief wurde am 28. März 1901 von Tolstoi geschrieben und war als Begleitbrief zu einem Memorandum Tolstois für den Zaren bestimmt.