Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXI (1926)
- Issue
- Heft 76-77 (29.9.1926)
- Date
- 1926-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr 7« דד JUEDISCHE RUNDSCHAU Sefte 545 ה :r. ätigallen den das :eine men, I zu man rum.: izige irelst dem ngelilen tung der umichc, Gegenelien;t es eiihc izen, an fiten II e - enaictcr sich t es lmäison der!gen und inen s c 11!ate. halb imädie der lisch ׳ten, hnnauf desfang fiolige- :lien xleii dic ina. >ri׳Y- ׳ * ־ *» rlt'l: Dclt;ehe ayal icht :her acn, gste de!1;mldie inte rige daß von ,vievon ::5h ster die .zen :rrn ‘lies 11 en ,erk!111- 1 ä - lic't ziobeneu Zuder desauseine ach lern den inalien iose och : n - Trr v L.i~ in cht.!ach e n I als- : in :ard ten. lied bulinddaß das ifle och sich Literatur~Blaii Dykuk - Eintreibung Von Moses Waldmann, Es ist eine mißliche Sache, gegen den Strom zu schwimmen. Seitdem das westjüdische Publikum aus den Schilderungen eines Perez, aus den Studien eines Berdiczcwski und aus den Büchern Martin ßubers den Chassidismus in neuer Darstellung kcnnengelernt hat, ist die Kritik, die ein Graetz und sein Kreis an dieser Bewegung und an ihrer Entartung geübt haben, vergessen. Es ist ja richtig, daß Graetz den Chassidismus völlig mißverstanden hat. Den genaueren Kennern dieser Bewegung erschien es darum mit vollem Recht nötig, eine Ehrenrettung des Chassidismus, insbesondere seiner Uriehre vorzunehmen. Hatte jedoch das Pendel der Kritik durch Graetz und seinen Kreis zuweit nach rechts ausgcschlagen, so scheint mir der Pendelschlag in der Darstellung der Bewunderer des Chassidismus zu weit in die entgegengesetzte Richtung auszuholen. Es ist natürlich ein sehr verdienstvolles Werk gewesen, den Chassidismus und seine Entstehung objektiv auf Grund der Quellen darzustellen. Andererseits hat man bei dieser Reinwaschung des Chassidismus vor den Augen der westlichen Zivilisation manches übersehen, was sowohl in den Anfängen der chassidischcn Bewegung wie in ihrer Weiterentwicklung klein, häßlich und schädlich gewesen ist. Ich habe nicht die Absicht, als Aniichassid aufzutreten. Ich will nur aus meiner Erinnerung einiges erwähnen, das im chassidischen Milieu gespielt hat und eine Ahnung vermiflcln soll, wie schwer das Joch des Chassidismus auf dem Ostjudentum gelastet hat, und wie mühselig und kriifteraubend die Kämpfe gewesen sind, die nicht nur die Maskalah, sondern später auch die erwachende nationale jüdischc Bewegung gegen den Chassidismus, gegen die Wunderrabbincr und gegen ihren übermächtigen Einfluß im jüdischen Leben führen mußten. Meine Erfahrungen beziehen sich hauptsächlich auf die Rabbiner-Dynastie des ״Risincr“. Dieser mußte aus Rußland flüchten, weil er nach einer Version in einer Falschmünzer-Oeschiehte verwickelt war, nach einer anderen Version, weil er sich dem Militärdienst entziehen wollte, jedenfalls knüpften sich an diese Flucht zahlreiche Legenden und Volkslieder, ln einem dieser Lieder, das eine Travestie auf Heines ״Zwei Grenadiere“ war, hieß es: ״Reb Srulzinu liegt wie ein Berg in der Erd’, man hat ihn in Festung genummen“. Dieser ״Srulzinu“ (Israel) flüchtete aus dem Gefängnis und nahm seinen Wohnsitz in Czortkow in Ostgalizicn. Er begründete die Dynastie Friedmann, die sich über das ganze Land ausbreitete. Sein ältester Sohn, Reb Mosche David, blieb in Czortkow. Seine anderen Söhne nahmen in Sadagora, Husiatvn und Bojan Sitz, Der Ruhm der ״Risiner Dynastie“ verdunkelte das Ansehen der vielen kleinen Wunderrabbiner, die über das ganze Land zerstreut waren. Damals war Galizien noch in Gouvernements cingcteilt, und die Amtssprache — es war vor dem österreich-polnisehen Ausgleich im Jahre 1867 — war deutsch, desgleichen die Unterrichtssprache an den höheren Anstalten. In Ostgalizien ragten insbesondere drei Städte durch den fortschrittüchen Geist, der in ihnen herrschte, hervor. An der Spitze stand Brody, das während der napoleonischen Kontinentalspcrrc zu einer Freistadt aufgerückt war, und dessen Bewohner zu Wohlstand gelangten. Der Warensclunuggel von Rußland nach Oesterrcieh ging über Brodv. Damals kam das Sprichwort auf: ״Verfallen wie in Brod“, was besagen wollte, daß eine nach Brody geschmuggelte Ware dem Zugriff der Zollcinnchmcr entrückt war. Der zweite Brennpunkt des Fortschrittes war Tarnopoi, wo der erste jüdische Apotheker Oesterreichs, Joseph Perl, eine deutsche Schule begründet hatte. Aus Tarnopoi kam Rappaport als Rabbiner nach Prag, und auch Nachman Krochmal lernte in Tarnopoi europäisches Wissen kennen. Die dritte Stadt mit fortschritt- Üclier Tendenz war Buczacz, das merkwürdigerweise die Gehurtsstätte vieler anarchistischer Führer Europas ist. Die Anarchisten aus Buczacz, Dr. Stern, Nacht u. v. a., spielten in der anarchistischen Bewegung in London und Paris eine große Rolle. Abgesehen von diesen drei Orten, wo ein freierer Geist wehte, war der übrige Teil des Landes in tiefste Dunkelheit gehüllt. Dort herrschte unumschränkt das Wunderrabbinertum; dort war nicht nur das Studium profanen Wissens verpönt, sondern auch die Lektüre der Propheten war streng verboten. Wurde ein Lernbegieriger beim Lesen des Buches der Könige oder des Propheten Jesaja betroffen, so galt er bereits als Abtrünniger und Gottloser. Die von der Regierung eingesetzten Kreisrabbiner verfügten in den meisten Fällen auch nur über ein sehr beschränktes Wissen, und wenn sie in ihrem Herzen dem Aberglauben und dem Wundcrrabbinertuin ablehnend gegenüberstanden, so trauten sie sieh in den meisten Fällen nicht wider den Stachel zu locken. Eine rühmliche Ausnahme in dieser Hinsicht bildete der Kreisrabbiner Schapira in Czortkow, der bei Luzzato in Padua studiert hatte. Dieser Kreisrabbiner schlug eine richtige Methode ein, um der Entartung des Wunderrabbinertums an den l eib zu Tücken. Er versammelte einen Kreis junger Leute um sich, die er in fortschrittlichem Sinne erzog. Es gelang ihm auch, einige einflußreiche und wohlhabende Bürger auf seine Seite zu ziehen, so daß cs bald neben der erdrückenden Mehrheit der Chassidim auch einen Schapira-Kreis gab. Dieser Kreis führte nun den Kampf gegen den Aberglauben. Der Kampf war nicht ungefährlich; der Ortsrabbiner, welcher neben dem Kreisrabbiner fungierte, und von diesem unabhängig war, war selbstverständlich ein Anhänger des Wunderrabbis, oder er tat so. Für jeden Fall legte er alle Schapira- Freunde in den Bann. Ein Chassid durfte bei einem Schapira- Mann nichts genießen, der Schächter der Schapira-Leute war gebannt, und ihre Klaus’ galt den Chassidium als Sündenpfuhl. Die Regierung verhielt sich in diesem Kampf der Meinungen zunächst völlig passiv; dann aber, als das parlamentarische Leben in Oesterreich an Bedeutung gewann, unterstützte die Regierung die Wunderrabbiner, weil diese durch ihren Einfluß auf die große jüdische Masse bei Wahlen dem Regierungskandidaten viele Stimmen zuführten. So waren denn die Schapira-Leute ganz auf ihre eigenen Kräfte angewiesen. Sie fanden nirgends Unterstützung und sahen sich buchstäblich an Leib und Leben bedroht. Es war für einen Schapira-Mann eine riskante Angelegenheit, sich in der Nähe des ״Hofes“, so wurde die Residenz des Wunder* Ztun Empfange der aus Paris des hebräischen Theaters Habimah stehend aus Vertretern verschiedener Vereine, konstituiert. Man sieht in Berlin dem Auftreten der Habimah mit großer Spannung entgegen, die durch die Berichte aus allen Orten, wo die Habimah bisher ihre hohe Kunst gezeigt hat, genährt wurde. Die Darbietungen der Habimah verdienen nicht nur vom künstlerischen Standpunkte, der bei der Beurteilung dieses Theaters für alle Kunstinteressierten maßgebend ist, sondern auch vom national-jüdischen Standpunkte die allergrößte Aufmerksamkeit. Ucber/.eugcnder als es tausend Propaganda- Schriften, Zeitungen und Bücher vermöchten, lehrt das klingendc hebräische Wort in den Habimah-Aufi'ülinmgen, daß die hebräische Sprache lebt. Dadurch wird für den bewußten Juden jede Aufführung der Biinaii nicht nur zum künstlerischen, sondern auch zum nationalen Erlebnis. In allen Städten, in denen die Bimah bisher ihre Kunst zur Schau stellte, erfreuten sich ihre Aufführungen des stärksten Interesses, auch bei Nichtjuden. Manche Juden, die sonst originaljüdischem Schaffen, namentlich, wenn cs in seinem Wese national ist, ablehnend gegenüberstehen, zeigten unter dem Druck der öffentlichen Kunstmeinung für dieses hebräische Theater großes Interesse. Daß nicht nur die Seltsamkeit des Bimah-Unternehmens bei Kunst-Snobs Anteilnahme weckte, sondern daß die Bimah wirkliche echte Kunst darbietet, geht aus den Urteilen von berufenen Männern hervor, die der Oeffentlichkeit bekanntgeworden sind. Professor Max Reinhardt erklärte, daß die Vorstellungen der Bimah auf ihn den stärksten Eindruck gemacht hätten. Reinhardt sagte, daß die Eigenart der Bimah darin bestehe, daß sie aus der Tiefe der hebräischen Sprache und aus der Bejahung des nationalen Seins des jiidisehen Volkes ihre besten Kräfte schöpfe. Der Gesamteindruck der Bimah-Leistung ist nach Reinhardts Meinung hinreißend. Maxim Gorki widmete der Bimah mehrere Aufsätze. In einem dieser Aufsätze spricht er von der ungeheuren Wirkung, die der prophetische Geist der Bimah-Anfführungen auf ihn, den atheistischen Russen, dem Jerusalem und Zion Hekuba sind, geübt hat. Sclialjapin schildert in einem Interview die Entwicklung der Bimah und erklärt: Dieses Unternehmen habe nichts mit Politik zu tun, es ist eine Angelegenheit der großen Kunst, und darum haben er und viele seiner russisehen Freunde die größte Mühe aulgewendet, um die Ent- Wicklung der Bimah zu fördern. Zu diesen schmeichelhaften Urteilen könnten noch zahlreiche gefügt werden. Wir halten das aber für überflüssig, weil dem Berliner Publikum in wenigen Tagen die Möglichkeit zur eigenen Urteilsbildung gegeben sein wird. Wir begrüßen die Ankunft der Bimah in Berlin und wünschen ihr, daß sie neben dem Voraussichtliehen großen künstlerischen auch einen materiellen Erfolg habe. Pflicht der bewußten Juden ist, die Bimah zu fördern und sich froh einem Erlebnis hinzugeben, das allen unvergeßlich bleiben 1י>»1וו a» b. * Richard Beer-Hofmann äußerte sich in einem Interview folgendermaßen über Habimah: ״Das Bezeichnende sowohl für Stanislawsky als auch für die Habimah scheint mir, daß sich hier Menschen zusammengefunden haben, verbunden durdi gcmeinschaftliehe Ideale und Uebercinstimmung in den Mitteln, sie zu verwirklichen. Solche Gemeinschaften nehmen fast den Charakter von Sekten an, sie haben den Fanatismus einer Sekte und die tiefe Ueberzeugung, aliein-seiigmachend zu sein. — Dieser Glaube an ein Ideal und dieser Glaube an sich, diese Inbrunst des Empfindens und dieser Wille, das Ziel zu erreichen, geben dieser Gemeinschaft Kraft, Ausdauer, eine Opferbereitschaft, die cs ihnen möglich macht, Leistungen zu erreichen, die bloßen Schauspielern und selbst dem genialen Schauspieler (der eben durch seine überragende Eigenart notwendigerweise einsam bleiben muß) versagt sein werden. — All das glaube ich bei der Habimah im stärksten Maße zu fühlen. Ueber das hinaus aber noch eine andere — wahrscheinlich entscheidende — Verbundenheit der einzelnen zu einem Ganzen, die allen anderen ähnlichen Gemeinschaften, selbst den so nahe scheinenden russischen, versagt bleiben muß: Die tiefe Verbundenheit der Einzelnen durch das einzig dastehende sonderbare Schicksal ihres Judentums. Bei einem Volke ältester — ununterbrochener — stärkster Tradition werden alle Aeußerungen der Affekte scharf geprägte Form haben: Zorn, Zärtlichkeit, Zweifel, Hohn, Trauer werden so charakteristische Form und Farbe haben, werden — fast musikalisch — so festgelegt sein, daß der einzelne seiner Eigenart nur mehr ein — immerhin gegebenes — Thema variieren kann. Ich kenne bisher nur zwei Vorstellungen der Habimah: den ״Dyb u k“ und ״Jaakobs Trau m“, beide schon durch das Stoffliche in einer religiösen Sphäre lebend (der ״Dybuk“ — über oder unter das Religiöse hinaus — noch in einer kultisch-ritualen). Ich weiß, daß ein großer Reiz des ״Dy buk“ für den Nichtostjuden und den Nichtjuden darin liegen mag, daß auf ihn das Stoffliche als ein exotisch-buntes — durch Melodik und Rhythmik des Sprechtoncs, des Gesanges, des Tanzes bestechendes — Element wirkt Aber unabhängig davon fühlte icli einen starken, ungebrochenen, zu Kompromissen nicht geneigten Willen am Werk, einen Willen, dessen — manchmal vielleicht doktrinär — hochmütig trotzendem Diktat — man rabbiners genannt, blicken zu lassen. Mein Großvater konnte stundenlang von Fällen erzählen, bei denen Schapira-Leute von fanatisierten Chassidim derartig schwer mißhandelt xvtirden, daß sie ihr Leben lang dahinsiechten. Angesichts der Ufcbermacht des Czortkower Wunderrabbi konnten Schapira und sein Kreis in Czortkow selbst wenig ausrichten. Sie versuchten also diese Zentralfestung zu umgehen und zunächst die Vorwerke, die kleinen Wunderrabbiner in den benachbarten Städtchen, zu besiegen. Auf diesem Gebiete war ihnen hie und da ein Erfolg beschert. Besonders ein Fall rief in weitesten Kreisen Aufsehen hervor Es handelte sich um den Wunderrabbiner von Ulaszkcw/'.׳, der ein Spezialist für Austreibungen von Dvbukim war. Von weither kamen zu diesem Wundermanne Klienten, um sich von ihm heilen zu lassen. Außerdem war dieser sieli kaum zu entziehen vermochte, ich sali Menschen, die mit unerhörter Inbrunst sich hingaben, um in einem fremden Schicksal atifzugciien. Szenen, wie die, in der eine junge Mutter an den heiligen Schrein heraiitritt, um die Genesung ihres Kindes zu erflehen, bleiben in der Erinnerung. Das dürftige Hebräisch das die Schule mich lehrte, habe ich mit vielen anderen Dingen der Schule vergessen, und so fragte ich: Sind das, was diese Frau spricht, singt, schluchzt, festgelegte Worte eines Gebetes? Nein, sagte man mir, sie betet nur, was ihr Angst und Not über die' Lippen treiben. Und liier begriff ich, was mich erschütterte. Die Not, der Schmerz des einzelnen nahmen von selbst sakrale Formen an, welche Not und Schmerz eines ganzen Volkes durch Jahrtausende vorgeprägt hatten, und wenn die Stimme versagte trnd ein Schluchzen aufstieg, war man nicht sicher: schluchzt diese Frau oder singt ein Volk seinen — schon Musik gewordenen — Schmerz? Wunderbar im zweiten Akt der Tanz der Annen, Bresthaften und Krüppel bei der Hochzeit des Reichen. Hinreißend der erste Eindruck: Musik, voll sinnlicher Weichheit und barbarischer Kraft, die den Blinden, den Lahmen, die Einarmige, die Aussätzige, den Buckligen, den Tauben mit eiementarer Kraft in ihren Wirbel reißt. Und der zweite Eindruck .- hinter dem ersten schon erkennbar — gefärbt mit der Farbe des revolutionären Rußland: Drinnen im Hause die Musik, drinnen die reiche Tafel, drinnen die Outgekleidcten und als ihre aufreizenden Vertreter auf den Stufen des Hauses in lächerlich gespreizter, altmodisch-bürgerlicher Vornehmheit drei Frauen, angetan mit Dummheit, Stolz, Selbstgerechtigkeit ynd Seide in starrer monumentaler Uiigeriihrtheit dem Tanze der Acrnistcn, ewig Draußcnstelicnden zuschauend. Und wenn naeli ostjüdischer Sitte die Braut in weißem Atlas unter die Bettler tritt — verpflichtet, an ihrem Hochzeitstage mit jedem von ihnen zu tanzen — und unter Bücken, Griffen, Berührungen der Finger, die auch einmal in ihrem Leben schönen Leib und kostbaren Atlas tasten wollen, erschauert, leuchtet ein Drittes auf: Um den {glücklichen Tag eines einzigen reichen Glücklichen ein Wirbel von zerstörtem Leben — ein Tag, um den ungezählte Jahre von Krankheit, Not, Häßlichkeit und Alter ihren grauenhaften Reigen tanzen. Und als letzter Ausklang: Daß auch diese eine ״Glück* liehe“ in weißem Atlas an diesem einen Tage nicht glücklich ist und den zerstörenden Dämon in sich trägt. Im dritten Akt der Zadik — durch ein Leben vieler Tage, Nächte, einzig im Dienste eines Denkens, das um Dinge kreist, die über den Grenzen von Diesseits und Jenseits schweben — wunderbar alterlos geworden. Kein gewaltiger Beschwörer von Geistern, kein grimmiger Tcufelexorzist, sondern webe, vorsichtig, fast sachlich im gewohnten Umgang mit zerstörenden Mächten, wbsend: Stunde, Zufall und eigene — stärker oder schwächer quellende Kraft ist es. Bei der Aufführung von ״Jaakobs Traum“ saß ich anfänglich erstaunt und befremdet da, als ich merkte, daß eine rücksichtslose und unbedenkliche, ober dennoch irgendwie zärtliehe, fast liebende Hand mein Werk nach ihrem ureigensten Empfinden umzuformen versuchte. Menschen, denen mein Werk etwas bedeutet, fühlten sich dadurch in ihrem Empfinden stark verletzt. Ich selbst hatte das merkwürdige Gefühl, etwas bei lebendigem Leibe zu erleben, was sonst nur Schicksal von Toten ist: Daß ein Werk sich loslöst, sein eigenes Leben lebt, seinen eigenen Weg geht, unbekümmert um den, der es schuf, und das mein Werk diesmal Manschen begegnet war, die es üebten, ihm manches von der Tracht, die es trug — die ihnen zu unscheinbar erschien vom Leibe rissen, aber nur, um es mit dem, was ihnen als Schönstes und Kostbarstes erschien, zu schmücken. All dies wäiirend der beiden ersten Bilder. Als aber 1m dritten Bild Musik einsetzte — und in ihrer gottgewollten Ueberlegenheit über das Wort mich ergriff --- vergaß auch ich, daß ich der Dichter dieses Stückes war. Was da sonderbar fremdartig von oben erklang, in einer Sprache, die ich nicht verstand, aber in einer Musik, die mir irgendwie von althcr vertraut erschien — war doch in seiner Gesamtheit mir und meinem Blute verwandt. Ich empfand, daß zu meinem Werke etwas nicht Alltagliebes hinzugetreten war: Liebe, Hingabe von Menschen, die weit weg von mir — auf anderem Boden wohnen und aus anderer Umwelt kommend — meinem Werke begegnet waren. Und soviel von ihrer eigenen Seimsucht, Zuversicht, Auflehnung und Ergebung hatten sie in meinem Werke gefunden, daß sie freudig und überströmend — als wollten sie mich beschenken — noch all das hineinhäuften, was ihnen auf dem Herzen lag. Nicht auf mich kam es mehr an, und nicht um mein Werk ging es. Was ihnen daran Schale erschien, war von jenen da droben leicht bei Seite geworfen worden, wenig bedacht, ob es mir mehr als Schale gewesen war. Aber dasv was ihnen darin als Kern zu leuchten schien, trugen sie feierlich und ehrfürchtig einher, Aufführung? — Schauspieler? — Theater? —- wie war das weit weg! Hier waren Menschen, die mit meinem Wort sich in Schmerz und Hoffnung sangen, mit meinem Wort vor Gott traten, um zu beten, um aus tiefer Seele zu beten. Und schon schien es mir, als wäre es nicht mein־ mein Wort und nicht das Wort derer da droben — sondern Worte vieler, die vor uns waren. Ich bin dankbar, daß so Seltenes mir einmal gegeben wurde.“ * Die erste Vorstellung findet im Theater am Nolle11dor(p!atz am 1. Oktober statt. Die Künstler sind bereits in Berlin eingetroffen und haben die Vorbereitungen zu dein Gastspiel begonnen. Am Eröffnungsabend gelangt Anskis ״Hadybuk“ zur Aufführung. Rabbiner einer der größten Amuletthändler seiner Zeit. Er hatte Münzen gegen den bösen Blick, gegen den Satan, gegen Kinderlosigkeit, gegen schlechten Geschäftsgang usw. Er trieb sein Wundergeschäft ziemlich schamlos. Während der Wunderrabbiner von Czortkow soviel Klugheit besaß, sich auf eine Art von delphischen Orakeln zu beschränken, hielt sein Berufsgenosse aus Ulaszkowze diese Methode für überflüssig. In Czortkow selbst hatte er außerhalb des Kreises der Czortkower Chassidim einen eigenen Kreis von Anhängern, die sich in einer besonderen Klaus versammelten. Zwischen den Czortkower Chassidim und den Anhängern des Rabbis von Ulaszkowze bestand eine gewisse Rivalität, ־und darum sahen es die Czortkower Chassidim nicht ungern, wenn die Schapira-Leute ihre Angriffe gegen die Uiaszkower richteten. Diesem Umstande war es zuzuschreiben, daß den Habimah In Berlin ciiigctroifencn Mitglieder hat sich ein Komitee, he-